MADELEINE L’ENGLE: A Wrinkle in Time (1962)

Der Name der Autorin wird MAD:lin LENG:gl ausgesprochen. Das in den USA überaus erfolgreiche Science Fantasy Kinder- und Jugendbuch aus dem Jahr 1962, das im letzten Jahr erneut verfilmt wurde, diesmal mit Oprah Winfrey und Reese Witherspoon, ist in Deutschland unter den Titeln „Die Zeitfalte“, „Spiralnebel 101“ oder „Das Zeiträtsel“ relativ unbekannt geblieben.

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Das dem Roman um die 13-jährige Meg Murry und ihre schräge aber intelligente Familie zugrundeliegende Thema lotet die Vor- und Nachteile gesellschaftlicher Konformität und menschlicher Individualität aus. Die Eltern sind Physiker, die an einem geheimen Projekt zur Erforschung des „Tesseracts“ arbeiten, einer Methode zur schnellen Reise in Raum und Zeit. Der Vater ist vor fünf Jahren verschwunden. Meg und ihr hochintelligenter Bruder Charles sowie der Nachbarsjunge Calvin versuchen unter Mithilfe dreier skuriller, außerirdischer Damen, den Vater zu finden.

Mehrere Planeten werden dafür aufgesucht, wobei diese sich mehr oder weniger dem sogenannten „Black Thing“, dem Bösen an sich, unterworfen haben. Auch auf der Erde, so erfährt man, findet seit Jahrtausenden ein Kampf zwischen Gut und Böse statt, wobei schon die ersten „Shadows“ wahrgenommen werden können.

Auf dem Planeten Camazotz wiederum, der von dem „Black Thing“ dominiert wird, ist alles und jeder gleichgeschaltet. Ein körperloses Gehirn, auch IT genannt, kontrolliert die Abläufe und versucht, die Besucher unter Einsatz von Hypnose dem Prinzip der Konformität zu unterwerfen. Bruder Charles lässt sich darauf ein, um herauszufinden, wo sich der Vater befindet. Seine Persönlichkeitsveränderung schockiert alle Beteiligten und erst nach mehreren Versuchen gelingt es Meg, in Erinnerung daran, dass die Liebe immer stärker als das Böse sei, ihren Bruder und Vater zu befreien.

Ich hätte das Buch ein paar Jahrzehnte früher lesen sollen, dann hätte es mich vermutlich so begeistert wie damals Enid Blytons „Zauberwald“. So fand ich die seitenlangen Beschreibungen dessen, was die kindliche Seele überrascht, verärgert und besänftigt sowie Gespräche darüber, was richtiges Verhalten, vor allem Erwachsenen gegenüber, ausmacht, auf Dauer etwas ermüdend. Interessant dagegen erscheint der autoritäre Planet Camazotz, auf dem sogar Bewegungsabläufe synchron ablaufen und jeder Abweichler in Isolierungshaft gelangt, um individualistische Tendenzen radikal auszurotten. Ich denke, für Kinder reicht die etwas holzschnittartige Darstellung und Gegenüberstellung der Systeme, und wird zum Denken anregen.

Fragwürdig und allbachen wirken heutzutage die im Roman gemeinhin akzeptierten Rollenerwartungen der frühen 60er Jahre, auch an die Kinder. Obwohl Meg als Mädchen auch mal wütend sein darf, ist es ihr kleiner Bruder Charles, dem vor allem kognitive Fähigkeiten zugeschrieben werden. Hochintelligentes, fünfjähriges Kind, das er ist, spricht er erwachsener als ein Erwachsener. Meg ist es, die ihn am Ende, etwas überstürzt wie ich finde, durch Einsatz ihrer emotionalen Stärke, ihrer weiblichen Liebe, vor dem IT rettet und in den Schoß der Familie zurückholt. Allerdings merkt man dem Roman an, dass bis in die 60er Jahre bestehende Rollenbilder ansatzweise hinterfragt und aufgelöst werden, um damit die Individualisierungstendenzen in den westlichen Gesellschaften abzubilden, was ja letztlich auch Thema des Buches ist.

Fazit: Nett und unterhaltsam. Ein feines Kinderbuch mit einigen interessanten Facetten, die vor allem die unterschiedlichen Gesellschaftsentwürfe auf den einzelnen Planeten betreffen. Es reicht allerdings nicht ganz, um mir die anderen vier Teile in dieser Serie schmackhaft zu machen.

 

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Vögel im Kleinformat

Zwei kleinformatige Schmuckstücke aus dem hiesigen Antiquariat habe ich gestern im Umtausch gegen drei schlechte CDs erhalten.

Sie sind im Landbuchverlag in Hannover 1965 und -68 erschienen.

Das erste nennt sich „Vogelvolk im Garten“ und wurde von einem obskuren Autoren namens „Fortunatus“ verfasst. Auf etwa 140 kleinformatigen Seiten werden die in den 60er Jahren häufigsten Gartenvögel in Wort und Bild vorgestellt. Und ich betone in den 60er Jahren, denn einige der Arten wird man heutzutage (vergeblich) lange suchen müssen, wie z.B. den Wendehals oder den Distelfink, Vogel des Jahres 2016. Der Autor schreibt im Klappentext, er/sie habe 21 Vogelarten im Garten am Stadtrand gezählt. Ich bin heute auf gerade einmal fünf gekommen. Selbst für die Winterzeit ist das wenig. Es ist traurig. Es muss endlich Schluss sein mit dem ausufernden Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft. In acht von zehn Brötchen findet sich Glyphosat. Also auch der Mensch leidet, nicht nur die Tierwelt.

In kleineren Kapiteln werden insgesamt 35 Gartenvögel vorgestellt. Von jeder Vogelart gibt es ein Farbfoto. Und diese Fotos sind wirklich ein Augenschmaus. Warum? Eben weil es keine mit Photoshop aufgetakelten Digitalfotos sind. Die Farben wirken angenehm erdig und beruhigend, wenig kontrastreich, teilweise etwas über- oder unterbelichtet, aber weil sie so unaufgeregt daherkommen, die Farben nicht so aufdringlich sind, kann man sich besser auf das Motiv und seine natürlichen Eigenheiten konzentrieren und somit den Vogel später in der Natur besser wiedererkennen.

Auch die Beschreibungen der Vögel sind sehr charmant. So erfährt man über die Heckenbraunelle, dass sie

„ein bescheidener und zurückhaltender Vogel“ sei. „Die Hochzeit der Braunelle hat für uns etwas Rührendes an sich. Das Weibchen sitzt mit zitterenden Flügeln da, und das Männchen geht mit ebenso zitternden Flügeln um das Weibchen herum. […] Man muß freilich Glück haben, wenn man diesen Hochzeitstanz beobachten will. Die Braunelle liebt nun einmal die Stille und Heimlichkeit des Unterholzes und der Hecken.“

Wie in jedem guten Vogelbestimmungsbuch finden sich auch hier Beschreibungen der Vogelstimmen. Die Heckenbraunelle gibt ein „scharfes tsi tsi“ von sich. „Der Gesang ist ein eiliges, leises Zwitschern. Im Flug ein trillerndes dididi.“ Sehr schön.

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Das zweite Buch heißt „Der fliegende Edelstein“ von Walter von Sanden-Guja. Auf etwa 70 kleinformatigen Seiten wird der Jahreslauf eines Eisvogels geschildert. Stilistisch erinnert das an rührende Vorlesegeschichten der Kinderzeit mit einem leichten Hang zur Personifikation.

„Die Otter hatten eine ganz andere Zeiteinteilung. Sie verschliefen die Tagesstunden und fischten von der Abenddämmerung bis kurz nach Sonnenaufgang. […] Regelmäßige Gäste an dem Flusse der Eisvögel waren die ganzen Sommer hindurch die schwarzen Waldstörche. Sie hatten ihren Horst weit ab auf einer alten Esche in dem einsamen Bruch eines großen Waldes.“

Gibt es heutzutage überhaupt noch Bruchwälder? Wer weiß, was ein Bruchwald ist?

Die Schilderungen der Autoren zeugen von einer erhöhten Beobachtungsgabe und Aufmerksamkeit.

Man kann nur schützen, was man kennt. Deshalb sind diese Bücher so wichtig.

UNTER DEM ASTRONAUTENMOND – John Updike (1971)

WIN_20150308_083158Es ist der zweite Teil der Rabbit-Pentalogie von Updike (s. hier und hier) und der deutsche Titel von Rowohlt hört sich natürlich bei weitem interessanter an, als das englische Original (Rabbit Redux). Dennoch, auch der die Zeitgeschichte romantisierende Titel kann über eine schwächelnde Story mit schablonenhaften Charakteren nicht hinwegtäuschen. Der Anklang an die beginnende Technologisierung der Gesellschaft, ein Thema des Romans, ist jedoch gelungen.

Wie man sehen kann, ist die Covergestaltung der deutschen Übersetzung ziemlich bizarr: Ein feister Mann (definitiv zu viele Steaks gegessen) mit kurzgeschorenen Haaren, Cocktailglas in der Hand und einem mit Lippenstiftflecken übersäten Hemd, grinst am Betrachter vorbei. Passt so gar nicht zum Titel. Ich habe die billige 1987er Ausgabe online erstanden: Dallas und Denver lassen grüßen. Der Protagonist, Harry „Rabbit“ Angstrom, mittlerweile 36 Jahre alt, ist aber alles andere als der erfolgsverwöhnte Ami im Stile von J.R. und Co.

Zurück ins Jahr 1969. Es ist Sommer und die Amerikaner landen auf dem Mond. Die Nation verfolgt dieses Event vor den heutzutage archaisch wirkenden Fernsehapparaten. Updike spiegelt, wie die Medien die Gesellschaft durchdringen, Fernsehserien, Nachrichten über die Rassenunruhen und Studentenrevolten sowie Werbung bestimmen den Tagesablauf und die Gesprächsthemen der Figuren, die ansonsten ihr beschauliches Leben mit den üblichen Paarproblemen wie gewohnt weiterleben. Die durch die Medien vermittelte Gewalt dringt jedoch nach und nach in die zwischenmenschlichen Beziehungen der Kleinstadt Brewer ein. Harry Angstrom, konservativ und überzeugter Patriot, zeigt sich besorgt über die Veränderungen. Die Gesellschaft steht unter dem Einfluss von FlowerPower, Vietnam, Afrolook und Minirock. Obwohl: der Minirock stört ihn nicht wirklich, außer die dazu gehörenden Beine erweisen sich als nicht schlank genug. Harry macht sich Sorgen um seinen Sohn Nelson, dessen immer länger werdenden Haare ihm zu feminin erscheinen. Er lebt mit ihm allein, denn die Mutter und Ehefrau Janice hat den gemeinsamen Haushalt verlassen.

Rabbit Redux ist, einfach gesagt, ein Roman über die Lebens- und Gefühlswelt des amerikanischen Ehemannes mittleren Alters in den späten 60er Jahren. Es geht um Ärger, Wut, Demütigung, Schuld, Aggression, Eifersucht und Fremdgehen. Zeitlose Beziehungsthemen. War es Rabbit, der im ersten Teil die Flucht aus dem Schoß der Familie ergreift, so ist es nun seine Ehefrau Janice, die mit einem griechischstämmigen Liebhaber abhaut. Harry, mit den Jahren bequem und dicklich geworden, braucht sich gar nicht mehr in Bewegung setzen, um Veränderungen und seine eigene Freiheit zu finden. Die Veränderungen werden ihm  Frei Haus geliefert: der schwarze Black-Power-Drogendealer Skeeter zieht bei ihm zusammen mit der minderjährigen, drogensüchtigen Hippie-Prostituierten Jill ein. Sex, drugs and political discussion bestimmen von nun an das mehr oder weniger chaotische Miteinander im Hause Angstrom. Rücksicht und Liebe zeigt man nur noch dem 13-jährigen Nelson. Die Erwachsenen arbeiten ihre negativen Gefühle an den anderen ab, haben Sex, nehmen Drogen und weiter geht’s.

Updikes Sprache und seine Beschreibungen, immer realistisch, detailgetreu und präzise, kamen im ersten Teil unschuldig-charmant und ironisch daher. In Rabbit Redux nehmen die Schilderungen von Gewalt, pornographischen Exzessen und Katastrophen teilweise überhand. Vielleicht liegt es auch an der deutschen Übersetzung, aber das ironische Augenzwinkern ist verlorengegangen. Möglicherweise ist es eine Anpassung auf der sprachlichen Ebene an das gewaltbereite, veränderte gesellschaftliche Klima in den USA Ende der 60er Jahre oder ein ironischer Seitenhieb auf die Peace, Love and Tenderness-Rethorik der Hippiegeneration.

Fazit: Ganz unterhaltsam. Mir fehlen tatsächlich noch etwa 20 Seiten, aber ich komme einfach nicht durch, hänge fest im familiären Geplänkel der letzten Seiten. Was mir gefallen hat, sind die historischen Bezüge und wie sie von dem Gros der damaligen Bevölkerung, der Mittelschicht und den Leuten, die entweder zu jung (Nelson) oder zu alt (Harry, Janice) waren, um am Puls der Zeit gelebt zu haben, erfahren wurden.  Die noch fehlenden Teile 3-5 werde ich unbedingt im Original lesen.

Ach so, und wer sich fragen sollte, warum es mit dem zweiten Teil so lange gedauert hat, der kann mal hier reinschauen: Ich bin dann mal im Garten.

Die RABBIT-PENTALOGIE (1960-2002) // John Updike

John Updike

Wäre John Hoyer Updike 2009 nicht an Lungenkrebs verstorben, dann hätte der passionierte Vielraucher und  -schreiber bestimmt spätestens 2011 noch einen sechsten Teil der Rabbit-Reihe hingelegt.

In regelmäßigen Abständen von etwa 10 Jahren sind die Rabbit-Romane seit den 1960ern  erschienen und erzählen etappenweise vom Leben des Amerikaners Harry „Rabbit“ Angstrom  und seinen Ausbruchversuchen aus einem Leben der Mediokrität. Eine tiefsitzende Unzufriedenheit angesichts vergangener Erfolge als Basketballstar seiner Highschool in der fiktiven Kleinstadt Brewer treibt ihn um.

Es ist quasi „Ein ganzes Leben“ in fünf Etappen, die unheroische Existenz eines Durchschnittsmannes in Raten, an ordinary life. Wie Buchpost in ihrem Beitrag zu Alice McDermotts „Somebody“ bemerkt, scheinen fiktive Lebensgeschichten über Jedermann-Figuren zur Zeit wieder aktuell zu sein. Auch der späte Erfolg von John Williams‘ Stoner (1965) passt in dieses Bild. John Updike, dessen Romane bislang noch auf ein Revival warten, äußerte sich zur Wahl des gewöhnlichen Durchschnittsmenschen als Protagonisten seiner Bücher folgendermaßen:

The writer must face the fact that ordinary lives are what most people live most of the time, and that the novel as a narration of the fantastic and the adventurous is really an escapist plot, that aesthetically the ordinary, the banal, is what you must deal with. I like middles. It is in middles that extremes clash, where ambiguity restlessly rules. Something quite intricate and fierce occurs in homes, and it seems to me, without doubt, worthwhile to examine what it is.”

Braucht jede Generation einen solchen literarischen Mehrteiler mit wiederkehrenden Charakteren, die sie durch das Leben begleiten, mit denen sie gemeinsam alt wird? Ich bin mit den Adrian Mole Büchern von Sue Townsend aufgewachsen (1982 – 2009) und habe alle acht Teile gelesen und Adrian Mole als meinen Bruder adoptiert. Andere Leute schauen sich Soap Operas an oder verfolgen in emotionaler Ergriffenheit die wenig spannenden Familiengeschichten der spießigen Royals, deren Erfolgsrezept einzig darin besteht, der Mittelschicht ein schmeichelhaft verzerrtes Spiegelbild bürgerlicher Normen vorzuhalten.

Von Updike verspreche ich mir ein wenig mehr. Ich hoffe, die Rabbit-Reihe hält, was Wikipedia verspricht:

Updike ist es mit dieser Serie gelungen, die äußere, materielle Entwicklung der USA wie auch die Veränderungen der amerikanischen Befindlichkeiten zwischen den späten Fünfziger Jahren und der Jahrtausendwende einzufangen, poetisch treffend zu beschreiben und präzise zu analysieren.

Von den Rabbitromanen kannte ich bislang nur den ersten namens Rabbit, Run (dt. Hasenherz). Den habe ich in den letzten

von Michelle Kinsey Bruns [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)%5D, via Wikimedia Commons

Tagen noch einmal auf Englisch gelesen. Als guten Vorsatz für dieses Jahr habe ich mir vorgenommen alle 5 Teile zu lesen, partly in English and in German. Der zweite Teil „Unter dem Astronautenmond“ wurde heute für 0,35 € bestellt und müsste bald eintreffen.

  • 1960: Rabbit, Run (Hasenherz)
  • 1971: Rabbit Redux (Unter dem Astronautenmond)
  • 1981: Rabbit is Rich (Bessere Verhältnisse)
  • 1990: Rabbit at Rest (Rabbit in Ruhe)
  • 2002: Rabbit Remembered (Rabbit, eine Rückkehr)

(Fortsetzung folgt)

FRAUEN IN DER WILDNIS // Paula Fox – Desperate Characters (1970)

DSCN7916Mein kleiner Kater Emil, braver Junge, der er ist, kommt hier freundlicherweise meiner Bitte nach, für das neueste Blogfoto einen auf „tollwütige Katze“ zu machen, gähnend zwar, aber er macht das viel besser als die Katze auf dem Buchcover des Norton Paperback, finde ich.

Eine vermeintlich tollwütige Katze spielt in Paula Fox‚ 1970 veröffentlichten Roman „Desperate Characters“ (dt. Was am Ende bleibt) eine nicht unwesentliche Rolle.

Das gut situierte und gebildete Ehepaar Otto und Sophie Bentwood führt ein wohlgeordnetes, spießiges Leben in einem langsam vor die Hunde gehenden Stadteil New Yorks. Die erwünschte Idylle des American Dream, in den eigenen vier Wänden zur Perfektion getrieben, bröckelt bereits zu Beginn der Geschichte und führt zu Irritationen: der zunehmende Müll in den Straßen, aufmüpfige Hippiesöhne und -töchter des befreundeten Paares Holstein, ein Nachbar, der nachts ungeniert aus seinem Schlafzimmerfenster pinkelt, schwarze Obdachlose, die sich in die gepflegten Vorgärten übergeben, Steine, die in Fensterscheiben geworfen werden,  und vieles mehr.

There was still refuse everywhere, a tide that rose but barely ebbed. Beer bottles and beer cans, liquor bottles, candy wrappers, crushed cigarette packs, caved-in boxes that had held detergents, rags, newspapers, curlers, string, plastic bottles, a shoe here and there, dog feces. Otto had once said, staring disgustedly at the curb in front of their house, that no dog had deposited that.

„Do you suppose they come here to shit at night?“ he had asked Sophie.

Man hat den Eindruck, das Paar lebe in einer urbanen Frontiersituation, die sich vor allem klassen- und generationenspezifisch manifestiert. Umgeben und bedrängt von eben jenen verrohten Desperate Characters, die der Originaltitel ankündigt, weshalb ich den deutschen Titel mit seiner Konzentration auf die Weltuntergangsstimmung des Paares etwas fehlgeleitet finde, obgleich natürlich beide im Verlaufe der Geschichte von den Entwicklungen nicht unberührt bleiben.

Das Fass läuft für die Bentwoods über, als eine streunende Katze, die an der Terrassentür um Futter bettelt, Sophie in die Hand beisst, und sich Ottos Geschäftspartner, Charlie Russel, von ihm trennt, da sich Otto weigert, die sozial benachteiligte Klientel zu vertreten.

Die Ungewissheit der Bentwoods über den Ausgang der neuen Entwicklungen überschattet den Roman und spiegelt die Verunsicherung angesichts der kulturellen und gesellschaftlichen Veränderungen der späten 60er Jahre in den USA wider, die von ihnen als Vertreter der konservativen middle-class v.a. als krankhafter und bedrohlicher Werteverfall wahrgenommen werden.

Das anfängliche Wegschauen funktioniert schon lange nicht mehr. Die Inneneinrichtung des gemeinsamen Ferienhauses am Atlantik, wohin die beiden flüchten, wurde von Jugendlichen zertrümmert. Jemand hat vor den Kamin geschissen. Sophie nimmt eine Schaufel und schleudert die Hinterlassenschaft weit weg in die offene Landschaft.

It’s like flushing the toilet just before the Titanic goes down,“ he [Otto] said.

Obwohl Paula Fox ihre Charaktere immer ernst nimmt, kann man sich doch des Eindrucks einer untergründigen Schadenfreude angesichts der Herausforderungen, die den beiden gestellt werden, nicht erwehren. Die Bentwoods werden permanent provoziert, steter Tropfen höhlt den Stein, mit dem Ziel, so scheint es, ihre Grenzen auszutesten und sie damit zur Weißglut zu treiben. Oder wie es Jonathan Franzen in seinem Vorwort zur Neuauflage von 1999 schreibt: „Desperate Characters is a novel in revolt against its own perfection.“

Man ahnt, dass die Heilung für die Bentwoods nur darin bestehen kann, die verdrängten Schattenseiten ihres geordneten Lebens anzusehen und auch mal die „Drecksau“ rauszulassen. Letztendlich gelingt die Emanzipation jedoch nur punktuell in einem Wutausbruch Sophies gegenüber einer alleinstehenden Bekannten, die sie als „dumb old collapsed bag“ bezeichnet, worauf diese mit „you filthy cunt“ reagiert, sowie einer ehelichen Vergewaltigung durch Otto. That’s not nice. Tags drauf geht das Leben weiter wie bisher.

Wie auch John Updike in seinen Rabbit-Romanen, maßt sich Paula Fox in ihrem Sittengemälde der amerikanischen Mittelklasse der späten 60er Jahre kein hämisches Urteil über ihre Figuren an. Es erfolgt jedoch keine offensichtliche ironische oder parodistische Brechung der Erzählung wie bei Updike. Fox‘ Figuren unternehmen immer mal wieder kleine Ausbruchversuche aus ihrer langweiligen Existenz, aber letztendlich sind es die ungewollten, beängstigenden „Einbrüche“ in die Komfortzone ihres Ehegefängnisses, die ihnen ansatzweise die Möglichkeit offerieren, ihre Persönlichkeit weiterzuentwickeln.

Abschließend noch ein Wort zur berühmten „Tintenfass-Szene“ am Ende des Romans. Das Telefon klingelt, es ist Charlie Russel, der in verzweifeltem Zustand Otto verlangt, dieser verweigert sich jedoch.

They could both hear Charlie’s diminished voice like an insect cry.

„I’m desperate!“ screeched the round black hole.

‚“He’s desperate!“ Otto shouted. […] His arm shot out and he grabbed it [the ink bottle] and flung it violently at the wall. Sophie dropped the phone on the floor and ran to him. […]

The voice from the telephone went on and on like gas leaking from a pipe. […] They both turned toward the wall, turned until they could both see the ink running down to the floor in black lines.

In seinem Vorwort interpretiert Jonathan Franzen diese Szene so:

„When Otto hurls the ink bottle, both seem to be revolting against an unbearable, almost murderous sense of the importance of their words and thoughts.“

Hm, wie nicht selten bei Franzen, den ich als Schriftsteller durchaus schätze, habe ich den Eindruck, dass mir das jetzt nichts sagt. Genauso wenig wie sein abschließendes Resumé:

„…as if out of  nowhere, I do get the ending – I feel what Otto Bentwood feels when he smashes the ink bottle against the wall – and suddenly I’m in love all over again.“

Schön für ihn.

Mir kam stattdessen natürlich der gute, alte Luther in den Sinn, der, in der Wartburg zu seiner eigenen Sicherheit eingesperrt war und sich während der Übersetzung der Bibel vom Teufel belästigt fühlte, und dann sein Tintenfass gegen die Wand schmiss. So die Legende. Den in Laufe der Geschichte mehrfach nachgezeichneten Flecken kann man heute noch bestaunen. Auf dem Foto ist er leider nicht zu sehen. Was

Die Lutherstube in der Wartburg. (von Ingersoll (Selbst fotografiert) [Public domain], via Wikimedia Commons)

Otto und Sophie jedoch bei der Bekämpfung ihrer Teufel produzieren, sind senkrechte Linien, die sich, wie schwedische Gardinen, in ihrem selbstgewählten Gefängnis langsam herablassen. Und das ist dann auch der abschließende Kommentar der Erzählung. Diese Leute sind nicht bereit für Veränderungen und werden sich auch niemals ändern. Sie lassen sich von ihren Ängsten beherrschen und einsperren.

So, ich habe zwar schon knapp 1000 Wörter erreicht und somit mein Limit fast überschritten, aber ein paar Worte zur Autorin dürfen hier nicht fehlen. In diesem Zusammenhang geht ein „Danke“ an Drittgedanke, deren Blogbeitrag mich veranlasst hat, Paula Fox zu lesen. Paula Fox ist inzwischen 91 Jahre alt und hat in ihrem Leben etliche Romane und noch mehr Kinderbücher geschrieben.

Sie (die übrigens die Großmutter von Courtney Love ist) wird seit ein paar Jahren häufig in einem Atemzug mit James Salter (Burning the Days) genannt. Beide Autoren haben lange Zeit nicht die Anerkennung erhalten haben, die ihnen gebührt. Wie kommt es, dass man ihre Romane jetzt wieder ausgegraben hat, v.a. in Deutschland und Frankreich? Worin liegt ihre Aktualität? Ehrlich gesagt, ich weiß es auch nicht. Ich könnte mir vorstellen, dass in Deutschland das Interesse an Geschichten des Kleinbürgers (s. Lenz und Co.) nachgelassen hat. Es braucht neue Stimmen, um die Ängste einer aufgrund ökonomischer Bedingungen dramatisch dahinschrumpfenden Mittelschicht einzufangen, die ihre Werte und ihren Lebensstandard durch die vermeintliche Islamisierung der Gesellschaft bedroht sieht und nun das Ende des Abendlandes heraufbeschwört. Diese Ängste vor dem drohenden Verlust der Gemütlichkeit und Sicherheit, das soziale Abrutschen in ärmere Milieus, spiegelt der Roman von Paula Fox überzeugend wider.

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