The End of the End of the World (2016) – Jonathan Franzen

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Was haben ein Königspinguin und Jonathan Franzen gemeinsam? Beide gehören der großen Gruppe der Tetrapoden an und haben bereits Fuß auf die Antarktis gesetzt. Man könnte noch ergänzen, dass beide auf ihre eigene Art ja auch irgendwie süß sind. Meine Mutter meinte kürzlich, mit Blick auf ein Autorenbild, Jonathan Franzen sei ein „interessanter Mann“. Womit sie recht hat, gelesen hat sie ihn allerdings noch nicht, was aber auch nicht wichtig ist, denn es ging ihr mit dieser zustimmenden Geste darum, an einer gesunden Mutter-Tochter-Beziehung zu arbeiten.

Bevor jetzt die strengen Ornithologen unter den Leser*innen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sich fremdschämend abwenden, möchte ich noch schnell darauf hinweisen, dass auf dem Beitragsbild natürlich kein Königspinguin abgebildet ist, sondern, vermutlich, ein Rotschnabelpinguin (pygoscelis papua), in English: gentoo penguin. Auf jeden Fall hängt die Postkarte schon ein paar Jahre am Durchlauferhitzer im Badezimmer.

In seinem neuen Essay, der vor etwa drei Wochen im New Yorker erschienen ist, zieht es den Autor in die bittere Kälte, ans Ende der Welt, in die Antarktis. Die Frage, weshalb es ihn unter allen Reisezielen der Welt genau dorthin verschlägt, lässt sich für Franzen nicht so leichterdings beantworten. Sein Onkel Walt hat ihm eine Erbschaft hinterlassen, der Gedanke kommt ihm daraufhin spontan in den Sinn.

Aus dieser einen Entscheidung erwächst ein ganzer Strauß an Erinnerungen und eine im Laufe der Geschichte dräuende Vision des Älterwerdens, und zwar nicht nur seines eigenen, sondern auch das der gesamten Menschheit auf ihrem einzigen Planeten. Die Geschichte lässt sich aber auch wie ein Märchen lesen, von einem, der auszog, um das Staunen und Lieben (neu) zu (er)lernen.

Mit Onkel Walts Tod und der Aussicht in die Antarktis zu reisen, taucht ein ganzer Rattenschwanz an Verlusterlebnissen wieder aus der Versenkung auf, die im Leben des Autors bedeutsam waren. Schon beim Kofferpacken in Kalifornien überkommt ihn nicht etwa ein Gefühl der Vorfreude, sondern eher eines der absurden Realitätsferne. Während Franzen drei Wochen lang auf einem Luxusliner einer Lindblad National Geographic Expedition von Argentinien aus Richtung Antarktis, Falkland Inseln und Südgeorgien fährt, fügen sich die Erinnerungen in die  Schilderungen des eher monotonen Ablaufes an Bord nach und nach in die Geschichte ein:

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Der frühe Tod der Cousine Gail, Walts Tochter, die bei einem Autounfall ums Leben kam; der Tod seiner Tante Irma, Walts Frau, die sich vom Tod ihrer Tochter nie erholen wird, den ganzen Schmerz erst als regredierte Alzheimerkranke durchlebt; Franzens Eltern, beide ebenfalls tot; der nahende Tod der Mutter seiner Lebensgefährtin („The Californian“), die, um ihre Mutter pflegen zu können, nicht mit auf die Reise in die Antarktis kommen will.

„I felt as if we were alone in the world and being pulled forward toward the end of it, like the Dawn Treader [Reisender der Morgenröte] in Narnia, by some irresistible invisible current.“

Franzens Mutter spielt eine besondere Rolle. Sie ist es, die noch zu Lebzeiten von ihrem Sohnemann die Einhaltung familiärer Pflichten einfordert und ihn auffordert, mit den Eltern Onkel Walt und Tante Irma in ihrem sterilen Haus in Dover zu besuchen. Eine kalte Todeszone, wie die Antarktis, erwartet ihn, wobei die Tante wie eine Eiskönigin in ihrem Reich regiert.

… my mother conveyed to me an invitation from Irma and Walt […] along with her own strict instruction that I say yes. In my imagination, the house in Dover was an embodiment of the zone of bad truth im my head. I went there with a dread which the house proceeded to justify. […] My aunt’s hair was pure white and looked as stiff as the curtains.

Es wird schnell klar, dass ihn ein ausgeprägtes Pflichtgefühl, es der Mutter selbst nach ihrem Tode noch recht zu machen, ins Eis treibt. Was der jugendliche Jonathan Franzen noch nicht sehen konnte, was er aber Jahrzehnte später auf seiner Reise in die Antarktis plötzlich erkennt, ist, dass die Mutter vor allem Onkel Walt eine Freude bereiten wollte, mit dem sie kurz vor ihrem Tod noch eine Liebesbeziehung eingeht. Beide waren „optimistic lover[s] of life, long married to a rigid and depressive Franzen.“ Diese Einsicht führt bei ihm zu einer differenzierteren Sichtweise der alten, voller Vorurteile belegten Eiszone der Vergangenheit. Franzen kann Onkel Walt mit den Augen seiner verliebten Mutter betrachten.

He had a heart full of love and had given it to his broken wife, and I was moved not only by the tragedy but by the ordinary humanity of the man at the center of it. […]  I wondered if my mother had seen in him what I’d now seen, and had loved him for it.

Mit dieser neuen Wahrnehmung ausgestattet, ist der Autor offen für die Schönheiten der Antarktis. Diese Entwicklung mutet etwas konstruiert an, aber die Schilderungen der Pinguine und des blauen Eises sind wirklich das Sahnehäubchen des Essays, allein dafür lohnt sich schon die Lektüre.

Sheltered from wind, the water was glassy, and under a solidly gray sky it was absolutely black, pristinely black, like outer space. Amid the monochromes, the endless black and white and gray, was the jarring blue of glacial ice.

In seiner Beschreibung eines Kaiserpinguins, der auf dem Schiff für große Aufregung sorgt, beweist Jonathan Franzen, dass Worte die Schönheit der Natur oftmals eindrucksvoller wiedergeben können, als die immer wieder gleichen Hochglanzfotos, die bis zum Erbrechen mit Photoshop aufpoliert werden, und für die das National Geographic Magazin ja auch hinlänglich bekannt ist.

And here was an image so indelible that no camera was needed to capture it: the emperor penguin […] faced the press corps in a posture of calm dignity. After a while, it gave its neck a leisurely stretch. Demonstrating its masterly balance and flexibility, and yet without seeming to show off, it scratched behind its ear with one foot while standing fully erect on the other.

Die – ich nenne es einfach mal – „Märchenthematik“ entwickelt sich eingebettet in den schlaglichtartig und anekdotenhaft wiedergegebenen Erlebnissen auf dem Luxusliner. In ihrer Gesamtheit spiegeln sie die gedämpfte Monotonie wieder, welche Ergebnis eines immer wieder auf’s Neue abgespulten Unterhaltungsprogramms für wohlhabende Erwachsene jenseits der 50 ist, die die Verantwortung abgeben, sich umsorgen lassen wollen und somit freiwillig in die Regression begeben. Thomas Manns „Zauberberg“ lässt grüßen.

DSC_0135Das Reiseschiff wird somit einerseits zur Kinderstube, andererseits aber auch zu einem Altenheim auf See. Der Essay liefert einen Vorgeschmack auf einen Altersruhestand in geistloser Langeweile, wie er für geistig aktive Menschen, die es auch bleiben wollen, nur ein Graus sein kann, aber doch irgendwie von der Mehrheit der Menschen herbeigesehnt wird.

In einem Exkurs zur Ökologie der Antarktis und den Auswirkungen des Klimawandels auf diese Region, entwirft der Autor jedoch, jenseits aller persönlichen Visionen des eigenen Älterwerdens, noch ein größeres Bild, eine durchschimmernde Vision vom Schrecken einer zukünftigen Welt, die sich der Mensch ganz nach seiner eigenen Logik selbst erschaffen hat. Diese Welt ist real gekennzeichnet durch das Abschmelzen der Eiskappen, das Verschwinden ganzer Arten und Lebensräume, bar aller Vielfalt, Überraschungen und liebenswerter Andersartigkeit, eine Leere, ein Nichts, eine neue Todeszone.

Die Zukunft der Menschheit im Schatten des schleichenden Klimawandels liegt in greifbarer Nähe. Vielleicht braucht es eine besonders ausgeprägte Sensibilität, um die Folgen bereits jetzt schon wahrzunehmen, aber leugnen lassen sie sich nicht mehr. Jonathan Franzen besitzt diese Sensibilität, zeigt in seinem Essay aber auch, dass die dem modernen Menschen eigene, passive Konsumentenhaltung letztendlich dafür sorgt, dass die notwendig drastischen Maßnahmen nicht umgesetzt werden können. Eine unbequeme Wahrheit kann so keine Veränderung herbeiführen, man flüchtet vor ihr, z.B. auf eine Arche Noah für weiße, wohlhabende US-Amerikaner in der zweiten Lebenshälfte.

Trotz (bzw. wegen) des pessimistischen Grundtenors ist der Essay von Jonathan Franzen das beste, was ich seit langem gelesen habe, und er erinnert die Post-Babyboomer-Generation an ihre besondere Verantwortung, als letzte Generation mit der Möglichkeit, auf diesem Planeten das Ruder doch noch herumzuwerfen, damit der alte Kahn nicht absäuft.


Bilder:

  1. Beitragsbild zeigt eine Postkarte mit einem Bild von A. Schumacher
  2. Alle anderen Bilder von almathun

 

 

 

 

ALZHEIMER & CO. / Iris: A Memoir – John Bayley (1998)

DSC_0039Ist Iris Murdoch (1919-1999) heutzutage nur noch wegen ihrer Alzheimer Erkrankung ein Thema? Ich hatte ihren ersten Roman „Under the Net eher teilnahmslos gelesen, trotzdem fasziniert mich da etwas. Ist es das Wissen um ihre Biographie oder sind es doch die untergründig fortwirkenden Texte einer bedeutenden Schriftstellerin?

In den 80er Jahren, als man unter dem Druck gesellschaftlicher Veränderungen in Deutschland endlich anfing, vermehrt Literatur von Frauen auf den Markt zu bringen, wie bei Herbststeib schön nachzulesen, entdeckte man auch die Anglo-Irin Iris Murdoch als eine Stimme, die sich nicht so recht in die gängigen Klischees des „ewig Weiblichen“ einordnen ließ und die trotzdem gesellschaftliche Anerkennung erfahren hatte.

Es ging – vermute ich mal – um alternative Rollenvorbilder, weniger um die Romane selbst. Ich selbst war zu jener Zeit noch ein Kind, von meiner Mutter in stabile Cordhosen und praktische Gelee-Sandalen zum Herumtoben gesteckt, und kann es nicht wirklich beurteilen.

Was an Iris Murdoch überhaupt noch interessiert: Werk oder Biographie, fragte ich mich auch bei der Lektüre von Jonathan Franzens aktuellem Roman „Purity“. Der Name Iris Murdoch taucht hier zweimal auf. Die Mutter von Andreas Wolf, dem sexsüchtigen Ostdeutschen und späteren Internet-Leaker, ist Anglistikprofessorin in der DDR, ihr Mann ein einflussreicher Parteifunktionär. Sie ist von Murdoch begeistert und frohlockt, als im Regal ihres Sohnemanns Iris Murdoch entdeckt.

„You have books I’d like to borrow,“ she said, moving to his shelves. „It does my heart good to see how many of them are English.“ She pulled a title off a shelf. „Do you admire Iris Murdoch as much as I do?“

Iris Murdoch war in ihren jungen Jahren Kommunistin. 1987 ließ sie sich von der Queen zur Dame Commander of the Order of the British Empire erheben. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Eine Frage, die ich Jonathan Franzen nach der Lesung in Hamburg gerne gestellt hätte, aber leider unwirsch davon abgehalten wurde, wäre die nach Iris Murdoch gewesen. Franzens Vater hatte Alzheimer (My Father’s Brain) wie Murdoch. Pip, die sympathische Protagonistin aus  „Purity“ kann, wie auch ihre Mutter Anabel, hervorragend riechen. Anders Iris Murdoch, die, wie wir von ihrem Mann John Bayley in „Iris: A Memoir“ erfahren, keinen Geruchssinn hatte, wie es bei Alzheimer und Demenz nicht selten vorkommen kann, aber das scheint Bayley nicht bewusst gewesen zu sein.

Either sex may or may not be able to feel the pleasure or pain of other persons, just as either sex can possess or lack a sense of smell. Iris, as it happens, has no sense of smell, and her awareness of others is transcendental rather than physical.

Der Bezug zu Iris Murdoch wird bei Franzen als Mittel der Charakterisierung zweier eher unsympathischer Figuren verwendet. Die linientreue Anglistikprofessorin und ihr mordender Sohn sind nach der Wende in der Lage, ihre Vergangenheit erfolgreich zu vertuschen. Die Vorliebe für Murdoch ist hier Ausdruck einer Affinität für Personen, die sich aufgrund einer Alzheimer-Erkrankung nicht mehr ihrer Vergangenheit stellen müssen. Für die Wolfs gibt es jedoch keine „Erlösung„. Beide müssen sich zeitlebens an ihre Vergangenheit erinnern, zerbrechen letztendlich daran. Ohne es von Herrn Franzen selbst gehört zu haben, vermute ich, dass er bei der Erwähnung von Iris Murdoch v.a. die Alzheimer-Erkrankung im Hinterkopf hatte.

Während sich Franzen des Namens Murdoch in symbolhafter Weise bedient, erfährt man in John Bayleys Biographie mehr über den Menschen Murdoch, über ihre Ehe, ihr berufliches und gesellschaftliches Leben in Oxford in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, über die Familie.

Die beiden waren 43 Jahre verheiratet, bis Murdoch 1999 79-jährig verstarb. Der um einige Jahre jüngere Bayley, Literaturprofessor in Oxford, überlebte sie um 16 Jahre, und starb im Januar diesen Jahres. Zwei Bücher hat er über seine Zeit mit Iris Murdoch geschrieben.

DSC_0039Wie es so kommt, eigentlich wollte ich von oder über Iris Murdoch erst einmal nichts mehr lesen, aber dann entdeckte ich dieses Exemplar in der Grabbelkiste des hiesigen Schmuddelantiquariats und griff beherzt zu. Den Film „Iris“ aus dem Jahr 2001, der auf den Schilderungen Bayleys beruht, kann ich leider nicht empfehlen. Kate Winslet als die junge Murdoch ergeht sich zu oft in ihrem antrainierten, viel zu breiten Hollywood-Lächeln. Da kann auch die letztendlich ahistorische Kurzhaarfrisur mit angeföntem, jungenhaftem Strubbeleffekt nichts mehr retten. Erinnerungen an Mel Gibsons Frisur in „Braveheart“ kommen wieder hoch und verderben einem wirklich alles. Schöner und treffender sind da die Beschreibungen Bayleys:

She was looking both absent and displeased. Maybe because of the weather, which was damp and drizzly. Maybe because her bicycle was old and creaky and hard to propel. Maybe because she hadn’t yet met me? Her head was down, as if she were driving on thoughtfully towards some goal, whether emotional or intellectual. I remember a friend saying playfully, perhaps a little maliciously, after she first met Iris: „She is like a little bull.“

In dem, wie ich finde, passenden Bild eines „kleinen Bullen“ erkennt man die Murdoch sofort. Sie entsprach nie den gängigen Vorstellungen eines Vorzeige-„girls“, so Bayley, sondern war halt nur sie selbst, völlig unbeeindruckt vom Geschlechtergeplänkel ihrer Umwelt. Bayley ist nicht der erste, der hervorhebt, dass der Geist des Menschen geschlechtslos ist, und Iris Murdoch war definitiv ein in ihren Studien der Philosophie aufgehendes, vergeistigtes Wesen. Wichtig war es ihr verliebt zu sein. Sex hatte sie auch, aber das lief halt nebenher.

[…] she had remarked with brisk indulgence „Perhaps it’s time we made love,“ and she had shown me how. […] she was much too busy and interested in other things to make a habit of it, so to speak.

Dennoch war in den Augen John Bayleys anscheinend die ganze Welt in seine Iris verliebt. Ob dies tatsächlich so war, wollen wir nicht in Frage stellen, charmant und liebenswert wie seine Schilderungen ihrer Beziehung sind. Ganz Oxford, Männer sowie Frauen, lagen ihr verliebt zu Füßen, u.a. auch der Altphilologe Professor Eduard Fränkel, mit dem Murdoch, zur großen Beunruhigung Bayleys, in trauter Zweisamkeit altgriechische Texte übersetzte:

She had already told me how fond she had been of Fraenkel, both fond and reverential. In those days there had seemed to her nothing odd or alarming when he caressed her affectionately as they sat side by side over a text, sometimes half an hour over the exact interpretation of a word […] That there was anything dangerous or degrading in his behaviour, which would nowadays constitute a shocking example of sexual harassment, never occured to her. In fact her tutor at Somerville College, Isobel Henderson, had said with a smile when she sent Iris along to the professor, „I expect he’ll paw you about a bit.“

Diese Beschreibung lässt die Berichte von Murdochs angeblich sexuellen Freizügigkeiten in einem anderen Lichte erscheinen. Es bleibt unklar, inwieweit sie selbstbestimmt war oder meinte, sich den Gepflogenheiten des Oxforder Lehrbetriebs anpassen zu müssen. Sue Bridehead, die Heldin in Thomas HardysJude the Obscure„, springt aus dem Fenster, als sich ihr der alte Schulmeister Phillotson in der Hochzeitsnacht nähert. Ich fand Hardy in seiner Darstellung weiblicher Gefühlswelten schon immer sehr realistisch.

Bayleys Biographie liest sich ratzfatz durch. Da ist jemand, der sich klar undDSC_0047 deutlich verständlich machen kann und trotzdem die feinen Nuancen einfängt. Aus einem angenehm selbstironischen Blickwinkel erzählt er von seiner Zeit mit Murdoch, schafft es gleichzeitig, einen ernsteren Ton anzuschlagen, wenn es um die Erfahrungen mit der Alzheimerkrankheit geht. Dabei schreibt er  nicht chronologisch. Bei der Abfassung des Buches lebte Murdoch noch, war aber bereits schwer erkrankt. Bayley fungiert hier als ihr Gedächtnis, um die gemeinsam verbrachte Zeit und die wertvollen Erfahrungen, vor dem Nichts der Alzheimerkrankheit zu retten.

Ich muss zugeben, ich finde Murdochs Leben immer noch spannender als das, was ich von ihr selbst gelesen habe. Vielleicht übersehe ich etwas ganz Wesentliches, mag sein. Meine Ausgangsfrage hat sich damit allerdings nicht beantwortet, dennoch gibt es Anzeichen dafür, dass sie in den letzten Jahrzehnten v.a. wegen ihrer Alzheimer-Erkrankung in Erinnerung geblieben ist, nicht wegen ihres Lebenswerks. John Bayleys Memoiren und der Film „Iris“ haben zu dieser Entwicklung beigetragen.

LESUNG: Jonathan Franzen – UNSCHULD (in Hamburg)

Thalia Theater, Hamburg.

Eine halbe Million Besucher sollen es laut einer Thalia Mitarbeiterin an jenem Abend des 8.10.2015 gewesen sein, die sich nach der Lesung im Foyer des Theaters drängelten, um ihre Bücher vom amerikanischen Superstern am Literaturhimmel, dem Jonathan Franzen, signieren zu lassen. Diese erfrischende Form des Understatement war eine Wohltat inmitten des hanseatischen Mobs, der sich kultiviert gebend seinen Weg zum begehrten Weltstar bahnte. Aber ich übertreibe etwas.

Das Gedrängel am Signiertisch, das so manchen Wutbürger auf den Plan rief, hatte sich sogar bis Göttingen herumgesprochen, wo Herr Franzen tagsdrauf ein weiteres Mal aus seinem neuen Roman „Unschuld“ las. Zustände wie auf einem Take That-Konzert hätte es in Hamburg gegeben, deshalb baten Autor und Veranstalter die Zuhörer darum, nur eine Schlange vor dem Signiertisch zu bilden.

Wie hatte es soweit kommen können?

In den Begrüßungsworten zu Beginn der Veranstaltung wurde mehrfach darauf hingewiesen, dass Hamburg eine besondere Ehre zuteil geworden sei, denn hier, im tollen Hamburg, würde Herrn Franzens erste Lesung in Deutschland stattfinden, noch vor der LitCologne. Die 1000 Besucherinnen im ausverkauften Thaliatheater zeigten sich zunächst hanseatisch unbeeindruckt. Erst als die Veranstalter darum baten, auf Wunsch des Autors, später, nach der Lesung, bitteschön KEINE Fotos geschweige denn Selfies von bzw. mit Herrn Franzen am Signiertisch zu machen, lockerte sich die Stimmung merklich auf und es wurde fröhlich gekichert. Weiterhin wurde darauf hingewiesen, dass man die Lesung nach Weihnachten, am 27.12. um 20 Uhr, auf NDR Kultur hören könne.

Die Moderation des Abends hatte FAZ-Literaturchefin Felicitas von Lovenberg übernommen. Viel sah oder hörte man aber nicht von ihr, denn den Großteil des Abends bestritt Jonathan Franzen allein auf der Bühne, im Zwiegespräch mit seinen Leserinnen und Lesern. Frau von Lovenberg musste/konnte/durfte während der Vorlesephasen die Bühne verlassen, was auf mich etwas befremdlich wirkte, denn der Stuhl neben Mr. Franzen blieb demnach meistens leer, so als warte man noch auf jemanden, was dem Abend einen etwas flüchtigen, Beckett’schen Beigeschmack verlieh.

Beeindruckt und in gleichsam teilnahmsvoller Rührung folgten die Zuhörer Herrn Franzens Ansprache an das Publikum, denn er redete vor allem deutsch, ein sehr gutes Deutsch, wenn er an manchen Stellen und mit fortgeschrittener Stunde auch etwas ins Schlingern kam. Trotzdem sehr beachtlich, muss ich sagen, und so manch eine kleine, charmante Sprachkreation, wie z.B. „Sie sind heute meine experimentalen Kaninchen„, wurde vom Publikum in liebevoller und erheiterter Weise begrüßt. Denn allein dies ist ja schon ein Liebesbeweis an das Land, in dem der jüngere Franzen als Student in Berlin, Anfang der 80er, studiert hatte. Die Amerikaner, die sich die Mühe machen, eine Fremdsprache zu lernen, kann man womöglich an einer Hand abzählen, vor allem diejenigen, die es nicht aus Businessgründen tun. Also Hut ab vor Herrn Franzen! Er hat meinen ganzen Respekt.

Drei Passagen hat Jonathan Franzen auf deutsch vorgelesen, eine auf englisch. Die englische gehört zu meinen Lieblingsszenen im Buch und behandelt das Gespräch der Enthüllungsjournalisten Leyla Helou mit der Schnellrestaurant-Mitarbeiterin Phyllisha Babcock, in Amarillo, Texas. (Ein kleiner Auszug aus der Szene). Hier kommt Jonathan Franzens Sinn für Humor voll zum Tragen, der immer dann Blüten treibt, wenn Charaktere beschrieben werden, die gar nicht wissen, dass sie komisch sind.

DSC_0010Einiges Neues konnte man an diesem Abend über den Roman erfahren, wenn ich mir auch ein wenig mehr Analyse oder Interpretationsansätze gewünscht hätte. Ich denke, das kann man einem Publikum durchaus mal zumuten, es muss nicht immer nur Geplänkel auf der Inhalts- und Figurenebene in Verbindung mit der Biografie und den Intentionen des Autors sein. Die Siri Hustvedt Lesung hatte mich damals im Juni in eine geistige Extase versetzen können, weil hier eben ganz andere Register gezogen wurden, die zur intensiven Auseinandersetzung mit den Themen des Romans inspirieren konnten.

Die Eingangsfrage von Frau von Lovenberg fand ich ziemlich gut, nämlich, ob er, Jonathan Franzen, Beziehungen für genauso schlimm halte wie das Internet. Diesen Eindruck hätte man als Leser/in. Leider ging der Autor darauf nicht wirklich ein. „That’s a devilish question,“ sagte er nur, worauf Lovenberg rekurrierte, er, Franzen, habe ja das Faustzitat an den Anfang des Romans gesetzt. „Das stimmt,“ so der Autor. Leider war der Faust dann kein Thema mehr. (Faust, Mephisto und das naive Gretchen in meiner Besprechung des Romans vom 4. Oktober).

Der Titel „Purity“ sei ihm von Anfang an etwas peinlich gewesen, so Franzen, deshalb habe er der weiblichen Protagonistin diesen Namen gegeben und ihn dann kurzerhand mit „Pip“ abgekürzt. Der Titel entstamme vor allem seiner Beschäftigung mit dem Werk von Karl Kraus, der oft die „Reinheit der deutschen Sprache“ eingefordert hatte.

Reinheit sei ein Begriff, um einen radikalen Idealismus zu verstehen. Extreme Bewegungen jeglicher Art würden sich immer auf irgendeine Art von „Reinheit“ beziehen. Pip sei die einzige ohne Idealismus, ganz anders als ihre Elterngeneration, allen voran ihre Hippiemutter Annabel. So habe er den Titel „Purity“ ironisiert und für sich entschärfen können.

Eine besonders schöne Stilblüte gelang dem Autor im Gespräch über Andreas Wolf, der „mit seiner unmöglichen Mutter einen Alpentraum hätte.“ Weil alle anwesenden Norddeutschen diese Wortkreation einfach zu schön fanden, wurde Mr. Franzen dahingehend nicht korrigiert.

Die Frage aus dem Publikum, ob seine neuen Romane Fortsetzungen der alten seien, verneinte Herr Franzen. Die Figuren interessierten ihn nach dem Schreiben nicht mehr. „A book isn’t done, if there still can be done something with the characters,“ so der Autor, aber „I wonder what happened to Gary [aus den Corrections] sometimes.“ Außerdem könne er Figuren nicht noch einmal verwenden, sobald die Rechte an z.B. Filmproduzenten verkauft worden seien.

Was nicht ausbleiben durfte, war natürlich die Frage nach dem deutschen Titel „Unschuld,“ der vielen Leser_innen als Missgriff erscheint. Franzen blieb hier sehr vage, „was weiß ich,“ bzw. „it’s not a random choice.“ Da gestern die Lesung in Göttingen per Livestream online gezeigt wurde, konnte ich in Erfahrung bringen, dass „Unschuld“ durchaus Sinn mache, so Franzen in Göttingen, weil sich alle Charaktere im Roman aus unterschiedlichsten Gründen schuldig fühlten. Vermutet wurde jedoch bereits an anderer Stelle, dass der Rowolthverlag nach dem letzten Titel „Freiheit“ keinen fast gleichlautenden Titel verwenden wollte. Anyways.

Das Fernsehen sei kein Feind mehr, so der vormals fernsehfeindlich eingestellte Franzen anschließend. Es habe in den letzten Jahren bewiesen, durchaus komplexere Erzählmethoden anwenden zu können.

The enemy is stupid, brief stimuli, not coherent narrative. TV uses storytelling techniques that novels have developed for centuries. TV is the novel’s little brother.

Das mit dem „kleinen Bruder Fernsehen“ hatte Frau von Lovenberg angesprochen. Der große Gesellschaftsroman des 19. Jahrhunderts sei tot, das wusste Jonathan Franzen schon vor 20 Jahren. Solche Erzählungen spielten sich jetzt v.a. auf Bildschirmen ab. Dass er mit dieser Einsicht seinen Frieden geschlossen hat, konnte man ihm durchaus ansehen.

Aber was macht das Lesen von Romanen zu etwas ganz Besonderem?

Es ist die Innerlichkeit und Psychologie sowie die unmittelbare, geistige Verbindung des Schriftstellers mit den Lesern. So könne man sich auch noch Jahrhunderte später mit schon lang verstorbenen Autoren ganz nah verbunden fühlen. Dies sei der Zauber der Literatur, so Lovenberg, die besondere Beziehung, die die Zeiten überdauere.

Wie oben schon erwähnt, hätte ich mir durchaus etwas tiefergehendere Analysen gewünscht.

Das wahre Abenteuer begann NACH der Lesung, denn es entstand ein Run auf den Signiertisch des Autors im Foyer des Theaters.

Aufgrund einer strategisch günstigen Ausgangslage, gelang es mir innerhalb weniger Minuten, mich in zirka zwei Metern Entfernung von Herrn Franzens Tisch und seiner Gefolgschaft zu positionieren. Dort stand ich dann allerdings eine geschlagene halbe Stunde, aber lieber am Anfang einer Schlange warten, als an ihrem Ende, vor allem wenn man sich in Hör- und Sichtweite des Objekts der literarischen Begierde befindet.

WIN_20151010_130242 (2)Als ich endlich an die Reihe kam, hatte sich meine anfängliche Nervosität etwas gelegt und war einer überhitzten Müdigkeit gewichen. Halb im Traume stand ich nun vor ihm, nur eine Tischbreite entfernt, aber es musste alles ganz schnell gehen.

Ein Herr, der urplötzlich von hinten links an mich herantrat, entriss mir meine beiden Bücher, „Purity“ und „How to be Alone“, schlug sie ratzfatz an passender Stelle auf und ermahnte mich drängelnd zur Eile. Sprachlos war ich, hatte ich mir doch ein paar Fragen sorgfältig überlegt, sodass Herr Franzen die Initiative übernehmen musste und seine erste gewagte Signatur in den Essayband setzte. „You have to tell me what to do,“ so der Autor unter Druck, und ich war wieder etwas wacher, nannte und buchstabierte ihm etwas peinlich berührt meinen Namen, den er dann als Widmung auf die erste Seite von „Purity“ schrieb, mit Ausrufungszeichen, um keine Zweifel aufkommen zu lassen.

Oh, liebe Leserinnen und Leser, von da an schwebte ich nur noch auf Wolke Nummer Sieben, ein glücklicher Franzen-Fan. Im hanseatischen Nieselregen unter einem sternenlosen Himmel, sprang ich am Ende eines ereignisreichen Abends, übermütig und vom Glücke beseelt, die mehreren Hundert Meter ohn‘ Unterlass und in freudiger Erregung zum Hauptbahnhof, wo bereits mein Zug wartete und mich sicher nach Hause beförderte. Purity an mein Herz gedrückt, schlief ich um etwa drei Uhr nachts endlich ein.

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Bilder:

  1. Deckenbeleuchtung im Thalia Theater, Hamburg: almathun
  2. Thalia Theater: von Armin Smailovic (www.thalia-theater.de) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)%5D, via Wikimedia Commons
  3. Herr Franzen and parts of Frau von Lovenberg on stage: almathun
  4. Signierte Purity-Seite: almathun

Purity – Jonathan Franzen (2015)

Could a more perfect manufactured object than a tennis ball be imagined? Fuzzy and spherical, squeezable and bouncy, its stiching a pair of matching tongues, its voice on impact a POCK in the most pleasing of registers. (p. 526)

WIN_20151004_115506 (2)So geht es der Protagonistin Pip beim Tennisspielen, und so ging es mir mit meiner neuen Franzen-Lektüre. Der Roman „pockt“ auf 563 Seiten. Der Schreibstil ist locker und geradlinig, will den Leser anscheinend nicht manipulieren. Ein leicht zugänglicher, in seinen pointierten Beobachtungen, humorvoller Realismus, begleitet die Leser durch die Erzählung. Es scheint, als hätte der Autor die Angst abgelegt, die Erwartungen erfüllen zu müssen, DEN großen amerikanischen Roman abzuliefern.

Um Befreiung und Selbstbestimmung geht es auch im Roman. Die junge Purity „Pip“ Tyler will endlich wissen, wer ihr Vater ist. Sie sitzt nach ihrem Hochschulstudium auf einem Schuldenberg von 130.000 $. Von ihrer Mutter, einer hochsensiblen und emotional instabilen Frau, die sich in einer heruntergekommenen Hütte in Kalifornien versteckt, ist zwar viel Liebe und Verständnis aber keine finanzielle Hilfe, geschweige denn wichtige Informationen über den Vater zu erwarten.

Pip reagiert auf ihre Abnabelungstendenzen von der Mutter mit schweren Schuldgefühlen. Neben ihrem „Mommy issue“ hat sie als vaterlos aufgewachsener Mensch zusätzlich ein „Daddy issue„, d.h. sie verliebt sich in ältere Männer, von denen sie sich eine Orientierung im Leben erhofft. Pip ist kein besonders tiefgründiger Charakter, sie bleibt eher farblos, was für die Geschichte aber nicht von Nachteil ist, passt sich ihre Unbestimmtheit doch an das Thema der Identitätssuche an.

Eine weitere Figur mit eindeutigem „Mommy issue“ ist der sex- und pornosüchtige Ostdeutsche Andreas Wolf. Im Gegensatz zu Purity, wird seine Kindheit und Jugend als Sohn eines Stasifunktionärs und einer Professorin für Anglistik mit einem Faible für Iris Murdoch, Hamlet und junge Studenten, gleich im zweiten Kapitel „The Republic of Bad Taste“ eingehend beschrieben.

ehem. Stasihauptquartier, Berlin-Lichtenberg

Anders als der Großteil der Ostdeutschen, freut sich Andreas Wolf im November 1989 nicht über den Fall der Mauer, denn er hat ein dunkles Geheimnis, das durch den politischen Umbruch ans Tageslicht zu geraten droht. Im entscheidenden Moment gelingt es ihm, belastende Stasiakten an sich zu nehmen. In einer der besten Szenen des Romans flüchtet er mit einer Plastiktüte unter dem Arm aus dem Stasihauptquartier, wo man im Januar 1990 damit beschäftigt ist, Akten zu schreddern oder aus dem Fenster zu werfen. Dabei wird er von westlichen Kamerateams gefilmt. Heuchelei von Kindesbeinen an erlernt, lässt er diese Chance nicht ungenutzt:

My name is Andreas Wolf, he said, I am a citizen of the German Democratic Republic, and I am here to monitor the work of the Citizens‘ Committee of Normannenstraße. I’m coming directly from the Stasi archives, where I have reason to fear that a whitewash is occuring. […] This is a country of festering secrets and toxic lies. Only the strongest of sunlight can disinfect it!

Hey, stop, called a member of the crew … say that all again!

He said it all again.

Als Gründer der Enthüllungsplattform „Sunlight Project“ mit Hauptquartier in Bolivien, macht er es sich als Whistleblower in den folgenden Jahren zur Aufgabe, die Welt zu „desinfizieren“, indem er Korruption und Sexismus ans Tageslicht zerrt, an seinem Image als charismatischer Wahrheitsguru arbeitet und reihenweise die Frauen flachlegt.

Ritterlich bewahrt Jonathan Franzen seine Leserinnen davor, ebenfalls dem Charisma des Andreas Wolf zu erliegen, weiß man doch über seine wirklichen Absichten von Anfang an Bescheid. Vielleicht konnte ich deshalb das so oft beschworene Charisma nicht so ganz nachvollziehen. Purity schließt sich dem Sunlight Project an, um das Geheimnis ihrer Herkunft zu klären. Die Sexszenen zwischen ihr und Wolf sind, wie ich finde, durchaus gelungen.

Ein weiteres Kapitel ist aus der Ich-Perspektive des „guten Amerikaners“ und

Faust und Mephisto an der Semperoper, Dresden

Enthüllungsjournalisten Tom Aberant geschrieben, der sich 1990 ebenfalls in Berlin befindet und auf Andreas Wolf trifft. Zwischen beiden Männern entwickelt sich eine Art Hassliebe, eine Verbindung zwischen dem faustischen und mephistophelischen Prinzip, die dem Buch eine mystische Note verleiht. Es kommt nicht von ungefähr, dass das Faustzitat „…Die stets das Böse will und stets das Gute schafft“ „Purity“ vorangestellt wurde.

In seinem neuen Roman führt Franzen die großen Themen wie Eltern-Kind-Beziehungen, Sexus und Herrschaft im 21. Jahrhundert sowie Fluch und Segen der alten und neuen Medien fort. So wie Faust dem Geheimnis des Lebens auf die Spur kommen möchte, so durchwühlen die modernen Whistleblower und Hacker auf ihrer Suche nach Korruption und Intrigen das Internet und fremde Computer. Ihre Motive sind dabei häufig wenig ehrenwert, eher allzu männlich, „the male embarrassment„.

Die in Rezensionen oft geäußerte Kritik, Franzen wolle das Internet als eine Ausgeburt des diktatorischen Überwachungsstaates der DDR darstellen, quasi als DDR von heute, kann ich nach der Lektüre des Romans nicht ganz nachvollziehen. Sicher gibt es Parallelen. Aufschlussreicher finde ich in diesem Zusammenhang ein Zitat aus dem Essay „Why Bother?“ von 1996, in dem Franzen in einer Zeit, in der die Kriegs-und-Öl-Propagandamaschine unter Präsident Bush auf Hochtouren lief und alle Lebensbereiche zu durchdringen versuchte, schreibt:

The American writer today faces a cultural totalitarianism analogous to the political totalitarianism with which two generations of Eastern bloc writers had to contend.

Die Analogie zur DDR dient somit der Verstärkung seiner kulturpessimistischen These, nämlich, dass in den USA eine Infantilisierung weiter Kreise der Bevölkerung durch die Medien stattfinde, die zu Entpolitisierung, Kritiklosigkeit, Konsumgeilheit und totaler Anpassung des Individuums führe. Dass hier auch ein Funken Hoffnung angesichts des Niedergangs der DDR mitschwingt, wird deutlich.

Mein Eindruck ist, dass „Purity“ ein Roman ist, der von Befreiung und Selbstbestimmung auf den unterschiedlichsten Ebenen handelt. Sexualität spielt auf fast jeder Seite eine Rolle, v.a. die Freiheit, sexuelle Avancen abzulehnen, Manipulationen zu durchschauen, Kreativität, die sich nicht so ganz entfalten kann, wie bei Toms Frau Anabel, die Befreiung vom Joch der Diktatur, die Befreiung aus emotional belastenden Familienbeziehungen.

Andere Figuren bleiben in ihrer Entwicklung aufgrund von Schuldgefühlen stecken, wie Toms Partnerin Leila Helou, die ihren querschnittsgelähmten Mann nicht verlassen kann, oder weil sie einfach zu doof sind, wie Phyllisha Babcock, die immer noch dem Vollidioten hinterhertrauert, der sie für orgiastischen Sex auf einem thermonuklearen Sprengkopf gewinnen konnte, welcher später jedoch als Attrappe auffliegt.

He wanted her to feel the power he had at his disposal. He wanted her to take off all her clothes and put her arms around the bomb and stick her little tail up in the air for him. […] To be that close to so much potential death and devastation, to have her sweaty skin against the cool skin of a death-bomb, to imagine the whole city going up in a mushroom cloud when she orgasmed. It was pretty great, she had to say. […] Neither of us will ever forget the night with the death-bomb. It’s like a memory we can always treasure.

„Purity“ ist in weiten Teilen witzig und abwechslungsreich. Die seitenweise, minutiöse Wiedergabe von Paarkonflikten war mir allerdings stellenweise zu lang, wie z.B. in Tom Aberants Bericht, dem später im Roman eine bedeutsame Rolle zukommt und der dem Leser, wenn der Bericht nicht in gretchenhafter Naivität gelesen wird, vermutlich einen Schauer über den Rücken jagen dürfte.

Weiterhin kommt beim Lesen große Franzen-Freude auf angesichts des ausgeprägten, psychologischen Feingespürs des Autors für die Irrungen und Wirrungen menschlicher Veränderungsprozesse, die er bis in die kleinsten Verästelungen nachzuzeichnen versteht.

Obwohl sich alle Geheimnisse am Ende in einem quasi-Happy Ending auflösen, bleibt ein zweifelhafter Nachgeschmack zurück, der die berechtigte Frage aufwirft, ob und inweiweit den Erzählstimmen des Romans überhaupt Glauben geschenkt werden könne. Die Leserin, als nun aufgeklärtes Gretchen, bleibt somit, dank Mr. Franzen, zukünftig vom Schlimmsten verschont.

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Bilder:

  1. Stasi-Museum: von Prof.Quatermass (Eigenes Werk) [CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)%5D, via Wikimedia Commons
  2. Semperoper: von SchiDD (Eigenes Werk) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)%5D, via Wikimedia Commons