BURNING THE DAYS (1997) – James Salter

(Meet James Salter – Open Road Media)

„I admire myself more on the page than I do in reality. I didn’t want to become too masculine a writer, because my life had been masculine.“

„It comes a time in life when you realize that everything is a dream. Only those things that had been written down have any possibility of being real. That’s all that exists in the end. What’s been written down.“

Der 1925 geborene amerikanische Autor James Salter ist hierzulande fast ein Unbekannter. Seit den 50er Jahren schreibt er Romane, Kurzgeschichten, Drehbücher und hat mit Burning the Days bereits 1997 seine Autobiographie hingelegt. Da war er 72. Falls die Bezeichnung „second-rank writer“ jemals auf ihn zugetroffen haben mag, dann ist er in den letzten Jahren, v.a. auch seit der Veröffentlichung des hochgelobten Romans All That Is (2013), definitiv in die erste Liga aufgestiegen.

Ich habe mich seiner Autobiographie mit einigen Vorbehalten genähert. Mir war bekannt, dass er als junger Mann in einer Militärakademie ausgebildet und danach in Europa und Korea als Kampfflieger eingesetzt worden ist. Ehrlich gesagt, stand mir der Sinn überhaupt nicht nach Heldentum und Kriegsglorifizierung, noch weniger nach unreflektierter Konstruktion amerikanischer Männlichkeit und der notgedrungen damit einhergehenden Objektivierung der verfügbaren Frau. Geschichten über das Gefangensein in tradierten Geschlechterrollen. Soweit meine Vorurteile dieser Generation an Männern gegenüber. Was mich reizte, war die Frage, warum er eine vielversprechende Karriere beim Militär für die Schriftstellerei geopfert hat und inwiefern die Kriegserfahrung für seine Geschichten von Bedeutung ist.

Gleich vorweg: meine Vorurteile fanden in der Autobiographie allesamt Bestätigung. Dennoch konnte ich es dem Autor verzeihen und darüber hinweglesen, denn ich hatte den Eindruck, dass gleichzeitig immer eine stark ausgeprägte Sensibilität für die Vergänglichkeit des Lebens mitschwingt, die schon fast traurig wirkt, und der Anspruch, in ungeschnörkelter aber immer eleganter Sprache, den verlorenen Lebenswelten und einzigartigen Menschen, die ihn eine Zeit lang begleitet haben, eine verspätete respektvolle Würdigung zukommen zu lassen.

Families of no importance – so much is lost, entire histories, there is no room for it all. There are only the generations surging forward like the tide, the years filled with sound and froth, then being washed over by the rest.

Das Buch ist aufgeteilt in zwei große Abschnitte, zum einen Salters Kindheit und die Zeit beim Militär mit den Jagdfliegereinsätzen, durchzogen von etlichen Frauengeschichten und Verlusten unter Kameraden und Freunden, zum anderen seine Zeit als Schriftsteller und die Kontakte zu anderen Künstlern, Schauspielern (u.a. Robert Redford), Agenten, Produzenten und Frauen, die häufig als „mistress“ eines namhaften Mannes in sein Leben treten.

Ein großer Teil der Autobiographie ist somit eben das, nämlich eine Aneinanderreihung von Charakterskizzen. Manchmal fallen sie länger aus (2-5 Seiten), wie die Beschreibung seines Freundes Robert Phelps, einem Herausgeber und Übersetzer, oder eben sehr kurz, wie die von Yoko Ono, für die er nur einen Absatz übrig hat. Offensichtlich mochte er sie aus irgendeinem Grund nicht besonders.

Der Eindruck entsteht, dass Salter vor allem in den Geschichten seiner Freunde und Bekannten lebt. Wenig erfährt man über ihn selbst, sein Privat- oder Innenleben. Über den Tod seiner Tochter und die Auswirkungen, die dieser Schicksalsschlag auf ihn gehabt haben muss, erfährt der Leser nur am Rande. Er hält es nie länger als 1-2 Absätze aus, dann taucht schon wieder eine andere Figur am Horizont auf, deren Familien-, Krankheits- oder Lebensgeschichte er sich dann seitenlang widmet. Auf Dauer wirkt das ermüdend, weil auch hier die äußere Beobachterhaltung dominiert.

Was die Autobiographie auszeichnet, ist v.a. die sprachliche Gestaltung. Schon im ersten Teil wird deutlich, dass Salter nicht nur schön, sondern v.a. auch spannend schreiben kann.

One of the initial things I did when I went up without a chase plane in an F-86 was climb to altitude and shut the engine off. The sky suddenly flooded with silence, the metal deadweight. Calmly, though my fingers were tingling, I went through the steps to restart it, air start, it was called.

Da ist kein Wort zuviel, trotzdem erschließt sich die Gefühlswelt auf eigentümliche Weise erst zwischen den Zeilen. Die Bedeutung der obigen Szene ist mir erst richtig bewusst geworden, als ich am nächsten Tag morgens in eisiger Kälte versuchte, den blöden Motor meines Autos zu starten. Der wollte aber nicht und plötzlich erinnerte ich mich an diese Schilderung aus dem Buch, stellte mir vor, ich befände mich mit dem Karren in 1000 Meter Höhe.

Salter gelingt es in seinen Memoiren, eine vergangene Ära, die Mitte des 20. Jahrhunderts, in klarer und gleichzeitig sensibler Weise, wiederzubeleben. Er beantwortet die Frage, was es bedeutet hat, in dieser Zeit gelebt zu haben. Eine verlorene Welt erscheint in neuem Lichte in der Vorstellung des Lesers, gleichzeitig hört man aber auf jeder Seite „das Ticken der Uhr„, wie ein Rezensent geschrieben hat.

Ich denke, hier liegt neben den sprachlichen Vorzügen die Stärke des Buches. Ist es in der ersten Hälfte der Memoiren v.a. die Suche nach Ruhm und Ehre, die Unsterblichkeit des namhaften Kriegshelden, die ihn antreibt, so wird diese Suche gleichzeitig durch die Weisheit des vorangeschrittenen Alters, das ernüchterte Wissen um die Vergänglichkeit allen weltlichen Ruhmes gebrochen und schweigend zu Grabe getragen – sic transit gloria mundi.

Das Militär kann zwar dem Helden Unsterblichkeit verleihen, aber nicht dem Menschen, und schon gar nicht den Opfern. Ich denke, diese Einsicht schwingt in Burning the Days immer mit. Vielleicht ist es auch ein persönliches Eingeständnis, dass dieser Ruhm für ihn unerreichbar geblieben ist. Der zugrunde liegende Konflikt ist der zwischen dem Streben nach Erfolg und Ruhm, und der Einsicht in die längerfristige Bedeutungslosigkeit eines solchen Strebens.

Zuguterletzt noch ein Youtube-Video mit einem Live-Mitschnitt aus einer Lesung in New York. In den ersten 6 Minuten berichtet Salter über die Entstehungsgeschichte seiner Memoiren. Humor hat er und so könnte ich ihm stundenlang zuhören, vermutlich auch deshalb, weil man ahnt, dass er genau das macht, was er am besten kann.

Robert Seethaler – Ein ganzes Leben

WIN_20141213_142507Es ist schon Ewigkeiten her, dass ich an einem einzigen Nachmittag ein ganzes Buch in einem Rutsch komplett durchgelesen habe. Der etwa 150 Seiten umfassende Roman von Robert Seethaler ist ein solcher Pageturner. Und jetzt die Frage, die mich seit der Lektüre umtreibt: Wie schafft es ein kleiner, unaufgeregter Roman, der das Leben eines österreichischen Seilbahnarbeiters mit Hinkebein beschreibt, so zu fesseln?

Eine Antwort kann ich heute leider nicht anbieten. Vielleicht sind es ganz einfach die „großen Themen“ der Literatur, Leben, Sterben und Tod, die, egal in welcher noch so unspektakulären Geschichte verpackt, uns alle ansprechen? Ich weiß es nicht. Ich werde dieses Geheimnis einfach unangetastet lassen, denn es gehört für mich zur Schönheit des Buches.

Andreas Egger, der Protagonist, wird Ende des 19. Jahrhunderts als vierjährige Waise in die österreichischen Berge zum Großbauern Kranzstocker gebracht, da seine Mutter aufgrund ihres „flatterigen“ Lebenswandels vom „lieben Gott mit der Schwindsucht gestraft und heimgeholt worden war“. Auf dem Kranzstocker-Hof dient er fortan mit seiner jungen Arbeitskraft und als Prügelknabe für die sadistischen Anwandlungen des Alten. Über eine Ochsenstange gehängt, mit dem nackten Hinterteil in die Höhe, drischt Kranzstocker auf den kleinen Jungen ein, den Allmächtigen mit Ausrufen wie „Herrgottverzeih“ als Legitimation für sein Handeln herbeizitierend, bis es eines Tages laut im Körper des Kleinen knackt und sein Bein unwiderbringlich, bis zum Ende seines Lebens, beschädigt bleibt.

Es ist eine archaische, alttestamentarische Welt, die Seethaler heraufbeschwört. Eine Hölle auf Erden in wunderschön, schneebedeckter Alpenlandschaft. Der kalte Schnee und der eisige Winter scheinen die heißen Gefühle der Menschen einzufrieren. Rechtschaffenheit heißt, die Aufgaben und Herausforderungen, die das Leben oder Gott an einen stellt ohne Murren oder Empörung anzunehmen. Sonst straft einen Gott oder seine selbsternannten Stellvertreter auf Erden. Manchmal sind es auch die unbarmherzigen Naturgewalten, die diese Aufgabe übernehmen. Mit dieser Einstellung wandelt Egger fortan durch sein Leben. Er ist zu einer zuverlässigen, ausdauernden und bescheidenen Arbeitskraft geworden.

Die Geschichte reiht bedeutsame Episoden im Leben des Andreas Egger aneinander, so als würde sein Leben noch ein letztes Mal an ihm vorüberziehen. Die Zeit bei Kranzstocker, seine erste und einzige Liebe Marie, die, schwanger, von einem Erdrutsch in den Tod gerissen wird, sein mehrjähriger Aufenthalt in einem russischen Strafgefangenenlager, die Arbeit für die Firma „Bittermann und Söhne“, die das Tal durch den Bau von Seilbahnen touristisch erschließt und letztendlich auch für den Erdrutsch verantwortlich ist, der Marie umbringt, obwohl sich Egger diesen Zusammenhang niemals bewusst machen wird, seine Zeit als Wanderführer nach dem zweiten Weltkrieg in den touristisch erschlossenen Alpen, sowie eine leidenschaftslose Bekanntschaft mit einer pensionierten Dorfschullehrerin.

Eggers komplettes Desinteresse in dieser Szene läutet das Ende des Buches ein. Er hat sich behelfsmäßig in einem alten Schafstall eingerichtet, sucht die Ruhe. Ein rostiger Holzofen und ein Fenster mit Blick auf die Berglandschaft und das weiter unterhalb liegende Dorf mit seinem geschäftigen Treiben, sind die bescheidenen Wohltaten in seinem Leben. Eines Tages trägt eine Gruppe an Skitouristen eine eingefrorene und reichlich mitgenommene Leiche ins Tal, die sie – Ötzi lässt grüßen – in einer Gletscherspalte gefunden haben.

Die Geschichte findet hier wieder Anschluss an die Einstiegsszene des Buches, denn Egger kennt den Mann. Es ist der Ziegenhirte Hörnerhannes, den er mehrere Jahrzehnte zuvor todkrank aus seiner Hütte geholt hatte, um ihn ins Dorf zu bringen. Ein Gespräch über den Tod hatte sich zwischen den beiden Männern entsponnen, wobei ihm der Hörnerhannes über „Die Kalte Frau“ berichtet, als Personifizierung des Todes und Ausdruck der dunklen, mythologischen Vorstellungs- und Glaubenswelt bäuerlicher Kultur im vorindustriellen Europa:

Die Kalte Frau, wiederholte der Hörnerhannes. Sie geht über den Berg und schleicht durchs Tal. Sie kommt, wann sie will, und holt sich, was sie braucht. Sie hat kein Gesicht und keine Stimme. Die Kalte Frau kommt und nimmt und geht. Das ist alles. Im Vorbeigehen packt sie dich und nimmt dich mit und steckt dich in irgendein Loch. Und im letzten Stück Himmel, das du siehst, bevor sie dich endgültig zuschaufeln, taucht sie noch einmal auf und haucht dich an.

Kurz darauf springt ihm der Hörnerhannes von der Trage und rennt auf Nimmerwiedersehen ins Schneegestöber.

Besonders schön finde ich, dass das Buch nicht mit dem Tode Eggers einfach endet, sondern noch eine Szene eingefügt wird, die sechs Monate vor seinem Tod stattgefunden hat, in der sich Egger auf einen Spaziergang in die Berge begibt und sich ein erster Schnee vom Himmel senkt.

So, eigentlich möchte ich jetzt gar kein Resumé schreiben und eine Beurteilung oder Kaufempfehlung abgeben. Das wäre ziemlich unangemessen, finde ich. Vielleicht nur eine Kleinigkeit, die mir beim Lesen auffiel, nämlich, dass einem der Andreas Egger trotz aller Nähe in der Erzählung doch immer bis zum Ende ein Fremder bleibt. Manchmal bin ich geradezu aufgeschreckt, wenn er plötzlich anfing zu reden, was selten genug vorkommt, und seine schroffen Worte einen so ganz anderen Charakter vermuten lassen, als es die Erzählung tut.