Neulich im Sigmund Freud Park…

Sigmund Freud Park, Wien, 2015
Sigmund Freud Park, Wien, 2015

Seit einiger Zeit, nicht erst seit meinem Ausflug in die österreichische Hauptstadt (s. hier), frage ich mich ernsthaft, warum der Blogeintrag zu Robert Seethalers Roman „Der Trafikant“ (s. hier) so unverhältnismäßig oft, wenn nicht sogar explosionsartig, angeklickt wird. Es ist schon auffällig. Eine Antwort werde ich wohl nicht erhalten, und so bleibt es bei Spekulationen, die ich gerne für mich behalte.

DSC_0157Dem Robert Seethaler habe ich es zu verdanken, dass mir der Straßenname „Berggasse 19“ zum Begriff wurde. Und dort hat es mich dann während meines letzten Wienbesuches auch hinverschlagen.

Der 9. Bezirk mit dem Servitenviertel liegt nordwestlich vom Stadtzentrum. Hier hat zur Zeit Freuds das gehobene, jüdische Bürgertum gelebt. Während des NS-Regimes mussten viele jüdische Familien die Stadt verlassen, so auch die Freuds im Jahre 1938, andere wurden abtransportiert und in Konzentrationslagern ermordet, wie vier der fünf Freud-Schwestern. Freud hatte versucht, seinen Schwestern ebenfalls die Emigration zu ermöglichen, was aber scheiterte. Nur ein Jahr nach der Emigration, ließ sich Freud, inzwischen vom Krebs schwer gezeichnet, in London von seinem Hausarzt eine Überdosis Morphium spritzen. Im Sigmund-Freud-Museum, das sich in den ehemaligen Wohn-und Praxisräumen befindet, kann man mehr über die Umstände der Ausreise der Freuds nach London erfahren.

So, jetzt habe ich gleich mit dem traurigsten Teil des Ausflugs begonnen, typisch. Eigentlich wollte ich zu Anfang erst einmal mein Eintauchen in das „Freud-Viertel“ beschreiben.  Das war nämlich alles andere als tragisch. Ausgestiegen bin ich an der Station Schottentor. Ein extrem heißer Tag, bereits vormittags über 35°. Man mag es für esoterischen Quatsch halten, für eine irrationale Reverenz an den bedeutenden Seelenklempner, oder die Auswirkungen eines sich anbahnenden Sonnenstichs, aber ich wurde das Gefühl nicht los, dass hier im „Freud-Viertel“ eine sehr viel entspanntere Stimmung herrschte als in der Innenstadt oder im Marienviertel, wo sich die Unterkunft befand.

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Im Sigmund Freud Park hatten es sich die Wiener bereits auf den provisorischen Couchen bequem gemacht, in Sprechtherapie vertieft. Ein Kraftort in der hektischen Großstadt. Das nachhaltig wirkende Erbe des Sigmund Freud, der hier von 1891 bis 1938 wohnte und arbeitete? Keine „grantelnden“ Wiener, die auf Touri-Fragen nur noch unwirsch reagieren können, keine hochrot angelaufenen Fiakerfahrer, die einen als blind und dumm bezeichnen, nur weil man sich nach Erfrischungsmöglichkeiten für die in der prallen Sonne bei 38° „geparkten“ Fiakerpferde erkundigt. Nein, hier im „Freud-Viertel“, so schien es, könnte die Stadt tatsächlich ein Schild mit der Aufschrift „Willkommen in Wien“ aufstellen ohne sich damit lächerlich zu machen.

Der Freud musste schon geahnt haben, dass Wien das perfekte Pflaster sein würde, um die narzisstischen Neurosen der Menschheit studieren zu können.

Keep Styling, 2015
Keep Styling, 2015

Das Museum selbst habe ich schnell durchschritten, weil es bis auf den Museumsshop nicht klimatisiert war. Dort habe ich mich dann länger aufgehalten und mich in dem Buch mit dem Titel „Das Kalte Herz“ von Wolfgang Schmidbauer festgelesen, der anhand des gleichnamigen Märchens von Wilhelm Hauff den Zusammenhang zwischen der Konsumgesellschaft im Kapitalismus und ihrem Empathieverlust aufzeigt. Seine Beschreibung des narzisstischen Charakters und seiner Ursachen ist sehr gut gelungen. Andere Analysen fand ich dann doch etwas konstruiert, wie z.B. die positive Zeichnung der neolithischen Revolution. Anyways, „Das Kalte Herz“ hatte ich, neben dem Ventilator im Museumsshop stehend, zur Hälfte gelesen und es dann als Erinnerung an diesen Ort doch gekauft und in die heiße und plötzlich irgendwie irre Stadt hinausgetragen.

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Von den psychoanalytischen Eindrücken des Vormittags gefärbt, war mein Blick auf die Stadt und die sich dort befindlichen Menschen nicht mehr derselbe. Am Museumsquartier angekommen, stolperte ich in eine Art Convention als Helden der Kindheit (?) und Comicfiguren verkleiderter, nicht mehr ganz junger Menschen, die dort für die dankbaren Touristen posierten. Ich fragte mich, was wohl der Sigmund Freud dazu gesagt hätte.

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Wien bei mörderischen Temperaturen

DSC_0134Ob Wien im Sommer bei ca. 38 Grad eine Reise wert ist, das muss jede/r bitteschön selbst entscheiden. Für mich steht fest: vielen herzlichen Dank auch, aber im nächsten Jahr dann doch lieber wieder Richtung Norden, nach Finnland oder Island, wo es im Sommer sogar schneien kann, ganz ohne Klimawandel. Herrlich.

Die Museumsbesuche waren trotz äußerer Kernschmelze erfrischend, was nicht nur an den klimatisierten Ausstellungsräumen lag. Meine Favoriten: Die Joel Meyerowitz Retrospektive im KunstHausWien, die Mario Giacomelli Ausstellung im WestLicht – Schauplatz für Fotografie, Lee Miller in der Albertina. Ein weiteres Highlight war ein Besuch in der Praxis des Herrn Dr. Sigmund Freud in der Berggasse 19. Etwas enttäuschend: das Leopold Museum mit der Egon Schiele Ausstellung.

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Joel Meyerowitz gilt als einer der Wegbereiter der New Color Photography in den USA. Auch die Street Photography, die ja zur Zeit unter Hobbyfotografen jeglicher Couleur absolut en vogue ist, hat er in den 60er Jahren maßgeblich mit beeinflusst. Einige Beispiele.

Die Zeiten, als Photographen einem ihre Kamera unter die Nase halten konnten, um dann abzudrücken und CSC_0183kommentarlos zu verschwinden, sind vorbei, das heißt zumindest hier in Europa, wo einen das Recht am eigenen Bild vor solchen Überfällen schützen soll. Was nicht immer funktioniert, wie mir in Wien mehrfach deutlich bewusst wurde, als ich plötzlich in die klickende Kamera eines mit der Zunge schnalzenden Hobbyfotografen schaute. Man ist dann doch zu überrascht, um zu reagieren.

Die Street Photography der 60er und 70er Jahre wäre heutzutage also gar nicht mehr so möglich, was einen etwas wehmütig stimmt, was aber auch zu ihrem besonderen Reiz beiträgt und das historische Vintage Feeling dieser Bilder verstärkt. Die anonymisierten Menschen in der Masse der Großstadt, abgelichtet in Momenten flüchtiger Emotionen oder Gesten, erhalten so wieder eine Persönlichkeit. Oder wie Roland Barthes sagen würde: „Die Photographie des verschwundenen Wesens berührt mich wie das Licht eines Sterns.“

Die Ausstellung zeigt die unterschiedlichen Entwicklungsphasen in Meyerowitz‘ Werk auf, Experimente mit Schwarz-Weiß-Photographie bis hin zu Stillleben im Stile von Cezanne. Was mir persönlich am besten gefällt, ist das hohe Reflexionsniveau auf dem er sich in der Besprechung seiner Bilder und seines Oeuvres bewegt. Er nimmt die Welt so an wie sie ist und sucht nach Momenten mit Bedeutung, die er dann mit Hilfe der Kamera bejaht. So ist jedes Klicken seiner Kamera für ihn ein „Ja“ zum Leben wie es ist. Anders geht die Konzeptkunst vor.   100wasser3 (3)

Weiters tief beeindruckt hat mich die Mario Giacomelli Ausstellung „Gegen die Zeit“ im Westlicht – Schauplatz für Fotografie. Könnte man Meyerowitz Bilder vielleicht mit einem Roman von John Updike vergleichen, so würden die von Giacomelli vermutlich einem Dostojewski entsprechen. Die holzschnittartige Schwarz-Weiß-Fotografie traf mich in Mark und Bein, da geht es um existentielle Themen wie Verlust und Tod, Armut, Arbeit und Krankheit. Einige Beispiele. Vor allem die frühen Bilder aus einem Altenheim und einem Schlachthaus haben tiefe Spuren bei mir hinterlassen. Das sind Bilder aus einer anderen, vorindustriellen, bäuerlichen Welt, die es so wohl heutzutage nicht mehr gibt.

Wien, 2015
Wien, 2015

So, mehr gibt es dann später, hoffentlich. 🙂

Robert Seethaler – LESUNG

Robert Seethaler in Lüneburg
Robert Seethaler in Lüneburg

Im Rahmen der LiteraTour Nord 2014/5 besuchte Robert Seethaler am 14.1. (Mittwoch) Lüneburg, um aus seinem Roman „Ein ganzes Leben zu lesen. Die Veranstaltung war komplett ausverkauft und musste kurzfristig vom Heinrich-Heine-Haus in das mit mehr Sitzplätzen bestückte Glockenhaus verlegt werden.

Vorweg: Mein Bericht ist lückenhaft und verzerrt, was der Tatsache geschuldet ist, dass ich mich an diesem Abend, bereits im Halbschlaf befindlich, nochmal auf die Socken gemacht hatte und inzwischen ein paar Tage vergangen sind. Da aber in meiner Schlagwörter & Kategorien-Liste des blogeigenen Statistikteils als beliebtestes Thema der Robert Seethaler immer ganz oben rangiert, setze ich mit diesem Beitrag gerne noch einen nach.

Wenn ich schätzen müsste, würde ich sagen, dass das Publikum zu fast 70% aus pensionierten Studienräten bzw v.a. -rätinnen bestand. Woran erkennt man die? An der gesunden Gesichtsfarbe auch im Winter, einem ausgeschlafenen, bohrenden Blick und dem aufmunternden Lächeln bei gleichzeitig leicht geneigtem Kopfe, wobei hier und da ein goldenes Inlay hervorblitzt. Die nicht kleine Gruppe an jungen Germanistikstudierenden der Leuphana-Universität war vermutlich im Schlepptau vom Prof. Dr. Sven Kramer erschienen, der den Abend moderierte. Der große Ansturm wurde u.a. mit einer zehnteiligen Sendung auf NDRkultur begründet. Dort liest Ulrich Matthes den Roman morgens von 8:30-9:00 Uhr. Ich sag ja, die Pensionäre, die haben’s gut.

Robert Seethaler, der ja für seine Bescheidenheit und Authentizität bekannt ist, 140120152853entschuldigte sich gleich zu Beginn dafür, dass er jetzt aus dem Buch vorlesen werde und zwar 45 Minuten lang. Ich folgte seiner wohl modulierten Stimme mit leicht österreichischem Akzent für ungefähr 10 Minuten und wachte wieder auf, als das Publikum applaudierte. An Seethaler oder der Geschichte lag es nicht, möchte ich hinzufügen.

Im abschließenden Gespräch erklärte Seethaler, dass der Anlass für den Roman eine Erinnerung gewesen sei. Als Junge sei er mit seinen Eltern in den Alpen Ski gefahren und einmal an einem T-Lift den Berg hochgezogen worden. Dabei wurde er durch ein ruhiges Waldstück befördert und die Stille dieses kleinen Wäldchens hätte er nie wieder vergessen. Der Roman sei der Versuch, dieses Bild von der Ruhe in diesem Wäldchen vom T-Lift aus erfahren, in Worte zu fassen. Auf die Frage eines Zuhörers, ob er den Andreas Egger als einen Teil seiner selbst oder wie ein Gegenüber beschrieben habe, antwortete er, dies sei „die gescheiteste Frage“, die er jemals gehört hätte. Seethaler ist kein Ironiker. An die Antwort kann ich mich leider nicht mehr erinnern.

Andreas Egger sei ein starker Charakter, so Seethaler. Er habe einen aktiven Teil. Da, wo andere nur aushalten, könne Egger aktiv mit einer Situation umgehen. Auf eine weitere Frage fügte er hinzu, dass die von ihm in Ein ganzes Leben und im Trafikanten beschriebenen bäuerlichen Lebenswelten in Österreich nicht mehr existierten. Die Antwort war erstaunlich sachlich. Keine Wehmut oder Empörung, vielleicht eher die Akzeptanz der Vergänglichkeit im Leben.

Eine Zuhörerin wollte wissen, warum er als Schauspieler die Hörbücher seiner Romane nicht selbst lese. Seethaler antwortete, dass der Ulrich Matthes das viel besser mache als er. Daraufhin wurde er gefragt, ob er mit seiner Bescheidenheit kokettiere, was er aber abstritt.

2011 lebte der jetzt in Berlin wohnhafte Seethaler für 3 Monate als Heinrich-Heine-Stipendiat in Lüneburg. Er habe in jener Zeit jeden Stein der Stadt kennen gelernt und unter den Städten, die er in seiner inzwischen mehrere Wochen andauernden Lesereise abgeklappert hätte, sei Lüneburg die schönste. Diese Äußerung wurde natürlich mit einem erfreuten Aufjauchzen und kräftigen Applaus des Publikums belohnt. Er habe inzwischen einen kleinen Sohn. Wenn er den Kinderwagen durch die Parks in Berlin schiebe, dann könne er anschließend zuhause einen einzigen Satz zu Papier bringen. Damit beschrieb er seinen Schreibprozess, der ihm alles andere als leicht von der Hand ginge. Interessant fand ich auch den Hinweis, dass er seit seiner Kindheit an einer Augenkrankheit leide. Er habe 14-15 Dioptrien auf den Augen und schon mehrere Augen-OPs hinter sich.

Abschließend gab es noch eine Signierstunde. Auch ich schlurfte tapfer und mit zugeklebten Augen, den Trafikanten und Ein ganzes Leben unter den Arm geklemmt, zur Bühne. Da jede/r in der langen Schlange vor mir angeregt mit Seethaler ein paar Worte zu wechseln schien, überlegte ich mir auf die Schnelle auch etwas und fragte ihn, nachdem ich mit einem freundlich-interessierten Lächeln begrüsst worden war, wann denn der nächste Roman erscheinen werde. „Das ist die falsche Frage!“ erhielt ich als knappe Antwort und war zu müde, um mit „Das ist jetzt aber die falsche Antwort“ zu kontern. Nun ja, anyways, er signierte trotzdem beide Bücher und erklärte sich währenddessen etwas stammelnd damit, dass er momentan wirklich nur wenig Zeit habe. Das Kind, vermute ich mal. Sein Übriges wird wahrscheinlich auch der Druck beitragen, der von seinem Verlag ausgeht, und die Erwartungen des Publikums, den Erfolg von Ein ganzes Leben zu wiederholen. Auf einen Nachfolgeroman werden wir also noch einige Zeit warten müssen, wie es ausschaut.

Robert Seethaler – Ein ganzes Leben

WIN_20141213_142507Es ist schon Ewigkeiten her, dass ich an einem einzigen Nachmittag ein ganzes Buch in einem Rutsch komplett durchgelesen habe. Der etwa 150 Seiten umfassende Roman von Robert Seethaler ist ein solcher Pageturner. Und jetzt die Frage, die mich seit der Lektüre umtreibt: Wie schafft es ein kleiner, unaufgeregter Roman, der das Leben eines österreichischen Seilbahnarbeiters mit Hinkebein beschreibt, so zu fesseln?

Eine Antwort kann ich heute leider nicht anbieten. Vielleicht sind es ganz einfach die „großen Themen“ der Literatur, Leben, Sterben und Tod, die, egal in welcher noch so unspektakulären Geschichte verpackt, uns alle ansprechen? Ich weiß es nicht. Ich werde dieses Geheimnis einfach unangetastet lassen, denn es gehört für mich zur Schönheit des Buches.

Andreas Egger, der Protagonist, wird Ende des 19. Jahrhunderts als vierjährige Waise in die österreichischen Berge zum Großbauern Kranzstocker gebracht, da seine Mutter aufgrund ihres „flatterigen“ Lebenswandels vom „lieben Gott mit der Schwindsucht gestraft und heimgeholt worden war“. Auf dem Kranzstocker-Hof dient er fortan mit seiner jungen Arbeitskraft und als Prügelknabe für die sadistischen Anwandlungen des Alten. Über eine Ochsenstange gehängt, mit dem nackten Hinterteil in die Höhe, drischt Kranzstocker auf den kleinen Jungen ein, den Allmächtigen mit Ausrufen wie „Herrgottverzeih“ als Legitimation für sein Handeln herbeizitierend, bis es eines Tages laut im Körper des Kleinen knackt und sein Bein unwiderbringlich, bis zum Ende seines Lebens, beschädigt bleibt.

Es ist eine archaische, alttestamentarische Welt, die Seethaler heraufbeschwört. Eine Hölle auf Erden in wunderschön, schneebedeckter Alpenlandschaft. Der kalte Schnee und der eisige Winter scheinen die heißen Gefühle der Menschen einzufrieren. Rechtschaffenheit heißt, die Aufgaben und Herausforderungen, die das Leben oder Gott an einen stellt ohne Murren oder Empörung anzunehmen. Sonst straft einen Gott oder seine selbsternannten Stellvertreter auf Erden. Manchmal sind es auch die unbarmherzigen Naturgewalten, die diese Aufgabe übernehmen. Mit dieser Einstellung wandelt Egger fortan durch sein Leben. Er ist zu einer zuverlässigen, ausdauernden und bescheidenen Arbeitskraft geworden.

Die Geschichte reiht bedeutsame Episoden im Leben des Andreas Egger aneinander, so als würde sein Leben noch ein letztes Mal an ihm vorüberziehen. Die Zeit bei Kranzstocker, seine erste und einzige Liebe Marie, die, schwanger, von einem Erdrutsch in den Tod gerissen wird, sein mehrjähriger Aufenthalt in einem russischen Strafgefangenenlager, die Arbeit für die Firma „Bittermann und Söhne“, die das Tal durch den Bau von Seilbahnen touristisch erschließt und letztendlich auch für den Erdrutsch verantwortlich ist, der Marie umbringt, obwohl sich Egger diesen Zusammenhang niemals bewusst machen wird, seine Zeit als Wanderführer nach dem zweiten Weltkrieg in den touristisch erschlossenen Alpen, sowie eine leidenschaftslose Bekanntschaft mit einer pensionierten Dorfschullehrerin.

Eggers komplettes Desinteresse in dieser Szene läutet das Ende des Buches ein. Er hat sich behelfsmäßig in einem alten Schafstall eingerichtet, sucht die Ruhe. Ein rostiger Holzofen und ein Fenster mit Blick auf die Berglandschaft und das weiter unterhalb liegende Dorf mit seinem geschäftigen Treiben, sind die bescheidenen Wohltaten in seinem Leben. Eines Tages trägt eine Gruppe an Skitouristen eine eingefrorene und reichlich mitgenommene Leiche ins Tal, die sie – Ötzi lässt grüßen – in einer Gletscherspalte gefunden haben.

Die Geschichte findet hier wieder Anschluss an die Einstiegsszene des Buches, denn Egger kennt den Mann. Es ist der Ziegenhirte Hörnerhannes, den er mehrere Jahrzehnte zuvor todkrank aus seiner Hütte geholt hatte, um ihn ins Dorf zu bringen. Ein Gespräch über den Tod hatte sich zwischen den beiden Männern entsponnen, wobei ihm der Hörnerhannes über „Die Kalte Frau“ berichtet, als Personifizierung des Todes und Ausdruck der dunklen, mythologischen Vorstellungs- und Glaubenswelt bäuerlicher Kultur im vorindustriellen Europa:

Die Kalte Frau, wiederholte der Hörnerhannes. Sie geht über den Berg und schleicht durchs Tal. Sie kommt, wann sie will, und holt sich, was sie braucht. Sie hat kein Gesicht und keine Stimme. Die Kalte Frau kommt und nimmt und geht. Das ist alles. Im Vorbeigehen packt sie dich und nimmt dich mit und steckt dich in irgendein Loch. Und im letzten Stück Himmel, das du siehst, bevor sie dich endgültig zuschaufeln, taucht sie noch einmal auf und haucht dich an.

Kurz darauf springt ihm der Hörnerhannes von der Trage und rennt auf Nimmerwiedersehen ins Schneegestöber.

Besonders schön finde ich, dass das Buch nicht mit dem Tode Eggers einfach endet, sondern noch eine Szene eingefügt wird, die sechs Monate vor seinem Tod stattgefunden hat, in der sich Egger auf einen Spaziergang in die Berge begibt und sich ein erster Schnee vom Himmel senkt.

So, eigentlich möchte ich jetzt gar kein Resumé schreiben und eine Beurteilung oder Kaufempfehlung abgeben. Das wäre ziemlich unangemessen, finde ich. Vielleicht nur eine Kleinigkeit, die mir beim Lesen auffiel, nämlich, dass einem der Andreas Egger trotz aller Nähe in der Erzählung doch immer bis zum Ende ein Fremder bleibt. Manchmal bin ich geradezu aufgeschreckt, wenn er plötzlich anfing zu reden, was selten genug vorkommt, und seine schroffen Worte einen so ganz anderen Charakter vermuten lassen, als es die Erzählung tut.