Susan Sontag: Regarding the Pain of Others (2003)

WIN_20150815_094944Dieses wunderbare Buch erreichte mich vor ein paar Wochen aus Berlin. Ein herzliches Dankeschön geht an die Schröersche Buchhandlung für den Hinweis auf den Essay und die charmante Gestaltung der Paketsendung.

Regarding the Pain of Others“ (Das Leid der anderen betrachtend) erschien ein Jahr vor Susan Sontags Tod und 25 Jahre nach ihrer wegweisenden Essaysammlung „On Photography„, die sich ebenfalls mit der Rolle der Fotografie in Geschichte und Gegenwart beschäftigt.

Wie der Titel bereits impliziert, geht es Sontag in den neun Kapiteln ihres Buches einerseits um das in Fotografien dargestellte Leid, zum anderen aber auch um die Rolle des Bildkonsumenten. Ihren Schwerpunkt legt sie auf die Kriegsfotografie.

Als Aufhänger dient ihr die Frage eines Lesers, der Virginia Woolf 1937 fragte: „How in your opinion are we to prevent war?“ Zu einer Zeit, in der sich ein zweiter Weltkrieg bereits ankündigte und in Spanien der Bürgerkrieg tobte. Woolf zog zur Beantwortung dieser Frage Fotografien aus den Bürgerkriegsgebieten heran und kam zu dem Ergebnis, dass diese Bilder jeden normal empfindenden Menschen veranlassen müssten, der Kriegstreiberei abzuschwören und ein Ende aller kriegerischen Auseinandersetzungen einzufordern.

Da dies offensichtlich nicht so ist, veranlasst Sontag auf die Spurensuche zu gehen.

Chicago, 2006

Chicago, 2006

Sie will die Frage beantworten, ob sich Fotografie als Mittel des Widerstandes und der Aufklärung überhaupt eigne, für den guten Zweck dienstbar gemacht werden könne. Das ist ihr politisches und moralisches Anliegen. Eine klare Positionierung, die sich vom ästhetischen Rigorismus einer l’art pour l’art-Haltung abwendet und für die sie oft genug, v.a. aus französischen Kreisen, kritisiert wurde.

Eine stringente Argumentationsweise und klare Linie darf man in diesem Essay allerdings nicht erwarten. Das ist auch gar nicht nötig, denn die Ausgangsfrage hat sich schon bald selbst beantwortet. Vom historischen Standpunkt aus betrachtet hat Fotografie in dieser Hinsicht versagt. Sie kann die echte Erfahrung des Kriegserlebnisses nicht transportieren, somit zwar kurzfristig einen Schock oder Entsetzen im Bildkonsumenten verursachen, aber keine bedeutsame Veränderung bewirken.

Sontag steckt in den neun Kapiteln ein weites Territorium ab, das sie mit der Leserin gemeinsam abschreitet. Die Argumentation erledigt sich irgendwie am Rande, während die Autorin beschreibt, vergleicht, abwägt und mulitperspektivisch unterschiedliche Ansichten zu einzelnen Themenbereichen aufgreift, wieder fallen lässt oder weiterführt. Sie entwirft ein Panorama, ein Gemälde, das die Beziehung zwischen Krieg und seiner fotografischen Begleitung in all seinen Facetten aufzeigt. Ein wenig mehr Systematik hätte ich mir trotzdem gewünscht.

Hier eine kleine Auswahl der Fragen und Themen, die sie beschäftigen:

  • die Geschichte der Kriegsfotografie (jedoch keine langweilig chronologische Abhandlung)
  • die Funktion von Schockbildern, auch zur Kriegsmobilisierung der Gesellschaft.
  • der Irrglaube, Fotografie zeige das GANZE Elend der Welt (Frage: Was zeigt Fotografie NICHT?)
  • wie Fotos unser Wissen, unser Verständnis und unsere Erinnerung von Greueltaten ersetzen (s. Bilder aus Konzentrationslagern)
  • wie Fotografien nicht nur abbilden sondern v.a. auch definieren.
  • der leidende Körper in der christlichen Ikonografie und die Ähnlichkeit zu seiner Repräsentation in Kriegsreportagen
  • Inszenierung und Authentizität von Fotografien
  • Zensur
  • emotionale Reaktionen auf Fotografien (von Mitleid bis Desensibilisierung)
  • uvm.

Es ist anstrengend aber zugleich auch sehr informativ und abwechslungsreich

Portrait Susan Sontag von Juan Fernando Bastos

Susan Sontag zu folgen. Es sind aber, wie oben schon gesagt, die „Trümmer“ und Bruchstücke ihres profunden Wissens, die sie aneinanderreiht und miteinander verwebt. Die Einordnung in das eigene Denksystem und Wissenrepertoire muss man dann selbst übernehmen. Sie bietet keine Orientierung, ihr Darstellungsstil zwingt zur aktiven Teilnahme.

Was mich inhaltlich am meisten berührt und beeindruckt hat, war die Erwähnung von Ernst Friedrichs Fotoband „Krieg dem Kriege!“ von 1924, der nach dem 1. Weltkrieg quasi als Schocktherapie und mit Bildunterschriften in vier Sprachen veröffentlich worden ist. Er zeigt darin mehr als 180 Fotos aus Militär- und medizinischen Archiven, u.a. 24 Bilder, die brutale Gesichtsverletzungen von Soldaten zeigen und der Bevölkerung vorenthalten wurden. Ziel war es die „wickedness of militarist ideology“ zu enttarnen. Es hat politisch längerfristig nichts bewirkt.

Ich habe mich während der Lektüre gefragt, ob der Weg über den Sehsinn zur „Bekehrung“ der Menschheit nicht eigentlich falsch ist und in unserer Gesellschaft überbewertet wird. Die neuronalen Verknüpfungen zum Empathiezentrum in unserem Gehirn sind, so vermute ich mal, bei den meisten Menschen einfach zu kompliziert bzw. inzwischen verschüttet. Die Hoffnung liegt m.E. im Gehörsinn. Ohren kann man nicht einfach schnell mal verschließen und das, was wir hören, erreicht uns sofort und zeitigt in den meisten Fällen eine direkte emotionale Reaktion. Oftmals hat das, was wir einmal gehört haben, sogar jahre- wenn nicht sogar lebenslange Auswirkungen auf unser Befinden und kehrt, wie ein Ohrwurm oder eine bekannte Melodie, immer wieder zurück in unser Bewusstsein. Es ist nicht der Anblick des sterbenden oder toten Soldaten, sondern das Surren der Fliegen an seinem Gesicht oder sein letztes Röcheln, das sich in die Erinnerung eingräbt. Nicht an ein Bild gebunden, entfalten diese Eindrücke erst ihr ganzes Potential.

Der Essay bietet übrigens KEINE Bilder, was erstaunlich ist. Sontag gelingt es hervorragend, den Schrecken der Bilder in Worten wiederzugeben. „The form of the narrative does not wear out.“ sagt sie selbst, und

„Pictures DON’T tell us everything we need to know.“

Somit ist ihr Essay auch eine Wertschätzung der Sprache und ein Plädoyer für den Rückbezug auf die Macht des geschriebenen Wortes.

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Portrait Susan Sontag: von Juan Fernando Bastos (Eigenes Werk) [CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Siri Hustvedts „Blazing World“ und Phillip Toledano

Siri Hustvedt werden die meisten Leser/innen dieses Blogs kennen. Bei Phillip Toledano bin ich mir nicht so sicher. Mir war der sehr gut aussehende Fotograf aus New York bis vor ein paar Tagen noch nicht bekannt. Einige seiner beeindruckenden Bildserien kann man in den Deichtorhallen in Hamburg im Rahmen der 6. Triennale der Photographie sehen.

Am bekanntesten sind davon sicherlich „Days With My Father“ (2006-09) über die letzten Jahre, die Toledano mit seinem an Demenz erkrankten Vater verbracht hat,  „A New Kind of Beauty“ (2008-10) über Menschen, die ihre Körper der plastischen Schönheitschirurgie unterzogen haben sowie „Maybe„(2011-15), in denen er Blicke in die Zukunft wagt, um zu sehen, was das Schicksal für ihn bereithält. Hier gibt es ein atmosphärisches Video zur Ausstellung, die ich nur empfehlen kann: The Day Will Come When Man Falls.

Deichtorhallen, Hamburg. Haus der Photographie. 2015.

Deichtorhallen, Hamburg. Haus der Photographie. 2015.

Es mag am Konzept der Ausstellung liegen, welches als verbindendes Element der Fotoserien Toledanos „Spurensuche nach sich selbst“ erkennt, sodass der biographische Bezug des Werkes einen von Anfang an fast erdrückt. Und das ist jetzt nicht im negativen Sinne gemeint. Mir ist während der Ausstellung aufgefallen, wie sehr mir eine sofort einsetzende Identifikation mit Teilen der Biographie des Künstlers dabei geholfen hat, das Werk mit geschärftem Interesse wahrzunehmen und es auf mich wirken zu lassen. So funktioniere ich. Erkenntnis Nummer Eins.

Es waren vor allem die psychoanalytischen Erläuterungen, die nicht nur Toledano anbietet (z.B. sein Versuch in „Maybe“ Zukunftsängste durch Konfrontation zu exorzieren) sondern auch das Kuratorium (über die gelungene Ausstellungs-App für 3€), ein parallel laufender Film über das Leben des Künstlers oder der Begleittext an den Wänden und Bildern, die bei mir Wirkung zeigten. Meine innere Narzisstin ist vor Freude an die Decke gesprungen.

Die Biographie des Künstlers als Kunstprodukt?

Mich beschlich schon bald das ungute, später faszinierende Gefühl, dass die dem Betrachter zu jeder Bildserie direkt ins Gesicht geriebene Biographie des Künstlers möglicherweise selbst nur ein Kunstprodukt ist. Funktioniert Toledanos Kunst ohne die Bezüge zur Biographie überhaupt? Wäre sie genauso erfolgreich, wäre er ein eher unscheinbarer Mann oder sogar eine Frau? Wird bald die Bombe platzen und Toledano mit der Wahrheit herausrücken? Wird dies dann die letzte Wahrheit sein oder auch nur Teil seiner Konzeptkunst, die das Augenmerk auf die Verknüpfung von Biographie und Kunstwerk legt?

Hier kommt dann Siri Hustvedt ins Spiel. Ihren Roman „The Blazing World“ habe ich vor ein paar Wochen gespannt gelesen, und zwar von Anfang an bis zum Ende, and in English. (Hier geht’s zur Lesung in Hamburg)

Der Roman spielt in der New Yorker Kunstszene und handelt von einer Künstlerin, Harriet Burden, die jahrelang um Aufmerksamkeit und Anerkennung im Kunstbetrieb kämpft, erfolglos, bis sie auf die Idee kommt, drei ihrer Installationsobjekte männlichen Künstlern zuzuschreiben, ihren „Masken“. Und siehe da, es klappt. Die Kunstwelt schlägt Purzelbäume, die drei männlichen „Masken“ werden in den Medien hochgelobt und -stilisiert. Harriet Burdens Experiment hat geklappt und ihre Theorie, dass die Wahrnehmung des künstlerischen Objektes ganz stark von unserer Wahrnehmung des Künstlers geprägt ist, hat sich für sie bestätigt.

All intellectual and artistic endeavours, even jokes, ironies, and parodies, fare better in the mind of the crowd when the crowd knows that somewhere behind the great work or the great spoof it can locate a cock and a pair of balls.

(Lustige Randbemerkung: in amerikanischen Rezensionen wurde das obige Zitat häufig nach „spoof“ abgebrochen undDSCN7999 (2) dann mit „if there is a man“ o.ä. ersetzt. LOL)

Doch was sagt uns das über den Wert der Frau in unserer Gesellschaft? Während der Toledano-Ausstellung fragte ich mich  manchmal, ob nicht seine perfekten Zähne, sein attraktives Äußeres sowie sein imaginiertes cock & balls – Set ausschlaggebend für meine positive Wahrnehmung der Bilder sein könnten. Steckt vielleicht sogar eine Frau, seine Frau, oder Siri Hustvedt hinter den Fotografien? Ist Toledano eine Maske?

Ich möchte jetzt nicht im Einzelnen auf den Inhalt von The Blazing World eingehen. Sehr gut gefallen haben mir die multiplen Erzählperspektiven, die sich um Harriet Burden kreisen und ein schillerndes Bild der Künstlerin ergeben. Der Roman ist keine langweilige Nabelschau einer im Selbstwertgefühl verletzen Ich-Erzählerin. Das wäre auch zu einfach. Er handelt meiner Meinung nach v.a. von einer Frau, die versucht, für sich eine Identität als Künsterlin zu schaffen, durch harte Arbeit, gedanklichen Wagemut, leidenschaftliches Interesse und ein tiefes Verständnis für die Materie, mit der sie sich jeden Tag beschäftigt. Sie ist keine Maske, die hohle Worte um sich wirft zum Zwecke der beeindruckenden Selbstdarstellung und Vermarktung, sondern eine Frau aus Fleisch und Blut, die bis in die letzte Faser von Körper, Geist und Seele, alles für sie Wichtige aufnimmt, verdaut, einordnet, verknüpft und in ihrer Kunst verarbeitet. Bei einem Mann würde man vermutlich sofort den Genie-Begriff aus dem Halfter ziehen.

Für mich war der Roman außerdem ein wichtiger, ergänzender Bestandteil meiner Rezeption der Phillip Toledano Ausstellung, auf den ich nicht verzichten möchte. Mein Blick ist für die Zukunft geschärft worden. Erkenntnis Nummer Zwei.

Beide, Ausstellung sowie Roman, kann ich nur wärmstens empfehlen.

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Foto von Siri Hustvedt: By Smalltown Boy at de.wikipedia [Public domain], via Wikimedia Commons

Wien bei mörderischen Temperaturen

DSC_0134Ob Wien im Sommer bei ca. 38 Grad eine Reise wert ist, das muss jede/r bitteschön selbst entscheiden. Für mich steht fest: vielen herzlichen Dank auch, aber im nächsten Jahr dann doch lieber wieder Richtung Norden, nach Finnland oder Island, wo es im Sommer sogar schneien kann, ganz ohne Klimawandel. Herrlich.

Die Museumsbesuche waren trotz äußerer Kernschmelze erfrischend, was nicht nur an den klimatisierten Ausstellungsräumen lag. Meine Favoriten: Die Joel Meyerowitz Retrospektive im KunstHausWien, die Mario Giacomelli Ausstellung im WestLicht – Schauplatz für Fotografie, Lee Miller in der Albertina. Ein weiteres Highlight war ein Besuch in der Praxis des Herrn Dr. Sigmund Freud in der Berggasse 19. Etwas enttäuschend: das Leopold Museum mit der Egon Schiele Ausstellung.

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Joel Meyerowitz gilt als einer der Wegbereiter der New Color Photography in den USA. Auch die Street Photography, die ja zur Zeit unter Hobbyfotografen jeglicher Couleur absolut en vogue ist, hat er in den 60er Jahren maßgeblich mit beeinflusst. Einige Beispiele.

Die Zeiten, als Photographen einem ihre Kamera unter die Nase halten konnten, um dann abzudrücken und CSC_0183kommentarlos zu verschwinden, sind vorbei, das heißt zumindest hier in Europa, wo einen das Recht am eigenen Bild vor solchen Überfällen schützen soll. Was nicht immer funktioniert, wie mir in Wien mehrfach deutlich bewusst wurde, als ich plötzlich in die klickende Kamera eines mit der Zunge schnalzenden Hobbyfotografen schaute. Man ist dann doch zu überrascht, um zu reagieren.

Die Street Photography der 60er und 70er Jahre wäre heutzutage also gar nicht mehr so möglich, was einen etwas wehmütig stimmt, was aber auch zu ihrem besonderen Reiz beiträgt und das historische Vintage Feeling dieser Bilder verstärkt. Die anonymisierten Menschen in der Masse der Großstadt, abgelichtet in Momenten flüchtiger Emotionen oder Gesten, erhalten so wieder eine Persönlichkeit. Oder wie Roland Barthes sagen würde: „Die Photographie des verschwundenen Wesens berührt mich wie das Licht eines Sterns.“

Die Ausstellung zeigt die unterschiedlichen Entwicklungsphasen in Meyerowitz‘ Werk auf, Experimente mit Schwarz-Weiß-Photographie bis hin zu Stillleben im Stile von Cezanne. Was mir persönlich am besten gefällt, ist das hohe Reflexionsniveau auf dem er sich in der Besprechung seiner Bilder und seines Oeuvres bewegt. Er nimmt die Welt so an wie sie ist und sucht nach Momenten mit Bedeutung, die er dann mit Hilfe der Kamera bejaht. So ist jedes Klicken seiner Kamera für ihn ein „Ja“ zum Leben wie es ist. Anders geht die Konzeptkunst vor.   100wasser3 (3)

Weiters tief beeindruckt hat mich die Mario Giacomelli Ausstellung „Gegen die Zeit“ im Westlicht – Schauplatz für Fotografie. Könnte man Meyerowitz Bilder vielleicht mit einem Roman von John Updike vergleichen, so würden die von Giacomelli vermutlich einem Dostojewski entsprechen. Die holzschnittartige Schwarz-Weiß-Fotografie traf mich in Mark und Bein, da geht es um existentielle Themen wie Verlust und Tod, Armut, Arbeit und Krankheit. Einige Beispiele. Vor allem die frühen Bilder aus einem Altenheim und einem Schlachthaus haben tiefe Spuren bei mir hinterlassen. Das sind Bilder aus einer anderen, vorindustriellen, bäuerlichen Welt, die es so wohl heutzutage nicht mehr gibt.

Wien, 2015

Wien, 2015

So, mehr gibt es dann später, hoffentlich. 🙂