J.G. Ballard: Vermilion Sands (1971)

„Zinnoberrote Strände“, so könnte man den Titel der Kurzgeschichtensammlung von J.G. Ballard übersetzen. Dieser halbfiktive Ort ist ein Küstenstrich im Süden Kaliforniens und verbindet die neun Geschichten des Autors aus den Jahren 1957-1970 miteinander. Vermilion Sands ist eine surreale, zeitlose Landschaft aus Stränden, Sanddünen, dem Meer, Korallenriffen und Feriendomizilen der Reichen und Kunstschaffenden, die sich in einer nicht näher beschriebenen, zehn Jahre andauernden Phase globaler Langeweile, Lethargie und des ewigen Hochsommers befinden, „The Recess“ genannt.

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Die oftmals dekadenten Figuren geben sich an diesem Ort einer alles verlangsamenden Schwerkraft hin – vor allem einflussreiche, mysteriöse Diven jenseits ihrer Blütezeit, Künstler mit und ohne Talent und Geschäftemacher, die das Geld der alternden Mäzene riechen. Hauptfigur ist jedoch der Schauplatz, der eine hypnotisierende Kraft auf alles und jeden auszuüben scheint, eine surreale Traumlandschaft mit fliegenden Rochen, auf Sanddünen fahrenden Yachten und mit Edelsteinen besetzten Spinnen und Hummern.

J.G. Ballard kann sich solche kitschigen Eskapaden leisten ohne peinlich oder banal zu wirken. Origineller Ideenreichtum und sprachliches Können gehen bei ihm Hand in Hand, was heutzutage, ich muss es leider sagen, nur noch sehr selten in „Literatur“ vorzufinden ist, und anscheinend entweder nur das eine oder das andere sein kann. Häufig keines von beidem.

Ballards sinnliche Sprache übt einen assoziativen Sog aus, der es einem nicht immer leicht macht, konzentriert am Ball zu bleiben. Die ganzen Farben und Formen müssen in der eigenen Vorstellung erst einmal zueinander finden und Gestalt annehmen. Thematisch ist der Kampf zwischen Mensch und animierten Gebrauchs- und Kunstgegenständen ein wiederkehrendes Motiv, was in manchen Fällen drollig anmutet, andererseits aber auch die Ängste vor einer sich verselbständigenden, den Menschen übermannenden Technologie zum Ausdruck bringen soll.

Besonders charmant und beispielhaft ist die Beschreibung einer hochsensiblen und anspruchsvollen, singenden Orchidee, die in der zweiten Kurzgeschichte des Bandes, und Ballards erster veröffentlichter überhaupt, „Prima Belladonna“, dem Erzähler, einem Choro-Floristen (Verkäufer singender Pflanzen) sowie einer mysteriösen Sängerin zum Verhängnis wird.

„Listen!“ She held my arm and squeezed it tightly. A low, rhythmic fusion of melody had been coming from the plants around the shop, and mounting above them I heard a single stronger voice calling out, at first a thin high-pitched reed of sound that began to pulse and deepen and finally swelled into full baritone, raising the other plants in chorus about itself. […] The Arachnid stretched out towards her, calyx erect, leaves like blood-red sabres.

I […] quickly switched off the argon feed. The Arachnid sank to a whimper, and around us there was a nightmarish babel of broken notes and voices toppling from high C’s and L’s into discord. A faint whispering of leaves moved over the silence.

Showing, not telling. So einfach diese Regel ist, so selten wird sie heute noch praktiziert.

So wie die Pflanzen in diesem „kleinen Horrorladen“, so entwickeln auch aus dem Sandboden wachsende, singende Statuen, oder aus hochsensiblem Nervengewebe hergestellte Kleidung aber auch ganze Häuser ein possierliches aber trotz alledem bedrohliches Eigenleben. Dies geht soweit, dass der Erzähler der letzten Geschichte, „The Thousand Dreams of Stellavista“, von seinem eigenen, psychotropen Haus fast ermordet wird.

Etwa nach der Hälfte der Kurzgeschichten stellte sich eine Ermüdung und Übersättigung bei mir ein. Die sich wiederholenden Figurentypen- und konstellationen und farbenfrohen Kuriositäten der surrealen Landschaft, die zu Beginn noch eine flirrende Faszination ausgeübt haben, bieten irgendwann nicht mehr viel Neues. Wie jeder Urlaubsort, an dem man sich eine Weile aufgehalten hat, wird auch dieser irgendwann eintönig und fahl. Die letzten beiden Kurzgeschichten brechen deshalb mit dem bekannten Muster, das die Figuren zum trägen Spielball der äußeren Kräfte (Landschaft und Technik) werden lässt und präsentieren Charaktere, die der einlullenden Verführung größtenteils standhalten und nicht nur gegen sie ankämpfen, sondern sie letztendlich auch kontrollieren können. Der Schreibstil wirkt kräftiger und ironischer. Es deutet sich eine Transformationsphase an, die sich Ende der 60er Jahre auch auf den Schaffensprozess des Autors auswirkte.

Allesamt eine lohnenswerte Lektüre für diejenigen, die englische Literatur im Original lesen können und Science-Fiction Geschichten mögen, in denen die Grenze zwischen utopischen und dystopischen Elementen unklar bleibt, stattdessen die psychologischen Auswirkungen menschengemachter aber auch natürlicher Veränderungen in den Mittelpunkt gerückt werden. Ob die deutschen Übersetzungen die sprachliche Dichte, den verspielten Charme und den augenzwinkernden Umgang mit gängigen Konventionen des Science Fiction Genres des Originals einzufangen imstande sind, vermag ich nicht zu sagen.

Hier, zum Abschluss, eine Kurzbewertung der einzelnen Geschichten:

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J.G. Ballard / The Drowned World (1962)

Erster Blogeintrag nach der Apokalypse

In jener Zeit, als sich die Leute noch in mehr oder weniger belanglosen Gesprächen über die Vor- und Nachteile des Klimawandels und die Heißzeit austauschten, dabei immer darauf bedacht, humorvoll und entspannt auf das andere Geschlecht zu wirken, hatte ich mir im Sommer 2018 J.G. Ballard zur Hand genommen. Das ist jetzt auch schon wieder einige Jahrzehnte her.

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Von Ballard kannte ich damals nur eine Short Story, „Memories of the Space Age„, an die ich mich, lethargisch auf dem Bette liegend, nasse Handtücher vor dem Ventilator und überall auf dem Körper verteilt, einen Kreislaufkollaps vorbeugend, erinnerte. In dieser Geschichte, die in einem zukünftigen Florida und auf dem ehemaligen NASA-Gelände spielt, verschwindet die uns bekannte Zeit nach und nach, sodass sich der Raum immer weiter ausbreitet und alles zum Erliegen bringt und quasi einfriert. Die Ursachen für dieses Phänomen bleiben unklar, scheinen jedoch menschengemacht zu sein. Die Protagonisten werden immer phlegmatischer und somit unfähiger aber auch unwillig, sich aus ihrer Situation zu befreien. Die „Entzeitlichung“ und ihre Auswirkungen auf die menschliche Psyche scheinen einen betörenden Zauber auszuüben, wie ihn wohl, so hört man ja immer wieder, auch Drogenkonsumenten kennen.

J.G. Ballards zweiter Roman „The Drowned World“ [dt. Karneval der Alligatoren / Paradiese der Sonne] greift diese Lethargie des Raumes ebenfalls auf und zwar von der ersten bis zur letzten Seite. In einer post-apokalyptischen Zukunft hat die Katastrophe bereits stattgefunden, die Polkappen sind abgeschmolzen, die Kontinente stehen unter Wasser, so auch London, wo der Roman spielt, und wo nur noch die oberen Stockwerke der höchsten Wolkenkratzer aus dem Wasser ragen. Schuld war nicht der Mensch, sondern eine Abfolge an Explosionen auf der Sonne. Die Protagonisten sind Militärs und einige Biologen, die in sinnlos erscheinender Routine die sich verändernde Flora und Fauna in ihrer schleichenden evolutionären Rückentwicklung nach der Katastrophe wissenschaftlich begleiten und die letzten renitenten Anwohner evakuieren sollen.

Nicht nur die Umwelt sondern auch der Restbestand an für heutige Verhältnisse immer noch enorm wirkenden fünf Millionen fortpflanzungsunwillig gewordenen Menschen ist in die Prozesse der Veränderung auf dem Planeten Erde nach der ökologischen Katastrophe eingebunden. Die Zeichen stehen auf Untergang der Spezies Mensch.

Beobachten die Biologen einerseits eine De-Evolution der Flora und Fauna, so können sie auch an sich selbst eine evolutionäre Rückentwicklung in frühere Evolutionsstadien, aus denen sich der Mensch heraus entwickelt hat, entdecken. Das lethargische Einsinken in die Traumwelt des Unbewussten und die damit verbundenen verlangsamten Körperfunktionen mit dem Drang sich nicht in die wenigen noch trockenen Gebiete des Nordens zu retten, sondern geradewegs in die Überschwemmungsgebiete des Südens zu wandern, kündigt eine Transformationsphase der menschlichen Entwicklung an, ein Einhalten wie zu Beginn einer Metamorphose, um sich an die neuen Lebensbedingungen anzupassen. Diese Vermischung wissenschaftlicher, psychologischer Theorien mit denen an LSD-Trips erinnernden (wie man so hört) leuchtstarken Traumwelten, verleihen dem Roman seinen ganz eigenen Reiz.

However, I am convinced that as we move back through geophysical time so we re-enter the amnionic corridor and move back through spinal and archaeopsychic time, recollecting in our unconscious minds the landscapes of each epoch, each with a distinct geological terrain its own flora and fauna, as recognisable to anyone else as they would be to a traveller in a Wellsian time machine. Except that this is no scenic railway, but a total reorientation of the personality.

Bis auf einige wilde Abenteuer mit Plünderern passiert in dem Roman eigentlich nicht viel. Und das ist gut so, denn die Inaktivität spiegelt die von Hitze, Malaria und Antibiotikabehandlung erlahmten Lebenskräfte der Protagonisten wieder, deren Wahrnehmung sich mehr in der betörenden Betrachtung der sie umgebenden untergehenden Welt mit all ihren neu- und fremdartigen Formen und Farben ergeht. Dabei entstehen ganz fantastische surreale Landschaftsbeschreibungen, für die allein sich die Lektüre des Romans schon lohnt. Diese surrealen Landschaften des Unbewussten wirken in ihrer knallig bunten aber zugleich schwermütigen Weise immer originell, was wohl auch an den Elementen eines pseudowissenschaftlichen Science-Fiction-Stils liegt, für den Ballard ebenfalls bekannt geworden ist.

In the early morning light a strange mournful beauty hung over the lagoon; the sombre green-black fronds of the gymnosperms, intruders from the Triassic past, and the half-submerged white-faced buildings of the 20th century still reflected in the dark mirror of the water, the two interlocking worlds apparently suspended at some junction in time, the illusion momentarily broken when a giant water-spider cleft the oily surface a hundred yards away.

Hier muss man sich wirklich jedes einzelne Wort zu Gemüte führen, um den beschwörenden Charakter der Sprache voll und ganz auf sich und die eigene Vorstellungskraft wirken zu lassen. Erst dann entstehen in der eigenen Imagination ganz einzigartige Welten, die man so schnell oder wahrscheinlich nie wieder vergessen wird. Das Bild der „giant water-spider“ zum Beispiel, die die „oily surface“ „cleft“ (herrliches Wort, von to cleave = spalten abgeleitet), hat sich mir komplett eingebrannt und immer wenn ich an dieses Buch denke, erscheint mir sofort diese Wasserspinne vor dem inneren Auge, die das stille Wasser wie ein Stück Holz spaltet.

Im Roman wird stellenweise auf die Surrealisten wie Dali oder Ernst Bezug genommen, aber wie schon gesagt, denke ich, dass Ballard diese nur als Ausgangspunkt zur Erschließung seiner eigenen Traum- und Innenwelten genutzt hat. Und das unterscheidet diesen Roman ganz klar von anderen, eher mittelmäßigen, Science-Fiction-Büchern, die dann doch nur einen Abklatsch des bereits Bekannten anbieten können.

Weniger gelungen sind Ballards Charakterbeschreibungen oder die Schilderung von Liebesaffären. Hier dümpelt er stellenweise im Banalen, weckt Erinnerungen an öde James Bond Filme. Man merkt, dass er andere Interessen hatte, eine Vision verfolgte, und das gelingt ihm in diesem Roman bis auf wenige Ausnahmen von der ersten bis zur letzten Seite.

Ein empfehlenswerter Roman für alle Freundinnen der Science Fiction Literatur und eventuell auch der inzwischen veralteten und die Auswirkungen des Klimawandels, wie wir heute wissen, viel zu harmlos darstellenden „Climate Fiction“, die sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts den Auswirkungen der sich damals immer schneller anbahnenden ökologischen Katastrophe widmete. Leider reichte die Vorstellungskraft der Autor/-innen des frühen 21. Jahrhunderts nicht mehr aus, um das Grauen, das acht Jahre später folgen sollte, für ihre Zeitgenossen überzeugend zu beschreiben, was letztendlich dazu hätte beigetragen können, das Schlimmste noch abzuwenden.

Aber auch Thomas Manns „Zauberberg“ oder „Der Tod in Venedig“, beide nun fast schon 150 Jahre alt, came to mind, die die gesellschaftliche Lähmung vor der Katastrophe des ersten Weltkrieges wiederspiegeln und zum Thema haben.

5 out of 5 stars for this wonderful, 90+-year-old novel.