WILDE PALMEN von William Faulkner (1939)

William Faulkners „Wilde Palmen„(1939) ist vor kurzem in der ZEIT Bibliothek der verschwundenen Bücher neu herausgegeben worden. Die deutsche Übersetzung stammt aus dem Jahre 1957 (Braem & Kaiser). Das feine, grasfroschgrüne Exemplar auf dem Foto habe ich bei „Lesen macht glücklich“ gewonnen. Herzlichen Dank noch einmal an MARC.

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Zimmerpalme meets wilde Palme.

Ob sich William Faulkner mit dieser Ausgabe angefreundet hätte, wage ich allerdings zu bezweifeln. Die ursprüngliche Version des Romans besteht nämlich aus zwei unabhängigen, aber ineinander verzahnten Geschichten: „Wilde Palmen“ und einer weiteren Story namens „Der Strom“ (im engl. „Old Man“), die sich kapitelweise abwechseln und kontrapunktisch ergänzen. Weshalb „Wilde Palmen“ nun einzeln gedruckt wurde, ist mir auch im persönlichen Nachwort von Jens Jessen – dessen ZEIT-Kolumne „Jessens Tierleben“ ich sehr gerne lese – nicht ganz klar geworden.

Was die ZEIT hier mit der wilden Palme und dem alten Mann gemacht hat, ist nichts Geringeres als das, wovon schon Aristophanes in Platons „Gastmahl“ erzählt, wenn er über die Ursprünge der erotischen Begierde in seinem Mythos vom Kugelmenschen berichtet, wonach Göttervater Zeus die kugeligen, durch die Weltgeschichte rollenden Körper der glücklich vereinten Menschen für ihren Übermut in jeweils zwei Hälften teilt. So entstanden die heutigen Zweibeiner, die sich ohn Unterlass nach ihrer anderen Hälfte sehnen, um sich wieder mit ihr zu vereinigen. Aber der glückselige Urzustand kann – einmal aufgesplittet –  nicht mehr erreicht werden.

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Lachish Relief, British Museum (700-692 v. Chr.)

Weiterhin hatte Faulkner für seinen Roman ursprünglich den Titel „If I Forget Thee, Jerusalem“ vorgesehen, aus dem „Psalm 137“, der den sehnsüchtigen Klagegesang der aus Jersusalem vertriebenen Israeliten wiedergibt. Faulkners Verlag Random House war das aber egal.

Was schade ist, denn der Titel wäre der Thematik des Romans viel näher gekommen als „Wilde Palmen“. Außerdem gibt es sehr viele Ortswechsel, was der Geschichte eine gewisse Rastlosigkeit verleiht. Von der Mississippi Golfküste geht es nach Chicago, später nach Utah und San Antonio in Texas, um nur einige Locations zu nennen. Wäre ich Leo von Leos Literarischen Landkarten, dann würde ich jetzt die Reiseroute von Charlotte Rittenmeyer und ihrem Liebhaber Henry Wilbourne quer durch die USA anhand einer Karte verdeutlichen.

„Wilde Palmen“ ist eine Liebesgeschichte, die tödlich endet. Die „Jungfrau“ Henry trifft auf die verheiratete Charlotte, sie verlieben sich, reisen durch die USA, um Arbeit zu finden oder die Liebe vor dem Alltagstrott zu retten, und enden tragisch, als Henry an Charlotte eine illegale Abtreibung durchführt und diese an den Folgen stirbt.

Da die andere Hälfte des Buches auf mysteriöse Weise verschwunden ist, mag ich jetzt gar nicht weiter über den Roman schreiben. Beeindruckt haben mich weniger die Charaktere und ihre Geschichte, sondern vor allem die Sprache Faulkners und seine Beschreibungen der Natur und des Settings, vor allem die Passagen an der windigen aber gleichzeitig milden Golfküste und in der rauen, eiskalten und abgelegenen Bergbausiedlung in Utah.

…er […] folgte dem tanzenden Strahl seiner Lampe, […] ging durch die trennende Oleanderhecke und hinein in den ungestüm und ungemindert daherfegenden Seewind, der die unsichtbaren Palmen drosch und über das harsche, salzige Gras des verwahrlosten Nachbargrundstücks wischte; und da sah er in dem anderen Haus das matte Licht. „Sie blutet, was?“, sagte er. Es war bewölkt; der unsichtbare Wind blies stark und stetig in den unsichtbaren Palmen von der unsichtbaren See her – ein harsches, stetiges Rauschen, voll vom Murmeln der Brandung gegen die vorgelagerten, abgrenzenden Inseln, Landzungen und Sandsteinklippen – gleich Basteien, gesäumt von geschüttelten, dürftigen Pinien. „Hämmorraghie?“ (S. 18)

Die Dramatisierung des Plots gipfelt am Ende der Geschichte in einer Personifizierung der Naturerscheinungen.

…und die ganze Nacht stöhnte und heulte eine Boje draußen im Fluss, und die Palme vorm Fenster drosch und peitschte, und kurz vorm Morgen schlug der Schwanz des Hurrikans mit gellendem, hetzendem Schrei zu. Nicht der Hurrikan selbst – der galoppierte irgendwo im Golf weiter und weiter -, nur der Schwanz war es, ein Schütteln seiner vorbeifliegenden Mähne, die am Ufer die trübgelbe Flut drei Meter hochtrieb und sie zwanzig Stunden lang nicht fallen ließ, die durch die wilde, wütende Palme tollte, deren immer noch trockenes Dreschen über das Dach der Zelle wischte, ….

Das liest sich wie ein Höllenritt auf dem Hexenbesen der Endlos-Sätze, die hier repräsentativ für das verzweifelte Innenleben des sonst merkwürdig passiv wirkenden Protagonisten stehen. Im Krankenhaus, einer Gefängniszelle und einem Gerichtssaal findet die Geschichte ihr Ende und kontrastiert damit das ungestüme Leben und Lieben mit und in der überall hineindrängenden Natur, die hier auch Sinnbild für den in lang ersehnter und nun endlich erfüllter Sexualität aufgeblühten Menschen ist.

Es geht um einen großen, menschlichen Verlust,

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William Faulkner, 1954.

hervorgerufen durch das unnatürliche „Herumpfuschen“ an der Natur. Charlotte will bzw. kann nicht den natürlichen Lauf der Dinge akzeptieren und ein weiteres Kind zur Welt bringen. Mit ihrer freien Entscheidung sich von der „natürlichen Bestimmung“ der Frau zu distanzieren, hat sie in Faulkners „Wilde Palmen“ ihr Todesurteil unterschrieben. Mit dem Thema Abtreibung nimmt der Roman im zweiten Drittel an Fahrt auf, wird aber nie zum Thesenroman, sondern stellt die emotionale Zerrissenheit und Verzweiflung des Menschen als natürliche und gleichzeitig zum freien Willen befähigte Kreatur in den Mittelpunkt.

Ich will es. So ist es also doch das alte Fleisch, einerlei wie alt. […], und darum verging, als SIE verging, auch die Hälfte der Erinnerns, und wenn ich vergehen werde, wird alles Erinnern aufgehört haben zu sein. – Ja, dachte er, vor die Wahl gestellt zwischen dem Leid und dem Nichts wähle ich das Leid. (S. 218)

Die halbierte Fassung des Romans lohnt wegen Faulkners sprachlicher Kunst selbst in der deutschen Übersetzung und kann als Einstieg in die Vollversion aus beiden Geschichten, Wilde Palmen+Der Strom, verstanden werden. Da der Doppelroman häufig unter dem Einzeltitel „Wilde Palmen“ verkauft wird, kann ich nur empfehlen, vor dem Kauf genauestens ins Innere des Buches zu schauen, sollte man sich für die vom Autor intendierte Fassung interessieren. Es wäre vergebliche Liebesmüh‘, erst beim Lesen nach der verschwundenen zweiten Hälfte der ohne Echo verbliebenen, wild um sich peitschenden Palmen zu suchen.

Bilder:

Lachish Relief: Photograph by Mike Peel (www.mikepeel.net). [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, via Wikimedia Commons

William Faulkner: Carl Van Vechten [Public domain], via Wikimedia Commons

alle anderen Bilder: almathun

 

Carson McCullers: The Heart is a Lonely Hunter (1940)

Carson McCullers war 23 Jahre jung, als ihr Debütroman einschlug wie eine Bombe. Allein den Titel sollte man sich genüßlich auf der Zunge zergehen lassen. Die befreit ausatmende Alliteration, die sich symmetrisch um das bluesige „O“ legt, wie zwei Berge um ein tiefes, dräuendes Tal. Da steckt schon alles drin, was den Roman ausmacht: Poesie, Melancholie, Bewegung, Isolation und tröstliches Eingebundensein.

WIN_20151122_102005In einer abgelegenen und recht trostlosen Kleinstadt im US Bundesstaat Georgia bewegt sich die Handlung entlang der Geschichten mehrerer Figuren. Im Mittelpunkt stehen vier Männer und ein Mädchen, die alle auf der Suche nach Ausbruchs- und Ausdrucksmöglichkeiten sind, gleichzeitig unter ihrer Einsamkeit leiden, aber denen der Befreiungsschlag letztendlich versagt bleibt. Der Taubstumme John Singer, über dessen Herkunft man nichts weiß, fungiert hierbei als verbindendes Element, denn die anderen Figuren drehen sich um ihn wie die Motten um das Licht, wie Depressive um einen Therapeuten, der sich alles anhört, nichts kommentiert, während sie ihr Herz ausschütten.

Da ist der alternde und an Tuberkolose erkrankte Arzt Benedict Copeland, der sich von seiner Frau und den Kindern entfremdet hat, weil er mit Haut und Haar für die Verbesserung der Situation der Schwarzen eintritt, aber wegen seiner ständig belehrenden Art und Gereiztheit keinen menschlichen Kontakt aufrechterhalten kann; Jake Blount, ein physisch deformierter Alkoholiker, der aggressiv den Sozialismus predigt, und die Menschen damit gegen sich aufbringt; Biff Brannon, der Inhaber des New York Café, dessen Frau, von der er sich schon lang entfremet hat, an Krebs stirbt und der sich zu der jungenhaften, in sich gekehrten Mick Kelly hingezogen fühlt, die wiederum davon träumt, eine berühmte Klavierspielerin zu werden und die Welt zu bereisen.

Der Roman liest sich so, wie sich eine Klaviersonate anhört, mit einem Hauptthema, einigen Seitenthemen und mehreren dramatischen Höhepunkten, wobei die Grundtonart in Moll ist. Schön zu lesen ist die Geschichte, sprachlich dicht und melancholisch, mit psychologischer Tiefgründigkeit, die in milder Akzeptanz ruht. Gleichzeitig werden die sozialen und politischen Themen der 30er Jahre aufgegriffen, Faschismus, Arbeitslosigkeit, Armut und Rassismus, und ihre erdrückenden Auswirkungen an allen Figuren verdeutlicht.

„Come here, you!“ the deputy said finally. „What you say you wanted to see the judge about?“

„I did not say,“ said Doctor Copeland. „I merely said that my business with him was urgent.“

„You can’t stand up straight. You been drinking liquor, haven’t you? I smell it on your breath.“

„That is a lie,“ said Doctor Copeland slowly. „I have not – “

The sheriff struck him on the face. He fell against the wall. Two white men grasped him by the arm and dragged him down the steps to the main floor. He did not resist.

„That’s the trouble with this country,“ the sheriff said. „These damn biggity niggers like him.“

He spoke no word and let them do with him as they would. He waited for the terrible anger and felt it rise in him. Rage made him weak, so that he stumbled.

In einem solchen Klima hält man lieber die Klappe. Mutig lässt McCullers dann aber doch noch den schwarzen Bürgerrechtler Copeland und den verärgerten Kommunisten Blount am Ende des Romans über viele Seiten in einem Disput zu Wort kommen. Es ist, als würde ein Damm brechen, als traue sich die Autorin endlich in ein Terrain, das man als Südstaatler/in in den 30er Jahren besser nicht so offenherzig betritt. Vielleicht wusste sie auch, dass Faschisten und Rassisten Bücher wie ihres nicht bis zum Ende durchlesen würden.

Ich denke nicht, dass McCullers in ihrem Roman im Sinne Sartres die

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Nashville, TN, 2006 by almathun

„existentielle Einsamkeit“ des Menschen verdeutlichen wollte, wie es häufiger zu lesen ist. Die geschilderte Einsamkeit, Sprachlosigkeit und der Rückzug haben ihre Ursache im gesellschaftlichen Klima der Südstaaten der 30er Jahre, in Armut und Angst, wo jede/r, der oder die eine eigenwillige Meinung äußert, Missstände anklagt und Veränderungen fordert zum ausgelachten oder verfolgten Außenseiter wird. McCullers hat die Südstaaten immer gehasst wie die Pest und ist mit Anfang zwanzig nach New York ausgewandert.

Der Roman provoziert nicht zur Auseinandersetzung, wie andere Bücher. Man genießt ihn. Ich habe mich nach der Lektüre gefragt, worüber ich denn jetzt schreiben könnte. Es ist, als sitze man in einem Herzen und lausche dem Pochen. Bei Carson McCullers macht man das gerne.

Zum Abschluss, weil es so schön ist, ein Auszug aus Paul Laurence Dunbars Gedicht „Sympathy„:

I know why the caged bird sings, ah me,
When his wing is bruised and his bosom sore,
When he beats his bars and would be free;
It is not a carol of joy or glee,
But a prayer that he sends from his heart’s deep core,
But a plea, that upward to Heaven he flings –
I know why the caged bird sings.

 

LESUNG: Jonathan Franzen – UNSCHULD (in Hamburg)

Thalia Theater, Hamburg.

Eine halbe Million Besucher sollen es laut einer Thalia Mitarbeiterin an jenem Abend des 8.10.2015 gewesen sein, die sich nach der Lesung im Foyer des Theaters drängelten, um ihre Bücher vom amerikanischen Superstern am Literaturhimmel, dem Jonathan Franzen, signieren zu lassen. Diese erfrischende Form des Understatement war eine Wohltat inmitten des hanseatischen Mobs, der sich kultiviert gebend seinen Weg zum begehrten Weltstar bahnte. Aber ich übertreibe etwas.

Das Gedrängel am Signiertisch, das so manchen Wutbürger auf den Plan rief, hatte sich sogar bis Göttingen herumgesprochen, wo Herr Franzen tagsdrauf ein weiteres Mal aus seinem neuen Roman „Unschuld“ las. Zustände wie auf einem Take That-Konzert hätte es in Hamburg gegeben, deshalb baten Autor und Veranstalter die Zuhörer darum, nur eine Schlange vor dem Signiertisch zu bilden.

Wie hatte es soweit kommen können?

In den Begrüßungsworten zu Beginn der Veranstaltung wurde mehrfach darauf hingewiesen, dass Hamburg eine besondere Ehre zuteil geworden sei, denn hier, im tollen Hamburg, würde Herrn Franzens erste Lesung in Deutschland stattfinden, noch vor der LitCologne. Die 1000 Besucherinnen im ausverkauften Thaliatheater zeigten sich zunächst hanseatisch unbeeindruckt. Erst als die Veranstalter darum baten, auf Wunsch des Autors, später, nach der Lesung, bitteschön KEINE Fotos geschweige denn Selfies von bzw. mit Herrn Franzen am Signiertisch zu machen, lockerte sich die Stimmung merklich auf und es wurde fröhlich gekichert. Weiterhin wurde darauf hingewiesen, dass man die Lesung nach Weihnachten, am 27.12. um 20 Uhr, auf NDR Kultur hören könne.

Die Moderation des Abends hatte FAZ-Literaturchefin Felicitas von Lovenberg übernommen. Viel sah oder hörte man aber nicht von ihr, denn den Großteil des Abends bestritt Jonathan Franzen allein auf der Bühne, im Zwiegespräch mit seinen Leserinnen und Lesern. Frau von Lovenberg musste/konnte/durfte während der Vorlesephasen die Bühne verlassen, was auf mich etwas befremdlich wirkte, denn der Stuhl neben Mr. Franzen blieb demnach meistens leer, so als warte man noch auf jemanden, was dem Abend einen etwas flüchtigen, Beckett’schen Beigeschmack verlieh.

Beeindruckt und in gleichsam teilnahmsvoller Rührung folgten die Zuhörer Herrn Franzens Ansprache an das Publikum, denn er redete vor allem deutsch, ein sehr gutes Deutsch, wenn er an manchen Stellen und mit fortgeschrittener Stunde auch etwas ins Schlingern kam. Trotzdem sehr beachtlich, muss ich sagen, und so manch eine kleine, charmante Sprachkreation, wie z.B. „Sie sind heute meine experimentalen Kaninchen„, wurde vom Publikum in liebevoller und erheiterter Weise begrüßt. Denn allein dies ist ja schon ein Liebesbeweis an das Land, in dem der jüngere Franzen als Student in Berlin, Anfang der 80er, studiert hatte. Die Amerikaner, die sich die Mühe machen, eine Fremdsprache zu lernen, kann man womöglich an einer Hand abzählen, vor allem diejenigen, die es nicht aus Businessgründen tun. Also Hut ab vor Herrn Franzen! Er hat meinen ganzen Respekt.

Drei Passagen hat Jonathan Franzen auf deutsch vorgelesen, eine auf englisch. Die englische gehört zu meinen Lieblingsszenen im Buch und behandelt das Gespräch der Enthüllungsjournalisten Leyla Helou mit der Schnellrestaurant-Mitarbeiterin Phyllisha Babcock, in Amarillo, Texas. (Ein kleiner Auszug aus der Szene). Hier kommt Jonathan Franzens Sinn für Humor voll zum Tragen, der immer dann Blüten treibt, wenn Charaktere beschrieben werden, die gar nicht wissen, dass sie komisch sind.

DSC_0010Einiges Neues konnte man an diesem Abend über den Roman erfahren, wenn ich mir auch ein wenig mehr Analyse oder Interpretationsansätze gewünscht hätte. Ich denke, das kann man einem Publikum durchaus mal zumuten, es muss nicht immer nur Geplänkel auf der Inhalts- und Figurenebene in Verbindung mit der Biografie und den Intentionen des Autors sein. Die Siri Hustvedt Lesung hatte mich damals im Juni in eine geistige Extase versetzen können, weil hier eben ganz andere Register gezogen wurden, die zur intensiven Auseinandersetzung mit den Themen des Romans inspirieren konnten.

Die Eingangsfrage von Frau von Lovenberg fand ich ziemlich gut, nämlich, ob er, Jonathan Franzen, Beziehungen für genauso schlimm halte wie das Internet. Diesen Eindruck hätte man als Leser/in. Leider ging der Autor darauf nicht wirklich ein. „That’s a devilish question,“ sagte er nur, worauf Lovenberg rekurrierte, er, Franzen, habe ja das Faustzitat an den Anfang des Romans gesetzt. „Das stimmt,“ so der Autor. Leider war der Faust dann kein Thema mehr. (Faust, Mephisto und das naive Gretchen in meiner Besprechung des Romans vom 4. Oktober).

Der Titel „Purity“ sei ihm von Anfang an etwas peinlich gewesen, so Franzen, deshalb habe er der weiblichen Protagonistin diesen Namen gegeben und ihn dann kurzerhand mit „Pip“ abgekürzt. Der Titel entstamme vor allem seiner Beschäftigung mit dem Werk von Karl Kraus, der oft die „Reinheit der deutschen Sprache“ eingefordert hatte.

Reinheit sei ein Begriff, um einen radikalen Idealismus zu verstehen. Extreme Bewegungen jeglicher Art würden sich immer auf irgendeine Art von „Reinheit“ beziehen. Pip sei die einzige ohne Idealismus, ganz anders als ihre Elterngeneration, allen voran ihre Hippiemutter Annabel. So habe er den Titel „Purity“ ironisiert und für sich entschärfen können.

Eine besonders schöne Stilblüte gelang dem Autor im Gespräch über Andreas Wolf, der „mit seiner unmöglichen Mutter einen Alpentraum hätte.“ Weil alle anwesenden Norddeutschen diese Wortkreation einfach zu schön fanden, wurde Mr. Franzen dahingehend nicht korrigiert.

Die Frage aus dem Publikum, ob seine neuen Romane Fortsetzungen der alten seien, verneinte Herr Franzen. Die Figuren interessierten ihn nach dem Schreiben nicht mehr. „A book isn’t done, if there still can be done something with the characters,“ so der Autor, aber „I wonder what happened to Gary [aus den Corrections] sometimes.“ Außerdem könne er Figuren nicht noch einmal verwenden, sobald die Rechte an z.B. Filmproduzenten verkauft worden seien.

Was nicht ausbleiben durfte, war natürlich die Frage nach dem deutschen Titel „Unschuld,“ der vielen Leser_innen als Missgriff erscheint. Franzen blieb hier sehr vage, „was weiß ich,“ bzw. „it’s not a random choice.“ Da gestern die Lesung in Göttingen per Livestream online gezeigt wurde, konnte ich in Erfahrung bringen, dass „Unschuld“ durchaus Sinn mache, so Franzen in Göttingen, weil sich alle Charaktere im Roman aus unterschiedlichsten Gründen schuldig fühlten. Vermutet wurde jedoch bereits an anderer Stelle, dass der Rowolthverlag nach dem letzten Titel „Freiheit“ keinen fast gleichlautenden Titel verwenden wollte. Anyways.

Das Fernsehen sei kein Feind mehr, so der vormals fernsehfeindlich eingestellte Franzen anschließend. Es habe in den letzten Jahren bewiesen, durchaus komplexere Erzählmethoden anwenden zu können.

The enemy is stupid, brief stimuli, not coherent narrative. TV uses storytelling techniques that novels have developed for centuries. TV is the novel’s little brother.

Das mit dem „kleinen Bruder Fernsehen“ hatte Frau von Lovenberg angesprochen. Der große Gesellschaftsroman des 19. Jahrhunderts sei tot, das wusste Jonathan Franzen schon vor 20 Jahren. Solche Erzählungen spielten sich jetzt v.a. auf Bildschirmen ab. Dass er mit dieser Einsicht seinen Frieden geschlossen hat, konnte man ihm durchaus ansehen.

Aber was macht das Lesen von Romanen zu etwas ganz Besonderem?

Es ist die Innerlichkeit und Psychologie sowie die unmittelbare, geistige Verbindung des Schriftstellers mit den Lesern. So könne man sich auch noch Jahrhunderte später mit schon lang verstorbenen Autoren ganz nah verbunden fühlen. Dies sei der Zauber der Literatur, so Lovenberg, die besondere Beziehung, die die Zeiten überdauere.

Wie oben schon erwähnt, hätte ich mir durchaus etwas tiefergehendere Analysen gewünscht.

Das wahre Abenteuer begann NACH der Lesung, denn es entstand ein Run auf den Signiertisch des Autors im Foyer des Theaters.

Aufgrund einer strategisch günstigen Ausgangslage, gelang es mir innerhalb weniger Minuten, mich in zirka zwei Metern Entfernung von Herrn Franzens Tisch und seiner Gefolgschaft zu positionieren. Dort stand ich dann allerdings eine geschlagene halbe Stunde, aber lieber am Anfang einer Schlange warten, als an ihrem Ende, vor allem wenn man sich in Hör- und Sichtweite des Objekts der literarischen Begierde befindet.

WIN_20151010_130242 (2)Als ich endlich an die Reihe kam, hatte sich meine anfängliche Nervosität etwas gelegt und war einer überhitzten Müdigkeit gewichen. Halb im Traume stand ich nun vor ihm, nur eine Tischbreite entfernt, aber es musste alles ganz schnell gehen.

Ein Herr, der urplötzlich von hinten links an mich herantrat, entriss mir meine beiden Bücher, „Purity“ und „How to be Alone“, schlug sie ratzfatz an passender Stelle auf und ermahnte mich drängelnd zur Eile. Sprachlos war ich, hatte ich mir doch ein paar Fragen sorgfältig überlegt, sodass Herr Franzen die Initiative übernehmen musste und seine erste gewagte Signatur in den Essayband setzte. „You have to tell me what to do,“ so der Autor unter Druck, und ich war wieder etwas wacher, nannte und buchstabierte ihm etwas peinlich berührt meinen Namen, den er dann als Widmung auf die erste Seite von „Purity“ schrieb, mit Ausrufungszeichen, um keine Zweifel aufkommen zu lassen.

Oh, liebe Leserinnen und Leser, von da an schwebte ich nur noch auf Wolke Nummer Sieben, ein glücklicher Franzen-Fan. Im hanseatischen Nieselregen unter einem sternenlosen Himmel, sprang ich am Ende eines ereignisreichen Abends, übermütig und vom Glücke beseelt, die mehreren Hundert Meter ohn‘ Unterlass und in freudiger Erregung zum Hauptbahnhof, wo bereits mein Zug wartete und mich sicher nach Hause beförderte. Purity an mein Herz gedrückt, schlief ich um etwa drei Uhr nachts endlich ein.

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Bilder:

  1. Deckenbeleuchtung im Thalia Theater, Hamburg: almathun
  2. Thalia Theater: von Armin Smailovic (www.thalia-theater.de) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)%5D, via Wikimedia Commons
  3. Herr Franzen and parts of Frau von Lovenberg on stage: almathun
  4. Signierte Purity-Seite: almathun

Purity – Jonathan Franzen (2015)

Could a more perfect manufactured object than a tennis ball be imagined? Fuzzy and spherical, squeezable and bouncy, its stiching a pair of matching tongues, its voice on impact a POCK in the most pleasing of registers. (p. 526)

WIN_20151004_115506 (2)So geht es der Protagonistin Pip beim Tennisspielen, und so ging es mir mit meiner neuen Franzen-Lektüre. Der Roman „pockt“ auf 563 Seiten. Der Schreibstil ist locker und geradlinig, will den Leser anscheinend nicht manipulieren. Ein leicht zugänglicher, in seinen pointierten Beobachtungen, humorvoller Realismus, begleitet die Leser durch die Erzählung. Es scheint, als hätte der Autor die Angst abgelegt, die Erwartungen erfüllen zu müssen, DEN großen amerikanischen Roman abzuliefern.

Um Befreiung und Selbstbestimmung geht es auch im Roman. Die junge Purity „Pip“ Tyler will endlich wissen, wer ihr Vater ist. Sie sitzt nach ihrem Hochschulstudium auf einem Schuldenberg von 130.000 $. Von ihrer Mutter, einer hochsensiblen und emotional instabilen Frau, die sich in einer heruntergekommenen Hütte in Kalifornien versteckt, ist zwar viel Liebe und Verständnis aber keine finanzielle Hilfe, geschweige denn wichtige Informationen über den Vater zu erwarten.

Pip reagiert auf ihre Abnabelungstendenzen von der Mutter mit schweren Schuldgefühlen. Neben ihrem „Mommy issue“ hat sie als vaterlos aufgewachsener Mensch zusätzlich ein „Daddy issue„, d.h. sie verliebt sich in ältere Männer, von denen sie sich eine Orientierung im Leben erhofft. Pip ist kein besonders tiefgründiger Charakter, sie bleibt eher farblos, was für die Geschichte aber nicht von Nachteil ist, passt sich ihre Unbestimmtheit doch an das Thema der Identitätssuche an.

Eine weitere Figur mit eindeutigem „Mommy issue“ ist der sex- und pornosüchtige Ostdeutsche Andreas Wolf. Im Gegensatz zu Purity, wird seine Kindheit und Jugend als Sohn eines Stasifunktionärs und einer Professorin für Anglistik mit einem Faible für Iris Murdoch, Hamlet und junge Studenten, gleich im zweiten Kapitel „The Republic of Bad Taste“ eingehend beschrieben.

ehem. Stasihauptquartier, Berlin-Lichtenberg

Anders als der Großteil der Ostdeutschen, freut sich Andreas Wolf im November 1989 nicht über den Fall der Mauer, denn er hat ein dunkles Geheimnis, das durch den politischen Umbruch ans Tageslicht zu geraten droht. Im entscheidenden Moment gelingt es ihm, belastende Stasiakten an sich zu nehmen. In einer der besten Szenen des Romans flüchtet er mit einer Plastiktüte unter dem Arm aus dem Stasihauptquartier, wo man im Januar 1990 damit beschäftigt ist, Akten zu schreddern oder aus dem Fenster zu werfen. Dabei wird er von westlichen Kamerateams gefilmt. Heuchelei von Kindesbeinen an erlernt, lässt er diese Chance nicht ungenutzt:

My name is Andreas Wolf, he said, I am a citizen of the German Democratic Republic, and I am here to monitor the work of the Citizens‘ Committee of Normannenstraße. I’m coming directly from the Stasi archives, where I have reason to fear that a whitewash is occuring. […] This is a country of festering secrets and toxic lies. Only the strongest of sunlight can disinfect it!

Hey, stop, called a member of the crew … say that all again!

He said it all again.

Als Gründer der Enthüllungsplattform „Sunlight Project“ mit Hauptquartier in Bolivien, macht er es sich als Whistleblower in den folgenden Jahren zur Aufgabe, die Welt zu „desinfizieren“, indem er Korruption und Sexismus ans Tageslicht zerrt, an seinem Image als charismatischer Wahrheitsguru arbeitet und reihenweise die Frauen flachlegt.

Ritterlich bewahrt Jonathan Franzen seine Leserinnen davor, ebenfalls dem Charisma des Andreas Wolf zu erliegen, weiß man doch über seine wirklichen Absichten von Anfang an Bescheid. Vielleicht konnte ich deshalb das so oft beschworene Charisma nicht so ganz nachvollziehen. Purity schließt sich dem Sunlight Project an, um das Geheimnis ihrer Herkunft zu klären. Die Sexszenen zwischen ihr und Wolf sind, wie ich finde, durchaus gelungen.

Ein weiteres Kapitel ist aus der Ich-Perspektive des „guten Amerikaners“ und

Faust und Mephisto an der Semperoper, Dresden

Enthüllungsjournalisten Tom Aberant geschrieben, der sich 1990 ebenfalls in Berlin befindet und auf Andreas Wolf trifft. Zwischen beiden Männern entwickelt sich eine Art Hassliebe, eine Verbindung zwischen dem faustischen und mephistophelischen Prinzip, die dem Buch eine mystische Note verleiht. Es kommt nicht von ungefähr, dass das Faustzitat „…Die stets das Böse will und stets das Gute schafft“ „Purity“ vorangestellt wurde.

In seinem neuen Roman führt Franzen die großen Themen wie Eltern-Kind-Beziehungen, Sexus und Herrschaft im 21. Jahrhundert sowie Fluch und Segen der alten und neuen Medien fort. So wie Faust dem Geheimnis des Lebens auf die Spur kommen möchte, so durchwühlen die modernen Whistleblower und Hacker auf ihrer Suche nach Korruption und Intrigen das Internet und fremde Computer. Ihre Motive sind dabei häufig wenig ehrenwert, eher allzu männlich, „the male embarrassment„.

Die in Rezensionen oft geäußerte Kritik, Franzen wolle das Internet als eine Ausgeburt des diktatorischen Überwachungsstaates der DDR darstellen, quasi als DDR von heute, kann ich nach der Lektüre des Romans nicht ganz nachvollziehen. Sicher gibt es Parallelen. Aufschlussreicher finde ich in diesem Zusammenhang ein Zitat aus dem Essay „Why Bother?“ von 1996, in dem Franzen in einer Zeit, in der die Kriegs-und-Öl-Propagandamaschine unter Präsident Bush auf Hochtouren lief und alle Lebensbereiche zu durchdringen versuchte, schreibt:

The American writer today faces a cultural totalitarianism analogous to the political totalitarianism with which two generations of Eastern bloc writers had to contend.

Die Analogie zur DDR dient somit der Verstärkung seiner kulturpessimistischen These, nämlich, dass in den USA eine Infantilisierung weiter Kreise der Bevölkerung durch die Medien stattfinde, die zu Entpolitisierung, Kritiklosigkeit, Konsumgeilheit und totaler Anpassung des Individuums führe. Dass hier auch ein Funken Hoffnung angesichts des Niedergangs der DDR mitschwingt, wird deutlich.

Mein Eindruck ist, dass „Purity“ ein Roman ist, der von Befreiung und Selbstbestimmung auf den unterschiedlichsten Ebenen handelt. Sexualität spielt auf fast jeder Seite eine Rolle, v.a. die Freiheit, sexuelle Avancen abzulehnen, Manipulationen zu durchschauen, Kreativität, die sich nicht so ganz entfalten kann, wie bei Toms Frau Anabel, die Befreiung vom Joch der Diktatur, die Befreiung aus emotional belastenden Familienbeziehungen.

Andere Figuren bleiben in ihrer Entwicklung aufgrund von Schuldgefühlen stecken, wie Toms Partnerin Leila Helou, die ihren querschnittsgelähmten Mann nicht verlassen kann, oder weil sie einfach zu doof sind, wie Phyllisha Babcock, die immer noch dem Vollidioten hinterhertrauert, der sie für orgiastischen Sex auf einem thermonuklearen Sprengkopf gewinnen konnte, welcher später jedoch als Attrappe auffliegt.

He wanted her to feel the power he had at his disposal. He wanted her to take off all her clothes and put her arms around the bomb and stick her little tail up in the air for him. […] To be that close to so much potential death and devastation, to have her sweaty skin against the cool skin of a death-bomb, to imagine the whole city going up in a mushroom cloud when she orgasmed. It was pretty great, she had to say. […] Neither of us will ever forget the night with the death-bomb. It’s like a memory we can always treasure.

„Purity“ ist in weiten Teilen witzig und abwechslungsreich. Die seitenweise, minutiöse Wiedergabe von Paarkonflikten war mir allerdings stellenweise zu lang, wie z.B. in Tom Aberants Bericht, dem später im Roman eine bedeutsame Rolle zukommt und der dem Leser, wenn der Bericht nicht in gretchenhafter Naivität gelesen wird, vermutlich einen Schauer über den Rücken jagen dürfte.

Weiterhin kommt beim Lesen große Franzen-Freude auf angesichts des ausgeprägten, psychologischen Feingespürs des Autors für die Irrungen und Wirrungen menschlicher Veränderungsprozesse, die er bis in die kleinsten Verästelungen nachzuzeichnen versteht.

Obwohl sich alle Geheimnisse am Ende in einem quasi-Happy Ending auflösen, bleibt ein zweifelhafter Nachgeschmack zurück, der die berechtigte Frage aufwirft, ob und inweiweit den Erzählstimmen des Romans überhaupt Glauben geschenkt werden könne. Die Leserin, als nun aufgeklärtes Gretchen, bleibt somit, dank Mr. Franzen, zukünftig vom Schlimmsten verschont.

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Bilder:

  1. Stasi-Museum: von Prof.Quatermass (Eigenes Werk) [CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)%5D, via Wikimedia Commons
  2. Semperoper: von SchiDD (Eigenes Werk) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)%5D, via Wikimedia Commons