PATRICIA HIGHSMITH: The Talented Mr. Ripley (1955)

WIN_20150830_122314Patricia Highsmiths (1921-1995) erster Ripleyroman feiert in diesem Jahr seinen sechzigsten. Ihr zwanzigster Todestag war am 4. Februar dieses Jahres. Einmal nach ihrem Lieblingsfilm in einem Interview gefragt, nannte sie etwas verlegen „Vom Winde Verweht“, und ergänzte, dass der Roman von Margaret Mitchell ja auch ziemlich gut sei.

Was mag sie an dieser Bürgerkriegsschmonzette angesprochen haben? Zum einen stammte sie auch aus den Südstaaten, geboren in Fort Worth, Texas. Als sie sechs Jahre alt war, zog die Mutter mit ihrem zweiten Ehemann nach New York. Von ihrem ersten Gatten, Highsmiths Vater, ließ sie sich neun Tage vor der Entbindung scheiden. Hört sich nach einer starken Frau an, ganz wie Scarlet O’Hara in „Verweht“. Aber der Roman hat eine weitere Auffälligkeit, die er mit den meisten Highsmith-Geschichten teilt, nämlich eine markante Dreierbeziehung zwischen zwei Männern und einer Frau.

In „The Talented Mr. Ripley“ dreht sich die Handlung um Tom Ripley, einem geschickten Kleinbetrüger, aus mittellosen Verhältnissen stammend, der nach Europa geschickt wird, um dort Richard Greenleaf, den Sohn eines vermögenden Schiffsfabrikanten, in den Kreis der Familie und Firma nach New York zurückzuholen. Der hat es sich in Italien, im kleinen Fischerdorf Mongibello, als Maler und mit einer Freundin, der etwas unbedarften Schriftstellerin Marge Sherwood, gemütlich eingerichtet und denkt gar nicht daran, dem Wunsch der Eltern nachzukommen. Schnell entstehen in dieser Dreiecksbeziehung Eifersüchteleien, Missverständnisse, Begehrlichkeiten, Pflichtgefühle und viel unterdrückter Ärger. Bekannterweise beendet Tom Ripley das Spannungsgefüge durch den Mord an Greenleaf und den anschließenden Identitätsraub.

Obwohl ich die Geschichte schon lange kenne, habe ich beim Lesen des Romans wieder einmal gezittert und gebibbert, und zwar mit dem Mörder. Die Spannungskurve verabreicht dem Leser ein Wechselbad der Gefühle, von malerischen Entspannungsphasen in touristisch erschlossenen Gebieten Südeuropas bis hin zu Verfolgungs- und Todesängsten und dem Gefühl von überwältigender Erleichterung, wenn sich die Polizei in ihrer Arbeitsweise doch wieder als weniger intelligent als der Mörder erweist. Ich wollte, dass Tom Ripley, der zweifache Mörder, mit allem durchkommt. Warum? Weil er intelligenter und talentierter ist als der verwöhnte Greenleaf-Junge, ihm das Leben nichts geschenkt hat und er früh erkennt, dass sich Leute seiner Herkunft irgendwie durchmogeln müssen, um von der wohlhabenden Gesellschaft akzeptiert und respektiert zu werden und an ihrem Lebensstandard teilhaben zu können.

Der Schrecken, der sich langsam aber sicher in der Leserin ausbreitet, ist das Wissen um die Nichtigkeit des Urvertrauens in die Menschheit. Plötzlich kann jede/r ein Mörder oder eine Mörderin sein. Naivität ist in dieser Welt ein sicheres Todesurteil. Um sich in zu schützen, ist es am besten, sich seiner eigenen Killerinstinkte zu vergewissern.

Angst war während der Entstehung des Romans vermutlich Highsmiths sprudelnde Inspirationsquelle. In späteren Jahren wurde sie zur Alkoholikerin, was ja auch immer Symptom für eine innere, emotionale Sackgasse ist, der Wunsch, eine verkorkste oder traumatisierende Vergangenheit schönzusaufen. Sie war bis zum Ende ihres Lebens sehr produktiv, hat sich aber vom künstlerischen Standpunkt nicht wirklich weiterentwickelt oder neue Wege beschritten.

Es gibt die Anekdote, wonach sie einmal auf eine Party eingeladen gewesen war.

Patricia Highsmith, 1988.

Weil sie keine Lust auf Small Talk mit den anderen Partygästen hatte, steckte sie einen Salatkopf mit Hunderten Schnecken in ihre Handtasche und brachte sich somit ihre eigenen Gesprächspartner zur Party mit, wie sie später erklärte. Das Schmatzen der Schnecken soll wohl noch in einem Umkreis von zwei Metern zu hören gewesen sein.

Aufgrund seiner psychologischen Tiefe funktioniert Mr. Ripley auch noch sechzig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung. Highsmiths Menschenkenntnis und ihr Wissen um die Motive menschlichen Handelns faszinieren auch heute noch. Wäre ich auf der oben beschriebenen Party gewesen, hätte ich trotz der schmatzenden Schnecken versucht, in ein Gespräch mit ihr zu kommen oder vielleicht genau deswegen, wer weiß.

Die Szene, in der Tom beschließt zum Mörder zu werden, ist für mich die eindrucksvollste im Roman. Als er bemerkt, dass Richard seiner überdrüssig wird und nicht mit ihm nach Paris fahren möchte, überwältigt ihn die Erkenntnis ein nur ungebetener Gast zu sein, nicht nur im Leben von Richard Greenleaf sondern auch im Leben aller Menschen, die ihm etwas bedeutet haben, im Leben an sich. Es ist das existentielle Trauma des Kindes, dem die Eltern signalisieren, dass es nicht wirklich gewollt war und ist. Eine Illusion bricht zusammen.

Tom felt a painful wrench in his breast, and he covered his face with his hands. it was as if Dickie had been suddenly snatched away from him. They were not friends. They didn’t know each other. It struck Tom like a horrible truth, true for all time, true for the people he had known in the past and for those he would know in the future: each had stood and would stand before him, and he would know time and time again that he would never know them, and the worst was that there would always be the illusion, for a time, that he did know them, and that he and they were completely in harmony and alike. For an instant the wordless shock of his realization seemed more than he could bear. He felt in the grip of a fit, as if he would fall to the ground. It was too much: the foreignness around him, the different language, his failure, and the fact that Dickie hated him. He felt surrounded by strangeness, by hostility. He felt Dickie yank his hands down from his eyes.

[…] „I want to die“, Tom said in a small voice.

Dickie yanked him by the arm. Tom tripped over a doorstep.

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Foto von P. Highsmith: von Open Media Ltd (Open Media Ltd) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

ESPRESSOMASCHINE / Art and Mr. Mahoney von CARSON MCCULLERS (1949)

ESPRESSOMASCHINE TEIL 1

In dieser neuen Rubrik „Espressomaschine“ sollen die häufig zu kurz kommenden Kurzgeschichten einen Ort der Würdigung erhalten. Es geht nicht um in Buchform gedruckte Kurzgeschichtensammlungen, sondern tatsächlich um die einzelne Geschichte an sich, das Kleinod, das nicht selten in schon klebrigen Zeitschriftenstapeln vergessen bzw. zusammengepfercht in Anthologien Schulter an Schulter mit anderen Geschichten einer übergeordneten Sache oder der Werkschau der Autorin dienend dahinvegetiert.

Das Spannende für mich ist, dass es zu vielen Kurzgeschichten kaum Informationen oder Interpretationen (im Netz) gibt, vermutlich, weil sie nicht als Einzelware (von Verlagen) feilgeboten und verkauft werden. Warum eigentlich nicht?

Also: Viva la Kurzgeschichte!

Hier die erste Espressokapsel:

ART & MR. MAHONEY von Carson McCullers (1949)

Carson McCullers (1917-67) Kurzgeschichte hatte 1949 Premiere im New Yorker Frauenmagazin Mademoiselle (1935-2001). Sie ist etwa dreieinhalb Seiten kurz.

Mr. Mahoney unterläuft ein unverzeihlicher Fauxpas. Während eines Klavierkonzerts klatscht er an der falschen Stelle. Die sozialen Sanktionen der sich „genteel“ gebenden Gesellschaft, allen voran seiner Frau, erfolgen streng und unerbittlich.

McCullers verwendet in dieser Geschichte das Pygmalion-Motiv mit vertauschten Geschlechterrollen. Mr. Mahoney ist ein gestandener Mann, etwas plump, aber gutherzig. Als Unternehmer und Besitzer einer Hobelfabrik und Ziegelei genießt er es, von seiner Frau, der kultivierten Mrs. Mahoney, zu einem gesellschaftsfähigen Mitglied der distinguierten Südstaatengesellschaft umerzogen worden zu sein.

Mr. Mahoney was well drilled; he was accustomed to speak of ‚repertory‘, to listen to lectures and concerts with the proper expression of meek sorrow. He could talk about abstract art, he had even taken part in two of the Little Theatre productions, once as a butler, the other time as a Roman soldier.

Trotz der humorvollen Beschreibung zeigt sich hier bereits die Kritik McCullers am kulturellen und intellektuellen Leben der Südstaaten, das sie als affektiert und empathielos empfunden hat.

McCullers, die in Georgia geboren wurde, hat die Südstaaten immer gehasst, obwohl sie ihre Hauptinspirationsquelle waren. Gleich mit 18 flüchtete sie nach New York und kehrte nur noch sporadisch zurück.

I must go home periodically to renew my sense of horror.

sagte sie einem Freund. Die im Grunde provinzielle, sich aber weltmännisch gebende Blasiertheit der wohlhabenden und in einer idealisierten Vergangenheit lebenden  Südstaatengesellschaft, war Angriffspunkt der AutorInnen der Southern Renaissance, in deren Tradition auch McCullers steht. Kunst und Kultur dienen nach Meinung dieser Autoren (u.a. Katherine Ann Porter, Nora Zeale Hurston und auch William Faulkner) nur noch dem Distinktionsgewinn. Es ist ein Mummenschanz, um von Sklaverei, Armut und Diskriminierung abzulenken.

Dennoch hat Mr. Mahoney den Wunsch, von dieser Gesellschaft voll und ganz akzeptiert und geliebt zu werden, so wie er sich in sie verliebt hat.

Mr. Mahoney loved the atmosphere of Little Theatre plays and concerts – the chiffon and corsages and decorous dinner jackets. He was warm with pride and pleasure …. greeting the ladies, speaking with reverent authority of movements and mazurkas.

Da aber in Carson McCullers Werk unerwiderte Liebe ein ganz großes Thema ist, kann das auf Dauer alles nicht gut gehen.

The pianist lifted up his hand and even leaned back a little on the piano stool. Mr. Mahoney clapped. He was so dead sure it was the end that he clapped heartily half a dozen times before he realized, to his horror, that he clapped alone.

Im Folgenden beschreibt McCullers die Auswirkungen sozialer Beschämung als das Ergebnis vorauseilender, internalisierter Selbstbestrafung. Mr. Mahoney, bemüht seine Gefühle bloß nicht zu zeigen, durchläuft ein Inferno psychosomatischer Körperreaktionen und emotionaler Abgründe. Seine Frau und die anderen humorlosen Gäste wenden sich fremdschämend von ihm ab.

Mr. Mahoney sat stiff with agony. The next moments were the most dreadful in his memory. The red veins in his temples swelled and darkened. he clasped his offending hands between his thighs. […] For almost an hour Mr. Mahoney had to suffer this public shame.

Tip Mayberry, der sich auf der Party bewusst anti-genteel gibt, bietet Mahoney augenzwinkernd den einzigen menschlichen Kontakt in dieser sozialen Quarantänesituation an. Nur widerwillig kann Mr. Mahoney darauf eingehen.

„I guess after all those tickets you sold you were entitled to an extra clap.“ He gave Mr. Mahoney a slow wink of covert brotherhood which Mr. Mahoney at that moment was almost willing to admit.

Die Sympathien der Leserin liegen natürlich bei dem gebeutelten und geschassten Mr. Mahoney. Vermutlich hat sich McCullers in der Figur des Tip Mayberry in diese Geschichte selbst eingeschrieben, um ihrem Protagonisten wenigstens ein bisschen Erlösung zukommen zu lassen und ihre Kritik an der genteel tradition der Südstaaten direkt zu artikulieren.

Trotz eines sparsamen Schreibstils gelingt es McCullers in dieser Kurzgeschichte den Kontrast zwischen dem Innenleben ihres liebesbedürftigen Charakters und der kalten Gesellschaft einfühlsam, poetisch und gleichzeitig mit einem humorvollen Augenzwinkern nachzuzeichnen. Der Leser kann gar nicht anders als Mitleid zu empfinden und sich angesichts der beschriebenen gesellschaftlichen Defizite zu positionieren, nämlich gegen jeden selbstgerechten Dünkel. Zum anderen ist diese Geschichte auch ganz große Kunst, die man mit einem starren Gesichtsausdruck des untröstlichen Kummers lesen sollte.

Bild: Cup of Espresso: © Nevit Dilmen [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)%5D, via Wikimedia Commons

Bild von Carson McCullers: Carl van Vechten [Public domain], via Wikimedia Commons

Susan Sontag: Regarding the Pain of Others (2003)

WIN_20150815_094944Dieses wunderbare Buch erreichte mich vor ein paar Wochen aus Berlin. Ein herzliches Dankeschön geht an die Schröersche Buchhandlung für den Hinweis auf den Essay und die charmante Gestaltung der Paketsendung.

Regarding the Pain of Others“ (Das Leid der anderen betrachtend) erschien ein Jahr vor Susan Sontags Tod und 25 Jahre nach ihrer wegweisenden Essaysammlung „On Photography„, die sich ebenfalls mit der Rolle der Fotografie in Geschichte und Gegenwart beschäftigt.

Wie der Titel bereits impliziert, geht es Sontag in den neun Kapiteln ihres Buches einerseits um das in Fotografien dargestellte Leid, zum anderen aber auch um die Rolle des Bildkonsumenten. Ihren Schwerpunkt legt sie auf die Kriegsfotografie.

Als Aufhänger dient ihr die Frage eines Lesers, der Virginia Woolf 1937 fragte: „How in your opinion are we to prevent war?“ Zu einer Zeit, in der sich ein zweiter Weltkrieg bereits ankündigte und in Spanien der Bürgerkrieg tobte. Woolf zog zur Beantwortung dieser Frage Fotografien aus den Bürgerkriegsgebieten heran und kam zu dem Ergebnis, dass diese Bilder jeden normal empfindenden Menschen veranlassen müssten, der Kriegstreiberei abzuschwören und ein Ende aller kriegerischen Auseinandersetzungen einzufordern.

Da dies offensichtlich nicht so ist, veranlasst Sontag auf die Spurensuche zu gehen.

Chicago, 2006

Chicago, 2006

Sie will die Frage beantworten, ob sich Fotografie als Mittel des Widerstandes und der Aufklärung überhaupt eigne, für den guten Zweck dienstbar gemacht werden könne. Das ist ihr politisches und moralisches Anliegen. Eine klare Positionierung, die sich vom ästhetischen Rigorismus einer l’art pour l’art-Haltung abwendet und für die sie oft genug, v.a. aus französischen Kreisen, kritisiert wurde.

Eine stringente Argumentationsweise und klare Linie darf man in diesem Essay allerdings nicht erwarten. Das ist auch gar nicht nötig, denn die Ausgangsfrage hat sich schon bald selbst beantwortet. Vom historischen Standpunkt aus betrachtet hat Fotografie in dieser Hinsicht versagt. Sie kann die echte Erfahrung des Kriegserlebnisses nicht transportieren, somit zwar kurzfristig einen Schock oder Entsetzen im Bildkonsumenten verursachen, aber keine bedeutsame Veränderung bewirken.

Sontag steckt in den neun Kapiteln ein weites Territorium ab, das sie mit der Leserin gemeinsam abschreitet. Die Argumentation erledigt sich irgendwie am Rande, während die Autorin beschreibt, vergleicht, abwägt und mulitperspektivisch unterschiedliche Ansichten zu einzelnen Themenbereichen aufgreift, wieder fallen lässt oder weiterführt. Sie entwirft ein Panorama, ein Gemälde, das die Beziehung zwischen Krieg und seiner fotografischen Begleitung in all seinen Facetten aufzeigt. Ein wenig mehr Systematik hätte ich mir trotzdem gewünscht.

Hier eine kleine Auswahl der Fragen und Themen, die sie beschäftigen:

  • die Geschichte der Kriegsfotografie (jedoch keine langweilig chronologische Abhandlung)
  • die Funktion von Schockbildern, auch zur Kriegsmobilisierung der Gesellschaft.
  • der Irrglaube, Fotografie zeige das GANZE Elend der Welt (Frage: Was zeigt Fotografie NICHT?)
  • wie Fotos unser Wissen, unser Verständnis und unsere Erinnerung von Greueltaten ersetzen (s. Bilder aus Konzentrationslagern)
  • wie Fotografien nicht nur abbilden sondern v.a. auch definieren.
  • der leidende Körper in der christlichen Ikonografie und die Ähnlichkeit zu seiner Repräsentation in Kriegsreportagen
  • Inszenierung und Authentizität von Fotografien
  • Zensur
  • emotionale Reaktionen auf Fotografien (von Mitleid bis Desensibilisierung)
  • uvm.

Es ist anstrengend aber zugleich auch sehr informativ und abwechslungsreich

Portrait Susan Sontag von Juan Fernando Bastos

Susan Sontag zu folgen. Es sind aber, wie oben schon gesagt, die „Trümmer“ und Bruchstücke ihres profunden Wissens, die sie aneinanderreiht und miteinander verwebt. Die Einordnung in das eigene Denksystem und Wissenrepertoire muss man dann selbst übernehmen. Sie bietet keine Orientierung, ihr Darstellungsstil zwingt zur aktiven Teilnahme.

Was mich inhaltlich am meisten berührt und beeindruckt hat, war die Erwähnung von Ernst Friedrichs Fotoband „Krieg dem Kriege!“ von 1924, der nach dem 1. Weltkrieg quasi als Schocktherapie und mit Bildunterschriften in vier Sprachen veröffentlich worden ist. Er zeigt darin mehr als 180 Fotos aus Militär- und medizinischen Archiven, u.a. 24 Bilder, die brutale Gesichtsverletzungen von Soldaten zeigen und der Bevölkerung vorenthalten wurden. Ziel war es die „wickedness of militarist ideology“ zu enttarnen. Es hat politisch längerfristig nichts bewirkt.

Ich habe mich während der Lektüre gefragt, ob der Weg über den Sehsinn zur „Bekehrung“ der Menschheit nicht eigentlich falsch ist und in unserer Gesellschaft überbewertet wird. Die neuronalen Verknüpfungen zum Empathiezentrum in unserem Gehirn sind, so vermute ich mal, bei den meisten Menschen einfach zu kompliziert bzw. inzwischen verschüttet. Die Hoffnung liegt m.E. im Gehörsinn. Ohren kann man nicht einfach schnell mal verschließen und das, was wir hören, erreicht uns sofort und zeitigt in den meisten Fällen eine direkte emotionale Reaktion. Oftmals hat das, was wir einmal gehört haben, sogar jahre- wenn nicht sogar lebenslange Auswirkungen auf unser Befinden und kehrt, wie ein Ohrwurm oder eine bekannte Melodie, immer wieder zurück in unser Bewusstsein. Es ist nicht der Anblick des sterbenden oder toten Soldaten, sondern das Surren der Fliegen an seinem Gesicht oder sein letztes Röcheln, das sich in die Erinnerung eingräbt. Nicht an ein Bild gebunden, entfalten diese Eindrücke erst ihr ganzes Potential.

Der Essay bietet übrigens KEINE Bilder, was erstaunlich ist. Sontag gelingt es hervorragend, den Schrecken der Bilder in Worten wiederzugeben. „The form of the narrative does not wear out.“ sagt sie selbst, und

„Pictures DON’T tell us everything we need to know.“

Somit ist ihr Essay auch eine Wertschätzung der Sprache und ein Plädoyer für den Rückbezug auf die Macht des geschriebenen Wortes.

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Portrait Susan Sontag: von Juan Fernando Bastos (Eigenes Werk) [CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

LESUNG: Siri Hustvedt – The Blazing World (in Hamburg)

Schauspielhaus Hamburg

Schauspielhaus Hamburg bei strahlendem Sonnenschein, abends, 19:30 Uhr.

Manchmal können kleine Zufälle große Nachwirkungen zeitigen. Am Mittwoch (03.06.15) las Siri Hustvedt im Schauspielhaus in Hamburg. Morgens hatte ich, angelehnt am ewig lange vor sich hindröhnenden Kaffeeautomaten in unserem Büro, schläfrig und mich in Geduld übend, das Juni-Programm des Literaturhauses durchgeblättert. Als der Kaffee endlich in der Tasse war, stand mein Entschluss fest: ich musste es irgendwie abends in die Lesung schaffen. Von da an war ich plötzlich wieder hellwach, und es lag nicht am Kaffee.

Ich hatte Glück, im Internet gab es noch eine handvoll Karten, allerdings hatten sie alle eine eingeschränkte Sicht, aber ich wollte ja nicht schauen, sondern v.a. hören. Also riss ich virtuell eine Karte für einen Platz in einem linken Logenbalkon an mich, packte zwei der drei Hustvedt-Romane ein, die in meinem Bücherregal stehen („Summer Without Men“ und „Sorrows of an American„), meine Kamera und los ging’s.

Wenn man außerhalb Hamburgs wohnt, ist ein abendlicher Theaterbesuch während der Arbeitswoche immer noch DSC_0077machbar, denn das Schauspielhaus liegt zentral direkt am Hauptbahnhof. Dort war abends um 7 noch viel los: das gleißende Sonnenlicht versöhnte sich mit den winterlich vergrämten Hamburgern, eine kühle Brise erinnerte mahnend an die kalten Tage, wilde Trommelrhythmen lockten müde Bürohengste, am Eis schleckende, flanierende Rentnerpaare und weitgereiste Taxifahrer vor den Bahnhofseingang. Zur gleichen Zeit bewiesen Fahrradfahrer und Autofahrer gleichermaßen einen den sommerlichen Temperaturen angepassten, wagemutigen und großstädtischen Fahrstil.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich eine ewig lange Zeit nicht mehr im Schauspielhaus gewesen bin. Die Erinnerungen kamen hoch, als ich auf meinem bepolsterten Holzstuhl saß, unter dessen Beine man einen Holzkasten genagelt hatte, damit die hinteren Logenplätzler über die Köpfe der vorderen Logisten doch irgendwie noch auf die Bühne schauen können. War es in der achten oder neunten Klasse? Deutschunterricht? Draußen vor der Tür? Ich war ratlos und ließ die blassen Erinnerungen wieder in ihr wohlverdientes Vergessen zurücksinken. Vor mir in der Loge saßen zwei Frauen, eine Japanerin in Cardigan, die mir

Spiel und Arbeit

Spiel und Arbeit

vornehm nickend signaliserte, dass sie an einem Gespräch angesichts der Intimität der Loge kein Interesse habe, die aber meinen „Barhocker“, wie sie ihn nannte, eines anerkennenden Blickes würdigte, sowie eine Dame mit karottenfarbigem Haar, das wie ungekochte Spaghetti auf ihren Schultern stand und deren schweigender Blick, nach Innen gewandt, einen besorgten Charakter vermuten ließ. Dank des Kastens unter meinem Stuhl, gelang es mir tatsächlich, die Bühne im Blickfeld zu behalten.

Im Hamburg Journal hieß es später dass rund 90% der Zuhörer weiblichen Geschlechts gewesen seien, und dies sei üblich für Hustvedt-Lesungen, überhaupt für ihre Leserinnenschaft. Diesen Eindruck kann ich nicht bestätigen. Ich tippe auf 70-80 % an diesem Abend. Aber es war dennoch einen frauendominantes Event, soviel ist richtig.

Durch den Abend führte Prof. Dr. Julika Griem vom Institut für England- und Amerikastudien der Goethe-

Prof. Julika Griem, Autorin Siri Hustvedt und Schauspielerin Bettina Stucky (2015, Hamburg)

Prof. Julika Griem, Autorin Siri Hustvedt und Schauspielerin Bettina Stucky (2015, Hamburg)

Universität in Frankfurt.  Mit einem ganz wunderbaren British English stellte sie Fragen, die zum Denken anregten und Siri Hustvedt Raum boten, unterschiedliche Aspekte ihres Schaffens und Denkens näher auszuführen. Ihre Übersetzungen waren immer stimmig, enthielten manchmal mehr Information als das, was Siri Hustvedt gesagt hatte, so z.B., dass Emily Dickinson wohl lesbisch gewesen sein musste, nachdem Hustvedt meinte, dass ein schwuler Walt Whitman und eine Dickinson die Ur-Eltern der amerikanischen Literatur wären. Und sehet, was aus dieser Verbindung entstanden ist. Griem offerierte mehrere Interpretationsansätze für einen Zugang zum Roman, u.a. das Framing, also im übertragenen Sinne Bedeutungs-Rahmen, die von der Hauptfigur Harriet Burden entwickelt aber auch wieder zerbombt würden.

DSC_0082Am Beispiel der vollbusigen Mutter und Künstlerin Burden wurde besprochen, inwiefern Frauen, und v.a. auch Müttern, im heutigen von Männern dominierten Kunstbetrieb die ihnen gebührende Anerkennung verwehrt wird. In The Blazing World feiert Burden erst dann Erfolge, als sie drei männliche Stellvertreter gefunden hat, die ihre Kunst in der Öffentlichkeit präsentieren. Die Persönlichkeit und Biographie  des Künstlers bestimme immer noch, inwiefern ein Kunstwerk wahr- und v.a. ernstgenommen werde. J.K. Rowling sei ein weiteres Beispiel für eine erfolgreiche Autorin, die einen geschlechtsneutralen Namen gewählt habe und erst damit bei Verlagen Erfolg gehabt hätte. Mit ihrem Pseudonym Robert Galbraith hätte sie einen ähnlichen Weg eingeschlagen.

Während Siri Hustvedt ihre Gedanken äußerte, herrschte 100%-ige Konzentration bei den Zuhörern. Ich lauschte gebannt, und versuchte, jedes einzelne Wort in ein größeres Gedankensystem einzuordnen. Es machte alles Sinn und war inspirierend, das Ergebnis ausgeprägter Beobachtungsgabe und destillierender Gedankenarbeit, wie in einer guten Vorlesung, die Bekanntes aufgreift und neue Sichtweisen eröffnet. Ich fühlte mich zeitweise wie eine Zen-Schülerin, auf die sich die fortgeschrittene Klarheit und Gefasstheit ihrer Meisterin überträgt, auch wenn das Geäußerte nicht unbedingt ganz neuartig-originell daherkam. Ich war hellwach und inspiriert. Sagenhaft.

Das, was im Gespräch zwischen Professor Griem und Siri Hustvedt an kognitiv-rationalem Verständnis für den

Siri Hustvedt, Bettina Stucky (2015, Schauspielhaus Hamburg)

Siri Hustvedt, Bettina Stucky (2015, Schauspielhaus Hamburg)

Roman entstanden war, erhielt durch den lebhaften Vortrag von Bettina Stucky, die aus der deutschen Übersetzung vorlas, einen weiteren, ganz neuen Aspekt. Ihre Interpretation betonte die ironische Seite des Buches, die humorvollen Versuche der Charaktere, des Phänomens Harriet Burden habhaft zu werden. Hier wurde im Publikum viel gelacht aber auch wieder mitfühlend zurückgerudert, als eine der Esoterik verhaftete, weibliche Figur mithilfe der ihr zur Verfügung stehenden (Farb-)theorien die Welt und die Männer zu erklären versucht.

Am Ende der Veranstaltung schenkte das Publikum den drei Damen auf der Bühne einen langanhaltenden Applaus. Leider schaffte ich es nicht mehr zur Signierstunde, denn mein Zug wartete bereits am Bahnhof, und ich hatte noch 10 Minuten Zeit dorthin zu gelangen. Als ich die Treppe von den Balkonlogen in den Eingangsbereich hinunterstürzte, kamen mir von dort Siri Hustvedt und Julika Griem im Gespräch vertieft entgegen. Siri Hustvedt und ich steuerten unaufhaltsam aufeinander zu, denn wir bewegten uns beide entlang des Geländers. Da ich nicht ausweichen konnte, steuerte Siri Hustvedt die in Richtung ihrer Schuhe redende Griem zur Seite, machte einen Bogen um mich, schaute dabei etwas irritiert und erschöpft. So gelang mir doch noch ein Blick aus nächster Nähe auf die Autorin und ein in letzter Minute rechtzeitiges Eintreffen am Bahngleis, mit vielen neuen Eindrücken, jungbrunnenartigem Elan und viel Vorfreude auf den Roman im Gepäck. Da sage nochmal einer, Autorenlesungen seien alle öde.