The End of the End of the World (2016) – Jonathan Franzen

The End of the End of the World (2016) – Jonathan Franzen

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Was haben ein Königspinguin und Jonathan Franzen gemeinsam? Beide gehören der großen Gruppe der Tetrapoden an und haben bereits Fuß auf die Antarktis gesetzt. Man könnte noch ergänzen, dass beide auf ihre eigene Art ja auch irgendwie süß sind. Meine Mutter meinte kürzlich, mit Blick auf ein Autorenbild, Jonathan Franzen sei ein „interessanter Mann“. Womit sie recht hat, gelesen hat sie ihn allerdings noch nicht, was aber auch nicht wichtig ist, denn es ging ihr mit dieser zustimmenden Geste darum, an einer gesunden Mutter-Tochter-Beziehung zu arbeiten.

Bevor jetzt die strengen Ornithologen unter den Leser*innen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sich fremdschämend abwenden, möchte ich noch schnell darauf hinweisen, dass auf dem Beitragsbild natürlich kein Königspinguin abgebildet ist, sondern, vermutlich, ein Rotschnabelpinguin (pygoscelis papua), in English: gentoo penguin. Auf jeden Fall hängt die Postkarte schon ein paar Jahre am Durchlauferhitzer im Badezimmer.

In seinem neuen Essay, der vor etwa drei Wochen im New Yorker erschienen ist, zieht es den Autor in die bittere Kälte, ans Ende der Welt, in die Antarktis. Die Frage, weshalb es ihn unter allen Reisezielen der Welt genau dorthin verschlägt, lässt sich für Franzen nicht so leichterdings beantworten. Sein Onkel Walt hat ihm eine Erbschaft hinterlassen, der Gedanke kommt ihm daraufhin spontan in den Sinn.

Aus dieser einen Entscheidung erwächst ein ganzer Strauß an Erinnerungen und eine im Laufe der Geschichte dräuende Vision des Älterwerdens, und zwar nicht nur seines eigenen, sondern auch das der gesamten Menschheit auf ihrem einzigen Planeten. Die Geschichte lässt sich aber auch wie ein Märchen lesen, von einem, der auszog, um das Staunen und Lieben (neu) zu (er)lernen.

Mit Onkel Walts Tod und der Aussicht in die Antarktis zu reisen, taucht ein ganzer Rattenschwanz an Verlusterlebnissen wieder aus der Versenkung auf, die im Leben des Autors bedeutsam waren. Schon beim Kofferpacken in Kalifornien überkommt ihn nicht etwa ein Gefühl der Vorfreude, sondern eher eines der absurden Realitätsferne. Während Franzen drei Wochen lang auf einem Luxusliner einer Lindblad National Geographic Expedition von Argentinien aus Richtung Antarktis, Falkland Inseln und Südgeorgien fährt, fügen sich die Erinnerungen in die  Schilderungen des eher monotonen Ablaufes an Bord nach und nach in die Geschichte ein:

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Der frühe Tod der Cousine Gail, Walts Tochter, die bei einem Autounfall ums Leben kam; der Tod seiner Tante Irma, Walts Frau, die sich vom Tod ihrer Tochter nie erholen wird, den ganzen Schmerz erst als regredierte Alzheimerkranke durchlebt; Franzens Eltern, beide ebenfalls tot; der nahende Tod der Mutter seiner Lebensgefährtin („The Californian“), die, um ihre Mutter pflegen zu können, nicht mit auf die Reise in die Antarktis kommen will.

„I felt as if we were alone in the world and being pulled forward toward the end of it, like the Dawn Treader [Reisender der Morgenröte] in Narnia, by some irresistible invisible current.“

Franzens Mutter spielt eine besondere Rolle. Sie ist es, die noch zu Lebzeiten von ihrem Sohnemann die Einhaltung familiärer Pflichten einfordert und ihn auffordert, mit den Eltern Onkel Walt und Tante Irma in ihrem sterilen Haus in Dover zu besuchen. Eine kalte Todeszone, wie die Antarktis, erwartet ihn, wobei die Tante wie eine Eiskönigin in ihrem Reich regiert.

… my mother conveyed to me an invitation from Irma and Walt […] along with her own strict instruction that I say yes. In my imagination, the house in Dover was an embodiment of the zone of bad truth im my head. I went there with a dread which the house proceeded to justify. […] My aunt’s hair was pure white and looked as stiff as the curtains.

Es wird schnell klar, dass ihn ein ausgeprägtes Pflichtgefühl, es der Mutter selbst nach ihrem Tode noch recht zu machen, ins Eis treibt. Was der jugendliche Jonathan Franzen noch nicht sehen konnte, was er aber Jahrzehnte später auf seiner Reise in die Antarktis plötzlich erkennt, ist, dass die Mutter vor allem Onkel Walt eine Freude bereiten wollte, mit dem sie kurz vor ihrem Tod noch eine Liebesbeziehung eingeht. Beide waren „optimistic lover[s] of life, long married to a rigid and depressive Franzen.“ Diese Einsicht führt bei ihm zu einer differenzierteren Sichtweise der alten, voller Vorurteile belegten Eiszone der Vergangenheit. Franzen kann Onkel Walt mit den Augen seiner verliebten Mutter betrachten.

He had a heart full of love and had given it to his broken wife, and I was moved not only by the tragedy but by the ordinary humanity of the man at the center of it. […]  I wondered if my mother had seen in him what I’d now seen, and had loved him for it.

Mit dieser neuen Wahrnehmung ausgestattet, ist der Autor offen für die Schönheiten der Antarktis. Diese Entwicklung mutet etwas konstruiert an, aber die Schilderungen der Pinguine und des blauen Eises sind wirklich das Sahnehäubchen des Essays, allein dafür lohnt sich schon die Lektüre.

Sheltered from wind, the water was glassy, and under a solidly gray sky it was absolutely black, pristinely black, like outer space. Amid the monochromes, the endless black and white and gray, was the jarring blue of glacial ice.

In seiner Beschreibung eines Kaiserpinguins, der auf dem Schiff für große Aufregung sorgt, beweist Jonathan Franzen, dass Worte die Schönheit der Natur oftmals eindrucksvoller wiedergeben können, als die immer wieder gleichen Hochglanzfotos, die bis zum Erbrechen mit Photoshop aufpoliert werden, und für die das National Geographic Magazin ja auch hinlänglich bekannt ist.

And here was an image so indelible that no camera was needed to capture it: the emperor penguin […] faced the press corps in a posture of calm dignity. After a while, it gave its neck a leisurely stretch. Demonstrating its masterly balance and flexibility, and yet without seeming to show off, it scratched behind its ear with one foot while standing fully erect on the other.

Die – ich nenne es einfach mal – „Märchenthematik“ entwickelt sich eingebettet in den schlaglichtartig und anekdotenhaft wiedergegebenen Erlebnissen auf dem Luxusliner. In ihrer Gesamtheit spiegeln sie die gedämpfte Monotonie wieder, welche Ergebnis eines immer wieder auf’s Neue abgespulten Unterhaltungsprogramms für wohlhabende Erwachsene jenseits der 50 ist, die die Verantwortung abgeben, sich umsorgen lassen wollen und somit freiwillig in die Regression begeben. Thomas Manns „Zauberberg“ lässt grüßen.

DSC_0135Das Reiseschiff wird somit einerseits zur Kinderstube, andererseits aber auch zu einem Altenheim auf See. Der Essay liefert einen Vorgeschmack auf einen Altersruhestand in geistloser Langeweile, wie er für geistig aktive Menschen, die es auch bleiben wollen, nur ein Graus sein kann, aber doch irgendwie von der Mehrheit der Menschen herbeigesehnt wird.

In einem Exkurs zur Ökologie der Antarktis und den Auswirkungen des Klimawandels auf diese Region, entwirft der Autor jedoch, jenseits aller persönlichen Visionen des eigenen Älterwerdens, noch ein größeres Bild, eine durchschimmernde Vision vom Schrecken einer zukünftigen Welt, die sich der Mensch ganz nach seiner eigenen Logik selbst erschaffen hat. Diese Welt ist real gekennzeichnet durch das Abschmelzen der Eiskappen, das Verschwinden ganzer Arten und Lebensräume, bar aller Vielfalt, Überraschungen und liebenswerter Andersartigkeit, eine Leere, ein Nichts, eine neue Todeszone.

Die Zukunft der Menschheit im Schatten des schleichenden Klimawandels liegt in greifbarer Nähe. Vielleicht braucht es eine besonders ausgeprägte Sensibilität, um die Folgen bereits jetzt schon wahrzunehmen, aber leugnen lassen sie sich nicht mehr. Jonathan Franzen besitzt diese Sensibilität, zeigt in seinem Essay aber auch, dass die dem modernen Menschen eigene, passive Konsumentenhaltung letztendlich dafür sorgt, dass die notwendig drastischen Maßnahmen nicht umgesetzt werden können. Eine unbequeme Wahrheit kann so keine Veränderung herbeiführen, man flüchtet vor ihr, z.B. auf eine Arche Noah für weiße, wohlhabende US-Amerikaner in der zweiten Lebenshälfte.

Trotz (bzw. wegen) des pessimistischen Grundtenors ist der Essay von Jonathan Franzen das beste, was ich seit langem gelesen habe, und er erinnert die Post-Babyboomer-Generation an ihre besondere Verantwortung, als letzte Generation mit der Möglichkeit, auf diesem Planeten das Ruder doch noch herumzuwerfen, damit der alte Kahn nicht absäuft.


Bilder:

  1. Beitragsbild zeigt eine Postkarte mit einem Bild von A. Schumacher
  2. Alle anderen Bilder von almathun

 

 

 

 

John Updike – S. (1988)

John Updike – S. (1988)

DSC_0002Bevor sich das Jahr 2015 seinem verdienten Ende zuneigt, habe ich noch schnell an meinem SUB gearbeitet. John Updikes „S.“ lag schon mehrere Monate neben der Ikea-Standlampe und ich möchte das Wohnzimmer vor dem 1.1.2016 einfach sauber haben. Einen ersten Lektüreversuch gab es vor ein paar Monaten bis Seite 45. Jetzt habe ich es doch noch zuende geschafft.

S. ist ein Briefroman und wurde zu einer Zeit geschrieben, als man tatsächlich noch Briefe schrieb, um anderen Menschen wichtige Dinge mitzuteilen. Ein paar, für das Jahr 1988, neumodische Tonbandaufnahmen haben sich auch hineingeschmuggelt. Der Briefroman ist – so vermute ich mal – mit dem Aufkommen der technologisierten Kommunikation Mitte der 90er inzwischen ausgestorben bzw. in die Ecke der historischen Romane verdrängt worden.

S. steht für Sarah Worth, eine 42-jährige, aus wohlhabenden Verhältnissen stammenden Frau, die sich von ihrem Mann Charles trennt, um in einem Ashram in Arizona als Anhängerin des Guru Shri Arhat Mindadali spirituelle Erfüllung zu finden. Sarah ist eine Frau, die dem bequemen, aber tradierten Leben als Hausfrau, Mutter und Vorzeigeobjekt den Rücken kehrt, und nun versucht, in vermeintlicher Unabhängigkeit, ihr Glück zu finden.

Die Briefe sind gänzlich aus Sarahs Perspektive geschrieben und richten sich an den Mann Charles, die Tochter Pearl, die Mutter, den Zahnarzt, die Friseuse, Bänker und andere Personen. Updike versucht sich hier an der weiblichen Perspektive einer „woman on the move“.

Leider muss ich sagen, dass ich seine weibliche Stimme nur ansatzweise gelungen finde. S. soll ein komischer Roman sein, augenzwinkernd erzählt, in der von Updike bekannt detailreichen und eleganten Schreibe. Sarah ist eine Figur, die sich, vom eigenen Familienleben und dem fremdgehenden Ehegatten enttäuscht, nach Liebe in einer engen Kommune sehnt, dort u.a. Egolosigkeit anstrebt, aber, so wird in ihren Briefen schnell deutlich, sich so sehr um sich selbst dreht, dass ihr Bestreben allein dadurch schon ad absurdum geführt wird. Predigt der Arhat, die Illusion und den Schein menschlichen Lebens zu durchschauen und sich davon zu distanzieren, so wird er am Ende des Romans als Amerikaner Art Steinmetz enttarnt, der seine Anhängerinnen reihenweise flachlegt und mit dem Ashram vor allem ökonomische Ziele verfolgt. Die leichte Ironie der Erzählung kippt hier nicht nur einmal in klamaukigen Slapstick um, der als Ziel hat, die Protagonistin und ihre Ambitionen der Lächerlichkeit preiszugeben.

Das läuft die ersten 70 oder 80 Seiten gut, dann hat sich aber dieser Gaul totgelaufen. Der Roman verflacht zusehendst und erreicht am Ende das Niveau einfältiger Hollywoodkomödien. Es beschleicht einen der Eindruck, dass sich der damals 55-jährige Updike in der Übernahme der weiblichen Perspektive vor allem selbst gefällt. Der Film „Tootsie“ war 1982 ein großer Erfolg und kam mir bei der Lektüre nicht nur einmal in den Sinn.

Das Perfide daran: während sich Updike selbstgefällig beider tradierter Geschlechterrollen bedient, sich in der leichtfüßigen Übernahme der Klischees feiert, gesteht er seiner Protagonistin diese Freude und den Erfolg nicht ein. Sie kann nicht aus ihren emotionalen Abhängigkeiten heraustreten, weint am Ende immer noch, obwohl durch veruntreutes Ashram-Geld finanziell abgesichert, ihrem Mann hinterher, der sich mit ihrer besten Freundin neu verheiratet, und bleibt letztendlich allein. Es sind ihre Brüste und ihr knackiger Hintern, die den Arhat für sie eingenommen haben. Updike hat gewonnen. Er hat bewiesen, dass er den Rollenwechsel gewandter beherrscht als all die humorlosen und wenig liebenswerten Feministinnen, die ihm ständig Misogynie vorgeworfen haben.

Es gibt ein paar Szenen im Buch, die wirklich gelungen sind. Es sind vor allem diejenigen, in welchen Sarah scharfsinnig und bissig ihr nahestehende Menschen analysiert und es ihr gelingt, ihren Ärger über die Männerwelt direkt an den Mann zu bringen. Dass sie in diesen Auseinandersetzung nicht das letzte Wort haben darf, ist klar.

Arhat: ‚So it’s jealousy of Durga this is all about. She was in on something you weren’t.‘

Sarah: Shams. That’s what men are. Liars. Hollow frauds and liars. All of them. You’re the nothing, not us cunts. You’re the shunya.

Arhat: ‚Ah, shit, Momma. Suddenly you’re boring me.

[end of tape]

Letztendlich reicht es aber nicht, die etwa 250 Seiten ergiebig zu füllen. Zu viel Geschwätz im Yoga-Lingo, das sich in Oberflächlichkeiten und billigen Klischees erschöpft und darin selbst gefällt. Ich denke, gerade Literatur im Romanformat hat mehr Potential und Möglichkeiten die Welt zu beschreiben. Updikes sprachliche Virtuosität, ja, sie ist beeindruckend und frech, aber ohne inhaltliche Tiefe leiert auch sie nach einiger Zeit in ihrem Ausdruck aus. Es ist gut, dass die Form der leichten und komödiantischen Unterhaltung heutzutage vor allem im Fernsehen bei den Sitcoms ein neues Zuhause gefunden hat.

Ergänzung:

Im Deutschlandfunk gibt es eine Reihe mit Denis Scheck zu den „Dead White European Males“ in der amerikanischen Literatur, die man in der Mediathek nachhören kann: Büchermarkt Deutschlandfunk

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern des Blogs einen guten Rutsch ins neue Jahr 2016.

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Bilder: almathun

 

WILDE PALMEN von William Faulkner (1939)

WILDE PALMEN von William Faulkner (1939)

William Faulkners „Wilde Palmen„(1939) ist vor kurzem in der ZEIT Bibliothek der verschwundenen Bücher neu herausgegeben worden. Die deutsche Übersetzung stammt aus dem Jahre 1957 (Braem & Kaiser). Das feine, grasfroschgrüne Exemplar auf dem Foto habe ich bei „Lesen macht glücklich“ gewonnen. Herzlichen Dank noch einmal an MARC.

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Zimmerpalme meets wilde Palme.

Ob sich William Faulkner mit dieser Ausgabe angefreundet hätte, wage ich allerdings zu bezweifeln. Die ursprüngliche Version des Romans besteht nämlich aus zwei unabhängigen, aber ineinander verzahnten Geschichten: „Wilde Palmen“ und einer weiteren Story namens „Der Strom“ (im engl. „Old Man“), die sich kapitelweise abwechseln und kontrapunktisch ergänzen. Weshalb „Wilde Palmen“ nun einzeln gedruckt wurde, ist mir auch im persönlichen Nachwort von Jens Jessen – dessen ZEIT-Kolumne „Jessens Tierleben“ ich sehr gerne lese – nicht ganz klar geworden.

Was die ZEIT hier mit der wilden Palme und dem alten Mann gemacht hat, ist nichts Geringeres als das, wovon schon Aristophanes in Platons „Gastmahl“ erzählt, wenn er über die Ursprünge der erotischen Begierde in seinem Mythos vom Kugelmenschen berichtet, wonach Göttervater Zeus die kugeligen, durch die Weltgeschichte rollenden Körper der glücklich vereinten Menschen für ihren Übermut in jeweils zwei Hälften teilt. So entstanden die heutigen Zweibeiner, die sich ohn Unterlass nach ihrer anderen Hälfte sehnen, um sich wieder mit ihr zu vereinigen. Aber der glückselige Urzustand kann – einmal aufgesplittet –  nicht mehr erreicht werden.

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Lachish Relief, British Museum (700-692 v. Chr.)

Weiterhin hatte Faulkner für seinen Roman ursprünglich den Titel „If I Forget Thee, Jerusalem“ vorgesehen, aus dem „Psalm 137“, der den sehnsüchtigen Klagegesang der aus Jersusalem vertriebenen Israeliten wiedergibt. Faulkners Verlag Random House war das aber egal.

Was schade ist, denn der Titel wäre der Thematik des Romans viel näher gekommen als „Wilde Palmen“. Außerdem gibt es sehr viele Ortswechsel, was der Geschichte eine gewisse Rastlosigkeit verleiht. Von der Mississippi Golfküste geht es nach Chicago, später nach Utah und San Antonio in Texas, um nur einige Locations zu nennen. Wäre ich Leo von Leos Literarischen Landkarten, dann würde ich jetzt die Reiseroute von Charlotte Rittenmeyer und ihrem Liebhaber Henry Wilbourne quer durch die USA anhand einer Karte verdeutlichen.

„Wilde Palmen“ ist eine Liebesgeschichte, die tödlich endet. Die „Jungfrau“ Henry trifft auf die verheiratete Charlotte, sie verlieben sich, reisen durch die USA, um Arbeit zu finden oder die Liebe vor dem Alltagstrott zu retten, und enden tragisch, als Henry an Charlotte eine illegale Abtreibung durchführt und diese an den Folgen stirbt.

Da die andere Hälfte des Buches auf mysteriöse Weise verschwunden ist, mag ich jetzt gar nicht weiter über den Roman schreiben. Beeindruckt haben mich weniger die Charaktere und ihre Geschichte, sondern vor allem die Sprache Faulkners und seine Beschreibungen der Natur und des Settings, vor allem die Passagen an der windigen aber gleichzeitig milden Golfküste und in der rauen, eiskalten und abgelegenen Bergbausiedlung in Utah.

…er […] folgte dem tanzenden Strahl seiner Lampe, […] ging durch die trennende Oleanderhecke und hinein in den ungestüm und ungemindert daherfegenden Seewind, der die unsichtbaren Palmen drosch und über das harsche, salzige Gras des verwahrlosten Nachbargrundstücks wischte; und da sah er in dem anderen Haus das matte Licht. „Sie blutet, was?“, sagte er. Es war bewölkt; der unsichtbare Wind blies stark und stetig in den unsichtbaren Palmen von der unsichtbaren See her – ein harsches, stetiges Rauschen, voll vom Murmeln der Brandung gegen die vorgelagerten, abgrenzenden Inseln, Landzungen und Sandsteinklippen – gleich Basteien, gesäumt von geschüttelten, dürftigen Pinien. „Hämmorraghie?“ (S. 18)

Die Dramatisierung des Plots gipfelt am Ende der Geschichte in einer Personifizierung der Naturerscheinungen.

…und die ganze Nacht stöhnte und heulte eine Boje draußen im Fluss, und die Palme vorm Fenster drosch und peitschte, und kurz vorm Morgen schlug der Schwanz des Hurrikans mit gellendem, hetzendem Schrei zu. Nicht der Hurrikan selbst – der galoppierte irgendwo im Golf weiter und weiter -, nur der Schwanz war es, ein Schütteln seiner vorbeifliegenden Mähne, die am Ufer die trübgelbe Flut drei Meter hochtrieb und sie zwanzig Stunden lang nicht fallen ließ, die durch die wilde, wütende Palme tollte, deren immer noch trockenes Dreschen über das Dach der Zelle wischte, ….

Das liest sich wie ein Höllenritt auf dem Hexenbesen der Endlos-Sätze, die hier repräsentativ für das verzweifelte Innenleben des sonst merkwürdig passiv wirkenden Protagonisten stehen. Im Krankenhaus, einer Gefängniszelle und einem Gerichtssaal findet die Geschichte ihr Ende und kontrastiert damit das ungestüme Leben und Lieben mit und in der überall hineindrängenden Natur, die hier auch Sinnbild für den in lang ersehnter und nun endlich erfüllter Sexualität aufgeblühten Menschen ist.

Es geht um einen großen, menschlichen Verlust,

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William Faulkner, 1954.

hervorgerufen durch das unnatürliche „Herumpfuschen“ an der Natur. Charlotte will bzw. kann nicht den natürlichen Lauf der Dinge akzeptieren und ein weiteres Kind zur Welt bringen. Mit ihrer freien Entscheidung sich von der „natürlichen Bestimmung“ der Frau zu distanzieren, hat sie in Faulkners „Wilde Palmen“ ihr Todesurteil unterschrieben. Mit dem Thema Abtreibung nimmt der Roman im zweiten Drittel an Fahrt auf, wird aber nie zum Thesenroman, sondern stellt die emotionale Zerrissenheit und Verzweiflung des Menschen als natürliche und gleichzeitig zum freien Willen befähigte Kreatur in den Mittelpunkt.

Ich will es. So ist es also doch das alte Fleisch, einerlei wie alt. […], und darum verging, als SIE verging, auch die Hälfte der Erinnerns, und wenn ich vergehen werde, wird alles Erinnern aufgehört haben zu sein. – Ja, dachte er, vor die Wahl gestellt zwischen dem Leid und dem Nichts wähle ich das Leid. (S. 218)

Die halbierte Fassung des Romans lohnt wegen Faulkners sprachlicher Kunst selbst in der deutschen Übersetzung und kann als Einstieg in die Vollversion aus beiden Geschichten, Wilde Palmen+Der Strom, verstanden werden. Da der Doppelroman häufig unter dem Einzeltitel „Wilde Palmen“ verkauft wird, kann ich nur empfehlen, vor dem Kauf genauestens ins Innere des Buches zu schauen, sollte man sich für die vom Autor intendierte Fassung interessieren. Es wäre vergebliche Liebesmüh‘, erst beim Lesen nach der verschwundenen zweiten Hälfte der ohne Echo verbliebenen, wild um sich peitschenden Palmen zu suchen.

Bilder:

Lachish Relief: Photograph by Mike Peel (www.mikepeel.net). [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, via Wikimedia Commons

William Faulkner: Carl Van Vechten [Public domain], via Wikimedia Commons

alle anderen Bilder: almathun

 

LESUNG: Jonathan Franzen – UNSCHULD (in Hamburg)

LESUNG: Jonathan Franzen – UNSCHULD (in Hamburg)
Thalia Theater, Hamburg.

Eine halbe Million Besucher sollen es laut einer Thalia Mitarbeiterin an jenem Abend des 8.10.2015 gewesen sein, die sich nach der Lesung im Foyer des Theaters drängelten, um ihre Bücher vom amerikanischen Superstern am Literaturhimmel, dem Jonathan Franzen, signieren zu lassen. Diese erfrischende Form des Understatement war eine Wohltat inmitten des hanseatischen Mobs, der sich kultiviert gebend seinen Weg zum begehrten Weltstar bahnte. Aber ich übertreibe etwas.

Das Gedrängel am Signiertisch, das so manchen Wutbürger auf den Plan rief, hatte sich sogar bis Göttingen herumgesprochen, wo Herr Franzen tagsdrauf ein weiteres Mal aus seinem neuen Roman „Unschuld“ las. Zustände wie auf einem Take That-Konzert hätte es in Hamburg gegeben, deshalb baten Autor und Veranstalter die Zuhörer darum, nur eine Schlange vor dem Signiertisch zu bilden.

Wie hatte es soweit kommen können?

In den Begrüßungsworten zu Beginn der Veranstaltung wurde mehrfach darauf hingewiesen, dass Hamburg eine besondere Ehre zuteil geworden sei, denn hier, im tollen Hamburg, würde Herrn Franzens erste Lesung in Deutschland stattfinden, noch vor der LitCologne. Die 1000 Besucherinnen im ausverkauften Thaliatheater zeigten sich zunächst hanseatisch unbeeindruckt. Erst als die Veranstalter darum baten, auf Wunsch des Autors, später, nach der Lesung, bitteschön KEINE Fotos geschweige denn Selfies von bzw. mit Herrn Franzen am Signiertisch zu machen, lockerte sich die Stimmung merklich auf und es wurde fröhlich gekichert. Weiterhin wurde darauf hingewiesen, dass man die Lesung nach Weihnachten, am 27.12. um 20 Uhr, auf NDR Kultur hören könne.

Die Moderation des Abends hatte FAZ-Literaturchefin Felicitas von Lovenberg übernommen. Viel sah oder hörte man aber nicht von ihr, denn den Großteil des Abends bestritt Jonathan Franzen allein auf der Bühne, im Zwiegespräch mit seinen Leserinnen und Lesern. Frau von Lovenberg musste/konnte/durfte während der Vorlesephasen die Bühne verlassen, was auf mich etwas befremdlich wirkte, denn der Stuhl neben Mr. Franzen blieb demnach meistens leer, so als warte man noch auf jemanden, was dem Abend einen etwas flüchtigen, Beckett’schen Beigeschmack verlieh.

Beeindruckt und in gleichsam teilnahmsvoller Rührung folgten die Zuhörer Herrn Franzens Ansprache an das Publikum, denn er redete vor allem deutsch, ein sehr gutes Deutsch, wenn er an manchen Stellen und mit fortgeschrittener Stunde auch etwas ins Schlingern kam. Trotzdem sehr beachtlich, muss ich sagen, und so manch eine kleine, charmante Sprachkreation, wie z.B. „Sie sind heute meine experimentalen Kaninchen„, wurde vom Publikum in liebevoller und erheiterter Weise begrüßt. Denn allein dies ist ja schon ein Liebesbeweis an das Land, in dem der jüngere Franzen als Student in Berlin, Anfang der 80er, studiert hatte. Die Amerikaner, die sich die Mühe machen, eine Fremdsprache zu lernen, kann man womöglich an einer Hand abzählen, vor allem diejenigen, die es nicht aus Businessgründen tun. Also Hut ab vor Herrn Franzen! Er hat meinen ganzen Respekt.

Drei Passagen hat Jonathan Franzen auf deutsch vorgelesen, eine auf englisch. Die englische gehört zu meinen Lieblingsszenen im Buch und behandelt das Gespräch der Enthüllungsjournalisten Leyla Helou mit der Schnellrestaurant-Mitarbeiterin Phyllisha Babcock, in Amarillo, Texas. (Ein kleiner Auszug aus der Szene). Hier kommt Jonathan Franzens Sinn für Humor voll zum Tragen, der immer dann Blüten treibt, wenn Charaktere beschrieben werden, die gar nicht wissen, dass sie komisch sind.

DSC_0010Einiges Neues konnte man an diesem Abend über den Roman erfahren, wenn ich mir auch ein wenig mehr Analyse oder Interpretationsansätze gewünscht hätte. Ich denke, das kann man einem Publikum durchaus mal zumuten, es muss nicht immer nur Geplänkel auf der Inhalts- und Figurenebene in Verbindung mit der Biografie und den Intentionen des Autors sein. Die Siri Hustvedt Lesung hatte mich damals im Juni in eine geistige Extase versetzen können, weil hier eben ganz andere Register gezogen wurden, die zur intensiven Auseinandersetzung mit den Themen des Romans inspirieren konnten.

Die Eingangsfrage von Frau von Lovenberg fand ich ziemlich gut, nämlich, ob er, Jonathan Franzen, Beziehungen für genauso schlimm halte wie das Internet. Diesen Eindruck hätte man als Leser/in. Leider ging der Autor darauf nicht wirklich ein. „That’s a devilish question,“ sagte er nur, worauf Lovenberg rekurrierte, er, Franzen, habe ja das Faustzitat an den Anfang des Romans gesetzt. „Das stimmt,“ so der Autor. Leider war der Faust dann kein Thema mehr. (Faust, Mephisto und das naive Gretchen in meiner Besprechung des Romans vom 4. Oktober).

Der Titel „Purity“ sei ihm von Anfang an etwas peinlich gewesen, so Franzen, deshalb habe er der weiblichen Protagonistin diesen Namen gegeben und ihn dann kurzerhand mit „Pip“ abgekürzt. Der Titel entstamme vor allem seiner Beschäftigung mit dem Werk von Karl Kraus, der oft die „Reinheit der deutschen Sprache“ eingefordert hatte.

Reinheit sei ein Begriff, um einen radikalen Idealismus zu verstehen. Extreme Bewegungen jeglicher Art würden sich immer auf irgendeine Art von „Reinheit“ beziehen. Pip sei die einzige ohne Idealismus, ganz anders als ihre Elterngeneration, allen voran ihre Hippiemutter Annabel. So habe er den Titel „Purity“ ironisiert und für sich entschärfen können.

Eine besonders schöne Stilblüte gelang dem Autor im Gespräch über Andreas Wolf, der „mit seiner unmöglichen Mutter einen Alpentraum hätte.“ Weil alle anwesenden Norddeutschen diese Wortkreation einfach zu schön fanden, wurde Mr. Franzen dahingehend nicht korrigiert.

Die Frage aus dem Publikum, ob seine neuen Romane Fortsetzungen der alten seien, verneinte Herr Franzen. Die Figuren interessierten ihn nach dem Schreiben nicht mehr. „A book isn’t done, if there still can be done something with the characters,“ so der Autor, aber „I wonder what happened to Gary [aus den Corrections] sometimes.“ Außerdem könne er Figuren nicht noch einmal verwenden, sobald die Rechte an z.B. Filmproduzenten verkauft worden seien.

Was nicht ausbleiben durfte, war natürlich die Frage nach dem deutschen Titel „Unschuld,“ der vielen Leser_innen als Missgriff erscheint. Franzen blieb hier sehr vage, „was weiß ich,“ bzw. „it’s not a random choice.“ Da gestern die Lesung in Göttingen per Livestream online gezeigt wurde, konnte ich in Erfahrung bringen, dass „Unschuld“ durchaus Sinn mache, so Franzen in Göttingen, weil sich alle Charaktere im Roman aus unterschiedlichsten Gründen schuldig fühlten. Vermutet wurde jedoch bereits an anderer Stelle, dass der Rowolthverlag nach dem letzten Titel „Freiheit“ keinen fast gleichlautenden Titel verwenden wollte. Anyways.

Das Fernsehen sei kein Feind mehr, so der vormals fernsehfeindlich eingestellte Franzen anschließend. Es habe in den letzten Jahren bewiesen, durchaus komplexere Erzählmethoden anwenden zu können.

The enemy is stupid, brief stimuli, not coherent narrative. TV uses storytelling techniques that novels have developed for centuries. TV is the novel’s little brother.

Das mit dem „kleinen Bruder Fernsehen“ hatte Frau von Lovenberg angesprochen. Der große Gesellschaftsroman des 19. Jahrhunderts sei tot, das wusste Jonathan Franzen schon vor 20 Jahren. Solche Erzählungen spielten sich jetzt v.a. auf Bildschirmen ab. Dass er mit dieser Einsicht seinen Frieden geschlossen hat, konnte man ihm durchaus ansehen.

Aber was macht das Lesen von Romanen zu etwas ganz Besonderem?

Es ist die Innerlichkeit und Psychologie sowie die unmittelbare, geistige Verbindung des Schriftstellers mit den Lesern. So könne man sich auch noch Jahrhunderte später mit schon lang verstorbenen Autoren ganz nah verbunden fühlen. Dies sei der Zauber der Literatur, so Lovenberg, die besondere Beziehung, die die Zeiten überdauere.

Wie oben schon erwähnt, hätte ich mir durchaus etwas tiefergehendere Analysen gewünscht.

Das wahre Abenteuer begann NACH der Lesung, denn es entstand ein Run auf den Signiertisch des Autors im Foyer des Theaters.

Aufgrund einer strategisch günstigen Ausgangslage, gelang es mir innerhalb weniger Minuten, mich in zirka zwei Metern Entfernung von Herrn Franzens Tisch und seiner Gefolgschaft zu positionieren. Dort stand ich dann allerdings eine geschlagene halbe Stunde, aber lieber am Anfang einer Schlange warten, als an ihrem Ende, vor allem wenn man sich in Hör- und Sichtweite des Objekts der literarischen Begierde befindet.

WIN_20151010_130242 (2)Als ich endlich an die Reihe kam, hatte sich meine anfängliche Nervosität etwas gelegt und war einer überhitzten Müdigkeit gewichen. Halb im Traume stand ich nun vor ihm, nur eine Tischbreite entfernt, aber es musste alles ganz schnell gehen.

Ein Herr, der urplötzlich von hinten links an mich herantrat, entriss mir meine beiden Bücher, „Purity“ und „How to be Alone“, schlug sie ratzfatz an passender Stelle auf und ermahnte mich drängelnd zur Eile. Sprachlos war ich, hatte ich mir doch ein paar Fragen sorgfältig überlegt, sodass Herr Franzen die Initiative übernehmen musste und seine erste gewagte Signatur in den Essayband setzte. „You have to tell me what to do,“ so der Autor unter Druck, und ich war wieder etwas wacher, nannte und buchstabierte ihm etwas peinlich berührt meinen Namen, den er dann als Widmung auf die erste Seite von „Purity“ schrieb, mit Ausrufungszeichen, um keine Zweifel aufkommen zu lassen.

Oh, liebe Leserinnen und Leser, von da an schwebte ich nur noch auf Wolke Nummer Sieben, ein glücklicher Franzen-Fan. Im hanseatischen Nieselregen unter einem sternenlosen Himmel, sprang ich am Ende eines ereignisreichen Abends, übermütig und vom Glücke beseelt, die mehreren Hundert Meter ohn‘ Unterlass und in freudiger Erregung zum Hauptbahnhof, wo bereits mein Zug wartete und mich sicher nach Hause beförderte. Purity an mein Herz gedrückt, schlief ich um etwa drei Uhr nachts endlich ein.

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Bilder:

  1. Deckenbeleuchtung im Thalia Theater, Hamburg: almathun
  2. Thalia Theater: von Armin Smailovic (www.thalia-theater.de) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)%5D, via Wikimedia Commons
  3. Herr Franzen and parts of Frau von Lovenberg on stage: almathun
  4. Signierte Purity-Seite: almathun

PATRICIA HIGHSMITH: The Talented Mr. Ripley (1955)

PATRICIA HIGHSMITH: The Talented Mr. Ripley (1955)

WIN_20150830_122314Patricia Highsmiths (1921-1995) erster Ripleyroman feiert in diesem Jahr seinen sechzigsten. Ihr zwanzigster Todestag war am 4. Februar dieses Jahres. Einmal nach ihrem Lieblingsfilm in einem Interview gefragt, nannte sie etwas verlegen „Vom Winde Verweht“, und ergänzte, dass der Roman von Margaret Mitchell ja auch ziemlich gut sei.

Was mag sie an dieser Bürgerkriegsschmonzette angesprochen haben? Zum einen stammte sie auch aus den Südstaaten, geboren in Fort Worth, Texas. Als sie sechs Jahre alt war, zog die Mutter mit ihrem zweiten Ehemann nach New York. Von ihrem ersten Gatten, Highsmiths Vater, ließ sie sich neun Tage vor der Entbindung scheiden. Hört sich nach einer starken Frau an, ganz wie Scarlet O’Hara in „Verweht“. Aber der Roman hat eine weitere Auffälligkeit, die er mit den meisten Highsmith-Geschichten teilt, nämlich eine markante Dreierbeziehung zwischen zwei Männern und einer Frau.

In „The Talented Mr. Ripley“ dreht sich die Handlung um Tom Ripley, einem geschickten Kleinbetrüger, aus mittellosen Verhältnissen stammend, der nach Europa geschickt wird, um dort Richard Greenleaf, den Sohn eines vermögenden Schiffsfabrikanten, in den Kreis der Familie und Firma nach New York zurückzuholen. Der hat es sich in Italien, im kleinen Fischerdorf Mongibello, als Maler und mit einer Freundin, der etwas unbedarften Schriftstellerin Marge Sherwood, gemütlich eingerichtet und denkt gar nicht daran, dem Wunsch der Eltern nachzukommen. Schnell entstehen in dieser Dreiecksbeziehung Eifersüchteleien, Missverständnisse, Begehrlichkeiten, Pflichtgefühle und viel unterdrückter Ärger. Bekannterweise beendet Tom Ripley das Spannungsgefüge durch den Mord an Greenleaf und den anschließenden Identitätsraub.

Obwohl ich die Geschichte schon lange kenne, habe ich beim Lesen des Romans wieder einmal gezittert und gebibbert, und zwar mit dem Mörder. Die Spannungskurve verabreicht dem Leser ein Wechselbad der Gefühle, von malerischen Entspannungsphasen in touristisch erschlossenen Gebieten Südeuropas bis hin zu Verfolgungs- und Todesängsten und dem Gefühl von überwältigender Erleichterung, wenn sich die Polizei in ihrer Arbeitsweise doch wieder als weniger intelligent als der Mörder erweist. Ich wollte, dass Tom Ripley, der zweifache Mörder, mit allem durchkommt. Warum? Weil er intelligenter und talentierter ist als der verwöhnte Greenleaf-Junge, ihm das Leben nichts geschenkt hat und er früh erkennt, dass sich Leute seiner Herkunft irgendwie durchmogeln müssen, um von der wohlhabenden Gesellschaft akzeptiert und respektiert zu werden und an ihrem Lebensstandard teilhaben zu können.

Der Schrecken, der sich langsam aber sicher in der Leserin ausbreitet, ist das Wissen um die Nichtigkeit des Urvertrauens in die Menschheit. Plötzlich kann jede/r ein Mörder oder eine Mörderin sein. Naivität ist in dieser Welt ein sicheres Todesurteil. Um sich in zu schützen, ist es am besten, sich seiner eigenen Killerinstinkte zu vergewissern.

Angst war während der Entstehung des Romans vermutlich Highsmiths sprudelnde Inspirationsquelle. In späteren Jahren wurde sie zur Alkoholikerin, was ja auch immer Symptom für eine innere, emotionale Sackgasse ist, der Wunsch, eine verkorkste oder traumatisierende Vergangenheit schönzusaufen. Sie war bis zum Ende ihres Lebens sehr produktiv, hat sich aber vom künstlerischen Standpunkt nicht wirklich weiterentwickelt oder neue Wege beschritten.

Es gibt die Anekdote, wonach sie einmal auf eine Party eingeladen gewesen war.

Patricia Highsmith, 1988.

Weil sie keine Lust auf Small Talk mit den anderen Partygästen hatte, steckte sie einen Salatkopf mit Hunderten Schnecken in ihre Handtasche und brachte sich somit ihre eigenen Gesprächspartner zur Party mit, wie sie später erklärte. Das Schmatzen der Schnecken soll wohl noch in einem Umkreis von zwei Metern zu hören gewesen sein.

Aufgrund seiner psychologischen Tiefe funktioniert Mr. Ripley auch noch sechzig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung. Highsmiths Menschenkenntnis und ihr Wissen um die Motive menschlichen Handelns faszinieren auch heute noch. Wäre ich auf der oben beschriebenen Party gewesen, hätte ich trotz der schmatzenden Schnecken versucht, in ein Gespräch mit ihr zu kommen oder vielleicht genau deswegen, wer weiß.

Die Szene, in der Tom beschließt zum Mörder zu werden, ist für mich die eindrucksvollste im Roman. Als er bemerkt, dass Richard seiner überdrüssig wird und nicht mit ihm nach Paris fahren möchte, überwältigt ihn die Erkenntnis ein nur ungebetener Gast zu sein, nicht nur im Leben von Richard Greenleaf sondern auch im Leben aller Menschen, die ihm etwas bedeutet haben, im Leben an sich. Es ist das existentielle Trauma des Kindes, dem die Eltern signalisieren, dass es nicht wirklich gewollt war und ist. Eine Illusion bricht zusammen.

Tom felt a painful wrench in his breast, and he covered his face with his hands. it was as if Dickie had been suddenly snatched away from him. They were not friends. They didn’t know each other. It struck Tom like a horrible truth, true for all time, true for the people he had known in the past and for those he would know in the future: each had stood and would stand before him, and he would know time and time again that he would never know them, and the worst was that there would always be the illusion, for a time, that he did know them, and that he and they were completely in harmony and alike. For an instant the wordless shock of his realization seemed more than he could bear. He felt in the grip of a fit, as if he would fall to the ground. It was too much: the foreignness around him, the different language, his failure, and the fact that Dickie hated him. He felt surrounded by strangeness, by hostility. He felt Dickie yank his hands down from his eyes.

[…] „I want to die“, Tom said in a small voice.

Dickie yanked him by the arm. Tom tripped over a doorstep.

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Foto von P. Highsmith: von Open Media Ltd (Open Media Ltd) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

ESPRESSOMASCHINE / Art and Mr. Mahoney von CARSON MCCULLERS (1949)

ESPRESSOMASCHINE / Art and Mr. Mahoney von CARSON MCCULLERS (1949)

ESPRESSOMASCHINE TEIL 1

In dieser neuen Rubrik „Espressomaschine“ sollen die häufig zu kurz kommenden Kurzgeschichten einen Ort der Würdigung erhalten. Es geht nicht um in Buchform gedruckte Kurzgeschichtensammlungen, sondern tatsächlich um die einzelne Geschichte an sich, das Kleinod, das nicht selten in schon klebrigen Zeitschriftenstapeln vergessen bzw. zusammengepfercht in Anthologien Schulter an Schulter mit anderen Geschichten einer übergeordneten Sache oder der Werkschau der Autorin dienend dahinvegetiert.

Das Spannende für mich ist, dass es zu vielen Kurzgeschichten kaum Informationen oder Interpretationen (im Netz) gibt, vermutlich, weil sie nicht als Einzelware (von Verlagen) feilgeboten und verkauft werden. Warum eigentlich nicht?

Also: Viva la Kurzgeschichte!

Hier die erste Espressokapsel:

ART & MR. MAHONEY von Carson McCullers (1949)

Carson McCullers (1917-67) Kurzgeschichte hatte 1949 Premiere im New Yorker Frauenmagazin Mademoiselle (1935-2001). Sie ist etwa dreieinhalb Seiten kurz.

Mr. Mahoney unterläuft ein unverzeihlicher Fauxpas. Während eines Klavierkonzerts klatscht er an der falschen Stelle. Die sozialen Sanktionen der sich „genteel“ gebenden Gesellschaft, allen voran seiner Frau, erfolgen streng und unerbittlich.

McCullers verwendet in dieser Geschichte das Pygmalion-Motiv mit vertauschten Geschlechterrollen. Mr. Mahoney ist ein gestandener Mann, etwas plump, aber gutherzig. Als Unternehmer und Besitzer einer Hobelfabrik und Ziegelei genießt er es, von seiner Frau, der kultivierten Mrs. Mahoney, zu einem gesellschaftsfähigen Mitglied der distinguierten Südstaatengesellschaft umerzogen worden zu sein.

Mr. Mahoney was well drilled; he was accustomed to speak of ‚repertory‘, to listen to lectures and concerts with the proper expression of meek sorrow. He could talk about abstract art, he had even taken part in two of the Little Theatre productions, once as a butler, the other time as a Roman soldier.

Trotz der humorvollen Beschreibung zeigt sich hier bereits die Kritik McCullers am kulturellen und intellektuellen Leben der Südstaaten, das sie als affektiert und empathielos empfunden hat.

McCullers, die in Georgia geboren wurde, hat die Südstaaten immer gehasst, obwohl sie ihre Hauptinspirationsquelle waren. Gleich mit 18 flüchtete sie nach New York und kehrte nur noch sporadisch zurück.

I must go home periodically to renew my sense of horror.

sagte sie einem Freund. Die im Grunde provinzielle, sich aber weltmännisch gebende Blasiertheit der wohlhabenden und in einer idealisierten Vergangenheit lebenden  Südstaatengesellschaft, war Angriffspunkt der AutorInnen der Southern Renaissance, in deren Tradition auch McCullers steht. Kunst und Kultur dienen nach Meinung dieser Autoren (u.a. Katherine Ann Porter, Nora Zeale Hurston und auch William Faulkner) nur noch dem Distinktionsgewinn. Es ist ein Mummenschanz, um von Sklaverei, Armut und Diskriminierung abzulenken.

Dennoch hat Mr. Mahoney den Wunsch, von dieser Gesellschaft voll und ganz akzeptiert und geliebt zu werden, so wie er sich in sie verliebt hat.

Mr. Mahoney loved the atmosphere of Little Theatre plays and concerts – the chiffon and corsages and decorous dinner jackets. He was warm with pride and pleasure …. greeting the ladies, speaking with reverent authority of movements and mazurkas.

Da aber in Carson McCullers Werk unerwiderte Liebe ein ganz großes Thema ist, kann das auf Dauer alles nicht gut gehen.

The pianist lifted up his hand and even leaned back a little on the piano stool. Mr. Mahoney clapped. He was so dead sure it was the end that he clapped heartily half a dozen times before he realized, to his horror, that he clapped alone.

Im Folgenden beschreibt McCullers die Auswirkungen sozialer Beschämung als das Ergebnis vorauseilender, internalisierter Selbstbestrafung. Mr. Mahoney, bemüht seine Gefühle bloß nicht zu zeigen, durchläuft ein Inferno psychosomatischer Körperreaktionen und emotionaler Abgründe. Seine Frau und die anderen humorlosen Gäste wenden sich fremdschämend von ihm ab.

Mr. Mahoney sat stiff with agony. The next moments were the most dreadful in his memory. The red veins in his temples swelled and darkened. he clasped his offending hands between his thighs. […] For almost an hour Mr. Mahoney had to suffer this public shame.

Tip Mayberry, der sich auf der Party bewusst anti-genteel gibt, bietet Mahoney augenzwinkernd den einzigen menschlichen Kontakt in dieser sozialen Quarantänesituation an. Nur widerwillig kann Mr. Mahoney darauf eingehen.

„I guess after all those tickets you sold you were entitled to an extra clap.“ He gave Mr. Mahoney a slow wink of covert brotherhood which Mr. Mahoney at that moment was almost willing to admit.

Die Sympathien der Leserin liegen natürlich bei dem gebeutelten und geschassten Mr. Mahoney. Vermutlich hat sich McCullers in der Figur des Tip Mayberry in diese Geschichte selbst eingeschrieben, um ihrem Protagonisten wenigstens ein bisschen Erlösung zukommen zu lassen und ihre Kritik an der genteel tradition der Südstaaten direkt zu artikulieren.

Trotz eines sparsamen Schreibstils gelingt es McCullers in dieser Kurzgeschichte den Kontrast zwischen dem Innenleben ihres liebesbedürftigen Charakters und der kalten Gesellschaft einfühlsam, poetisch und gleichzeitig mit einem humorvollen Augenzwinkern nachzuzeichnen. Der Leser kann gar nicht anders als Mitleid zu empfinden und sich angesichts der beschriebenen gesellschaftlichen Defizite zu positionieren, nämlich gegen jeden selbstgerechten Dünkel. Zum anderen ist diese Geschichte auch ganz große Kunst, die man mit einem starren Gesichtsausdruck des untröstlichen Kummers lesen sollte.

Bild: Cup of Espresso: © Nevit Dilmen [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)%5D, via Wikimedia Commons

Bild von Carson McCullers: Carl van Vechten [Public domain], via Wikimedia Commons

Susan Sontag: Regarding the Pain of Others (2003)

Susan Sontag: Regarding the Pain of Others (2003)

WIN_20150815_094944Dieses wunderbare Buch erreichte mich vor ein paar Wochen aus Berlin. Ein herzliches Dankeschön geht an die Schröersche Buchhandlung für den Hinweis auf den Essay und die charmante Gestaltung der Paketsendung.

Regarding the Pain of Others“ (Das Leid der anderen betrachtend) erschien ein Jahr vor Susan Sontags Tod und 25 Jahre nach ihrer wegweisenden Essaysammlung „On Photography„, die sich ebenfalls mit der Rolle der Fotografie in Geschichte und Gegenwart beschäftigt.

Wie der Titel bereits impliziert, geht es Sontag in den neun Kapiteln ihres Buches einerseits um das in Fotografien dargestellte Leid, zum anderen aber auch um die Rolle des Bildkonsumenten. Ihren Schwerpunkt legt sie auf die Kriegsfotografie.

Als Aufhänger dient ihr die Frage eines Lesers, der Virginia Woolf 1937 fragte: „How in your opinion are we to prevent war?“ Zu einer Zeit, in der sich ein zweiter Weltkrieg bereits ankündigte und in Spanien der Bürgerkrieg tobte. Woolf zog zur Beantwortung dieser Frage Fotografien aus den Bürgerkriegsgebieten heran und kam zu dem Ergebnis, dass diese Bilder jeden normal empfindenden Menschen veranlassen müssten, der Kriegstreiberei abzuschwören und ein Ende aller kriegerischen Auseinandersetzungen einzufordern.

Da dies offensichtlich nicht so ist, veranlasst Sontag auf die Spurensuche zu gehen.

Chicago, 2006
Chicago, 2006

Sie will die Frage beantworten, ob sich Fotografie als Mittel des Widerstandes und der Aufklärung überhaupt eigne, für den guten Zweck dienstbar gemacht werden könne. Das ist ihr politisches und moralisches Anliegen. Eine klare Positionierung, die sich vom ästhetischen Rigorismus einer l’art pour l’art-Haltung abwendet und für die sie oft genug, v.a. aus französischen Kreisen, kritisiert wurde.

Eine stringente Argumentationsweise und klare Linie darf man in diesem Essay allerdings nicht erwarten. Das ist auch gar nicht nötig, denn die Ausgangsfrage hat sich schon bald selbst beantwortet. Vom historischen Standpunkt aus betrachtet hat Fotografie in dieser Hinsicht versagt. Sie kann die echte Erfahrung des Kriegserlebnisses nicht transportieren, somit zwar kurzfristig einen Schock oder Entsetzen im Bildkonsumenten verursachen, aber keine bedeutsame Veränderung bewirken.

Sontag steckt in den neun Kapiteln ein weites Territorium ab, das sie mit der Leserin gemeinsam abschreitet. Die Argumentation erledigt sich irgendwie am Rande, während die Autorin beschreibt, vergleicht, abwägt und mulitperspektivisch unterschiedliche Ansichten zu einzelnen Themenbereichen aufgreift, wieder fallen lässt oder weiterführt. Sie entwirft ein Panorama, ein Gemälde, das die Beziehung zwischen Krieg und seiner fotografischen Begleitung in all seinen Facetten aufzeigt. Ein wenig mehr Systematik hätte ich mir trotzdem gewünscht.

Hier eine kleine Auswahl der Fragen und Themen, die sie beschäftigen:

  • die Geschichte der Kriegsfotografie (jedoch keine langweilig chronologische Abhandlung)
  • die Funktion von Schockbildern, auch zur Kriegsmobilisierung der Gesellschaft.
  • der Irrglaube, Fotografie zeige das GANZE Elend der Welt (Frage: Was zeigt Fotografie NICHT?)
  • wie Fotos unser Wissen, unser Verständnis und unsere Erinnerung von Greueltaten ersetzen (s. Bilder aus Konzentrationslagern)
  • wie Fotografien nicht nur abbilden sondern v.a. auch definieren.
  • der leidende Körper in der christlichen Ikonografie und die Ähnlichkeit zu seiner Repräsentation in Kriegsreportagen
  • Inszenierung und Authentizität von Fotografien
  • Zensur
  • emotionale Reaktionen auf Fotografien (von Mitleid bis Desensibilisierung)
  • uvm.

Es ist anstrengend aber zugleich auch sehr informativ und abwechslungsreich

Portrait Susan Sontag von Juan Fernando Bastos

Susan Sontag zu folgen. Es sind aber, wie oben schon gesagt, die „Trümmer“ und Bruchstücke ihres profunden Wissens, die sie aneinanderreiht und miteinander verwebt. Die Einordnung in das eigene Denksystem und Wissenrepertoire muss man dann selbst übernehmen. Sie bietet keine Orientierung, ihr Darstellungsstil zwingt zur aktiven Teilnahme.

Was mich inhaltlich am meisten berührt und beeindruckt hat, war die Erwähnung von Ernst Friedrichs Fotoband „Krieg dem Kriege!“ von 1924, der nach dem 1. Weltkrieg quasi als Schocktherapie und mit Bildunterschriften in vier Sprachen veröffentlich worden ist. Er zeigt darin mehr als 180 Fotos aus Militär- und medizinischen Archiven, u.a. 24 Bilder, die brutale Gesichtsverletzungen von Soldaten zeigen und der Bevölkerung vorenthalten wurden. Ziel war es die „wickedness of militarist ideology“ zu enttarnen. Es hat politisch längerfristig nichts bewirkt.

Ich habe mich während der Lektüre gefragt, ob der Weg über den Sehsinn zur „Bekehrung“ der Menschheit nicht eigentlich falsch ist und in unserer Gesellschaft überbewertet wird. Die neuronalen Verknüpfungen zum Empathiezentrum in unserem Gehirn sind, so vermute ich mal, bei den meisten Menschen einfach zu kompliziert bzw. inzwischen verschüttet. Die Hoffnung liegt m.E. im Gehörsinn. Ohren kann man nicht einfach schnell mal verschließen und das, was wir hören, erreicht uns sofort und zeitigt in den meisten Fällen eine direkte emotionale Reaktion. Oftmals hat das, was wir einmal gehört haben, sogar jahre- wenn nicht sogar lebenslange Auswirkungen auf unser Befinden und kehrt, wie ein Ohrwurm oder eine bekannte Melodie, immer wieder zurück in unser Bewusstsein. Es ist nicht der Anblick des sterbenden oder toten Soldaten, sondern das Surren der Fliegen an seinem Gesicht oder sein letztes Röcheln, das sich in die Erinnerung eingräbt. Nicht an ein Bild gebunden, entfalten diese Eindrücke erst ihr ganzes Potential.

Der Essay bietet übrigens KEINE Bilder, was erstaunlich ist. Sontag gelingt es hervorragend, den Schrecken der Bilder in Worten wiederzugeben. „The form of the narrative does not wear out.“ sagt sie selbst, und

„Pictures DON’T tell us everything we need to know.“

Somit ist ihr Essay auch eine Wertschätzung der Sprache und ein Plädoyer für den Rückbezug auf die Macht des geschriebenen Wortes.

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Portrait Susan Sontag: von Juan Fernando Bastos (Eigenes Werk) [CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)%5D, via Wikimedia Commons