In the meantime…

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Kurz und knapp:

Ausgelesen und angelesen – In der „Best of“ Reihenfolge.

  1. Charles Eric Maine – The Tide Went Out (1958).

Ein End-of-the-World Science Fiction Roman aus Great Britain. Ein Atombombenexperiment hat die Erdkruste aufgerissen, so dass unser aller Lebenselixier Wasser nach und nach im Innern der Erde verschwindet. Zurück bleibt ein lebensfeindlicher Planet, auf welchem sich die Superreichen und ihre verbündeten Regierungschefs heimlich Richtung Nordpol aufmachen, dem letzten Rückzugsort, um sich und ihre Familien in Sicherheit zu bringen. Damit die einfache Bevölkerung nichts mitbekommt, richtet die britische Regierung eine neue Behörde ein, die sich vordergründig mit den Folgen der Katastrophe beschäftigt, aber im Grunde dazu dient, die notwendige Zeit für die heimlichen Evakuierungen zu verschaffen. Unser ahnungsloser Protagonist arbeitet für die neue Behörde und wähnt sich fälschlicherweise in Sicherheit.

Der Roman ist in einem eher langweiligen, nüchternen Stil geschrieben. Gepackt haben mich aber dennoch die Beschreibungen der Apokalypse und des Überlebenskampfs, die in diesem Genre üblich sind, hier aber durch ihre Dringlichkeit und Anschaulichkeit aus dem Mittelmaß herausragen. Meine Vermutung: Der 2. Weltkrieg hat in diesem Roman seine Spuren hinterlassen. Die Beschreibung des Feuersturms in London beschwört Bilder des Flächenbombardements auf deutscher sowie alliierter Seite. Ob der Autor Soldat war, weiß ich nicht, aber diese Szenen wirken selbst erlebt und nicht nur Second Hand mithilfe von Bildern aus dem Fernsehen oder Kino wiedergegeben, wie es in der Gegenwartsliteratur gängige Praxis ist.

Die Erzählperspektive ist die des Ahnungslosen, der sich auf einem eher einfachen intellektuellen Niveau bewegt und dem sich die wahren Hintergründe und Machenschaften erst langsam erschließen. Dasselbe erzählerische Prinzip wirkt auch in Romanen wie Kazuo Ishiguros „Never Let Me Go“ oder Margarete Atwoods „Handmaid’s Tale“. Diese Perspektive bewirkt ein Gefühl der Fassungslosigkeit und des Ausgeliefertseins gegenüber der Perversion und Gewissenlosigkeit der sich fürsorglich gebenden herrschenden Klasse. Naivität trifft Heuchelei, und in dieser Gegenüberstellung tun sich wahre Abgründe auf. Es ist die Perspektive des Schlachtviehs, entsetzlich und traurig zugleich. Dem Autor ist sie sehr gut gelungen.

2. Ebenfalls sehr gut waren Yasushi Inoues Novelle „Das Jagdgewehr“ (1949), die ich als eine Geschichte gelesen habe, in der es um Fragen der Schuld und der Niederlage geht, nicht auf politischer Ebene, auch Japan hat einen Krieg verloren, aber wiedergespiegelt im zwischenmenschlichen Bereich.

3. …. sowie Katherine Mansfields erste Kurzgeschichtensammlung „In A German Pension“ und Jonathan Franzens Essaysammlung „The End of the End of the World“.

4. Gelesen, aber für nicht besonders gehaltvoll empfunden: Ottessa Moshfegh „My Year of Rest and Relaxation“. Drogenmissbrauch und die Suche nach elterlicher Liebe und Unterstützung unter jungen Erwachsenen in New York kurz vor 9/11.

5. Nicht beendet, da einfach zu banal: Irvine Welsh „Rave“ (yawn! You cunt!), der vulgäre Stil, der durch den Drogenkonsum noch potenziert wird, ist auf Dauer einfach nur einschläfernd und wird zur Karikatur seiner selbst.

6. …sowie Lidia Yuknavitchs hochgelobter Roman „The Book of Joan“, der seine Anhänger finden wird. Für meinen Geschmack enthält er zu viele Versatzstücke aus anderen Science-Fiction Geschichten und dystopischen Romanen. Die Sache mit der „auf die eigene Haut eingeritzten Geschichte als Rebellion“ und Teil selbstbestimmter Identitätszuschreibung kam mir auch irgendwie bekannt vor und hat mich schon damals in den 90er Jahren kalt gelassen. Die Gegenüberstellung zwischen praller Natur und Leiblichkeit der Joan und der kalt-sterilen, entsexualisierten Zukunft auf einem paternalistisch regierten Raumschiff wirkt auf mich zu gewollt, fast kindisch, oder young adult, eben ziemlich unausgereift.

Zum Schluss noch zwei Fotos der wundersamen Raupe des heimischen Jakobskrautbären, auch Karminbär genannt, hier fressend und erkundend am Jakobskraut. Diese Raupe beweist wieder einmal, dass manch ein unscheinbarer Schmetterling einst, bevor er oder sie metamorphosierte, eine coole Raupe war… Das sollte man sich wirklich mal zu Gemüte führen!

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Juli 2019.

WILDE PALMEN von William Faulkner (1939)

William Faulkners „Wilde Palmen„(1939) ist vor kurzem in der ZEIT Bibliothek der verschwundenen Bücher neu herausgegeben worden. Die deutsche Übersetzung stammt aus dem Jahre 1957 (Braem & Kaiser). Das feine, grasfroschgrüne Exemplar auf dem Foto habe ich bei „Lesen macht glücklich“ gewonnen. Herzlichen Dank noch einmal an MARC.

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Zimmerpalme meets wilde Palme.

Ob sich William Faulkner mit dieser Ausgabe angefreundet hätte, wage ich allerdings zu bezweifeln. Die ursprüngliche Version des Romans besteht nämlich aus zwei unabhängigen, aber ineinander verzahnten Geschichten: „Wilde Palmen“ und einer weiteren Story namens „Der Strom“ (im engl. „Old Man“), die sich kapitelweise abwechseln und kontrapunktisch ergänzen. Weshalb „Wilde Palmen“ nun einzeln gedruckt wurde, ist mir auch im persönlichen Nachwort von Jens Jessen – dessen ZEIT-Kolumne „Jessens Tierleben“ ich sehr gerne lese – nicht ganz klar geworden.

Was die ZEIT hier mit der wilden Palme und dem alten Mann gemacht hat, ist nichts Geringeres als das, wovon schon Aristophanes in Platons „Gastmahl“ erzählt, wenn er über die Ursprünge der erotischen Begierde in seinem Mythos vom Kugelmenschen berichtet, wonach Göttervater Zeus die kugeligen, durch die Weltgeschichte rollenden Körper der glücklich vereinten Menschen für ihren Übermut in jeweils zwei Hälften teilt. So entstanden die heutigen Zweibeiner, die sich ohn Unterlass nach ihrer anderen Hälfte sehnen, um sich wieder mit ihr zu vereinigen. Aber der glückselige Urzustand kann – einmal aufgesplittet –  nicht mehr erreicht werden.

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Lachish Relief, British Museum (700-692 v. Chr.)

Weiterhin hatte Faulkner für seinen Roman ursprünglich den Titel „If I Forget Thee, Jerusalem“ vorgesehen, aus dem „Psalm 137“, der den sehnsüchtigen Klagegesang der aus Jersusalem vertriebenen Israeliten wiedergibt. Faulkners Verlag Random House war das aber egal.

Was schade ist, denn der Titel wäre der Thematik des Romans viel näher gekommen als „Wilde Palmen“. Außerdem gibt es sehr viele Ortswechsel, was der Geschichte eine gewisse Rastlosigkeit verleiht. Von der Mississippi Golfküste geht es nach Chicago, später nach Utah und San Antonio in Texas, um nur einige Locations zu nennen. Wäre ich Leo von Leos Literarischen Landkarten, dann würde ich jetzt die Reiseroute von Charlotte Rittenmeyer und ihrem Liebhaber Henry Wilbourne quer durch die USA anhand einer Karte verdeutlichen.

„Wilde Palmen“ ist eine Liebesgeschichte, die tödlich endet. Die „Jungfrau“ Henry trifft auf die verheiratete Charlotte, sie verlieben sich, reisen durch die USA, um Arbeit zu finden oder die Liebe vor dem Alltagstrott zu retten, und enden tragisch, als Henry an Charlotte eine illegale Abtreibung durchführt und diese an den Folgen stirbt.

Da die andere Hälfte des Buches auf mysteriöse Weise verschwunden ist, mag ich jetzt gar nicht weiter über den Roman schreiben. Beeindruckt haben mich weniger die Charaktere und ihre Geschichte, sondern vor allem die Sprache Faulkners und seine Beschreibungen der Natur und des Settings, vor allem die Passagen an der windigen aber gleichzeitig milden Golfküste und in der rauen, eiskalten und abgelegenen Bergbausiedlung in Utah.

…er […] folgte dem tanzenden Strahl seiner Lampe, […] ging durch die trennende Oleanderhecke und hinein in den ungestüm und ungemindert daherfegenden Seewind, der die unsichtbaren Palmen drosch und über das harsche, salzige Gras des verwahrlosten Nachbargrundstücks wischte; und da sah er in dem anderen Haus das matte Licht. „Sie blutet, was?“, sagte er. Es war bewölkt; der unsichtbare Wind blies stark und stetig in den unsichtbaren Palmen von der unsichtbaren See her – ein harsches, stetiges Rauschen, voll vom Murmeln der Brandung gegen die vorgelagerten, abgrenzenden Inseln, Landzungen und Sandsteinklippen – gleich Basteien, gesäumt von geschüttelten, dürftigen Pinien. „Hämmorraghie?“ (S. 18)

Die Dramatisierung des Plots gipfelt am Ende der Geschichte in einer Personifizierung der Naturerscheinungen.

…und die ganze Nacht stöhnte und heulte eine Boje draußen im Fluss, und die Palme vorm Fenster drosch und peitschte, und kurz vorm Morgen schlug der Schwanz des Hurrikans mit gellendem, hetzendem Schrei zu. Nicht der Hurrikan selbst – der galoppierte irgendwo im Golf weiter und weiter -, nur der Schwanz war es, ein Schütteln seiner vorbeifliegenden Mähne, die am Ufer die trübgelbe Flut drei Meter hochtrieb und sie zwanzig Stunden lang nicht fallen ließ, die durch die wilde, wütende Palme tollte, deren immer noch trockenes Dreschen über das Dach der Zelle wischte, ….

Das liest sich wie ein Höllenritt auf dem Hexenbesen der Endlos-Sätze, die hier repräsentativ für das verzweifelte Innenleben des sonst merkwürdig passiv wirkenden Protagonisten stehen. Im Krankenhaus, einer Gefängniszelle und einem Gerichtssaal findet die Geschichte ihr Ende und kontrastiert damit das ungestüme Leben und Lieben mit und in der überall hineindrängenden Natur, die hier auch Sinnbild für den in lang ersehnter und nun endlich erfüllter Sexualität aufgeblühten Menschen ist.

Es geht um einen großen, menschlichen Verlust,

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William Faulkner, 1954.

hervorgerufen durch das unnatürliche „Herumpfuschen“ an der Natur. Charlotte will bzw. kann nicht den natürlichen Lauf der Dinge akzeptieren und ein weiteres Kind zur Welt bringen. Mit ihrer freien Entscheidung sich von der „natürlichen Bestimmung“ der Frau zu distanzieren, hat sie in Faulkners „Wilde Palmen“ ihr Todesurteil unterschrieben. Mit dem Thema Abtreibung nimmt der Roman im zweiten Drittel an Fahrt auf, wird aber nie zum Thesenroman, sondern stellt die emotionale Zerrissenheit und Verzweiflung des Menschen als natürliche und gleichzeitig zum freien Willen befähigte Kreatur in den Mittelpunkt.

Ich will es. So ist es also doch das alte Fleisch, einerlei wie alt. […], und darum verging, als SIE verging, auch die Hälfte der Erinnerns, und wenn ich vergehen werde, wird alles Erinnern aufgehört haben zu sein. – Ja, dachte er, vor die Wahl gestellt zwischen dem Leid und dem Nichts wähle ich das Leid. (S. 218)

Die halbierte Fassung des Romans lohnt wegen Faulkners sprachlicher Kunst selbst in der deutschen Übersetzung und kann als Einstieg in die Vollversion aus beiden Geschichten, Wilde Palmen+Der Strom, verstanden werden. Da der Doppelroman häufig unter dem Einzeltitel „Wilde Palmen“ verkauft wird, kann ich nur empfehlen, vor dem Kauf genauestens ins Innere des Buches zu schauen, sollte man sich für die vom Autor intendierte Fassung interessieren. Es wäre vergebliche Liebesmüh‘, erst beim Lesen nach der verschwundenen zweiten Hälfte der ohne Echo verbliebenen, wild um sich peitschenden Palmen zu suchen.

Bilder:

Lachish Relief: Photograph by Mike Peel (www.mikepeel.net). [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, via Wikimedia Commons

William Faulkner: Carl Van Vechten [Public domain], via Wikimedia Commons

alle anderen Bilder: almathun

 

Carson McCullers: The Heart is a Lonely Hunter (1940)

Carson McCullers war 23 Jahre jung, als ihr Debütroman einschlug wie eine Bombe. Allein den Titel sollte man sich genüßlich auf der Zunge zergehen lassen. Die befreit ausatmende Alliteration, die sich symmetrisch um das bluesige „O“ legt, wie zwei Berge um ein tiefes, dräuendes Tal. Da steckt schon alles drin, was den Roman ausmacht: Poesie, Melancholie, Bewegung, Isolation und tröstliches Eingebundensein.

WIN_20151122_102005In einer abgelegenen und recht trostlosen Kleinstadt im US Bundesstaat Georgia bewegt sich die Handlung entlang der Geschichten mehrerer Figuren. Im Mittelpunkt stehen vier Männer und ein Mädchen, die alle auf der Suche nach Ausbruchs- und Ausdrucksmöglichkeiten sind, gleichzeitig unter ihrer Einsamkeit leiden, aber denen der Befreiungsschlag letztendlich versagt bleibt. Der Taubstumme John Singer, über dessen Herkunft man nichts weiß, fungiert hierbei als verbindendes Element, denn die anderen Figuren drehen sich um ihn wie die Motten um das Licht, wie Depressive um einen Therapeuten, der sich alles anhört, nichts kommentiert, während sie ihr Herz ausschütten.

Da ist der alternde und an Tuberkolose erkrankte Arzt Benedict Copeland, der sich von seiner Frau und den Kindern entfremdet hat, weil er mit Haut und Haar für die Verbesserung der Situation der Schwarzen eintritt, aber wegen seiner ständig belehrenden Art und Gereiztheit keinen menschlichen Kontakt aufrechterhalten kann; Jake Blount, ein physisch deformierter Alkoholiker, der aggressiv den Sozialismus predigt, und die Menschen damit gegen sich aufbringt; Biff Brannon, der Inhaber des New York Café, dessen Frau, von der er sich schon lang entfremet hat, an Krebs stirbt und der sich zu der jungenhaften, in sich gekehrten Mick Kelly hingezogen fühlt, die wiederum davon träumt, eine berühmte Klavierspielerin zu werden und die Welt zu bereisen.

Der Roman liest sich so, wie sich eine Klaviersonate anhört, mit einem Hauptthema, einigen Seitenthemen und mehreren dramatischen Höhepunkten, wobei die Grundtonart in Moll ist. Schön zu lesen ist die Geschichte, sprachlich dicht und melancholisch, mit psychologischer Tiefgründigkeit, die in milder Akzeptanz ruht. Gleichzeitig werden die sozialen und politischen Themen der 30er Jahre aufgegriffen, Faschismus, Arbeitslosigkeit, Armut und Rassismus, und ihre erdrückenden Auswirkungen an allen Figuren verdeutlicht.

„Come here, you!“ the deputy said finally. „What you say you wanted to see the judge about?“

„I did not say,“ said Doctor Copeland. „I merely said that my business with him was urgent.“

„You can’t stand up straight. You been drinking liquor, haven’t you? I smell it on your breath.“

„That is a lie,“ said Doctor Copeland slowly. „I have not – “

The sheriff struck him on the face. He fell against the wall. Two white men grasped him by the arm and dragged him down the steps to the main floor. He did not resist.

„That’s the trouble with this country,“ the sheriff said. „These damn biggity niggers like him.“

He spoke no word and let them do with him as they would. He waited for the terrible anger and felt it rise in him. Rage made him weak, so that he stumbled.

In einem solchen Klima hält man lieber die Klappe. Mutig lässt McCullers dann aber doch noch den schwarzen Bürgerrechtler Copeland und den verärgerten Kommunisten Blount am Ende des Romans über viele Seiten in einem Disput zu Wort kommen. Es ist, als würde ein Damm brechen, als traue sich die Autorin endlich in ein Terrain, das man als Südstaatler/in in den 30er Jahren besser nicht so offenherzig betritt. Vielleicht wusste sie auch, dass Faschisten und Rassisten Bücher wie ihres nicht bis zum Ende durchlesen würden.

Ich denke nicht, dass McCullers in ihrem Roman im Sinne Sartres die

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Nashville, TN, 2006 by almathun

„existentielle Einsamkeit“ des Menschen verdeutlichen wollte, wie es häufiger zu lesen ist. Die geschilderte Einsamkeit, Sprachlosigkeit und der Rückzug haben ihre Ursache im gesellschaftlichen Klima der Südstaaten der 30er Jahre, in Armut und Angst, wo jede/r, der oder die eine eigenwillige Meinung äußert, Missstände anklagt und Veränderungen fordert zum ausgelachten oder verfolgten Außenseiter wird. McCullers hat die Südstaaten immer gehasst wie die Pest und ist mit Anfang zwanzig nach New York ausgewandert.

Der Roman provoziert nicht zur Auseinandersetzung, wie andere Bücher. Man genießt ihn. Ich habe mich nach der Lektüre gefragt, worüber ich denn jetzt schreiben könnte. Es ist, als sitze man in einem Herzen und lausche dem Pochen. Bei Carson McCullers macht man das gerne.

Zum Abschluss, weil es so schön ist, ein Auszug aus Paul Laurence Dunbars Gedicht „Sympathy„:

I know why the caged bird sings, ah me,
When his wing is bruised and his bosom sore,
When he beats his bars and would be free;
It is not a carol of joy or glee,
But a prayer that he sends from his heart’s deep core,
But a plea, that upward to Heaven he flings –
I know why the caged bird sings.

 

LESUNG: Jonathan Franzen – UNSCHULD (in Hamburg)

Thalia Theater, Hamburg.

Eine halbe Million Besucher sollen es laut einer Thalia Mitarbeiterin an jenem Abend des 8.10.2015 gewesen sein, die sich nach der Lesung im Foyer des Theaters drängelten, um ihre Bücher vom amerikanischen Superstern am Literaturhimmel, dem Jonathan Franzen, signieren zu lassen. Diese erfrischende Form des Understatement war eine Wohltat inmitten des hanseatischen Mobs, der sich kultiviert gebend seinen Weg zum begehrten Weltstar bahnte. Aber ich übertreibe etwas.

Das Gedrängel am Signiertisch, das so manchen Wutbürger auf den Plan rief, hatte sich sogar bis Göttingen herumgesprochen, wo Herr Franzen tagsdrauf ein weiteres Mal aus seinem neuen Roman „Unschuld“ las. Zustände wie auf einem Take That-Konzert hätte es in Hamburg gegeben, deshalb baten Autor und Veranstalter die Zuhörer darum, nur eine Schlange vor dem Signiertisch zu bilden.

Wie hatte es soweit kommen können?

In den Begrüßungsworten zu Beginn der Veranstaltung wurde mehrfach darauf hingewiesen, dass Hamburg eine besondere Ehre zuteil geworden sei, denn hier, im tollen Hamburg, würde Herrn Franzens erste Lesung in Deutschland stattfinden, noch vor der LitCologne. Die 1000 Besucherinnen im ausverkauften Thaliatheater zeigten sich zunächst hanseatisch unbeeindruckt. Erst als die Veranstalter darum baten, auf Wunsch des Autors, später, nach der Lesung, bitteschön KEINE Fotos geschweige denn Selfies von bzw. mit Herrn Franzen am Signiertisch zu machen, lockerte sich die Stimmung merklich auf und es wurde fröhlich gekichert. Weiterhin wurde darauf hingewiesen, dass man die Lesung nach Weihnachten, am 27.12. um 20 Uhr, auf NDR Kultur hören könne.

Die Moderation des Abends hatte FAZ-Literaturchefin Felicitas von Lovenberg übernommen. Viel sah oder hörte man aber nicht von ihr, denn den Großteil des Abends bestritt Jonathan Franzen allein auf der Bühne, im Zwiegespräch mit seinen Leserinnen und Lesern. Frau von Lovenberg musste/konnte/durfte während der Vorlesephasen die Bühne verlassen, was auf mich etwas befremdlich wirkte, denn der Stuhl neben Mr. Franzen blieb demnach meistens leer, so als warte man noch auf jemanden, was dem Abend einen etwas flüchtigen, Beckett’schen Beigeschmack verlieh.

Beeindruckt und in gleichsam teilnahmsvoller Rührung folgten die Zuhörer Herrn Franzens Ansprache an das Publikum, denn er redete vor allem deutsch, ein sehr gutes Deutsch, wenn er an manchen Stellen und mit fortgeschrittener Stunde auch etwas ins Schlingern kam. Trotzdem sehr beachtlich, muss ich sagen, und so manch eine kleine, charmante Sprachkreation, wie z.B. „Sie sind heute meine experimentalen Kaninchen„, wurde vom Publikum in liebevoller und erheiterter Weise begrüßt. Denn allein dies ist ja schon ein Liebesbeweis an das Land, in dem der jüngere Franzen als Student in Berlin, Anfang der 80er, studiert hatte. Die Amerikaner, die sich die Mühe machen, eine Fremdsprache zu lernen, kann man womöglich an einer Hand abzählen, vor allem diejenigen, die es nicht aus Businessgründen tun. Also Hut ab vor Herrn Franzen! Er hat meinen ganzen Respekt.

Drei Passagen hat Jonathan Franzen auf deutsch vorgelesen, eine auf englisch. Die englische gehört zu meinen Lieblingsszenen im Buch und behandelt das Gespräch der Enthüllungsjournalisten Leyla Helou mit der Schnellrestaurant-Mitarbeiterin Phyllisha Babcock, in Amarillo, Texas. (Ein kleiner Auszug aus der Szene). Hier kommt Jonathan Franzens Sinn für Humor voll zum Tragen, der immer dann Blüten treibt, wenn Charaktere beschrieben werden, die gar nicht wissen, dass sie komisch sind.

DSC_0010Einiges Neues konnte man an diesem Abend über den Roman erfahren, wenn ich mir auch ein wenig mehr Analyse oder Interpretationsansätze gewünscht hätte. Ich denke, das kann man einem Publikum durchaus mal zumuten, es muss nicht immer nur Geplänkel auf der Inhalts- und Figurenebene in Verbindung mit der Biografie und den Intentionen des Autors sein. Die Siri Hustvedt Lesung hatte mich damals im Juni in eine geistige Extase versetzen können, weil hier eben ganz andere Register gezogen wurden, die zur intensiven Auseinandersetzung mit den Themen des Romans inspirieren konnten.

Die Eingangsfrage von Frau von Lovenberg fand ich ziemlich gut, nämlich, ob er, Jonathan Franzen, Beziehungen für genauso schlimm halte wie das Internet. Diesen Eindruck hätte man als Leser/in. Leider ging der Autor darauf nicht wirklich ein. „That’s a devilish question,“ sagte er nur, worauf Lovenberg rekurrierte, er, Franzen, habe ja das Faustzitat an den Anfang des Romans gesetzt. „Das stimmt,“ so der Autor. Leider war der Faust dann kein Thema mehr. (Faust, Mephisto und das naive Gretchen in meiner Besprechung des Romans vom 4. Oktober).

Der Titel „Purity“ sei ihm von Anfang an etwas peinlich gewesen, so Franzen, deshalb habe er der weiblichen Protagonistin diesen Namen gegeben und ihn dann kurzerhand mit „Pip“ abgekürzt. Der Titel entstamme vor allem seiner Beschäftigung mit dem Werk von Karl Kraus, der oft die „Reinheit der deutschen Sprache“ eingefordert hatte.

Reinheit sei ein Begriff, um einen radikalen Idealismus zu verstehen. Extreme Bewegungen jeglicher Art würden sich immer auf irgendeine Art von „Reinheit“ beziehen. Pip sei die einzige ohne Idealismus, ganz anders als ihre Elterngeneration, allen voran ihre Hippiemutter Annabel. So habe er den Titel „Purity“ ironisiert und für sich entschärfen können.

Eine besonders schöne Stilblüte gelang dem Autor im Gespräch über Andreas Wolf, der „mit seiner unmöglichen Mutter einen Alpentraum hätte.“ Weil alle anwesenden Norddeutschen diese Wortkreation einfach zu schön fanden, wurde Mr. Franzen dahingehend nicht korrigiert.

Die Frage aus dem Publikum, ob seine neuen Romane Fortsetzungen der alten seien, verneinte Herr Franzen. Die Figuren interessierten ihn nach dem Schreiben nicht mehr. „A book isn’t done, if there still can be done something with the characters,“ so der Autor, aber „I wonder what happened to Gary [aus den Corrections] sometimes.“ Außerdem könne er Figuren nicht noch einmal verwenden, sobald die Rechte an z.B. Filmproduzenten verkauft worden seien.

Was nicht ausbleiben durfte, war natürlich die Frage nach dem deutschen Titel „Unschuld,“ der vielen Leser_innen als Missgriff erscheint. Franzen blieb hier sehr vage, „was weiß ich,“ bzw. „it’s not a random choice.“ Da gestern die Lesung in Göttingen per Livestream online gezeigt wurde, konnte ich in Erfahrung bringen, dass „Unschuld“ durchaus Sinn mache, so Franzen in Göttingen, weil sich alle Charaktere im Roman aus unterschiedlichsten Gründen schuldig fühlten. Vermutet wurde jedoch bereits an anderer Stelle, dass der Rowolthverlag nach dem letzten Titel „Freiheit“ keinen fast gleichlautenden Titel verwenden wollte. Anyways.

Das Fernsehen sei kein Feind mehr, so der vormals fernsehfeindlich eingestellte Franzen anschließend. Es habe in den letzten Jahren bewiesen, durchaus komplexere Erzählmethoden anwenden zu können.

The enemy is stupid, brief stimuli, not coherent narrative. TV uses storytelling techniques that novels have developed for centuries. TV is the novel’s little brother.

Das mit dem „kleinen Bruder Fernsehen“ hatte Frau von Lovenberg angesprochen. Der große Gesellschaftsroman des 19. Jahrhunderts sei tot, das wusste Jonathan Franzen schon vor 20 Jahren. Solche Erzählungen spielten sich jetzt v.a. auf Bildschirmen ab. Dass er mit dieser Einsicht seinen Frieden geschlossen hat, konnte man ihm durchaus ansehen.

Aber was macht das Lesen von Romanen zu etwas ganz Besonderem?

Es ist die Innerlichkeit und Psychologie sowie die unmittelbare, geistige Verbindung des Schriftstellers mit den Lesern. So könne man sich auch noch Jahrhunderte später mit schon lang verstorbenen Autoren ganz nah verbunden fühlen. Dies sei der Zauber der Literatur, so Lovenberg, die besondere Beziehung, die die Zeiten überdauere.

Wie oben schon erwähnt, hätte ich mir durchaus etwas tiefergehendere Analysen gewünscht.

Das wahre Abenteuer begann NACH der Lesung, denn es entstand ein Run auf den Signiertisch des Autors im Foyer des Theaters.

Aufgrund einer strategisch günstigen Ausgangslage, gelang es mir innerhalb weniger Minuten, mich in zirka zwei Metern Entfernung von Herrn Franzens Tisch und seiner Gefolgschaft zu positionieren. Dort stand ich dann allerdings eine geschlagene halbe Stunde, aber lieber am Anfang einer Schlange warten, als an ihrem Ende, vor allem wenn man sich in Hör- und Sichtweite des Objekts der literarischen Begierde befindet.

WIN_20151010_130242 (2)Als ich endlich an die Reihe kam, hatte sich meine anfängliche Nervosität etwas gelegt und war einer überhitzten Müdigkeit gewichen. Halb im Traume stand ich nun vor ihm, nur eine Tischbreite entfernt, aber es musste alles ganz schnell gehen.

Ein Herr, der urplötzlich von hinten links an mich herantrat, entriss mir meine beiden Bücher, „Purity“ und „How to be Alone“, schlug sie ratzfatz an passender Stelle auf und ermahnte mich drängelnd zur Eile. Sprachlos war ich, hatte ich mir doch ein paar Fragen sorgfältig überlegt, sodass Herr Franzen die Initiative übernehmen musste und seine erste gewagte Signatur in den Essayband setzte. „You have to tell me what to do,“ so der Autor unter Druck, und ich war wieder etwas wacher, nannte und buchstabierte ihm etwas peinlich berührt meinen Namen, den er dann als Widmung auf die erste Seite von „Purity“ schrieb, mit Ausrufungszeichen, um keine Zweifel aufkommen zu lassen.

Oh, liebe Leserinnen und Leser, von da an schwebte ich nur noch auf Wolke Nummer Sieben, ein glücklicher Franzen-Fan. Im hanseatischen Nieselregen unter einem sternenlosen Himmel, sprang ich am Ende eines ereignisreichen Abends, übermütig und vom Glücke beseelt, die mehreren Hundert Meter ohn‘ Unterlass und in freudiger Erregung zum Hauptbahnhof, wo bereits mein Zug wartete und mich sicher nach Hause beförderte. Purity an mein Herz gedrückt, schlief ich um etwa drei Uhr nachts endlich ein.

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Bilder:

  1. Deckenbeleuchtung im Thalia Theater, Hamburg: almathun
  2. Thalia Theater: von Armin Smailovic (www.thalia-theater.de) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)%5D, via Wikimedia Commons
  3. Herr Franzen and parts of Frau von Lovenberg on stage: almathun
  4. Signierte Purity-Seite: almathun

PATRICIA HIGHSMITH: The Talented Mr. Ripley (1955)

WIN_20150830_122314Patricia Highsmiths (1921-1995) erster Ripleyroman feiert in diesem Jahr seinen sechzigsten. Ihr zwanzigster Todestag war am 4. Februar dieses Jahres. Einmal nach ihrem Lieblingsfilm in einem Interview gefragt, nannte sie etwas verlegen „Vom Winde Verweht“, und ergänzte, dass der Roman von Margaret Mitchell ja auch ziemlich gut sei.

Was mag sie an dieser Bürgerkriegsschmonzette angesprochen haben? Zum einen stammte sie auch aus den Südstaaten, geboren in Fort Worth, Texas. Als sie sechs Jahre alt war, zog die Mutter mit ihrem zweiten Ehemann nach New York. Von ihrem ersten Gatten, Highsmiths Vater, ließ sie sich neun Tage vor der Entbindung scheiden. Hört sich nach einer starken Frau an, ganz wie Scarlet O’Hara in „Verweht“. Aber der Roman hat eine weitere Auffälligkeit, die er mit den meisten Highsmith-Geschichten teilt, nämlich eine markante Dreierbeziehung zwischen zwei Männern und einer Frau.

In „The Talented Mr. Ripley“ dreht sich die Handlung um Tom Ripley, einem geschickten Kleinbetrüger, aus mittellosen Verhältnissen stammend, der nach Europa geschickt wird, um dort Richard Greenleaf, den Sohn eines vermögenden Schiffsfabrikanten, in den Kreis der Familie und Firma nach New York zurückzuholen. Der hat es sich in Italien, im kleinen Fischerdorf Mongibello, als Maler und mit einer Freundin, der etwas unbedarften Schriftstellerin Marge Sherwood, gemütlich eingerichtet und denkt gar nicht daran, dem Wunsch der Eltern nachzukommen. Schnell entstehen in dieser Dreiecksbeziehung Eifersüchteleien, Missverständnisse, Begehrlichkeiten, Pflichtgefühle und viel unterdrückter Ärger. Bekannterweise beendet Tom Ripley das Spannungsgefüge durch den Mord an Greenleaf und den anschließenden Identitätsraub.

Obwohl ich die Geschichte schon lange kenne, habe ich beim Lesen des Romans wieder einmal gezittert und gebibbert, und zwar mit dem Mörder. Die Spannungskurve verabreicht dem Leser ein Wechselbad der Gefühle, von malerischen Entspannungsphasen in touristisch erschlossenen Gebieten Südeuropas bis hin zu Verfolgungs- und Todesängsten und dem Gefühl von überwältigender Erleichterung, wenn sich die Polizei in ihrer Arbeitsweise doch wieder als weniger intelligent als der Mörder erweist. Ich wollte, dass Tom Ripley, der zweifache Mörder, mit allem durchkommt. Warum? Weil er intelligenter und talentierter ist als der verwöhnte Greenleaf-Junge, ihm das Leben nichts geschenkt hat und er früh erkennt, dass sich Leute seiner Herkunft irgendwie durchmogeln müssen, um von der wohlhabenden Gesellschaft akzeptiert und respektiert zu werden und an ihrem Lebensstandard teilhaben zu können.

Der Schrecken, der sich langsam aber sicher in der Leserin ausbreitet, ist das Wissen um die Nichtigkeit des Urvertrauens in die Menschheit. Plötzlich kann jede/r ein Mörder oder eine Mörderin sein. Naivität ist in dieser Welt ein sicheres Todesurteil. Um sich in zu schützen, ist es am besten, sich seiner eigenen Killerinstinkte zu vergewissern.

Angst war während der Entstehung des Romans vermutlich Highsmiths sprudelnde Inspirationsquelle. In späteren Jahren wurde sie zur Alkoholikerin, was ja auch immer Symptom für eine innere, emotionale Sackgasse ist, der Wunsch, eine verkorkste oder traumatisierende Vergangenheit schönzusaufen. Sie war bis zum Ende ihres Lebens sehr produktiv, hat sich aber vom künstlerischen Standpunkt nicht wirklich weiterentwickelt oder neue Wege beschritten.

Es gibt die Anekdote, wonach sie einmal auf eine Party eingeladen gewesen war.

Patricia Highsmith, 1988.

Weil sie keine Lust auf Small Talk mit den anderen Partygästen hatte, steckte sie einen Salatkopf mit Hunderten Schnecken in ihre Handtasche und brachte sich somit ihre eigenen Gesprächspartner zur Party mit, wie sie später erklärte. Das Schmatzen der Schnecken soll wohl noch in einem Umkreis von zwei Metern zu hören gewesen sein.

Aufgrund seiner psychologischen Tiefe funktioniert Mr. Ripley auch noch sechzig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung. Highsmiths Menschenkenntnis und ihr Wissen um die Motive menschlichen Handelns faszinieren auch heute noch. Wäre ich auf der oben beschriebenen Party gewesen, hätte ich trotz der schmatzenden Schnecken versucht, in ein Gespräch mit ihr zu kommen oder vielleicht genau deswegen, wer weiß.

Die Szene, in der Tom beschließt zum Mörder zu werden, ist für mich die eindrucksvollste im Roman. Als er bemerkt, dass Richard seiner überdrüssig wird und nicht mit ihm nach Paris fahren möchte, überwältigt ihn die Erkenntnis ein nur ungebetener Gast zu sein, nicht nur im Leben von Richard Greenleaf sondern auch im Leben aller Menschen, die ihm etwas bedeutet haben, im Leben an sich. Es ist das existentielle Trauma des Kindes, dem die Eltern signalisieren, dass es nicht wirklich gewollt war und ist. Eine Illusion bricht zusammen.

Tom felt a painful wrench in his breast, and he covered his face with his hands. it was as if Dickie had been suddenly snatched away from him. They were not friends. They didn’t know each other. It struck Tom like a horrible truth, true for all time, true for the people he had known in the past and for those he would know in the future: each had stood and would stand before him, and he would know time and time again that he would never know them, and the worst was that there would always be the illusion, for a time, that he did know them, and that he and they were completely in harmony and alike. For an instant the wordless shock of his realization seemed more than he could bear. He felt in the grip of a fit, as if he would fall to the ground. It was too much: the foreignness around him, the different language, his failure, and the fact that Dickie hated him. He felt surrounded by strangeness, by hostility. He felt Dickie yank his hands down from his eyes.

[…] „I want to die“, Tom said in a small voice.

Dickie yanked him by the arm. Tom tripped over a doorstep.

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Foto von P. Highsmith: von Open Media Ltd (Open Media Ltd) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

UNTER DEM ASTRONAUTENMOND – John Updike (1971)

WIN_20150308_083158Es ist der zweite Teil der Rabbit-Pentalogie von Updike (s. hier und hier) und der deutsche Titel von Rowohlt hört sich natürlich bei weitem interessanter an, als das englische Original (Rabbit Redux). Dennoch, auch der die Zeitgeschichte romantisierende Titel kann über eine schwächelnde Story mit schablonenhaften Charakteren nicht hinwegtäuschen. Der Anklang an die beginnende Technologisierung der Gesellschaft, ein Thema des Romans, ist jedoch gelungen.

Wie man sehen kann, ist die Covergestaltung der deutschen Übersetzung ziemlich bizarr: Ein feister Mann (definitiv zu viele Steaks gegessen) mit kurzgeschorenen Haaren, Cocktailglas in der Hand und einem mit Lippenstiftflecken übersäten Hemd, grinst am Betrachter vorbei. Passt so gar nicht zum Titel. Ich habe die billige 1987er Ausgabe online erstanden: Dallas und Denver lassen grüßen. Der Protagonist, Harry „Rabbit“ Angstrom, mittlerweile 36 Jahre alt, ist aber alles andere als der erfolgsverwöhnte Ami im Stile von J.R. und Co.

Zurück ins Jahr 1969. Es ist Sommer und die Amerikaner landen auf dem Mond. Die Nation verfolgt dieses Event vor den heutzutage archaisch wirkenden Fernsehapparaten. Updike spiegelt, wie die Medien die Gesellschaft durchdringen, Fernsehserien, Nachrichten über die Rassenunruhen und Studentenrevolten sowie Werbung bestimmen den Tagesablauf und die Gesprächsthemen der Figuren, die ansonsten ihr beschauliches Leben mit den üblichen Paarproblemen wie gewohnt weiterleben. Die durch die Medien vermittelte Gewalt dringt jedoch nach und nach in die zwischenmenschlichen Beziehungen der Kleinstadt Brewer ein. Harry Angstrom, konservativ und überzeugter Patriot, zeigt sich besorgt über die Veränderungen. Die Gesellschaft steht unter dem Einfluss von FlowerPower, Vietnam, Afrolook und Minirock. Obwohl: der Minirock stört ihn nicht wirklich, außer die dazu gehörenden Beine erweisen sich als nicht schlank genug. Harry macht sich Sorgen um seinen Sohn Nelson, dessen immer länger werdenden Haare ihm zu feminin erscheinen. Er lebt mit ihm allein, denn die Mutter und Ehefrau Janice hat den gemeinsamen Haushalt verlassen.

Rabbit Redux ist, einfach gesagt, ein Roman über die Lebens- und Gefühlswelt des amerikanischen Ehemannes mittleren Alters in den späten 60er Jahren. Es geht um Ärger, Wut, Demütigung, Schuld, Aggression, Eifersucht und Fremdgehen. Zeitlose Beziehungsthemen. War es Rabbit, der im ersten Teil die Flucht aus dem Schoß der Familie ergreift, so ist es nun seine Ehefrau Janice, die mit einem griechischstämmigen Liebhaber abhaut. Harry, mit den Jahren bequem und dicklich geworden, braucht sich gar nicht mehr in Bewegung setzen, um Veränderungen und seine eigene Freiheit zu finden. Die Veränderungen werden ihm  Frei Haus geliefert: der schwarze Black-Power-Drogendealer Skeeter zieht bei ihm zusammen mit der minderjährigen, drogensüchtigen Hippie-Prostituierten Jill ein. Sex, drugs and political discussion bestimmen von nun an das mehr oder weniger chaotische Miteinander im Hause Angstrom. Rücksicht und Liebe zeigt man nur noch dem 13-jährigen Nelson. Die Erwachsenen arbeiten ihre negativen Gefühle an den anderen ab, haben Sex, nehmen Drogen und weiter geht’s.

Updikes Sprache und seine Beschreibungen, immer realistisch, detailgetreu und präzise, kamen im ersten Teil unschuldig-charmant und ironisch daher. In Rabbit Redux nehmen die Schilderungen von Gewalt, pornographischen Exzessen und Katastrophen teilweise überhand. Vielleicht liegt es auch an der deutschen Übersetzung, aber das ironische Augenzwinkern ist verlorengegangen. Möglicherweise ist es eine Anpassung auf der sprachlichen Ebene an das gewaltbereite, veränderte gesellschaftliche Klima in den USA Ende der 60er Jahre oder ein ironischer Seitenhieb auf die Peace, Love and Tenderness-Rethorik der Hippiegeneration.

Fazit: Ganz unterhaltsam. Mir fehlen tatsächlich noch etwa 20 Seiten, aber ich komme einfach nicht durch, hänge fest im familiären Geplänkel der letzten Seiten. Was mir gefallen hat, sind die historischen Bezüge und wie sie von dem Gros der damaligen Bevölkerung, der Mittelschicht und den Leuten, die entweder zu jung (Nelson) oder zu alt (Harry, Janice) waren, um am Puls der Zeit gelebt zu haben, erfahren wurden.  Die noch fehlenden Teile 3-5 werde ich unbedingt im Original lesen.

Ach so, und wer sich fragen sollte, warum es mit dem zweiten Teil so lange gedauert hat, der kann mal hier reinschauen: Ich bin dann mal im Garten.

DIE RABBIT-PENTALOGIE // John Updike – Rabbit, Run (1960)

Was bisher geschah: Lesen Sie bitte hier.

By Hugh1975 (Own work) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, via Wikimedia Commons

Keine Angst, es ist noch nicht Ostern. Die possierlichen Langohren aus der Familie der Leporidae sind ja seit der ungeschickten Äußerung des Papstes Franziskus zur Fortpflanzungsmoral der Katholiken leider in ein schiefes Licht geraten. Solche Patzer passieren halt, sobald sich die Kirche als selbsternannte Lebensberaterin in die Sexualität und Familienplanung ihrer Schäfchen einmischt.

Der schwache Held Harry „Rabbit“ Angstrom aus John Updikes Roman „Rabbit, Run“ (dt. Hasenherz, 1960) findet sich ebenfalls im Spannungsfeld seiner Sexualität und denen von Kirche und Gesellschaft tradierten Normen der 50er Jahre wieder. Je mehr er sich in seinem durch Ehefrau, Kind und Job fremdbestimmten Leben gefangen fühlt, desto drastischer macht sich sein Sexualtrieb bemerkbar. „He’s chasing ass,“ wie sein Vater treffend bemerkt. Gemeindepfarrer Eccles ist Rabbit ständig auf den Fersen, um den Ehe-Flüchtigen wieder in den Sch0ß der Familie zurückzuholen. Mehr oder weniger erfolgreich. Am Ende des ersten Teils der fünfteiligen Rabbit-Reihe hat Harry Rabbit bereits drei Kinder mit zwei Frauen gezeugt und Mrs Eccles an den Hintern gegrapscht.

Die American Library Association (ALA), ein Interessenverbund zur Förderung von Bibliotheken, hat alle Hände voll zu tun, denn sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, gegen Zensur und Verbot von Büchern, v.a. in den USA, ins Feld zu ziehen. Versuche, anstößiges literarisches Material aus dem Verkehr zu ziehen, feiern in den USA fröhliche Urstände, v.a. in den Schulbibliotheken des Landes. Besorgte Helikoptereltern gibt es nicht nur in Deutschland. An einigen High Schools darf selbst Huckleberry Finn nicht mehr gelesen werden. Rabbit, Run wird in der Rubrik „Classics“ genannt, wegen seiner sexually explicit descriptions und anderer Verwerflichkeiten, die im Laufe der Jahrzehnte den Unmut besorgter Leserinnen und Leser hervorgerufen haben. Er befindet sich damit allerdings in guter Gesellschaft, denn fast der Hälfte aller amerikanischen Literaturklassiker ist es ähnlich ergangen (Banned & Challenged Classics).

Noch vor der ersten Veröffentlichung sah sich Updike gezwungen, Änderungen am Originalmanuskript vorzunehmen.

I received a basically heartening letter from my publisher, Alfred A. Knopf himself, indicating acceptance [of Rabbit, Run] with reservations. The reservations turned out to be (he could tell me this only face to face, so legally touching was the matter) sexually explicit passages that might land us – this was suggested with only a glint of irony – in jail.

… schreibt John Updike in seinem Nachwort zur Neuauflage des Romans. Im Beisein eines Anwalts muss er das Manuskript überarbeiten, dann kann der Roman Ende 1960 erscheinen. „The dirty-word situation was changing rapidly„, und schon 1962 wird er aufgefordert, die Änderungen für eine Neuauflage des Romans wieder rückgängig machen, symptomatisch für die schnellen gesellschaftlichen Umbrüche in den USA zu jener Zeit.

Rabbit Run exists in more forms than any other novel of mine.

„Fellatio“ ist so ein challenging topic im Buch, schambehaftet zwar, der Begriff wird tunlichst nicht in den Mund genommen, aber doch offensichtlich genug.

 „Well, would you do everything to me that you did to him?“

„Sure. If you want me to.“

His relief is boyish; his front teeth flash happily. „Just once,“ he promises, „honest. I’ll never ask you again.“ […] „Are you going to?“

She asks, „Are you sure we’re talking about the same thing?“

„What do you think we’re talking about?“

She says, „Sucking you off.“

„Right,“ he says.

Aber Rabbit, Run ist nicht nur ein Sexroman, wie man jetzt vielleicht denken könnte. Es geht Updike v.a. um den Gemütszustand seines Helden. „An everyman who, like all men, was unique and mortal.“ Rabbit Angstrom verkörpert m.E. die letzten Zuckungen des Patriarchats. Wenn man Menschen nach ihren Taten und nicht ihren Worten, Gefühlen oder dem äußeren Erscheinungsbild beurteilt, dann bleibt einem eigentlich nichts anderes übrig, als Angstrom als erbärmlichen wenn nicht sogar widerlichen Charakter einzustufen. Updike selbst hält sich mit seinem Urteil zurück, er beschreibt, was er sieht.

 He eats three pieces of shoo-fly pie and a crumb in the corner of his lips comes off on her [Ruth’s] sweater when he kisses her breasts goodbye in the kitchen. He leaves her with the dishes.

Oder lässt die Figuren sprechen:

„The truth is,“ Eccles tells him „you’re monstrously selfish. You’re a coward. You don’t care about right or wrong; You worship nothing except your own worst instincts.“

Updike, selbst vierfacher Vater, wollte mit seinem Rabbit nie in einen Topf geworfen werden:

Insofar as a writer can take an external view of his own work, my impression is that the character of Harry „Rabbit“ Angstrom was for me a way in – a ticket to the America all around me. What I saw through Rabbit’s eyes was more worth telling than what I saw through my own.

Der Name „Rabbit“ impliziert für Updike „a zigzagging creature of impulse,“ womit v.a. sein Fluchtinstinkt und damit das nur rudimentär ausgebildete Verantwortungsgefühl gemeint ist.

Updike sollte man, falls möglich, auf Englisch lesen. Warum? Seine Texte baden in jeder Zeile in der Schönheit des treffenden Ausdrucks, wirken fast schon hochsensibel in ihrer detaillierten Beobachtung kleinster Gefühlsregungen, die Beschreibung packt, zeigt keine Ermüdungserscheinungen, und brilliert in der Darstellung selbst der banalsten Dinge oder Personen.

They look at him with hard eyes, eyes like little metal studs pinned into the white faces of young men sitting in zippered jackets in booths three to a girl, the girls with orange hair hanging like wiggly seaweed or loosely bound with gold barrettes like pirate treasure. At the counter middle-aged couples in overcoats bunch their faces forward into the straws of gray ice-cream sodas.

Dafür, dass die Erzählstimme den Protagonisten in die Lage versetzt, seine Umwelt auf solch poetische Weise wahrzunehmen und auch darunter zu leiden, erhält er natürlich einen Sympathiebonus.

Welcher Teufel mich geritten hat, den zweiten Teil der Pentalogie, Rabbit Redux, auf deutsch zu bestellen (Unter dem Astronautenmond) ist mir ein Rätsel, vermutlich der Titel. Aber, was soll’s, die beiden Pulitzerpreisgewinner, Teil 3 und 4, gibt es dann halt wieder in English.

Rabbit, Run lohnt sich als Lektüre auch noch im Jahre 2015. Die Geschlechterverhältnisse wirken zwar ziemlich befremdlich aber niemals unreflektiert. Updike kann sich sehr gut in seine Frauencharaktere hineinversetzen, denen er mehrere Selbstgespräche im Stile von James Joyce widmet. Männer wie Frauen sind bei ihm Opfer tradierter Geschlechterrollen, wobei den Frauen jedoch ihre sexuelle Freiheit nur als Prostituierte vergönnt ist. Eine anständige Frau zu sein heißt in den 50ern, die sexuelle Selbstbestimmung bei der Eheschließung abgegeben zu haben.

Ob es jedoch ein Zeichen von Fortschritt ist und somit Beweis für die Obsoleszenz von Rabbit, Run, wenn heutzutage Frauenzeitschriften der gewissenhaften Frau nebst schmackhaften Kohlgerichten und dekorativen Blumengebinden Tipps und Tricks zur Entspannung des Afters für den erfolgreichen Analverkehr ans Herz legen, damit es so laufen kann wie in den Pornofilmen, diese Einschätzung überlasse ich meinen werten Leserinnen und Lesern gerne selbst.

(Fortsetzung folgt)