GRAHAM SWIFT – Mothering Sunday [Ein Festtag] (2016)

Cock, balls, cunt. There were some simple, basic expressions.

It was March 30th. It was a Sunday. It was what used to be known as Mothering Sunday.

Es ist 1924 und am „Mothering Sunday“ haben in England alle Hausangestellten einen freien Tag, um in die Kirche zu gehen oder ihre Familie zu besuchen.

Die junge Protagonistin Jane Fairchild, Dienstmädchen und Waise, erhält einen geheimen Anruf ihres Geliebten Paul, Sohn eines befreundeten Ehepaars ihrer Herrschaften. Sie soll ihn zu einem letzten Sex-Treffen vor seiner standesgemäßen Heirat im Hause seiner Eltern aufsuchen. Jane tut, wie ihr befohlen.

Dieser sonnige Tag im März wird eine Zäsur in ihrem Leben einleiten. Nach dem Stelldichein mit Paul bleibt sie noch einige Zeit in dem großen Haus zurück und erkundet dieses nackt von oben bis unten. Vor allem die Eindrücke in der Bibliothek hinterlassen Spuren. Danach radelt sie durch die erblühte Landschaft und genießt sinnierend ihr junges Dasein, bis ein tragischer Zwischenfall ihr Leben in neue Bahnen lenken wird.

Das Buch ist mit „A Romance“ untertitelt und das ist natürlich, wenn man „Romance“ im Sinne von „Liebesgeschichte“ versteht, ironisch gemeint. Dies und der märchenhafte Einstieg in die Novelle, „Once upon a time, …“ könnten einen dazu verleiten, die Geschichte um das sexuell ausgebeutete Hausmädchen Jane, als locker-frische Erzählung einer das Leben schamlos genießenden und dabei immer selbstbestimmten jungen Frau zu verstehen, die die Dinge so nimmt, wie sie kommen. Die Erzählstimme ist vor allem während der Schilderung der postkoitalen Schlafzimmerszene eng mit den Eindrücken Janes verknüpft, die es genießt, wenigstens im Bett wie eine Gleichberechtigte, eine „Freundin“, behandelt zu werden. Im Gegenzug zügelt sie Paul gegenüber ihre Emotionen, wie es sich gehört, „professionell“.

Neben dieser „jungen“ Erzählstimme, werden die Leser auch mit den Gedanken der gealterten Jane vertraut gemacht, die nach dem tragischen Zwischenfall am Mothering Sunday 1924 zunehmend mehr Unabhängigkeit erlangt und letztendlich als Romanautorin Erfolge feiert.

Though when she was eighty or ninety and was asked, as she would be, even in public interviews, to look back on her younger years, she felt she could fairly claim (though of course never did) that one of her earliest situations in life was that of prostitute. Orphan, maid, prostitute.

Hier erfolgt, wie punktuell an anderen Stellen der Erzählung, eine Brechung des vorher Geschilderten, ein Subtext zur narrativen Hauptlinie der frühlingshaften „Romanze“. Swift überlässt es den Lesern, selbst den Stellenwert dieser Anmerkungen zu bestimmen. Die meisten Rezensenten, so mein Eindruck, scheinen diese Bemerkungen jedoch geflissentlich überflogen zu haben und sehen in der Novelle vor allem „A hymn to youth on a day of sunshine“ bzw. „A story about what it means to be alive.“ Man muss sich doch sehr wundern.

Weiterhin kam ich nicht umhin, die Novelle im Lichte von Ian McEwans Roman „Atonement“ (Abbitte) zu lesen, den ich mir an Weihnachten zu Gemüte geführt hatte. Vor allem der erste Teil von „Atonement“ kam mir in seinen Schilderungen sehr „Hollywoodesque“ vor, einer märchenhaften Cinderella-Story mit umgekehrten Geschlechterrollen verschrieben, verschämt in der Darstellung der Sexszene in der Bibliothek. Ich hatte den Eindruck, dass dieser erste Teil, so meisterhaft seine Prosa, tatsächlich für ein späteres Hollywooddrehbuch geschrieben worden ist.

Graham Swift nimmt sich derselben Themen an: Junge Frau reift zur Schriftstellerin, hinterfragt Fiktion und Realität, die Beziehung von Herrschaften und Dienstleuten im England zwischen den Weltkriegen. Jedoch lässt er es sich nicht nehmen, die historische Realität und auch die nackten Tatsachen immer wieder durch die Erzählung durchschimmern zu lassen, den Lesern geradezu unter die Nase zu reiben.

Wird die Bibliothek in „Atonement“ vor allem zum – Pardon! – Ficken genutzt, dies in voller, familienfreundlich-cineastischer Montur, macht sich Jane Fairchild, nachdem Paul das Haus verlassen hat, um seine Verlobte zu treffen, im Evakostüm auf, um dieses zu erkunden. In der Bibliothek drückt sie die Werke Joseph Conrads und anderer liebevoll an ihre nackte Brust. Sie wird diese natürlich lesen und sie werden ihr helfen, aus ihren Lebensumständen auszubrechen. „Die Bibliotheken wurden von den Herrschaften nicht zum Lesen genutzt“, weiß die ältere Jane zu berichten. Die frühe Lektüre als Hausmädchen und das Erlebnis von Freiheit an diesem Mothering Sunday, als sie nackig und selbstbewusst durch das herrschaftliche Haus spaziert, werden ihr im Laufe ihres Lebens immer ein Quell der Inspiration bleiben.

Eine weitere, gemeinsame Auffälligkeit ist die Schilderung von Sexualität. Verhohlen, in dunklen Ecken stattfindend, bei McEwan. Swift, auf der anderen Seite, schaltet, schon fast trotzig, alle Lampen an und macht alle Fenster auf, bevor er sich in sehr expliziter Weise der Beschreibung der Liebenden widmet.

March 30th 1924. Once upon a time. The shadows from the latticework in the window slipped over him like foliage. […] he turned, and there, beneath a nest of dark hair and fully bathed by sunshine, were his cock and balls, mere floppy and still sticky appendages. She could look at them if she liked, he didn’t mind.

Dies geht so weit, dass der Samen, der aus Jane’s Vagina herausläuft, auf dem Bettlaken den Umriss Großbritanniens annimmt, und damit mit einem Augenzwinkern andeutet, dass das „Private“ immer auch „politisch“ ist.

Es ließen sich noch mehr Parallelen zwischen den beiden Büchern aufzeigen. Ich finde es schade, dass Swifts Novelle kein Roman geworden ist.

Fazit: Ein verwirrendes aber immer erstklassiges, in detaillierter und humorvoller Prosa geschriebenes, Leseerlebnis, das noch lange nachwirkt.

THEODOR FONTANE – Unterm Birnbaum (1885)

Wenn mich nicht alles irrt, dann müsste heute der erste Tag des Fontane-Jahrs 2019 sein. Am 30.12. des letzten Jahres, also vorgestern, Fontanes 199. Geburtstag, von dem nirgendwo die Rede war, habe ich ahnungslos Unterm Birnbaum gelesen, seine Kriminalnovelle aus dem Jahre 1885.

Die Novelle habe ich vor allem als Abwandlung des Macbeth Stoffes gelesen. Die Story spielt in dem brandenburgischen Dorf Tschechin im Oderbruchtal, nicht unweit von Berlin, Frankfurt (Oder) und der polnischen Grenze entfernt. Das kinderlose Ehepaar Abel und Ursel Hradscheck, Krämer und Gastwirte, wird von Geldsorgen geplagt. Als sich der polnische Handlungsreisende Szulski ankündigt und auf die Begleichung der Schulden pocht, ersinnen die beiden einen Plan.

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Kurz nach dessen Abreise wird seine Pferdekutsche in der Oder aufgefunden, das Pferd tot im Wasser treibend, und von Szulski fehlt jede Spur. Es beginnt in der dörflichen Gemeinschaft ein Spiel der mehr oder weniger haltlosen Verdächtigungen und einiger weniger, kraftlos anmutender, eher der Machtdemonstration vor Ort dienenden, behördlichen Untersuchungen. Der Verdacht fällt sofort auf Abel und wird durch das Auffinden einer 20 Jahre alten Leiche unter seinem Birnenbaum weiter entfacht, aber später dann entkräftigt, bis er ganz fallengelassen werden muss. In der Folgezeit verfällt Ursel einer Nervenkrankheit und stirbt. Abel, der befürchtet, dass die Spukgeschichten seiner Nachbarin („die alte Hexe Jeschke“) den Verdacht der abergläubischen Dorfgemeinschaft wieder gegen ihn richten könnte, beschließt die Leiche Szulskis, die er in seinem Keller, so erfährt man jetzt, vergraben hatte, auszuheben und aus dem Hause zu schaffen. Doch ein Missgeschick führt dazu, dass man ihn am nächsten Tag nur noch tot im Keller neben der halb ausgegrabenen Leiche Szulskis auffindet. Allein durch dieses Missgeschick klärt sich der Kriminalfall auf.

Was mir besonders gefallen hat, ist die Bandbreite an literarischen Themen in dieser etwa 120 Seiten langen Novelle, die alle geschickt miteinander verknüpft werden, so dass eine vielschichtige Sozialstudie der norddeutschen Dorfgemeinschaft des vorletzten Jahrhunderts entsteht. Aberglaube, Kirche und Staat versuchen menschliches Handeln zum eigenen Vorteil, und im Machtspiel untereinander, zu steuern. Die Vertreter/-innen jeder „Institution“ werden dabei auch immer als von eigenen Interessen und Eitelkeiten Gelenkte beschrieben, wobei vor allem die Amtsträger als saufend und nachtragend, eitel und unbeteiligt, dabei nie emotional anklagend aber doch deutlich genug, vorgestellt werden. Weitere Themen sind die Macht der öffentlichen Meinung im Zusammenspielt mit der Gerichtsbarkeit vor Ort, die Frage danach, inwiefern Glück und Geld zusammenhängen, die Gefahren des Andersseins in bildungsfernen Gemeinschaften, das Schicksal der ambitionierten Ehefrau ohne eigenes Einkommen, die Auswirkungen einer verfehlten Berufswahl, und vieles mehr, die, neben der Mordgeschichte, die Leser für die Geschichte einnehmen können.

Das oben bereits erwähnte „Macbeth-Thema“ fiel mir am deutlichsten auf, wobei hier die Auswirkungen des Mordes an dem sich selbst einladenden Gast auf die Psyche der Ehepartner nur von Außen beschrieben werden, ein kränkliches Aussehen und Schlaflosigkeit die bei Shakespeare beschriebenen fiebrigen Einblicke in zerfleischende Halluzinationen der wahnsinnig werdenden Täter ersetzt. Auch die Motive der Täter sind andere, Ehrgeiz und Ambition auf der einen Seite, das Streben nach Glück und finanzieller Unabhängigkeit bei den Hradschecks auf der anderen Seite. Dass letztendlich die Hexe irgendwie als Gewinnerin hervorgeht und das letzte Wort hat, ist natürlich klar.

Fazit: Sehr lohnenswert und ein guter Einstieg ins Fontane-Jahr.

IAN MCEWAN: Atonement [Abbitte] (2001)

Ian McEwan gehört zu den Autoren, die tatsächlich schreiben können. Da ich des Englischen einigermaßen mächtig bin, konnte ich „Atonement“ aus dem Jahr 2001 im Original lesen. Meine ehemalige Englischlehrerin hatte mal gesagt, dass man schlechte Bücher gelesen haben muss, um die guten wertschätzen zu können. Das stimmt, einerseits. Andererseits scheint heutzutage der Geschmack durch die (unter-)durchschnittliche Qualität der Massenware auf dem Buchmarkt, die dann auch noch mit Preisen und positiven Rezensionen fälschlicherweise in den Himmel gelobt wird, so verflacht und anspruchslos geworden zu sein, dass man den Leuten nur raten kann, „Lest endlich die richtig guten Bücher!“, nicht den Ramsch, den man euch in nett anzuschauenden Designs und völlig überteuert zum Fraß vorwirft, von Autoren, die im Besitz eines produktiven Wortschatzes von unter 5000 Wörtern zu sein scheinen.

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Meine Erfahrung ist die, dass die guten Bücher, die noch lange nachwirken, diejenigen sind, die man nicht in ein, zwei Tagen durchgelesen hat. Das müssen gar nicht Bücher mit vielen Seiten sein. Es sind die sprachlich dichten Bücher, die nicht alles sofort auf banalste Smalltalk Art und Weise offenbaren, die nicht wie eine öde Radiosendung ihren Text in das Vakuum hineinleiern, mehr oder weniger unterhaltsam, und für deren Autoren „Poesie“ kein Fremdwort zu sein scheint. Geschmack wird eben auch über das vorhandene Angebot gebildet und ist m.E. nicht nur etwas, das man „fertig“ in der potentiellen Kundschaft vorfindet.

Doch genug der Tirade. Ian McEwan lese ich vor allem wegen seiner detaillierten Beschreibungen mit dem weiten Blickwinkel, seinem tiefenpsychologischen Interesse, seinem leichten Humor, und vielem mehr, gerne.

„Atonement“ ist in drei Abschnitte aufgeteilt. Die Handlung erstreckt sich von den 1930ern bis in das Jahr 1999 und spielt vor allem auf dem Landsitz der Familie Tallis in England.

Die Protagonistin ist die jüngste Tochter Briony, die literarische Ambitionen hat, und die ihre ältere Schwester beim Flirten und später beim Sex mit dem Nachbarsjungen in der Bibliothek beobachtet bzw. ertappt. Für Briony sind dies Szenen männlicher Gewalt, ihre Schwester ein Opfer. Als dann auch noch eine minderjährige Cousine im dunklen Park von einem unbekannten Mann vermutlich vergewaltigt wird, beschuldigt Briony den heimlichen Geliebten ihrer Schwester, der dafür mehrere Jahre ins Gefängnis muss. Je älter Briony wird, desto mehr erkennt sie ihre Verfehlung. Die Abbitte des Titels bezieht sich auf die folgenden Jahre ihres Lebens, in denen sie versucht, mit ihren Schuldgefühlen umzugehen. Letztendlich wird sie durch eine Demenzerkrankung davon erlöst werden.

Die Erzählung ist nicht linear, sondern teilweise überlappen sich einzelne Szenen, die aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet werden. Diese Vorgehensweise entspricht einem Thema des Buches, nämlich dem Verhältnis von Imagination und Fiktion, fact and fiction, und letztere vor allem als zweischneidiges Schwert, das lebenserhaltend sein kann, Liebe ermöglicht, aber auch im Gegenteil großes Unglück über Menschen bringen kann, wenn sich ihre Kraft mit der Einfalls- und Geistlosigkeit der Realität verbinden muss.

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Generell stehe ich nicht besonders auf Kriegsromane, aber die beschriebenen Sequenzen in „Atonement“ haben mich doch überzeugt. Der Horror des Krieges wird, hier am Beispiel des Rückzugs der britischen Truppen vor Dünkirchen, unsentimental aus der Perspektive von traumatisierten Soldaten und der ebenso betroffenen Zivilbevölkerung beschrieben. Die Beschreibung stellt zwar Gewalt und Ekel des Krieges heraus, aber zeigt gleichzeitig, bis ins kleinste Detail, dabei nie klischeehaft, die Auswirkungen dieser unkontrollierten Vorgänge auf die Psyche und Wahrnehmung der betroffenen Menschen. Hier ist vor alle auch die Darstellung der Tätigkeiten der Krankenschwestern in London hervorzuheben, die einem mit ihrer selbstlosen Disziplin und Hingabe wie die wahren Helden des Krieges erscheinen. Dass die Erzählerin Briony, die als junges Mädchen noch sentimentale Romanzen geschrieben hat, nun, als Krankenschwester, mit offenliegenden Hirnen und zerschossenen Gesichtshälften konfrontiert wird, die den Blick auf Muskelstränge und Nervenfasern freilegen, ist ein Beispiel für die kontrastreiche Bildhaftigkeit des Autors, die immer im Dienste der Charakterisierung und der Psychologisierung der Erzählung steht, und sich nie in quasi-pornographischer Weise in der Beschreibung des Gewaltexzesses erschöpft.

Gibt es etwas, was mir nicht so gut gefallen hat? Eigentlich nein. Vielleicht hätte die Anfangssequenz auf dem Landsitz in ihrer schwül-sentimentalen Weise etwas mehr gebrochen werden können. Dies erinnerte doch streckenweise an die üblichen Hollywoodschmonzetten. Die Brechung erfolgt erst später, wenn Briony am Ende ihres Lebens angekommen über die Vergangenheit nachdenkt, ihr letzter Bericht von 1999 die Frage aufwirft, was denn nun Wirklichkeit und was nur die Erfindung ihrer kindlichen Phantasie gewesen ist. Mich hätte ein etwas realistischerer Blick auf das romantisierte Landleben der betuchten und angeblich kultivierten britischen Gesellschaft (Sexszene in der Bibliothek) interessiert. Aber so wie es ist, ist es auch okay.

Kurzum: Lesen, weil geil-o-mat und echt gut erzählt!

PS: Ich habe mir einige Szenen des Films auf Youtube angeschaut, und es hat mir nicht gefallen, was ich dort gesehen habe. Deshalb: Buch lesen!

Das allseits gepriesene Bienenbuch…

… von Maja Lunde war ein Geschenk und leider eine Enttäuschung. Die einzige Frage, die ich habe, ist die, warum es allenthalben so gelobt wird.

Was mich besonders gestört hat:

  • Die drei Erzählstimmen sind im Grunde nur eine. Und die ist sprachlich äußerst ausdruckslos und unoriginell. Das Problem erahnend, hat der Verlag auf jede einzelne Seite des Buches den Namen des jeweiligen Erzählers gedruckt. Dann muss man nicht immer an den Anfang eines jeden Kapitels zurückblättern, um zu sehen, ob man sich gerade in China, England oder den USA befindet, wenn wieder seitenlang, für die Geschichte völlig irrelevante Banalitäten des Ehe- und Familienalltags vor einem ausgebreitet werden.
  • Das Buch handelt gar nicht von Bienen, sondern von Freud und Leid des Kinderhabens. Das, was einem über Bienen erzählt wird, kann man überall im Internet nachlesen und braucht dafür dieses Buch nicht. Eigentliches Thema des Buches ist die Angst vor der plötzlichen Leere im häuslichen „Bienenkasten“ nach dem Ausflug der „Bienen“, mit dem Ratschlag: Such dir ein Hobby.

Fazit: Unsere armen Bienen haben mehr verdient. Sie brauchen auch mehr, nämlich unsere Fürsorge und ein echtes Interesse. Falls diese Geschichte einige, bislang über das Arten- und insbesondere das Insektensterben in keinster Weise informierte Leute auf die Gefahren eines ökologischen Kollaps aufmerksam machen kann, dann ist ja gut. Ich werde das Buch gleich heute weiterverschenken.

 

J.G. Ballard: Vermilion Sands (1971)

„Zinnoberrote Strände“, so könnte man den Titel der Kurzgeschichtensammlung von J.G. Ballard übersetzen. Dieser halbfiktive Ort ist ein Küstenstrich im Süden Kaliforniens und verbindet die neun Geschichten des Autors aus den Jahren 1957-1970 miteinander. Vermilion Sands ist eine surreale, zeitlose Landschaft aus Stränden, Sanddünen, dem Meer, Korallenriffen und Feriendomizilen der Reichen und Kunstschaffenden, die sich in einer nicht näher beschriebenen, zehn Jahre andauernden Phase globaler Langeweile, Lethargie und des ewigen Hochsommers befinden, „The Recess“ genannt.

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Die oftmals dekadenten Figuren geben sich an diesem Ort einer alles verlangsamenden Schwerkraft hin – vor allem einflussreiche, mysteriöse Diven jenseits ihrer Blütezeit, Künstler mit und ohne Talent und Geschäftemacher, die das Geld der alternden Mäzene riechen. Hauptfigur ist jedoch der Schauplatz, der eine hypnotisierende Kraft auf alles und jeden auszuüben scheint, eine surreale Traumlandschaft mit fliegenden Rochen, auf Sanddünen fahrenden Yachten und mit Edelsteinen besetzten Spinnen und Hummern.

J.G. Ballard kann sich solche kitschigen Eskapaden leisten ohne peinlich oder banal zu wirken. Origineller Ideenreichtum und sprachliches Können gehen bei ihm Hand in Hand, was heutzutage, ich muss es leider sagen, nur noch sehr selten in „Literatur“ vorzufinden ist, und anscheinend entweder nur das eine oder das andere sein kann. Häufig keines von beidem.

Ballards sinnliche Sprache übt einen assoziativen Sog aus, der es einem nicht immer leicht macht, konzentriert am Ball zu bleiben. Die ganzen Farben und Formen müssen in der eigenen Vorstellung erst einmal zueinander finden und Gestalt annehmen. Thematisch ist der Kampf zwischen Mensch und animierten Gebrauchs- und Kunstgegenständen ein wiederkehrendes Motiv, was in manchen Fällen drollig anmutet, andererseits aber auch die Ängste vor einer sich verselbständigenden, den Menschen übermannenden Technologie zum Ausdruck bringen soll.

Besonders charmant und beispielhaft ist die Beschreibung einer hochsensiblen und anspruchsvollen, singenden Orchidee, die in der zweiten Kurzgeschichte des Bandes, und Ballards erster veröffentlichter überhaupt, „Prima Belladonna“, dem Erzähler, einem Choro-Floristen (Verkäufer singender Pflanzen) sowie einer mysteriösen Sängerin zum Verhängnis wird.

„Listen!“ She held my arm and squeezed it tightly. A low, rhythmic fusion of melody had been coming from the plants around the shop, and mounting above them I heard a single stronger voice calling out, at first a thin high-pitched reed of sound that began to pulse and deepen and finally swelled into full baritone, raising the other plants in chorus about itself. […] The Arachnid stretched out towards her, calyx erect, leaves like blood-red sabres.

I […] quickly switched off the argon feed. The Arachnid sank to a whimper, and around us there was a nightmarish babel of broken notes and voices toppling from high C’s and L’s into discord. A faint whispering of leaves moved over the silence.

Showing, not telling. So einfach diese Regel ist, so selten wird sie heute noch praktiziert.

So wie die Pflanzen in diesem „kleinen Horrorladen“, so entwickeln auch aus dem Sandboden wachsende, singende Statuen, oder aus hochsensiblem Nervengewebe hergestellte Kleidung aber auch ganze Häuser ein possierliches aber trotz alledem bedrohliches Eigenleben. Dies geht soweit, dass der Erzähler der letzten Geschichte, „The Thousand Dreams of Stellavista“, von seinem eigenen, psychotropen Haus fast ermordet wird.

Etwa nach der Hälfte der Kurzgeschichten stellte sich eine Ermüdung und Übersättigung bei mir ein. Die sich wiederholenden Figurentypen- und konstellationen und farbenfrohen Kuriositäten der surrealen Landschaft, die zu Beginn noch eine flirrende Faszination ausgeübt haben, bieten irgendwann nicht mehr viel Neues. Wie jeder Urlaubsort, an dem man sich eine Weile aufgehalten hat, wird auch dieser irgendwann eintönig und fahl. Die letzten beiden Kurzgeschichten brechen deshalb mit dem bekannten Muster, das die Figuren zum trägen Spielball der äußeren Kräfte (Landschaft und Technik) werden lässt und präsentieren Charaktere, die der einlullenden Verführung größtenteils standhalten und nicht nur gegen sie ankämpfen, sondern sie letztendlich auch kontrollieren können. Der Schreibstil wirkt kräftiger und ironischer. Es deutet sich eine Transformationsphase an, die sich Ende der 60er Jahre auch auf den Schaffensprozess des Autors auswirkte.

Allesamt eine lohnenswerte Lektüre für diejenigen, die englische Literatur im Original lesen können und Science-Fiction Geschichten mögen, in denen die Grenze zwischen utopischen und dystopischen Elementen unklar bleibt, stattdessen die psychologischen Auswirkungen menschengemachter aber auch natürlicher Veränderungen in den Mittelpunkt gerückt werden. Ob die deutschen Übersetzungen die sprachliche Dichte, den verspielten Charme und den augenzwinkernden Umgang mit gängigen Konventionen des Science Fiction Genres des Originals einzufangen imstande sind, vermag ich nicht zu sagen.

Hier, zum Abschluss, eine Kurzbewertung der einzelnen Geschichten:

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[Espressomaschine] Chen Quifan – The Smog Society (2015)

Zweiter Blogeintrag nach der Apokalypse

Die Kurzgeschichte „The Smog Society“ von Chen Quifan befindet sich in der Anthologie „Loosed Upon the World“, die 26 Geschichten aus der damals zu Beginn des 21. Jahrhunderts in Mode gekommenen Rubrik „Climate Fiction“ versammelt. Es sind Geschichten, die sich mit den Auswirkungen des Klimawandels und der globalen Erderwärmung in Gegenwart und Zukunft beschäftigen. Als ein wichtiger Gründungstext dieses Genres wird J. G. Ballards Roman „The Drowned World“ (1962) betrachtet, obwohl hier, anders als in moderner Climate Fiction, der Klimawandel nicht menschengemacht ist.

In „The Smog Society“ stellt Chen Quifan unterschiedliche Beschreibungen einer chinesischen Mega-City gegenüber, Bilder einer unwiederbringlichen Vergangenheit sowie die der bedrückenden Gegenwart.

Through the murky air outside the window, he had to squint to see the tall buildings silhouetted against the yellow-gray background like a sandy-coloured relief print. The cars on the road all had their high beams on and their horns blaring, crammed one against the other at the intersection in one big mess. You couldn’t tell where heaven and earth met, and you couldn’t tell apart the people, either. Passels of pedestrians, dusty-faced under filter masks that made them look like pig-faced monstrosities, …

Bilder von in gelb-graue Dunstglocken getauchte chinesische Großstädte mit vermummten Passanten kannten man schon lange aus den Medien. Unter Chinesen war von einer Airpocalypse die Rede. Chinas rasanter Aufstieg zur Wirtschaftsmacht war immer von Kohleverbrennung abhängig gewesen. Die chinesische Regierung hat erst sehr spät, um das Jahr 2016, dieses Problem mehr oder weniger erfolgreich zur Chefsache erklärt.

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Shanghai at sunset, as seen from the observation deck of the Jin Mao tower. The sun has not actually dropped below the horizon yet, rather it has reached the smog line. 

 

Unterbrochen werden diese dystopisch anmutenden Städtebilder von malerischen Erinnerungen des Protagonisten Lao Sun, wenn er an die frühen Tage seiner Ehe zurückdenkt:

He remembered how it looked in the fall, the red leaves dyeing the hillsides layer by layer trimming the clear blue sky. The white towers and the falling leaves all reflected in the lake’s emerald surface: a tranquil airiness through which the cooing of pigeons drifted. On that day, the two of them had sat in a boat at the center of the lake […] Golden sunlight spilled on the water, glittering. She was covered in golden light too.

Lao Sun ist ein älterer, allein lebender Herr im Ruhestand, den die Frau vor vielen Jahren verlassen hat, und der für eine nicht-staatliche Umweltorganisation, die „Smog Society“, Messungen der Luftqualität durchführt. Er will seinem Leben v.a. eine Strukur geben, denn er scheint, so mutmaßt man früh, an Depressionen zu leiden. Diese haben in den vergangenen zwanzig Jahren, zusammen mit der Luftverschmutzung, an Intensität zugenommen. Die „Smog Society“ will beweisen, dass Umweltverschmutzung und Gemütskrankheiten positiv korrelieren.

For Lao Sun, aside from bronchitis, acute emphysema, asthma, pharyngitis, strokes and the other physical ailments, the most immediate consequence of smog was the sense of removal from the world. Whether you were dealing with people or things, you felt as though you were separated by a layer of frosted glass. […] The city was cocooned. The people were cocooned.

In mehreren Flashbacks erscheinen Lao Sun Szenen seiner kinderlos gebliebenen Ehe. War er zunächst ein fröhlicher Mann, den seine Frau immerzu singen hören wollte, wird er mit den Jahren immer stiller und sieht auch keinen Grund mehr darin, ein Kind in die Welt zu setzen.

„Lao Sun, why aren’t you saying anything? How about I sing you a song? You used to like singing.“

„Mm.“

In einem irrwitzigen Versuch des Selbstschutzes erklärt die „Smog Society“ in ihrem Bericht an die Regierung, dass die Luftverschmutzung stark von der Gemütsverfassung der sie umgebenden Menschen abhängig sei, und diese würde wiederum stark vom Wetter beeinflusst. So könne man in Gegenden, in denen viele Kinder und Jugendliche lebten, eine höhere geistige Gesundheit und somit bessere Luftbedingungen vorfinden. Anders verhalte es sich in der Nähe von Börsenmärkten, dort sei die Luft besonders schlecht. Lao Sun kommt zu dem Ergebnis:

So, smog is caused by how we feel.

Quasi in einer Fußnote wird erwähnt, dass die Luftverschmutzung auch Auswirkungen auf die geistige Gesundheit der Bevölkerung habe. Dies ist Lao Sung allerdings zu wissenschaftlich.

Die Smog Society muss sich auflösen und auch Lao Sung wird „zu einem Tee und Gespräch“ vorgeladen, jedoch bald wieder entlassen. In der letzten Szene fährt Lao Sun auf seinem kunterbunten Fahrrad als Clown verkleidet zu einer für wohlhabende Familien gebauten Kindertagesstätte, um für die Kinder zu singen, die abgeschirmt hinter Glasfassaden und mit frischer, teurer Luft versorgt, ihre Zeit verbringen. Die Kinder freuen sich wie Bolle und schon bald bemerkt Lao Sung, wie sich der Smog lichtet.

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Ende Gelände 2017: Aktivistinnen und Aktivisten und Polizei an der Grube das Tagebaus Hambach (links im Hintergrund); Hambacher Forst bei Morschenich am rechten Bildrand.

 

Und jetzt, ihr Vollidioten der Vergangenheit, unterschreibt ihr gefälligst diese Petition gegen die Abholzung des Hambacher Forsts durch den Energiekonzern RWE. Nicht nur für euch könnt ihr etwas Gutes tun, sondern auch für die nachfolgenden Generationen, ihr lächerlichen Schwachmaten und Wichtigtuer des frühen 21. Jahrhunderts. Der einzige Grund, weshalb wir mit euch Holzköpfen nach der ökologischen Katastrophe überhaupt noch einmal Kontakt aufgenommen haben, ist der, euch klar zu machen, dass ihr tatsächlich in der Lage seid, etwas zu verändern. Seid froh, dass ihr in eurem Land überhaupt die Möglichkeit dazu habt. Friede sei mit euch!

Petition Hambacher Wald: Greenpeace


Foto 1: By Suicup [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)

Foto 2:  By Leonhard Lenz [CC0], from Wikimedia Commons

 

J.G. Ballard / The Drowned World (1962)

Erster Blogeintrag nach der Apokalypse

In jener Zeit, als sich die Leute noch in mehr oder weniger belanglosen Gesprächen über die Vor- und Nachteile des Klimawandels und die Heißzeit austauschten, dabei immer darauf bedacht, humorvoll und entspannt auf das andere Geschlecht zu wirken, hatte ich mir im Sommer 2018 J.G. Ballard zur Hand genommen. Das ist jetzt auch schon wieder einige Jahrzehnte her.

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Von Ballard kannte ich damals nur eine Short Story, „Memories of the Space Age„, an die ich mich, lethargisch auf dem Bette liegend, nasse Handtücher vor dem Ventilator und überall auf dem Körper verteilt, einen Kreislaufkollaps vorbeugend, erinnerte. In dieser Geschichte, die in einem zukünftigen Florida und auf dem ehemaligen NASA-Gelände spielt, verschwindet die uns bekannte Zeit nach und nach, sodass sich der Raum immer weiter ausbreitet und alles zum Erliegen bringt und quasi einfriert. Die Ursachen für dieses Phänomen bleiben unklar, scheinen jedoch menschengemacht zu sein. Die Protagonisten werden immer phlegmatischer und somit unfähiger aber auch unwillig, sich aus ihrer Situation zu befreien. Die „Entzeitlichung“ und ihre Auswirkungen auf die menschliche Psyche scheinen einen betörenden Zauber auszuüben, wie ihn wohl, so hört man ja immer wieder, auch Drogenkonsumenten kennen.

J.G. Ballards zweiter Roman „The Drowned World“ [dt. Karneval der Alligatoren / Paradiese der Sonne] greift diese Lethargie des Raumes ebenfalls auf und zwar von der ersten bis zur letzten Seite. In einer post-apokalyptischen Zukunft hat die Katastrophe bereits stattgefunden, die Polkappen sind abgeschmolzen, die Kontinente stehen unter Wasser, so auch London, wo der Roman spielt, und wo nur noch die oberen Stockwerke der höchsten Wolkenkratzer aus dem Wasser ragen. Schuld war nicht der Mensch, sondern eine Abfolge an Explosionen auf der Sonne. Die Protagonisten sind Militärs und einige Biologen, die in sinnlos erscheinender Routine die sich verändernde Flora und Fauna in ihrer schleichenden evolutionären Rückentwicklung nach der Katastrophe wissenschaftlich begleiten und die letzten renitenten Anwohner evakuieren sollen.

Nicht nur die Umwelt sondern auch der Restbestand an für heutige Verhältnisse immer noch enorm wirkenden fünf Millionen fortpflanzungsunwillig gewordenen Menschen ist in die Prozesse der Veränderung auf dem Planeten Erde nach der ökologischen Katastrophe eingebunden. Die Zeichen stehen auf Untergang der Spezies Mensch.

Beobachten die Biologen einerseits eine De-Evolution der Flora und Fauna, so können sie auch an sich selbst eine evolutionäre Rückentwicklung in frühere Evolutionsstadien, aus denen sich der Mensch heraus entwickelt hat, entdecken. Das lethargische Einsinken in die Traumwelt des Unbewussten und die damit verbundenen verlangsamten Körperfunktionen mit dem Drang sich nicht in die wenigen noch trockenen Gebiete des Nordens zu retten, sondern geradewegs in die Überschwemmungsgebiete des Südens zu wandern, kündigt eine Transformationsphase der menschlichen Entwicklung an, ein Einhalten wie zu Beginn einer Metamorphose, um sich an die neuen Lebensbedingungen anzupassen. Diese Vermischung wissenschaftlicher, psychologischer Theorien mit denen an LSD-Trips erinnernden (wie man so hört) leuchtstarken Traumwelten, verleihen dem Roman seinen ganz eigenen Reiz.

However, I am convinced that as we move back through geophysical time so we re-enter the amnionic corridor and move back through spinal and archaeopsychic time, recollecting in our unconscious minds the landscapes of each epoch, each with a distinct geological terrain its own flora and fauna, as recognisable to anyone else as they would be to a traveller in a Wellsian time machine. Except that this is no scenic railway, but a total reorientation of the personality.

Bis auf einige wilde Abenteuer mit Plünderern passiert in dem Roman eigentlich nicht viel. Und das ist gut so, denn die Inaktivität spiegelt die von Hitze, Malaria und Antibiotikabehandlung erlahmten Lebenskräfte der Protagonisten wieder, deren Wahrnehmung sich mehr in der betörenden Betrachtung der sie umgebenden untergehenden Welt mit all ihren neu- und fremdartigen Formen und Farben ergeht. Dabei entstehen ganz fantastische surreale Landschaftsbeschreibungen, für die allein sich die Lektüre des Romans schon lohnt. Diese surrealen Landschaften des Unbewussten wirken in ihrer knallig bunten aber zugleich schwermütigen Weise immer originell, was wohl auch an den Elementen eines pseudowissenschaftlichen Science-Fiction-Stils liegt, für den Ballard ebenfalls bekannt geworden ist.

In the early morning light a strange mournful beauty hung over the lagoon; the sombre green-black fronds of the gymnosperms, intruders from the Triassic past, and the half-submerged white-faced buildings of the 20th century still reflected in the dark mirror of the water, the two interlocking worlds apparently suspended at some junction in time, the illusion momentarily broken when a giant water-spider cleft the oily surface a hundred yards away.

Hier muss man sich wirklich jedes einzelne Wort zu Gemüte führen, um den beschwörenden Charakter der Sprache voll und ganz auf sich und die eigene Vorstellungskraft wirken zu lassen. Erst dann entstehen in der eigenen Imagination ganz einzigartige Welten, die man so schnell oder wahrscheinlich nie wieder vergessen wird. Das Bild der „giant water-spider“ zum Beispiel, die die „oily surface“ „cleft“ (herrliches Wort, von to cleave = spalten abgeleitet), hat sich mir komplett eingebrannt und immer wenn ich an dieses Buch denke, erscheint mir sofort diese Wasserspinne vor dem inneren Auge, die das stille Wasser wie ein Stück Holz spaltet.

Im Roman wird stellenweise auf die Surrealisten wie Dali oder Ernst Bezug genommen, aber wie schon gesagt, denke ich, dass Ballard diese nur als Ausgangspunkt zur Erschließung seiner eigenen Traum- und Innenwelten genutzt hat. Und das unterscheidet diesen Roman ganz klar von anderen, eher mittelmäßigen, Science-Fiction-Büchern, die dann doch nur einen Abklatsch des bereits Bekannten anbieten können.

Weniger gelungen sind Ballards Charakterbeschreibungen oder die Schilderung von Liebesaffären. Hier dümpelt er stellenweise im Banalen, weckt Erinnerungen an öde James Bond Filme. Man merkt, dass er andere Interessen hatte, eine Vision verfolgte, und das gelingt ihm in diesem Roman bis auf wenige Ausnahmen von der ersten bis zur letzten Seite.

Ein empfehlenswerter Roman für alle Freundinnen der Science Fiction Literatur und eventuell auch der inzwischen veralteten und die Auswirkungen des Klimawandels, wie wir heute wissen, viel zu harmlos darstellenden „Climate Fiction“, die sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts den Auswirkungen der sich damals immer schneller anbahnenden ökologischen Katastrophe widmete. Leider reichte die Vorstellungskraft der Autor/-innen des frühen 21. Jahrhunderts nicht mehr aus, um das Grauen, das acht Jahre später folgen sollte, für ihre Zeitgenossen überzeugend zu beschreiben, was letztendlich dazu hätte beigetragen können, das Schlimmste noch abzuwenden.

Aber auch Thomas Manns „Zauberberg“ oder „Der Tod in Venedig“, beide nun fast schon 150 Jahre alt, came to mind, die die gesellschaftliche Lähmung vor der Katastrophe des ersten Weltkrieges wiederspiegeln und zum Thema haben.

5 out of 5 stars for this wonderful, 90+-year-old novel.