1979: DORIS LESSING – Canopus im Argos: Archive; Betr.: Kolonisierter Planet 5; SHIKASTA; Persönliche, psychologische und historische Dokumente zum Besuch von JOHOR (George Sherban); Abgesandter (Grad 9); 87. der Periode der Letzten Tage

Auszüge aus: BEMERKUNGEN der Bloggerin Almathun über den Roman SHIKASTA von Doris Lessing (1979). LEITFADEN FÜR LESENDE DES ROMANS IN VERGANGENHEIT, GEGENWART UND ZUKUNFT

Mir liegt die deutsche Erstauflage des Fischer Verlags von 1983 vor. WIN_20151107_210239

Doris Lessings erster Science Fiction Roman von 1979 ist nichts Geringeres als eine Weltchronik der Menschheit aus der Perspektive einer wohlwollenden und vernünftigen Intelligenz, die ihr Machtzentrum auf dem Planeten Canopus im Argos hat. Lessing war so begeistert von diesem Konzept, dass innerhalb weniger Jahre vier weitere Bände dieser Serie erschienen. Auf die so entstandene Canopus-Pentalogie war sie immer besonders stolz und bezeichnete sie als ihre wichtigste Errungenschaft.

1977 war das Sternenepos Star Wars in den amerikanischen Kinos angelaufen. Die Zeichen standen auf großangelegte, mehrteilige Epen, die in die unendlichen Weiten des Universums verlegt wurden und dabei in alttestamentarischer Manier den Kampf von Gut gegen Böse neu aufzuwärmen verstanden. Mit Prinzessin Leia ist hier erstmals eine starke, mit Laserpistolen herumfuchtelnde, freche Frau im Weltall unterwegs. Über die Frisur werde ich mich jetzt nicht auslassen.

Jean-Francois Lyotard

1979, fast zeitgleich mit Shikasta, veröffentlicht Jean-Francois Lyotard seine wegweisende Studie „Das postmoderne Wissen“, in welcher er „Das Ende der großen Erzählungen“ postuliert. Meta-Erzählungen oder Mythen, die bestehende Machtstrukturen legitimierten, indem sie die Erfahrung der Machtlosen ausklammerten oder verzerrten, hätten an Bedeutung verloren.

[Es gibt sie in allen Religionen (Patriarchat), dem Marxismus, der konventionellen Geschichtsschreibung oder in Propagandafilmen à la Hollywood. In der Populärkultur feiert die Meta-Erzählung weiterhin fröhliche Urstände. Bloggerin Almathun]

WEITERE ERLÄUTERUNGEN aus dem Lesetagebuch von Almathun: Ausgewählte Materialien

Shikasta nun, um Himmels willen, ist all dies zusammen. Auf den ersten 200 Seiten wird reichlich zäh und ermüdend die Vorgeschichte der Menschheit auf dem Planeten Rohanda (= die Blühende), später, nach einer kosmischen Katastrophe Shikasta (= die Verletzte) genannt, nachgezeichnet. Frei nach Erich von Däniken sind die Menschen ein Experiment der Canopäer zum Zwecke der Kolonisierung des Planeten.

Dieser erste Teil ist langatmig wie Geschichten aus der Bibel oder andere religiöse Mythen. Berichte des canopäischen Emissärs Johor vermischen sich dabei mit Auszügen aus einem fiktiven Geschichtsbuch zur Entwicklung Shikastas, Band 3012, für Erstsemester des Faches „Canopäische Kolonialherrschaft“ geschrieben, und weiteren Materialien. Schon hier wird der fragmentarische Erzählstil des Romans eingeführt, der zum Ende hin die konventionelle Erzählstruktur komplett aufbricht.

Diesen ersten Teil des Buches habe ich nur mit äußerster Mühe und Not durchgestanden, so öde war das alles. Die Erzählerfigur Johor, ein (unbeabsichtigt?) moralisierender Spießer mit paternalistischen Zügen, trägt ihr Übriges dazu bei.

In diesem korrupten und schrecklichen Zeitalter konnte der junge Mann dem Druck von allen Seiten, der ihn vom Pfad der Pflicht abzubringen versuchte, nicht entgehen, und er erlag ihm schließlich, kaum fünfundzwanzig Jahre alt. Er war sich bewusst, dass er etwas Schlimmes tat. Junge Menschen haben oft Augenblicke gedanklicher Klarheit, die mit zunehmendem Alter seltener und verschwommener werden.

Die allwissende Erzählperspektive, auch wenn sie als Ich-Erzählung aufgezogen ist, fordert ihren Tribut. Zuviel telling, zu wenig showing. Das ist auch der Grund, weshalb die alten Klassiker so schwer zu lesen sind. Unsere postmodernen Gehirnstrukturen halten diesen Meta-Einheitsbrei einfach nicht mehr aus.

ALMATHUN fährt fort

Aber, dem Himmel sei Dank, habe ich den Roman doch weitergelesen. Je mehr sich die Geschichte dem 20. Jahrhundert nähert, desto zusammenhangloser wird die Struktur (Briefe und Tagebucheinträge unterschiedlicher Shikastianer wechseln sich fröhlich ab) und desto realistischer und sozialkritischer wird die Darstellung des Geschehens.

Es scheint, als wolle Lessing in ihrem Roman u.a. die Entwicklung der Historiographie auf formaler Ebene nachzeichnen [Fußnote 1], da die neuere Geschichtsschreibung auch auf eine vielseitigere Quellenlage rekurrieren und somit eben bislang ungehörte Stimmen aufgreifen kann, die in den großen Erzählungen der Vergangenheit keinen Platz fanden. Im Roman wird die subjektive Konstruktion von Geschichte aus einzelnen Puzzleteilen deutlich vor Augen geführt.

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Die letzte Seite des Berichts zur 87. Periode der Letzten Tage. (Eintritt in die Menopause?)

Damit zeichnet sie in der narrativen Struktur des Romans die Ontogenese der Historiographie nach, so wie Joyce es im Ulysses auf der sprachlichen Ebene für die Entwicklungsgeschichte der englischen Sprache getan hat. Lessing konnte die Digitalisierung des Wissens nicht voraussehen, deshalb bleibt der Roman auch in seiner Schilderung des Dritten Weltkrieges und der anschließenden Verurteilung der weißen Rasse bei Tagebucheinträgen und Briefwechseln als fiktives Quellenmaterial stehen. Hier hätte ich mir dann doch etwas mehr Experimentierfreude gewünscht, wie z.B. ein paar VHS-Kassetten in dem Literaturverzeichnis für Studierende ganz am Ende des Romans.

ALMATHUN berichtet weiter

Innerhalb dieser großen Meta-Erzählung zur Geschichte der Menschheit auf Shikasta verfolgt Lessing ein weiteres Großprojekt. Waren die alten Mythen vor allem Ausdruck patriarchalischen Herrschaftsverständnisses und Interpretation der Welt in diesem Sinne, in der die weibliche Erfahrung und die anderer unterdrückter Gruppen ausgeklammert wurde, gewinnen sie in Shikasta endlich an Geltung, eingebettet in eine ebensolche große, mächtige und sinnstiftende Erzählung.

In den Tagebucheinträgen von Rachel Sherban schreibt sich eine ganz persönlich gehaltene, weibliche Stimme in den Roman ein, in der Schilderung des Prozesses gegen die weiße Rasse am Ende des Romans, kommen die unterdrückten Völker der Erde in ihrer Anklage zu Wort. Interessanterweise wird hierfür eine neue Figur eingeführt, ein Chinese, Genosse Chen Liu, Spion der stärksten Nation am Ende des 20. Jahrhunderts. Seine systemkonformen Berichte an den Rat in Peking werden parallel durch seine Privatkorrespondenz mit einem Freund, in der er sich vor allem systemkritisch äußert, wieder relativiert.

In Shikasta finden sich nicht nur Anleihen aus den ersten Schriften über die menschliche Frühgeschichte wieder, sondern auch Elemente aus der in den 70er Jahren aktuellen Populärkultur. Die 3er-Konstellation von Prinzessin Leia, Luke Skywalker und Han Solo in Star Wars zeigt auffällige Parallelen zum Gespann des Geschwistertrios Rachel, Benjamin und George Sherban. In einer Szene tritt sogar ein haariges Chewbacca-artiges Fellwesen auf, das nur jaulend kommuniziert und Johor tatkräftig zur Seite steht.

Wie um zu beweisen, dass sie ganz bestimmt keine Feministin ist, denn das hat die Lessing immer strikt von sich gewiesen, lässt sie die weibliche Erzählstimme Rachel Sherban kurz vor dem Ende Selbstmord begehen. Sie hatte sich den Anweisungen ihres Bruders George widersetzt. Das letzte Wort haben wieder die männlichen Shikaster, die jungen Müttern zu ihren neu geborenen Söhnen gratulieren. Die Mütter wünschen sich keine Töchter, freuen sich ganz offensichtlich mehr über Jungen. Dies hinterlässt in der allgemeinen Freude über die letztendlich geglückte Utopie friedlichen Beisammenseins am Ende des Romans einen widerlichen Nachgeschmack und wirft berechtigte Zweifel an der Glaubwürdigkeit des gesamten Kolonialberichtes sowie der Fortschrittlichkeit der Kolonialmacht Canopus auf.

WIN_20151108_085745Der Roman hat mich phasenweise wirklich begeistert, vor allem zum Ende hin wurde er richtig poetisch und auch ergreifend. Davon hätte ich mir mehr gewünscht. Hauptdarsteller ist jedoch die auffällige Struktur des Buches, die noch während der Lektüre den Denkprozess in Wallung bringt und über die etwas ambivalente, fragwürdige Ideologie der Geschichte hinwegtröstet, denn gerettet werden die Menschen vor den bösen Energien des Planeten Shammat ausschließlich von männlichen Figuren. Kein Abgesandter kommt auf die Idee, sich als Frau zu reinkarnieren. Der Roman zelebriert eine erzkonservative Gesinnung im postmodernen Gewand, gespickt mit sozialkritischem Realismus und Anleihen an den Marxismus. Weniger ist manchmal mehr, Frau Lessing.

Hoch anrechnen muss man der Autorin, dass es ihr gelingt die humanen Grundwerte unserer Zivilisation gegen die Tendenzen der postmodernen Auflösung zu verteidigen. In welchem Verhältnis muss das Individuum zur Gemeinschaft stehen, um ein friedfertiges und effektives Zusammenleben zu gewährleisten? Ihre Dystopie verwandelt sich am Ende in eine Utopie, weil die Menschen ein Ideal vermittelt bekommen, einen Soll-Zustand, an dem sie sich orientieren können. Sie zeigt, dass ein wünschenswertes Bild einer Zukunft konstruiert und über kulturelle Rituale die Erinnerung daran gepflegt werden muss. Bildung und Erziehung, zum Erwerb und der Pflege der Kulturtechniken, auch Empathie gehört dazu, sind der Motor des sozialen Wandels.

Somit enthält der Roman auch eine immer noch aktuelle Kritik am Ist-Zustand der Hier & Jetzt-Ideologie des Kapitalismus, die die Notwendigkeit des totalen Konsums zur beglückenden, ego-geleiteten Bedürfnisbefriedigung als quasi-religiösen Utopieersatz einfordert.

Ob ich jedoch die anderen vier Teile der Canopus-Pentalogie lesen werde, steht noch in den Sternen.

Fußnote 1: Mir ist nicht bekannt, ob diese Idee bereits an anderer Stelle entwickelt wurde, würde mich über Literaturhinweise diesbzgl. freuen, falls dies so sein sollte.

Bilder:

  1. Lyotard: Bracha L. Ettinger [CC BY-SA 2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)%5D, via Wikimedia Commons
  2. Foto vom Buchumschlag und der letzten Seite sowie der Pilzwiese: Almathun

DORIS LESSING – To Room 19 (1963)

ESPRESSOMASCHINE TEIL 4

Heute:

Doris Lessings‘ Kurzgeschichte „To Room 19“ (1963)

„Life’s just much too hard today,“
I hear ev’ry mother say
The pursuit of happiness just seems a bore
And if you take more of those, you will get an overdose
No more running for the shelter of a mother’s little helper
They just helped you on your way, through your busy dying day.

Der Rolling Stones Song über das Beruhigungsmittel Valium, das sich in den 60ern trotz seines beachtlichen Suchtpotenzials innerhalb der amerikanischen Mittelschicht großer Beliebtheit erfreute, traf 1966 den Nerv der Zeit.

Doris Lessing, 2006.

In Doris Lessings Erzählung „To Room Nineteen“ aus dem Jahr 1963 wird das Leben der Susan Rawlings beschrieben, von den Anfängen ihrer Beziehung mit ihrem Mann Matthew, der Eheschließung, der vierfachen Elternschaft, bis zu ihrem Selbstmord.

Die Geschichte ist eine ausführliche, psychologische Studie des „Trapped Housewife Syndroms“ ohne allerdings eine Kampfansage gegen das Patriarchat zu sein. Lessing hat es immer abgelehnt, als Feministin bezeichnet zu werden.

Trotz allem enthält „To Room Nineteen“ eine Menge Kritik an der Institution Ehe und Kernfamilie, wie sie in den 60er Jahren üblich war, aber auch an den beteiligten Menschen, die meinen, die Fallstricke umgehen zu können, indem sie sich der Gefahren bewusst sind. Das sich aus dem anfänglichen Gefühl der Liebe speisende System ist jedoch stärker als jede rationale Vorsichtsmaßnahme, es erstickt die Liebe, saugt sie aus wie die Spinne ihr Opfer.

Die Rawlings werden anfangs wie ein Paar beschrieben, das alles richtig macht. Susan steht wie ihr Mann mit beiden Beinen im Berufsleben und will wieder dorthin zurückkehren, sobald die Kinder in der Schule sind. Das gemeinsame Leben im großen, mit Hypotheken belasteten Haus, den vier Kindern und der Zugehfrau, fordert jedoch bald seinen Tribut, Zweifel kommen auf.

Their life seemed to be like a snake biting its tail. […] A high price had to be paid for the happy marriage with the four healthy children in the large white gardened house.

Bald schon geht Matthew fremd und Susan wird auf sich selbst zurückgeworfen. Immer stärker wird das Bedürfnis nach selbstbestimmter Zeit, der Wunsch, sich von der Familie komplett zurückzuziehen. Alles geht ihr auf die Nerven, aber des lieben Friedens willen frisst sie ihren Frust in sich hinein. Sie richtet sich ihren eigenen Raum, „Mother’s Room„, im Haus ein, aber auch hier findet sie keine Ruhe, fühlt sich von einem Dämonen verfolgt. Es beginnt der langsame Verfall Susans.

something inside her howled with impatience, with rage… and she was frightened. ‚Dear God, keep it away from me. Keep him away from me.‘ She meant the devil, for she now thought of it, not caring if she was irrational, as some sort of demon.

Ein Fluss fließt an dem Grundstück vorbei. Dort sieht sie eines Tages am Ufer einen Fremden stehen, der mit einem Stock eine Schlange traktiert, die sich unter Protest dreht und windet. In ihrer Angst vor dem Fremden, sucht sie sich ein schäbiges Zimmer in der Stadt, wo sie ohne Wissen der Familie ganze Tage in sich gekehrt, glückselig verbringt.

For the most part, she […] brooded, wandered, simply went dark, feeling emptiness run deliciously through her veins like the movement of her blood.

Aber auch hier wird sie von einem Detektiven aufgespürt, den Matthew auf sie angesetzt hat. In einem letzten Akt der Selbstbestimmung, setzt sie ihrem Leben im Hotelzimmer Nummer 19 ein Ende. Der Tod ist ein Eintauchen in den Fluss.

She was quite content lying there, listening to the faint soft hiss of the gas that poured into the room, into her lungs, into her brain, as she drifted off into the dark river.

Doris Lessings Erzählstil gleicht ebenfalls einem kräftigen aber ruhigen Fluss. Mit langem, geduldigen Atem und psychologischem Feingefühl begleitet sie ihre Protagonistin durch deren Leben, erklärt sie aber zum Ende hin nicht für wahnsinnig, sondern auf ihrem eigenen, inneren Weg zur Befreiung befindlich.

Lessings in den späten 60ern zu beobachtende Hinwendung zu den Lehren des Sufismus spiegelt sich in „To Room 19“ bereits wider. Nachdem die Liebe in der Ehe zwischen Susan und Matthew verebbt ist, bricht sie sich bald einen neuen Weg und führt Susan in eine innere Hingabe und Vereinigung mit der verbildlichten Kraft des Flusses, der zunächst noch als bedrohlich empfunden wird.

Der Schlange kommt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung zu, wird sie in unserem christlich geprägten Kulturkreis verteufelt, so war sie in vorpatriarchalen Gesellschaften Symbol des Lebens, der Fruchtbarkeit und Weiblichkeit. Ist die Ehe der Rawlings der Ort, an dem sich die Schlange in den Schwanz beißt, also einen energetischen Kurzschluss bewirkt, kann sie sich am und im Fluss frei bewegen.

Wie oben schon angedeutet, besticht die Geschichte durch ihren ruhigen, konstanten Grundton, der sich wie ein kräftiger Fluss durch die 30 Seiten zieht. Lessings souveräne Erzählweise trägt die Leserin sicher durch das Geschehen, gern vertraut man sich ihr an, denn die Emotionen der Figuren werden zwar geschildert, aber niemals auf die Leser übertragen. Es ist, als folge man einer Andacht, die jedoch nicht einschläfernd wirkt wie eine Valiumtablette, sondern im Gegenteil die Sinne und das Verständnis für das Wesentliche schärft.

Ich habe „To Room 19“ quasi als Aperitif zu „Shikasta“ gelesen, der mich jetzt schon seit ein paar Wochen vom Sofatisch aus voluminös anlächelt. Ich denke, ich bin jetzt soweit, mich auf dieses Wagnis einzulassen. Eine sehr aufschlussreiche Besprechung des Romans kann man bei Sprachdelta lesen.

Bilder:

Doris Lessing: von Elke Wetzig (square by Juan Pablo Arancibia Medina) (ORIGINAL), via Wikimedia Commons