DAS FISCHKONZERT (1957) – Halldór Laxness

DSCN7929Das Fischkonzert hätte eigentlich schon vor Weihnachten hier erscheinen sollen, aber da kam mir im hiesigen Antiquariat der Uwe Johnson und mein Hang zum Masochismus in frohen Zeiten dazwischen. Das viel interessanter aussehende Fischkonzert wurde somit erst einmal links liegen gelassen. Letzte Woche habe ich dann zugegriffen. 4,5€ sind ein guter Preis für 260 Seiten Nobelpreisträgerliteratur.

Portrait Halldór Laxness

„Laxness“ spricht man übrigens nicht wie den deutschen „Lachs“ aus, sondern so, wie man „Lachs“ schreibt. Einmal sollte es jede/r richtig hinbekommen, gehört einfach zur Allgemeinbildung: Halldór Kiljan Laxness. An dem Originaltitel „Brekkukotsannáll“ darf man sich gerne auch die Zunge verdrehen, soll wortwörtlich übersetzt „die Annalen aus Brekkukot“ heißen, wobei Brekkukot der kleine Bauernhof am Rande Reykjavíks ist, in dem die Geschichte spielt.

Es scheint durchaus beabsichtigt, dass die Leser nicht erfahren, wann die Geschichte genau spielt. Da aber einige jüdische Flüchtlinge auf der Durchreise in die USA in Island und auf dem Brekkukot-Hof Zwischenstation einlegen, vermute ich die späten 30er Jahre. Von Krieg ist nicht die Rede, aber selbst die Isländer hätten wohl davon Wind bekommen.

Seehase (Cyclopterus lumpus)

Ein kurzes Stelldichein zu Beginn gibt die Mutter des Protagonisten. Auf dem Brekkukot-Hof bringt sie einen Sohn zur Welt und verlässt den ärmlichen Ort dann so schnell wie sie erschienen ist. Alfgrimur wächst bei dem alten Seehasenfischer Björn und seiner Freundin auf, die er beide als seine Großeltern bezeichnet.

Der Roman ist eine Art Erziehungs- und Bildungsroman und behandelt die Entwicklung Alfgrimurs anhand der Einflüsse, denen er ausgesetzt ist sowie die Geschichten um die kauzigen Durchreisenden und Dauermieter des Brekkukot-Hofes. Es fängt gleich zu Beginn mit der alten Standuhr an, die im Wohnzimmer der Großeltern steht. Sie übt auf den Protagonisten einen besonderen Reiz aus:

Unsere Uhr hat ein verziertes Ziffernblatt, und mitten in den Verzierungen kann man die Worte lesen, daß Herr James Cowan, der im Jahre 1750 in Edinburgh lebte, diese Uhr verfertigt hat. Die Uhr war zweifellos für ein anderes Haus als in Brekkukot bestimmt gewesen, denn man hatte ihren Sockel entfernen müssen, damit sie in unserer niedrigen Stube stehen konnte.

Die Uhr veranlasst ihn, sich über die Zeit und die Ewigkeit Gedanken zu machen:

Wie kam es, daß ich die seltsame Vorstellung hatte, in dieser Uhr wohne ein merkwürdiges Tier, und das sei die Ewigkeit.

Wie der Titel vermuten lässt, spielt auch Musik eine große Rolle im Roman. Alfgrimur kann wunderbar singen, er hat den reinen Ton, und gibt seine Gesangskunst zunächst auf dem Friedhof bei Beerdigungen zum Besten. Der Sänger Gardar Holm, der „singende Fisch“ und ganze Stolz Islands, wird zu seinem Alter Ego. Das erinnert ein wenig an die Beziehung zwischen Siggi Jepsen und dem Künstler Nansen in Siegfried Lenz‘ Deutschstunde (1968). Jedoch gibt es ein Geheimnis um Gardar Holm, das erst am Ende des Romans gelüftet wird. Überhaupt scheint die Natur in ganz Island eine Symphonie der Geräusche und Klänge zu sein, die harmonisch miteinander verschmelzen.

Ein bedeutsames Thema im Fischkonzert ist der langsame Untergang der einfachen, aber ethisch immer vollkommenen, bäuerlichen Welt auf dem Brekkukot-Hof, auf dem nicht Geld sondern der Mensch im Mittelpunkt des Interesses steht, eine paradiesische Urgesellschaft, die auch Karl Marx gut gefallen hätte. Am Rande des Hofes befindet sich ein hölzernes Drehkreuz, das die Menschen passieren müssen, wenn sie den Hof betreten oder verlassen möchten. Außerhalb des Hofes entwickelt sich eine neue Welt, in der Gewinnmaximierung und Profit der gottesfürchtigen Bescheidenheit und Nächstenliebe den Rang abläuft. Fängt Björn von Brekkukot nur soviel Seehasen wie er zum Überleben braucht, so grasen schon die ersten Schleppnetzfischer die Küsten Islands ab und ziehen alles rücksichtslos aus dem Meer, was sich in den Netzen verfangen hat.

Diese leichte Wehmut angesichts des Verlustes einer ehrlicheren Welt, in der die Integrität des Einzelnen noch von Bedeutung ist und auch wunderliche Leute den vollen Respekt erhalten, lässt sich zum Beispiel auch bei Robert Seethaler in Ein ganzes Leben nachlesen. Es ist das Verschwinden der großelterlichen Welt, an die sich die erwachsenen Enkel gerne zurückerinnern. Meine Großeltern z.B. hatten als Heizgelegenheit nur einen kleinen und uralten Kachelofen im Wohnzimmer stehen. Vor dem Schlafengehen wurde für die Enkel ein roter Ziegelstein auf die Platte gelegt, der dann, in fast glühendem Zustand, unter das dicke, überdimensionale Daunenbett im eiskalten Schlafzimmer gelegt wurde. Das Wort „Stein“ assoziiere ich heutzutage, anders als der Rest der Menschheit, nur mit positiver, wärmender Liebe. Die Leser des Fischkonzerts wissen allerdings, dass diese Welt keine Überlebenschancen hat und nur in der Erinnerung weiterleben kann.

Was mich am Fischkonzert ein wenig gestört hat, ist das ständige Bemühen, die nationale Identität Islands zu konstruieren. Literatur, Sprache, menschliche Eigenheiten, das Feindbild Dänemark, etc. werden herangezogen, um das erst 1918 von Dänemark unabhängig gewordene Island als eigenständige, stolze Nation darzustellen. Hinzu kommt in diesen Passagen ein fast großväterlicher Erzählstil, der einem einiges an Toleranz abverlangt.

Aber letztendlich bleibt es trotzdem eine schöne, skurrile Geschichte um das Erwachsenwerden an der Peripherie Europas, zu einer Zeit vor Fukushima, als man den Fisch aus dem Meer noch unbekümmert essen konnte, und Mensch und Tier noch mit dem ihnen gebührenden Respekt behandelt wurden.

Keiner von uns hatte je zuvor ein Harmonium repariert, doch wir baten den Heiland auf neunorwegisch, ehe wir anfingen, und es gelang uns tatsächlich, den meisten Tasten Töne zu entlocken, als wir fertig waren. Und am Abend, als ich begonnen hatte, die Tonleiter zu üben, kam die alte Frau herein, setzte sich in ihren Sessel und hörte zu. Der Morgen des Lebens kehrte wieder zu ihr zurück, der Morgen der Ewigkeit, der Friedhof, wie er früher war. Schon nach kurzer Zeit war sie in ihrem Stuhl eingeschlafen.

Bilder:

1. Portrait Laxness: Klettur at en.wikipedia [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) oder GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)%5D, vom Wikimedia Commons

2. Seehase: von Thomas Mohr (www.riff-nienhagen.de) [CC BY 1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/1.0)%5D, via Wikimedia Commons

DIE RABBIT-PENTALOGIE // John Updike – Rabbit, Run (1960)

Was bisher geschah: Lesen Sie bitte hier.

By Hugh1975 (Own work) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, via Wikimedia Commons

Keine Angst, es ist noch nicht Ostern. Die possierlichen Langohren aus der Familie der Leporidae sind ja seit der ungeschickten Äußerung des Papstes Franziskus zur Fortpflanzungsmoral der Katholiken leider in ein schiefes Licht geraten. Solche Patzer passieren halt, sobald sich die Kirche als selbsternannte Lebensberaterin in die Sexualität und Familienplanung ihrer Schäfchen einmischt.

Der schwache Held Harry „Rabbit“ Angstrom aus John Updikes Roman „Rabbit, Run“ (dt. Hasenherz, 1960) findet sich ebenfalls im Spannungsfeld seiner Sexualität und denen von Kirche und Gesellschaft tradierten Normen der 50er Jahre wieder. Je mehr er sich in seinem durch Ehefrau, Kind und Job fremdbestimmten Leben gefangen fühlt, desto drastischer macht sich sein Sexualtrieb bemerkbar. „He’s chasing ass,“ wie sein Vater treffend bemerkt. Gemeindepfarrer Eccles ist Rabbit ständig auf den Fersen, um den Ehe-Flüchtigen wieder in den Sch0ß der Familie zurückzuholen. Mehr oder weniger erfolgreich. Am Ende des ersten Teils der fünfteiligen Rabbit-Reihe hat Harry Rabbit bereits drei Kinder mit zwei Frauen gezeugt und Mrs Eccles an den Hintern gegrapscht.

Die American Library Association (ALA), ein Interessenverbund zur Förderung von Bibliotheken, hat alle Hände voll zu tun, denn sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, gegen Zensur und Verbot von Büchern, v.a. in den USA, ins Feld zu ziehen. Versuche, anstößiges literarisches Material aus dem Verkehr zu ziehen, feiern in den USA fröhliche Urstände, v.a. in den Schulbibliotheken des Landes. Besorgte Helikoptereltern gibt es nicht nur in Deutschland. An einigen High Schools darf selbst Huckleberry Finn nicht mehr gelesen werden. Rabbit, Run wird in der Rubrik „Classics“ genannt, wegen seiner sexually explicit descriptions und anderer Verwerflichkeiten, die im Laufe der Jahrzehnte den Unmut besorgter Leserinnen und Leser hervorgerufen haben. Er befindet sich damit allerdings in guter Gesellschaft, denn fast der Hälfte aller amerikanischen Literaturklassiker ist es ähnlich ergangen (Banned & Challenged Classics).

Noch vor der ersten Veröffentlichung sah sich Updike gezwungen, Änderungen am Originalmanuskript vorzunehmen.

I received a basically heartening letter from my publisher, Alfred A. Knopf himself, indicating acceptance [of Rabbit, Run] with reservations. The reservations turned out to be (he could tell me this only face to face, so legally touching was the matter) sexually explicit passages that might land us – this was suggested with only a glint of irony – in jail.

… schreibt John Updike in seinem Nachwort zur Neuauflage des Romans. Im Beisein eines Anwalts muss er das Manuskript überarbeiten, dann kann der Roman Ende 1960 erscheinen. „The dirty-word situation was changing rapidly„, und schon 1962 wird er aufgefordert, die Änderungen für eine Neuauflage des Romans wieder rückgängig machen, symptomatisch für die schnellen gesellschaftlichen Umbrüche in den USA zu jener Zeit.

Rabbit Run exists in more forms than any other novel of mine.

„Fellatio“ ist so ein challenging topic im Buch, schambehaftet zwar, der Begriff wird tunlichst nicht in den Mund genommen, aber doch offensichtlich genug.

 „Well, would you do everything to me that you did to him?“

„Sure. If you want me to.“

His relief is boyish; his front teeth flash happily. „Just once,“ he promises, „honest. I’ll never ask you again.“ […] „Are you going to?“

She asks, „Are you sure we’re talking about the same thing?“

„What do you think we’re talking about?“

She says, „Sucking you off.“

„Right,“ he says.

Aber Rabbit, Run ist nicht nur ein Sexroman, wie man jetzt vielleicht denken könnte. Es geht Updike v.a. um den Gemütszustand seines Helden. „An everyman who, like all men, was unique and mortal.“ Rabbit Angstrom verkörpert m.E. die letzten Zuckungen des Patriarchats. Wenn man Menschen nach ihren Taten und nicht ihren Worten, Gefühlen oder dem äußeren Erscheinungsbild beurteilt, dann bleibt einem eigentlich nichts anderes übrig, als Angstrom als erbärmlichen wenn nicht sogar widerlichen Charakter einzustufen. Updike selbst hält sich mit seinem Urteil zurück, er beschreibt, was er sieht.

 He eats three pieces of shoo-fly pie and a crumb in the corner of his lips comes off on her [Ruth’s] sweater when he kisses her breasts goodbye in the kitchen. He leaves her with the dishes.

Oder lässt die Figuren sprechen:

„The truth is,“ Eccles tells him „you’re monstrously selfish. You’re a coward. You don’t care about right or wrong; You worship nothing except your own worst instincts.“

Updike, selbst vierfacher Vater, wollte mit seinem Rabbit nie in einen Topf geworfen werden:

Insofar as a writer can take an external view of his own work, my impression is that the character of Harry „Rabbit“ Angstrom was for me a way in – a ticket to the America all around me. What I saw through Rabbit’s eyes was more worth telling than what I saw through my own.

Der Name „Rabbit“ impliziert für Updike „a zigzagging creature of impulse,“ womit v.a. sein Fluchtinstinkt und damit das nur rudimentär ausgebildete Verantwortungsgefühl gemeint ist.

Updike sollte man, falls möglich, auf Englisch lesen. Warum? Seine Texte baden in jeder Zeile in der Schönheit des treffenden Ausdrucks, wirken fast schon hochsensibel in ihrer detaillierten Beobachtung kleinster Gefühlsregungen, die Beschreibung packt, zeigt keine Ermüdungserscheinungen, und brilliert in der Darstellung selbst der banalsten Dinge oder Personen.

They look at him with hard eyes, eyes like little metal studs pinned into the white faces of young men sitting in zippered jackets in booths three to a girl, the girls with orange hair hanging like wiggly seaweed or loosely bound with gold barrettes like pirate treasure. At the counter middle-aged couples in overcoats bunch their faces forward into the straws of gray ice-cream sodas.

Dafür, dass die Erzählstimme den Protagonisten in die Lage versetzt, seine Umwelt auf solch poetische Weise wahrzunehmen und auch darunter zu leiden, erhält er natürlich einen Sympathiebonus.

Welcher Teufel mich geritten hat, den zweiten Teil der Pentalogie, Rabbit Redux, auf deutsch zu bestellen (Unter dem Astronautenmond) ist mir ein Rätsel, vermutlich der Titel. Aber, was soll’s, die beiden Pulitzerpreisgewinner, Teil 3 und 4, gibt es dann halt wieder in English.

Rabbit, Run lohnt sich als Lektüre auch noch im Jahre 2015. Die Geschlechterverhältnisse wirken zwar ziemlich befremdlich aber niemals unreflektiert. Updike kann sich sehr gut in seine Frauencharaktere hineinversetzen, denen er mehrere Selbstgespräche im Stile von James Joyce widmet. Männer wie Frauen sind bei ihm Opfer tradierter Geschlechterrollen, wobei den Frauen jedoch ihre sexuelle Freiheit nur als Prostituierte vergönnt ist. Eine anständige Frau zu sein heißt in den 50ern, die sexuelle Selbstbestimmung bei der Eheschließung abgegeben zu haben.

Ob es jedoch ein Zeichen von Fortschritt ist und somit Beweis für die Obsoleszenz von Rabbit, Run, wenn heutzutage Frauenzeitschriften der gewissenhaften Frau nebst schmackhaften Kohlgerichten und dekorativen Blumengebinden Tipps und Tricks zur Entspannung des Afters für den erfolgreichen Analverkehr ans Herz legen, damit es so laufen kann wie in den Pornofilmen, diese Einschätzung überlasse ich meinen werten Leserinnen und Lesern gerne selbst.

(Fortsetzung folgt)