Krähengekrächz – Monika Maron (2016)

Krähengekrächz – Monika Maron (2016)

Ein Schwarm von etwa 300 Rabenkrähen saß letzte Woche in den Kronen dreier Bäume am Bahnhof. Ein lautes Gekrächz war das. Es dunkelte bereits, und als ich mich zu Fuß Richtung Innenstadt aufmachte, flogen zwei Krähen neben mir her. Zuhause angekommen setzten sie sich in den Baum vor dem Fenster. Als ich hinausschaute, sah ich im Abstand von etwa 15 Sekunden immer neue Krähen hinzukommen. Sie stimmten ein lautes Gegackere an. Als es ganz dunkel geworden war, hörte man nichts mehr. Am nächsten Tag waren sie fort.

Auf der Suche nach den letzten, eiligen Weihnachtsgeschenken im Buchladen, fiel mir gestern Monika Marons 64-seitige Erzählung „Krähengekrächz“ in die Hände. Mir ist aufgefallen, dass ich fast nur noch Bücher lese, die die Beziehung zwischen Mensch und Tier, insbesondere unseren gefiederten Freunden, in den Mittelpunkt stellen. Ob dies ein Franzen-Effekt oder auf meine Erfahrungen mit zwei Wanderfalken zurückzuführen ist, die letztes Jahr ebenfalls vor meinem Fenster Rast machten (s. peregrinus), ist mir noch nicht ganz klar geworden.

Mir ist auch aufgefallen, dass viele Neuerscheinungen Vögel auf dem Buchcover zeigen. Hier würde ich von einem ganz deutlichen Franzen-Effekt sprechen: Vögel in der Literatur = Jonathan Franzen = Qualitätsware = viele interessierte Käufer. So sieht wahrscheinlich die Marketingstrategie aus. Eulen sind ja auch wieder in. Der Waldkauz ist sogar zum Vogel des Jahres 2017 ernannt worden. Ich denke, da geht noch mehr.

Mir gefällt diese Entwicklung. Zur Zeit kann ich Bücher nicht mehr lesen, die zwischenmenschliche Beziehungen zum Thema haben. Man hat das Gefühl, es sei alles schon mal dagewesen, bis ins kleinste Detail der Irrungen und Wirrungen ausgelotet, und das Gros der Menschheit hat trotz allem nichts dazugelernt, wird immer dümmer und verroht sogar. Es langweilt mich, da ist eindeutig die Luft raus. Wer stattdessen einem Tier ins Auge schaut, blickt in die Seele des Menschen. Dieser Ansatz der menschlichen Selbsterkenntnis reizt mich viel mehr.

Krähen, so lernt man als erstes in Monika Marons Erzählung, können ihr Spiegelbild und sogar menschliche Gesichter erkennen. Dies ist ein Grund, warum sie als besonders intelligente Lebewesen gelten.

Die Autorin recherchiert für einen neuen Roman und bleibt bei den faszinierenden Krähen hängen. In ihrem Stadtteil in Berlin trifft sie auf mehrere Exemplare, füttert sie, studiert ihr Verhalten, und kann sie sogar, zum Leidwesen ihres Hundes und einer hysterischen Nachbarin, über den Balkon in ihre Wohnung locken. Dass die Krähen schon immer Begleiter des Menschen waren, zeigt sich in ihrer Darstellung in der Literatur, beginnend bei Hugin und Munin über die Droste bis zu Philip Roth, um nur wenige zu nennen, die Monika Maron in einzelnen Beispielen nachzeichnet und vor der Leserin ausbreitet.

Fasziniert ist sie vor allem von dem Gedanken, dass die Tiere seit Beginn der Menschheitsgeschichte die ständigen Gefährten und Beobachter der Menschen gewesen sind, ihre ersten aufrechten Schritte miterlebt haben bis hin zu den millionenfachen Massenmorden der neueren Zeitrechnung. Im Laufe der Geschichte hat sich der Mensch von seinem ehemaligen Gefährten getrennt, den alten Freund sogar zur Hassfigur stilisiert und zum Abschuss freigegeben. Es ist die Wiederbegegnung mit diesen Tieren, die lang verschüttete Erfahrungen im Menschen freilegen. Die Autorin bemerkt im Kontakt mit den Krähen ein gesteigertes Interesse und einen Schub freudiger Erwartung während der Hundespaziergänge.

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Wie den Rabenvögeln so erging es auch dem Wolf im Kontakt mit dem Menschen, der in den letzten Jahren in Deutschland ein zaghaftes Comeback erlebt hat, welches leider auf überbordende irrationale Ängste und völlig anachronistische Verhaltensweisen in der Bevölkerung und vor allem einer unbelehrbaren Jägerschaft gestoßen ist. Die alten Märchen wirken nach. Es ist immer noch der böse Wolf, der das Rotkäppchen und die bettlägrige Großmutter verschluckt und die Krähe, die den baldigen Tod ankündigt und währenddessen Leichen frisst, bevorzugt die von Soldaten auf dem Schlachtfeld. Wenn wir uns klarmachen könnten, dass diese Ängste die Erfahrungen der Opfer, unserer vormals engsten Gefährten, waren, die wir unbewusst übernommen und über die Mythen und Märchen an folgende Generationen „weiterverbt“ haben, dann wären wir schon einen wichtigen Schritt weiter. Diese Geschichten haben die Täter zu Opfern und die Opfer zu Tätern gemacht. Unsere Angst soll uns vor unseren Schuldgefühlen bewahren. Deshalb müssen wir die schlechten Verhaltensweisen wieder auf die Tiere projizieren. Vielleicht hat sich der Mensch in den (Hungers-)Nöten der Geschichte nicht anders verhalten als das von ihm beobachtete Tier. Auch das muss in Betracht gezogen werden.

Nur durch neue Erfahrungen können die alten Projektionen aufgelockert werden. Der Mensch könnte etwas Neues daraus lernen, auch über sich selbst, aber daraus wird nichts, wenn der Wiederbegegnung mit Waffengewalt ein Riegel vorgeschoben wird.

Im Kontakt mit den Krähen setzt sich die Autorin auch mit ihrer eigenen Sterblichkeit auseinander. Sie vermutet, dass sich der Mensch im fortgeschrittenen Alter wieder seinem tierischen Anteil annähert. Sucht man die Versöhnung im letzten Moment? Ist es die Weisheit des Alters die ihresgleichen sucht? Eine klare Antwort bleibt aus. Sie fragt sich auch, warum sie in Filmen der Tod eines Tieres mehr anrührt als der eines Menschen, eine völlig normale Empfindung gegenüber dem schutzlosen, uns anvertrautem Geschöpf, die heutzutage von Gegnern der Tierrechtschutzbewegung, wie zum Beispiel Vertretern der Fleischindustrie, die jährlich allein in Deutschland 792 Mio. Tiere abschlachtet und nicht unwesentlich zur Verschlechterung der Wasserqualität und Verschärfung des Treibhauseffekts beiträgt, wie ein Verbrechen an der Menschheit gedeutet wird. Wer angesichts solcher Tatsachen eine vegetarische oder vegane Ernährungsweise nicht in Betracht zieht, sich stattdessen trotzig auf alte oder religiöse Traditionen beruft, der hat m.E. den Schuss noch nicht gehört.

Deshalb kann ich es auch nicht verstehen, dass Frau Maron die Krähen wiederkehrend mit Geflügelfleischwurst (vermutlich aus der Massentierhaltung) füttert, obwohl es Nüsse und Beeren auch tun würden. Mir fehlt hier der Schritt von der gedanklichen Auseinandersetzung, der Faszination, der Selbsterkenntnis, hin zur Verhaltensänderung, zur frischen Tat raus aus dem Morast bequemer Überzeugungen, der nicht nur individuelle und literarische sondern auch gesellschaftliche Gesichtspunkte miteinbezieht und die Konsequenzen des menschlichen Handelns, und wirkt es auf den ersten Blick auch noch so unbedeutend, auf diesem Planeten neu überdenkt.

Drücke ich bei der unsäglichen Geflügelfleischwurst noch einmal ein Auge zu, dann war Monika Marons Erzählung für mich trotzdem das perfekte Weihnachtspräsent. Ich habe ein Alter erreicht, in dem ich nicht mehr wertvolle Lebenszeit damit vergeuden möchte, belanglosen und womöglich noch grauenvoll geschriebenen Schund zu lesen.

Wer gut geschriebene und nachdenkliche Literatur sucht, die sich mit einem uralten aber wieder aktuellen Thema beschäftigt, das Verhältnis zwischen Mensch und Natur, wird in dieser Erzählung fündig werden.

[ESPRESSOMASCHINE] Hilary Mantel – The Assassination of Margaret Thatcher (2014)

[ESPRESSOMASCHINE] Hilary Mantel – The Assassination of Margaret Thatcher (2014)

ESPRESSOMASCHINE TEIL IV

HEUTE: Hilary Mantels „The Assassination of Margaret Thatcher“

WIN_20151224_135103Gestern habe ich mir Hilary Mantels Kurzgeschichtensammlung „The Assassination of Margaret Thatcher“ (Die Ermordung Margaret Thatchers) in der handlichen Paperback Ausgabe zu Weihnachten geschenkt. Ich habe ihre beiden mit zwei Booker Preisen ausgezeichneten historischen Romane „Wölfe“ (Wolf Hall) und „Falken“ (Bring Up the Bodies) über Thomas Cromwell und Henry VIII. bislang nicht gelesen. Es war vor allem der schöne Titel der Sammlung, der mich in vorweihnachtlicher Verzückung zugreifen ließ.

Als der Guardian im September letzten Jahres die gleichnamige Kurzgeschichte exklusiv veröffentlichte, war die Empörung vor allem im konservativen Lager groß. Man zeigte sich „enttäuscht“ von der beliebten Autorin, die erst Mitte des Jahres von der Queen zur „Dame“ erhoben worden war. Man bezeichnete die Geschichte gar als „gefährlichen Unsinn“, „geschmacklos“ und „verbotene Zone“. Ein Mitglied des Oberhauses, Lord Bell, forderte sogar Scotland Yard einzuschalten.

Dieses Vergnügen hatte Ende der 80er Jahre auch der Smiths-Sänger Morrissey, nachdem er in seinem eingängigen Liedchen „Margaret on the Guillotine“ zum Mord an Thatcher aufgerufen hatte. Im Grunde ein schönes Weihnachslied.

Quelle: YouTube

The kind people
Have a wonderful dream
Margaret on the guillotine
Cause people like you
Make me feel so tired
When will you die?

And people like you
Make me feel so old inside
Please die

And kind people
Do not shelter this dream
Make it real

Hilary Mantel ist also nicht die erste, die sich mit einer Ermordung Thatchers beschäftigt hat. „Thatchercide“ – die mentale Auseinandersetzung mit eben dieser Tatsache – hat eine lange Tradition in Great Britain, und es gab sie schon zu Lebzeiten der „Iron Lady“, die 2013 87-jährig an den Folgen einer Demenzerkrankung verstorben ist.

Wer wie ich in den 80er Jahren aufgewachsen ist, wird sich an das bedrückende Dreigestirn Reagan-Thatcher-Kohl noch gut erinnern. 1990 reiste ich mit einer Klassenkameradin für zwei Wochen sehr günstig nach Südengland. Wir wohnten bei einem jungen englischen Paar, beide arbeitslos, er bärtiger Seemann und politisch aktiv gegen die „Poll Tax“, die englische Kopfsteuer. Seinen Hass auf Thatcher erinnere ich noch gut. Ebenso gut erinnere ich das Frühstück, das er uns morgens pfeifend zubereitet hat: in 2 cm hoher Fettsoße ersoffene Rühreier serviert mit lauwarmen Baked Beans auf knusprigem Toast. So etwas erlebt man nur in England. Zwei Tage lag ich mit einer Lebensmittelvergiftung im Bett, während mich die beiden verflohten Familienlabradore abwechselnd besuchten. Aber es waren nette Leute, kind people.

Kurzum: Man sollte nicht danach fragen, was eigentlich freundliche Zeitgenossen dazu treibt, sich eine Ermordung ihres Regierungsoberhauptes vorzustellen, sondern eher, warum es immer wieder Personen in Führungspositionen schaffen, die Gefühle von tiefstem Hass in sonst friedliebenden Menschen heraufzubeschwören in der Lage sind. Ich habe mir über dieses Phänomen lange Zeit Gedanken gemacht, und bin letztendlich zu dem Ergebnis gekommen, dass es sich nicht nur um eine, nach Melanie Klein, projektive Identifizierung handelt, also die unbewusste Übernahme und das Ausagieren verdängter Gefühle des Regierenden durch die Regierten (sehr interessanter Prozess übrigens), sondern auch einfach die Tatsache, dass es Führungspersonen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung gibt, deren Handeln vor allem ein angeknackstes Selbstwertgefühl verdeckt kompensieren soll. Solche Leute dienen nicht den ihnen anvertrauten Menschen, sondern nur den Autoritätspersonen, von denen sie sich selbstwertstabilisierende Anerkennung erhoffen. Offensichtlich war die Thatcher so eine.

Okay, wieder mal abgeschweift. Aber macht ja nichts. Ist ja Weihnachten.

Hilary Mantel also scheint Morrisseys Wunsch nachgekommen zu sein. In ihrer Mordgeschichte wird die Thatcher tatsächlich von einem IRA-Scharfschützen erschossen.

Picture first the street where she breathed her last.

So beginnt die Geschichte. Es ist der Sommer 1983 und die Thatcher unterzieht sich in einer Klinik in der südwestlich an London angrenzenden Stadt Windsor, wo man Vivaldi und Perrier konsumiert, einer Augen-OP. Es ist ein Jahr nach dem für die Briten erfolgreich verlaufenden Falkland-Krieg und ein Jahr vor dem Bombenanschlag der IRA auf das Grand Hotel in Brighton, das die Thatchers mit Glück überleben.

DSC_0120 (3)Die Erzählerin ist eine Anwohnerin in der Nähe des Krankenhauses, die von ihrem Schlafzimmerfenster aus einen hervorragenden Blick auf den Hintereingang des Hospitals hat. An dem Tag, an welchem die Thatcher entlassen wird, verschafft sich ein IRA-Scharfschütze Zugang in ihr Haus. Es entspinnt sich ein interessantes Kammerspiel, in welchem sich beide bei einer Tasse Tee über das Für und Wider eines Attentats unterhalten, und bei welchem die Erzählerin sich mehr und mehr für das Vorhaben erwärmen kann, dem Attentäter sogar eine vorteilhafte Fluchtmöglichkeit unterbreitet.

Das Zeitkolorit der frühen 80er Jahre wird von Mantel überzeugend eingefangen. Die britische Klassengesellschaft mit ihrem Snobismus spiegelt sich zum Beispiel in Auseinandersetzungen darüber, ob man Zucker in den Tee nimmt oder nicht. Jilly Cooper und Adrian Mole lassen grüßen.

‚Make us another brew. And put sugar in it this time.‘

‚Oh,‘ I said. I was flustered by a failing in hospitality. ‚I didn’t know you took sugar. I might not have white.‘

‚The bourgeoisie, eh?‘

I was angry. ‚You’re not too proud to shoot out of my bourgeois sash window, are you?‘

He lurched forward, hand groping for the gun.

Die Mantel hat Humor und ich musste beim Lesen nicht nur einmal schmunzeln. Die Leserin nimmt Anteil an der emotionalen Wankelmütigkeit der Erzählerin, die zwischen Abgrenzung zum bildungsfernen Sniper und Identifikation mit der Sache hin- und herschwankt.

I had said to him earlier, violence solves nothing. Bit it was only a piety […] , and if I thought about it, I felt a hypocrite. It’s only what the strong preach to the weak: you never hear it the other way round; the strong don’t lay down their arms.

Besonders hervorzuheben ist Mantels Prosa, die sich so liest, wie sich eine ayurvedische Abyanga Stirnguss-Massage anfühlt. In der Filmsprache würde man wohl von längeren Kameraschwenks reden, die mit auktorialer Souveränität ganze Umgebungen in ihren Details szenisch einfangen und so eine Stimmung von leichter Erhabenheit vermitteln. Mir hat das gefallen, vor allem auch deshalb, weil es ein ganz eigener, lyrischer Stil ist, der mir so vorher noch nicht untergekommen ist.

Ich freue mich schon auf die anderen Geschichten in „Die Ermordung der Margaret Thatcher“, einem schönen Buch für die Weihnachtszeit. Im Januar strahlt arte die sechsteilige BBC-Serie „Wolf Hall“ aus. Ich werde dabei sein. Wer nicht so lange warten kann, schaut sich vielleicht noch einmal den wirklich gelungenen und unterhaltsamen Film „The Iron Lady“ mit Merryl Streep an.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern des Blogs eine entspannte und, falls möglich, erholsame Weihnachtszeit!

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Bilder

Espressotasse: © Nevit Dilmen [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)%5D, via Wikimedia Commons

alle anderen Bilder: almathun

1979: DORIS LESSING – Canopus im Argos: Archive; Betr.: Kolonisierter Planet 5; SHIKASTA; Persönliche, psychologische und historische Dokumente zum Besuch von JOHOR (George Sherban); Abgesandter (Grad 9); 87. der Periode der Letzten Tage

1979: DORIS LESSING – Canopus im Argos: Archive; Betr.: Kolonisierter Planet 5; SHIKASTA; Persönliche, psychologische und historische Dokumente zum Besuch von JOHOR (George Sherban); Abgesandter (Grad 9); 87. der Periode der Letzten Tage

Auszüge aus: BEMERKUNGEN der Bloggerin Almathun über den Roman SHIKASTA von Doris Lessing (1979). LEITFADEN FÜR LESENDE DES ROMANS IN VERGANGENHEIT, GEGENWART UND ZUKUNFT

Mir liegt die deutsche Erstauflage des Fischer Verlags von 1983 vor. WIN_20151107_210239

Doris Lessings erster Science Fiction Roman von 1979 ist nichts Geringeres als eine Weltchronik der Menschheit aus der Perspektive einer wohlwollenden und vernünftigen Intelligenz, die ihr Machtzentrum auf dem Planeten Canopus im Argos hat. Lessing war so begeistert von diesem Konzept, dass innerhalb weniger Jahre vier weitere Bände dieser Serie erschienen. Auf die so entstandene Canopus-Pentalogie war sie immer besonders stolz und bezeichnete sie als ihre wichtigste Errungenschaft.

1977 war das Sternenepos Star Wars in den amerikanischen Kinos angelaufen. Die Zeichen standen auf großangelegte, mehrteilige Epen, die in die unendlichen Weiten des Universums verlegt wurden und dabei in alttestamentarischer Manier den Kampf von Gut gegen Böse neu aufzuwärmen verstanden. Mit Prinzessin Leia ist hier erstmals eine starke, mit Laserpistolen herumfuchtelnde, freche Frau im Weltall unterwegs. Über die Frisur werde ich mich jetzt nicht auslassen.

Jean-Francois Lyotard

1979, fast zeitgleich mit Shikasta, veröffentlicht Jean-Francois Lyotard seine wegweisende Studie „Das postmoderne Wissen“, in welcher er „Das Ende der großen Erzählungen“ postuliert. Meta-Erzählungen oder Mythen, die bestehende Machtstrukturen legitimierten, indem sie die Erfahrung der Machtlosen ausklammerten oder verzerrten, hätten an Bedeutung verloren.

[Es gibt sie in allen Religionen (Patriarchat), dem Marxismus, der konventionellen Geschichtsschreibung oder in Propagandafilmen à la Hollywood. In der Populärkultur feiert die Meta-Erzählung weiterhin fröhliche Urstände. Bloggerin Almathun]

WEITERE ERLÄUTERUNGEN aus dem Lesetagebuch von Almathun: Ausgewählte Materialien

Shikasta nun, um Himmels willen, ist all dies zusammen. Auf den ersten 200 Seiten wird reichlich zäh und ermüdend die Vorgeschichte der Menschheit auf dem Planeten Rohanda (= die Blühende), später, nach einer kosmischen Katastrophe Shikasta (= die Verletzte) genannt, nachgezeichnet. Frei nach Erich von Däniken sind die Menschen ein Experiment der Canopäer zum Zwecke der Kolonisierung des Planeten.

Dieser erste Teil ist langatmig wie Geschichten aus der Bibel oder andere religiöse Mythen. Berichte des canopäischen Emissärs Johor vermischen sich dabei mit Auszügen aus einem fiktiven Geschichtsbuch zur Entwicklung Shikastas, Band 3012, für Erstsemester des Faches „Canopäische Kolonialherrschaft“ geschrieben, und weiteren Materialien. Schon hier wird der fragmentarische Erzählstil des Romans eingeführt, der zum Ende hin die konventionelle Erzählstruktur komplett aufbricht.

Diesen ersten Teil des Buches habe ich nur mit äußerster Mühe und Not durchgestanden, so öde war das alles. Die Erzählerfigur Johor, ein (unbeabsichtigt?) moralisierender Spießer mit paternalistischen Zügen, trägt ihr Übriges dazu bei.

In diesem korrupten und schrecklichen Zeitalter konnte der junge Mann dem Druck von allen Seiten, der ihn vom Pfad der Pflicht abzubringen versuchte, nicht entgehen, und er erlag ihm schließlich, kaum fünfundzwanzig Jahre alt. Er war sich bewusst, dass er etwas Schlimmes tat. Junge Menschen haben oft Augenblicke gedanklicher Klarheit, die mit zunehmendem Alter seltener und verschwommener werden.

Die allwissende Erzählperspektive, auch wenn sie als Ich-Erzählung aufgezogen ist, fordert ihren Tribut. Zuviel telling, zu wenig showing. Das ist auch der Grund, weshalb die alten Klassiker so schwer zu lesen sind. Unsere postmodernen Gehirnstrukturen halten diesen Meta-Einheitsbrei einfach nicht mehr aus.

ALMATHUN fährt fort

Aber, dem Himmel sei Dank, habe ich den Roman doch weitergelesen. Je mehr sich die Geschichte dem 20. Jahrhundert nähert, desto zusammenhangloser wird die Struktur (Briefe und Tagebucheinträge unterschiedlicher Shikastianer wechseln sich fröhlich ab) und desto realistischer und sozialkritischer wird die Darstellung des Geschehens.

Es scheint, als wolle Lessing in ihrem Roman u.a. die Entwicklung der Historiographie auf formaler Ebene nachzeichnen [Fußnote 1], da die neuere Geschichtsschreibung auch auf eine vielseitigere Quellenlage rekurrieren und somit eben bislang ungehörte Stimmen aufgreifen kann, die in den großen Erzählungen der Vergangenheit keinen Platz fanden. Im Roman wird die subjektive Konstruktion von Geschichte aus einzelnen Puzzleteilen deutlich vor Augen geführt.

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Die letzte Seite des Berichts zur 87. Periode der Letzten Tage. (Eintritt in die Menopause?)

Damit zeichnet sie in der narrativen Struktur des Romans die Ontogenese der Historiographie nach, so wie Joyce es im Ulysses auf der sprachlichen Ebene für die Entwicklungsgeschichte der englischen Sprache getan hat. Lessing konnte die Digitalisierung des Wissens nicht voraussehen, deshalb bleibt der Roman auch in seiner Schilderung des Dritten Weltkrieges und der anschließenden Verurteilung der weißen Rasse bei Tagebucheinträgen und Briefwechseln als fiktives Quellenmaterial stehen. Hier hätte ich mir dann doch etwas mehr Experimentierfreude gewünscht, wie z.B. ein paar VHS-Kassetten in dem Literaturverzeichnis für Studierende ganz am Ende des Romans.

ALMATHUN berichtet weiter

Innerhalb dieser großen Meta-Erzählung zur Geschichte der Menschheit auf Shikasta verfolgt Lessing ein weiteres Großprojekt. Waren die alten Mythen vor allem Ausdruck patriarchalischen Herrschaftsverständnisses und Interpretation der Welt in diesem Sinne, in der die weibliche Erfahrung und die anderer unterdrückter Gruppen ausgeklammert wurde, gewinnen sie in Shikasta endlich an Geltung, eingebettet in eine ebensolche große, mächtige und sinnstiftende Erzählung.

In den Tagebucheinträgen von Rachel Sherban schreibt sich eine ganz persönlich gehaltene, weibliche Stimme in den Roman ein, in der Schilderung des Prozesses gegen die weiße Rasse am Ende des Romans, kommen die unterdrückten Völker der Erde in ihrer Anklage zu Wort. Interessanterweise wird hierfür eine neue Figur eingeführt, ein Chinese, Genosse Chen Liu, Spion der stärksten Nation am Ende des 20. Jahrhunderts. Seine systemkonformen Berichte an den Rat in Peking werden parallel durch seine Privatkorrespondenz mit einem Freund, in der er sich vor allem systemkritisch äußert, wieder relativiert.

In Shikasta finden sich nicht nur Anleihen aus den ersten Schriften über die menschliche Frühgeschichte wieder, sondern auch Elemente aus der in den 70er Jahren aktuellen Populärkultur. Die 3er-Konstellation von Prinzessin Leia, Luke Skywalker und Han Solo in Star Wars zeigt auffällige Parallelen zum Gespann des Geschwistertrios Rachel, Benjamin und George Sherban. In einer Szene tritt sogar ein haariges Chewbacca-artiges Fellwesen auf, das nur jaulend kommuniziert und Johor tatkräftig zur Seite steht.

Wie um zu beweisen, dass sie ganz bestimmt keine Feministin ist, denn das hat die Lessing immer strikt von sich gewiesen, lässt sie die weibliche Erzählstimme Rachel Sherban kurz vor dem Ende Selbstmord begehen. Sie hatte sich den Anweisungen ihres Bruders George widersetzt. Das letzte Wort haben wieder die männlichen Shikaster, die jungen Müttern zu ihren neu geborenen Söhnen gratulieren. Die Mütter wünschen sich keine Töchter, freuen sich ganz offensichtlich mehr über Jungen. Dies hinterlässt in der allgemeinen Freude über die letztendlich geglückte Utopie friedlichen Beisammenseins am Ende des Romans einen widerlichen Nachgeschmack und wirft berechtigte Zweifel an der Glaubwürdigkeit des gesamten Kolonialberichtes sowie der Fortschrittlichkeit der Kolonialmacht Canopus auf.

WIN_20151108_085745Der Roman hat mich phasenweise wirklich begeistert, vor allem zum Ende hin wurde er richtig poetisch und auch ergreifend. Davon hätte ich mir mehr gewünscht. Hauptdarsteller ist jedoch die auffällige Struktur des Buches, die noch während der Lektüre den Denkprozess in Wallung bringt und über die etwas ambivalente, fragwürdige Ideologie der Geschichte hinwegtröstet, denn gerettet werden die Menschen vor den bösen Energien des Planeten Shammat ausschließlich von männlichen Figuren. Kein Abgesandter kommt auf die Idee, sich als Frau zu reinkarnieren. Der Roman zelebriert eine erzkonservative Gesinnung im postmodernen Gewand, gespickt mit sozialkritischem Realismus und Anleihen an den Marxismus. Weniger ist manchmal mehr, Frau Lessing.

Hoch anrechnen muss man der Autorin, dass es ihr gelingt die humanen Grundwerte unserer Zivilisation gegen die Tendenzen der postmodernen Auflösung zu verteidigen. In welchem Verhältnis muss das Individuum zur Gemeinschaft stehen, um ein friedfertiges und effektives Zusammenleben zu gewährleisten? Ihre Dystopie verwandelt sich am Ende in eine Utopie, weil die Menschen ein Ideal vermittelt bekommen, einen Soll-Zustand, an dem sie sich orientieren können. Sie zeigt, dass ein wünschenswertes Bild einer Zukunft konstruiert und über kulturelle Rituale die Erinnerung daran gepflegt werden muss. Bildung und Erziehung, zum Erwerb und der Pflege der Kulturtechniken, auch Empathie gehört dazu, sind der Motor des sozialen Wandels.

Somit enthält der Roman auch eine immer noch aktuelle Kritik am Ist-Zustand der Hier & Jetzt-Ideologie des Kapitalismus, die die Notwendigkeit des totalen Konsums zur beglückenden, ego-geleiteten Bedürfnisbefriedigung als quasi-religiösen Utopieersatz einfordert.

Ob ich jedoch die anderen vier Teile der Canopus-Pentalogie lesen werde, steht noch in den Sternen.

Fußnote 1: Mir ist nicht bekannt, ob diese Idee bereits an anderer Stelle entwickelt wurde, würde mich über Literaturhinweise diesbzgl. freuen, falls dies so sein sollte.

Bilder:

  1. Lyotard: Bracha L. Ettinger [CC BY-SA 2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)%5D, via Wikimedia Commons
  2. Foto vom Buchumschlag und der letzten Seite sowie der Pilzwiese: Almathun

ALZHEIMER & CO. / Iris: A Memoir – John Bayley (1998)

ALZHEIMER & CO. / Iris: A Memoir – John Bayley (1998)

DSC_0039Ist Iris Murdoch (1919-1999) heutzutage nur noch wegen ihrer Alzheimer Erkrankung ein Thema? Ich hatte ihren ersten Roman „Under the Net eher teilnahmslos gelesen, trotzdem fasziniert mich da etwas. Ist es das Wissen um ihre Biographie oder sind es doch die untergründig fortwirkenden Texte einer bedeutenden Schriftstellerin?

In den 80er Jahren, als man unter dem Druck gesellschaftlicher Veränderungen in Deutschland endlich anfing, vermehrt Literatur von Frauen auf den Markt zu bringen, wie bei Herbststeib schön nachzulesen, entdeckte man auch die Anglo-Irin Iris Murdoch als eine Stimme, die sich nicht so recht in die gängigen Klischees des „ewig Weiblichen“ einordnen ließ und die trotzdem gesellschaftliche Anerkennung erfahren hatte.

Es ging – vermute ich mal – um alternative Rollenvorbilder, weniger um die Romane selbst. Ich selbst war zu jener Zeit noch ein Kind, von meiner Mutter in stabile Cordhosen und praktische Gelee-Sandalen zum Herumtoben gesteckt, und kann es nicht wirklich beurteilen.

Was an Iris Murdoch überhaupt noch interessiert: Werk oder Biographie, fragte ich mich auch bei der Lektüre von Jonathan Franzens aktuellem Roman „Purity“. Der Name Iris Murdoch taucht hier zweimal auf. Die Mutter von Andreas Wolf, dem sexsüchtigen Ostdeutschen und späteren Internet-Leaker, ist Anglistikprofessorin in der DDR, ihr Mann ein einflussreicher Parteifunktionär. Sie ist von Murdoch begeistert und frohlockt, als im Regal ihres Sohnemanns Iris Murdoch entdeckt.

„You have books I’d like to borrow,“ she said, moving to his shelves. „It does my heart good to see how many of them are English.“ She pulled a title off a shelf. „Do you admire Iris Murdoch as much as I do?“

Iris Murdoch war in ihren jungen Jahren Kommunistin. 1987 ließ sie sich von der Queen zur Dame Commander of the Order of the British Empire erheben. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Eine Frage, die ich Jonathan Franzen nach der Lesung in Hamburg gerne gestellt hätte, aber leider unwirsch davon abgehalten wurde, wäre die nach Iris Murdoch gewesen. Franzens Vater hatte Alzheimer (My Father’s Brain) wie Murdoch. Pip, die sympathische Protagonistin aus  „Purity“ kann, wie auch ihre Mutter Anabel, hervorragend riechen. Anders Iris Murdoch, die, wie wir von ihrem Mann John Bayley in „Iris: A Memoir“ erfahren, keinen Geruchssinn hatte, wie es bei Alzheimer und Demenz nicht selten vorkommen kann, aber das scheint Bayley nicht bewusst gewesen zu sein.

Either sex may or may not be able to feel the pleasure or pain of other persons, just as either sex can possess or lack a sense of smell. Iris, as it happens, has no sense of smell, and her awareness of others is transcendental rather than physical.

Der Bezug zu Iris Murdoch wird bei Franzen als Mittel der Charakterisierung zweier eher unsympathischer Figuren verwendet. Die linientreue Anglistikprofessorin und ihr mordender Sohn sind nach der Wende in der Lage, ihre Vergangenheit erfolgreich zu vertuschen. Die Vorliebe für Murdoch ist hier Ausdruck einer Affinität für Personen, die sich aufgrund einer Alzheimer-Erkrankung nicht mehr ihrer Vergangenheit stellen müssen. Für die Wolfs gibt es jedoch keine „Erlösung„. Beide müssen sich zeitlebens an ihre Vergangenheit erinnern, zerbrechen letztendlich daran. Ohne es von Herrn Franzen selbst gehört zu haben, vermute ich, dass er bei der Erwähnung von Iris Murdoch v.a. die Alzheimer-Erkrankung im Hinterkopf hatte.

Während sich Franzen des Namens Murdoch in symbolhafter Weise bedient, erfährt man in John Bayleys Biographie mehr über den Menschen Murdoch, über ihre Ehe, ihr berufliches und gesellschaftliches Leben in Oxford in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, über die Familie.

Die beiden waren 43 Jahre verheiratet, bis Murdoch 1999 79-jährig verstarb. Der um einige Jahre jüngere Bayley, Literaturprofessor in Oxford, überlebte sie um 16 Jahre, und starb im Januar diesen Jahres. Zwei Bücher hat er über seine Zeit mit Iris Murdoch geschrieben.

DSC_0039Wie es so kommt, eigentlich wollte ich von oder über Iris Murdoch erst einmal nichts mehr lesen, aber dann entdeckte ich dieses Exemplar in der Grabbelkiste des hiesigen Schmuddelantiquariats und griff beherzt zu. Den Film „Iris“ aus dem Jahr 2001, der auf den Schilderungen Bayleys beruht, kann ich leider nicht empfehlen. Kate Winslet als die junge Murdoch ergeht sich zu oft in ihrem antrainierten, viel zu breiten Hollywood-Lächeln. Da kann auch die letztendlich ahistorische Kurzhaarfrisur mit angeföntem, jungenhaftem Strubbeleffekt nichts mehr retten. Erinnerungen an Mel Gibsons Frisur in „Braveheart“ kommen wieder hoch und verderben einem wirklich alles. Schöner und treffender sind da die Beschreibungen Bayleys:

She was looking both absent and displeased. Maybe because of the weather, which was damp and drizzly. Maybe because her bicycle was old and creaky and hard to propel. Maybe because she hadn’t yet met me? Her head was down, as if she were driving on thoughtfully towards some goal, whether emotional or intellectual. I remember a friend saying playfully, perhaps a little maliciously, after she first met Iris: „She is like a little bull.“

In dem, wie ich finde, passenden Bild eines „kleinen Bullen“ erkennt man die Murdoch sofort. Sie entsprach nie den gängigen Vorstellungen eines Vorzeige-„girls“, so Bayley, sondern war halt nur sie selbst, völlig unbeeindruckt vom Geschlechtergeplänkel ihrer Umwelt. Bayley ist nicht der erste, der hervorhebt, dass der Geist des Menschen geschlechtslos ist, und Iris Murdoch war definitiv ein in ihren Studien der Philosophie aufgehendes, vergeistigtes Wesen. Wichtig war es ihr verliebt zu sein. Sex hatte sie auch, aber das lief halt nebenher.

[…] she had remarked with brisk indulgence „Perhaps it’s time we made love,“ and she had shown me how. […] she was much too busy and interested in other things to make a habit of it, so to speak.

Dennoch war in den Augen John Bayleys anscheinend die ganze Welt in seine Iris verliebt. Ob dies tatsächlich so war, wollen wir nicht in Frage stellen, charmant und liebenswert wie seine Schilderungen ihrer Beziehung sind. Ganz Oxford, Männer sowie Frauen, lagen ihr verliebt zu Füßen, u.a. auch der Altphilologe Professor Eduard Fränkel, mit dem Murdoch, zur großen Beunruhigung Bayleys, in trauter Zweisamkeit altgriechische Texte übersetzte:

She had already told me how fond she had been of Fraenkel, both fond and reverential. In those days there had seemed to her nothing odd or alarming when he caressed her affectionately as they sat side by side over a text, sometimes half an hour over the exact interpretation of a word […] That there was anything dangerous or degrading in his behaviour, which would nowadays constitute a shocking example of sexual harassment, never occured to her. In fact her tutor at Somerville College, Isobel Henderson, had said with a smile when she sent Iris along to the professor, „I expect he’ll paw you about a bit.“

Diese Beschreibung lässt die Berichte von Murdochs angeblich sexuellen Freizügigkeiten in einem anderen Lichte erscheinen. Es bleibt unklar, inwieweit sie selbstbestimmt war oder meinte, sich den Gepflogenheiten des Oxforder Lehrbetriebs anpassen zu müssen. Sue Bridehead, die Heldin in Thomas HardysJude the Obscure„, springt aus dem Fenster, als sich ihr der alte Schulmeister Phillotson in der Hochzeitsnacht nähert. Ich fand Hardy in seiner Darstellung weiblicher Gefühlswelten schon immer sehr realistisch.

Bayleys Biographie liest sich ratzfatz durch. Da ist jemand, der sich klar undDSC_0047 deutlich verständlich machen kann und trotzdem die feinen Nuancen einfängt. Aus einem angenehm selbstironischen Blickwinkel erzählt er von seiner Zeit mit Murdoch, schafft es gleichzeitig, einen ernsteren Ton anzuschlagen, wenn es um die Erfahrungen mit der Alzheimerkrankheit geht. Dabei schreibt er  nicht chronologisch. Bei der Abfassung des Buches lebte Murdoch noch, war aber bereits schwer erkrankt. Bayley fungiert hier als ihr Gedächtnis, um die gemeinsam verbrachte Zeit und die wertvollen Erfahrungen, vor dem Nichts der Alzheimerkrankheit zu retten.

Ich muss zugeben, ich finde Murdochs Leben immer noch spannender als das, was ich von ihr selbst gelesen habe. Vielleicht übersehe ich etwas ganz Wesentliches, mag sein. Meine Ausgangsfrage hat sich damit allerdings nicht beantwortet, dennoch gibt es Anzeichen dafür, dass sie in den letzten Jahrzehnten v.a. wegen ihrer Alzheimer-Erkrankung in Erinnerung geblieben ist, nicht wegen ihres Lebenswerks. John Bayleys Memoiren und der Film „Iris“ haben zu dieser Entwicklung beigetragen.

ESPRESSOMASCHINE / Germans At Meat – KATHERINE MANSFIELD (1910)

ESPRESSOMASCHINE / Germans At Meat – KATHERINE MANSFIELD (1910)

ESPRESSOMASCHINE TEIL 2

Wie eine Bombe hatte der erste Teil der Espressomaschine im August diesen Jahres hier auf „bloglichter“ eingeschlagen, umjubelt von unzähligen Fans der stets zu kurz kommenden Kurzgeschichte, die ihre Begeisterung kaum zügeln konnten.

Heute nun, zu Ehren des einjährigen Jubiläums von bloglichter, gibt es endlich den lang herbeigesehnten, zweiten Teil. Katherine Mansfield, eine der Urmütter der modernen englischen Short Story, soll die Tradition weiterführen.

Katherine Mansfield, 1917.

GERMANS AT MEAT (Deutsche beim Fleisch; 1910)

Wie der Titel schon verdeutlicht, bleiben wir literarisch kulinarisch. Damit liegt Katherine Mansfields Erstlingswerk selbst 105 Jahre nach Erscheinen voll im Trend. Wie ich auf der Frankfurter Buchmesse am Wochenende sehen konnte, scheint sich Literatur heutzutage in Deutschland v.a. dann gut zu verkaufen, wenn sie wie ein Genussartikel feilgeboten wird. Wie die Schokolade zum Espresso und der Trollinger zum Saumagen.

Katherine Mansfield war 23 Jahre jung, als sie ihre erste Kurzgeschichten-sammlung „In a German Pension“ (1911) veröffentlichte. 1909 hatte die Deutschsprechende Neuseeländerin sechs Wochen in einer Pension im bayrischen Kneipp-Kurort Bad Wörishofen verbracht, um dort, dem Wunsch ihrer wohlhabenden Eltern Folge leistend, unbemerkt das Kind aus einer Londoner Liaison zur Welt zu bringen. Beim Kofferheben erlitt sie eine Fehlgeburt.

Zeit ihres Lebens(1888-1923) hatte sie sich gegen eine Neuauflage der „Pension“ gesträubt. Während des Ersten Weltkrieges wurde sie von Verlegern regelrecht bedrängt, ihre frotzeligen Skizzierungen deutscher Kurgäste wieder freizugeben. Aber nein,

I cannot have the German pension reprinted under any circumstances. It is far too immature. […] It’s not good enough. […] But I could not for a moment entertain republishing the „Pension“. It’s positively juvenile,…; Oh no, never!

Die Ich-Erzählerin, eine junge, vegetarisch lebende Engländerin, befindet sich allein unter deutschen Kurgästen, die sich beim Mittagessen in der Pension die Bäuche vollschlagen. Es ist der Typus des hässlichen, unsensiblen Deutschen mit unangenehmer Wesensart, der aufgeblasene Großkotz und besserwisserische Grobian, dessen altmodisches Hinterwäldlertum sich in jedem seiner Worte und Gesten offenbart.

Pass me the sauerkraut, please. You do not eat it?

No, thank you. I still find it a little strong.

‚Is it true‘, asked the Widow, picking her teeth with a hairpin as she spoke, ‚that you are a vegetarian?‘

Why, yes; I have not eaten meat for three years.

Im-possible! Have you any family?

No.

There now, you see, that’s what you’re coming to! Who ever heard of having children upon vegetables? It is not possible. But you never have large families in England now; I guess you are too busy with your suffragetting. […]

‚Germany,‘ boomed the Traveller, biting round a potato which he had speared with his knife, ‚is the home of the Family‘.

Es ist auch die Zeit des Deutsch-Britischen Flottenwettrüstens, das dem Ersten Weltkrieg vorangeht.

Said the Traveller: I suppose you are frightened of an invasion too, eh? Oh, that’s good. I’ve been reading all about your English play in a newspaper. Did you see it?

‚Yes‘, I sat upright, ‚I assure you we are not afraid.‘

‚Well, then, you ought to be‘, said the Herr Rat. ‚You have got no army at all – a few little boys with their veins full of nicotine poisoning.‘

‚Don’t be afraid,‘ Herr Hoffmann said. ‚We don’t want England. If we did, we would have had her long ago. We really do not want you.‘

He waved his spoon airily, looking across at me as though I were a little child whom he would keep or dismiss as he pleased.

‚We certainly do not want Germany‘, I said.

Die angespannte politische Situation wird am deutschen Mittagstisch von der Meute älterer Herren und Damen an der jungen Engländerin abgearbeitet, die sich wacker schlägt, aber schon bald das Weite sucht, als sie über die Aufgaben einer guten Haus- und Ehefrau belehrt wird.

What is your husband’s favourite meat? asked the Widow.

I really do not know.

You really do not know? How long have you been married?

Three years.

But you cannot be earnest! You would not have kept house as his wife for a week without knowing that fact. […] How can a woman expect to keep her husband if she does not know his favourite food after three years?

Mahlzeit!

Mahlzeit!

I closed the door after me.

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Penguinausgabe von 1981.

Willkommenskultur ist etwas anderes. Die junge Engländerin mit guten Manieren kann einem Leid tun. Ihr Aufenthalt im vulgären Deutschland kommt einer Bestrafung gleich. Die überzogene Stereotypisierung der Deutschen liest sich trotzdem sehr nett, weil es Mansfield in dieser Geschichte vor allem um eine satirische Verfremdung universeller und tradierter Geschlechterrollen im Patriarchat geht, die von den meisten Frauen unkritisch und zum Zwecke der Selbstwertstabilisierung übernommen werden. Mich hat überrascht, wie aktuell die Diskussion um den Vegetarismus anmutet.

Dass sich hier noch ein nationalistischer Diskurs beimischt, der das Patriarchat nur im ekligen deutschen Wesen verortet, ist den politischen Verhältnissen der Zeit und dem Format der Kurzgeschichte geschuldet. Es war nicht die Zeit politischer Korrektheit. Die 22-jährige Mansfield sensibilisiert ihre Leserinnen mit dem Presslufthammer.

In der Figur der jungen Engländerin entwickelt Mansfield eine immer noch moderne Alternative zum verblödeten Rollenklischee, das die Zeiten überdauert. Da aber nicht nur die Demokratie, sondern erfahrungsgemäß auch die Gleichberechtigung und das Recht auf Selbstbestimmung der Geschlechter jeden Tag neu erstritten und verteidigt werden müssen, hat diese feine Kurzgeschichte nichts an Aktualität verloren. Ein lustiger Zeitvertreib ist sie obendrein.

Zum Nachlesen auf der Seite der Katherine Mansfield Society: Germans At Meat

Bilder:

  1. Cup of Espresso: © Nevit Dilmen [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)%5D, via Wikimedia Commons
  2. Katherine Mansfield, 1917: By Ottoline Morrell (1873-1938) [Public domain], via Wikimedia Commons

Iris Murdoch: Under the Net (1954)

Iris Murdoch: Under the Net (1954)

DSC_0040 Die Nachbarin übt am Cello. Draußen regnet’s in Strömen. Die Katzen sind satt, glücklich mit sich und der Welt. Ein guter Zeitpunkt, um sich Iris Murdochs „Under the Net“ zu widmen.

Murdochs Erstlingswerk aus dem Jahre 1954 spielt in London und Paris und ist ein moderner, philosophischer Schelmenroman, der sich um Jake Donaghue dreht, einen mittellosen Übersetzer französischer Literatur.

I am something over thirty and talented, but lazy. I live by literary hack-work, and a little original writing, as little as possible.

Unfreiwillig verlässt er seinen bequemen Trott, denn seine Freundin Madge schmeißt ihn aus der Wohnung. Jake sucht fortan eine Bleibe, danach sucht er einen alten Freund, dann eine alte Freundin, einen Job, ein Manuskript oder einen Hund. [s. Fußnote 1] Die Story bleibt von Anfang bis zum Ende leider recht mager, stellenweise wird sie klamaukig und ermuntert sich an dem Beziehungsgeflecht des Romanpersonals, das um den Protagonisten herum gruppiert wurde. Es ist so (spannend), als würde man einer Familienaufstellung oder einem Schachspiel beiwohnen. „A comic novel about work and love, wealth and fame“ stellt der Klappentext angesichts der dürftigen Handlung fast entschuldigend fest.

Da gibt es den Cousin Finn: wortkarg und praktisch veranlagt, weicht er nicht von Jakes Seite; die Schwestern Anna und Sadie Quentin: die eine Sängerin, die andere Schauspielerin, beide auf ihre Art an Jake interessiert; den Feuerwerksproduzenten und Filmmagnaten Hugo Belfounder, mit dem Jake mehr oder weniger tiefgründige philosophische Diskussionen führt. Diese Figuren haben mich größtenteils kalt gelassen.

Man merkt, dass Murdoch versucht, sich an literarischen Vorbildern wie zum Beispiel Dickens zu orientieren. So wird der kettenrauchenden und katzenliebenden Ladenbesitzerin Mrs. Tinckham fast drei Seiten humorvoller Beschreibung gewidmet. Letztendlich erscheint diese Figur später im Roman jedoch nur noch einmal am Rande. Da hat eine junge, traditionsbewusste Autorin versucht, sich den literarischen Standards des Establishments anzupassen, aber somit dem Roman nur phasenweise Leben einhauchen können. Geschadet hat es ihr nicht.

Der Titel „Under the Net“ hat einen sprachphilosophischen Bezug. Das Netz der Sprache hält uns gefangen. Sie lässt es nicht zu, dass persönliche Emotionen authentisch vermittelt werden können. Murdoch, selbst viele Jahre als Philosophieprofessorin in Oxford tätig, verdeutlicht dieses Dilemma in allen Beziehungen des Romans. Kunst und Sprache distanzieren den Menschen von der Realität.

All theorizing is flight. We must be ruled by the situation itself and this is unutterably particular. Indeed it is something to which we can never get close enough, however hard we may try as it were to crawl under the net.

Es stellt sich mir die Frage, ob dieses Problem eventuell ein persönliches war [s. Fußnote 2] oder den begrenzten gesellschaftstauglichen Ausdrucksmöglichkeiten ihrer Zeit geschuldet ist. Sind wir heutzutage weiter?

Den Roman zu lesen ist jedoch keine Zeitverschwendung. Er ist auf seine eigene, bedeckte Art unterhaltsam. Ich habe das Buch mit stetem Interesse, jedoch ohne große Begeisterung gelesen. Nicht mehr aber auch nicht weniger.

Die Geschichte eignet sich für Gemüter, die sich nicht unbedingt aufregen wollen, die stattdessen gerne etwas wiedererkennen, wie z.B. in den Leseclubs kleinstädtischer Literaturgesellschaften üblich, wo die intertextuellen Bezüge zu Klassikern der Literaturgeschichte trefflich herausgestellt werden können – beeindruckendes Name-dropping inklusive – ohne dass einem die leichte, eingänge Story allzuviel abverlangen würde. Die durchaus aufregenden Abenteuer des Protagonisten bleiben durch die Einbettung in die Tradition gedämpft und unaufgeregt, so dass einem der Afternoon-Tea bei der Lektüre nicht aus der Tasse schwappt. Maybe this is just typically British, who knows.

—–

Fußnoten:

  1. 1997 wurde Murdoch mit Alzheimer diagnostiziert. Einige Wissenschaftler sehen die ersten Anzeichen der Erkrankung in ihrem letzten Roman „Jackson’s Dilemma“ von 1995. BBC report on Murdoch’s Alzheimer Disease   vor allem auf der sprachlichen Ebene. Eventuell, so meine Vermutung, lassen sich bereits im ersten Roman auf thematischer, aber auch der sprachlichen Metaebene, Anzeichen für die Erkrankung finden.
  2. s. Fußnote 1.

PATRICIA HIGHSMITH: The Talented Mr. Ripley (1955)

PATRICIA HIGHSMITH: The Talented Mr. Ripley (1955)

WIN_20150830_122314Patricia Highsmiths (1921-1995) erster Ripleyroman feiert in diesem Jahr seinen sechzigsten. Ihr zwanzigster Todestag war am 4. Februar dieses Jahres. Einmal nach ihrem Lieblingsfilm in einem Interview gefragt, nannte sie etwas verlegen „Vom Winde Verweht“, und ergänzte, dass der Roman von Margaret Mitchell ja auch ziemlich gut sei.

Was mag sie an dieser Bürgerkriegsschmonzette angesprochen haben? Zum einen stammte sie auch aus den Südstaaten, geboren in Fort Worth, Texas. Als sie sechs Jahre alt war, zog die Mutter mit ihrem zweiten Ehemann nach New York. Von ihrem ersten Gatten, Highsmiths Vater, ließ sie sich neun Tage vor der Entbindung scheiden. Hört sich nach einer starken Frau an, ganz wie Scarlet O’Hara in „Verweht“. Aber der Roman hat eine weitere Auffälligkeit, die er mit den meisten Highsmith-Geschichten teilt, nämlich eine markante Dreierbeziehung zwischen zwei Männern und einer Frau.

In „The Talented Mr. Ripley“ dreht sich die Handlung um Tom Ripley, einem geschickten Kleinbetrüger, aus mittellosen Verhältnissen stammend, der nach Europa geschickt wird, um dort Richard Greenleaf, den Sohn eines vermögenden Schiffsfabrikanten, in den Kreis der Familie und Firma nach New York zurückzuholen. Der hat es sich in Italien, im kleinen Fischerdorf Mongibello, als Maler und mit einer Freundin, der etwas unbedarften Schriftstellerin Marge Sherwood, gemütlich eingerichtet und denkt gar nicht daran, dem Wunsch der Eltern nachzukommen. Schnell entstehen in dieser Dreiecksbeziehung Eifersüchteleien, Missverständnisse, Begehrlichkeiten, Pflichtgefühle und viel unterdrückter Ärger. Bekannterweise beendet Tom Ripley das Spannungsgefüge durch den Mord an Greenleaf und den anschließenden Identitätsraub.

Obwohl ich die Geschichte schon lange kenne, habe ich beim Lesen des Romans wieder einmal gezittert und gebibbert, und zwar mit dem Mörder. Die Spannungskurve verabreicht dem Leser ein Wechselbad der Gefühle, von malerischen Entspannungsphasen in touristisch erschlossenen Gebieten Südeuropas bis hin zu Verfolgungs- und Todesängsten und dem Gefühl von überwältigender Erleichterung, wenn sich die Polizei in ihrer Arbeitsweise doch wieder als weniger intelligent als der Mörder erweist. Ich wollte, dass Tom Ripley, der zweifache Mörder, mit allem durchkommt. Warum? Weil er intelligenter und talentierter ist als der verwöhnte Greenleaf-Junge, ihm das Leben nichts geschenkt hat und er früh erkennt, dass sich Leute seiner Herkunft irgendwie durchmogeln müssen, um von der wohlhabenden Gesellschaft akzeptiert und respektiert zu werden und an ihrem Lebensstandard teilhaben zu können.

Der Schrecken, der sich langsam aber sicher in der Leserin ausbreitet, ist das Wissen um die Nichtigkeit des Urvertrauens in die Menschheit. Plötzlich kann jede/r ein Mörder oder eine Mörderin sein. Naivität ist in dieser Welt ein sicheres Todesurteil. Um sich in zu schützen, ist es am besten, sich seiner eigenen Killerinstinkte zu vergewissern.

Angst war während der Entstehung des Romans vermutlich Highsmiths sprudelnde Inspirationsquelle. In späteren Jahren wurde sie zur Alkoholikerin, was ja auch immer Symptom für eine innere, emotionale Sackgasse ist, der Wunsch, eine verkorkste oder traumatisierende Vergangenheit schönzusaufen. Sie war bis zum Ende ihres Lebens sehr produktiv, hat sich aber vom künstlerischen Standpunkt nicht wirklich weiterentwickelt oder neue Wege beschritten.

Es gibt die Anekdote, wonach sie einmal auf eine Party eingeladen gewesen war.

Patricia Highsmith, 1988.

Weil sie keine Lust auf Small Talk mit den anderen Partygästen hatte, steckte sie einen Salatkopf mit Hunderten Schnecken in ihre Handtasche und brachte sich somit ihre eigenen Gesprächspartner zur Party mit, wie sie später erklärte. Das Schmatzen der Schnecken soll wohl noch in einem Umkreis von zwei Metern zu hören gewesen sein.

Aufgrund seiner psychologischen Tiefe funktioniert Mr. Ripley auch noch sechzig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung. Highsmiths Menschenkenntnis und ihr Wissen um die Motive menschlichen Handelns faszinieren auch heute noch. Wäre ich auf der oben beschriebenen Party gewesen, hätte ich trotz der schmatzenden Schnecken versucht, in ein Gespräch mit ihr zu kommen oder vielleicht genau deswegen, wer weiß.

Die Szene, in der Tom beschließt zum Mörder zu werden, ist für mich die eindrucksvollste im Roman. Als er bemerkt, dass Richard seiner überdrüssig wird und nicht mit ihm nach Paris fahren möchte, überwältigt ihn die Erkenntnis ein nur ungebetener Gast zu sein, nicht nur im Leben von Richard Greenleaf sondern auch im Leben aller Menschen, die ihm etwas bedeutet haben, im Leben an sich. Es ist das existentielle Trauma des Kindes, dem die Eltern signalisieren, dass es nicht wirklich gewollt war und ist. Eine Illusion bricht zusammen.

Tom felt a painful wrench in his breast, and he covered his face with his hands. it was as if Dickie had been suddenly snatched away from him. They were not friends. They didn’t know each other. It struck Tom like a horrible truth, true for all time, true for the people he had known in the past and for those he would know in the future: each had stood and would stand before him, and he would know time and time again that he would never know them, and the worst was that there would always be the illusion, for a time, that he did know them, and that he and they were completely in harmony and alike. For an instant the wordless shock of his realization seemed more than he could bear. He felt in the grip of a fit, as if he would fall to the ground. It was too much: the foreignness around him, the different language, his failure, and the fact that Dickie hated him. He felt surrounded by strangeness, by hostility. He felt Dickie yank his hands down from his eyes.

[…] „I want to die“, Tom said in a small voice.

Dickie yanked him by the arm. Tom tripped over a doorstep.

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Foto von P. Highsmith: von Open Media Ltd (Open Media Ltd) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons