MADELEINE L’ENGLE: A Wrinkle in Time (1962)

Der Name der Autorin wird MAD:lin LENG:gl ausgesprochen. Das in den USA überaus erfolgreiche Science Fantasy Kinder- und Jugendbuch aus dem Jahr 1962, das im letzten Jahr erneut verfilmt wurde, diesmal mit Oprah Winfrey und Reese Witherspoon, ist in Deutschland unter den Titeln „Die Zeitfalte“, „Spiralnebel 101“ oder „Das Zeiträtsel“ relativ unbekannt geblieben.

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Das dem Roman um die 13-jährige Meg Murry und ihre schräge aber intelligente Familie zugrundeliegende Thema lotet die Vor- und Nachteile gesellschaftlicher Konformität und menschlicher Individualität aus. Die Eltern sind Physiker, die an einem geheimen Projekt zur Erforschung des „Tesseracts“ arbeiten, einer Methode zur schnellen Reise in Raum und Zeit. Der Vater ist vor fünf Jahren verschwunden. Meg und ihr hochintelligenter Bruder Charles sowie der Nachbarsjunge Calvin versuchen unter Mithilfe dreier skuriller, außerirdischer Damen, den Vater zu finden.

Mehrere Planeten werden dafür aufgesucht, wobei diese sich mehr oder weniger dem sogenannten „Black Thing“, dem Bösen an sich, unterworfen haben. Auch auf der Erde, so erfährt man, findet seit Jahrtausenden ein Kampf zwischen Gut und Böse statt, wobei schon die ersten „Shadows“ wahrgenommen werden können.

Auf dem Planeten Camazotz wiederum, der von dem „Black Thing“ dominiert wird, ist alles und jeder gleichgeschaltet. Ein körperloses Gehirn, auch IT genannt, kontrolliert die Abläufe und versucht, die Besucher unter Einsatz von Hypnose dem Prinzip der Konformität zu unterwerfen. Bruder Charles lässt sich darauf ein, um herauszufinden, wo sich der Vater befindet. Seine Persönlichkeitsveränderung schockiert alle Beteiligten und erst nach mehreren Versuchen gelingt es Meg, in Erinnerung daran, dass die Liebe immer stärker als das Böse sei, ihren Bruder und Vater zu befreien.

Ich hätte das Buch ein paar Jahrzehnte früher lesen sollen, dann hätte es mich vermutlich so begeistert wie damals Enid Blytons „Zauberwald“. So fand ich die seitenlangen Beschreibungen dessen, was die kindliche Seele überrascht, verärgert und besänftigt sowie Gespräche darüber, was richtiges Verhalten, vor allem Erwachsenen gegenüber, ausmacht, auf Dauer etwas ermüdend. Interessant dagegen erscheint der autoritäre Planet Camazotz, auf dem sogar Bewegungsabläufe synchron ablaufen und jeder Abweichler in Isolierungshaft gelangt, um individualistische Tendenzen radikal auszurotten. Ich denke, für Kinder reicht die etwas holzschnittartige Darstellung und Gegenüberstellung der Systeme, und wird zum Denken anregen.

Fragwürdig und allbachen wirken heutzutage die im Roman gemeinhin akzeptierten Rollenerwartungen der frühen 60er Jahre, auch an die Kinder. Obwohl Meg als Mädchen auch mal wütend sein darf, ist es ihr kleiner Bruder Charles, dem vor allem kognitive Fähigkeiten zugeschrieben werden. Hochintelligentes, fünfjähriges Kind, das er ist, spricht er erwachsener als ein Erwachsener. Meg ist es, die ihn am Ende, etwas überstürzt wie ich finde, durch Einsatz ihrer emotionalen Stärke, ihrer weiblichen Liebe, vor dem IT rettet und in den Schoß der Familie zurückholt. Allerdings merkt man dem Roman an, dass bis in die 60er Jahre bestehende Rollenbilder ansatzweise hinterfragt und aufgelöst werden, um damit die Individualisierungstendenzen in den westlichen Gesellschaften abzubilden, was ja letztlich auch Thema des Buches ist.

Fazit: Nett und unterhaltsam. Ein feines Kinderbuch mit einigen interessanten Facetten, die vor allem die unterschiedlichen Gesellschaftsentwürfe auf den einzelnen Planeten betreffen. Es reicht allerdings nicht ganz, um mir die anderen vier Teile in dieser Serie schmackhaft zu machen.

 

Vögel im Kleinformat

Zwei kleinformatige Schmuckstücke aus dem hiesigen Antiquariat habe ich gestern im Umtausch gegen drei schlechte CDs erhalten.

Sie sind im Landbuchverlag in Hannover 1965 und -68 erschienen.

Das erste nennt sich „Vogelvolk im Garten“ und wurde von einem obskuren Autoren namens „Fortunatus“ verfasst. Auf etwa 140 kleinformatigen Seiten werden die in den 60er Jahren häufigsten Gartenvögel in Wort und Bild vorgestellt. Und ich betone in den 60er Jahren, denn einige der Arten wird man heutzutage (vergeblich) lange suchen müssen, wie z.B. den Wendehals oder den Distelfink, Vogel des Jahres 2016. Der Autor schreibt im Klappentext, er/sie habe 21 Vogelarten im Garten am Stadtrand gezählt. Ich bin heute auf gerade einmal fünf gekommen. Selbst für die Winterzeit ist das wenig. Es ist traurig. Es muss endlich Schluss sein mit dem ausufernden Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft. In acht von zehn Brötchen findet sich Glyphosat. Also auch der Mensch leidet, nicht nur die Tierwelt.

In kleineren Kapiteln werden insgesamt 35 Gartenvögel vorgestellt. Von jeder Vogelart gibt es ein Farbfoto. Und diese Fotos sind wirklich ein Augenschmaus. Warum? Eben weil es keine mit Photoshop aufgetakelten Digitalfotos sind. Die Farben wirken angenehm erdig und beruhigend, wenig kontrastreich, teilweise etwas über- oder unterbelichtet, aber weil sie so unaufgeregt daherkommen, die Farben nicht so aufdringlich sind, kann man sich besser auf das Motiv und seine natürlichen Eigenheiten konzentrieren und somit den Vogel später in der Natur besser wiedererkennen.

Auch die Beschreibungen der Vögel sind sehr charmant. So erfährt man über die Heckenbraunelle, dass sie

„ein bescheidener und zurückhaltender Vogel“ sei. „Die Hochzeit der Braunelle hat für uns etwas Rührendes an sich. Das Weibchen sitzt mit zitterenden Flügeln da, und das Männchen geht mit ebenso zitternden Flügeln um das Weibchen herum. […] Man muß freilich Glück haben, wenn man diesen Hochzeitstanz beobachten will. Die Braunelle liebt nun einmal die Stille und Heimlichkeit des Unterholzes und der Hecken.“

Wie in jedem guten Vogelbestimmungsbuch finden sich auch hier Beschreibungen der Vogelstimmen. Die Heckenbraunelle gibt ein „scharfes tsi tsi“ von sich. „Der Gesang ist ein eiliges, leises Zwitschern. Im Flug ein trillerndes dididi.“ Sehr schön.

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Das zweite Buch heißt „Der fliegende Edelstein“ von Walter von Sanden-Guja. Auf etwa 70 kleinformatigen Seiten wird der Jahreslauf eines Eisvogels geschildert. Stilistisch erinnert das an rührende Vorlesegeschichten der Kinderzeit mit einem leichten Hang zur Personifikation.

„Die Otter hatten eine ganz andere Zeiteinteilung. Sie verschliefen die Tagesstunden und fischten von der Abenddämmerung bis kurz nach Sonnenaufgang. […] Regelmäßige Gäste an dem Flusse der Eisvögel waren die ganzen Sommer hindurch die schwarzen Waldstörche. Sie hatten ihren Horst weit ab auf einer alten Esche in dem einsamen Bruch eines großen Waldes.“

Gibt es heutzutage überhaupt noch Bruchwälder? Wer weiß, was ein Bruchwald ist?

Die Schilderungen der Autoren zeugen von einer erhöhten Beobachtungsgabe und Aufmerksamkeit.

Man kann nur schützen, was man kennt. Deshalb sind diese Bücher so wichtig.

UNTER DEM ASTRONAUTENMOND – John Updike (1971)

WIN_20150308_083158Es ist der zweite Teil der Rabbit-Pentalogie von Updike (s. hier und hier) und der deutsche Titel von Rowohlt hört sich natürlich bei weitem interessanter an, als das englische Original (Rabbit Redux). Dennoch, auch der die Zeitgeschichte romantisierende Titel kann über eine schwächelnde Story mit schablonenhaften Charakteren nicht hinwegtäuschen. Der Anklang an die beginnende Technologisierung der Gesellschaft, ein Thema des Romans, ist jedoch gelungen.

Wie man sehen kann, ist die Covergestaltung der deutschen Übersetzung ziemlich bizarr: Ein feister Mann (definitiv zu viele Steaks gegessen) mit kurzgeschorenen Haaren, Cocktailglas in der Hand und einem mit Lippenstiftflecken übersäten Hemd, grinst am Betrachter vorbei. Passt so gar nicht zum Titel. Ich habe die billige 1987er Ausgabe online erstanden: Dallas und Denver lassen grüßen. Der Protagonist, Harry „Rabbit“ Angstrom, mittlerweile 36 Jahre alt, ist aber alles andere als der erfolgsverwöhnte Ami im Stile von J.R. und Co.

Zurück ins Jahr 1969. Es ist Sommer und die Amerikaner landen auf dem Mond. Die Nation verfolgt dieses Event vor den heutzutage archaisch wirkenden Fernsehapparaten. Updike spiegelt, wie die Medien die Gesellschaft durchdringen, Fernsehserien, Nachrichten über die Rassenunruhen und Studentenrevolten sowie Werbung bestimmen den Tagesablauf und die Gesprächsthemen der Figuren, die ansonsten ihr beschauliches Leben mit den üblichen Paarproblemen wie gewohnt weiterleben. Die durch die Medien vermittelte Gewalt dringt jedoch nach und nach in die zwischenmenschlichen Beziehungen der Kleinstadt Brewer ein. Harry Angstrom, konservativ und überzeugter Patriot, zeigt sich besorgt über die Veränderungen. Die Gesellschaft steht unter dem Einfluss von FlowerPower, Vietnam, Afrolook und Minirock. Obwohl: der Minirock stört ihn nicht wirklich, außer die dazu gehörenden Beine erweisen sich als nicht schlank genug. Harry macht sich Sorgen um seinen Sohn Nelson, dessen immer länger werdenden Haare ihm zu feminin erscheinen. Er lebt mit ihm allein, denn die Mutter und Ehefrau Janice hat den gemeinsamen Haushalt verlassen.

Rabbit Redux ist, einfach gesagt, ein Roman über die Lebens- und Gefühlswelt des amerikanischen Ehemannes mittleren Alters in den späten 60er Jahren. Es geht um Ärger, Wut, Demütigung, Schuld, Aggression, Eifersucht und Fremdgehen. Zeitlose Beziehungsthemen. War es Rabbit, der im ersten Teil die Flucht aus dem Schoß der Familie ergreift, so ist es nun seine Ehefrau Janice, die mit einem griechischstämmigen Liebhaber abhaut. Harry, mit den Jahren bequem und dicklich geworden, braucht sich gar nicht mehr in Bewegung setzen, um Veränderungen und seine eigene Freiheit zu finden. Die Veränderungen werden ihm  Frei Haus geliefert: der schwarze Black-Power-Drogendealer Skeeter zieht bei ihm zusammen mit der minderjährigen, drogensüchtigen Hippie-Prostituierten Jill ein. Sex, drugs and political discussion bestimmen von nun an das mehr oder weniger chaotische Miteinander im Hause Angstrom. Rücksicht und Liebe zeigt man nur noch dem 13-jährigen Nelson. Die Erwachsenen arbeiten ihre negativen Gefühle an den anderen ab, haben Sex, nehmen Drogen und weiter geht’s.

Updikes Sprache und seine Beschreibungen, immer realistisch, detailgetreu und präzise, kamen im ersten Teil unschuldig-charmant und ironisch daher. In Rabbit Redux nehmen die Schilderungen von Gewalt, pornographischen Exzessen und Katastrophen teilweise überhand. Vielleicht liegt es auch an der deutschen Übersetzung, aber das ironische Augenzwinkern ist verlorengegangen. Möglicherweise ist es eine Anpassung auf der sprachlichen Ebene an das gewaltbereite, veränderte gesellschaftliche Klima in den USA Ende der 60er Jahre oder ein ironischer Seitenhieb auf die Peace, Love and Tenderness-Rethorik der Hippiegeneration.

Fazit: Ganz unterhaltsam. Mir fehlen tatsächlich noch etwa 20 Seiten, aber ich komme einfach nicht durch, hänge fest im familiären Geplänkel der letzten Seiten. Was mir gefallen hat, sind die historischen Bezüge und wie sie von dem Gros der damaligen Bevölkerung, der Mittelschicht und den Leuten, die entweder zu jung (Nelson) oder zu alt (Harry, Janice) waren, um am Puls der Zeit gelebt zu haben, erfahren wurden.  Die noch fehlenden Teile 3-5 werde ich unbedingt im Original lesen.

Ach so, und wer sich fragen sollte, warum es mit dem zweiten Teil so lange gedauert hat, der kann mal hier reinschauen: Ich bin dann mal im Garten.

Die RABBIT-PENTALOGIE (1960-2002) // John Updike

John Updike

Wäre John Hoyer Updike 2009 nicht an Lungenkrebs verstorben, dann hätte der passionierte Vielraucher und  -schreiber bestimmt spätestens 2011 noch einen sechsten Teil der Rabbit-Reihe hingelegt.

In regelmäßigen Abständen von etwa 10 Jahren sind die Rabbit-Romane seit den 1960ern  erschienen und erzählen etappenweise vom Leben des Amerikaners Harry „Rabbit“ Angstrom  und seinen Ausbruchversuchen aus einem Leben der Mediokrität. Eine tiefsitzende Unzufriedenheit angesichts vergangener Erfolge als Basketballstar seiner Highschool in der fiktiven Kleinstadt Brewer treibt ihn um.

Es ist quasi „Ein ganzes Leben“ in fünf Etappen, die unheroische Existenz eines Durchschnittsmannes in Raten, an ordinary life. Wie Buchpost in ihrem Beitrag zu Alice McDermotts „Somebody“ bemerkt, scheinen fiktive Lebensgeschichten über Jedermann-Figuren zur Zeit wieder aktuell zu sein. Auch der späte Erfolg von John Williams‘ Stoner (1965) passt in dieses Bild. John Updike, dessen Romane bislang noch auf ein Revival warten, äußerte sich zur Wahl des gewöhnlichen Durchschnittsmenschen als Protagonisten seiner Bücher folgendermaßen:

The writer must face the fact that ordinary lives are what most people live most of the time, and that the novel as a narration of the fantastic and the adventurous is really an escapist plot, that aesthetically the ordinary, the banal, is what you must deal with. I like middles. It is in middles that extremes clash, where ambiguity restlessly rules. Something quite intricate and fierce occurs in homes, and it seems to me, without doubt, worthwhile to examine what it is.”

Braucht jede Generation einen solchen literarischen Mehrteiler mit wiederkehrenden Charakteren, die sie durch das Leben begleiten, mit denen sie gemeinsam alt wird? Ich bin mit den Adrian Mole Büchern von Sue Townsend aufgewachsen (1982 – 2009) und habe alle acht Teile gelesen und Adrian Mole als meinen Bruder adoptiert. Andere Leute schauen sich Soap Operas an oder verfolgen in emotionaler Ergriffenheit die wenig spannenden Familiengeschichten der spießigen Royals, deren Erfolgsrezept einzig darin besteht, der Mittelschicht ein schmeichelhaft verzerrtes Spiegelbild bürgerlicher Normen vorzuhalten.

Von Updike verspreche ich mir ein wenig mehr. Ich hoffe, die Rabbit-Reihe hält, was Wikipedia verspricht:

Updike ist es mit dieser Serie gelungen, die äußere, materielle Entwicklung der USA wie auch die Veränderungen der amerikanischen Befindlichkeiten zwischen den späten Fünfziger Jahren und der Jahrtausendwende einzufangen, poetisch treffend zu beschreiben und präzise zu analysieren.

Von den Rabbitromanen kannte ich bislang nur den ersten namens Rabbit, Run (dt. Hasenherz). Den habe ich in den letzten

von Michelle Kinsey Bruns [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)%5D, via Wikimedia Commons

Tagen noch einmal auf Englisch gelesen. Als guten Vorsatz für dieses Jahr habe ich mir vorgenommen alle 5 Teile zu lesen, partly in English and in German. Der zweite Teil „Unter dem Astronautenmond“ wurde heute für 0,35 € bestellt und müsste bald eintreffen.

  • 1960: Rabbit, Run (Hasenherz)
  • 1971: Rabbit Redux (Unter dem Astronautenmond)
  • 1981: Rabbit is Rich (Bessere Verhältnisse)
  • 1990: Rabbit at Rest (Rabbit in Ruhe)
  • 2002: Rabbit Remembered (Rabbit, eine Rückkehr)

(Fortsetzung folgt)