DORIS LESSING – To Room 19 (1963)

ESPRESSOMASCHINE TEIL 4

Heute:

Doris Lessings‘ Kurzgeschichte „To Room 19“ (1963)

„Life’s just much too hard today,“
I hear ev’ry mother say
The pursuit of happiness just seems a bore
And if you take more of those, you will get an overdose
No more running for the shelter of a mother’s little helper
They just helped you on your way, through your busy dying day.

Der Rolling Stones Song über das Beruhigungsmittel Valium, das sich in den 60ern trotz seines beachtlichen Suchtpotenzials innerhalb der amerikanischen Mittelschicht großer Beliebtheit erfreute, traf 1966 den Nerv der Zeit.

Doris Lessing, 2006.

In Doris Lessings Erzählung „To Room Nineteen“ aus dem Jahr 1963 wird das Leben der Susan Rawlings beschrieben, von den Anfängen ihrer Beziehung mit ihrem Mann Matthew, der Eheschließung, der vierfachen Elternschaft, bis zu ihrem Selbstmord.

Die Geschichte ist eine ausführliche, psychologische Studie des „Trapped Housewife Syndroms“ ohne allerdings eine Kampfansage gegen das Patriarchat zu sein. Lessing hat es immer abgelehnt, als Feministin bezeichnet zu werden.

Trotz allem enthält „To Room Nineteen“ eine Menge Kritik an der Institution Ehe und Kernfamilie, wie sie in den 60er Jahren üblich war, aber auch an den beteiligten Menschen, die meinen, die Fallstricke umgehen zu können, indem sie sich der Gefahren bewusst sind. Das sich aus dem anfänglichen Gefühl der Liebe speisende System ist jedoch stärker als jede rationale Vorsichtsmaßnahme, es erstickt die Liebe, saugt sie aus wie die Spinne ihr Opfer.

Die Rawlings werden anfangs wie ein Paar beschrieben, das alles richtig macht. Susan steht wie ihr Mann mit beiden Beinen im Berufsleben und will wieder dorthin zurückkehren, sobald die Kinder in der Schule sind. Das gemeinsame Leben im großen, mit Hypotheken belasteten Haus, den vier Kindern und der Zugehfrau, fordert jedoch bald seinen Tribut, Zweifel kommen auf.

Their life seemed to be like a snake biting its tail. […] A high price had to be paid for the happy marriage with the four healthy children in the large white gardened house.

Bald schon geht Matthew fremd und Susan wird auf sich selbst zurückgeworfen. Immer stärker wird das Bedürfnis nach selbstbestimmter Zeit, der Wunsch, sich von der Familie komplett zurückzuziehen. Alles geht ihr auf die Nerven, aber des lieben Friedens willen frisst sie ihren Frust in sich hinein. Sie richtet sich ihren eigenen Raum, „Mother’s Room„, im Haus ein, aber auch hier findet sie keine Ruhe, fühlt sich von einem Dämonen verfolgt. Es beginnt der langsame Verfall Susans.

something inside her howled with impatience, with rage… and she was frightened. ‚Dear God, keep it away from me. Keep him away from me.‘ She meant the devil, for she now thought of it, not caring if she was irrational, as some sort of demon.

Ein Fluss fließt an dem Grundstück vorbei. Dort sieht sie eines Tages am Ufer einen Fremden stehen, der mit einem Stock eine Schlange traktiert, die sich unter Protest dreht und windet. In ihrer Angst vor dem Fremden, sucht sie sich ein schäbiges Zimmer in der Stadt, wo sie ohne Wissen der Familie ganze Tage in sich gekehrt, glückselig verbringt.

For the most part, she […] brooded, wandered, simply went dark, feeling emptiness run deliciously through her veins like the movement of her blood.

Aber auch hier wird sie von einem Detektiven aufgespürt, den Matthew auf sie angesetzt hat. In einem letzten Akt der Selbstbestimmung, setzt sie ihrem Leben im Hotelzimmer Nummer 19 ein Ende. Der Tod ist ein Eintauchen in den Fluss.

She was quite content lying there, listening to the faint soft hiss of the gas that poured into the room, into her lungs, into her brain, as she drifted off into the dark river.

Doris Lessings Erzählstil gleicht ebenfalls einem kräftigen aber ruhigen Fluss. Mit langem, geduldigen Atem und psychologischem Feingefühl begleitet sie ihre Protagonistin durch deren Leben, erklärt sie aber zum Ende hin nicht für wahnsinnig, sondern auf ihrem eigenen, inneren Weg zur Befreiung befindlich.

Lessings in den späten 60ern zu beobachtende Hinwendung zu den Lehren des Sufismus spiegelt sich in „To Room 19“ bereits wider. Nachdem die Liebe in der Ehe zwischen Susan und Matthew verebbt ist, bricht sie sich bald einen neuen Weg und führt Susan in eine innere Hingabe und Vereinigung mit der verbildlichten Kraft des Flusses, der zunächst noch als bedrohlich empfunden wird.

Der Schlange kommt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung zu, wird sie in unserem christlich geprägten Kulturkreis verteufelt, so war sie in vorpatriarchalen Gesellschaften Symbol des Lebens, der Fruchtbarkeit und Weiblichkeit. Ist die Ehe der Rawlings der Ort, an dem sich die Schlange in den Schwanz beißt, also einen energetischen Kurzschluss bewirkt, kann sie sich am und im Fluss frei bewegen.

Wie oben schon angedeutet, besticht die Geschichte durch ihren ruhigen, konstanten Grundton, der sich wie ein kräftiger Fluss durch die 30 Seiten zieht. Lessings souveräne Erzählweise trägt die Leserin sicher durch das Geschehen, gern vertraut man sich ihr an, denn die Emotionen der Figuren werden zwar geschildert, aber niemals auf die Leser übertragen. Es ist, als folge man einer Andacht, die jedoch nicht einschläfernd wirkt wie eine Valiumtablette, sondern im Gegenteil die Sinne und das Verständnis für das Wesentliche schärft.

Ich habe „To Room 19“ quasi als Aperitif zu „Shikasta“ gelesen, der mich jetzt schon seit ein paar Wochen vom Sofatisch aus voluminös anlächelt. Ich denke, ich bin jetzt soweit, mich auf dieses Wagnis einzulassen. Eine sehr aufschlussreiche Besprechung des Romans kann man bei Sprachdelta lesen.

Bilder:

Doris Lessing: von Elke Wetzig (square by Juan Pablo Arancibia Medina) (ORIGINAL), via Wikimedia Commons

ALZHEIMER & CO. / Iris: A Memoir – John Bayley (1998)

DSC_0039Ist Iris Murdoch (1919-1999) heutzutage nur noch wegen ihrer Alzheimer Erkrankung ein Thema? Ich hatte ihren ersten Roman „Under the Net eher teilnahmslos gelesen, trotzdem fasziniert mich da etwas. Ist es das Wissen um ihre Biographie oder sind es doch die untergründig fortwirkenden Texte einer bedeutenden Schriftstellerin?

In den 80er Jahren, als man unter dem Druck gesellschaftlicher Veränderungen in Deutschland endlich anfing, vermehrt Literatur von Frauen auf den Markt zu bringen, wie bei Herbststeib schön nachzulesen, entdeckte man auch die Anglo-Irin Iris Murdoch als eine Stimme, die sich nicht so recht in die gängigen Klischees des „ewig Weiblichen“ einordnen ließ und die trotzdem gesellschaftliche Anerkennung erfahren hatte.

Es ging – vermute ich mal – um alternative Rollenvorbilder, weniger um die Romane selbst. Ich selbst war zu jener Zeit noch ein Kind, von meiner Mutter in stabile Cordhosen und praktische Gelee-Sandalen zum Herumtoben gesteckt, und kann es nicht wirklich beurteilen.

Was an Iris Murdoch überhaupt noch interessiert: Werk oder Biographie, fragte ich mich auch bei der Lektüre von Jonathan Franzens aktuellem Roman „Purity“. Der Name Iris Murdoch taucht hier zweimal auf. Die Mutter von Andreas Wolf, dem sexsüchtigen Ostdeutschen und späteren Internet-Leaker, ist Anglistikprofessorin in der DDR, ihr Mann ein einflussreicher Parteifunktionär. Sie ist von Murdoch begeistert und frohlockt, als im Regal ihres Sohnemanns Iris Murdoch entdeckt.

„You have books I’d like to borrow,“ she said, moving to his shelves. „It does my heart good to see how many of them are English.“ She pulled a title off a shelf. „Do you admire Iris Murdoch as much as I do?“

Iris Murdoch war in ihren jungen Jahren Kommunistin. 1987 ließ sie sich von der Queen zur Dame Commander of the Order of the British Empire erheben. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Eine Frage, die ich Jonathan Franzen nach der Lesung in Hamburg gerne gestellt hätte, aber leider unwirsch davon abgehalten wurde, wäre die nach Iris Murdoch gewesen. Franzens Vater hatte Alzheimer (My Father’s Brain) wie Murdoch. Pip, die sympathische Protagonistin aus  „Purity“ kann, wie auch ihre Mutter Anabel, hervorragend riechen. Anders Iris Murdoch, die, wie wir von ihrem Mann John Bayley in „Iris: A Memoir“ erfahren, keinen Geruchssinn hatte, wie es bei Alzheimer und Demenz nicht selten vorkommen kann, aber das scheint Bayley nicht bewusst gewesen zu sein.

Either sex may or may not be able to feel the pleasure or pain of other persons, just as either sex can possess or lack a sense of smell. Iris, as it happens, has no sense of smell, and her awareness of others is transcendental rather than physical.

Der Bezug zu Iris Murdoch wird bei Franzen als Mittel der Charakterisierung zweier eher unsympathischer Figuren verwendet. Die linientreue Anglistikprofessorin und ihr mordender Sohn sind nach der Wende in der Lage, ihre Vergangenheit erfolgreich zu vertuschen. Die Vorliebe für Murdoch ist hier Ausdruck einer Affinität für Personen, die sich aufgrund einer Alzheimer-Erkrankung nicht mehr ihrer Vergangenheit stellen müssen. Für die Wolfs gibt es jedoch keine „Erlösung„. Beide müssen sich zeitlebens an ihre Vergangenheit erinnern, zerbrechen letztendlich daran. Ohne es von Herrn Franzen selbst gehört zu haben, vermute ich, dass er bei der Erwähnung von Iris Murdoch v.a. die Alzheimer-Erkrankung im Hinterkopf hatte.

Während sich Franzen des Namens Murdoch in symbolhafter Weise bedient, erfährt man in John Bayleys Biographie mehr über den Menschen Murdoch, über ihre Ehe, ihr berufliches und gesellschaftliches Leben in Oxford in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, über die Familie.

Die beiden waren 43 Jahre verheiratet, bis Murdoch 1999 79-jährig verstarb. Der um einige Jahre jüngere Bayley, Literaturprofessor in Oxford, überlebte sie um 16 Jahre, und starb im Januar diesen Jahres. Zwei Bücher hat er über seine Zeit mit Iris Murdoch geschrieben.

DSC_0039Wie es so kommt, eigentlich wollte ich von oder über Iris Murdoch erst einmal nichts mehr lesen, aber dann entdeckte ich dieses Exemplar in der Grabbelkiste des hiesigen Schmuddelantiquariats und griff beherzt zu. Den Film „Iris“ aus dem Jahr 2001, der auf den Schilderungen Bayleys beruht, kann ich leider nicht empfehlen. Kate Winslet als die junge Murdoch ergeht sich zu oft in ihrem antrainierten, viel zu breiten Hollywood-Lächeln. Da kann auch die letztendlich ahistorische Kurzhaarfrisur mit angeföntem, jungenhaftem Strubbeleffekt nichts mehr retten. Erinnerungen an Mel Gibsons Frisur in „Braveheart“ kommen wieder hoch und verderben einem wirklich alles. Schöner und treffender sind da die Beschreibungen Bayleys:

She was looking both absent and displeased. Maybe because of the weather, which was damp and drizzly. Maybe because her bicycle was old and creaky and hard to propel. Maybe because she hadn’t yet met me? Her head was down, as if she were driving on thoughtfully towards some goal, whether emotional or intellectual. I remember a friend saying playfully, perhaps a little maliciously, after she first met Iris: „She is like a little bull.“

In dem, wie ich finde, passenden Bild eines „kleinen Bullen“ erkennt man die Murdoch sofort. Sie entsprach nie den gängigen Vorstellungen eines Vorzeige-„girls“, so Bayley, sondern war halt nur sie selbst, völlig unbeeindruckt vom Geschlechtergeplänkel ihrer Umwelt. Bayley ist nicht der erste, der hervorhebt, dass der Geist des Menschen geschlechtslos ist, und Iris Murdoch war definitiv ein in ihren Studien der Philosophie aufgehendes, vergeistigtes Wesen. Wichtig war es ihr verliebt zu sein. Sex hatte sie auch, aber das lief halt nebenher.

[…] she had remarked with brisk indulgence „Perhaps it’s time we made love,“ and she had shown me how. […] she was much too busy and interested in other things to make a habit of it, so to speak.

Dennoch war in den Augen John Bayleys anscheinend die ganze Welt in seine Iris verliebt. Ob dies tatsächlich so war, wollen wir nicht in Frage stellen, charmant und liebenswert wie seine Schilderungen ihrer Beziehung sind. Ganz Oxford, Männer sowie Frauen, lagen ihr verliebt zu Füßen, u.a. auch der Altphilologe Professor Eduard Fränkel, mit dem Murdoch, zur großen Beunruhigung Bayleys, in trauter Zweisamkeit altgriechische Texte übersetzte:

She had already told me how fond she had been of Fraenkel, both fond and reverential. In those days there had seemed to her nothing odd or alarming when he caressed her affectionately as they sat side by side over a text, sometimes half an hour over the exact interpretation of a word […] That there was anything dangerous or degrading in his behaviour, which would nowadays constitute a shocking example of sexual harassment, never occured to her. In fact her tutor at Somerville College, Isobel Henderson, had said with a smile when she sent Iris along to the professor, „I expect he’ll paw you about a bit.“

Diese Beschreibung lässt die Berichte von Murdochs angeblich sexuellen Freizügigkeiten in einem anderen Lichte erscheinen. Es bleibt unklar, inwieweit sie selbstbestimmt war oder meinte, sich den Gepflogenheiten des Oxforder Lehrbetriebs anpassen zu müssen. Sue Bridehead, die Heldin in Thomas HardysJude the Obscure„, springt aus dem Fenster, als sich ihr der alte Schulmeister Phillotson in der Hochzeitsnacht nähert. Ich fand Hardy in seiner Darstellung weiblicher Gefühlswelten schon immer sehr realistisch.

Bayleys Biographie liest sich ratzfatz durch. Da ist jemand, der sich klar undDSC_0047 deutlich verständlich machen kann und trotzdem die feinen Nuancen einfängt. Aus einem angenehm selbstironischen Blickwinkel erzählt er von seiner Zeit mit Murdoch, schafft es gleichzeitig, einen ernsteren Ton anzuschlagen, wenn es um die Erfahrungen mit der Alzheimerkrankheit geht. Dabei schreibt er  nicht chronologisch. Bei der Abfassung des Buches lebte Murdoch noch, war aber bereits schwer erkrankt. Bayley fungiert hier als ihr Gedächtnis, um die gemeinsam verbrachte Zeit und die wertvollen Erfahrungen, vor dem Nichts der Alzheimerkrankheit zu retten.

Ich muss zugeben, ich finde Murdochs Leben immer noch spannender als das, was ich von ihr selbst gelesen habe. Vielleicht übersehe ich etwas ganz Wesentliches, mag sein. Meine Ausgangsfrage hat sich damit allerdings nicht beantwortet, dennoch gibt es Anzeichen dafür, dass sie in den letzten Jahrzehnten v.a. wegen ihrer Alzheimer-Erkrankung in Erinnerung geblieben ist, nicht wegen ihres Lebenswerks. John Bayleys Memoiren und der Film „Iris“ haben zu dieser Entwicklung beigetragen.

Siri Hustvedts „Blazing World“ und Phillip Toledano

Siri Hustvedt werden die meisten Leser/innen dieses Blogs kennen. Bei Phillip Toledano bin ich mir nicht so sicher. Mir war der sehr gut aussehende Fotograf aus New York bis vor ein paar Tagen noch nicht bekannt. Einige seiner beeindruckenden Bildserien kann man in den Deichtorhallen in Hamburg im Rahmen der 6. Triennale der Photographie sehen.

Am bekanntesten sind davon sicherlich „Days With My Father“ (2006-09) über die letzten Jahre, die Toledano mit seinem an Demenz erkrankten Vater verbracht hat,  „A New Kind of Beauty“ (2008-10) über Menschen, die ihre Körper der plastischen Schönheitschirurgie unterzogen haben sowie „Maybe„(2011-15), in denen er Blicke in die Zukunft wagt, um zu sehen, was das Schicksal für ihn bereithält. Hier gibt es ein atmosphärisches Video zur Ausstellung, die ich nur empfehlen kann: The Day Will Come When Man Falls.

Deichtorhallen, Hamburg. Haus der Photographie. 2015.

Deichtorhallen, Hamburg. Haus der Photographie. 2015.

Es mag am Konzept der Ausstellung liegen, welches als verbindendes Element der Fotoserien Toledanos „Spurensuche nach sich selbst“ erkennt, sodass der biographische Bezug des Werkes einen von Anfang an fast erdrückt. Und das ist jetzt nicht im negativen Sinne gemeint. Mir ist während der Ausstellung aufgefallen, wie sehr mir eine sofort einsetzende Identifikation mit Teilen der Biographie des Künstlers dabei geholfen hat, das Werk mit geschärftem Interesse wahrzunehmen und es auf mich wirken zu lassen. So funktioniere ich. Erkenntnis Nummer Eins.

Es waren vor allem die psychoanalytischen Erläuterungen, die nicht nur Toledano anbietet (z.B. sein Versuch in „Maybe“ Zukunftsängste durch Konfrontation zu exorzieren) sondern auch das Kuratorium (über die gelungene Ausstellungs-App für 3€), ein parallel laufender Film über das Leben des Künstlers oder der Begleittext an den Wänden und Bildern, die bei mir Wirkung zeigten. Meine innere Narzisstin ist vor Freude an die Decke gesprungen.

Die Biographie des Künstlers als Kunstprodukt?

Mich beschlich schon bald das ungute, später faszinierende Gefühl, dass die dem Betrachter zu jeder Bildserie direkt ins Gesicht geriebene Biographie des Künstlers möglicherweise selbst nur ein Kunstprodukt ist. Funktioniert Toledanos Kunst ohne die Bezüge zur Biographie überhaupt? Wäre sie genauso erfolgreich, wäre er ein eher unscheinbarer Mann oder sogar eine Frau? Wird bald die Bombe platzen und Toledano mit der Wahrheit herausrücken? Wird dies dann die letzte Wahrheit sein oder auch nur Teil seiner Konzeptkunst, die das Augenmerk auf die Verknüpfung von Biographie und Kunstwerk legt?

Hier kommt dann Siri Hustvedt ins Spiel. Ihren Roman „The Blazing World“ habe ich vor ein paar Wochen gespannt gelesen, und zwar von Anfang an bis zum Ende, and in English. (Hier geht’s zur Lesung in Hamburg)

Der Roman spielt in der New Yorker Kunstszene und handelt von einer Künstlerin, Harriet Burden, die jahrelang um Aufmerksamkeit und Anerkennung im Kunstbetrieb kämpft, erfolglos, bis sie auf die Idee kommt, drei ihrer Installationsobjekte männlichen Künstlern zuzuschreiben, ihren „Masken“. Und siehe da, es klappt. Die Kunstwelt schlägt Purzelbäume, die drei männlichen „Masken“ werden in den Medien hochgelobt und -stilisiert. Harriet Burdens Experiment hat geklappt und ihre Theorie, dass die Wahrnehmung des künstlerischen Objektes ganz stark von unserer Wahrnehmung des Künstlers geprägt ist, hat sich für sie bestätigt.

All intellectual and artistic endeavours, even jokes, ironies, and parodies, fare better in the mind of the crowd when the crowd knows that somewhere behind the great work or the great spoof it can locate a cock and a pair of balls.

(Lustige Randbemerkung: in amerikanischen Rezensionen wurde das obige Zitat häufig nach „spoof“ abgebrochen undDSCN7999 (2) dann mit „if there is a man“ o.ä. ersetzt. LOL)

Doch was sagt uns das über den Wert der Frau in unserer Gesellschaft? Während der Toledano-Ausstellung fragte ich mich  manchmal, ob nicht seine perfekten Zähne, sein attraktives Äußeres sowie sein imaginiertes cock & balls – Set ausschlaggebend für meine positive Wahrnehmung der Bilder sein könnten. Steckt vielleicht sogar eine Frau, seine Frau, oder Siri Hustvedt hinter den Fotografien? Ist Toledano eine Maske?

Ich möchte jetzt nicht im Einzelnen auf den Inhalt von The Blazing World eingehen. Sehr gut gefallen haben mir die multiplen Erzählperspektiven, die sich um Harriet Burden kreisen und ein schillerndes Bild der Künstlerin ergeben. Der Roman ist keine langweilige Nabelschau einer im Selbstwertgefühl verletzen Ich-Erzählerin. Das wäre auch zu einfach. Er handelt meiner Meinung nach v.a. von einer Frau, die versucht, für sich eine Identität als Künsterlin zu schaffen, durch harte Arbeit, gedanklichen Wagemut, leidenschaftliches Interesse und ein tiefes Verständnis für die Materie, mit der sie sich jeden Tag beschäftigt. Sie ist keine Maske, die hohle Worte um sich wirft zum Zwecke der beeindruckenden Selbstdarstellung und Vermarktung, sondern eine Frau aus Fleisch und Blut, die bis in die letzte Faser von Körper, Geist und Seele, alles für sie Wichtige aufnimmt, verdaut, einordnet, verknüpft und in ihrer Kunst verarbeitet. Bei einem Mann würde man vermutlich sofort den Genie-Begriff aus dem Halfter ziehen.

Für mich war der Roman außerdem ein wichtiger, ergänzender Bestandteil meiner Rezeption der Phillip Toledano Ausstellung, auf den ich nicht verzichten möchte. Mein Blick ist für die Zukunft geschärft worden. Erkenntnis Nummer Zwei.

Beide, Ausstellung sowie Roman, kann ich nur wärmstens empfehlen.

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Foto von Siri Hustvedt: By Smalltown Boy at de.wikipedia [Public domain], via Wikimedia Commons

LESUNG: Siri Hustvedt – The Blazing World (in Hamburg)

Schauspielhaus Hamburg

Schauspielhaus Hamburg bei strahlendem Sonnenschein, abends, 19:30 Uhr.

Manchmal können kleine Zufälle große Nachwirkungen zeitigen. Am Mittwoch (03.06.15) las Siri Hustvedt im Schauspielhaus in Hamburg. Morgens hatte ich, angelehnt am ewig lange vor sich hindröhnenden Kaffeeautomaten in unserem Büro, schläfrig und mich in Geduld übend, das Juni-Programm des Literaturhauses durchgeblättert. Als der Kaffee endlich in der Tasse war, stand mein Entschluss fest: ich musste es irgendwie abends in die Lesung schaffen. Von da an war ich plötzlich wieder hellwach, und es lag nicht am Kaffee.

Ich hatte Glück, im Internet gab es noch eine handvoll Karten, allerdings hatten sie alle eine eingeschränkte Sicht, aber ich wollte ja nicht schauen, sondern v.a. hören. Also riss ich virtuell eine Karte für einen Platz in einem linken Logenbalkon an mich, packte zwei der drei Hustvedt-Romane ein, die in meinem Bücherregal stehen („Summer Without Men“ und „Sorrows of an American„), meine Kamera und los ging’s.

Wenn man außerhalb Hamburgs wohnt, ist ein abendlicher Theaterbesuch während der Arbeitswoche immer noch DSC_0077machbar, denn das Schauspielhaus liegt zentral direkt am Hauptbahnhof. Dort war abends um 7 noch viel los: das gleißende Sonnenlicht versöhnte sich mit den winterlich vergrämten Hamburgern, eine kühle Brise erinnerte mahnend an die kalten Tage, wilde Trommelrhythmen lockten müde Bürohengste, am Eis schleckende, flanierende Rentnerpaare und weitgereiste Taxifahrer vor den Bahnhofseingang. Zur gleichen Zeit bewiesen Fahrradfahrer und Autofahrer gleichermaßen einen den sommerlichen Temperaturen angepassten, wagemutigen und großstädtischen Fahrstil.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich eine ewig lange Zeit nicht mehr im Schauspielhaus gewesen bin. Die Erinnerungen kamen hoch, als ich auf meinem bepolsterten Holzstuhl saß, unter dessen Beine man einen Holzkasten genagelt hatte, damit die hinteren Logenplätzler über die Köpfe der vorderen Logisten doch irgendwie noch auf die Bühne schauen können. War es in der achten oder neunten Klasse? Deutschunterricht? Draußen vor der Tür? Ich war ratlos und ließ die blassen Erinnerungen wieder in ihr wohlverdientes Vergessen zurücksinken. Vor mir in der Loge saßen zwei Frauen, eine Japanerin in Cardigan, die mir

Spiel und Arbeit

Spiel und Arbeit

vornehm nickend signaliserte, dass sie an einem Gespräch angesichts der Intimität der Loge kein Interesse habe, die aber meinen „Barhocker“, wie sie ihn nannte, eines anerkennenden Blickes würdigte, sowie eine Dame mit karottenfarbigem Haar, das wie ungekochte Spaghetti auf ihren Schultern stand und deren schweigender Blick, nach Innen gewandt, einen besorgten Charakter vermuten ließ. Dank des Kastens unter meinem Stuhl, gelang es mir tatsächlich, die Bühne im Blickfeld zu behalten.

Im Hamburg Journal hieß es später dass rund 90% der Zuhörer weiblichen Geschlechts gewesen seien, und dies sei üblich für Hustvedt-Lesungen, überhaupt für ihre Leserinnenschaft. Diesen Eindruck kann ich nicht bestätigen. Ich tippe auf 70-80 % an diesem Abend. Aber es war dennoch einen frauendominantes Event, soviel ist richtig.

Durch den Abend führte Prof. Dr. Julika Griem vom Institut für England- und Amerikastudien der Goethe-

Prof. Julika Griem, Autorin Siri Hustvedt und Schauspielerin Bettina Stucky (2015, Hamburg)

Prof. Julika Griem, Autorin Siri Hustvedt und Schauspielerin Bettina Stucky (2015, Hamburg)

Universität in Frankfurt.  Mit einem ganz wunderbaren British English stellte sie Fragen, die zum Denken anregten und Siri Hustvedt Raum boten, unterschiedliche Aspekte ihres Schaffens und Denkens näher auszuführen. Ihre Übersetzungen waren immer stimmig, enthielten manchmal mehr Information als das, was Siri Hustvedt gesagt hatte, so z.B., dass Emily Dickinson wohl lesbisch gewesen sein musste, nachdem Hustvedt meinte, dass ein schwuler Walt Whitman und eine Dickinson die Ur-Eltern der amerikanischen Literatur wären. Und sehet, was aus dieser Verbindung entstanden ist. Griem offerierte mehrere Interpretationsansätze für einen Zugang zum Roman, u.a. das Framing, also im übertragenen Sinne Bedeutungs-Rahmen, die von der Hauptfigur Harriet Burden entwickelt aber auch wieder zerbombt würden.

DSC_0082Am Beispiel der vollbusigen Mutter und Künstlerin Burden wurde besprochen, inwiefern Frauen, und v.a. auch Müttern, im heutigen von Männern dominierten Kunstbetrieb die ihnen gebührende Anerkennung verwehrt wird. In The Blazing World feiert Burden erst dann Erfolge, als sie drei männliche Stellvertreter gefunden hat, die ihre Kunst in der Öffentlichkeit präsentieren. Die Persönlichkeit und Biographie  des Künstlers bestimme immer noch, inwiefern ein Kunstwerk wahr- und v.a. ernstgenommen werde. J.K. Rowling sei ein weiteres Beispiel für eine erfolgreiche Autorin, die einen geschlechtsneutralen Namen gewählt habe und erst damit bei Verlagen Erfolg gehabt hätte. Mit ihrem Pseudonym Robert Galbraith hätte sie einen ähnlichen Weg eingeschlagen.

Während Siri Hustvedt ihre Gedanken äußerte, herrschte 100%-ige Konzentration bei den Zuhörern. Ich lauschte gebannt, und versuchte, jedes einzelne Wort in ein größeres Gedankensystem einzuordnen. Es machte alles Sinn und war inspirierend, das Ergebnis ausgeprägter Beobachtungsgabe und destillierender Gedankenarbeit, wie in einer guten Vorlesung, die Bekanntes aufgreift und neue Sichtweisen eröffnet. Ich fühlte mich zeitweise wie eine Zen-Schülerin, auf die sich die fortgeschrittene Klarheit und Gefasstheit ihrer Meisterin überträgt, auch wenn das Geäußerte nicht unbedingt ganz neuartig-originell daherkam. Ich war hellwach und inspiriert. Sagenhaft.

Das, was im Gespräch zwischen Professor Griem und Siri Hustvedt an kognitiv-rationalem Verständnis für den

Siri Hustvedt, Bettina Stucky (2015, Schauspielhaus Hamburg)

Siri Hustvedt, Bettina Stucky (2015, Schauspielhaus Hamburg)

Roman entstanden war, erhielt durch den lebhaften Vortrag von Bettina Stucky, die aus der deutschen Übersetzung vorlas, einen weiteren, ganz neuen Aspekt. Ihre Interpretation betonte die ironische Seite des Buches, die humorvollen Versuche der Charaktere, des Phänomens Harriet Burden habhaft zu werden. Hier wurde im Publikum viel gelacht aber auch wieder mitfühlend zurückgerudert, als eine der Esoterik verhaftete, weibliche Figur mithilfe der ihr zur Verfügung stehenden (Farb-)theorien die Welt und die Männer zu erklären versucht.

Am Ende der Veranstaltung schenkte das Publikum den drei Damen auf der Bühne einen langanhaltenden Applaus. Leider schaffte ich es nicht mehr zur Signierstunde, denn mein Zug wartete bereits am Bahnhof, und ich hatte noch 10 Minuten Zeit dorthin zu gelangen. Als ich die Treppe von den Balkonlogen in den Eingangsbereich hinunterstürzte, kamen mir von dort Siri Hustvedt und Julika Griem im Gespräch vertieft entgegen. Siri Hustvedt und ich steuerten unaufhaltsam aufeinander zu, denn wir bewegten uns beide entlang des Geländers. Da ich nicht ausweichen konnte, steuerte Siri Hustvedt die in Richtung ihrer Schuhe redende Griem zur Seite, machte einen Bogen um mich, schaute dabei etwas irritiert und erschöpft. So gelang mir doch noch ein Blick aus nächster Nähe auf die Autorin und ein in letzter Minute rechtzeitiges Eintreffen am Bahngleis, mit vielen neuen Eindrücken, jungbrunnenartigem Elan und viel Vorfreude auf den Roman im Gepäck. Da sage nochmal einer, Autorenlesungen seien alle öde.