Bildergeschichte zum Wochenende: Willkommen PURITY und Mr. Franzen

BILDERGESCHICHTE ZUM WOCHENENDE

Heute:

Willkommen Purity und Mr. Franzen

They had fled a country far away in the West, hoping for a fresh start and a new life, in a safe place, among friendly people known for their Willkommenskultur.

  1. Holy Sh*t! So many pages. Who’s going to read all this??

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2. Sorry, we are already full to the brim!

Sorry, we are already full to the brim!

3. A provisional solution had to be found asap. Winter, the cold season, being on its way.

Thank god almighty, safe at last: One of our volunteers offered a spare bed under a solid roof.  We heave a sigh of relief and say: „Please make yourself at home“.

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4. After having read the first few pages, Emil, the mischievous cat, instantly fell in love with Purity.

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5. It has been an exciting and adventurous first day for our new friends in the new country. We say: „Good night & sweet dreams, Purity und Mr. Franzen!“

„Thank you so much!“

„You’re welcome.“

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THE END

ALZHEIMER & CO. // Jonathan Franzen – My Father’s Brain (2001)

WIN_20150106_100527My Father’s Brain“ (2001) ist der erste von 14 Essays in der Aufsatzsammlung „How to Be Alone“ (2002) des Amerikaners Jonathan Franzen.

Das verbindende Element der Essays, so schreibt er in seinem Vorwort, sei das Problem, in einer lärmenden, oberflächlichen und permanent die Aufmerksamkeit zerstreuenden Massenkultur, die eigene Individualität und Komplexität zu bewahren. Es geht also um die Frage, wie man es noch schaffen könne, alleine und bei sich zu bleiben, anders zu sein als das, was als „die Norm“ betrachtet werde.

Ein Bezug zu den Erfahrungen mit seinem an Alzheimer erkrankten Vater Earl scheint zunächst nicht unbedingt naheliegend. Er kristallisiert sich aber während der Lektüre langsam heraus. Kämpft das Individuum in einer verflachten Massenkultur um seine Souveränität und Würde, so verlagert sich dieser Kampf des Individuums gegen den fortsschreitenden Verlust der erwachsenen Identität in „My Father’s Brain“ in den Körper des Alzheimerkranken.

Durch die Krankheit regrediert der Geist des Kranken nach und nach auf das Niveau eines Kleinkindes oder Babys. Der schleichende Prozess kann bislang nicht aufgehalten werden. Dennoch gibt es Einzelne, wie Franzens Vater, die sich nicht einfach hängen lassen wollen. Er führt, für sein Umfeld zunächst nicht sichtbar, Kämpfe gegen die Desintegration der geistigen Funktionen. In diesem Kampf gegen den körperlichen Verfall zeige sich, so Jonathan Franzen, seine persönliche Charakterstärke und die immer unabhängig von biologischen Verschleisserescheinungen durchschimmernde Menschlichkeit.

Mental health is a matter of discipline

so die Meinung seines Vaters.

Jonathan Franzen (2010) // von Lesekreis (Eigenes Werk) [CC0], via Wikimedia Commons

Franzen erkennt das Aufbegehren des Vaters gegen das

Vergessen und die Regression erst, als er nach dessen Tod Briefe von ihm findet, die er nicht abgeschickt hat, wie z.B. an seinen 6-jährigen Enkel Nick. Geschrieben hat er sie in einer Phase, als er sich bereits in Behandlung befand. Earl erinnert seinen Enkel mehrfach an die Wichtigkeit des Schreibens und entschuldigt sich dafür, dass er es selbst nicht mehr richtig hinbekomme.

Für Franzen drücken die Briefe das Verantwortungsgefühl seines Vaters aus, den Wunsch sich mithilfe des Schreibens doch noch zusammenreißen zu können, seine Identität und das, was ihn ausmacht für die anderen zu bewahren.

Durch den konzentrierten Akt des Schreibens gelingt es dem Individuum sich gegen die Auflösungstendenzen des Geistes sowie die Reizüberflutung einer marktschreierischen Massenkultur zur Wehr zu setzen. Im übertragenen Sinne ist das Schreiben eine Auflehnung gegen die Reduzierung des Humanen auf die infantile, konsumgesteuerte Bedürfnisbefriedigung im Zeitalter des Mega-Materialismus, der damit den kleinsten gemeinsamen Nenner einer möglichst großen Zielgruppe bedient.

Unlike many of the female inmates [of his nursing home], who at one moment were wailing like babies and at the next moment glowing with pleasure while someone fed them ice cream, I never saw my father cry, and the pleasure he took from ice cream never ceased to look like an adult’s.

Das Pflegeheim wird hier zu einem Zerrspiegel unserer infantil-regredierten Konsumgesellschaft.

In seinem Essay zeichnet Franzen den trotz seiner Anstrengungen nicht aufzuhaltenden geistigen und körperlichen Verfall seines Vaters nach, die Herausforderungen für die Angehörigen und skizziert die damals aktuellen Forschungsergebnisse zur Alzheimer-Krankheit. Die Tragik der Krankheit wird humorvoll durch die Schilderungen der Eheprobleme seiner Eltern und ihrer Schrullen gebrochen, eine Art „comic relief“, für den man dankbar ist. Franzens Pochen darauf, dass das Gehirn eben nicht nur ein „lump of meat“ sei, dass abseits aller medizinischen Diagnosen und biologisch-chemischer Prozesse das Menschliche immer hinter dem Materiellen aufleuchtet, gibt dem in wohltuend klarer Sprache geschriebenen Essay eine weitere, tiefere Dimension, der ihn von anderen Berichten zu diesem Thema untersscheidet.

FRAUEN IN DER WILDNIS // Paula Fox – Desperate Characters (1970)

DSCN7916Mein kleiner Kater Emil, braver Junge, der er ist, kommt hier freundlicherweise meiner Bitte nach, für das neueste Blogfoto einen auf „tollwütige Katze“ zu machen, gähnend zwar, aber er macht das viel besser als die Katze auf dem Buchcover des Norton Paperback, finde ich.

Eine vermeintlich tollwütige Katze spielt in Paula Fox‚ 1970 veröffentlichten Roman „Desperate Characters“ (dt. Was am Ende bleibt) eine nicht unwesentliche Rolle.

Das gut situierte und gebildete Ehepaar Otto und Sophie Bentwood führt ein wohlgeordnetes, spießiges Leben in einem langsam vor die Hunde gehenden Stadteil New Yorks. Die erwünschte Idylle des American Dream, in den eigenen vier Wänden zur Perfektion getrieben, bröckelt bereits zu Beginn der Geschichte und führt zu Irritationen: der zunehmende Müll in den Straßen, aufmüpfige Hippiesöhne und -töchter des befreundeten Paares Holstein, ein Nachbar, der nachts ungeniert aus seinem Schlafzimmerfenster pinkelt, schwarze Obdachlose, die sich in die gepflegten Vorgärten übergeben, Steine, die in Fensterscheiben geworfen werden,  und vieles mehr.

There was still refuse everywhere, a tide that rose but barely ebbed. Beer bottles and beer cans, liquor bottles, candy wrappers, crushed cigarette packs, caved-in boxes that had held detergents, rags, newspapers, curlers, string, plastic bottles, a shoe here and there, dog feces. Otto had once said, staring disgustedly at the curb in front of their house, that no dog had deposited that.

„Do you suppose they come here to shit at night?“ he had asked Sophie.

Man hat den Eindruck, das Paar lebe in einer urbanen Frontiersituation, die sich vor allem klassen- und generationenspezifisch manifestiert. Umgeben und bedrängt von eben jenen verrohten Desperate Characters, die der Originaltitel ankündigt, weshalb ich den deutschen Titel mit seiner Konzentration auf die Weltuntergangsstimmung des Paares etwas fehlgeleitet finde, obgleich natürlich beide im Verlaufe der Geschichte von den Entwicklungen nicht unberührt bleiben.

Das Fass läuft für die Bentwoods über, als eine streunende Katze, die an der Terrassentür um Futter bettelt, Sophie in die Hand beisst, und sich Ottos Geschäftspartner, Charlie Russel, von ihm trennt, da sich Otto weigert, die sozial benachteiligte Klientel zu vertreten.

Die Ungewissheit der Bentwoods über den Ausgang der neuen Entwicklungen überschattet den Roman und spiegelt die Verunsicherung angesichts der kulturellen und gesellschaftlichen Veränderungen der späten 60er Jahre in den USA wider, die von ihnen als Vertreter der konservativen middle-class v.a. als krankhafter und bedrohlicher Werteverfall wahrgenommen werden.

Das anfängliche Wegschauen funktioniert schon lange nicht mehr. Die Inneneinrichtung des gemeinsamen Ferienhauses am Atlantik, wohin die beiden flüchten, wurde von Jugendlichen zertrümmert. Jemand hat vor den Kamin geschissen. Sophie nimmt eine Schaufel und schleudert die Hinterlassenschaft weit weg in die offene Landschaft.

It’s like flushing the toilet just before the Titanic goes down,“ he [Otto] said.

Obwohl Paula Fox ihre Charaktere immer ernst nimmt, kann man sich doch des Eindrucks einer untergründigen Schadenfreude angesichts der Herausforderungen, die den beiden gestellt werden, nicht erwehren. Die Bentwoods werden permanent provoziert, steter Tropfen höhlt den Stein, mit dem Ziel, so scheint es, ihre Grenzen auszutesten und sie damit zur Weißglut zu treiben. Oder wie es Jonathan Franzen in seinem Vorwort zur Neuauflage von 1999 schreibt: „Desperate Characters is a novel in revolt against its own perfection.“

Man ahnt, dass die Heilung für die Bentwoods nur darin bestehen kann, die verdrängten Schattenseiten ihres geordneten Lebens anzusehen und auch mal die „Drecksau“ rauszulassen. Letztendlich gelingt die Emanzipation jedoch nur punktuell in einem Wutausbruch Sophies gegenüber einer alleinstehenden Bekannten, die sie als „dumb old collapsed bag“ bezeichnet, worauf diese mit „you filthy cunt“ reagiert, sowie einer ehelichen Vergewaltigung durch Otto. That’s not nice. Tags drauf geht das Leben weiter wie bisher.

Wie auch John Updike in seinen Rabbit-Romanen, maßt sich Paula Fox in ihrem Sittengemälde der amerikanischen Mittelklasse der späten 60er Jahre kein hämisches Urteil über ihre Figuren an. Es erfolgt jedoch keine offensichtliche ironische oder parodistische Brechung der Erzählung wie bei Updike. Fox‘ Figuren unternehmen immer mal wieder kleine Ausbruchversuche aus ihrer langweiligen Existenz, aber letztendlich sind es die ungewollten, beängstigenden „Einbrüche“ in die Komfortzone ihres Ehegefängnisses, die ihnen ansatzweise die Möglichkeit offerieren, ihre Persönlichkeit weiterzuentwickeln.

Abschließend noch ein Wort zur berühmten „Tintenfass-Szene“ am Ende des Romans. Das Telefon klingelt, es ist Charlie Russel, der in verzweifeltem Zustand Otto verlangt, dieser verweigert sich jedoch.

They could both hear Charlie’s diminished voice like an insect cry.

„I’m desperate!“ screeched the round black hole.

‚“He’s desperate!“ Otto shouted. […] His arm shot out and he grabbed it [the ink bottle] and flung it violently at the wall. Sophie dropped the phone on the floor and ran to him. […]

The voice from the telephone went on and on like gas leaking from a pipe. […] They both turned toward the wall, turned until they could both see the ink running down to the floor in black lines.

In seinem Vorwort interpretiert Jonathan Franzen diese Szene so:

„When Otto hurls the ink bottle, both seem to be revolting against an unbearable, almost murderous sense of the importance of their words and thoughts.“

Hm, wie nicht selten bei Franzen, den ich als Schriftsteller durchaus schätze, habe ich den Eindruck, dass mir das jetzt nichts sagt. Genauso wenig wie sein abschließendes Resumé:

„…as if out of  nowhere, I do get the ending – I feel what Otto Bentwood feels when he smashes the ink bottle against the wall – and suddenly I’m in love all over again.“

Schön für ihn.

Mir kam stattdessen natürlich der gute, alte Luther in den Sinn, der, in der Wartburg zu seiner eigenen Sicherheit eingesperrt war und sich während der Übersetzung der Bibel vom Teufel belästigt fühlte, und dann sein Tintenfass gegen die Wand schmiss. So die Legende. Den in Laufe der Geschichte mehrfach nachgezeichneten Flecken kann man heute noch bestaunen. Auf dem Foto ist er leider nicht zu sehen. Was

Die Lutherstube in der Wartburg. (von Ingersoll (Selbst fotografiert) [Public domain], via Wikimedia Commons)

Otto und Sophie jedoch bei der Bekämpfung ihrer Teufel produzieren, sind senkrechte Linien, die sich, wie schwedische Gardinen, in ihrem selbstgewählten Gefängnis langsam herablassen. Und das ist dann auch der abschließende Kommentar der Erzählung. Diese Leute sind nicht bereit für Veränderungen und werden sich auch niemals ändern. Sie lassen sich von ihren Ängsten beherrschen und einsperren.

So, ich habe zwar schon knapp 1000 Wörter erreicht und somit mein Limit fast überschritten, aber ein paar Worte zur Autorin dürfen hier nicht fehlen. In diesem Zusammenhang geht ein „Danke“ an Drittgedanke, deren Blogbeitrag mich veranlasst hat, Paula Fox zu lesen. Paula Fox ist inzwischen 91 Jahre alt und hat in ihrem Leben etliche Romane und noch mehr Kinderbücher geschrieben.

Sie (die übrigens die Großmutter von Courtney Love ist) wird seit ein paar Jahren häufig in einem Atemzug mit James Salter (Burning the Days) genannt. Beide Autoren haben lange Zeit nicht die Anerkennung erhalten haben, die ihnen gebührt. Wie kommt es, dass man ihre Romane jetzt wieder ausgegraben hat, v.a. in Deutschland und Frankreich? Worin liegt ihre Aktualität? Ehrlich gesagt, ich weiß es auch nicht. Ich könnte mir vorstellen, dass in Deutschland das Interesse an Geschichten des Kleinbürgers (s. Lenz und Co.) nachgelassen hat. Es braucht neue Stimmen, um die Ängste einer aufgrund ökonomischer Bedingungen dramatisch dahinschrumpfenden Mittelschicht einzufangen, die ihre Werte und ihren Lebensstandard durch die vermeintliche Islamisierung der Gesellschaft bedroht sieht und nun das Ende des Abendlandes heraufbeschwört. Diese Ängste vor dem drohenden Verlust der Gemütlichkeit und Sicherheit, das soziale Abrutschen in ärmere Milieus, spiegelt der Roman von Paula Fox überzeugend wider.

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