LESUNG: Jonathan Franzen – UNSCHULD (in Hamburg)

Thalia Theater, Hamburg.

Eine halbe Million Besucher sollen es laut einer Thalia Mitarbeiterin an jenem Abend des 8.10.2015 gewesen sein, die sich nach der Lesung im Foyer des Theaters drängelten, um ihre Bücher vom amerikanischen Superstern am Literaturhimmel, dem Jonathan Franzen, signieren zu lassen. Diese erfrischende Form des Understatement war eine Wohltat inmitten des hanseatischen Mobs, der sich kultiviert gebend seinen Weg zum begehrten Weltstar bahnte. Aber ich übertreibe etwas.

Das Gedrängel am Signiertisch, das so manchen Wutbürger auf den Plan rief, hatte sich sogar bis Göttingen herumgesprochen, wo Herr Franzen tagsdrauf ein weiteres Mal aus seinem neuen Roman „Unschuld“ las. Zustände wie auf einem Take That-Konzert hätte es in Hamburg gegeben, deshalb baten Autor und Veranstalter die Zuhörer darum, nur eine Schlange vor dem Signiertisch zu bilden.

Wie hatte es soweit kommen können?

In den Begrüßungsworten zu Beginn der Veranstaltung wurde mehrfach darauf hingewiesen, dass Hamburg eine besondere Ehre zuteil geworden sei, denn hier, im tollen Hamburg, würde Herrn Franzens erste Lesung in Deutschland stattfinden, noch vor der LitCologne. Die 1000 Besucherinnen im ausverkauften Thaliatheater zeigten sich zunächst hanseatisch unbeeindruckt. Erst als die Veranstalter darum baten, auf Wunsch des Autors, später, nach der Lesung, bitteschön KEINE Fotos geschweige denn Selfies von bzw. mit Herrn Franzen am Signiertisch zu machen, lockerte sich die Stimmung merklich auf und es wurde fröhlich gekichert. Weiterhin wurde darauf hingewiesen, dass man die Lesung nach Weihnachten, am 27.12. um 20 Uhr, auf NDR Kultur hören könne.

Die Moderation des Abends hatte FAZ-Literaturchefin Felicitas von Lovenberg übernommen. Viel sah oder hörte man aber nicht von ihr, denn den Großteil des Abends bestritt Jonathan Franzen allein auf der Bühne, im Zwiegespräch mit seinen Leserinnen und Lesern. Frau von Lovenberg musste/konnte/durfte während der Vorlesephasen die Bühne verlassen, was auf mich etwas befremdlich wirkte, denn der Stuhl neben Mr. Franzen blieb demnach meistens leer, so als warte man noch auf jemanden, was dem Abend einen etwas flüchtigen, Beckett’schen Beigeschmack verlieh.

Beeindruckt und in gleichsam teilnahmsvoller Rührung folgten die Zuhörer Herrn Franzens Ansprache an das Publikum, denn er redete vor allem deutsch, ein sehr gutes Deutsch, wenn er an manchen Stellen und mit fortgeschrittener Stunde auch etwas ins Schlingern kam. Trotzdem sehr beachtlich, muss ich sagen, und so manch eine kleine, charmante Sprachkreation, wie z.B. „Sie sind heute meine experimentalen Kaninchen„, wurde vom Publikum in liebevoller und erheiterter Weise begrüßt. Denn allein dies ist ja schon ein Liebesbeweis an das Land, in dem der jüngere Franzen als Student in Berlin, Anfang der 80er, studiert hatte. Die Amerikaner, die sich die Mühe machen, eine Fremdsprache zu lernen, kann man womöglich an einer Hand abzählen, vor allem diejenigen, die es nicht aus Businessgründen tun. Also Hut ab vor Herrn Franzen! Er hat meinen ganzen Respekt.

Drei Passagen hat Jonathan Franzen auf deutsch vorgelesen, eine auf englisch. Die englische gehört zu meinen Lieblingsszenen im Buch und behandelt das Gespräch der Enthüllungsjournalisten Leyla Helou mit der Schnellrestaurant-Mitarbeiterin Phyllisha Babcock, in Amarillo, Texas. (Ein kleiner Auszug aus der Szene). Hier kommt Jonathan Franzens Sinn für Humor voll zum Tragen, der immer dann Blüten treibt, wenn Charaktere beschrieben werden, die gar nicht wissen, dass sie komisch sind.

DSC_0010Einiges Neues konnte man an diesem Abend über den Roman erfahren, wenn ich mir auch ein wenig mehr Analyse oder Interpretationsansätze gewünscht hätte. Ich denke, das kann man einem Publikum durchaus mal zumuten, es muss nicht immer nur Geplänkel auf der Inhalts- und Figurenebene in Verbindung mit der Biografie und den Intentionen des Autors sein. Die Siri Hustvedt Lesung hatte mich damals im Juni in eine geistige Extase versetzen können, weil hier eben ganz andere Register gezogen wurden, die zur intensiven Auseinandersetzung mit den Themen des Romans inspirieren konnten.

Die Eingangsfrage von Frau von Lovenberg fand ich ziemlich gut, nämlich, ob er, Jonathan Franzen, Beziehungen für genauso schlimm halte wie das Internet. Diesen Eindruck hätte man als Leser/in. Leider ging der Autor darauf nicht wirklich ein. „That’s a devilish question,“ sagte er nur, worauf Lovenberg rekurrierte, er, Franzen, habe ja das Faustzitat an den Anfang des Romans gesetzt. „Das stimmt,“ so der Autor. Leider war der Faust dann kein Thema mehr. (Faust, Mephisto und das naive Gretchen in meiner Besprechung des Romans vom 4. Oktober).

Der Titel „Purity“ sei ihm von Anfang an etwas peinlich gewesen, so Franzen, deshalb habe er der weiblichen Protagonistin diesen Namen gegeben und ihn dann kurzerhand mit „Pip“ abgekürzt. Der Titel entstamme vor allem seiner Beschäftigung mit dem Werk von Karl Kraus, der oft die „Reinheit der deutschen Sprache“ eingefordert hatte.

Reinheit sei ein Begriff, um einen radikalen Idealismus zu verstehen. Extreme Bewegungen jeglicher Art würden sich immer auf irgendeine Art von „Reinheit“ beziehen. Pip sei die einzige ohne Idealismus, ganz anders als ihre Elterngeneration, allen voran ihre Hippiemutter Annabel. So habe er den Titel „Purity“ ironisiert und für sich entschärfen können.

Eine besonders schöne Stilblüte gelang dem Autor im Gespräch über Andreas Wolf, der „mit seiner unmöglichen Mutter einen Alpentraum hätte.“ Weil alle anwesenden Norddeutschen diese Wortkreation einfach zu schön fanden, wurde Mr. Franzen dahingehend nicht korrigiert.

Die Frage aus dem Publikum, ob seine neuen Romane Fortsetzungen der alten seien, verneinte Herr Franzen. Die Figuren interessierten ihn nach dem Schreiben nicht mehr. „A book isn’t done, if there still can be done something with the characters,“ so der Autor, aber „I wonder what happened to Gary [aus den Corrections] sometimes.“ Außerdem könne er Figuren nicht noch einmal verwenden, sobald die Rechte an z.B. Filmproduzenten verkauft worden seien.

Was nicht ausbleiben durfte, war natürlich die Frage nach dem deutschen Titel „Unschuld,“ der vielen Leser_innen als Missgriff erscheint. Franzen blieb hier sehr vage, „was weiß ich,“ bzw. „it’s not a random choice.“ Da gestern die Lesung in Göttingen per Livestream online gezeigt wurde, konnte ich in Erfahrung bringen, dass „Unschuld“ durchaus Sinn mache, so Franzen in Göttingen, weil sich alle Charaktere im Roman aus unterschiedlichsten Gründen schuldig fühlten. Vermutet wurde jedoch bereits an anderer Stelle, dass der Rowolthverlag nach dem letzten Titel „Freiheit“ keinen fast gleichlautenden Titel verwenden wollte. Anyways.

Das Fernsehen sei kein Feind mehr, so der vormals fernsehfeindlich eingestellte Franzen anschließend. Es habe in den letzten Jahren bewiesen, durchaus komplexere Erzählmethoden anwenden zu können.

The enemy is stupid, brief stimuli, not coherent narrative. TV uses storytelling techniques that novels have developed for centuries. TV is the novel’s little brother.

Das mit dem „kleinen Bruder Fernsehen“ hatte Frau von Lovenberg angesprochen. Der große Gesellschaftsroman des 19. Jahrhunderts sei tot, das wusste Jonathan Franzen schon vor 20 Jahren. Solche Erzählungen spielten sich jetzt v.a. auf Bildschirmen ab. Dass er mit dieser Einsicht seinen Frieden geschlossen hat, konnte man ihm durchaus ansehen.

Aber was macht das Lesen von Romanen zu etwas ganz Besonderem?

Es ist die Innerlichkeit und Psychologie sowie die unmittelbare, geistige Verbindung des Schriftstellers mit den Lesern. So könne man sich auch noch Jahrhunderte später mit schon lang verstorbenen Autoren ganz nah verbunden fühlen. Dies sei der Zauber der Literatur, so Lovenberg, die besondere Beziehung, die die Zeiten überdauere.

Wie oben schon erwähnt, hätte ich mir durchaus etwas tiefergehendere Analysen gewünscht.

Das wahre Abenteuer begann NACH der Lesung, denn es entstand ein Run auf den Signiertisch des Autors im Foyer des Theaters.

Aufgrund einer strategisch günstigen Ausgangslage, gelang es mir innerhalb weniger Minuten, mich in zirka zwei Metern Entfernung von Herrn Franzens Tisch und seiner Gefolgschaft zu positionieren. Dort stand ich dann allerdings eine geschlagene halbe Stunde, aber lieber am Anfang einer Schlange warten, als an ihrem Ende, vor allem wenn man sich in Hör- und Sichtweite des Objekts der literarischen Begierde befindet.

WIN_20151010_130242 (2)Als ich endlich an die Reihe kam, hatte sich meine anfängliche Nervosität etwas gelegt und war einer überhitzten Müdigkeit gewichen. Halb im Traume stand ich nun vor ihm, nur eine Tischbreite entfernt, aber es musste alles ganz schnell gehen.

Ein Herr, der urplötzlich von hinten links an mich herantrat, entriss mir meine beiden Bücher, „Purity“ und „How to be Alone“, schlug sie ratzfatz an passender Stelle auf und ermahnte mich drängelnd zur Eile. Sprachlos war ich, hatte ich mir doch ein paar Fragen sorgfältig überlegt, sodass Herr Franzen die Initiative übernehmen musste und seine erste gewagte Signatur in den Essayband setzte. „You have to tell me what to do,“ so der Autor unter Druck, und ich war wieder etwas wacher, nannte und buchstabierte ihm etwas peinlich berührt meinen Namen, den er dann als Widmung auf die erste Seite von „Purity“ schrieb, mit Ausrufungszeichen, um keine Zweifel aufkommen zu lassen.

Oh, liebe Leserinnen und Leser, von da an schwebte ich nur noch auf Wolke Nummer Sieben, ein glücklicher Franzen-Fan. Im hanseatischen Nieselregen unter einem sternenlosen Himmel, sprang ich am Ende eines ereignisreichen Abends, übermütig und vom Glücke beseelt, die mehreren Hundert Meter ohn‘ Unterlass und in freudiger Erregung zum Hauptbahnhof, wo bereits mein Zug wartete und mich sicher nach Hause beförderte. Purity an mein Herz gedrückt, schlief ich um etwa drei Uhr nachts endlich ein.

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Bilder:

  1. Deckenbeleuchtung im Thalia Theater, Hamburg: almathun
  2. Thalia Theater: von Armin Smailovic (www.thalia-theater.de) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)%5D, via Wikimedia Commons
  3. Herr Franzen and parts of Frau von Lovenberg on stage: almathun
  4. Signierte Purity-Seite: almathun

Siri Hustvedts „Blazing World“ und Phillip Toledano

Siri Hustvedt werden die meisten Leser/innen dieses Blogs kennen. Bei Phillip Toledano bin ich mir nicht so sicher. Mir war der sehr gut aussehende Fotograf aus New York bis vor ein paar Tagen noch nicht bekannt. Einige seiner beeindruckenden Bildserien kann man in den Deichtorhallen in Hamburg im Rahmen der 6. Triennale der Photographie sehen.

Am bekanntesten sind davon sicherlich „Days With My Father“ (2006-09) über die letzten Jahre, die Toledano mit seinem an Demenz erkrankten Vater verbracht hat,  „A New Kind of Beauty“ (2008-10) über Menschen, die ihre Körper der plastischen Schönheitschirurgie unterzogen haben sowie „Maybe„(2011-15), in denen er Blicke in die Zukunft wagt, um zu sehen, was das Schicksal für ihn bereithält. Hier gibt es ein atmosphärisches Video zur Ausstellung, die ich nur empfehlen kann: The Day Will Come When Man Falls.

Deichtorhallen, Hamburg. Haus der Photographie. 2015.

Deichtorhallen, Hamburg. Haus der Photographie. 2015.

Es mag am Konzept der Ausstellung liegen, welches als verbindendes Element der Fotoserien Toledanos „Spurensuche nach sich selbst“ erkennt, sodass der biographische Bezug des Werkes einen von Anfang an fast erdrückt. Und das ist jetzt nicht im negativen Sinne gemeint. Mir ist während der Ausstellung aufgefallen, wie sehr mir eine sofort einsetzende Identifikation mit Teilen der Biographie des Künstlers dabei geholfen hat, das Werk mit geschärftem Interesse wahrzunehmen und es auf mich wirken zu lassen. So funktioniere ich. Erkenntnis Nummer Eins.

Es waren vor allem die psychoanalytischen Erläuterungen, die nicht nur Toledano anbietet (z.B. sein Versuch in „Maybe“ Zukunftsängste durch Konfrontation zu exorzieren) sondern auch das Kuratorium (über die gelungene Ausstellungs-App für 3€), ein parallel laufender Film über das Leben des Künstlers oder der Begleittext an den Wänden und Bildern, die bei mir Wirkung zeigten. Meine innere Narzisstin ist vor Freude an die Decke gesprungen.

Die Biographie des Künstlers als Kunstprodukt?

Mich beschlich schon bald das ungute, später faszinierende Gefühl, dass die dem Betrachter zu jeder Bildserie direkt ins Gesicht geriebene Biographie des Künstlers möglicherweise selbst nur ein Kunstprodukt ist. Funktioniert Toledanos Kunst ohne die Bezüge zur Biographie überhaupt? Wäre sie genauso erfolgreich, wäre er ein eher unscheinbarer Mann oder sogar eine Frau? Wird bald die Bombe platzen und Toledano mit der Wahrheit herausrücken? Wird dies dann die letzte Wahrheit sein oder auch nur Teil seiner Konzeptkunst, die das Augenmerk auf die Verknüpfung von Biographie und Kunstwerk legt?

Hier kommt dann Siri Hustvedt ins Spiel. Ihren Roman „The Blazing World“ habe ich vor ein paar Wochen gespannt gelesen, und zwar von Anfang an bis zum Ende, and in English. (Hier geht’s zur Lesung in Hamburg)

Der Roman spielt in der New Yorker Kunstszene und handelt von einer Künstlerin, Harriet Burden, die jahrelang um Aufmerksamkeit und Anerkennung im Kunstbetrieb kämpft, erfolglos, bis sie auf die Idee kommt, drei ihrer Installationsobjekte männlichen Künstlern zuzuschreiben, ihren „Masken“. Und siehe da, es klappt. Die Kunstwelt schlägt Purzelbäume, die drei männlichen „Masken“ werden in den Medien hochgelobt und -stilisiert. Harriet Burdens Experiment hat geklappt und ihre Theorie, dass die Wahrnehmung des künstlerischen Objektes ganz stark von unserer Wahrnehmung des Künstlers geprägt ist, hat sich für sie bestätigt.

All intellectual and artistic endeavours, even jokes, ironies, and parodies, fare better in the mind of the crowd when the crowd knows that somewhere behind the great work or the great spoof it can locate a cock and a pair of balls.

(Lustige Randbemerkung: in amerikanischen Rezensionen wurde das obige Zitat häufig nach „spoof“ abgebrochen undDSCN7999 (2) dann mit „if there is a man“ o.ä. ersetzt. LOL)

Doch was sagt uns das über den Wert der Frau in unserer Gesellschaft? Während der Toledano-Ausstellung fragte ich mich  manchmal, ob nicht seine perfekten Zähne, sein attraktives Äußeres sowie sein imaginiertes cock & balls – Set ausschlaggebend für meine positive Wahrnehmung der Bilder sein könnten. Steckt vielleicht sogar eine Frau, seine Frau, oder Siri Hustvedt hinter den Fotografien? Ist Toledano eine Maske?

Ich möchte jetzt nicht im Einzelnen auf den Inhalt von The Blazing World eingehen. Sehr gut gefallen haben mir die multiplen Erzählperspektiven, die sich um Harriet Burden kreisen und ein schillerndes Bild der Künstlerin ergeben. Der Roman ist keine langweilige Nabelschau einer im Selbstwertgefühl verletzen Ich-Erzählerin. Das wäre auch zu einfach. Er handelt meiner Meinung nach v.a. von einer Frau, die versucht, für sich eine Identität als Künsterlin zu schaffen, durch harte Arbeit, gedanklichen Wagemut, leidenschaftliches Interesse und ein tiefes Verständnis für die Materie, mit der sie sich jeden Tag beschäftigt. Sie ist keine Maske, die hohle Worte um sich wirft zum Zwecke der beeindruckenden Selbstdarstellung und Vermarktung, sondern eine Frau aus Fleisch und Blut, die bis in die letzte Faser von Körper, Geist und Seele, alles für sie Wichtige aufnimmt, verdaut, einordnet, verknüpft und in ihrer Kunst verarbeitet. Bei einem Mann würde man vermutlich sofort den Genie-Begriff aus dem Halfter ziehen.

Für mich war der Roman außerdem ein wichtiger, ergänzender Bestandteil meiner Rezeption der Phillip Toledano Ausstellung, auf den ich nicht verzichten möchte. Mein Blick ist für die Zukunft geschärft worden. Erkenntnis Nummer Zwei.

Beide, Ausstellung sowie Roman, kann ich nur wärmstens empfehlen.

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Foto von Siri Hustvedt: By Smalltown Boy at de.wikipedia [Public domain], via Wikimedia Commons

LESUNG: Siri Hustvedt – The Blazing World (in Hamburg)

Schauspielhaus Hamburg

Schauspielhaus Hamburg bei strahlendem Sonnenschein, abends, 19:30 Uhr.

Manchmal können kleine Zufälle große Nachwirkungen zeitigen. Am Mittwoch (03.06.15) las Siri Hustvedt im Schauspielhaus in Hamburg. Morgens hatte ich, angelehnt am ewig lange vor sich hindröhnenden Kaffeeautomaten in unserem Büro, schläfrig und mich in Geduld übend, das Juni-Programm des Literaturhauses durchgeblättert. Als der Kaffee endlich in der Tasse war, stand mein Entschluss fest: ich musste es irgendwie abends in die Lesung schaffen. Von da an war ich plötzlich wieder hellwach, und es lag nicht am Kaffee.

Ich hatte Glück, im Internet gab es noch eine handvoll Karten, allerdings hatten sie alle eine eingeschränkte Sicht, aber ich wollte ja nicht schauen, sondern v.a. hören. Also riss ich virtuell eine Karte für einen Platz in einem linken Logenbalkon an mich, packte zwei der drei Hustvedt-Romane ein, die in meinem Bücherregal stehen („Summer Without Men“ und „Sorrows of an American„), meine Kamera und los ging’s.

Wenn man außerhalb Hamburgs wohnt, ist ein abendlicher Theaterbesuch während der Arbeitswoche immer noch DSC_0077machbar, denn das Schauspielhaus liegt zentral direkt am Hauptbahnhof. Dort war abends um 7 noch viel los: das gleißende Sonnenlicht versöhnte sich mit den winterlich vergrämten Hamburgern, eine kühle Brise erinnerte mahnend an die kalten Tage, wilde Trommelrhythmen lockten müde Bürohengste, am Eis schleckende, flanierende Rentnerpaare und weitgereiste Taxifahrer vor den Bahnhofseingang. Zur gleichen Zeit bewiesen Fahrradfahrer und Autofahrer gleichermaßen einen den sommerlichen Temperaturen angepassten, wagemutigen und großstädtischen Fahrstil.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich eine ewig lange Zeit nicht mehr im Schauspielhaus gewesen bin. Die Erinnerungen kamen hoch, als ich auf meinem bepolsterten Holzstuhl saß, unter dessen Beine man einen Holzkasten genagelt hatte, damit die hinteren Logenplätzler über die Köpfe der vorderen Logisten doch irgendwie noch auf die Bühne schauen können. War es in der achten oder neunten Klasse? Deutschunterricht? Draußen vor der Tür? Ich war ratlos und ließ die blassen Erinnerungen wieder in ihr wohlverdientes Vergessen zurücksinken. Vor mir in der Loge saßen zwei Frauen, eine Japanerin in Cardigan, die mir

Spiel und Arbeit

Spiel und Arbeit

vornehm nickend signaliserte, dass sie an einem Gespräch angesichts der Intimität der Loge kein Interesse habe, die aber meinen „Barhocker“, wie sie ihn nannte, eines anerkennenden Blickes würdigte, sowie eine Dame mit karottenfarbigem Haar, das wie ungekochte Spaghetti auf ihren Schultern stand und deren schweigender Blick, nach Innen gewandt, einen besorgten Charakter vermuten ließ. Dank des Kastens unter meinem Stuhl, gelang es mir tatsächlich, die Bühne im Blickfeld zu behalten.

Im Hamburg Journal hieß es später dass rund 90% der Zuhörer weiblichen Geschlechts gewesen seien, und dies sei üblich für Hustvedt-Lesungen, überhaupt für ihre Leserinnenschaft. Diesen Eindruck kann ich nicht bestätigen. Ich tippe auf 70-80 % an diesem Abend. Aber es war dennoch einen frauendominantes Event, soviel ist richtig.

Durch den Abend führte Prof. Dr. Julika Griem vom Institut für England- und Amerikastudien der Goethe-

Prof. Julika Griem, Autorin Siri Hustvedt und Schauspielerin Bettina Stucky (2015, Hamburg)

Prof. Julika Griem, Autorin Siri Hustvedt und Schauspielerin Bettina Stucky (2015, Hamburg)

Universität in Frankfurt.  Mit einem ganz wunderbaren British English stellte sie Fragen, die zum Denken anregten und Siri Hustvedt Raum boten, unterschiedliche Aspekte ihres Schaffens und Denkens näher auszuführen. Ihre Übersetzungen waren immer stimmig, enthielten manchmal mehr Information als das, was Siri Hustvedt gesagt hatte, so z.B., dass Emily Dickinson wohl lesbisch gewesen sein musste, nachdem Hustvedt meinte, dass ein schwuler Walt Whitman und eine Dickinson die Ur-Eltern der amerikanischen Literatur wären. Und sehet, was aus dieser Verbindung entstanden ist. Griem offerierte mehrere Interpretationsansätze für einen Zugang zum Roman, u.a. das Framing, also im übertragenen Sinne Bedeutungs-Rahmen, die von der Hauptfigur Harriet Burden entwickelt aber auch wieder zerbombt würden.

DSC_0082Am Beispiel der vollbusigen Mutter und Künstlerin Burden wurde besprochen, inwiefern Frauen, und v.a. auch Müttern, im heutigen von Männern dominierten Kunstbetrieb die ihnen gebührende Anerkennung verwehrt wird. In The Blazing World feiert Burden erst dann Erfolge, als sie drei männliche Stellvertreter gefunden hat, die ihre Kunst in der Öffentlichkeit präsentieren. Die Persönlichkeit und Biographie  des Künstlers bestimme immer noch, inwiefern ein Kunstwerk wahr- und v.a. ernstgenommen werde. J.K. Rowling sei ein weiteres Beispiel für eine erfolgreiche Autorin, die einen geschlechtsneutralen Namen gewählt habe und erst damit bei Verlagen Erfolg gehabt hätte. Mit ihrem Pseudonym Robert Galbraith hätte sie einen ähnlichen Weg eingeschlagen.

Während Siri Hustvedt ihre Gedanken äußerte, herrschte 100%-ige Konzentration bei den Zuhörern. Ich lauschte gebannt, und versuchte, jedes einzelne Wort in ein größeres Gedankensystem einzuordnen. Es machte alles Sinn und war inspirierend, das Ergebnis ausgeprägter Beobachtungsgabe und destillierender Gedankenarbeit, wie in einer guten Vorlesung, die Bekanntes aufgreift und neue Sichtweisen eröffnet. Ich fühlte mich zeitweise wie eine Zen-Schülerin, auf die sich die fortgeschrittene Klarheit und Gefasstheit ihrer Meisterin überträgt, auch wenn das Geäußerte nicht unbedingt ganz neuartig-originell daherkam. Ich war hellwach und inspiriert. Sagenhaft.

Das, was im Gespräch zwischen Professor Griem und Siri Hustvedt an kognitiv-rationalem Verständnis für den

Siri Hustvedt, Bettina Stucky (2015, Schauspielhaus Hamburg)

Siri Hustvedt, Bettina Stucky (2015, Schauspielhaus Hamburg)

Roman entstanden war, erhielt durch den lebhaften Vortrag von Bettina Stucky, die aus der deutschen Übersetzung vorlas, einen weiteren, ganz neuen Aspekt. Ihre Interpretation betonte die ironische Seite des Buches, die humorvollen Versuche der Charaktere, des Phänomens Harriet Burden habhaft zu werden. Hier wurde im Publikum viel gelacht aber auch wieder mitfühlend zurückgerudert, als eine der Esoterik verhaftete, weibliche Figur mithilfe der ihr zur Verfügung stehenden (Farb-)theorien die Welt und die Männer zu erklären versucht.

Am Ende der Veranstaltung schenkte das Publikum den drei Damen auf der Bühne einen langanhaltenden Applaus. Leider schaffte ich es nicht mehr zur Signierstunde, denn mein Zug wartete bereits am Bahnhof, und ich hatte noch 10 Minuten Zeit dorthin zu gelangen. Als ich die Treppe von den Balkonlogen in den Eingangsbereich hinunterstürzte, kamen mir von dort Siri Hustvedt und Julika Griem im Gespräch vertieft entgegen. Siri Hustvedt und ich steuerten unaufhaltsam aufeinander zu, denn wir bewegten uns beide entlang des Geländers. Da ich nicht ausweichen konnte, steuerte Siri Hustvedt die in Richtung ihrer Schuhe redende Griem zur Seite, machte einen Bogen um mich, schaute dabei etwas irritiert und erschöpft. So gelang mir doch noch ein Blick aus nächster Nähe auf die Autorin und ein in letzter Minute rechtzeitiges Eintreffen am Bahngleis, mit vielen neuen Eindrücken, jungbrunnenartigem Elan und viel Vorfreude auf den Roman im Gepäck. Da sage nochmal einer, Autorenlesungen seien alle öde.