DIE RABBIT-PENTALOGIE // John Updike – Rabbit, Run (1960)

Was bisher geschah: Lesen Sie bitte hier.

By Hugh1975 (Own work) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, via Wikimedia Commons

Keine Angst, es ist noch nicht Ostern. Die possierlichen Langohren aus der Familie der Leporidae sind ja seit der ungeschickten Äußerung des Papstes Franziskus zur Fortpflanzungsmoral der Katholiken leider in ein schiefes Licht geraten. Solche Patzer passieren halt, sobald sich die Kirche als selbsternannte Lebensberaterin in die Sexualität und Familienplanung ihrer Schäfchen einmischt.

Der schwache Held Harry „Rabbit“ Angstrom aus John Updikes Roman „Rabbit, Run“ (dt. Hasenherz, 1960) findet sich ebenfalls im Spannungsfeld seiner Sexualität und denen von Kirche und Gesellschaft tradierten Normen der 50er Jahre wieder. Je mehr er sich in seinem durch Ehefrau, Kind und Job fremdbestimmten Leben gefangen fühlt, desto drastischer macht sich sein Sexualtrieb bemerkbar. „He’s chasing ass,“ wie sein Vater treffend bemerkt. Gemeindepfarrer Eccles ist Rabbit ständig auf den Fersen, um den Ehe-Flüchtigen wieder in den Sch0ß der Familie zurückzuholen. Mehr oder weniger erfolgreich. Am Ende des ersten Teils der fünfteiligen Rabbit-Reihe hat Harry Rabbit bereits drei Kinder mit zwei Frauen gezeugt und Mrs Eccles an den Hintern gegrapscht.

Die American Library Association (ALA), ein Interessenverbund zur Förderung von Bibliotheken, hat alle Hände voll zu tun, denn sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, gegen Zensur und Verbot von Büchern, v.a. in den USA, ins Feld zu ziehen. Versuche, anstößiges literarisches Material aus dem Verkehr zu ziehen, feiern in den USA fröhliche Urstände, v.a. in den Schulbibliotheken des Landes. Besorgte Helikoptereltern gibt es nicht nur in Deutschland. An einigen High Schools darf selbst Huckleberry Finn nicht mehr gelesen werden. Rabbit, Run wird in der Rubrik „Classics“ genannt, wegen seiner sexually explicit descriptions und anderer Verwerflichkeiten, die im Laufe der Jahrzehnte den Unmut besorgter Leserinnen und Leser hervorgerufen haben. Er befindet sich damit allerdings in guter Gesellschaft, denn fast der Hälfte aller amerikanischen Literaturklassiker ist es ähnlich ergangen (Banned & Challenged Classics).

Noch vor der ersten Veröffentlichung sah sich Updike gezwungen, Änderungen am Originalmanuskript vorzunehmen.

I received a basically heartening letter from my publisher, Alfred A. Knopf himself, indicating acceptance [of Rabbit, Run] with reservations. The reservations turned out to be (he could tell me this only face to face, so legally touching was the matter) sexually explicit passages that might land us – this was suggested with only a glint of irony – in jail.

… schreibt John Updike in seinem Nachwort zur Neuauflage des Romans. Im Beisein eines Anwalts muss er das Manuskript überarbeiten, dann kann der Roman Ende 1960 erscheinen. „The dirty-word situation was changing rapidly„, und schon 1962 wird er aufgefordert, die Änderungen für eine Neuauflage des Romans wieder rückgängig machen, symptomatisch für die schnellen gesellschaftlichen Umbrüche in den USA zu jener Zeit.

Rabbit Run exists in more forms than any other novel of mine.

„Fellatio“ ist so ein challenging topic im Buch, schambehaftet zwar, der Begriff wird tunlichst nicht in den Mund genommen, aber doch offensichtlich genug.

 „Well, would you do everything to me that you did to him?“

„Sure. If you want me to.“

His relief is boyish; his front teeth flash happily. „Just once,“ he promises, „honest. I’ll never ask you again.“ […] „Are you going to?“

She asks, „Are you sure we’re talking about the same thing?“

„What do you think we’re talking about?“

She says, „Sucking you off.“

„Right,“ he says.

Aber Rabbit, Run ist nicht nur ein Sexroman, wie man jetzt vielleicht denken könnte. Es geht Updike v.a. um den Gemütszustand seines Helden. „An everyman who, like all men, was unique and mortal.“ Rabbit Angstrom verkörpert m.E. die letzten Zuckungen des Patriarchats. Wenn man Menschen nach ihren Taten und nicht ihren Worten, Gefühlen oder dem äußeren Erscheinungsbild beurteilt, dann bleibt einem eigentlich nichts anderes übrig, als Angstrom als erbärmlichen wenn nicht sogar widerlichen Charakter einzustufen. Updike selbst hält sich mit seinem Urteil zurück, er beschreibt, was er sieht.

 He eats three pieces of shoo-fly pie and a crumb in the corner of his lips comes off on her [Ruth’s] sweater when he kisses her breasts goodbye in the kitchen. He leaves her with the dishes.

Oder lässt die Figuren sprechen:

„The truth is,“ Eccles tells him „you’re monstrously selfish. You’re a coward. You don’t care about right or wrong; You worship nothing except your own worst instincts.“

Updike, selbst vierfacher Vater, wollte mit seinem Rabbit nie in einen Topf geworfen werden:

Insofar as a writer can take an external view of his own work, my impression is that the character of Harry „Rabbit“ Angstrom was for me a way in – a ticket to the America all around me. What I saw through Rabbit’s eyes was more worth telling than what I saw through my own.

Der Name „Rabbit“ impliziert für Updike „a zigzagging creature of impulse,“ womit v.a. sein Fluchtinstinkt und damit das nur rudimentär ausgebildete Verantwortungsgefühl gemeint ist.

Updike sollte man, falls möglich, auf Englisch lesen. Warum? Seine Texte baden in jeder Zeile in der Schönheit des treffenden Ausdrucks, wirken fast schon hochsensibel in ihrer detaillierten Beobachtung kleinster Gefühlsregungen, die Beschreibung packt, zeigt keine Ermüdungserscheinungen, und brilliert in der Darstellung selbst der banalsten Dinge oder Personen.

They look at him with hard eyes, eyes like little metal studs pinned into the white faces of young men sitting in zippered jackets in booths three to a girl, the girls with orange hair hanging like wiggly seaweed or loosely bound with gold barrettes like pirate treasure. At the counter middle-aged couples in overcoats bunch their faces forward into the straws of gray ice-cream sodas.

Dafür, dass die Erzählstimme den Protagonisten in die Lage versetzt, seine Umwelt auf solch poetische Weise wahrzunehmen und auch darunter zu leiden, erhält er natürlich einen Sympathiebonus.

Welcher Teufel mich geritten hat, den zweiten Teil der Pentalogie, Rabbit Redux, auf deutsch zu bestellen (Unter dem Astronautenmond) ist mir ein Rätsel, vermutlich der Titel. Aber, was soll’s, die beiden Pulitzerpreisgewinner, Teil 3 und 4, gibt es dann halt wieder in English.

Rabbit, Run lohnt sich als Lektüre auch noch im Jahre 2015. Die Geschlechterverhältnisse wirken zwar ziemlich befremdlich aber niemals unreflektiert. Updike kann sich sehr gut in seine Frauencharaktere hineinversetzen, denen er mehrere Selbstgespräche im Stile von James Joyce widmet. Männer wie Frauen sind bei ihm Opfer tradierter Geschlechterrollen, wobei den Frauen jedoch ihre sexuelle Freiheit nur als Prostituierte vergönnt ist. Eine anständige Frau zu sein heißt in den 50ern, die sexuelle Selbstbestimmung bei der Eheschließung abgegeben zu haben.

Ob es jedoch ein Zeichen von Fortschritt ist und somit Beweis für die Obsoleszenz von Rabbit, Run, wenn heutzutage Frauenzeitschriften der gewissenhaften Frau nebst schmackhaften Kohlgerichten und dekorativen Blumengebinden Tipps und Tricks zur Entspannung des Afters für den erfolgreichen Analverkehr ans Herz legen, damit es so laufen kann wie in den Pornofilmen, diese Einschätzung überlasse ich meinen werten Leserinnen und Lesern gerne selbst.

(Fortsetzung folgt)

Die RABBIT-PENTALOGIE (1960-2002) // John Updike

John Updike

Wäre John Hoyer Updike 2009 nicht an Lungenkrebs verstorben, dann hätte der passionierte Vielraucher und  -schreiber bestimmt spätestens 2011 noch einen sechsten Teil der Rabbit-Reihe hingelegt.

In regelmäßigen Abständen von etwa 10 Jahren sind die Rabbit-Romane seit den 1960ern  erschienen und erzählen etappenweise vom Leben des Amerikaners Harry „Rabbit“ Angstrom  und seinen Ausbruchversuchen aus einem Leben der Mediokrität. Eine tiefsitzende Unzufriedenheit angesichts vergangener Erfolge als Basketballstar seiner Highschool in der fiktiven Kleinstadt Brewer treibt ihn um.

Es ist quasi „Ein ganzes Leben“ in fünf Etappen, die unheroische Existenz eines Durchschnittsmannes in Raten, an ordinary life. Wie Buchpost in ihrem Beitrag zu Alice McDermotts „Somebody“ bemerkt, scheinen fiktive Lebensgeschichten über Jedermann-Figuren zur Zeit wieder aktuell zu sein. Auch der späte Erfolg von John Williams‘ Stoner (1965) passt in dieses Bild. John Updike, dessen Romane bislang noch auf ein Revival warten, äußerte sich zur Wahl des gewöhnlichen Durchschnittsmenschen als Protagonisten seiner Bücher folgendermaßen:

The writer must face the fact that ordinary lives are what most people live most of the time, and that the novel as a narration of the fantastic and the adventurous is really an escapist plot, that aesthetically the ordinary, the banal, is what you must deal with. I like middles. It is in middles that extremes clash, where ambiguity restlessly rules. Something quite intricate and fierce occurs in homes, and it seems to me, without doubt, worthwhile to examine what it is.”

Braucht jede Generation einen solchen literarischen Mehrteiler mit wiederkehrenden Charakteren, die sie durch das Leben begleiten, mit denen sie gemeinsam alt wird? Ich bin mit den Adrian Mole Büchern von Sue Townsend aufgewachsen (1982 – 2009) und habe alle acht Teile gelesen und Adrian Mole als meinen Bruder adoptiert. Andere Leute schauen sich Soap Operas an oder verfolgen in emotionaler Ergriffenheit die wenig spannenden Familiengeschichten der spießigen Royals, deren Erfolgsrezept einzig darin besteht, der Mittelschicht ein schmeichelhaft verzerrtes Spiegelbild bürgerlicher Normen vorzuhalten.

Von Updike verspreche ich mir ein wenig mehr. Ich hoffe, die Rabbit-Reihe hält, was Wikipedia verspricht:

Updike ist es mit dieser Serie gelungen, die äußere, materielle Entwicklung der USA wie auch die Veränderungen der amerikanischen Befindlichkeiten zwischen den späten Fünfziger Jahren und der Jahrtausendwende einzufangen, poetisch treffend zu beschreiben und präzise zu analysieren.

Von den Rabbitromanen kannte ich bislang nur den ersten namens Rabbit, Run (dt. Hasenherz). Den habe ich in den letzten

von Michelle Kinsey Bruns [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)%5D, via Wikimedia Commons

Tagen noch einmal auf Englisch gelesen. Als guten Vorsatz für dieses Jahr habe ich mir vorgenommen alle 5 Teile zu lesen, partly in English and in German. Der zweite Teil „Unter dem Astronautenmond“ wurde heute für 0,35 € bestellt und müsste bald eintreffen.

  • 1960: Rabbit, Run (Hasenherz)
  • 1971: Rabbit Redux (Unter dem Astronautenmond)
  • 1981: Rabbit is Rich (Bessere Verhältnisse)
  • 1990: Rabbit at Rest (Rabbit in Ruhe)
  • 2002: Rabbit Remembered (Rabbit, eine Rückkehr)

(Fortsetzung folgt)