ALZHEIMER & CO. / Iris: A Memoir – John Bayley (1998)

DSC_0039Ist Iris Murdoch (1919-1999) heutzutage nur noch wegen ihrer Alzheimer Erkrankung ein Thema? Ich hatte ihren ersten Roman „Under the Net eher teilnahmslos gelesen, trotzdem fasziniert mich da etwas. Ist es das Wissen um ihre Biographie oder sind es doch die untergründig fortwirkenden Texte einer bedeutenden Schriftstellerin?

In den 80er Jahren, als man unter dem Druck gesellschaftlicher Veränderungen in Deutschland endlich anfing, vermehrt Literatur von Frauen auf den Markt zu bringen, wie bei Herbststeib schön nachzulesen, entdeckte man auch die Anglo-Irin Iris Murdoch als eine Stimme, die sich nicht so recht in die gängigen Klischees des „ewig Weiblichen“ einordnen ließ und die trotzdem gesellschaftliche Anerkennung erfahren hatte.

Es ging – vermute ich mal – um alternative Rollenvorbilder, weniger um die Romane selbst. Ich selbst war zu jener Zeit noch ein Kind, von meiner Mutter in stabile Cordhosen und praktische Gelee-Sandalen zum Herumtoben gesteckt, und kann es nicht wirklich beurteilen.

Was an Iris Murdoch überhaupt noch interessiert: Werk oder Biographie, fragte ich mich auch bei der Lektüre von Jonathan Franzens aktuellem Roman „Purity“. Der Name Iris Murdoch taucht hier zweimal auf. Die Mutter von Andreas Wolf, dem sexsüchtigen Ostdeutschen und späteren Internet-Leaker, ist Anglistikprofessorin in der DDR, ihr Mann ein einflussreicher Parteifunktionär. Sie ist von Murdoch begeistert und frohlockt, als im Regal ihres Sohnemanns Iris Murdoch entdeckt.

„You have books I’d like to borrow,“ she said, moving to his shelves. „It does my heart good to see how many of them are English.“ She pulled a title off a shelf. „Do you admire Iris Murdoch as much as I do?“

Iris Murdoch war in ihren jungen Jahren Kommunistin. 1987 ließ sie sich von der Queen zur Dame Commander of the Order of the British Empire erheben. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Eine Frage, die ich Jonathan Franzen nach der Lesung in Hamburg gerne gestellt hätte, aber leider unwirsch davon abgehalten wurde, wäre die nach Iris Murdoch gewesen. Franzens Vater hatte Alzheimer (My Father’s Brain) wie Murdoch. Pip, die sympathische Protagonistin aus  „Purity“ kann, wie auch ihre Mutter Anabel, hervorragend riechen. Anders Iris Murdoch, die, wie wir von ihrem Mann John Bayley in „Iris: A Memoir“ erfahren, keinen Geruchssinn hatte, wie es bei Alzheimer und Demenz nicht selten vorkommen kann, aber das scheint Bayley nicht bewusst gewesen zu sein.

Either sex may or may not be able to feel the pleasure or pain of other persons, just as either sex can possess or lack a sense of smell. Iris, as it happens, has no sense of smell, and her awareness of others is transcendental rather than physical.

Der Bezug zu Iris Murdoch wird bei Franzen als Mittel der Charakterisierung zweier eher unsympathischer Figuren verwendet. Die linientreue Anglistikprofessorin und ihr mordender Sohn sind nach der Wende in der Lage, ihre Vergangenheit erfolgreich zu vertuschen. Die Vorliebe für Murdoch ist hier Ausdruck einer Affinität für Personen, die sich aufgrund einer Alzheimer-Erkrankung nicht mehr ihrer Vergangenheit stellen müssen. Für die Wolfs gibt es jedoch keine „Erlösung„. Beide müssen sich zeitlebens an ihre Vergangenheit erinnern, zerbrechen letztendlich daran. Ohne es von Herrn Franzen selbst gehört zu haben, vermute ich, dass er bei der Erwähnung von Iris Murdoch v.a. die Alzheimer-Erkrankung im Hinterkopf hatte.

Während sich Franzen des Namens Murdoch in symbolhafter Weise bedient, erfährt man in John Bayleys Biographie mehr über den Menschen Murdoch, über ihre Ehe, ihr berufliches und gesellschaftliches Leben in Oxford in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, über die Familie.

Die beiden waren 43 Jahre verheiratet, bis Murdoch 1999 79-jährig verstarb. Der um einige Jahre jüngere Bayley, Literaturprofessor in Oxford, überlebte sie um 16 Jahre, und starb im Januar diesen Jahres. Zwei Bücher hat er über seine Zeit mit Iris Murdoch geschrieben.

DSC_0039Wie es so kommt, eigentlich wollte ich von oder über Iris Murdoch erst einmal nichts mehr lesen, aber dann entdeckte ich dieses Exemplar in der Grabbelkiste des hiesigen Schmuddelantiquariats und griff beherzt zu. Den Film „Iris“ aus dem Jahr 2001, der auf den Schilderungen Bayleys beruht, kann ich leider nicht empfehlen. Kate Winslet als die junge Murdoch ergeht sich zu oft in ihrem antrainierten, viel zu breiten Hollywood-Lächeln. Da kann auch die letztendlich ahistorische Kurzhaarfrisur mit angeföntem, jungenhaftem Strubbeleffekt nichts mehr retten. Erinnerungen an Mel Gibsons Frisur in „Braveheart“ kommen wieder hoch und verderben einem wirklich alles. Schöner und treffender sind da die Beschreibungen Bayleys:

She was looking both absent and displeased. Maybe because of the weather, which was damp and drizzly. Maybe because her bicycle was old and creaky and hard to propel. Maybe because she hadn’t yet met me? Her head was down, as if she were driving on thoughtfully towards some goal, whether emotional or intellectual. I remember a friend saying playfully, perhaps a little maliciously, after she first met Iris: „She is like a little bull.“

In dem, wie ich finde, passenden Bild eines „kleinen Bullen“ erkennt man die Murdoch sofort. Sie entsprach nie den gängigen Vorstellungen eines Vorzeige-„girls“, so Bayley, sondern war halt nur sie selbst, völlig unbeeindruckt vom Geschlechtergeplänkel ihrer Umwelt. Bayley ist nicht der erste, der hervorhebt, dass der Geist des Menschen geschlechtslos ist, und Iris Murdoch war definitiv ein in ihren Studien der Philosophie aufgehendes, vergeistigtes Wesen. Wichtig war es ihr verliebt zu sein. Sex hatte sie auch, aber das lief halt nebenher.

[…] she had remarked with brisk indulgence „Perhaps it’s time we made love,“ and she had shown me how. […] she was much too busy and interested in other things to make a habit of it, so to speak.

Dennoch war in den Augen John Bayleys anscheinend die ganze Welt in seine Iris verliebt. Ob dies tatsächlich so war, wollen wir nicht in Frage stellen, charmant und liebenswert wie seine Schilderungen ihrer Beziehung sind. Ganz Oxford, Männer sowie Frauen, lagen ihr verliebt zu Füßen, u.a. auch der Altphilologe Professor Eduard Fränkel, mit dem Murdoch, zur großen Beunruhigung Bayleys, in trauter Zweisamkeit altgriechische Texte übersetzte:

She had already told me how fond she had been of Fraenkel, both fond and reverential. In those days there had seemed to her nothing odd or alarming when he caressed her affectionately as they sat side by side over a text, sometimes half an hour over the exact interpretation of a word […] That there was anything dangerous or degrading in his behaviour, which would nowadays constitute a shocking example of sexual harassment, never occured to her. In fact her tutor at Somerville College, Isobel Henderson, had said with a smile when she sent Iris along to the professor, „I expect he’ll paw you about a bit.“

Diese Beschreibung lässt die Berichte von Murdochs angeblich sexuellen Freizügigkeiten in einem anderen Lichte erscheinen. Es bleibt unklar, inwieweit sie selbstbestimmt war oder meinte, sich den Gepflogenheiten des Oxforder Lehrbetriebs anpassen zu müssen. Sue Bridehead, die Heldin in Thomas HardysJude the Obscure„, springt aus dem Fenster, als sich ihr der alte Schulmeister Phillotson in der Hochzeitsnacht nähert. Ich fand Hardy in seiner Darstellung weiblicher Gefühlswelten schon immer sehr realistisch.

Bayleys Biographie liest sich ratzfatz durch. Da ist jemand, der sich klar undDSC_0047 deutlich verständlich machen kann und trotzdem die feinen Nuancen einfängt. Aus einem angenehm selbstironischen Blickwinkel erzählt er von seiner Zeit mit Murdoch, schafft es gleichzeitig, einen ernsteren Ton anzuschlagen, wenn es um die Erfahrungen mit der Alzheimerkrankheit geht. Dabei schreibt er  nicht chronologisch. Bei der Abfassung des Buches lebte Murdoch noch, war aber bereits schwer erkrankt. Bayley fungiert hier als ihr Gedächtnis, um die gemeinsam verbrachte Zeit und die wertvollen Erfahrungen, vor dem Nichts der Alzheimerkrankheit zu retten.

Ich muss zugeben, ich finde Murdochs Leben immer noch spannender als das, was ich von ihr selbst gelesen habe. Vielleicht übersehe ich etwas ganz Wesentliches, mag sein. Meine Ausgangsfrage hat sich damit allerdings nicht beantwortet, dennoch gibt es Anzeichen dafür, dass sie in den letzten Jahrzehnten v.a. wegen ihrer Alzheimer-Erkrankung in Erinnerung geblieben ist, nicht wegen ihres Lebenswerks. John Bayleys Memoiren und der Film „Iris“ haben zu dieser Entwicklung beigetragen.

Iris Murdoch: Under the Net (1954)

DSC_0040 Die Nachbarin übt am Cello. Draußen regnet’s in Strömen. Die Katzen sind satt, glücklich mit sich und der Welt. Ein guter Zeitpunkt, um sich Iris Murdochs „Under the Net“ zu widmen.

Murdochs Erstlingswerk aus dem Jahre 1954 spielt in London und Paris und ist ein moderner, philosophischer Schelmenroman, der sich um Jake Donaghue dreht, einen mittellosen Übersetzer französischer Literatur.

I am something over thirty and talented, but lazy. I live by literary hack-work, and a little original writing, as little as possible.

Unfreiwillig verlässt er seinen bequemen Trott, denn seine Freundin Madge schmeißt ihn aus der Wohnung. Jake sucht fortan eine Bleibe, danach sucht er einen alten Freund, dann eine alte Freundin, einen Job, ein Manuskript oder einen Hund. [s. Fußnote 1] Die Story bleibt von Anfang bis zum Ende leider recht mager, stellenweise wird sie klamaukig und ermuntert sich an dem Beziehungsgeflecht des Romanpersonals, das um den Protagonisten herum gruppiert wurde. Es ist so (spannend), als würde man einer Familienaufstellung oder einem Schachspiel beiwohnen. „A comic novel about work and love, wealth and fame“ stellt der Klappentext angesichts der dürftigen Handlung fast entschuldigend fest.

Da gibt es den Cousin Finn: wortkarg und praktisch veranlagt, weicht er nicht von Jakes Seite; die Schwestern Anna und Sadie Quentin: die eine Sängerin, die andere Schauspielerin, beide auf ihre Art an Jake interessiert; den Feuerwerksproduzenten und Filmmagnaten Hugo Belfounder, mit dem Jake mehr oder weniger tiefgründige philosophische Diskussionen führt. Diese Figuren haben mich größtenteils kalt gelassen.

Man merkt, dass Murdoch versucht, sich an literarischen Vorbildern wie zum Beispiel Dickens zu orientieren. So wird der kettenrauchenden und katzenliebenden Ladenbesitzerin Mrs. Tinckham fast drei Seiten humorvoller Beschreibung gewidmet. Letztendlich erscheint diese Figur später im Roman jedoch nur noch einmal am Rande. Da hat eine junge, traditionsbewusste Autorin versucht, sich den literarischen Standards des Establishments anzupassen, aber somit dem Roman nur phasenweise Leben einhauchen können. Geschadet hat es ihr nicht.

Der Titel „Under the Net“ hat einen sprachphilosophischen Bezug. Das Netz der Sprache hält uns gefangen. Sie lässt es nicht zu, dass persönliche Emotionen authentisch vermittelt werden können. Murdoch, selbst viele Jahre als Philosophieprofessorin in Oxford tätig, verdeutlicht dieses Dilemma in allen Beziehungen des Romans. Kunst und Sprache distanzieren den Menschen von der Realität.

All theorizing is flight. We must be ruled by the situation itself and this is unutterably particular. Indeed it is something to which we can never get close enough, however hard we may try as it were to crawl under the net.

Es stellt sich mir die Frage, ob dieses Problem eventuell ein persönliches war [s. Fußnote 2] oder den begrenzten gesellschaftstauglichen Ausdrucksmöglichkeiten ihrer Zeit geschuldet ist. Sind wir heutzutage weiter?

Den Roman zu lesen ist jedoch keine Zeitverschwendung. Er ist auf seine eigene, bedeckte Art unterhaltsam. Ich habe das Buch mit stetem Interesse, jedoch ohne große Begeisterung gelesen. Nicht mehr aber auch nicht weniger.

Die Geschichte eignet sich für Gemüter, die sich nicht unbedingt aufregen wollen, die stattdessen gerne etwas wiedererkennen, wie z.B. in den Leseclubs kleinstädtischer Literaturgesellschaften üblich, wo die intertextuellen Bezüge zu Klassikern der Literaturgeschichte trefflich herausgestellt werden können – beeindruckendes Name-dropping inklusive – ohne dass einem die leichte, eingänge Story allzuviel abverlangen würde. Die durchaus aufregenden Abenteuer des Protagonisten bleiben durch die Einbettung in die Tradition gedämpft und unaufgeregt, so dass einem der Afternoon-Tea bei der Lektüre nicht aus der Tasse schwappt. Maybe this is just typically British, who knows.

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Fußnoten:

  1. 1997 wurde Murdoch mit Alzheimer diagnostiziert. Einige Wissenschaftler sehen die ersten Anzeichen der Erkrankung in ihrem letzten Roman „Jackson’s Dilemma“ von 1995. BBC report on Murdoch’s Alzheimer Disease   vor allem auf der sprachlichen Ebene. Eventuell, so meine Vermutung, lassen sich bereits im ersten Roman auf thematischer, aber auch der sprachlichen Metaebene, Anzeichen für die Erkrankung finden.
  2. s. Fußnote 1.