J.G. Ballard: Vermilion Sands (1971)

„Zinnoberrote Strände“, so könnte man den Titel der Kurzgeschichtensammlung von J.G. Ballard übersetzen. Dieser halbfiktive Ort ist ein Küstenstrich im Süden Kaliforniens und verbindet die neun Geschichten des Autors aus den Jahren 1957-1970 miteinander. Vermilion Sands ist eine surreale, zeitlose Landschaft aus Stränden, Sanddünen, dem Meer, Korallenriffen und Feriendomizilen der Reichen und Kunstschaffenden, die sich in einer nicht näher beschriebenen, zehn Jahre andauernden Phase globaler Langeweile, Lethargie und des ewigen Hochsommers befinden, „The Recess“ genannt.

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Die oftmals dekadenten Figuren geben sich an diesem Ort einer alles verlangsamenden Schwerkraft hin – vor allem einflussreiche, mysteriöse Diven jenseits ihrer Blütezeit, Künstler mit und ohne Talent und Geschäftemacher, die das Geld der alternden Mäzene riechen. Hauptfigur ist jedoch der Schauplatz, der eine hypnotisierende Kraft auf alles und jeden auszuüben scheint, eine surreale Traumlandschaft mit fliegenden Rochen, auf Sanddünen fahrenden Yachten und mit Edelsteinen besetzten Spinnen und Hummern.

J.G. Ballard kann sich solche kitschigen Eskapaden leisten ohne peinlich oder banal zu wirken. Origineller Ideenreichtum und sprachliches Können gehen bei ihm Hand in Hand, was heutzutage, ich muss es leider sagen, nur noch sehr selten in „Literatur“ vorzufinden ist, und anscheinend entweder nur das eine oder das andere sein kann. Häufig keines von beidem.

Ballards sinnliche Sprache übt einen assoziativen Sog aus, der es einem nicht immer leicht macht, konzentriert am Ball zu bleiben. Die ganzen Farben und Formen müssen in der eigenen Vorstellung erst einmal zueinander finden und Gestalt annehmen. Thematisch ist der Kampf zwischen Mensch und animierten Gebrauchs- und Kunstgegenständen ein wiederkehrendes Motiv, was in manchen Fällen drollig anmutet, andererseits aber auch die Ängste vor einer sich verselbständigenden, den Menschen übermannenden Technologie zum Ausdruck bringen soll.

Besonders charmant und beispielhaft ist die Beschreibung einer hochsensiblen und anspruchsvollen, singenden Orchidee, die in der zweiten Kurzgeschichte des Bandes, und Ballards erster veröffentlichter überhaupt, „Prima Belladonna“, dem Erzähler, einem Choro-Floristen (Verkäufer singender Pflanzen) sowie einer mysteriösen Sängerin zum Verhängnis wird.

„Listen!“ She held my arm and squeezed it tightly. A low, rhythmic fusion of melody had been coming from the plants around the shop, and mounting above them I heard a single stronger voice calling out, at first a thin high-pitched reed of sound that began to pulse and deepen and finally swelled into full baritone, raising the other plants in chorus about itself. […] The Arachnid stretched out towards her, calyx erect, leaves like blood-red sabres.

I […] quickly switched off the argon feed. The Arachnid sank to a whimper, and around us there was a nightmarish babel of broken notes and voices toppling from high C’s and L’s into discord. A faint whispering of leaves moved over the silence.

Showing, not telling. So einfach diese Regel ist, so selten wird sie heute noch praktiziert.

So wie die Pflanzen in diesem „kleinen Horrorladen“, so entwickeln auch aus dem Sandboden wachsende, singende Statuen, oder aus hochsensiblem Nervengewebe hergestellte Kleidung aber auch ganze Häuser ein possierliches aber trotz alledem bedrohliches Eigenleben. Dies geht soweit, dass der Erzähler der letzten Geschichte, „The Thousand Dreams of Stellavista“, von seinem eigenen, psychotropen Haus fast ermordet wird.

Etwa nach der Hälfte der Kurzgeschichten stellte sich eine Ermüdung und Übersättigung bei mir ein. Die sich wiederholenden Figurentypen- und konstellationen und farbenfrohen Kuriositäten der surrealen Landschaft, die zu Beginn noch eine flirrende Faszination ausgeübt haben, bieten irgendwann nicht mehr viel Neues. Wie jeder Urlaubsort, an dem man sich eine Weile aufgehalten hat, wird auch dieser irgendwann eintönig und fahl. Die letzten beiden Kurzgeschichten brechen deshalb mit dem bekannten Muster, das die Figuren zum trägen Spielball der äußeren Kräfte (Landschaft und Technik) werden lässt und präsentieren Charaktere, die der einlullenden Verführung größtenteils standhalten und nicht nur gegen sie ankämpfen, sondern sie letztendlich auch kontrollieren können. Der Schreibstil wirkt kräftiger und ironischer. Es deutet sich eine Transformationsphase an, die sich Ende der 60er Jahre auch auf den Schaffensprozess des Autors auswirkte.

Allesamt eine lohnenswerte Lektüre für diejenigen, die englische Literatur im Original lesen können und Science-Fiction Geschichten mögen, in denen die Grenze zwischen utopischen und dystopischen Elementen unklar bleibt, stattdessen die psychologischen Auswirkungen menschengemachter aber auch natürlicher Veränderungen in den Mittelpunkt gerückt werden. Ob die deutschen Übersetzungen die sprachliche Dichte, den verspielten Charme und den augenzwinkernden Umgang mit gängigen Konventionen des Science Fiction Genres des Originals einzufangen imstande sind, vermag ich nicht zu sagen.

Hier, zum Abschluss, eine Kurzbewertung der einzelnen Geschichten:

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[Espressomaschine] Chen Quifan – The Smog Society (2015)

Zweiter Blogeintrag nach der Apokalypse

Die Kurzgeschichte „The Smog Society“ von Chen Quifan befindet sich in der Anthologie „Loosed Upon the World“, die 26 Geschichten aus der damals zu Beginn des 21. Jahrhunderts in Mode gekommenen Rubrik „Climate Fiction“ versammelt. Es sind Geschichten, die sich mit den Auswirkungen des Klimawandels und der globalen Erderwärmung in Gegenwart und Zukunft beschäftigen. Als ein wichtiger Gründungstext dieses Genres wird J. G. Ballards Roman „The Drowned World“ (1962) betrachtet, obwohl hier, anders als in moderner Climate Fiction, der Klimawandel nicht menschengemacht ist.

In „The Smog Society“ stellt Chen Quifan unterschiedliche Beschreibungen einer chinesischen Mega-City gegenüber, Bilder einer unwiederbringlichen Vergangenheit sowie die der bedrückenden Gegenwart.

Through the murky air outside the window, he had to squint to see the tall buildings silhouetted against the yellow-gray background like a sandy-coloured relief print. The cars on the road all had their high beams on and their horns blaring, crammed one against the other at the intersection in one big mess. You couldn’t tell where heaven and earth met, and you couldn’t tell apart the people, either. Passels of pedestrians, dusty-faced under filter masks that made them look like pig-faced monstrosities, …

Bilder von in gelb-graue Dunstglocken getauchte chinesische Großstädte mit vermummten Passanten kannten man schon lange aus den Medien. Unter Chinesen war von einer Airpocalypse die Rede. Chinas rasanter Aufstieg zur Wirtschaftsmacht war immer von Kohleverbrennung abhängig gewesen. Die chinesische Regierung hat erst sehr spät, um das Jahr 2016, dieses Problem mehr oder weniger erfolgreich zur Chefsache erklärt.

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Shanghai at sunset, as seen from the observation deck of the Jin Mao tower. The sun has not actually dropped below the horizon yet, rather it has reached the smog line. 

 

Unterbrochen werden diese dystopisch anmutenden Städtebilder von malerischen Erinnerungen des Protagonisten Lao Sun, wenn er an die frühen Tage seiner Ehe zurückdenkt:

He remembered how it looked in the fall, the red leaves dyeing the hillsides layer by layer trimming the clear blue sky. The white towers and the falling leaves all reflected in the lake’s emerald surface: a tranquil airiness through which the cooing of pigeons drifted. On that day, the two of them had sat in a boat at the center of the lake […] Golden sunlight spilled on the water, glittering. She was covered in golden light too.

Lao Sun ist ein älterer, allein lebender Herr im Ruhestand, den die Frau vor vielen Jahren verlassen hat, und der für eine nicht-staatliche Umweltorganisation, die „Smog Society“, Messungen der Luftqualität durchführt. Er will seinem Leben v.a. eine Strukur geben, denn er scheint, so mutmaßt man früh, an Depressionen zu leiden. Diese haben in den vergangenen zwanzig Jahren, zusammen mit der Luftverschmutzung, an Intensität zugenommen. Die „Smog Society“ will beweisen, dass Umweltverschmutzung und Gemütskrankheiten positiv korrelieren.

For Lao Sun, aside from bronchitis, acute emphysema, asthma, pharyngitis, strokes and the other physical ailments, the most immediate consequence of smog was the sense of removal from the world. Whether you were dealing with people or things, you felt as though you were separated by a layer of frosted glass. […] The city was cocooned. The people were cocooned.

In mehreren Flashbacks erscheinen Lao Sun Szenen seiner kinderlos gebliebenen Ehe. War er zunächst ein fröhlicher Mann, den seine Frau immerzu singen hören wollte, wird er mit den Jahren immer stiller und sieht auch keinen Grund mehr darin, ein Kind in die Welt zu setzen.

„Lao Sun, why aren’t you saying anything? How about I sing you a song? You used to like singing.“

„Mm.“

In einem irrwitzigen Versuch des Selbstschutzes erklärt die „Smog Society“ in ihrem Bericht an die Regierung, dass die Luftverschmutzung stark von der Gemütsverfassung der sie umgebenden Menschen abhängig sei, und diese würde wiederum stark vom Wetter beeinflusst. So könne man in Gegenden, in denen viele Kinder und Jugendliche lebten, eine höhere geistige Gesundheit und somit bessere Luftbedingungen vorfinden. Anders verhalte es sich in der Nähe von Börsenmärkten, dort sei die Luft besonders schlecht. Lao Sun kommt zu dem Ergebnis:

So, smog is caused by how we feel.

Quasi in einer Fußnote wird erwähnt, dass die Luftverschmutzung auch Auswirkungen auf die geistige Gesundheit der Bevölkerung habe. Dies ist Lao Sung allerdings zu wissenschaftlich.

Die Smog Society muss sich auflösen und auch Lao Sung wird „zu einem Tee und Gespräch“ vorgeladen, jedoch bald wieder entlassen. In der letzten Szene fährt Lao Sun auf seinem kunterbunten Fahrrad als Clown verkleidet zu einer für wohlhabende Familien gebauten Kindertagesstätte, um für die Kinder zu singen, die abgeschirmt hinter Glasfassaden und mit frischer, teurer Luft versorgt, ihre Zeit verbringen. Die Kinder freuen sich wie Bolle und schon bald bemerkt Lao Sung, wie sich der Smog lichtet.

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Ende Gelände 2017: Aktivistinnen und Aktivisten und Polizei an der Grube das Tagebaus Hambach (links im Hintergrund); Hambacher Forst bei Morschenich am rechten Bildrand.

 

Und jetzt, ihr Vollidioten der Vergangenheit, unterschreibt ihr gefälligst diese Petition gegen die Abholzung des Hambacher Forsts durch den Energiekonzern RWE. Nicht nur für euch könnt ihr etwas Gutes tun, sondern auch für die nachfolgenden Generationen, ihr lächerlichen Schwachmaten und Wichtigtuer des frühen 21. Jahrhunderts. Der einzige Grund, weshalb wir mit euch Holzköpfen nach der ökologischen Katastrophe überhaupt noch einmal Kontakt aufgenommen haben, ist der, euch klar zu machen, dass ihr tatsächlich in der Lage seid, etwas zu verändern. Seid froh, dass ihr in eurem Land überhaupt die Möglichkeit dazu habt. Friede sei mit euch!

Petition Hambacher Wald: Greenpeace


Foto 1: By Suicup [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)

Foto 2:  By Leonhard Lenz [CC0], from Wikimedia Commons

 

J.G. Ballard / The Drowned World (1962)

Erster Blogeintrag nach der Apokalypse

In jener Zeit, als sich die Leute noch in mehr oder weniger belanglosen Gesprächen über die Vor- und Nachteile des Klimawandels und die Heißzeit austauschten, dabei immer darauf bedacht, humorvoll und entspannt auf das andere Geschlecht zu wirken, hatte ich mir im Sommer 2018 J.G. Ballard zur Hand genommen. Das ist jetzt auch schon wieder einige Jahrzehnte her.

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Von Ballard kannte ich damals nur eine Short Story, „Memories of the Space Age„, an die ich mich, lethargisch auf dem Bette liegend, nasse Handtücher vor dem Ventilator und überall auf dem Körper verteilt, einen Kreislaufkollaps vorbeugend, erinnerte. In dieser Geschichte, die in einem zukünftigen Florida und auf dem ehemaligen NASA-Gelände spielt, verschwindet die uns bekannte Zeit nach und nach, sodass sich der Raum immer weiter ausbreitet und alles zum Erliegen bringt und quasi einfriert. Die Ursachen für dieses Phänomen bleiben unklar, scheinen jedoch menschengemacht zu sein. Die Protagonisten werden immer phlegmatischer und somit unfähiger aber auch unwillig, sich aus ihrer Situation zu befreien. Die „Entzeitlichung“ und ihre Auswirkungen auf die menschliche Psyche scheinen einen betörenden Zauber auszuüben, wie ihn wohl, so hört man ja immer wieder, auch Drogenkonsumenten kennen.

J.G. Ballards zweiter Roman „The Drowned World“ [dt. Karneval der Alligatoren / Paradiese der Sonne] greift diese Lethargie des Raumes ebenfalls auf und zwar von der ersten bis zur letzten Seite. In einer post-apokalyptischen Zukunft hat die Katastrophe bereits stattgefunden, die Polkappen sind abgeschmolzen, die Kontinente stehen unter Wasser, so auch London, wo der Roman spielt, und wo nur noch die oberen Stockwerke der höchsten Wolkenkratzer aus dem Wasser ragen. Schuld war nicht der Mensch, sondern eine Abfolge an Explosionen auf der Sonne. Die Protagonisten sind Militärs und einige Biologen, die in sinnlos erscheinender Routine die sich verändernde Flora und Fauna in ihrer schleichenden evolutionären Rückentwicklung nach der Katastrophe wissenschaftlich begleiten und die letzten renitenten Anwohner evakuieren sollen.

Nicht nur die Umwelt sondern auch der Restbestand an für heutige Verhältnisse immer noch enorm wirkenden fünf Millionen fortpflanzungsunwillig gewordenen Menschen ist in die Prozesse der Veränderung auf dem Planeten Erde nach der ökologischen Katastrophe eingebunden. Die Zeichen stehen auf Untergang der Spezies Mensch.

Beobachten die Biologen einerseits eine De-Evolution der Flora und Fauna, so können sie auch an sich selbst eine evolutionäre Rückentwicklung in frühere Evolutionsstadien, aus denen sich der Mensch heraus entwickelt hat, entdecken. Das lethargische Einsinken in die Traumwelt des Unbewussten und die damit verbundenen verlangsamten Körperfunktionen mit dem Drang sich nicht in die wenigen noch trockenen Gebiete des Nordens zu retten, sondern geradewegs in die Überschwemmungsgebiete des Südens zu wandern, kündigt eine Transformationsphase der menschlichen Entwicklung an, ein Einhalten wie zu Beginn einer Metamorphose, um sich an die neuen Lebensbedingungen anzupassen. Diese Vermischung wissenschaftlicher, psychologischer Theorien mit denen an LSD-Trips erinnernden (wie man so hört) leuchtstarken Traumwelten, verleihen dem Roman seinen ganz eigenen Reiz.

However, I am convinced that as we move back through geophysical time so we re-enter the amnionic corridor and move back through spinal and archaeopsychic time, recollecting in our unconscious minds the landscapes of each epoch, each with a distinct geological terrain its own flora and fauna, as recognisable to anyone else as they would be to a traveller in a Wellsian time machine. Except that this is no scenic railway, but a total reorientation of the personality.

Bis auf einige wilde Abenteuer mit Plünderern passiert in dem Roman eigentlich nicht viel. Und das ist gut so, denn die Inaktivität spiegelt die von Hitze, Malaria und Antibiotikabehandlung erlahmten Lebenskräfte der Protagonisten wieder, deren Wahrnehmung sich mehr in der betörenden Betrachtung der sie umgebenden untergehenden Welt mit all ihren neu- und fremdartigen Formen und Farben ergeht. Dabei entstehen ganz fantastische surreale Landschaftsbeschreibungen, für die allein sich die Lektüre des Romans schon lohnt. Diese surrealen Landschaften des Unbewussten wirken in ihrer knallig bunten aber zugleich schwermütigen Weise immer originell, was wohl auch an den Elementen eines pseudowissenschaftlichen Science-Fiction-Stils liegt, für den Ballard ebenfalls bekannt geworden ist.

In the early morning light a strange mournful beauty hung over the lagoon; the sombre green-black fronds of the gymnosperms, intruders from the Triassic past, and the half-submerged white-faced buildings of the 20th century still reflected in the dark mirror of the water, the two interlocking worlds apparently suspended at some junction in time, the illusion momentarily broken when a giant water-spider cleft the oily surface a hundred yards away.

Hier muss man sich wirklich jedes einzelne Wort zu Gemüte führen, um den beschwörenden Charakter der Sprache voll und ganz auf sich und die eigene Vorstellungskraft wirken zu lassen. Erst dann entstehen in der eigenen Imagination ganz einzigartige Welten, die man so schnell oder wahrscheinlich nie wieder vergessen wird. Das Bild der „giant water-spider“ zum Beispiel, die die „oily surface“ „cleft“ (herrliches Wort, von to cleave = spalten abgeleitet), hat sich mir komplett eingebrannt und immer wenn ich an dieses Buch denke, erscheint mir sofort diese Wasserspinne vor dem inneren Auge, die das stille Wasser wie ein Stück Holz spaltet.

Im Roman wird stellenweise auf die Surrealisten wie Dali oder Ernst Bezug genommen, aber wie schon gesagt, denke ich, dass Ballard diese nur als Ausgangspunkt zur Erschließung seiner eigenen Traum- und Innenwelten genutzt hat. Und das unterscheidet diesen Roman ganz klar von anderen, eher mittelmäßigen, Science-Fiction-Büchern, die dann doch nur einen Abklatsch des bereits Bekannten anbieten können.

Weniger gelungen sind Ballards Charakterbeschreibungen oder die Schilderung von Liebesaffären. Hier dümpelt er stellenweise im Banalen, weckt Erinnerungen an öde James Bond Filme. Man merkt, dass er andere Interessen hatte, eine Vision verfolgte, und das gelingt ihm in diesem Roman bis auf wenige Ausnahmen von der ersten bis zur letzten Seite.

Ein empfehlenswerter Roman für alle Freundinnen der Science Fiction Literatur und eventuell auch der inzwischen veralteten und die Auswirkungen des Klimawandels, wie wir heute wissen, viel zu harmlos darstellenden „Climate Fiction“, die sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts den Auswirkungen der sich damals immer schneller anbahnenden ökologischen Katastrophe widmete. Leider reichte die Vorstellungskraft der Autor/-innen des frühen 21. Jahrhunderts nicht mehr aus, um das Grauen, das acht Jahre später folgen sollte, für ihre Zeitgenossen überzeugend zu beschreiben, was letztendlich dazu hätte beigetragen können, das Schlimmste noch abzuwenden.

Aber auch Thomas Manns „Zauberberg“ oder „Der Tod in Venedig“, beide nun fast schon 150 Jahre alt, came to mind, die die gesellschaftliche Lähmung vor der Katastrophe des ersten Weltkrieges wiederspiegeln und zum Thema haben.

5 out of 5 stars for this wonderful, 90+-year-old novel.

Der Dritte Mann

Wäre letzte Woche nicht eine Endlosschleife an ZDF-History Dokumentationen zum Thema „Deutschland nach ’45“ auf 3Sat zu sehen gewesen, hätte ich vermutlich in unserer hiesigen Stadtbücherei nicht die Noten für das Harry Lime Theme als Bearbeitung für die Sologitarre aus dem Regal gezogen. Da die Bücherei auch eine gute DVD-Sammlung hat, kam „Der Dritte Mann“ gleich mit in den Ausleihkorb. Erst später fiel mir die thematische Verbindung auf.

Den „Dritten Mann“ kannte ich schon vom Fernsehen, bin aber damals kurz nach der Prater-Szene, als das Riesenrad die beiden Protagonisten in den Himmel hebt, eingeschlafen. Im englischen Original, mit der österreichischen Mundart durchzogen, wirkt der Film natürlicher. Merkwürdigerweise wird im Vorspann Joseph Cotten, der Harry Limes (Orson Welles) Freund Holly Martins spielt mit einem dritten „O“ geschrieben, also „Joseph Cotton“. Dies nur am Rande. Peinliche Rechtschreibfehler werden also nicht erst heutzutage gemacht.

Nach dem zweiten Mal kann ich sicher sagen, dass „Der Dritte Mann“ ab sofort zu meinen Top 10 Lieblingsfilmen gehört. Ich würde sogar soweit gehen zu behaupten, dass ich diesen Film als „Henkers-Streifen“ wählen würde, wenn mir vor meinem Tode noch ein letzter Kinofilm zugestanden würde. Allerdings möchte ich dann nicht wie Orson Welles wieder von den „Toten“ auferstehen müssen, auch wenn diese Auferstehung so geschickt und wirklich liebreizend wie die in der „Katzen-Szene“ wäre. Alida Valli („Anna Schmidt“), Harry Limes Ex-Freundin, erzählt ihrem aufdringlichen Verehrer Joseph Cotten, der vergeblich versucht nicht nur sie sondern auch ihr Kätzchen (yes, her pussy) zum Spielen zu animieren, dass diese tatsächlich nur Harry Lime mochte und niemanden sonst. In der nächsten Szene sehen wir genau dieses süße Kätzchen, wie es durch die Straßen streift, und plötzlich in einen dunklen Türeingang springt, um sich dort an die Hosenbeine eines im Schatten versteckten Mannes zu schmiegen und mit seinen Schuhbändel zu spielen. Das ist wirklich genial gemacht. Für solche Szenen braucht es nicht viel technischen Schnickschnack, sondern tatsächlich nur ein wenig Phantasie.

Um noch einmal auf die ZDF-History Folgen zu sprechen zu kommen. Eigentlich schaue ich die nicht, aber manchmal bin ich des Zappens müde. So kam es, dass ich mir etwa vier oder fünf Nachkriegsdokus angeschaut habe. Als deutscher Mensch sollte man das vielleicht tatsächlich ab und zu in regelmäßigen Abständen tun. Wie immer bedrückend waren die Berichte über Massenvergewaltigungen an Zivilisten durch die Soldaten der Besatzungsmächte. Die Geschichten über die Russen sind wohl jedem bekannt, aber dass auch die Amerikaner, Franzosen und Briten Zehntausende Frauen, Kinder (und vermutlich auch Männer) vergewaltigt haben, und nicht nur die deutschen, sondern auch die Zivilbevölkerung der verbündeten Alliierten, wie die Amerikaner in Frankreich zum Beispiel, das war mir neu.

In diesen neuen Forschungsergebnissen kommen die Briten immer noch am besten weg, vor den Franzosen, Amerikanern und dann den Russen. Dies wird zum Teil mit einem gewissen Ehrenkodex in Verbindung gebracht, der im britischen Mititär vorgeherrscht haben soll. Wenn es zu einer Anzeige kam, wurden die Soldaten vors Militärgericht gestellt. Wie dem auch sei, man spricht jetzt von Zehntausenden Vergewaltigungsopfern auch durch britische Soldaten. Diese Zahlen werden zwar auch angezweifelt, aber widerlegen konnte sie meines Wissens noch niemand. Ich würde noch hinzufügen, dass man normalerweise immer „nur“ die Opferzahlen zählt, manche Frauen sind jedoch 30-70 Mal von verschiedenen Männern vergewaltigt worden. Wenn es also um den Akt der Vergewaltigung an sich geht, liegen die Zahlen vermutlich noch höher.

Diese Eindrücke waren noch recht frisch, als ich mir dann ein paar Tage später den „Dritten Mann“ anschaute, der im besetzten Wien spielt. Graham Greene hat das Wien der Nachkriegszeit besucht, um Material für sein Drehbuch zu sammeln. Er ist dann auf die Geschichte mit dem Penicillin gestoßen, die er in das Drehbuch eingebaut hat. Harry Lime, der Ami, verkauft gestrecktes Penicillin an Krankenhäuser und hat deshalb das Leben mehrerer unschuldiger Kinder und auch Erwachsener auf dem nicht vorhandenen Gewissen. Nicht erwähnt werden im Film die Tausenden zivilen Opfer des alliierten Flächenbombardements, was nicht überrascht. Man sieht sie auch nicht. Die Wohngebäude im Nachkriegs-Wien sind zwar größtenteils noch zerstört, aber die Leichen sind inzwischen weggeschafft worden. Auch die Vergewaltigungen werden nicht erwähnt, obwohl ich mir eigentlich sicher bin, dass solche Geschichten auch einem Graham Greene zu Ohren gekommen sein müssen.

Generell zeichnet sich „Der Dritte Mann“ dadurch aus, dass die Briten in Graham Greenes Drehbuch, was auch nicht verwundert, als Besatzungsmächte sehr gut wegkommen. Sie arbeiten, wie es scheint, Tag und Nacht, sind freundlich und bestimmt, und haben, wie ihre dringlichen Aufklärungsversuche im Penicillinskandal zeigen, ein moralisches Gewissen. Wenn ich mich recht erinnere, rät Major Calloway (Trevor Howard) der alleinstehenden Alida Valli sogar, dass sie gut auf sich aufpassen solle, und dass, während die Briten ihre Wohnung unter dem lautstarken Gezeter der Portiersfrau mit fast zehn Mann durchsuchen, um Beweismaterial im Fall Harry Lime zu finden.

„Anna Schmidt“ ist neben den bienenfleißigen und vertrauenswürdigen Briten die einzige Sympathieträgerin des Films. Mit gefälschten Papieren lebt sie, als Tschechoslowakin, in Wien und ist somit erst einmal sicher vor einer Auslieferung an die Russen. Den ständigen Avancen des Amerikaners Holly Martins (Joseph Cotten) gibt sie als unabhängige, junge Frau nicht nach, und es ist wohl ein letztes Zugeständnis an ihre Intelligenz, dass Graham Greene sie letzten Endes nicht mit dem kulturlosen und billige Westerngeschichten schreibenden Amerikaner verbandelt. Anscheinend hat hier wohl auch der Regisseur, Carol Reed, ein Wörtchen mitzureden gehabt. Ein Weg in die Freiheit ist es für sie jedoch auch nicht, wenn sie in der bekannten Schlussszene auf dem Friedhof an Martins vorbeimarschiert ohne ihn eines Blickes zu würdigen, denn sie läuft in Richtung der Kamera in die Stadt zurück.

Das Harry Lime Theme macht sich auch auf der Gitarre gut. Ich kann zur Zeit natürlich nur davon träumen, irgendwann einmal so weit wie der kleine Sungha Jung zu kommen, aber es ist ja noch kein Meister vom Himmel gefallen… oder doch?

Krähengekrächz – Monika Maron (2016)

Ein Schwarm von etwa 300 Rabenkrähen saß letzte Woche in den Kronen dreier Bäume am Bahnhof. Ein lautes Gekrächz war das. Es dunkelte bereits, und als ich mich zu Fuß Richtung Innenstadt aufmachte, flogen zwei Krähen neben mir her. Zuhause angekommen setzten sie sich in den Baum vor dem Fenster. Als ich hinausschaute, sah ich im Abstand von etwa 15 Sekunden immer neue Krähen hinzukommen. Sie stimmten ein lautes Gegackere an. Als es ganz dunkel geworden war, hörte man nichts mehr. Am nächsten Tag waren sie fort.

Auf der Suche nach den letzten, eiligen Weihnachtsgeschenken im Buchladen, fiel mir gestern Monika Marons 64-seitige Erzählung „Krähengekrächz“ in die Hände. Mir ist aufgefallen, dass ich fast nur noch Bücher lese, die die Beziehung zwischen Mensch und Tier, insbesondere unseren gefiederten Freunden, in den Mittelpunkt stellen. Ob dies ein Franzen-Effekt oder auf meine Erfahrungen mit zwei Wanderfalken zurückzuführen ist, die letztes Jahr ebenfalls vor meinem Fenster Rast machten (s. peregrinus), ist mir noch nicht ganz klar geworden.

Mir ist auch aufgefallen, dass viele Neuerscheinungen Vögel auf dem Buchcover zeigen. Hier würde ich von einem ganz deutlichen Franzen-Effekt sprechen: Vögel in der Literatur = Jonathan Franzen = Qualitätsware = viele interessierte Käufer. So sieht wahrscheinlich die Marketingstrategie aus. Eulen sind ja auch wieder in. Der Waldkauz ist sogar zum Vogel des Jahres 2017 ernannt worden. Ich denke, da geht noch mehr.

Mir gefällt diese Entwicklung. Zur Zeit kann ich Bücher nicht mehr lesen, die zwischenmenschliche Beziehungen zum Thema haben. Man hat das Gefühl, es sei alles schon mal dagewesen, bis ins kleinste Detail der Irrungen und Wirrungen ausgelotet, und das Gros der Menschheit hat trotz allem nichts dazugelernt, wird immer dümmer und verroht sogar. Es langweilt mich, da ist eindeutig die Luft raus. Wer stattdessen einem Tier ins Auge schaut, blickt in die Seele des Menschen. Dieser Ansatz der menschlichen Selbsterkenntnis reizt mich viel mehr.

Krähen, so lernt man als erstes in Monika Marons Erzählung, können ihr Spiegelbild und sogar menschliche Gesichter erkennen. Dies ist ein Grund, warum sie als besonders intelligente Lebewesen gelten.

Die Autorin recherchiert für einen neuen Roman und bleibt bei den faszinierenden Krähen hängen. In ihrem Stadtteil in Berlin trifft sie auf mehrere Exemplare, füttert sie, studiert ihr Verhalten, und kann sie sogar, zum Leidwesen ihres Hundes und einer hysterischen Nachbarin, über den Balkon in ihre Wohnung locken. Dass die Krähen schon immer Begleiter des Menschen waren, zeigt sich in ihrer Darstellung in der Literatur, beginnend bei Hugin und Munin über die Droste bis zu Philip Roth, um nur wenige zu nennen, die Monika Maron in einzelnen Beispielen nachzeichnet und vor der Leserin ausbreitet.

Fasziniert ist sie vor allem von dem Gedanken, dass die Tiere seit Beginn der Menschheitsgeschichte die ständigen Gefährten und Beobachter der Menschen gewesen sind, ihre ersten aufrechten Schritte miterlebt haben bis hin zu den millionenfachen Massenmorden der neueren Zeitrechnung. Im Laufe der Geschichte hat sich der Mensch von seinem ehemaligen Gefährten getrennt, den alten Freund sogar zur Hassfigur stilisiert und zum Abschuss freigegeben. Es ist die Wiederbegegnung mit diesen Tieren, die lang verschüttete Erfahrungen im Menschen freilegen. Die Autorin bemerkt im Kontakt mit den Krähen ein gesteigertes Interesse und einen Schub freudiger Erwartung während der Hundespaziergänge.

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Wie den Rabenvögeln so erging es auch dem Wolf im Kontakt mit dem Menschen, der in den letzten Jahren in Deutschland ein zaghaftes Comeback erlebt hat, welches leider auf überbordende irrationale Ängste und völlig anachronistische Verhaltensweisen in der Bevölkerung und vor allem einer unbelehrbaren Jägerschaft gestoßen ist. Die alten Märchen wirken nach. Es ist immer noch der böse Wolf, der das Rotkäppchen und die bettlägrige Großmutter verschluckt und die Krähe, die den baldigen Tod ankündigt und währenddessen Leichen frisst, bevorzugt die von Soldaten auf dem Schlachtfeld. Wenn wir uns klarmachen könnten, dass diese Ängste die Erfahrungen der Opfer, unserer vormals engsten Gefährten, waren, die wir unbewusst übernommen und über die Mythen und Märchen an folgende Generationen „weiterverbt“ haben, dann wären wir schon einen wichtigen Schritt weiter. Diese Geschichten haben die Täter zu Opfern und die Opfer zu Tätern gemacht. Unsere Angst soll uns vor unseren Schuldgefühlen bewahren. Deshalb müssen wir die schlechten Verhaltensweisen wieder auf die Tiere projizieren. Vielleicht hat sich der Mensch in den (Hungers-)Nöten der Geschichte nicht anders verhalten als das von ihm beobachtete Tier. Auch das muss in Betracht gezogen werden.

Nur durch neue Erfahrungen können die alten Projektionen aufgelockert werden. Der Mensch könnte etwas Neues daraus lernen, auch über sich selbst, aber daraus wird nichts, wenn der Wiederbegegnung mit Waffengewalt ein Riegel vorgeschoben wird.

Im Kontakt mit den Krähen setzt sich die Autorin auch mit ihrer eigenen Sterblichkeit auseinander. Sie vermutet, dass sich der Mensch im fortgeschrittenen Alter wieder seinem tierischen Anteil annähert. Sucht man die Versöhnung im letzten Moment? Ist es die Weisheit des Alters die ihresgleichen sucht? Eine klare Antwort bleibt aus. Sie fragt sich auch, warum sie in Filmen der Tod eines Tieres mehr anrührt als der eines Menschen, eine völlig normale Empfindung gegenüber dem schutzlosen, uns anvertrautem Geschöpf, die heutzutage von Gegnern der Tierrechtschutzbewegung, wie zum Beispiel Vertretern der Fleischindustrie, die jährlich allein in Deutschland 792 Mio. Tiere abschlachtet und nicht unwesentlich zur Verschlechterung der Wasserqualität und Verschärfung des Treibhauseffekts beiträgt, wie ein Verbrechen an der Menschheit gedeutet wird. Wer angesichts solcher Tatsachen eine vegetarische oder vegane Ernährungsweise nicht in Betracht zieht, sich stattdessen trotzig auf alte oder religiöse Traditionen beruft, der hat m.E. den Schuss noch nicht gehört.

Deshalb kann ich es auch nicht verstehen, dass Frau Maron die Krähen wiederkehrend mit Geflügelfleischwurst (vermutlich aus der Massentierhaltung) füttert, obwohl es Nüsse und Beeren auch tun würden. Mir fehlt hier der Schritt von der gedanklichen Auseinandersetzung, der Faszination, der Selbsterkenntnis, hin zur Verhaltensänderung, zur frischen Tat raus aus dem Morast bequemer Überzeugungen, der nicht nur individuelle und literarische sondern auch gesellschaftliche Gesichtspunkte miteinbezieht und die Konsequenzen des menschlichen Handelns, und wirkt es auf den ersten Blick auch noch so unbedeutend, auf diesem Planeten neu überdenkt.

Drücke ich bei der unsäglichen Geflügelfleischwurst noch einmal ein Auge zu, dann war Monika Marons Erzählung für mich trotzdem das perfekte Weihnachtspräsent. Ich habe ein Alter erreicht, in dem ich nicht mehr wertvolle Lebenszeit damit vergeuden möchte, belanglosen und womöglich noch grauenvoll geschriebenen Schund zu lesen.

Wer gut geschriebene und nachdenkliche Literatur sucht, die sich mit einem uralten aber wieder aktuellen Thema beschäftigt, das Verhältnis zwischen Mensch und Natur, wird in dieser Erzählung fündig werden.

Vögel im Kleinformat

Zwei kleinformatige Schmuckstücke aus dem hiesigen Antiquariat habe ich gestern im Umtausch gegen drei schlechte CDs erhalten.

Sie sind im Landbuchverlag in Hannover 1965 und -68 erschienen.

Das erste nennt sich „Vogelvolk im Garten“ und wurde von einem obskuren Autoren namens „Fortunatus“ verfasst. Auf etwa 140 kleinformatigen Seiten werden die in den 60er Jahren häufigsten Gartenvögel in Wort und Bild vorgestellt. Und ich betone in den 60er Jahren, denn einige der Arten wird man heutzutage (vergeblich) lange suchen müssen, wie z.B. den Wendehals oder den Distelfink, Vogel des Jahres 2016. Der Autor schreibt im Klappentext, er/sie habe 21 Vogelarten im Garten am Stadtrand gezählt. Ich bin heute auf gerade einmal fünf gekommen. Selbst für die Winterzeit ist das wenig. Es ist traurig. Es muss endlich Schluss sein mit dem ausufernden Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft. In acht von zehn Brötchen findet sich Glyphosat. Also auch der Mensch leidet, nicht nur die Tierwelt.

In kleineren Kapiteln werden insgesamt 35 Gartenvögel vorgestellt. Von jeder Vogelart gibt es ein Farbfoto. Und diese Fotos sind wirklich ein Augenschmaus. Warum? Eben weil es keine mit Photoshop aufgetakelten Digitalfotos sind. Die Farben wirken angenehm erdig und beruhigend, wenig kontrastreich, teilweise etwas über- oder unterbelichtet, aber weil sie so unaufgeregt daherkommen, die Farben nicht so aufdringlich sind, kann man sich besser auf das Motiv und seine natürlichen Eigenheiten konzentrieren und somit den Vogel später in der Natur besser wiedererkennen.

Auch die Beschreibungen der Vögel sind sehr charmant. So erfährt man über die Heckenbraunelle, dass sie

„ein bescheidener und zurückhaltender Vogel“ sei. „Die Hochzeit der Braunelle hat für uns etwas Rührendes an sich. Das Weibchen sitzt mit zitterenden Flügeln da, und das Männchen geht mit ebenso zitternden Flügeln um das Weibchen herum. […] Man muß freilich Glück haben, wenn man diesen Hochzeitstanz beobachten will. Die Braunelle liebt nun einmal die Stille und Heimlichkeit des Unterholzes und der Hecken.“

Wie in jedem guten Vogelbestimmungsbuch finden sich auch hier Beschreibungen der Vogelstimmen. Die Heckenbraunelle gibt ein „scharfes tsi tsi“ von sich. „Der Gesang ist ein eiliges, leises Zwitschern. Im Flug ein trillerndes dididi.“ Sehr schön.

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Das zweite Buch heißt „Der fliegende Edelstein“ von Walter von Sanden-Guja. Auf etwa 70 kleinformatigen Seiten wird der Jahreslauf eines Eisvogels geschildert. Stilistisch erinnert das an rührende Vorlesegeschichten der Kinderzeit mit einem leichten Hang zur Personifikation.

„Die Otter hatten eine ganz andere Zeiteinteilung. Sie verschliefen die Tagesstunden und fischten von der Abenddämmerung bis kurz nach Sonnenaufgang. […] Regelmäßige Gäste an dem Flusse der Eisvögel waren die ganzen Sommer hindurch die schwarzen Waldstörche. Sie hatten ihren Horst weit ab auf einer alten Esche in dem einsamen Bruch eines großen Waldes.“

Gibt es heutzutage überhaupt noch Bruchwälder? Wer weiß, was ein Bruchwald ist?

Die Schilderungen der Autoren zeugen von einer erhöhten Beobachtungsgabe und Aufmerksamkeit.

Man kann nur schützen, was man kennt. Deshalb sind diese Bücher so wichtig.

The End of the End of the World (2016) – Jonathan Franzen

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Was haben ein Königspinguin und Jonathan Franzen gemeinsam? Beide gehören der großen Gruppe der Tetrapoden an und haben bereits Fuß auf die Antarktis gesetzt. Man könnte noch ergänzen, dass beide auf ihre eigene Art ja auch irgendwie süß sind. Meine Mutter meinte kürzlich, mit Blick auf ein Autorenbild, Jonathan Franzen sei ein „interessanter Mann“. Womit sie recht hat, gelesen hat sie ihn allerdings noch nicht, was aber auch nicht wichtig ist, denn es ging ihr mit dieser zustimmenden Geste darum, an einer gesunden Mutter-Tochter-Beziehung zu arbeiten.

Bevor jetzt die strengen Ornithologen unter den Leser*innen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sich fremdschämend abwenden, möchte ich noch schnell darauf hinweisen, dass auf dem Beitragsbild natürlich kein Königspinguin abgebildet ist, sondern, vermutlich, ein Rotschnabelpinguin (pygoscelis papua), in English: gentoo penguin. Auf jeden Fall hängt die Postkarte schon ein paar Jahre am Durchlauferhitzer im Badezimmer.

In seinem neuen Essay, der vor etwa drei Wochen im New Yorker erschienen ist, zieht es den Autor in die bittere Kälte, ans Ende der Welt, in die Antarktis. Die Frage, weshalb es ihn unter allen Reisezielen der Welt genau dorthin verschlägt, lässt sich für Franzen nicht so leichterdings beantworten. Sein Onkel Walt hat ihm eine Erbschaft hinterlassen, der Gedanke kommt ihm daraufhin spontan in den Sinn.

Aus dieser einen Entscheidung erwächst ein ganzer Strauß an Erinnerungen und eine im Laufe der Geschichte dräuende Vision des Älterwerdens, und zwar nicht nur seines eigenen, sondern auch das der gesamten Menschheit auf ihrem einzigen Planeten. Die Geschichte lässt sich aber auch wie ein Märchen lesen, von einem, der auszog, um das Staunen und Lieben (neu) zu (er)lernen.

Mit Onkel Walts Tod und der Aussicht in die Antarktis zu reisen, taucht ein ganzer Rattenschwanz an Verlusterlebnissen wieder aus der Versenkung auf, die im Leben des Autors bedeutsam waren. Schon beim Kofferpacken in Kalifornien überkommt ihn nicht etwa ein Gefühl der Vorfreude, sondern eher eines der absurden Realitätsferne. Während Franzen drei Wochen lang auf einem Luxusliner einer Lindblad National Geographic Expedition von Argentinien aus Richtung Antarktis, Falkland Inseln und Südgeorgien fährt, fügen sich die Erinnerungen in die  Schilderungen des eher monotonen Ablaufes an Bord nach und nach in die Geschichte ein:

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Der frühe Tod der Cousine Gail, Walts Tochter, die bei einem Autounfall ums Leben kam; der Tod seiner Tante Irma, Walts Frau, die sich vom Tod ihrer Tochter nie erholen wird, den ganzen Schmerz erst als regredierte Alzheimerkranke durchlebt; Franzens Eltern, beide ebenfalls tot; der nahende Tod der Mutter seiner Lebensgefährtin („The Californian“), die, um ihre Mutter pflegen zu können, nicht mit auf die Reise in die Antarktis kommen will.

„I felt as if we were alone in the world and being pulled forward toward the end of it, like the Dawn Treader [Reisender der Morgenröte] in Narnia, by some irresistible invisible current.“

Franzens Mutter spielt eine besondere Rolle. Sie ist es, die noch zu Lebzeiten von ihrem Sohnemann die Einhaltung familiärer Pflichten einfordert und ihn auffordert, mit den Eltern Onkel Walt und Tante Irma in ihrem sterilen Haus in Dover zu besuchen. Eine kalte Todeszone, wie die Antarktis, erwartet ihn, wobei die Tante wie eine Eiskönigin in ihrem Reich regiert.

… my mother conveyed to me an invitation from Irma and Walt […] along with her own strict instruction that I say yes. In my imagination, the house in Dover was an embodiment of the zone of bad truth im my head. I went there with a dread which the house proceeded to justify. […] My aunt’s hair was pure white and looked as stiff as the curtains.

Es wird schnell klar, dass ihn ein ausgeprägtes Pflichtgefühl, es der Mutter selbst nach ihrem Tode noch recht zu machen, ins Eis treibt. Was der jugendliche Jonathan Franzen noch nicht sehen konnte, was er aber Jahrzehnte später auf seiner Reise in die Antarktis plötzlich erkennt, ist, dass die Mutter vor allem Onkel Walt eine Freude bereiten wollte, mit dem sie kurz vor ihrem Tod noch eine Liebesbeziehung eingeht. Beide waren „optimistic lover[s] of life, long married to a rigid and depressive Franzen.“ Diese Einsicht führt bei ihm zu einer differenzierteren Sichtweise der alten, voller Vorurteile belegten Eiszone der Vergangenheit. Franzen kann Onkel Walt mit den Augen seiner verliebten Mutter betrachten.

He had a heart full of love and had given it to his broken wife, and I was moved not only by the tragedy but by the ordinary humanity of the man at the center of it. […]  I wondered if my mother had seen in him what I’d now seen, and had loved him for it.

Mit dieser neuen Wahrnehmung ausgestattet, ist der Autor offen für die Schönheiten der Antarktis. Diese Entwicklung mutet etwas konstruiert an, aber die Schilderungen der Pinguine und des blauen Eises sind wirklich das Sahnehäubchen des Essays, allein dafür lohnt sich schon die Lektüre.

Sheltered from wind, the water was glassy, and under a solidly gray sky it was absolutely black, pristinely black, like outer space. Amid the monochromes, the endless black and white and gray, was the jarring blue of glacial ice.

In seiner Beschreibung eines Kaiserpinguins, der auf dem Schiff für große Aufregung sorgt, beweist Jonathan Franzen, dass Worte die Schönheit der Natur oftmals eindrucksvoller wiedergeben können, als die immer wieder gleichen Hochglanzfotos, die bis zum Erbrechen mit Photoshop aufpoliert werden, und für die das National Geographic Magazin ja auch hinlänglich bekannt ist.

And here was an image so indelible that no camera was needed to capture it: the emperor penguin […] faced the press corps in a posture of calm dignity. After a while, it gave its neck a leisurely stretch. Demonstrating its masterly balance and flexibility, and yet without seeming to show off, it scratched behind its ear with one foot while standing fully erect on the other.

Die – ich nenne es einfach mal – „Märchenthematik“ entwickelt sich eingebettet in den schlaglichtartig und anekdotenhaft wiedergegebenen Erlebnissen auf dem Luxusliner. In ihrer Gesamtheit spiegeln sie die gedämpfte Monotonie wieder, welche Ergebnis eines immer wieder auf’s Neue abgespulten Unterhaltungsprogramms für wohlhabende Erwachsene jenseits der 50 ist, die die Verantwortung abgeben, sich umsorgen lassen wollen und somit freiwillig in die Regression begeben. Thomas Manns „Zauberberg“ lässt grüßen.

DSC_0135Das Reiseschiff wird somit einerseits zur Kinderstube, andererseits aber auch zu einem Altenheim auf See. Der Essay liefert einen Vorgeschmack auf einen Altersruhestand in geistloser Langeweile, wie er für geistig aktive Menschen, die es auch bleiben wollen, nur ein Graus sein kann, aber doch irgendwie von der Mehrheit der Menschen herbeigesehnt wird.

In einem Exkurs zur Ökologie der Antarktis und den Auswirkungen des Klimawandels auf diese Region, entwirft der Autor jedoch, jenseits aller persönlichen Visionen des eigenen Älterwerdens, noch ein größeres Bild, eine durchschimmernde Vision vom Schrecken einer zukünftigen Welt, die sich der Mensch ganz nach seiner eigenen Logik selbst erschaffen hat. Diese Welt ist real gekennzeichnet durch das Abschmelzen der Eiskappen, das Verschwinden ganzer Arten und Lebensräume, bar aller Vielfalt, Überraschungen und liebenswerter Andersartigkeit, eine Leere, ein Nichts, eine neue Todeszone.

Die Zukunft der Menschheit im Schatten des schleichenden Klimawandels liegt in greifbarer Nähe. Vielleicht braucht es eine besonders ausgeprägte Sensibilität, um die Folgen bereits jetzt schon wahrzunehmen, aber leugnen lassen sie sich nicht mehr. Jonathan Franzen besitzt diese Sensibilität, zeigt in seinem Essay aber auch, dass die dem modernen Menschen eigene, passive Konsumentenhaltung letztendlich dafür sorgt, dass die notwendig drastischen Maßnahmen nicht umgesetzt werden können. Eine unbequeme Wahrheit kann so keine Veränderung herbeiführen, man flüchtet vor ihr, z.B. auf eine Arche Noah für weiße, wohlhabende US-Amerikaner in der zweiten Lebenshälfte.

Trotz (bzw. wegen) des pessimistischen Grundtenors ist der Essay von Jonathan Franzen das beste, was ich seit langem gelesen habe, und er erinnert die Post-Babyboomer-Generation an ihre besondere Verantwortung, als letzte Generation mit der Möglichkeit, auf diesem Planeten das Ruder doch noch herumzuwerfen, damit der alte Kahn nicht absäuft.


Bilder:

  1. Beitragsbild zeigt eine Postkarte mit einem Bild von A. Schumacher
  2. Alle anderen Bilder von almathun