John Updike – S. (1988)

John Updike – S. (1988)

DSC_0002Bevor sich das Jahr 2015 seinem verdienten Ende zuneigt, habe ich noch schnell an meinem SUB gearbeitet. John Updikes „S.“ lag schon mehrere Monate neben der Ikea-Standlampe und ich möchte das Wohnzimmer vor dem 1.1.2016 einfach sauber haben. Einen ersten Lektüreversuch gab es vor ein paar Monaten bis Seite 45. Jetzt habe ich es doch noch zuende geschafft.

S. ist ein Briefroman und wurde zu einer Zeit geschrieben, als man tatsächlich noch Briefe schrieb, um anderen Menschen wichtige Dinge mitzuteilen. Ein paar, für das Jahr 1988, neumodische Tonbandaufnahmen haben sich auch hineingeschmuggelt. Der Briefroman ist – so vermute ich mal – mit dem Aufkommen der technologisierten Kommunikation Mitte der 90er inzwischen ausgestorben bzw. in die Ecke der historischen Romane verdrängt worden.

S. steht für Sarah Worth, eine 42-jährige, aus wohlhabenden Verhältnissen stammenden Frau, die sich von ihrem Mann Charles trennt, um in einem Ashram in Arizona als Anhängerin des Guru Shri Arhat Mindadali spirituelle Erfüllung zu finden. Sarah ist eine Frau, die dem bequemen, aber tradierten Leben als Hausfrau, Mutter und Vorzeigeobjekt den Rücken kehrt, und nun versucht, in vermeintlicher Unabhängigkeit, ihr Glück zu finden.

Die Briefe sind gänzlich aus Sarahs Perspektive geschrieben und richten sich an den Mann Charles, die Tochter Pearl, die Mutter, den Zahnarzt, die Friseuse, Bänker und andere Personen. Updike versucht sich hier an der weiblichen Perspektive einer „woman on the move“.

Leider muss ich sagen, dass ich seine weibliche Stimme nur ansatzweise gelungen finde. S. soll ein komischer Roman sein, augenzwinkernd erzählt, in der von Updike bekannt detailreichen und eleganten Schreibe. Sarah ist eine Figur, die sich, vom eigenen Familienleben und dem fremdgehenden Ehegatten enttäuscht, nach Liebe in einer engen Kommune sehnt, dort u.a. Egolosigkeit anstrebt, aber, so wird in ihren Briefen schnell deutlich, sich so sehr um sich selbst dreht, dass ihr Bestreben allein dadurch schon ad absurdum geführt wird. Predigt der Arhat, die Illusion und den Schein menschlichen Lebens zu durchschauen und sich davon zu distanzieren, so wird er am Ende des Romans als Amerikaner Art Steinmetz enttarnt, der seine Anhängerinnen reihenweise flachlegt und mit dem Ashram vor allem ökonomische Ziele verfolgt. Die leichte Ironie der Erzählung kippt hier nicht nur einmal in klamaukigen Slapstick um, der als Ziel hat, die Protagonistin und ihre Ambitionen der Lächerlichkeit preiszugeben.

Das läuft die ersten 70 oder 80 Seiten gut, dann hat sich aber dieser Gaul totgelaufen. Der Roman verflacht zusehendst und erreicht am Ende das Niveau einfältiger Hollywoodkomödien. Es beschleicht einen der Eindruck, dass sich der damals 55-jährige Updike in der Übernahme der weiblichen Perspektive vor allem selbst gefällt. Der Film „Tootsie“ war 1982 ein großer Erfolg und kam mir bei der Lektüre nicht nur einmal in den Sinn.

Das Perfide daran: während sich Updike selbstgefällig beider tradierter Geschlechterrollen bedient, sich in der leichtfüßigen Übernahme der Klischees feiert, gesteht er seiner Protagonistin diese Freude und den Erfolg nicht ein. Sie kann nicht aus ihren emotionalen Abhängigkeiten heraustreten, weint am Ende immer noch, obwohl durch veruntreutes Ashram-Geld finanziell abgesichert, ihrem Mann hinterher, der sich mit ihrer besten Freundin neu verheiratet, und bleibt letztendlich allein. Es sind ihre Brüste und ihr knackiger Hintern, die den Arhat für sie eingenommen haben. Updike hat gewonnen. Er hat bewiesen, dass er den Rollenwechsel gewandter beherrscht als all die humorlosen und wenig liebenswerten Feministinnen, die ihm ständig Misogynie vorgeworfen haben.

Es gibt ein paar Szenen im Buch, die wirklich gelungen sind. Es sind vor allem diejenigen, in welchen Sarah scharfsinnig und bissig ihr nahestehende Menschen analysiert und es ihr gelingt, ihren Ärger über die Männerwelt direkt an den Mann zu bringen. Dass sie in diesen Auseinandersetzung nicht das letzte Wort haben darf, ist klar.

Arhat: ‚So it’s jealousy of Durga this is all about. She was in on something you weren’t.‘

Sarah: Shams. That’s what men are. Liars. Hollow frauds and liars. All of them. You’re the nothing, not us cunts. You’re the shunya.

Arhat: ‚Ah, shit, Momma. Suddenly you’re boring me.

[end of tape]

Letztendlich reicht es aber nicht, die etwa 250 Seiten ergiebig zu füllen. Zu viel Geschwätz im Yoga-Lingo, das sich in Oberflächlichkeiten und billigen Klischees erschöpft und darin selbst gefällt. Ich denke, gerade Literatur im Romanformat hat mehr Potential und Möglichkeiten die Welt zu beschreiben. Updikes sprachliche Virtuosität, ja, sie ist beeindruckend und frech, aber ohne inhaltliche Tiefe leiert auch sie nach einiger Zeit in ihrem Ausdruck aus. Es ist gut, dass die Form der leichten und komödiantischen Unterhaltung heutzutage vor allem im Fernsehen bei den Sitcoms ein neues Zuhause gefunden hat.

Ergänzung:

Im Deutschlandfunk gibt es eine Reihe mit Denis Scheck zu den „Dead White European Males“ in der amerikanischen Literatur, die man in der Mediathek nachhören kann: Büchermarkt Deutschlandfunk

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern des Blogs einen guten Rutsch ins neue Jahr 2016.

—–

Bilder: almathun

 

[ESPRESSOMASCHINE] Hilary Mantel – The Assassination of Margaret Thatcher (2014)

[ESPRESSOMASCHINE] Hilary Mantel – The Assassination of Margaret Thatcher (2014)

ESPRESSOMASCHINE TEIL IV

HEUTE: Hilary Mantels „The Assassination of Margaret Thatcher“

WIN_20151224_135103Gestern habe ich mir Hilary Mantels Kurzgeschichtensammlung „The Assassination of Margaret Thatcher“ (Die Ermordung Margaret Thatchers) in der handlichen Paperback Ausgabe zu Weihnachten geschenkt. Ich habe ihre beiden mit zwei Booker Preisen ausgezeichneten historischen Romane „Wölfe“ (Wolf Hall) und „Falken“ (Bring Up the Bodies) über Thomas Cromwell und Henry VIII. bislang nicht gelesen. Es war vor allem der schöne Titel der Sammlung, der mich in vorweihnachtlicher Verzückung zugreifen ließ.

Als der Guardian im September letzten Jahres die gleichnamige Kurzgeschichte exklusiv veröffentlichte, war die Empörung vor allem im konservativen Lager groß. Man zeigte sich „enttäuscht“ von der beliebten Autorin, die erst Mitte des Jahres von der Queen zur „Dame“ erhoben worden war. Man bezeichnete die Geschichte gar als „gefährlichen Unsinn“, „geschmacklos“ und „verbotene Zone“. Ein Mitglied des Oberhauses, Lord Bell, forderte sogar Scotland Yard einzuschalten.

Dieses Vergnügen hatte Ende der 80er Jahre auch der Smiths-Sänger Morrissey, nachdem er in seinem eingängigen Liedchen „Margaret on the Guillotine“ zum Mord an Thatcher aufgerufen hatte. Im Grunde ein schönes Weihnachslied.

Quelle: YouTube

The kind people
Have a wonderful dream
Margaret on the guillotine
Cause people like you
Make me feel so tired
When will you die?

And people like you
Make me feel so old inside
Please die

And kind people
Do not shelter this dream
Make it real

Hilary Mantel ist also nicht die erste, die sich mit einer Ermordung Thatchers beschäftigt hat. „Thatchercide“ – die mentale Auseinandersetzung mit eben dieser Tatsache – hat eine lange Tradition in Great Britain, und es gab sie schon zu Lebzeiten der „Iron Lady“, die 2013 87-jährig an den Folgen einer Demenzerkrankung verstorben ist.

Wer wie ich in den 80er Jahren aufgewachsen ist, wird sich an das bedrückende Dreigestirn Reagan-Thatcher-Kohl noch gut erinnern. 1990 reiste ich mit einer Klassenkameradin für zwei Wochen sehr günstig nach Südengland. Wir wohnten bei einem jungen englischen Paar, beide arbeitslos, er bärtiger Seemann und politisch aktiv gegen die „Poll Tax“, die englische Kopfsteuer. Seinen Hass auf Thatcher erinnere ich noch gut. Ebenso gut erinnere ich das Frühstück, das er uns morgens pfeifend zubereitet hat: in 2 cm hoher Fettsoße ersoffene Rühreier serviert mit lauwarmen Baked Beans auf knusprigem Toast. So etwas erlebt man nur in England. Zwei Tage lag ich mit einer Lebensmittelvergiftung im Bett, während mich die beiden verflohten Familienlabradore abwechselnd besuchten. Aber es waren nette Leute, kind people.

Kurzum: Man sollte nicht danach fragen, was eigentlich freundliche Zeitgenossen dazu treibt, sich eine Ermordung ihres Regierungsoberhauptes vorzustellen, sondern eher, warum es immer wieder Personen in Führungspositionen schaffen, die Gefühle von tiefstem Hass in sonst friedliebenden Menschen heraufzubeschwören in der Lage sind. Ich habe mir über dieses Phänomen lange Zeit Gedanken gemacht, und bin letztendlich zu dem Ergebnis gekommen, dass es sich nicht nur um eine, nach Melanie Klein, projektive Identifizierung handelt, also die unbewusste Übernahme und das Ausagieren verdängter Gefühle des Regierenden durch die Regierten (sehr interessanter Prozess übrigens), sondern auch einfach die Tatsache, dass es Führungspersonen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung gibt, deren Handeln vor allem ein angeknackstes Selbstwertgefühl verdeckt kompensieren soll. Solche Leute dienen nicht den ihnen anvertrauten Menschen, sondern nur den Autoritätspersonen, von denen sie sich selbstwertstabilisierende Anerkennung erhoffen. Offensichtlich war die Thatcher so eine.

Okay, wieder mal abgeschweift. Aber macht ja nichts. Ist ja Weihnachten.

Hilary Mantel also scheint Morrisseys Wunsch nachgekommen zu sein. In ihrer Mordgeschichte wird die Thatcher tatsächlich von einem IRA-Scharfschützen erschossen.

Picture first the street where she breathed her last.

So beginnt die Geschichte. Es ist der Sommer 1983 und die Thatcher unterzieht sich in einer Klinik in der südwestlich an London angrenzenden Stadt Windsor, wo man Vivaldi und Perrier konsumiert, einer Augen-OP. Es ist ein Jahr nach dem für die Briten erfolgreich verlaufenden Falkland-Krieg und ein Jahr vor dem Bombenanschlag der IRA auf das Grand Hotel in Brighton, das die Thatchers mit Glück überleben.

DSC_0120 (3)Die Erzählerin ist eine Anwohnerin in der Nähe des Krankenhauses, die von ihrem Schlafzimmerfenster aus einen hervorragenden Blick auf den Hintereingang des Hospitals hat. An dem Tag, an welchem die Thatcher entlassen wird, verschafft sich ein IRA-Scharfschütze Zugang in ihr Haus. Es entspinnt sich ein interessantes Kammerspiel, in welchem sich beide bei einer Tasse Tee über das Für und Wider eines Attentats unterhalten, und bei welchem die Erzählerin sich mehr und mehr für das Vorhaben erwärmen kann, dem Attentäter sogar eine vorteilhafte Fluchtmöglichkeit unterbreitet.

Das Zeitkolorit der frühen 80er Jahre wird von Mantel überzeugend eingefangen. Die britische Klassengesellschaft mit ihrem Snobismus spiegelt sich zum Beispiel in Auseinandersetzungen darüber, ob man Zucker in den Tee nimmt oder nicht. Jilly Cooper und Adrian Mole lassen grüßen.

‚Make us another brew. And put sugar in it this time.‘

‚Oh,‘ I said. I was flustered by a failing in hospitality. ‚I didn’t know you took sugar. I might not have white.‘

‚The bourgeoisie, eh?‘

I was angry. ‚You’re not too proud to shoot out of my bourgeois sash window, are you?‘

He lurched forward, hand groping for the gun.

Die Mantel hat Humor und ich musste beim Lesen nicht nur einmal schmunzeln. Die Leserin nimmt Anteil an der emotionalen Wankelmütigkeit der Erzählerin, die zwischen Abgrenzung zum bildungsfernen Sniper und Identifikation mit der Sache hin- und herschwankt.

I had said to him earlier, violence solves nothing. Bit it was only a piety […] , and if I thought about it, I felt a hypocrite. It’s only what the strong preach to the weak: you never hear it the other way round; the strong don’t lay down their arms.

Besonders hervorzuheben ist Mantels Prosa, die sich so liest, wie sich eine ayurvedische Abyanga Stirnguss-Massage anfühlt. In der Filmsprache würde man wohl von längeren Kameraschwenks reden, die mit auktorialer Souveränität ganze Umgebungen in ihren Details szenisch einfangen und so eine Stimmung von leichter Erhabenheit vermitteln. Mir hat das gefallen, vor allem auch deshalb, weil es ein ganz eigener, lyrischer Stil ist, der mir so vorher noch nicht untergekommen ist.

Ich freue mich schon auf die anderen Geschichten in „Die Ermordung der Margaret Thatcher“, einem schönen Buch für die Weihnachtszeit. Im Januar strahlt arte die sechsteilige BBC-Serie „Wolf Hall“ aus. Ich werde dabei sein. Wer nicht so lange warten kann, schaut sich vielleicht noch einmal den wirklich gelungenen und unterhaltsamen Film „The Iron Lady“ mit Merryl Streep an.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern des Blogs eine entspannte und, falls möglich, erholsame Weihnachtszeit!

—-

Bilder

Espressotasse: © Nevit Dilmen [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)%5D, via Wikimedia Commons

alle anderen Bilder: almathun

WILDE PALMEN von William Faulkner (1939)

WILDE PALMEN von William Faulkner (1939)

William Faulkners „Wilde Palmen„(1939) ist vor kurzem in der ZEIT Bibliothek der verschwundenen Bücher neu herausgegeben worden. Die deutsche Übersetzung stammt aus dem Jahre 1957 (Braem & Kaiser). Das feine, grasfroschgrüne Exemplar auf dem Foto habe ich bei „Lesen macht glücklich“ gewonnen. Herzlichen Dank noch einmal an MARC.

DSC_0035
Zimmerpalme meets wilde Palme.

Ob sich William Faulkner mit dieser Ausgabe angefreundet hätte, wage ich allerdings zu bezweifeln. Die ursprüngliche Version des Romans besteht nämlich aus zwei unabhängigen, aber ineinander verzahnten Geschichten: „Wilde Palmen“ und einer weiteren Story namens „Der Strom“ (im engl. „Old Man“), die sich kapitelweise abwechseln und kontrapunktisch ergänzen. Weshalb „Wilde Palmen“ nun einzeln gedruckt wurde, ist mir auch im persönlichen Nachwort von Jens Jessen – dessen ZEIT-Kolumne „Jessens Tierleben“ ich sehr gerne lese – nicht ganz klar geworden.

Was die ZEIT hier mit der wilden Palme und dem alten Mann gemacht hat, ist nichts Geringeres als das, wovon schon Aristophanes in Platons „Gastmahl“ erzählt, wenn er über die Ursprünge der erotischen Begierde in seinem Mythos vom Kugelmenschen berichtet, wonach Göttervater Zeus die kugeligen, durch die Weltgeschichte rollenden Körper der glücklich vereinten Menschen für ihren Übermut in jeweils zwei Hälften teilt. So entstanden die heutigen Zweibeiner, die sich ohn Unterlass nach ihrer anderen Hälfte sehnen, um sich wieder mit ihr zu vereinigen. Aber der glückselige Urzustand kann – einmal aufgesplittet –  nicht mehr erreicht werden.

lachish_relief2c_british_museum_13
Lachish Relief, British Museum (700-692 v. Chr.)

Weiterhin hatte Faulkner für seinen Roman ursprünglich den Titel „If I Forget Thee, Jerusalem“ vorgesehen, aus dem „Psalm 137“, der den sehnsüchtigen Klagegesang der aus Jersusalem vertriebenen Israeliten wiedergibt. Faulkners Verlag Random House war das aber egal.

Was schade ist, denn der Titel wäre der Thematik des Romans viel näher gekommen als „Wilde Palmen“. Außerdem gibt es sehr viele Ortswechsel, was der Geschichte eine gewisse Rastlosigkeit verleiht. Von der Mississippi Golfküste geht es nach Chicago, später nach Utah und San Antonio in Texas, um nur einige Locations zu nennen. Wäre ich Leo von Leos Literarischen Landkarten, dann würde ich jetzt die Reiseroute von Charlotte Rittenmeyer und ihrem Liebhaber Henry Wilbourne quer durch die USA anhand einer Karte verdeutlichen.

„Wilde Palmen“ ist eine Liebesgeschichte, die tödlich endet. Die „Jungfrau“ Henry trifft auf die verheiratete Charlotte, sie verlieben sich, reisen durch die USA, um Arbeit zu finden oder die Liebe vor dem Alltagstrott zu retten, und enden tragisch, als Henry an Charlotte eine illegale Abtreibung durchführt und diese an den Folgen stirbt.

Da die andere Hälfte des Buches auf mysteriöse Weise verschwunden ist, mag ich jetzt gar nicht weiter über den Roman schreiben. Beeindruckt haben mich weniger die Charaktere und ihre Geschichte, sondern vor allem die Sprache Faulkners und seine Beschreibungen der Natur und des Settings, vor allem die Passagen an der windigen aber gleichzeitig milden Golfküste und in der rauen, eiskalten und abgelegenen Bergbausiedlung in Utah.

…er […] folgte dem tanzenden Strahl seiner Lampe, […] ging durch die trennende Oleanderhecke und hinein in den ungestüm und ungemindert daherfegenden Seewind, der die unsichtbaren Palmen drosch und über das harsche, salzige Gras des verwahrlosten Nachbargrundstücks wischte; und da sah er in dem anderen Haus das matte Licht. „Sie blutet, was?“, sagte er. Es war bewölkt; der unsichtbare Wind blies stark und stetig in den unsichtbaren Palmen von der unsichtbaren See her – ein harsches, stetiges Rauschen, voll vom Murmeln der Brandung gegen die vorgelagerten, abgrenzenden Inseln, Landzungen und Sandsteinklippen – gleich Basteien, gesäumt von geschüttelten, dürftigen Pinien. „Hämmorraghie?“ (S. 18)

Die Dramatisierung des Plots gipfelt am Ende der Geschichte in einer Personifizierung der Naturerscheinungen.

…und die ganze Nacht stöhnte und heulte eine Boje draußen im Fluss, und die Palme vorm Fenster drosch und peitschte, und kurz vorm Morgen schlug der Schwanz des Hurrikans mit gellendem, hetzendem Schrei zu. Nicht der Hurrikan selbst – der galoppierte irgendwo im Golf weiter und weiter -, nur der Schwanz war es, ein Schütteln seiner vorbeifliegenden Mähne, die am Ufer die trübgelbe Flut drei Meter hochtrieb und sie zwanzig Stunden lang nicht fallen ließ, die durch die wilde, wütende Palme tollte, deren immer noch trockenes Dreschen über das Dach der Zelle wischte, ….

Das liest sich wie ein Höllenritt auf dem Hexenbesen der Endlos-Sätze, die hier repräsentativ für das verzweifelte Innenleben des sonst merkwürdig passiv wirkenden Protagonisten stehen. Im Krankenhaus, einer Gefängniszelle und einem Gerichtssaal findet die Geschichte ihr Ende und kontrastiert damit das ungestüme Leben und Lieben mit und in der überall hineindrängenden Natur, die hier auch Sinnbild für den in lang ersehnter und nun endlich erfüllter Sexualität aufgeblühten Menschen ist.

Es geht um einen großen, menschlichen Verlust,

william_faulkner_1954_28329_28photo_by_carl_van_vechten29
William Faulkner, 1954.

hervorgerufen durch das unnatürliche „Herumpfuschen“ an der Natur. Charlotte will bzw. kann nicht den natürlichen Lauf der Dinge akzeptieren und ein weiteres Kind zur Welt bringen. Mit ihrer freien Entscheidung sich von der „natürlichen Bestimmung“ der Frau zu distanzieren, hat sie in Faulkners „Wilde Palmen“ ihr Todesurteil unterschrieben. Mit dem Thema Abtreibung nimmt der Roman im zweiten Drittel an Fahrt auf, wird aber nie zum Thesenroman, sondern stellt die emotionale Zerrissenheit und Verzweiflung des Menschen als natürliche und gleichzeitig zum freien Willen befähigte Kreatur in den Mittelpunkt.

Ich will es. So ist es also doch das alte Fleisch, einerlei wie alt. […], und darum verging, als SIE verging, auch die Hälfte der Erinnerns, und wenn ich vergehen werde, wird alles Erinnern aufgehört haben zu sein. – Ja, dachte er, vor die Wahl gestellt zwischen dem Leid und dem Nichts wähle ich das Leid. (S. 218)

Die halbierte Fassung des Romans lohnt wegen Faulkners sprachlicher Kunst selbst in der deutschen Übersetzung und kann als Einstieg in die Vollversion aus beiden Geschichten, Wilde Palmen+Der Strom, verstanden werden. Da der Doppelroman häufig unter dem Einzeltitel „Wilde Palmen“ verkauft wird, kann ich nur empfehlen, vor dem Kauf genauestens ins Innere des Buches zu schauen, sollte man sich für die vom Autor intendierte Fassung interessieren. Es wäre vergebliche Liebesmüh‘, erst beim Lesen nach der verschwundenen zweiten Hälfte der ohne Echo verbliebenen, wild um sich peitschenden Palmen zu suchen.

Bilder:

Lachish Relief: Photograph by Mike Peel (www.mikepeel.net). [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, via Wikimedia Commons

William Faulkner: Carl Van Vechten [Public domain], via Wikimedia Commons

alle anderen Bilder: almathun

 

MEISTER DES LICHTS – Ben Okri meets Mr. Turner

MEISTER DES LICHTS – Ben Okri meets Mr. Turner
ben_okri_in_tallinn
Ben Okri

Je kürzer die Tage werden, desto mehr entwickelt man einen Geschmack für alles, was großformatig und knallig bunt daherkommt. Letzte Woche ertappte ich mich dabei, wie ich den seit 15 Jahren im Bücherregal vernachlässigten Roman von Ben Okri, Astonishing the Gods (1995), herauszog und mich an dem turneresquen Buchcover mitsamt den glitzernden Goldlettern ergötzte. *rotwerd* Schummrige Erd- und Lichtfarben, nebulöse Andeutungen gotischer Architektur, gekonnt verwischt in der Dynamik subjektiver Wahrnehmung des Erhabenen.

Damals, vor 15 Jahren, hatte ich gerade einmal 7 Seiten geschafft, bevor ich den Roman wieder zur Seite legen musste, mit einem Gefühl von Übersättigung erfüllt, das einen zum Beispiel nach vier Wochen Adventszeit inklusive dreier Weihnachtstage beim Anblick eines Christstollens überkommt. Doch nun, um einiges reifer, geduldiger und vor allem weiser, wollte ich es noch einmal wissen.

Lost in wonder, he stared at the white harmonic buildings round the square. He noticed their pure angles, their angelic buttresses, and their columns of gleaming marble. […] He noticed how all things invisible seemed to become attentive to the glorious singing which poured a golden glow into the limpid moonlight. He found himself smiling.

Worum geht’s eigentlich? Ein jungerDSC_0003 Mann erfährt, dass er zu den Unsichtbaren gehört, als Unsichtbarer geboren wurde. Er macht sich auf den Weg, die Welt per Schiff zu bereisen, um hinter das Geheimnis des Sichtbaren zu kommen und sichtbar zu werden. Schon bald verschlägt es ihn auf die wunderschönste, aber gleichzeitig mysteriöse Insel der Unsichtbaren, eine Zwischenwelt, wo er etliche Prüfungen bestehen muss, um letztendlich in die Gemeinschaft der Unsichtbaren aufgenommen zu werden.

Das Buch handelt von einer Identitätswerdung, aber nicht im westlichen Sinne von mehr Substanz und Sichtbarkeit, sondern, im Gegenteil, mehr im Sinne einer spirituellen Suche nach den mythischen Wurzeln des Menschseins. Okri, der in der postkolonialen Tradition schreibt, scheint hier ein sehr individuelles Konzept für sich entwickelt zu haben, um eine Antwort auf das Problem der Identitätssuche der ehemals kolonialisierten Völker zu finden. Afrikanische Mythen gehen hier in einem christlich-bombastischen Diskurs des Erhabenen und Heiligen auf, wobei die Sprache anfangs noch konkret bleibt (s. Beispiel), sich später aber immer mehr in glänzender Diffusität auflöst.

WIN_20151129_154045Obwohl etwa neunzig Prozent des Buches im obigen Stile verfasst sind, später noch göttlich-wundervolle Einhörner dazwischentrappeln, hat man doch das Gefühl, von der unbarmherzigen Kitschkeule weitestgehend verschont zu bleiben. Sonderlich spannend ist das alles trotzdem nicht, teilweise sogar extrem ermüdend. Vielleicht hat der Herausgeber diese Leser/innenreaktion bereits vorausgeahnt, und, ein alter Trick, das Buch in unzählige Mini-Kapitel aufgeteilt. Der Roman liest sich stellenweise wie eine Utopie, die mir jedoch, ganz im Huckleberry-Finnschen Sinne, eher dystopisch vorkam. In diesen zuckersüßen Himmel will ich nicht.

Einen himmelsgleichen Sehnsuchtsort ganz anderer Art erschafft der Brite Mike Leigh in seinem Film „Mr. Turner„. Mein gezielter Griff in die heimische DVD-BoxDSC_0020 auf der Suche nach Glanz und Gloria, Licht und Farben wurde belohnt. Mr. Turner aus dem Jahr 2014 erstreckt sich über 2.5 Stunden und ist ein Genuss für alle Sinne. Leigh, der mit seinen Filmen als Vertreter des realistischen, englischen Sozialdramas bekannt wurde, hat hier ein bild- und stimmungsgewaltiges Historiendrama geschaffen, das sich dem Leben und Schaffen des englischen Malers William Turner widmet, voller Ironie, aber auch Achtung und Respekt vor der Sensibilität des Künstlers und den erschwerten Lebensumständen der Menschen im 19. Jahrhundert.

Turner wird als eine Art „menschliches Schwein“ portraitiert, im besten Sinne des Wortes. Ein hochsensibler Mann voller Empathie und der Fähigkeit das Schöne zu erfahren, bleibt er aufgrund seiner schweratmenden Körperlichkeit und seinem Heisshunger nach Schweineköpfen doch immer dem allzu Irdischen verhaftet. So wie das Licht in Turners Bildern durch die dunklen Wolkenmassen dringt, so bricht die innere Schönheit des Künstlers, seine Empathie, immer wieder durch die schwere Materie seiner ruppigen Körperlichkeit, sei es im Mitgefühl für einen geschundenen Esel oder die versklavten Afrikaner auf den Sklavenschiffen der Engländer.

Quelle: YouTube

Ich für meinen Teil denke, das Erhabene wird nur dann für die Betrachter erfahrbar, wenn es sich aus der brutalen Realität menschlicher Existenz herausentwickelt. Das Ringen darum ist ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen Tragödie. Okris Text, so mein Eindruck, fußt in einem Konzept aber nicht in der Erfahrung selbst, deshalb hat mich die Story bis auf zwei Ausnahmen recht kalt gelassen. Mike Leighs Film ist über weite Strecken ungeschminkt realistisch (z.B. isst man Schweinsköpfe oder lehnt in grunzender Kopulation am Bücherregal), umso ergreifender sind dann aber die wenigen Momente des Lichts und die musikalisch dicht untermalten Szenen, die sich der Suche nach dem Licht widmen. Die schönste Szene ist und bleibt diejenige, in der Turner in ganzer Ergriffenheit, am Klavier begleitet, Didos Klagelied „When I am Laid in Earth“ aus Purcells Oper „Dido und Aeneas“ grunzt. Da suhlt man sich in der ganzen Schönheit dieser Kunst.

——-

  1. Ben Okri: von Metsavend (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons
  2. alle anderen Bilder by almathun

 

1979: DORIS LESSING – Canopus im Argos: Archive; Betr.: Kolonisierter Planet 5; SHIKASTA; Persönliche, psychologische und historische Dokumente zum Besuch von JOHOR (George Sherban); Abgesandter (Grad 9); 87. der Periode der Letzten Tage

1979: DORIS LESSING – Canopus im Argos: Archive; Betr.: Kolonisierter Planet 5; SHIKASTA; Persönliche, psychologische und historische Dokumente zum Besuch von JOHOR (George Sherban); Abgesandter (Grad 9); 87. der Periode der Letzten Tage

Auszüge aus: BEMERKUNGEN der Bloggerin Almathun über den Roman SHIKASTA von Doris Lessing (1979). LEITFADEN FÜR LESENDE DES ROMANS IN VERGANGENHEIT, GEGENWART UND ZUKUNFT

Mir liegt die deutsche Erstauflage des Fischer Verlags von 1983 vor. WIN_20151107_210239

Doris Lessings erster Science Fiction Roman von 1979 ist nichts Geringeres als eine Weltchronik der Menschheit aus der Perspektive einer wohlwollenden und vernünftigen Intelligenz, die ihr Machtzentrum auf dem Planeten Canopus im Argos hat. Lessing war so begeistert von diesem Konzept, dass innerhalb weniger Jahre vier weitere Bände dieser Serie erschienen. Auf die so entstandene Canopus-Pentalogie war sie immer besonders stolz und bezeichnete sie als ihre wichtigste Errungenschaft.

1977 war das Sternenepos Star Wars in den amerikanischen Kinos angelaufen. Die Zeichen standen auf großangelegte, mehrteilige Epen, die in die unendlichen Weiten des Universums verlegt wurden und dabei in alttestamentarischer Manier den Kampf von Gut gegen Böse neu aufzuwärmen verstanden. Mit Prinzessin Leia ist hier erstmals eine starke, mit Laserpistolen herumfuchtelnde, freche Frau im Weltall unterwegs. Über die Frisur werde ich mich jetzt nicht auslassen.

Jean-Francois Lyotard

1979, fast zeitgleich mit Shikasta, veröffentlicht Jean-Francois Lyotard seine wegweisende Studie „Das postmoderne Wissen“, in welcher er „Das Ende der großen Erzählungen“ postuliert. Meta-Erzählungen oder Mythen, die bestehende Machtstrukturen legitimierten, indem sie die Erfahrung der Machtlosen ausklammerten oder verzerrten, hätten an Bedeutung verloren.

[Es gibt sie in allen Religionen (Patriarchat), dem Marxismus, der konventionellen Geschichtsschreibung oder in Propagandafilmen à la Hollywood. In der Populärkultur feiert die Meta-Erzählung weiterhin fröhliche Urstände. Bloggerin Almathun]

WEITERE ERLÄUTERUNGEN aus dem Lesetagebuch von Almathun: Ausgewählte Materialien

Shikasta nun, um Himmels willen, ist all dies zusammen. Auf den ersten 200 Seiten wird reichlich zäh und ermüdend die Vorgeschichte der Menschheit auf dem Planeten Rohanda (= die Blühende), später, nach einer kosmischen Katastrophe Shikasta (= die Verletzte) genannt, nachgezeichnet. Frei nach Erich von Däniken sind die Menschen ein Experiment der Canopäer zum Zwecke der Kolonisierung des Planeten.

Dieser erste Teil ist langatmig wie Geschichten aus der Bibel oder andere religiöse Mythen. Berichte des canopäischen Emissärs Johor vermischen sich dabei mit Auszügen aus einem fiktiven Geschichtsbuch zur Entwicklung Shikastas, Band 3012, für Erstsemester des Faches „Canopäische Kolonialherrschaft“ geschrieben, und weiteren Materialien. Schon hier wird der fragmentarische Erzählstil des Romans eingeführt, der zum Ende hin die konventionelle Erzählstruktur komplett aufbricht.

Diesen ersten Teil des Buches habe ich nur mit äußerster Mühe und Not durchgestanden, so öde war das alles. Die Erzählerfigur Johor, ein (unbeabsichtigt?) moralisierender Spießer mit paternalistischen Zügen, trägt ihr Übriges dazu bei.

In diesem korrupten und schrecklichen Zeitalter konnte der junge Mann dem Druck von allen Seiten, der ihn vom Pfad der Pflicht abzubringen versuchte, nicht entgehen, und er erlag ihm schließlich, kaum fünfundzwanzig Jahre alt. Er war sich bewusst, dass er etwas Schlimmes tat. Junge Menschen haben oft Augenblicke gedanklicher Klarheit, die mit zunehmendem Alter seltener und verschwommener werden.

Die allwissende Erzählperspektive, auch wenn sie als Ich-Erzählung aufgezogen ist, fordert ihren Tribut. Zuviel telling, zu wenig showing. Das ist auch der Grund, weshalb die alten Klassiker so schwer zu lesen sind. Unsere postmodernen Gehirnstrukturen halten diesen Meta-Einheitsbrei einfach nicht mehr aus.

ALMATHUN fährt fort

Aber, dem Himmel sei Dank, habe ich den Roman doch weitergelesen. Je mehr sich die Geschichte dem 20. Jahrhundert nähert, desto zusammenhangloser wird die Struktur (Briefe und Tagebucheinträge unterschiedlicher Shikastianer wechseln sich fröhlich ab) und desto realistischer und sozialkritischer wird die Darstellung des Geschehens.

Es scheint, als wolle Lessing in ihrem Roman u.a. die Entwicklung der Historiographie auf formaler Ebene nachzeichnen [Fußnote 1], da die neuere Geschichtsschreibung auch auf eine vielseitigere Quellenlage rekurrieren und somit eben bislang ungehörte Stimmen aufgreifen kann, die in den großen Erzählungen der Vergangenheit keinen Platz fanden. Im Roman wird die subjektive Konstruktion von Geschichte aus einzelnen Puzzleteilen deutlich vor Augen geführt.

WIN_20151108_085733
Die letzte Seite des Berichts zur 87. Periode der Letzten Tage. (Eintritt in die Menopause?)

Damit zeichnet sie in der narrativen Struktur des Romans die Ontogenese der Historiographie nach, so wie Joyce es im Ulysses auf der sprachlichen Ebene für die Entwicklungsgeschichte der englischen Sprache getan hat. Lessing konnte die Digitalisierung des Wissens nicht voraussehen, deshalb bleibt der Roman auch in seiner Schilderung des Dritten Weltkrieges und der anschließenden Verurteilung der weißen Rasse bei Tagebucheinträgen und Briefwechseln als fiktives Quellenmaterial stehen. Hier hätte ich mir dann doch etwas mehr Experimentierfreude gewünscht, wie z.B. ein paar VHS-Kassetten in dem Literaturverzeichnis für Studierende ganz am Ende des Romans.

ALMATHUN berichtet weiter

Innerhalb dieser großen Meta-Erzählung zur Geschichte der Menschheit auf Shikasta verfolgt Lessing ein weiteres Großprojekt. Waren die alten Mythen vor allem Ausdruck patriarchalischen Herrschaftsverständnisses und Interpretation der Welt in diesem Sinne, in der die weibliche Erfahrung und die anderer unterdrückter Gruppen ausgeklammert wurde, gewinnen sie in Shikasta endlich an Geltung, eingebettet in eine ebensolche große, mächtige und sinnstiftende Erzählung.

In den Tagebucheinträgen von Rachel Sherban schreibt sich eine ganz persönlich gehaltene, weibliche Stimme in den Roman ein, in der Schilderung des Prozesses gegen die weiße Rasse am Ende des Romans, kommen die unterdrückten Völker der Erde in ihrer Anklage zu Wort. Interessanterweise wird hierfür eine neue Figur eingeführt, ein Chinese, Genosse Chen Liu, Spion der stärksten Nation am Ende des 20. Jahrhunderts. Seine systemkonformen Berichte an den Rat in Peking werden parallel durch seine Privatkorrespondenz mit einem Freund, in der er sich vor allem systemkritisch äußert, wieder relativiert.

In Shikasta finden sich nicht nur Anleihen aus den ersten Schriften über die menschliche Frühgeschichte wieder, sondern auch Elemente aus der in den 70er Jahren aktuellen Populärkultur. Die 3er-Konstellation von Prinzessin Leia, Luke Skywalker und Han Solo in Star Wars zeigt auffällige Parallelen zum Gespann des Geschwistertrios Rachel, Benjamin und George Sherban. In einer Szene tritt sogar ein haariges Chewbacca-artiges Fellwesen auf, das nur jaulend kommuniziert und Johor tatkräftig zur Seite steht.

Wie um zu beweisen, dass sie ganz bestimmt keine Feministin ist, denn das hat die Lessing immer strikt von sich gewiesen, lässt sie die weibliche Erzählstimme Rachel Sherban kurz vor dem Ende Selbstmord begehen. Sie hatte sich den Anweisungen ihres Bruders George widersetzt. Das letzte Wort haben wieder die männlichen Shikaster, die jungen Müttern zu ihren neu geborenen Söhnen gratulieren. Die Mütter wünschen sich keine Töchter, freuen sich ganz offensichtlich mehr über Jungen. Dies hinterlässt in der allgemeinen Freude über die letztendlich geglückte Utopie friedlichen Beisammenseins am Ende des Romans einen widerlichen Nachgeschmack und wirft berechtigte Zweifel an der Glaubwürdigkeit des gesamten Kolonialberichtes sowie der Fortschrittlichkeit der Kolonialmacht Canopus auf.

WIN_20151108_085745Der Roman hat mich phasenweise wirklich begeistert, vor allem zum Ende hin wurde er richtig poetisch und auch ergreifend. Davon hätte ich mir mehr gewünscht. Hauptdarsteller ist jedoch die auffällige Struktur des Buches, die noch während der Lektüre den Denkprozess in Wallung bringt und über die etwas ambivalente, fragwürdige Ideologie der Geschichte hinwegtröstet, denn gerettet werden die Menschen vor den bösen Energien des Planeten Shammat ausschließlich von männlichen Figuren. Kein Abgesandter kommt auf die Idee, sich als Frau zu reinkarnieren. Der Roman zelebriert eine erzkonservative Gesinnung im postmodernen Gewand, gespickt mit sozialkritischem Realismus und Anleihen an den Marxismus. Weniger ist manchmal mehr, Frau Lessing.

Hoch anrechnen muss man der Autorin, dass es ihr gelingt die humanen Grundwerte unserer Zivilisation gegen die Tendenzen der postmodernen Auflösung zu verteidigen. In welchem Verhältnis muss das Individuum zur Gemeinschaft stehen, um ein friedfertiges und effektives Zusammenleben zu gewährleisten? Ihre Dystopie verwandelt sich am Ende in eine Utopie, weil die Menschen ein Ideal vermittelt bekommen, einen Soll-Zustand, an dem sie sich orientieren können. Sie zeigt, dass ein wünschenswertes Bild einer Zukunft konstruiert und über kulturelle Rituale die Erinnerung daran gepflegt werden muss. Bildung und Erziehung, zum Erwerb und der Pflege der Kulturtechniken, auch Empathie gehört dazu, sind der Motor des sozialen Wandels.

Somit enthält der Roman auch eine immer noch aktuelle Kritik am Ist-Zustand der Hier & Jetzt-Ideologie des Kapitalismus, die die Notwendigkeit des totalen Konsums zur beglückenden, ego-geleiteten Bedürfnisbefriedigung als quasi-religiösen Utopieersatz einfordert.

Ob ich jedoch die anderen vier Teile der Canopus-Pentalogie lesen werde, steht noch in den Sternen.

Fußnote 1: Mir ist nicht bekannt, ob diese Idee bereits an anderer Stelle entwickelt wurde, würde mich über Literaturhinweise diesbzgl. freuen, falls dies so sein sollte.

Bilder:

  1. Lyotard: Bracha L. Ettinger [CC BY-SA 2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)%5D, via Wikimedia Commons
  2. Foto vom Buchumschlag und der letzten Seite sowie der Pilzwiese: Almathun

ALZHEIMER & CO. / Iris: A Memoir – John Bayley (1998)

ALZHEIMER & CO. / Iris: A Memoir – John Bayley (1998)

DSC_0039Ist Iris Murdoch (1919-1999) heutzutage nur noch wegen ihrer Alzheimer Erkrankung ein Thema? Ich hatte ihren ersten Roman „Under the Net eher teilnahmslos gelesen, trotzdem fasziniert mich da etwas. Ist es das Wissen um ihre Biographie oder sind es doch die untergründig fortwirkenden Texte einer bedeutenden Schriftstellerin?

In den 80er Jahren, als man unter dem Druck gesellschaftlicher Veränderungen in Deutschland endlich anfing, vermehrt Literatur von Frauen auf den Markt zu bringen, wie bei Herbststeib schön nachzulesen, entdeckte man auch die Anglo-Irin Iris Murdoch als eine Stimme, die sich nicht so recht in die gängigen Klischees des „ewig Weiblichen“ einordnen ließ und die trotzdem gesellschaftliche Anerkennung erfahren hatte.

Es ging – vermute ich mal – um alternative Rollenvorbilder, weniger um die Romane selbst. Ich selbst war zu jener Zeit noch ein Kind, von meiner Mutter in stabile Cordhosen und praktische Gelee-Sandalen zum Herumtoben gesteckt, und kann es nicht wirklich beurteilen.

Was an Iris Murdoch überhaupt noch interessiert: Werk oder Biographie, fragte ich mich auch bei der Lektüre von Jonathan Franzens aktuellem Roman „Purity“. Der Name Iris Murdoch taucht hier zweimal auf. Die Mutter von Andreas Wolf, dem sexsüchtigen Ostdeutschen und späteren Internet-Leaker, ist Anglistikprofessorin in der DDR, ihr Mann ein einflussreicher Parteifunktionär. Sie ist von Murdoch begeistert und frohlockt, als im Regal ihres Sohnemanns Iris Murdoch entdeckt.

„You have books I’d like to borrow,“ she said, moving to his shelves. „It does my heart good to see how many of them are English.“ She pulled a title off a shelf. „Do you admire Iris Murdoch as much as I do?“

Iris Murdoch war in ihren jungen Jahren Kommunistin. 1987 ließ sie sich von der Queen zur Dame Commander of the Order of the British Empire erheben. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Eine Frage, die ich Jonathan Franzen nach der Lesung in Hamburg gerne gestellt hätte, aber leider unwirsch davon abgehalten wurde, wäre die nach Iris Murdoch gewesen. Franzens Vater hatte Alzheimer (My Father’s Brain) wie Murdoch. Pip, die sympathische Protagonistin aus  „Purity“ kann, wie auch ihre Mutter Anabel, hervorragend riechen. Anders Iris Murdoch, die, wie wir von ihrem Mann John Bayley in „Iris: A Memoir“ erfahren, keinen Geruchssinn hatte, wie es bei Alzheimer und Demenz nicht selten vorkommen kann, aber das scheint Bayley nicht bewusst gewesen zu sein.

Either sex may or may not be able to feel the pleasure or pain of other persons, just as either sex can possess or lack a sense of smell. Iris, as it happens, has no sense of smell, and her awareness of others is transcendental rather than physical.

Der Bezug zu Iris Murdoch wird bei Franzen als Mittel der Charakterisierung zweier eher unsympathischer Figuren verwendet. Die linientreue Anglistikprofessorin und ihr mordender Sohn sind nach der Wende in der Lage, ihre Vergangenheit erfolgreich zu vertuschen. Die Vorliebe für Murdoch ist hier Ausdruck einer Affinität für Personen, die sich aufgrund einer Alzheimer-Erkrankung nicht mehr ihrer Vergangenheit stellen müssen. Für die Wolfs gibt es jedoch keine „Erlösung„. Beide müssen sich zeitlebens an ihre Vergangenheit erinnern, zerbrechen letztendlich daran. Ohne es von Herrn Franzen selbst gehört zu haben, vermute ich, dass er bei der Erwähnung von Iris Murdoch v.a. die Alzheimer-Erkrankung im Hinterkopf hatte.

Während sich Franzen des Namens Murdoch in symbolhafter Weise bedient, erfährt man in John Bayleys Biographie mehr über den Menschen Murdoch, über ihre Ehe, ihr berufliches und gesellschaftliches Leben in Oxford in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, über die Familie.

Die beiden waren 43 Jahre verheiratet, bis Murdoch 1999 79-jährig verstarb. Der um einige Jahre jüngere Bayley, Literaturprofessor in Oxford, überlebte sie um 16 Jahre, und starb im Januar diesen Jahres. Zwei Bücher hat er über seine Zeit mit Iris Murdoch geschrieben.

DSC_0039Wie es so kommt, eigentlich wollte ich von oder über Iris Murdoch erst einmal nichts mehr lesen, aber dann entdeckte ich dieses Exemplar in der Grabbelkiste des hiesigen Schmuddelantiquariats und griff beherzt zu. Den Film „Iris“ aus dem Jahr 2001, der auf den Schilderungen Bayleys beruht, kann ich leider nicht empfehlen. Kate Winslet als die junge Murdoch ergeht sich zu oft in ihrem antrainierten, viel zu breiten Hollywood-Lächeln. Da kann auch die letztendlich ahistorische Kurzhaarfrisur mit angeföntem, jungenhaftem Strubbeleffekt nichts mehr retten. Erinnerungen an Mel Gibsons Frisur in „Braveheart“ kommen wieder hoch und verderben einem wirklich alles. Schöner und treffender sind da die Beschreibungen Bayleys:

She was looking both absent and displeased. Maybe because of the weather, which was damp and drizzly. Maybe because her bicycle was old and creaky and hard to propel. Maybe because she hadn’t yet met me? Her head was down, as if she were driving on thoughtfully towards some goal, whether emotional or intellectual. I remember a friend saying playfully, perhaps a little maliciously, after she first met Iris: „She is like a little bull.“

In dem, wie ich finde, passenden Bild eines „kleinen Bullen“ erkennt man die Murdoch sofort. Sie entsprach nie den gängigen Vorstellungen eines Vorzeige-„girls“, so Bayley, sondern war halt nur sie selbst, völlig unbeeindruckt vom Geschlechtergeplänkel ihrer Umwelt. Bayley ist nicht der erste, der hervorhebt, dass der Geist des Menschen geschlechtslos ist, und Iris Murdoch war definitiv ein in ihren Studien der Philosophie aufgehendes, vergeistigtes Wesen. Wichtig war es ihr verliebt zu sein. Sex hatte sie auch, aber das lief halt nebenher.

[…] she had remarked with brisk indulgence „Perhaps it’s time we made love,“ and she had shown me how. […] she was much too busy and interested in other things to make a habit of it, so to speak.

Dennoch war in den Augen John Bayleys anscheinend die ganze Welt in seine Iris verliebt. Ob dies tatsächlich so war, wollen wir nicht in Frage stellen, charmant und liebenswert wie seine Schilderungen ihrer Beziehung sind. Ganz Oxford, Männer sowie Frauen, lagen ihr verliebt zu Füßen, u.a. auch der Altphilologe Professor Eduard Fränkel, mit dem Murdoch, zur großen Beunruhigung Bayleys, in trauter Zweisamkeit altgriechische Texte übersetzte:

She had already told me how fond she had been of Fraenkel, both fond and reverential. In those days there had seemed to her nothing odd or alarming when he caressed her affectionately as they sat side by side over a text, sometimes half an hour over the exact interpretation of a word […] That there was anything dangerous or degrading in his behaviour, which would nowadays constitute a shocking example of sexual harassment, never occured to her. In fact her tutor at Somerville College, Isobel Henderson, had said with a smile when she sent Iris along to the professor, „I expect he’ll paw you about a bit.“

Diese Beschreibung lässt die Berichte von Murdochs angeblich sexuellen Freizügigkeiten in einem anderen Lichte erscheinen. Es bleibt unklar, inwieweit sie selbstbestimmt war oder meinte, sich den Gepflogenheiten des Oxforder Lehrbetriebs anpassen zu müssen. Sue Bridehead, die Heldin in Thomas HardysJude the Obscure„, springt aus dem Fenster, als sich ihr der alte Schulmeister Phillotson in der Hochzeitsnacht nähert. Ich fand Hardy in seiner Darstellung weiblicher Gefühlswelten schon immer sehr realistisch.

Bayleys Biographie liest sich ratzfatz durch. Da ist jemand, der sich klar undDSC_0047 deutlich verständlich machen kann und trotzdem die feinen Nuancen einfängt. Aus einem angenehm selbstironischen Blickwinkel erzählt er von seiner Zeit mit Murdoch, schafft es gleichzeitig, einen ernsteren Ton anzuschlagen, wenn es um die Erfahrungen mit der Alzheimerkrankheit geht. Dabei schreibt er  nicht chronologisch. Bei der Abfassung des Buches lebte Murdoch noch, war aber bereits schwer erkrankt. Bayley fungiert hier als ihr Gedächtnis, um die gemeinsam verbrachte Zeit und die wertvollen Erfahrungen, vor dem Nichts der Alzheimerkrankheit zu retten.

Ich muss zugeben, ich finde Murdochs Leben immer noch spannender als das, was ich von ihr selbst gelesen habe. Vielleicht übersehe ich etwas ganz Wesentliches, mag sein. Meine Ausgangsfrage hat sich damit allerdings nicht beantwortet, dennoch gibt es Anzeichen dafür, dass sie in den letzten Jahrzehnten v.a. wegen ihrer Alzheimer-Erkrankung in Erinnerung geblieben ist, nicht wegen ihres Lebenswerks. John Bayleys Memoiren und der Film „Iris“ haben zu dieser Entwicklung beigetragen.

LESUNG: Jonathan Franzen – UNSCHULD (in Hamburg)

LESUNG: Jonathan Franzen – UNSCHULD (in Hamburg)
Thalia Theater, Hamburg.

Eine halbe Million Besucher sollen es laut einer Thalia Mitarbeiterin an jenem Abend des 8.10.2015 gewesen sein, die sich nach der Lesung im Foyer des Theaters drängelten, um ihre Bücher vom amerikanischen Superstern am Literaturhimmel, dem Jonathan Franzen, signieren zu lassen. Diese erfrischende Form des Understatement war eine Wohltat inmitten des hanseatischen Mobs, der sich kultiviert gebend seinen Weg zum begehrten Weltstar bahnte. Aber ich übertreibe etwas.

Das Gedrängel am Signiertisch, das so manchen Wutbürger auf den Plan rief, hatte sich sogar bis Göttingen herumgesprochen, wo Herr Franzen tagsdrauf ein weiteres Mal aus seinem neuen Roman „Unschuld“ las. Zustände wie auf einem Take That-Konzert hätte es in Hamburg gegeben, deshalb baten Autor und Veranstalter die Zuhörer darum, nur eine Schlange vor dem Signiertisch zu bilden.

Wie hatte es soweit kommen können?

In den Begrüßungsworten zu Beginn der Veranstaltung wurde mehrfach darauf hingewiesen, dass Hamburg eine besondere Ehre zuteil geworden sei, denn hier, im tollen Hamburg, würde Herrn Franzens erste Lesung in Deutschland stattfinden, noch vor der LitCologne. Die 1000 Besucherinnen im ausverkauften Thaliatheater zeigten sich zunächst hanseatisch unbeeindruckt. Erst als die Veranstalter darum baten, auf Wunsch des Autors, später, nach der Lesung, bitteschön KEINE Fotos geschweige denn Selfies von bzw. mit Herrn Franzen am Signiertisch zu machen, lockerte sich die Stimmung merklich auf und es wurde fröhlich gekichert. Weiterhin wurde darauf hingewiesen, dass man die Lesung nach Weihnachten, am 27.12. um 20 Uhr, auf NDR Kultur hören könne.

Die Moderation des Abends hatte FAZ-Literaturchefin Felicitas von Lovenberg übernommen. Viel sah oder hörte man aber nicht von ihr, denn den Großteil des Abends bestritt Jonathan Franzen allein auf der Bühne, im Zwiegespräch mit seinen Leserinnen und Lesern. Frau von Lovenberg musste/konnte/durfte während der Vorlesephasen die Bühne verlassen, was auf mich etwas befremdlich wirkte, denn der Stuhl neben Mr. Franzen blieb demnach meistens leer, so als warte man noch auf jemanden, was dem Abend einen etwas flüchtigen, Beckett’schen Beigeschmack verlieh.

Beeindruckt und in gleichsam teilnahmsvoller Rührung folgten die Zuhörer Herrn Franzens Ansprache an das Publikum, denn er redete vor allem deutsch, ein sehr gutes Deutsch, wenn er an manchen Stellen und mit fortgeschrittener Stunde auch etwas ins Schlingern kam. Trotzdem sehr beachtlich, muss ich sagen, und so manch eine kleine, charmante Sprachkreation, wie z.B. „Sie sind heute meine experimentalen Kaninchen„, wurde vom Publikum in liebevoller und erheiterter Weise begrüßt. Denn allein dies ist ja schon ein Liebesbeweis an das Land, in dem der jüngere Franzen als Student in Berlin, Anfang der 80er, studiert hatte. Die Amerikaner, die sich die Mühe machen, eine Fremdsprache zu lernen, kann man womöglich an einer Hand abzählen, vor allem diejenigen, die es nicht aus Businessgründen tun. Also Hut ab vor Herrn Franzen! Er hat meinen ganzen Respekt.

Drei Passagen hat Jonathan Franzen auf deutsch vorgelesen, eine auf englisch. Die englische gehört zu meinen Lieblingsszenen im Buch und behandelt das Gespräch der Enthüllungsjournalisten Leyla Helou mit der Schnellrestaurant-Mitarbeiterin Phyllisha Babcock, in Amarillo, Texas. (Ein kleiner Auszug aus der Szene). Hier kommt Jonathan Franzens Sinn für Humor voll zum Tragen, der immer dann Blüten treibt, wenn Charaktere beschrieben werden, die gar nicht wissen, dass sie komisch sind.

DSC_0010Einiges Neues konnte man an diesem Abend über den Roman erfahren, wenn ich mir auch ein wenig mehr Analyse oder Interpretationsansätze gewünscht hätte. Ich denke, das kann man einem Publikum durchaus mal zumuten, es muss nicht immer nur Geplänkel auf der Inhalts- und Figurenebene in Verbindung mit der Biografie und den Intentionen des Autors sein. Die Siri Hustvedt Lesung hatte mich damals im Juni in eine geistige Extase versetzen können, weil hier eben ganz andere Register gezogen wurden, die zur intensiven Auseinandersetzung mit den Themen des Romans inspirieren konnten.

Die Eingangsfrage von Frau von Lovenberg fand ich ziemlich gut, nämlich, ob er, Jonathan Franzen, Beziehungen für genauso schlimm halte wie das Internet. Diesen Eindruck hätte man als Leser/in. Leider ging der Autor darauf nicht wirklich ein. „That’s a devilish question,“ sagte er nur, worauf Lovenberg rekurrierte, er, Franzen, habe ja das Faustzitat an den Anfang des Romans gesetzt. „Das stimmt,“ so der Autor. Leider war der Faust dann kein Thema mehr. (Faust, Mephisto und das naive Gretchen in meiner Besprechung des Romans vom 4. Oktober).

Der Titel „Purity“ sei ihm von Anfang an etwas peinlich gewesen, so Franzen, deshalb habe er der weiblichen Protagonistin diesen Namen gegeben und ihn dann kurzerhand mit „Pip“ abgekürzt. Der Titel entstamme vor allem seiner Beschäftigung mit dem Werk von Karl Kraus, der oft die „Reinheit der deutschen Sprache“ eingefordert hatte.

Reinheit sei ein Begriff, um einen radikalen Idealismus zu verstehen. Extreme Bewegungen jeglicher Art würden sich immer auf irgendeine Art von „Reinheit“ beziehen. Pip sei die einzige ohne Idealismus, ganz anders als ihre Elterngeneration, allen voran ihre Hippiemutter Annabel. So habe er den Titel „Purity“ ironisiert und für sich entschärfen können.

Eine besonders schöne Stilblüte gelang dem Autor im Gespräch über Andreas Wolf, der „mit seiner unmöglichen Mutter einen Alpentraum hätte.“ Weil alle anwesenden Norddeutschen diese Wortkreation einfach zu schön fanden, wurde Mr. Franzen dahingehend nicht korrigiert.

Die Frage aus dem Publikum, ob seine neuen Romane Fortsetzungen der alten seien, verneinte Herr Franzen. Die Figuren interessierten ihn nach dem Schreiben nicht mehr. „A book isn’t done, if there still can be done something with the characters,“ so der Autor, aber „I wonder what happened to Gary [aus den Corrections] sometimes.“ Außerdem könne er Figuren nicht noch einmal verwenden, sobald die Rechte an z.B. Filmproduzenten verkauft worden seien.

Was nicht ausbleiben durfte, war natürlich die Frage nach dem deutschen Titel „Unschuld,“ der vielen Leser_innen als Missgriff erscheint. Franzen blieb hier sehr vage, „was weiß ich,“ bzw. „it’s not a random choice.“ Da gestern die Lesung in Göttingen per Livestream online gezeigt wurde, konnte ich in Erfahrung bringen, dass „Unschuld“ durchaus Sinn mache, so Franzen in Göttingen, weil sich alle Charaktere im Roman aus unterschiedlichsten Gründen schuldig fühlten. Vermutet wurde jedoch bereits an anderer Stelle, dass der Rowolthverlag nach dem letzten Titel „Freiheit“ keinen fast gleichlautenden Titel verwenden wollte. Anyways.

Das Fernsehen sei kein Feind mehr, so der vormals fernsehfeindlich eingestellte Franzen anschließend. Es habe in den letzten Jahren bewiesen, durchaus komplexere Erzählmethoden anwenden zu können.

The enemy is stupid, brief stimuli, not coherent narrative. TV uses storytelling techniques that novels have developed for centuries. TV is the novel’s little brother.

Das mit dem „kleinen Bruder Fernsehen“ hatte Frau von Lovenberg angesprochen. Der große Gesellschaftsroman des 19. Jahrhunderts sei tot, das wusste Jonathan Franzen schon vor 20 Jahren. Solche Erzählungen spielten sich jetzt v.a. auf Bildschirmen ab. Dass er mit dieser Einsicht seinen Frieden geschlossen hat, konnte man ihm durchaus ansehen.

Aber was macht das Lesen von Romanen zu etwas ganz Besonderem?

Es ist die Innerlichkeit und Psychologie sowie die unmittelbare, geistige Verbindung des Schriftstellers mit den Lesern. So könne man sich auch noch Jahrhunderte später mit schon lang verstorbenen Autoren ganz nah verbunden fühlen. Dies sei der Zauber der Literatur, so Lovenberg, die besondere Beziehung, die die Zeiten überdauere.

Wie oben schon erwähnt, hätte ich mir durchaus etwas tiefergehendere Analysen gewünscht.

Das wahre Abenteuer begann NACH der Lesung, denn es entstand ein Run auf den Signiertisch des Autors im Foyer des Theaters.

Aufgrund einer strategisch günstigen Ausgangslage, gelang es mir innerhalb weniger Minuten, mich in zirka zwei Metern Entfernung von Herrn Franzens Tisch und seiner Gefolgschaft zu positionieren. Dort stand ich dann allerdings eine geschlagene halbe Stunde, aber lieber am Anfang einer Schlange warten, als an ihrem Ende, vor allem wenn man sich in Hör- und Sichtweite des Objekts der literarischen Begierde befindet.

WIN_20151010_130242 (2)Als ich endlich an die Reihe kam, hatte sich meine anfängliche Nervosität etwas gelegt und war einer überhitzten Müdigkeit gewichen. Halb im Traume stand ich nun vor ihm, nur eine Tischbreite entfernt, aber es musste alles ganz schnell gehen.

Ein Herr, der urplötzlich von hinten links an mich herantrat, entriss mir meine beiden Bücher, „Purity“ und „How to be Alone“, schlug sie ratzfatz an passender Stelle auf und ermahnte mich drängelnd zur Eile. Sprachlos war ich, hatte ich mir doch ein paar Fragen sorgfältig überlegt, sodass Herr Franzen die Initiative übernehmen musste und seine erste gewagte Signatur in den Essayband setzte. „You have to tell me what to do,“ so der Autor unter Druck, und ich war wieder etwas wacher, nannte und buchstabierte ihm etwas peinlich berührt meinen Namen, den er dann als Widmung auf die erste Seite von „Purity“ schrieb, mit Ausrufungszeichen, um keine Zweifel aufkommen zu lassen.

Oh, liebe Leserinnen und Leser, von da an schwebte ich nur noch auf Wolke Nummer Sieben, ein glücklicher Franzen-Fan. Im hanseatischen Nieselregen unter einem sternenlosen Himmel, sprang ich am Ende eines ereignisreichen Abends, übermütig und vom Glücke beseelt, die mehreren Hundert Meter ohn‘ Unterlass und in freudiger Erregung zum Hauptbahnhof, wo bereits mein Zug wartete und mich sicher nach Hause beförderte. Purity an mein Herz gedrückt, schlief ich um etwa drei Uhr nachts endlich ein.

______

Bilder:

  1. Deckenbeleuchtung im Thalia Theater, Hamburg: almathun
  2. Thalia Theater: von Armin Smailovic (www.thalia-theater.de) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)%5D, via Wikimedia Commons
  3. Herr Franzen and parts of Frau von Lovenberg on stage: almathun
  4. Signierte Purity-Seite: almathun