LESUNG: Jonathan Franzen – UNSCHULD (in Hamburg)

Thalia Theater, Hamburg.

Eine halbe Million Besucher sollen es laut einer Thalia Mitarbeiterin an jenem Abend des 8.10.2015 gewesen sein, die sich nach der Lesung im Foyer des Theaters drängelten, um ihre Bücher vom amerikanischen Superstern am Literaturhimmel, dem Jonathan Franzen, signieren zu lassen. Diese erfrischende Form des Understatement war eine Wohltat inmitten des hanseatischen Mobs, der sich kultiviert gebend seinen Weg zum begehrten Weltstar bahnte. Aber ich übertreibe etwas.

Das Gedrängel am Signiertisch, das so manchen Wutbürger auf den Plan rief, hatte sich sogar bis Göttingen herumgesprochen, wo Herr Franzen tagsdrauf ein weiteres Mal aus seinem neuen Roman „Unschuld“ las. Zustände wie auf einem Take That-Konzert hätte es in Hamburg gegeben, deshalb baten Autor und Veranstalter die Zuhörer darum, nur eine Schlange vor dem Signiertisch zu bilden.

Wie hatte es soweit kommen können?

In den Begrüßungsworten zu Beginn der Veranstaltung wurde mehrfach darauf hingewiesen, dass Hamburg eine besondere Ehre zuteil geworden sei, denn hier, im tollen Hamburg, würde Herrn Franzens erste Lesung in Deutschland stattfinden, noch vor der LitCologne. Die 1000 Besucherinnen im ausverkauften Thaliatheater zeigten sich zunächst hanseatisch unbeeindruckt. Erst als die Veranstalter darum baten, auf Wunsch des Autors, später, nach der Lesung, bitteschön KEINE Fotos geschweige denn Selfies von bzw. mit Herrn Franzen am Signiertisch zu machen, lockerte sich die Stimmung merklich auf und es wurde fröhlich gekichert. Weiterhin wurde darauf hingewiesen, dass man die Lesung nach Weihnachten, am 27.12. um 20 Uhr, auf NDR Kultur hören könne.

Die Moderation des Abends hatte FAZ-Literaturchefin Felicitas von Lovenberg übernommen. Viel sah oder hörte man aber nicht von ihr, denn den Großteil des Abends bestritt Jonathan Franzen allein auf der Bühne, im Zwiegespräch mit seinen Leserinnen und Lesern. Frau von Lovenberg musste/konnte/durfte während der Vorlesephasen die Bühne verlassen, was auf mich etwas befremdlich wirkte, denn der Stuhl neben Mr. Franzen blieb demnach meistens leer, so als warte man noch auf jemanden, was dem Abend einen etwas flüchtigen, Beckett’schen Beigeschmack verlieh.

Beeindruckt und in gleichsam teilnahmsvoller Rührung folgten die Zuhörer Herrn Franzens Ansprache an das Publikum, denn er redete vor allem deutsch, ein sehr gutes Deutsch, wenn er an manchen Stellen und mit fortgeschrittener Stunde auch etwas ins Schlingern kam. Trotzdem sehr beachtlich, muss ich sagen, und so manch eine kleine, charmante Sprachkreation, wie z.B. „Sie sind heute meine experimentalen Kaninchen„, wurde vom Publikum in liebevoller und erheiterter Weise begrüßt. Denn allein dies ist ja schon ein Liebesbeweis an das Land, in dem der jüngere Franzen als Student in Berlin, Anfang der 80er, studiert hatte. Die Amerikaner, die sich die Mühe machen, eine Fremdsprache zu lernen, kann man womöglich an einer Hand abzählen, vor allem diejenigen, die es nicht aus Businessgründen tun. Also Hut ab vor Herrn Franzen! Er hat meinen ganzen Respekt.

Drei Passagen hat Jonathan Franzen auf deutsch vorgelesen, eine auf englisch. Die englische gehört zu meinen Lieblingsszenen im Buch und behandelt das Gespräch der Enthüllungsjournalisten Leyla Helou mit der Schnellrestaurant-Mitarbeiterin Phyllisha Babcock, in Amarillo, Texas. (Ein kleiner Auszug aus der Szene). Hier kommt Jonathan Franzens Sinn für Humor voll zum Tragen, der immer dann Blüten treibt, wenn Charaktere beschrieben werden, die gar nicht wissen, dass sie komisch sind.

DSC_0010Einiges Neues konnte man an diesem Abend über den Roman erfahren, wenn ich mir auch ein wenig mehr Analyse oder Interpretationsansätze gewünscht hätte. Ich denke, das kann man einem Publikum durchaus mal zumuten, es muss nicht immer nur Geplänkel auf der Inhalts- und Figurenebene in Verbindung mit der Biografie und den Intentionen des Autors sein. Die Siri Hustvedt Lesung hatte mich damals im Juni in eine geistige Extase versetzen können, weil hier eben ganz andere Register gezogen wurden, die zur intensiven Auseinandersetzung mit den Themen des Romans inspirieren konnten.

Die Eingangsfrage von Frau von Lovenberg fand ich ziemlich gut, nämlich, ob er, Jonathan Franzen, Beziehungen für genauso schlimm halte wie das Internet. Diesen Eindruck hätte man als Leser/in. Leider ging der Autor darauf nicht wirklich ein. „That’s a devilish question,“ sagte er nur, worauf Lovenberg rekurrierte, er, Franzen, habe ja das Faustzitat an den Anfang des Romans gesetzt. „Das stimmt,“ so der Autor. Leider war der Faust dann kein Thema mehr. (Faust, Mephisto und das naive Gretchen in meiner Besprechung des Romans vom 4. Oktober).

Der Titel „Purity“ sei ihm von Anfang an etwas peinlich gewesen, so Franzen, deshalb habe er der weiblichen Protagonistin diesen Namen gegeben und ihn dann kurzerhand mit „Pip“ abgekürzt. Der Titel entstamme vor allem seiner Beschäftigung mit dem Werk von Karl Kraus, der oft die „Reinheit der deutschen Sprache“ eingefordert hatte.

Reinheit sei ein Begriff, um einen radikalen Idealismus zu verstehen. Extreme Bewegungen jeglicher Art würden sich immer auf irgendeine Art von „Reinheit“ beziehen. Pip sei die einzige ohne Idealismus, ganz anders als ihre Elterngeneration, allen voran ihre Hippiemutter Annabel. So habe er den Titel „Purity“ ironisiert und für sich entschärfen können.

Eine besonders schöne Stilblüte gelang dem Autor im Gespräch über Andreas Wolf, der „mit seiner unmöglichen Mutter einen Alpentraum hätte.“ Weil alle anwesenden Norddeutschen diese Wortkreation einfach zu schön fanden, wurde Mr. Franzen dahingehend nicht korrigiert.

Die Frage aus dem Publikum, ob seine neuen Romane Fortsetzungen der alten seien, verneinte Herr Franzen. Die Figuren interessierten ihn nach dem Schreiben nicht mehr. „A book isn’t done, if there still can be done something with the characters,“ so der Autor, aber „I wonder what happened to Gary [aus den Corrections] sometimes.“ Außerdem könne er Figuren nicht noch einmal verwenden, sobald die Rechte an z.B. Filmproduzenten verkauft worden seien.

Was nicht ausbleiben durfte, war natürlich die Frage nach dem deutschen Titel „Unschuld,“ der vielen Leser_innen als Missgriff erscheint. Franzen blieb hier sehr vage, „was weiß ich,“ bzw. „it’s not a random choice.“ Da gestern die Lesung in Göttingen per Livestream online gezeigt wurde, konnte ich in Erfahrung bringen, dass „Unschuld“ durchaus Sinn mache, so Franzen in Göttingen, weil sich alle Charaktere im Roman aus unterschiedlichsten Gründen schuldig fühlten. Vermutet wurde jedoch bereits an anderer Stelle, dass der Rowolthverlag nach dem letzten Titel „Freiheit“ keinen fast gleichlautenden Titel verwenden wollte. Anyways.

Das Fernsehen sei kein Feind mehr, so der vormals fernsehfeindlich eingestellte Franzen anschließend. Es habe in den letzten Jahren bewiesen, durchaus komplexere Erzählmethoden anwenden zu können.

The enemy is stupid, brief stimuli, not coherent narrative. TV uses storytelling techniques that novels have developed for centuries. TV is the novel’s little brother.

Das mit dem „kleinen Bruder Fernsehen“ hatte Frau von Lovenberg angesprochen. Der große Gesellschaftsroman des 19. Jahrhunderts sei tot, das wusste Jonathan Franzen schon vor 20 Jahren. Solche Erzählungen spielten sich jetzt v.a. auf Bildschirmen ab. Dass er mit dieser Einsicht seinen Frieden geschlossen hat, konnte man ihm durchaus ansehen.

Aber was macht das Lesen von Romanen zu etwas ganz Besonderem?

Es ist die Innerlichkeit und Psychologie sowie die unmittelbare, geistige Verbindung des Schriftstellers mit den Lesern. So könne man sich auch noch Jahrhunderte später mit schon lang verstorbenen Autoren ganz nah verbunden fühlen. Dies sei der Zauber der Literatur, so Lovenberg, die besondere Beziehung, die die Zeiten überdauere.

Wie oben schon erwähnt, hätte ich mir durchaus etwas tiefergehendere Analysen gewünscht.

Das wahre Abenteuer begann NACH der Lesung, denn es entstand ein Run auf den Signiertisch des Autors im Foyer des Theaters.

Aufgrund einer strategisch günstigen Ausgangslage, gelang es mir innerhalb weniger Minuten, mich in zirka zwei Metern Entfernung von Herrn Franzens Tisch und seiner Gefolgschaft zu positionieren. Dort stand ich dann allerdings eine geschlagene halbe Stunde, aber lieber am Anfang einer Schlange warten, als an ihrem Ende, vor allem wenn man sich in Hör- und Sichtweite des Objekts der literarischen Begierde befindet.

WIN_20151010_130242 (2)Als ich endlich an die Reihe kam, hatte sich meine anfängliche Nervosität etwas gelegt und war einer überhitzten Müdigkeit gewichen. Halb im Traume stand ich nun vor ihm, nur eine Tischbreite entfernt, aber es musste alles ganz schnell gehen.

Ein Herr, der urplötzlich von hinten links an mich herantrat, entriss mir meine beiden Bücher, „Purity“ und „How to be Alone“, schlug sie ratzfatz an passender Stelle auf und ermahnte mich drängelnd zur Eile. Sprachlos war ich, hatte ich mir doch ein paar Fragen sorgfältig überlegt, sodass Herr Franzen die Initiative übernehmen musste und seine erste gewagte Signatur in den Essayband setzte. „You have to tell me what to do,“ so der Autor unter Druck, und ich war wieder etwas wacher, nannte und buchstabierte ihm etwas peinlich berührt meinen Namen, den er dann als Widmung auf die erste Seite von „Purity“ schrieb, mit Ausrufungszeichen, um keine Zweifel aufkommen zu lassen.

Oh, liebe Leserinnen und Leser, von da an schwebte ich nur noch auf Wolke Nummer Sieben, ein glücklicher Franzen-Fan. Im hanseatischen Nieselregen unter einem sternenlosen Himmel, sprang ich am Ende eines ereignisreichen Abends, übermütig und vom Glücke beseelt, die mehreren Hundert Meter ohn‘ Unterlass und in freudiger Erregung zum Hauptbahnhof, wo bereits mein Zug wartete und mich sicher nach Hause beförderte. Purity an mein Herz gedrückt, schlief ich um etwa drei Uhr nachts endlich ein.

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Bilder:

  1. Deckenbeleuchtung im Thalia Theater, Hamburg: almathun
  2. Thalia Theater: von Armin Smailovic (www.thalia-theater.de) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)%5D, via Wikimedia Commons
  3. Herr Franzen and parts of Frau von Lovenberg on stage: almathun
  4. Signierte Purity-Seite: almathun

Purity – Jonathan Franzen (2015)

Could a more perfect manufactured object than a tennis ball be imagined? Fuzzy and spherical, squeezable and bouncy, its stiching a pair of matching tongues, its voice on impact a POCK in the most pleasing of registers. (p. 526)

WIN_20151004_115506 (2)So geht es der Protagonistin Pip beim Tennisspielen, und so ging es mir mit meiner neuen Franzen-Lektüre. Der Roman „pockt“ auf 563 Seiten. Der Schreibstil ist locker und geradlinig, will den Leser anscheinend nicht manipulieren. Ein leicht zugänglicher, in seinen pointierten Beobachtungen, humorvoller Realismus, begleitet die Leser durch die Erzählung. Es scheint, als hätte der Autor die Angst abgelegt, die Erwartungen erfüllen zu müssen, DEN großen amerikanischen Roman abzuliefern.

Um Befreiung und Selbstbestimmung geht es auch im Roman. Die junge Purity „Pip“ Tyler will endlich wissen, wer ihr Vater ist. Sie sitzt nach ihrem Hochschulstudium auf einem Schuldenberg von 130.000 $. Von ihrer Mutter, einer hochsensiblen und emotional instabilen Frau, die sich in einer heruntergekommenen Hütte in Kalifornien versteckt, ist zwar viel Liebe und Verständnis aber keine finanzielle Hilfe, geschweige denn wichtige Informationen über den Vater zu erwarten.

Pip reagiert auf ihre Abnabelungstendenzen von der Mutter mit schweren Schuldgefühlen. Neben ihrem „Mommy issue“ hat sie als vaterlos aufgewachsener Mensch zusätzlich ein „Daddy issue„, d.h. sie verliebt sich in ältere Männer, von denen sie sich eine Orientierung im Leben erhofft. Pip ist kein besonders tiefgründiger Charakter, sie bleibt eher farblos, was für die Geschichte aber nicht von Nachteil ist, passt sich ihre Unbestimmtheit doch an das Thema der Identitätssuche an.

Eine weitere Figur mit eindeutigem „Mommy issue“ ist der sex- und pornosüchtige Ostdeutsche Andreas Wolf. Im Gegensatz zu Purity, wird seine Kindheit und Jugend als Sohn eines Stasifunktionärs und einer Professorin für Anglistik mit einem Faible für Iris Murdoch, Hamlet und junge Studenten, gleich im zweiten Kapitel „The Republic of Bad Taste“ eingehend beschrieben.

ehem. Stasihauptquartier, Berlin-Lichtenberg

Anders als der Großteil der Ostdeutschen, freut sich Andreas Wolf im November 1989 nicht über den Fall der Mauer, denn er hat ein dunkles Geheimnis, das durch den politischen Umbruch ans Tageslicht zu geraten droht. Im entscheidenden Moment gelingt es ihm, belastende Stasiakten an sich zu nehmen. In einer der besten Szenen des Romans flüchtet er mit einer Plastiktüte unter dem Arm aus dem Stasihauptquartier, wo man im Januar 1990 damit beschäftigt ist, Akten zu schreddern oder aus dem Fenster zu werfen. Dabei wird er von westlichen Kamerateams gefilmt. Heuchelei von Kindesbeinen an erlernt, lässt er diese Chance nicht ungenutzt:

My name is Andreas Wolf, he said, I am a citizen of the German Democratic Republic, and I am here to monitor the work of the Citizens‘ Committee of Normannenstraße. I’m coming directly from the Stasi archives, where I have reason to fear that a whitewash is occuring. […] This is a country of festering secrets and toxic lies. Only the strongest of sunlight can disinfect it!

Hey, stop, called a member of the crew … say that all again!

He said it all again.

Als Gründer der Enthüllungsplattform „Sunlight Project“ mit Hauptquartier in Bolivien, macht er es sich als Whistleblower in den folgenden Jahren zur Aufgabe, die Welt zu „desinfizieren“, indem er Korruption und Sexismus ans Tageslicht zerrt, an seinem Image als charismatischer Wahrheitsguru arbeitet und reihenweise die Frauen flachlegt.

Ritterlich bewahrt Jonathan Franzen seine Leserinnen davor, ebenfalls dem Charisma des Andreas Wolf zu erliegen, weiß man doch über seine wirklichen Absichten von Anfang an Bescheid. Vielleicht konnte ich deshalb das so oft beschworene Charisma nicht so ganz nachvollziehen. Purity schließt sich dem Sunlight Project an, um das Geheimnis ihrer Herkunft zu klären. Die Sexszenen zwischen ihr und Wolf sind, wie ich finde, durchaus gelungen.

Ein weiteres Kapitel ist aus der Ich-Perspektive des „guten Amerikaners“ und

Faust und Mephisto an der Semperoper, Dresden

Enthüllungsjournalisten Tom Aberant geschrieben, der sich 1990 ebenfalls in Berlin befindet und auf Andreas Wolf trifft. Zwischen beiden Männern entwickelt sich eine Art Hassliebe, eine Verbindung zwischen dem faustischen und mephistophelischen Prinzip, die dem Buch eine mystische Note verleiht. Es kommt nicht von ungefähr, dass das Faustzitat „…Die stets das Böse will und stets das Gute schafft“ „Purity“ vorangestellt wurde.

In seinem neuen Roman führt Franzen die großen Themen wie Eltern-Kind-Beziehungen, Sexus und Herrschaft im 21. Jahrhundert sowie Fluch und Segen der alten und neuen Medien fort. So wie Faust dem Geheimnis des Lebens auf die Spur kommen möchte, so durchwühlen die modernen Whistleblower und Hacker auf ihrer Suche nach Korruption und Intrigen das Internet und fremde Computer. Ihre Motive sind dabei häufig wenig ehrenwert, eher allzu männlich, „the male embarrassment„.

Die in Rezensionen oft geäußerte Kritik, Franzen wolle das Internet als eine Ausgeburt des diktatorischen Überwachungsstaates der DDR darstellen, quasi als DDR von heute, kann ich nach der Lektüre des Romans nicht ganz nachvollziehen. Sicher gibt es Parallelen. Aufschlussreicher finde ich in diesem Zusammenhang ein Zitat aus dem Essay „Why Bother?“ von 1996, in dem Franzen in einer Zeit, in der die Kriegs-und-Öl-Propagandamaschine unter Präsident Bush auf Hochtouren lief und alle Lebensbereiche zu durchdringen versuchte, schreibt:

The American writer today faces a cultural totalitarianism analogous to the political totalitarianism with which two generations of Eastern bloc writers had to contend.

Die Analogie zur DDR dient somit der Verstärkung seiner kulturpessimistischen These, nämlich, dass in den USA eine Infantilisierung weiter Kreise der Bevölkerung durch die Medien stattfinde, die zu Entpolitisierung, Kritiklosigkeit, Konsumgeilheit und totaler Anpassung des Individuums führe. Dass hier auch ein Funken Hoffnung angesichts des Niedergangs der DDR mitschwingt, wird deutlich.

Mein Eindruck ist, dass „Purity“ ein Roman ist, der von Befreiung und Selbstbestimmung auf den unterschiedlichsten Ebenen handelt. Sexualität spielt auf fast jeder Seite eine Rolle, v.a. die Freiheit, sexuelle Avancen abzulehnen, Manipulationen zu durchschauen, Kreativität, die sich nicht so ganz entfalten kann, wie bei Toms Frau Anabel, die Befreiung vom Joch der Diktatur, die Befreiung aus emotional belastenden Familienbeziehungen.

Andere Figuren bleiben in ihrer Entwicklung aufgrund von Schuldgefühlen stecken, wie Toms Partnerin Leila Helou, die ihren querschnittsgelähmten Mann nicht verlassen kann, oder weil sie einfach zu doof sind, wie Phyllisha Babcock, die immer noch dem Vollidioten hinterhertrauert, der sie für orgiastischen Sex auf einem thermonuklearen Sprengkopf gewinnen konnte, welcher später jedoch als Attrappe auffliegt.

He wanted her to feel the power he had at his disposal. He wanted her to take off all her clothes and put her arms around the bomb and stick her little tail up in the air for him. […] To be that close to so much potential death and devastation, to have her sweaty skin against the cool skin of a death-bomb, to imagine the whole city going up in a mushroom cloud when she orgasmed. It was pretty great, she had to say. […] Neither of us will ever forget the night with the death-bomb. It’s like a memory we can always treasure.

„Purity“ ist in weiten Teilen witzig und abwechslungsreich. Die seitenweise, minutiöse Wiedergabe von Paarkonflikten war mir allerdings stellenweise zu lang, wie z.B. in Tom Aberants Bericht, dem später im Roman eine bedeutsame Rolle zukommt und der dem Leser, wenn der Bericht nicht in gretchenhafter Naivität gelesen wird, vermutlich einen Schauer über den Rücken jagen dürfte.

Weiterhin kommt beim Lesen große Franzen-Freude auf angesichts des ausgeprägten, psychologischen Feingespürs des Autors für die Irrungen und Wirrungen menschlicher Veränderungsprozesse, die er bis in die kleinsten Verästelungen nachzuzeichnen versteht.

Obwohl sich alle Geheimnisse am Ende in einem quasi-Happy Ending auflösen, bleibt ein zweifelhafter Nachgeschmack zurück, der die berechtigte Frage aufwirft, ob und inweiweit den Erzählstimmen des Romans überhaupt Glauben geschenkt werden könne. Die Leserin, als nun aufgeklärtes Gretchen, bleibt somit, dank Mr. Franzen, zukünftig vom Schlimmsten verschont.

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Bilder:

  1. Stasi-Museum: von Prof.Quatermass (Eigenes Werk) [CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)%5D, via Wikimedia Commons
  2. Semperoper: von SchiDD (Eigenes Werk) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

LESUNG: Siri Hustvedt – The Blazing World (in Hamburg)

Schauspielhaus Hamburg

Schauspielhaus Hamburg bei strahlendem Sonnenschein, abends, 19:30 Uhr.

Manchmal können kleine Zufälle große Nachwirkungen zeitigen. Am Mittwoch (03.06.15) las Siri Hustvedt im Schauspielhaus in Hamburg. Morgens hatte ich, angelehnt am ewig lange vor sich hindröhnenden Kaffeeautomaten in unserem Büro, schläfrig und mich in Geduld übend, das Juni-Programm des Literaturhauses durchgeblättert. Als der Kaffee endlich in der Tasse war, stand mein Entschluss fest: ich musste es irgendwie abends in die Lesung schaffen. Von da an war ich plötzlich wieder hellwach, und es lag nicht am Kaffee.

Ich hatte Glück, im Internet gab es noch eine handvoll Karten, allerdings hatten sie alle eine eingeschränkte Sicht, aber ich wollte ja nicht schauen, sondern v.a. hören. Also riss ich virtuell eine Karte für einen Platz in einem linken Logenbalkon an mich, packte zwei der drei Hustvedt-Romane ein, die in meinem Bücherregal stehen („Summer Without Men“ und „Sorrows of an American„), meine Kamera und los ging’s.

Wenn man außerhalb Hamburgs wohnt, ist ein abendlicher Theaterbesuch während der Arbeitswoche immer noch DSC_0077machbar, denn das Schauspielhaus liegt zentral direkt am Hauptbahnhof. Dort war abends um 7 noch viel los: das gleißende Sonnenlicht versöhnte sich mit den winterlich vergrämten Hamburgern, eine kühle Brise erinnerte mahnend an die kalten Tage, wilde Trommelrhythmen lockten müde Bürohengste, am Eis schleckende, flanierende Rentnerpaare und weitgereiste Taxifahrer vor den Bahnhofseingang. Zur gleichen Zeit bewiesen Fahrradfahrer und Autofahrer gleichermaßen einen den sommerlichen Temperaturen angepassten, wagemutigen und großstädtischen Fahrstil.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich eine ewig lange Zeit nicht mehr im Schauspielhaus gewesen bin. Die Erinnerungen kamen hoch, als ich auf meinem bepolsterten Holzstuhl saß, unter dessen Beine man einen Holzkasten genagelt hatte, damit die hinteren Logenplätzler über die Köpfe der vorderen Logisten doch irgendwie noch auf die Bühne schauen können. War es in der achten oder neunten Klasse? Deutschunterricht? Draußen vor der Tür? Ich war ratlos und ließ die blassen Erinnerungen wieder in ihr wohlverdientes Vergessen zurücksinken. Vor mir in der Loge saßen zwei Frauen, eine Japanerin in Cardigan, die mir

Spiel und Arbeit

Spiel und Arbeit

vornehm nickend signaliserte, dass sie an einem Gespräch angesichts der Intimität der Loge kein Interesse habe, die aber meinen „Barhocker“, wie sie ihn nannte, eines anerkennenden Blickes würdigte, sowie eine Dame mit karottenfarbigem Haar, das wie ungekochte Spaghetti auf ihren Schultern stand und deren schweigender Blick, nach Innen gewandt, einen besorgten Charakter vermuten ließ. Dank des Kastens unter meinem Stuhl, gelang es mir tatsächlich, die Bühne im Blickfeld zu behalten.

Im Hamburg Journal hieß es später dass rund 90% der Zuhörer weiblichen Geschlechts gewesen seien, und dies sei üblich für Hustvedt-Lesungen, überhaupt für ihre Leserinnenschaft. Diesen Eindruck kann ich nicht bestätigen. Ich tippe auf 70-80 % an diesem Abend. Aber es war dennoch einen frauendominantes Event, soviel ist richtig.

Durch den Abend führte Prof. Dr. Julika Griem vom Institut für England- und Amerikastudien der Goethe-

Prof. Julika Griem, Autorin Siri Hustvedt und Schauspielerin Bettina Stucky (2015, Hamburg)

Prof. Julika Griem, Autorin Siri Hustvedt und Schauspielerin Bettina Stucky (2015, Hamburg)

Universität in Frankfurt.  Mit einem ganz wunderbaren British English stellte sie Fragen, die zum Denken anregten und Siri Hustvedt Raum boten, unterschiedliche Aspekte ihres Schaffens und Denkens näher auszuführen. Ihre Übersetzungen waren immer stimmig, enthielten manchmal mehr Information als das, was Siri Hustvedt gesagt hatte, so z.B., dass Emily Dickinson wohl lesbisch gewesen sein musste, nachdem Hustvedt meinte, dass ein schwuler Walt Whitman und eine Dickinson die Ur-Eltern der amerikanischen Literatur wären. Und sehet, was aus dieser Verbindung entstanden ist. Griem offerierte mehrere Interpretationsansätze für einen Zugang zum Roman, u.a. das Framing, also im übertragenen Sinne Bedeutungs-Rahmen, die von der Hauptfigur Harriet Burden entwickelt aber auch wieder zerbombt würden.

DSC_0082Am Beispiel der vollbusigen Mutter und Künstlerin Burden wurde besprochen, inwiefern Frauen, und v.a. auch Müttern, im heutigen von Männern dominierten Kunstbetrieb die ihnen gebührende Anerkennung verwehrt wird. In The Blazing World feiert Burden erst dann Erfolge, als sie drei männliche Stellvertreter gefunden hat, die ihre Kunst in der Öffentlichkeit präsentieren. Die Persönlichkeit und Biographie  des Künstlers bestimme immer noch, inwiefern ein Kunstwerk wahr- und v.a. ernstgenommen werde. J.K. Rowling sei ein weiteres Beispiel für eine erfolgreiche Autorin, die einen geschlechtsneutralen Namen gewählt habe und erst damit bei Verlagen Erfolg gehabt hätte. Mit ihrem Pseudonym Robert Galbraith hätte sie einen ähnlichen Weg eingeschlagen.

Während Siri Hustvedt ihre Gedanken äußerte, herrschte 100%-ige Konzentration bei den Zuhörern. Ich lauschte gebannt, und versuchte, jedes einzelne Wort in ein größeres Gedankensystem einzuordnen. Es machte alles Sinn und war inspirierend, das Ergebnis ausgeprägter Beobachtungsgabe und destillierender Gedankenarbeit, wie in einer guten Vorlesung, die Bekanntes aufgreift und neue Sichtweisen eröffnet. Ich fühlte mich zeitweise wie eine Zen-Schülerin, auf die sich die fortgeschrittene Klarheit und Gefasstheit ihrer Meisterin überträgt, auch wenn das Geäußerte nicht unbedingt ganz neuartig-originell daherkam. Ich war hellwach und inspiriert. Sagenhaft.

Das, was im Gespräch zwischen Professor Griem und Siri Hustvedt an kognitiv-rationalem Verständnis für den

Siri Hustvedt, Bettina Stucky (2015, Schauspielhaus Hamburg)

Siri Hustvedt, Bettina Stucky (2015, Schauspielhaus Hamburg)

Roman entstanden war, erhielt durch den lebhaften Vortrag von Bettina Stucky, die aus der deutschen Übersetzung vorlas, einen weiteren, ganz neuen Aspekt. Ihre Interpretation betonte die ironische Seite des Buches, die humorvollen Versuche der Charaktere, des Phänomens Harriet Burden habhaft zu werden. Hier wurde im Publikum viel gelacht aber auch wieder mitfühlend zurückgerudert, als eine der Esoterik verhaftete, weibliche Figur mithilfe der ihr zur Verfügung stehenden (Farb-)theorien die Welt und die Männer zu erklären versucht.

Am Ende der Veranstaltung schenkte das Publikum den drei Damen auf der Bühne einen langanhaltenden Applaus. Leider schaffte ich es nicht mehr zur Signierstunde, denn mein Zug wartete bereits am Bahnhof, und ich hatte noch 10 Minuten Zeit dorthin zu gelangen. Als ich die Treppe von den Balkonlogen in den Eingangsbereich hinunterstürzte, kamen mir von dort Siri Hustvedt und Julika Griem im Gespräch vertieft entgegen. Siri Hustvedt und ich steuerten unaufhaltsam aufeinander zu, denn wir bewegten uns beide entlang des Geländers. Da ich nicht ausweichen konnte, steuerte Siri Hustvedt die in Richtung ihrer Schuhe redende Griem zur Seite, machte einen Bogen um mich, schaute dabei etwas irritiert und erschöpft. So gelang mir doch noch ein Blick aus nächster Nähe auf die Autorin und ein in letzter Minute rechtzeitiges Eintreffen am Bahngleis, mit vielen neuen Eindrücken, jungbrunnenartigem Elan und viel Vorfreude auf den Roman im Gepäck. Da sage nochmal einer, Autorenlesungen seien alle öde.

UNTER DEM ASTRONAUTENMOND – John Updike (1971)

WIN_20150308_083158Es ist der zweite Teil der Rabbit-Pentalogie von Updike (s. hier und hier) und der deutsche Titel von Rowohlt hört sich natürlich bei weitem interessanter an, als das englische Original (Rabbit Redux). Dennoch, auch der die Zeitgeschichte romantisierende Titel kann über eine schwächelnde Story mit schablonenhaften Charakteren nicht hinwegtäuschen. Der Anklang an die beginnende Technologisierung der Gesellschaft, ein Thema des Romans, ist jedoch gelungen.

Wie man sehen kann, ist die Covergestaltung der deutschen Übersetzung ziemlich bizarr: Ein feister Mann (definitiv zu viele Steaks gegessen) mit kurzgeschorenen Haaren, Cocktailglas in der Hand und einem mit Lippenstiftflecken übersäten Hemd, grinst am Betrachter vorbei. Passt so gar nicht zum Titel. Ich habe die billige 1987er Ausgabe online erstanden: Dallas und Denver lassen grüßen. Der Protagonist, Harry „Rabbit“ Angstrom, mittlerweile 36 Jahre alt, ist aber alles andere als der erfolgsverwöhnte Ami im Stile von J.R. und Co.

Zurück ins Jahr 1969. Es ist Sommer und die Amerikaner landen auf dem Mond. Die Nation verfolgt dieses Event vor den heutzutage archaisch wirkenden Fernsehapparaten. Updike spiegelt, wie die Medien die Gesellschaft durchdringen, Fernsehserien, Nachrichten über die Rassenunruhen und Studentenrevolten sowie Werbung bestimmen den Tagesablauf und die Gesprächsthemen der Figuren, die ansonsten ihr beschauliches Leben mit den üblichen Paarproblemen wie gewohnt weiterleben. Die durch die Medien vermittelte Gewalt dringt jedoch nach und nach in die zwischenmenschlichen Beziehungen der Kleinstadt Brewer ein. Harry Angstrom, konservativ und überzeugter Patriot, zeigt sich besorgt über die Veränderungen. Die Gesellschaft steht unter dem Einfluss von FlowerPower, Vietnam, Afrolook und Minirock. Obwohl: der Minirock stört ihn nicht wirklich, außer die dazu gehörenden Beine erweisen sich als nicht schlank genug. Harry macht sich Sorgen um seinen Sohn Nelson, dessen immer länger werdenden Haare ihm zu feminin erscheinen. Er lebt mit ihm allein, denn die Mutter und Ehefrau Janice hat den gemeinsamen Haushalt verlassen.

Rabbit Redux ist, einfach gesagt, ein Roman über die Lebens- und Gefühlswelt des amerikanischen Ehemannes mittleren Alters in den späten 60er Jahren. Es geht um Ärger, Wut, Demütigung, Schuld, Aggression, Eifersucht und Fremdgehen. Zeitlose Beziehungsthemen. War es Rabbit, der im ersten Teil die Flucht aus dem Schoß der Familie ergreift, so ist es nun seine Ehefrau Janice, die mit einem griechischstämmigen Liebhaber abhaut. Harry, mit den Jahren bequem und dicklich geworden, braucht sich gar nicht mehr in Bewegung setzen, um Veränderungen und seine eigene Freiheit zu finden. Die Veränderungen werden ihm  Frei Haus geliefert: der schwarze Black-Power-Drogendealer Skeeter zieht bei ihm zusammen mit der minderjährigen, drogensüchtigen Hippie-Prostituierten Jill ein. Sex, drugs and political discussion bestimmen von nun an das mehr oder weniger chaotische Miteinander im Hause Angstrom. Rücksicht und Liebe zeigt man nur noch dem 13-jährigen Nelson. Die Erwachsenen arbeiten ihre negativen Gefühle an den anderen ab, haben Sex, nehmen Drogen und weiter geht’s.

Updikes Sprache und seine Beschreibungen, immer realistisch, detailgetreu und präzise, kamen im ersten Teil unschuldig-charmant und ironisch daher. In Rabbit Redux nehmen die Schilderungen von Gewalt, pornographischen Exzessen und Katastrophen teilweise überhand. Vielleicht liegt es auch an der deutschen Übersetzung, aber das ironische Augenzwinkern ist verlorengegangen. Möglicherweise ist es eine Anpassung auf der sprachlichen Ebene an das gewaltbereite, veränderte gesellschaftliche Klima in den USA Ende der 60er Jahre oder ein ironischer Seitenhieb auf die Peace, Love and Tenderness-Rethorik der Hippiegeneration.

Fazit: Ganz unterhaltsam. Mir fehlen tatsächlich noch etwa 20 Seiten, aber ich komme einfach nicht durch, hänge fest im familiären Geplänkel der letzten Seiten. Was mir gefallen hat, sind die historischen Bezüge und wie sie von dem Gros der damaligen Bevölkerung, der Mittelschicht und den Leuten, die entweder zu jung (Nelson) oder zu alt (Harry, Janice) waren, um am Puls der Zeit gelebt zu haben, erfahren wurden.  Die noch fehlenden Teile 3-5 werde ich unbedingt im Original lesen.

Ach so, und wer sich fragen sollte, warum es mit dem zweiten Teil so lange gedauert hat, der kann mal hier reinschauen: Ich bin dann mal im Garten.