peregrinus, teil 2 (1967)

peregrinus, teil 2 (1967)

Die Schweinegrippe hat ihre Klauen gelockert. Es war meine erste, echte Grippe, und die Erkenntnis, die in den letzten drei Wochen in mir gewachsen ist, lautet, dass die Menschheit nicht gesünder sein kann als der Planet auf dem sie lebt. Die Menschheit hat die Ärzte, die sie verdient. Unser Planet hat keinen Arzt, der gegen seine größte Plage zu Felde ziehen würde. Ist das jetzt gut oder schlecht?

John Alec Baker (1926-87), dessen Buch „Der Wanderfalke“ (engl. The Peregrine) 1967 WIN_20160305_143148erschienen ist, starb an einem Krebs, der durch ärztlich verabreichtes Codein und injizierte Goldverbindungen, mit denen seine rheumatoide Arthritis behandelt wurde, verursacht worden war. In den 60er Jahren streifte er einen Winter lang durch das ostenglische Essex und schrieb ein Tagebuch, in welchem er mit ausgeprägter Präzision seine Beobachtungen der Avifauna festhielt. Die Landschaft, die er wie ein Maler in allen Farben und Formen beschwört, dient als mythische Kulisse, in welcher er sich mal zu Fuß, mal mit dem Fahrrad auf die Suche nach dem Wanderfalken begibt.

 

DSC_0223 (2)Ich habe das Buch gelesen, weil sich im Dezember letzten Jahres vor meinem Wohnzimmerfenster zwei Wanderfalken am Turm einer Backsteinkirche niedergelassen haben. Ich sehe und höre sie jeden Tag, sehe sie fliegen und ruhen, höre sie krächzen, wobei ihr Ruf in jeden Winkel des Backsteingemäuers dringt, die Stadttauben aufschreckt und die Elstern vertreibt. Sie haben die Wildnis abgelegener Feldmassive in die platte Stadt gebracht.

Mehr wird über ihren Wohnort nicht preisgegeben, denn leider gibt es zu viele waffentragende Vollidioten, die sich Jäger nennen, und die alles abknallen, was sich Greifvogel nennt, auch wenn es das letzte Tier seiner Art wäre. Zur illegalen Greifvogelverfolgung gehören auch Vergiftungen mit Taubenködern. Dies kennt man aus anderen europäischen Städten. Vor ein paar Wochen ist in der Nähe des niedersächsischen Neuhaus bei Cuxhaven ein Seeadler beim Bau seines Nestes abgeschossen worden. Hier geht es aber höchstwahrscheinlich um den Kampf von Windkraftbefürwortern gegen Umweltschützer, denn schon ein einzelnes Seeadlernest kann den Bau weiterer lukrativer Windkrafträder in einem Umkreis von mehreren Kilometern unterbinden. Dem widersetzt sich so mancher, das dicke Geld riechende, kleine Deichgraf auf seine eigene, ihm wohlvertraute Art und Weise. Aber so wie ein Mensch lebt, so wird er auch sterben. Das ist eine alte Weisheit, die sich schon oft bewahrheitet hat.

Die Gefahren, denen Greifvögel ausgesetzt sind, gibt es, seit es Menschen gibt. Bakers

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1963, zwei tote Adler. Vermutlich mit die ersten Greifvögel, die nach der Veröffentlichung von Rachel Carsons Buch „Silent Spring“ auf Pestizide untersucht wurden.

Wanderfalke erschien ein paar Jahre nach der einflussreichen Studie „Silent Spring“ (dt. Der Stumme Frühling) von Rachel Carson (1962), in welcher die Autorin die verheerenden Folgen von gedankenlos ausgebrachten Pestiziden, v.a. DDT, in der Landwirtschaft beschreibt. Dieses Buch hat die Umweltbewegung in den USA maßgeblich initiiert und beeinflusst wie kein anderes. Hierzulande ist Glyphosat nicht erst seit ein paar Wochen in aller Munde, v.a. bei deutschen Biertrinkern, aber kann ein Skandal wie dieser heutzutage überhaupt noch ein Umdenken der Menschen bewirken?

Ich befürchte, dass es nicht möglich ist, denn der Bauer fürchtet nur das, was er sehen kann. Skandale existieren nur so lange, wie sie von den kurzatmigen Medien unterhalten werden. Ängste und Sorgen werden dank der Technologisierung des Lebens schnell weggezappt, und erst die Krebsdiagnosen lassen die aufmerksamkeitsgestörten Mitglieder der Spaß- und Erlebnisgesellschaft aus allen Wolken fallen. Dann ist es aber zu spät. Nach den Ursachen forschen die Wenigsten, weil sie es auch nie gelernt haben. Sie haben keinen Zugriff mehr auf die Realität. Der nahende Tod lässt sich nicht löschen, das Leben nicht upgraden oder downloaden. Sie sterben einfach. Vermutlich mit ihrem Smartphone in der Hand, den eigenen Tod bei Twitter postend.

Die Wanderfalken standen in den 60er und 70er Jahren kurz vor ihrer Auslöschung, auch in Großbritannien. J.A. Baker schreibt:

Spring evening; the air mild, without edges, smelling of damp grass, fresh soil, and farm chemicals.There is less bird-song now.[…]

Few winter in England now; fewer nest here […] the ancient eyries are dying.[…]

We are the killers. We stink of death. We carry it with us. It sticks to us like frost. We cannot tear it away.

Das auf die Felder ausgebrachte DDT bewirkte eine Störung des Kalkhaushaltes der Vögel, so dass deren Eierschalen immer dünner wurden. Da die meisten Wanderfalken in Felsen oder auf Steinen brüten, kann man sich die Auswirkungen einer dünnen Eierschale auf das Gelege gut vorstellen. In Norddeutschland war die Wanderfalkenpopulation bereits ausgestorben. Nur noch in einigen süddeutschen Bundesländern gab es eine handvoll Brutpaare. In den späten 70er Jahren wurde DDT in den meisten europäischen Ländern verboten. Dank des unermüdlichen Einsatzes von Umweltschützern hat sich die Population der Wanderfalken wieder erholt und stabilisiert. Allerdings sind sie immer noch gefährdet, denn der jetzige Bestand hat sich aus dem genetischen Pool des kleinen, in den 70er Jahren übrig gebliebenen Tierbestandes entwickelt. Dieses Prinzip des „genetischen Flaschenhalses“ führt dazu, dass kleinste Veränderungen der Umwelt wieder zu einer Gefährdung der gesamten Population des genetisch nun fast identischen Wanderfalkenbestandes führen können.

Ein Buch, wie das von Baker, wäre heutzutage nicht mehr möglich. Seine ausdauernden, sich wiederholenden Landschaftsbeschreibungen wären ein absolutes No-Go für jeden Verlag, der Bücher nicht nur drucken, sondern auch einem erlebnisverwöhnten Publikum verkaufen möchte. Es passiert kaum etwas. Hier und da ein aufgeschreckter Vogelschwarm, dort ein jagender Wanderfalke.

Three curlew (dt. Brachvögel) landed on the mud, and stepped delicately to the water’s edge. They were uneasy, moving their heads from side to side like dear suspicious of the wind. They were coloured like sand, and mud, and shingle, and the sere grass of the saltings. Their legs were the colour of the sea.

Die zähe, meditative, über 200 Seiten lange, Beschreibung der Landschaft und Avifauna wirft die Leserin auf die Frage nach dem Sinn menschlichen Handelns in dem Rahmen, den die Natur für uns gesteckt hat, zurück. Sehr oft erschöpft sich die Beobachtung des Autors in ihrer eigenen kreativen Verwandlung des Gesehenen, metaphernüberladen, und ein Reflexionsniveau auf abstrakterer Ebene wird nur ansatzweise erreicht. Aber meine Kritik ist nur ein Hilfeschrei angesichts der Hartnäckigkeit des Autors, der jeden menschlichen Eingriff in das Beschriebene konsequent ausklammert und im Keime erstickt. Seine Landschaft ist ein Schutzgebiet und der Mensch hat hier weder Spaß noch Sinn zu suchen, denn beide Anliegen können nur die Zerstörung des Ursprünglichen bedeuten.

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Peregrine Kill, 2016

Dennoch sind seine genauen Beobachtungen für alle ornithologisch interessierten Menschen, und diejenigen, die mit offenen Augen durchs Leben gehen, ein gefundenes Fressen, enthalten viel Wissenswertes aus erster Hand erzählt, Informationen nach denen man Jahre in Fachliteratur suchen könnte ohne fündig zu werden. So lese ich, dass Wanderfalken v.a. die Vögel jagen, die es in einer Gegend am meisten gibt, aber diese Beutetiere müssen eine weiße Markierung haben. Auf meinem Rundgang um die Kirche fallen mir verstreute, weiße Federn auf, die überall im Gras liegen, definitiv Taubengefieder. Hier liegt ein Elsterflügel mit einer weißen Flügelbinde, dort das abgenagte Brustbein einer Ringeltaube mit blutgetränkten, ehemals weißen Federn bestückt. Barker nennt diese Überbleibsel „peregrine kills„, und mit akurater Wissenschaftlichkeit zählt und benennt er jedes erbeutete Tier, fügt es ein in eine Opferliste, die alle paar Tage erneuert wird.

Seine Schilderungen haben in ihrer Präzision etwas Soldatisches an sich. Jede DSC_0208 (2)(Feind-)bewegung wird registriert, v.a. am Himmel, als wolle er nicht von einem plötzlichen Luftangriff (der Deutschen?) überrascht werden. Gleichzeitig bewegt er sich in seinem kleinen Areal und beschreibt dieses als unversehrte, pastorale Landschaft.

The sunlit orchard was very quiet, laned with pale amber light. The only sounds were the songs of thrushes and blackbirds, muted by distance, the occasional call of a moorhen, the creak and rustle of twigs in the wind.

The only movement was the silent threshing of the hawk’s long wings beating through the sunlit aisles. Silent to me; but to mice in the short grass, to partridges hidden and dumb in long grass und the trees, his wings would rasp through the air with the burning whine of a circular saw. Silence they dread; when the roaring stops above them, they wait for the crash.

Just as we, in the war, learnt to dread the sudden silence of the flying bomb, knowing that death was falling, but not where, or on what.

In the mellow sunlight of the warm unclouded spring, the peregrine shone and blinked behind the branches of the apple tree like a setting sun.

Das Drama des Krieges spielt sich wieder in den Lüften ab, die Angst sitzt aber nicht dem Menschen, sondern den Beutetieren des Wanderfalken in den Knochen. Baker identifiziert sich mehr und mehr mit dem Falken, dem Angreifer. Als Leserin kann man nur spekulieren, inwiefern vergangene Kriegserfahrungen des Autors sich nun in der Naturbeobachtung projiziert wiederfinden und somit aus der Distanz heraus emotional zugänglich gemacht wurden.

Das Schweigen und die Stille bedeuten den nahenden Tod. So war es nicht nur während der Luftangriffe der Deutschen, sondern so ist es auch wieder in den 60er Jahren, wenn Vögel, Bienen und andere Insekten nicht mehr zu hören sind, weil das Gift auf den Äckern sie zum Schweigen gebracht hat. In den 60ern war es DDT, heutzutage, im 21. Jahrhundert sind es Glyphosat und Neonicotinoide.

Wollen wir, die Konsumenten, das ändern? Nein, denn es macht ja keinen Spaß, sich mit diesen Informationen zu beschäftigen. Zweitens soll ja alles geil billig bleiben, denn teuer einzukaufen macht keinen Spaß mehr. Und drittens ist es ja nur von Vorteil, wenn man bei 200 kmh auf der Autobahn im Sommer nicht ständig klebrige Insekteninnereien von der Windschutzscheibe wischen und kratzen muss. Macht ja auch keinen Spaß, scheiß Viecher.

Bakers „Wanderfalke“ ist ein trauriger aber gefasster Abgesang auf eine vormals unversehrte und in ihrer Artenvielfalt lebendige Natur. Robert MacFarlane schreibt in seinem Vorwort von der „Atmosphäre eines Requiems“, die die Leser auf jeder Seite umfängt. Wer schon einmal im Frühling unter einem blütenschweren Apfelbaum gesessen hat, und sich über die anhaltende Totenstille in der Baumkrone gewundert hat, weiß, was gemeint ist.

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Silberreiher

Und was bleibt, sind die Erlebnisse, die man jetzt noch in der Natur sammeln kann. Vor ein paar Wochen habe ich durch mein Fernglas hindurch einen Silberreiher durch ein flaches Gewässer waten sehen. Ganz langsam, in Zeitlupe, ab und zu verfing sich der Wind im leuchtend weißen Gefieder, das an dem Vogel anlag, so als hätte eine Mutter ihrem Kind die Haare liebevoll gekämmt und getätschelt. Als der Reiher sein Bein hob und glänzende Wassertropfen herunterfielen, ging so eine Ruhe von diesem Bild aus, dass mir der Atem stockte. Das war eine in ihren anmutigen Details verzaubernde Ballettvorführung der Natur und ich hatte das Glück ihr beizuwohnen.

Ganz anders als das Herumgehoppse des Fleischklopses Mensch, Wichtigtuer auf der Bühne des Lebens, die er sich selbst erst erschaffen musste, denn die Götter sind ihm, aus gutem Grunde, nicht gewogen. So war es schon immer, und so wird es leider auch bleiben.

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Bilder:

Zwei tote Adler: von Seney Natural History Association [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)%5D, via Wikimedia Commons

Silberreiher: von Falosakitas (Eigenes Werk (Originaltext: eigene Arbeit)) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

alle anderen Bilder: almathun, 2016

MEISTER DES LICHTS – Ben Okri meets Mr. Turner

MEISTER DES LICHTS – Ben Okri meets Mr. Turner
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Ben Okri

Je kürzer die Tage werden, desto mehr entwickelt man einen Geschmack für alles, was großformatig und knallig bunt daherkommt. Letzte Woche ertappte ich mich dabei, wie ich den seit 15 Jahren im Bücherregal vernachlässigten Roman von Ben Okri, Astonishing the Gods (1995), herauszog und mich an dem turneresquen Buchcover mitsamt den glitzernden Goldlettern ergötzte. *rotwerd* Schummrige Erd- und Lichtfarben, nebulöse Andeutungen gotischer Architektur, gekonnt verwischt in der Dynamik subjektiver Wahrnehmung des Erhabenen.

Damals, vor 15 Jahren, hatte ich gerade einmal 7 Seiten geschafft, bevor ich den Roman wieder zur Seite legen musste, mit einem Gefühl von Übersättigung erfüllt, das einen zum Beispiel nach vier Wochen Adventszeit inklusive dreier Weihnachtstage beim Anblick eines Christstollens überkommt. Doch nun, um einiges reifer, geduldiger und vor allem weiser, wollte ich es noch einmal wissen.

Lost in wonder, he stared at the white harmonic buildings round the square. He noticed their pure angles, their angelic buttresses, and their columns of gleaming marble. […] He noticed how all things invisible seemed to become attentive to the glorious singing which poured a golden glow into the limpid moonlight. He found himself smiling.

Worum geht’s eigentlich? Ein jungerDSC_0003 Mann erfährt, dass er zu den Unsichtbaren gehört, als Unsichtbarer geboren wurde. Er macht sich auf den Weg, die Welt per Schiff zu bereisen, um hinter das Geheimnis des Sichtbaren zu kommen und sichtbar zu werden. Schon bald verschlägt es ihn auf die wunderschönste, aber gleichzeitig mysteriöse Insel der Unsichtbaren, eine Zwischenwelt, wo er etliche Prüfungen bestehen muss, um letztendlich in die Gemeinschaft der Unsichtbaren aufgenommen zu werden.

Das Buch handelt von einer Identitätswerdung, aber nicht im westlichen Sinne von mehr Substanz und Sichtbarkeit, sondern, im Gegenteil, mehr im Sinne einer spirituellen Suche nach den mythischen Wurzeln des Menschseins. Okri, der in der postkolonialen Tradition schreibt, scheint hier ein sehr individuelles Konzept für sich entwickelt zu haben, um eine Antwort auf das Problem der Identitätssuche der ehemals kolonialisierten Völker zu finden. Afrikanische Mythen gehen hier in einem christlich-bombastischen Diskurs des Erhabenen und Heiligen auf, wobei die Sprache anfangs noch konkret bleibt (s. Beispiel), sich später aber immer mehr in glänzender Diffusität auflöst.

WIN_20151129_154045Obwohl etwa neunzig Prozent des Buches im obigen Stile verfasst sind, später noch göttlich-wundervolle Einhörner dazwischentrappeln, hat man doch das Gefühl, von der unbarmherzigen Kitschkeule weitestgehend verschont zu bleiben. Sonderlich spannend ist das alles trotzdem nicht, teilweise sogar extrem ermüdend. Vielleicht hat der Herausgeber diese Leser/innenreaktion bereits vorausgeahnt, und, ein alter Trick, das Buch in unzählige Mini-Kapitel aufgeteilt. Der Roman liest sich stellenweise wie eine Utopie, die mir jedoch, ganz im Huckleberry-Finnschen Sinne, eher dystopisch vorkam. In diesen zuckersüßen Himmel will ich nicht.

Einen himmelsgleichen Sehnsuchtsort ganz anderer Art erschafft der Brite Mike Leigh in seinem Film „Mr. Turner„. Mein gezielter Griff in die heimische DVD-BoxDSC_0020 auf der Suche nach Glanz und Gloria, Licht und Farben wurde belohnt. Mr. Turner aus dem Jahr 2014 erstreckt sich über 2.5 Stunden und ist ein Genuss für alle Sinne. Leigh, der mit seinen Filmen als Vertreter des realistischen, englischen Sozialdramas bekannt wurde, hat hier ein bild- und stimmungsgewaltiges Historiendrama geschaffen, das sich dem Leben und Schaffen des englischen Malers William Turner widmet, voller Ironie, aber auch Achtung und Respekt vor der Sensibilität des Künstlers und den erschwerten Lebensumständen der Menschen im 19. Jahrhundert.

Turner wird als eine Art „menschliches Schwein“ portraitiert, im besten Sinne des Wortes. Ein hochsensibler Mann voller Empathie und der Fähigkeit das Schöne zu erfahren, bleibt er aufgrund seiner schweratmenden Körperlichkeit und seinem Heisshunger nach Schweineköpfen doch immer dem allzu Irdischen verhaftet. So wie das Licht in Turners Bildern durch die dunklen Wolkenmassen dringt, so bricht die innere Schönheit des Künstlers, seine Empathie, immer wieder durch die schwere Materie seiner ruppigen Körperlichkeit, sei es im Mitgefühl für einen geschundenen Esel oder die versklavten Afrikaner auf den Sklavenschiffen der Engländer.

Quelle: YouTube

Ich für meinen Teil denke, das Erhabene wird nur dann für die Betrachter erfahrbar, wenn es sich aus der brutalen Realität menschlicher Existenz herausentwickelt. Das Ringen darum ist ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen Tragödie. Okris Text, so mein Eindruck, fußt in einem Konzept aber nicht in der Erfahrung selbst, deshalb hat mich die Story bis auf zwei Ausnahmen recht kalt gelassen. Mike Leighs Film ist über weite Strecken ungeschminkt realistisch (z.B. isst man Schweinsköpfe oder lehnt in grunzender Kopulation am Bücherregal), umso ergreifender sind dann aber die wenigen Momente des Lichts und die musikalisch dicht untermalten Szenen, die sich der Suche nach dem Licht widmen. Die schönste Szene ist und bleibt diejenige, in der Turner in ganzer Ergriffenheit, am Klavier begleitet, Didos Klagelied „When I am Laid in Earth“ aus Purcells Oper „Dido und Aeneas“ grunzt. Da suhlt man sich in der ganzen Schönheit dieser Kunst.

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  1. Ben Okri: von Metsavend (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons
  2. alle anderen Bilder by almathun

 

Ein Jahr bloglichter / Resümee

Ein Jahr bloglichter / Resümee

Vor ein paar Tagen hatte bloglichter sein einjähriges Jubiläum. In einer ruhigen Minute habe ich mir ein wenig Zeit genommen, die Statistiken genauer anzusehen, in mich zu gehen und in ein ernstes Zwiegespräch mit mir zu treten, mit dem Ziel, Entwicklungen, Vorsätze und interessante Auffälligkeiten zu erkennen, festzuhalten und notfalls zu korrigieren.

Anlass für die Inbetriebnahme des Blogs war der Tod von Siegfried Lenz Anfang Oktober letzten Jahres sowie das fast zeitgleiche Attentat eines Bekannten, der mir sein Uralt-Exemplar der „Deutschstunde“ ins Gesicht pfefferte, mit der Bemerkung, dass man den wirklich gelesen haben muss.

Nun gut. Beim Lesen der Deutschstunde wurde mir klar, dass ich mich in den letzten Jahren viel zu oft vom Medienhype des Literaturbetriebs habe leiten lassen, und sehr oft enttäuscht worden bin, was den unerwünschten Nebeneffekt hatte, dass immer weniger Zeit fürs Lesen erübrigt wurde. Dabei gibt es ja noch so viel in der Vergangenheit zu entdecken. Wohin würde mich der Weg führen, wenn ich, frei nach Robert Frost, nicht die most traveled road mit dem Rest der Meute beginge? This has made all the difference.

Absicht war es also, eine Art Lesetagebuch oder Reading Log, wie es ja heute genannt wird, zu führen, denn beim Schreiben über Literatur werden uns ja häufig viele Dinge erst richtig bewusst, und dabei die vergessenen Perlen und Goldnuggets der Vergangenheit ausfindig zu machen. Da ich in Lohn und Brot stehe, muss ich keine kommerziellen Erwägungen anstellen, sondern kann, wie auf einer Spielwiese, das tun, wozu ich gerade Lust habe. Nachteil ist natürlich, dass mir zum Schreiben recht wenig Zeit zur Verfügung steht. So bleibt es wohl bei roundabout einem Post pro Woche, wenn’s gut läuft, denn lesen will ich ja nebenher auch noch.

Insgesamt sind so im letzten Jahr sage und schreibe 40 (in Worten: vierzig) Blogbeiträge entstanden. Die meisten über Bücher, die schon ein paar Jahre auf dem Buckel haben, vornehmlich aus dem englischsprachigen Raum, womit ich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlage. Hier und da hat sich dann doch eine Neuerscheinung hineingemogelt oder Urlaubsberichte bzw. Fernsehshows. Ich bin ja keine Dogmatikerin.

Eine Rangliste der meist besuchten Blogbeiträge nach Direktklicks (Stand 25.10.2015) offenbart Erstaunliches, und zeigt, dass WordPress-interne „Likes“ nicht immer die allgemeinen Lesevorlieben des World Wide Web widerspiegeln. Etliche „Likes“ werden ja auch vergeben, ohne dass gelesen wurde, was man bei einem kleinen Blog, wie es bloglichter ist, immer dann feststellen kann, wenn es noch keine Besucher an einem Tag gab, aber eben schon zwei oder drei Likes. 🙂

1.

Robert Seethaler: Der Trafikant (306)

2.

Lesung: Siri Hustvedt (91)

3.

Klaus Nomi: Cold Song (88)

4.

Robert Seethaler: Ein ganzes Leben (82)

5.

Marion Engel: Bear (73)

6.

Uwe Johnson: Zumutungen durch Jakob (66)

7.

Patricia Highsmith: The talented Mr Ripley (65)

8.

Lesung: Jonathan Franzen – Unschuld (64)

9.

Halldor Laxness: Fischkonzert (63)

10.

Lesung: Robert Seethaler (55)

[…]

And last but not least:

30.

John Bayley: Iris – A Memoir (23)

31.

Ein Foto aus Prag (22)

32.

Wien bei mörderischen Temperaturen (20)

33.

Julian Barnes: One of a Kind (14)

34.

John Updike: Unter dem Astronautenmond (20)

35.

Paula Fox: Desperate Characters (20)

36.

Juli Zeh: Corpus Delicti (19)

37.

Wibke Bruhns: Meines Vaters Land (17)

38.

Neulich im Sigmund Freud Park (15)

39.

James Salter: Autobiographie (4)

40.

It Pops: Storage War$ (3)

Nicht erreicht habe ich mein Ziel, alle 5 Rabbit-Romane von John Updike in diesem Jahr zu lesen. Es blieb bei den ersten 2,5 Teilen. Im Moment verspüre ich auch gar keine Lust auf den Rabbit, muss ich sagen. Rabbit ist somit vorerst at rest.

Für den literarischen Quickie zwischendurch, wurde die Rubrik „Espressomaschine“ eingerichtet, die sich den stets zu kurz kommenden Kurzgeschichten widmet. Für mich eine Herzensangelegenheit, die ich in nächster Zeit noch intensiver verfolgen möchte.

Ein ganz besonderes Vergnügen stellt für mich der rege Austausch mit den Leserinnen und Lesern des Blogs im Kommentarteil dar. Und auch das macht das Bloggen ja zu einem interessanten und einzigartigen Zeitvertreib. Rückmeldungen, Fragen, Assoziationen, weiterführende Gedanken, wertvolle Hinweise und vieles mehr bereichern so das eigene Leseerlebnis. Lesen bleibt kein einsames Unterfangen mehr, sondern entwickelt sich zum Community experience.

Auf ein schönes und aufregendes zweites Jahr.

almathun

—.

Bilder:

  1. Feuerwerk, Aquarell: von Ernst Oppler [Public domain], via Wikimedia Commons

ALZHEIMER & CO. / Iris: A Memoir – John Bayley (1998)

ALZHEIMER & CO. / Iris: A Memoir – John Bayley (1998)

DSC_0039Ist Iris Murdoch (1919-1999) heutzutage nur noch wegen ihrer Alzheimer Erkrankung ein Thema? Ich hatte ihren ersten Roman „Under the Net eher teilnahmslos gelesen, trotzdem fasziniert mich da etwas. Ist es das Wissen um ihre Biographie oder sind es doch die untergründig fortwirkenden Texte einer bedeutenden Schriftstellerin?

In den 80er Jahren, als man unter dem Druck gesellschaftlicher Veränderungen in Deutschland endlich anfing, vermehrt Literatur von Frauen auf den Markt zu bringen, wie bei Herbststeib schön nachzulesen, entdeckte man auch die Anglo-Irin Iris Murdoch als eine Stimme, die sich nicht so recht in die gängigen Klischees des „ewig Weiblichen“ einordnen ließ und die trotzdem gesellschaftliche Anerkennung erfahren hatte.

Es ging – vermute ich mal – um alternative Rollenvorbilder, weniger um die Romane selbst. Ich selbst war zu jener Zeit noch ein Kind, von meiner Mutter in stabile Cordhosen und praktische Gelee-Sandalen zum Herumtoben gesteckt, und kann es nicht wirklich beurteilen.

Was an Iris Murdoch überhaupt noch interessiert: Werk oder Biographie, fragte ich mich auch bei der Lektüre von Jonathan Franzens aktuellem Roman „Purity“. Der Name Iris Murdoch taucht hier zweimal auf. Die Mutter von Andreas Wolf, dem sexsüchtigen Ostdeutschen und späteren Internet-Leaker, ist Anglistikprofessorin in der DDR, ihr Mann ein einflussreicher Parteifunktionär. Sie ist von Murdoch begeistert und frohlockt, als im Regal ihres Sohnemanns Iris Murdoch entdeckt.

„You have books I’d like to borrow,“ she said, moving to his shelves. „It does my heart good to see how many of them are English.“ She pulled a title off a shelf. „Do you admire Iris Murdoch as much as I do?“

Iris Murdoch war in ihren jungen Jahren Kommunistin. 1987 ließ sie sich von der Queen zur Dame Commander of the Order of the British Empire erheben. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Eine Frage, die ich Jonathan Franzen nach der Lesung in Hamburg gerne gestellt hätte, aber leider unwirsch davon abgehalten wurde, wäre die nach Iris Murdoch gewesen. Franzens Vater hatte Alzheimer (My Father’s Brain) wie Murdoch. Pip, die sympathische Protagonistin aus  „Purity“ kann, wie auch ihre Mutter Anabel, hervorragend riechen. Anders Iris Murdoch, die, wie wir von ihrem Mann John Bayley in „Iris: A Memoir“ erfahren, keinen Geruchssinn hatte, wie es bei Alzheimer und Demenz nicht selten vorkommen kann, aber das scheint Bayley nicht bewusst gewesen zu sein.

Either sex may or may not be able to feel the pleasure or pain of other persons, just as either sex can possess or lack a sense of smell. Iris, as it happens, has no sense of smell, and her awareness of others is transcendental rather than physical.

Der Bezug zu Iris Murdoch wird bei Franzen als Mittel der Charakterisierung zweier eher unsympathischer Figuren verwendet. Die linientreue Anglistikprofessorin und ihr mordender Sohn sind nach der Wende in der Lage, ihre Vergangenheit erfolgreich zu vertuschen. Die Vorliebe für Murdoch ist hier Ausdruck einer Affinität für Personen, die sich aufgrund einer Alzheimer-Erkrankung nicht mehr ihrer Vergangenheit stellen müssen. Für die Wolfs gibt es jedoch keine „Erlösung„. Beide müssen sich zeitlebens an ihre Vergangenheit erinnern, zerbrechen letztendlich daran. Ohne es von Herrn Franzen selbst gehört zu haben, vermute ich, dass er bei der Erwähnung von Iris Murdoch v.a. die Alzheimer-Erkrankung im Hinterkopf hatte.

Während sich Franzen des Namens Murdoch in symbolhafter Weise bedient, erfährt man in John Bayleys Biographie mehr über den Menschen Murdoch, über ihre Ehe, ihr berufliches und gesellschaftliches Leben in Oxford in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, über die Familie.

Die beiden waren 43 Jahre verheiratet, bis Murdoch 1999 79-jährig verstarb. Der um einige Jahre jüngere Bayley, Literaturprofessor in Oxford, überlebte sie um 16 Jahre, und starb im Januar diesen Jahres. Zwei Bücher hat er über seine Zeit mit Iris Murdoch geschrieben.

DSC_0039Wie es so kommt, eigentlich wollte ich von oder über Iris Murdoch erst einmal nichts mehr lesen, aber dann entdeckte ich dieses Exemplar in der Grabbelkiste des hiesigen Schmuddelantiquariats und griff beherzt zu. Den Film „Iris“ aus dem Jahr 2001, der auf den Schilderungen Bayleys beruht, kann ich leider nicht empfehlen. Kate Winslet als die junge Murdoch ergeht sich zu oft in ihrem antrainierten, viel zu breiten Hollywood-Lächeln. Da kann auch die letztendlich ahistorische Kurzhaarfrisur mit angeföntem, jungenhaftem Strubbeleffekt nichts mehr retten. Erinnerungen an Mel Gibsons Frisur in „Braveheart“ kommen wieder hoch und verderben einem wirklich alles. Schöner und treffender sind da die Beschreibungen Bayleys:

She was looking both absent and displeased. Maybe because of the weather, which was damp and drizzly. Maybe because her bicycle was old and creaky and hard to propel. Maybe because she hadn’t yet met me? Her head was down, as if she were driving on thoughtfully towards some goal, whether emotional or intellectual. I remember a friend saying playfully, perhaps a little maliciously, after she first met Iris: „She is like a little bull.“

In dem, wie ich finde, passenden Bild eines „kleinen Bullen“ erkennt man die Murdoch sofort. Sie entsprach nie den gängigen Vorstellungen eines Vorzeige-„girls“, so Bayley, sondern war halt nur sie selbst, völlig unbeeindruckt vom Geschlechtergeplänkel ihrer Umwelt. Bayley ist nicht der erste, der hervorhebt, dass der Geist des Menschen geschlechtslos ist, und Iris Murdoch war definitiv ein in ihren Studien der Philosophie aufgehendes, vergeistigtes Wesen. Wichtig war es ihr verliebt zu sein. Sex hatte sie auch, aber das lief halt nebenher.

[…] she had remarked with brisk indulgence „Perhaps it’s time we made love,“ and she had shown me how. […] she was much too busy and interested in other things to make a habit of it, so to speak.

Dennoch war in den Augen John Bayleys anscheinend die ganze Welt in seine Iris verliebt. Ob dies tatsächlich so war, wollen wir nicht in Frage stellen, charmant und liebenswert wie seine Schilderungen ihrer Beziehung sind. Ganz Oxford, Männer sowie Frauen, lagen ihr verliebt zu Füßen, u.a. auch der Altphilologe Professor Eduard Fränkel, mit dem Murdoch, zur großen Beunruhigung Bayleys, in trauter Zweisamkeit altgriechische Texte übersetzte:

She had already told me how fond she had been of Fraenkel, both fond and reverential. In those days there had seemed to her nothing odd or alarming when he caressed her affectionately as they sat side by side over a text, sometimes half an hour over the exact interpretation of a word […] That there was anything dangerous or degrading in his behaviour, which would nowadays constitute a shocking example of sexual harassment, never occured to her. In fact her tutor at Somerville College, Isobel Henderson, had said with a smile when she sent Iris along to the professor, „I expect he’ll paw you about a bit.“

Diese Beschreibung lässt die Berichte von Murdochs angeblich sexuellen Freizügigkeiten in einem anderen Lichte erscheinen. Es bleibt unklar, inwieweit sie selbstbestimmt war oder meinte, sich den Gepflogenheiten des Oxforder Lehrbetriebs anpassen zu müssen. Sue Bridehead, die Heldin in Thomas HardysJude the Obscure„, springt aus dem Fenster, als sich ihr der alte Schulmeister Phillotson in der Hochzeitsnacht nähert. Ich fand Hardy in seiner Darstellung weiblicher Gefühlswelten schon immer sehr realistisch.

Bayleys Biographie liest sich ratzfatz durch. Da ist jemand, der sich klar undDSC_0047 deutlich verständlich machen kann und trotzdem die feinen Nuancen einfängt. Aus einem angenehm selbstironischen Blickwinkel erzählt er von seiner Zeit mit Murdoch, schafft es gleichzeitig, einen ernsteren Ton anzuschlagen, wenn es um die Erfahrungen mit der Alzheimerkrankheit geht. Dabei schreibt er  nicht chronologisch. Bei der Abfassung des Buches lebte Murdoch noch, war aber bereits schwer erkrankt. Bayley fungiert hier als ihr Gedächtnis, um die gemeinsam verbrachte Zeit und die wertvollen Erfahrungen, vor dem Nichts der Alzheimerkrankheit zu retten.

Ich muss zugeben, ich finde Murdochs Leben immer noch spannender als das, was ich von ihr selbst gelesen habe. Vielleicht übersehe ich etwas ganz Wesentliches, mag sein. Meine Ausgangsfrage hat sich damit allerdings nicht beantwortet, dennoch gibt es Anzeichen dafür, dass sie in den letzten Jahrzehnten v.a. wegen ihrer Alzheimer-Erkrankung in Erinnerung geblieben ist, nicht wegen ihres Lebenswerks. John Bayleys Memoiren und der Film „Iris“ haben zu dieser Entwicklung beigetragen.

ESPRESSOMASCHINE / Germans At Meat – KATHERINE MANSFIELD (1910)

ESPRESSOMASCHINE / Germans At Meat – KATHERINE MANSFIELD (1910)

ESPRESSOMASCHINE TEIL 2

Wie eine Bombe hatte der erste Teil der Espressomaschine im August diesen Jahres hier auf „bloglichter“ eingeschlagen, umjubelt von unzähligen Fans der stets zu kurz kommenden Kurzgeschichte, die ihre Begeisterung kaum zügeln konnten.

Heute nun, zu Ehren des einjährigen Jubiläums von bloglichter, gibt es endlich den lang herbeigesehnten, zweiten Teil. Katherine Mansfield, eine der Urmütter der modernen englischen Short Story, soll die Tradition weiterführen.

Katherine Mansfield, 1917.

GERMANS AT MEAT (Deutsche beim Fleisch; 1910)

Wie der Titel schon verdeutlicht, bleiben wir literarisch kulinarisch. Damit liegt Katherine Mansfields Erstlingswerk selbst 105 Jahre nach Erscheinen voll im Trend. Wie ich auf der Frankfurter Buchmesse am Wochenende sehen konnte, scheint sich Literatur heutzutage in Deutschland v.a. dann gut zu verkaufen, wenn sie wie ein Genussartikel feilgeboten wird. Wie die Schokolade zum Espresso und der Trollinger zum Saumagen.

Katherine Mansfield war 23 Jahre jung, als sie ihre erste Kurzgeschichten-sammlung „In a German Pension“ (1911) veröffentlichte. 1909 hatte die Deutschsprechende Neuseeländerin sechs Wochen in einer Pension im bayrischen Kneipp-Kurort Bad Wörishofen verbracht, um dort, dem Wunsch ihrer wohlhabenden Eltern Folge leistend, unbemerkt das Kind aus einer Londoner Liaison zur Welt zu bringen. Beim Kofferheben erlitt sie eine Fehlgeburt.

Zeit ihres Lebens(1888-1923) hatte sie sich gegen eine Neuauflage der „Pension“ gesträubt. Während des Ersten Weltkrieges wurde sie von Verlegern regelrecht bedrängt, ihre frotzeligen Skizzierungen deutscher Kurgäste wieder freizugeben. Aber nein,

I cannot have the German pension reprinted under any circumstances. It is far too immature. […] It’s not good enough. […] But I could not for a moment entertain republishing the „Pension“. It’s positively juvenile,…; Oh no, never!

Die Ich-Erzählerin, eine junge, vegetarisch lebende Engländerin, befindet sich allein unter deutschen Kurgästen, die sich beim Mittagessen in der Pension die Bäuche vollschlagen. Es ist der Typus des hässlichen, unsensiblen Deutschen mit unangenehmer Wesensart, der aufgeblasene Großkotz und besserwisserische Grobian, dessen altmodisches Hinterwäldlertum sich in jedem seiner Worte und Gesten offenbart.

Pass me the sauerkraut, please. You do not eat it?

No, thank you. I still find it a little strong.

‚Is it true‘, asked the Widow, picking her teeth with a hairpin as she spoke, ‚that you are a vegetarian?‘

Why, yes; I have not eaten meat for three years.

Im-possible! Have you any family?

No.

There now, you see, that’s what you’re coming to! Who ever heard of having children upon vegetables? It is not possible. But you never have large families in England now; I guess you are too busy with your suffragetting. […]

‚Germany,‘ boomed the Traveller, biting round a potato which he had speared with his knife, ‚is the home of the Family‘.

Es ist auch die Zeit des Deutsch-Britischen Flottenwettrüstens, das dem Ersten Weltkrieg vorangeht.

Said the Traveller: I suppose you are frightened of an invasion too, eh? Oh, that’s good. I’ve been reading all about your English play in a newspaper. Did you see it?

‚Yes‘, I sat upright, ‚I assure you we are not afraid.‘

‚Well, then, you ought to be‘, said the Herr Rat. ‚You have got no army at all – a few little boys with their veins full of nicotine poisoning.‘

‚Don’t be afraid,‘ Herr Hoffmann said. ‚We don’t want England. If we did, we would have had her long ago. We really do not want you.‘

He waved his spoon airily, looking across at me as though I were a little child whom he would keep or dismiss as he pleased.

‚We certainly do not want Germany‘, I said.

Die angespannte politische Situation wird am deutschen Mittagstisch von der Meute älterer Herren und Damen an der jungen Engländerin abgearbeitet, die sich wacker schlägt, aber schon bald das Weite sucht, als sie über die Aufgaben einer guten Haus- und Ehefrau belehrt wird.

What is your husband’s favourite meat? asked the Widow.

I really do not know.

You really do not know? How long have you been married?

Three years.

But you cannot be earnest! You would not have kept house as his wife for a week without knowing that fact. […] How can a woman expect to keep her husband if she does not know his favourite food after three years?

Mahlzeit!

Mahlzeit!

I closed the door after me.

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Penguinausgabe von 1981.

Willkommenskultur ist etwas anderes. Die junge Engländerin mit guten Manieren kann einem Leid tun. Ihr Aufenthalt im vulgären Deutschland kommt einer Bestrafung gleich. Die überzogene Stereotypisierung der Deutschen liest sich trotzdem sehr nett, weil es Mansfield in dieser Geschichte vor allem um eine satirische Verfremdung universeller und tradierter Geschlechterrollen im Patriarchat geht, die von den meisten Frauen unkritisch und zum Zwecke der Selbstwertstabilisierung übernommen werden. Mich hat überrascht, wie aktuell die Diskussion um den Vegetarismus anmutet.

Dass sich hier noch ein nationalistischer Diskurs beimischt, der das Patriarchat nur im ekligen deutschen Wesen verortet, ist den politischen Verhältnissen der Zeit und dem Format der Kurzgeschichte geschuldet. Es war nicht die Zeit politischer Korrektheit. Die 22-jährige Mansfield sensibilisiert ihre Leserinnen mit dem Presslufthammer.

In der Figur der jungen Engländerin entwickelt Mansfield eine immer noch moderne Alternative zum verblödeten Rollenklischee, das die Zeiten überdauert. Da aber nicht nur die Demokratie, sondern erfahrungsgemäß auch die Gleichberechtigung und das Recht auf Selbstbestimmung der Geschlechter jeden Tag neu erstritten und verteidigt werden müssen, hat diese feine Kurzgeschichte nichts an Aktualität verloren. Ein lustiger Zeitvertreib ist sie obendrein.

Zum Nachlesen auf der Seite der Katherine Mansfield Society: Germans At Meat

Bilder:

  1. Cup of Espresso: © Nevit Dilmen [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)%5D, via Wikimedia Commons
  2. Katherine Mansfield, 1917: By Ottoline Morrell (1873-1938) [Public domain], via Wikimedia Commons

LESUNG: Jonathan Franzen – UNSCHULD (in Hamburg)

LESUNG: Jonathan Franzen – UNSCHULD (in Hamburg)
Thalia Theater, Hamburg.

Eine halbe Million Besucher sollen es laut einer Thalia Mitarbeiterin an jenem Abend des 8.10.2015 gewesen sein, die sich nach der Lesung im Foyer des Theaters drängelten, um ihre Bücher vom amerikanischen Superstern am Literaturhimmel, dem Jonathan Franzen, signieren zu lassen. Diese erfrischende Form des Understatement war eine Wohltat inmitten des hanseatischen Mobs, der sich kultiviert gebend seinen Weg zum begehrten Weltstar bahnte. Aber ich übertreibe etwas.

Das Gedrängel am Signiertisch, das so manchen Wutbürger auf den Plan rief, hatte sich sogar bis Göttingen herumgesprochen, wo Herr Franzen tagsdrauf ein weiteres Mal aus seinem neuen Roman „Unschuld“ las. Zustände wie auf einem Take That-Konzert hätte es in Hamburg gegeben, deshalb baten Autor und Veranstalter die Zuhörer darum, nur eine Schlange vor dem Signiertisch zu bilden.

Wie hatte es soweit kommen können?

In den Begrüßungsworten zu Beginn der Veranstaltung wurde mehrfach darauf hingewiesen, dass Hamburg eine besondere Ehre zuteil geworden sei, denn hier, im tollen Hamburg, würde Herrn Franzens erste Lesung in Deutschland stattfinden, noch vor der LitCologne. Die 1000 Besucherinnen im ausverkauften Thaliatheater zeigten sich zunächst hanseatisch unbeeindruckt. Erst als die Veranstalter darum baten, auf Wunsch des Autors, später, nach der Lesung, bitteschön KEINE Fotos geschweige denn Selfies von bzw. mit Herrn Franzen am Signiertisch zu machen, lockerte sich die Stimmung merklich auf und es wurde fröhlich gekichert. Weiterhin wurde darauf hingewiesen, dass man die Lesung nach Weihnachten, am 27.12. um 20 Uhr, auf NDR Kultur hören könne.

Die Moderation des Abends hatte FAZ-Literaturchefin Felicitas von Lovenberg übernommen. Viel sah oder hörte man aber nicht von ihr, denn den Großteil des Abends bestritt Jonathan Franzen allein auf der Bühne, im Zwiegespräch mit seinen Leserinnen und Lesern. Frau von Lovenberg musste/konnte/durfte während der Vorlesephasen die Bühne verlassen, was auf mich etwas befremdlich wirkte, denn der Stuhl neben Mr. Franzen blieb demnach meistens leer, so als warte man noch auf jemanden, was dem Abend einen etwas flüchtigen, Beckett’schen Beigeschmack verlieh.

Beeindruckt und in gleichsam teilnahmsvoller Rührung folgten die Zuhörer Herrn Franzens Ansprache an das Publikum, denn er redete vor allem deutsch, ein sehr gutes Deutsch, wenn er an manchen Stellen und mit fortgeschrittener Stunde auch etwas ins Schlingern kam. Trotzdem sehr beachtlich, muss ich sagen, und so manch eine kleine, charmante Sprachkreation, wie z.B. „Sie sind heute meine experimentalen Kaninchen„, wurde vom Publikum in liebevoller und erheiterter Weise begrüßt. Denn allein dies ist ja schon ein Liebesbeweis an das Land, in dem der jüngere Franzen als Student in Berlin, Anfang der 80er, studiert hatte. Die Amerikaner, die sich die Mühe machen, eine Fremdsprache zu lernen, kann man womöglich an einer Hand abzählen, vor allem diejenigen, die es nicht aus Businessgründen tun. Also Hut ab vor Herrn Franzen! Er hat meinen ganzen Respekt.

Drei Passagen hat Jonathan Franzen auf deutsch vorgelesen, eine auf englisch. Die englische gehört zu meinen Lieblingsszenen im Buch und behandelt das Gespräch der Enthüllungsjournalisten Leyla Helou mit der Schnellrestaurant-Mitarbeiterin Phyllisha Babcock, in Amarillo, Texas. (Ein kleiner Auszug aus der Szene). Hier kommt Jonathan Franzens Sinn für Humor voll zum Tragen, der immer dann Blüten treibt, wenn Charaktere beschrieben werden, die gar nicht wissen, dass sie komisch sind.

DSC_0010Einiges Neues konnte man an diesem Abend über den Roman erfahren, wenn ich mir auch ein wenig mehr Analyse oder Interpretationsansätze gewünscht hätte. Ich denke, das kann man einem Publikum durchaus mal zumuten, es muss nicht immer nur Geplänkel auf der Inhalts- und Figurenebene in Verbindung mit der Biografie und den Intentionen des Autors sein. Die Siri Hustvedt Lesung hatte mich damals im Juni in eine geistige Extase versetzen können, weil hier eben ganz andere Register gezogen wurden, die zur intensiven Auseinandersetzung mit den Themen des Romans inspirieren konnten.

Die Eingangsfrage von Frau von Lovenberg fand ich ziemlich gut, nämlich, ob er, Jonathan Franzen, Beziehungen für genauso schlimm halte wie das Internet. Diesen Eindruck hätte man als Leser/in. Leider ging der Autor darauf nicht wirklich ein. „That’s a devilish question,“ sagte er nur, worauf Lovenberg rekurrierte, er, Franzen, habe ja das Faustzitat an den Anfang des Romans gesetzt. „Das stimmt,“ so der Autor. Leider war der Faust dann kein Thema mehr. (Faust, Mephisto und das naive Gretchen in meiner Besprechung des Romans vom 4. Oktober).

Der Titel „Purity“ sei ihm von Anfang an etwas peinlich gewesen, so Franzen, deshalb habe er der weiblichen Protagonistin diesen Namen gegeben und ihn dann kurzerhand mit „Pip“ abgekürzt. Der Titel entstamme vor allem seiner Beschäftigung mit dem Werk von Karl Kraus, der oft die „Reinheit der deutschen Sprache“ eingefordert hatte.

Reinheit sei ein Begriff, um einen radikalen Idealismus zu verstehen. Extreme Bewegungen jeglicher Art würden sich immer auf irgendeine Art von „Reinheit“ beziehen. Pip sei die einzige ohne Idealismus, ganz anders als ihre Elterngeneration, allen voran ihre Hippiemutter Annabel. So habe er den Titel „Purity“ ironisiert und für sich entschärfen können.

Eine besonders schöne Stilblüte gelang dem Autor im Gespräch über Andreas Wolf, der „mit seiner unmöglichen Mutter einen Alpentraum hätte.“ Weil alle anwesenden Norddeutschen diese Wortkreation einfach zu schön fanden, wurde Mr. Franzen dahingehend nicht korrigiert.

Die Frage aus dem Publikum, ob seine neuen Romane Fortsetzungen der alten seien, verneinte Herr Franzen. Die Figuren interessierten ihn nach dem Schreiben nicht mehr. „A book isn’t done, if there still can be done something with the characters,“ so der Autor, aber „I wonder what happened to Gary [aus den Corrections] sometimes.“ Außerdem könne er Figuren nicht noch einmal verwenden, sobald die Rechte an z.B. Filmproduzenten verkauft worden seien.

Was nicht ausbleiben durfte, war natürlich die Frage nach dem deutschen Titel „Unschuld,“ der vielen Leser_innen als Missgriff erscheint. Franzen blieb hier sehr vage, „was weiß ich,“ bzw. „it’s not a random choice.“ Da gestern die Lesung in Göttingen per Livestream online gezeigt wurde, konnte ich in Erfahrung bringen, dass „Unschuld“ durchaus Sinn mache, so Franzen in Göttingen, weil sich alle Charaktere im Roman aus unterschiedlichsten Gründen schuldig fühlten. Vermutet wurde jedoch bereits an anderer Stelle, dass der Rowolthverlag nach dem letzten Titel „Freiheit“ keinen fast gleichlautenden Titel verwenden wollte. Anyways.

Das Fernsehen sei kein Feind mehr, so der vormals fernsehfeindlich eingestellte Franzen anschließend. Es habe in den letzten Jahren bewiesen, durchaus komplexere Erzählmethoden anwenden zu können.

The enemy is stupid, brief stimuli, not coherent narrative. TV uses storytelling techniques that novels have developed for centuries. TV is the novel’s little brother.

Das mit dem „kleinen Bruder Fernsehen“ hatte Frau von Lovenberg angesprochen. Der große Gesellschaftsroman des 19. Jahrhunderts sei tot, das wusste Jonathan Franzen schon vor 20 Jahren. Solche Erzählungen spielten sich jetzt v.a. auf Bildschirmen ab. Dass er mit dieser Einsicht seinen Frieden geschlossen hat, konnte man ihm durchaus ansehen.

Aber was macht das Lesen von Romanen zu etwas ganz Besonderem?

Es ist die Innerlichkeit und Psychologie sowie die unmittelbare, geistige Verbindung des Schriftstellers mit den Lesern. So könne man sich auch noch Jahrhunderte später mit schon lang verstorbenen Autoren ganz nah verbunden fühlen. Dies sei der Zauber der Literatur, so Lovenberg, die besondere Beziehung, die die Zeiten überdauere.

Wie oben schon erwähnt, hätte ich mir durchaus etwas tiefergehendere Analysen gewünscht.

Das wahre Abenteuer begann NACH der Lesung, denn es entstand ein Run auf den Signiertisch des Autors im Foyer des Theaters.

Aufgrund einer strategisch günstigen Ausgangslage, gelang es mir innerhalb weniger Minuten, mich in zirka zwei Metern Entfernung von Herrn Franzens Tisch und seiner Gefolgschaft zu positionieren. Dort stand ich dann allerdings eine geschlagene halbe Stunde, aber lieber am Anfang einer Schlange warten, als an ihrem Ende, vor allem wenn man sich in Hör- und Sichtweite des Objekts der literarischen Begierde befindet.

WIN_20151010_130242 (2)Als ich endlich an die Reihe kam, hatte sich meine anfängliche Nervosität etwas gelegt und war einer überhitzten Müdigkeit gewichen. Halb im Traume stand ich nun vor ihm, nur eine Tischbreite entfernt, aber es musste alles ganz schnell gehen.

Ein Herr, der urplötzlich von hinten links an mich herantrat, entriss mir meine beiden Bücher, „Purity“ und „How to be Alone“, schlug sie ratzfatz an passender Stelle auf und ermahnte mich drängelnd zur Eile. Sprachlos war ich, hatte ich mir doch ein paar Fragen sorgfältig überlegt, sodass Herr Franzen die Initiative übernehmen musste und seine erste gewagte Signatur in den Essayband setzte. „You have to tell me what to do,“ so der Autor unter Druck, und ich war wieder etwas wacher, nannte und buchstabierte ihm etwas peinlich berührt meinen Namen, den er dann als Widmung auf die erste Seite von „Purity“ schrieb, mit Ausrufungszeichen, um keine Zweifel aufkommen zu lassen.

Oh, liebe Leserinnen und Leser, von da an schwebte ich nur noch auf Wolke Nummer Sieben, ein glücklicher Franzen-Fan. Im hanseatischen Nieselregen unter einem sternenlosen Himmel, sprang ich am Ende eines ereignisreichen Abends, übermütig und vom Glücke beseelt, die mehreren Hundert Meter ohn‘ Unterlass und in freudiger Erregung zum Hauptbahnhof, wo bereits mein Zug wartete und mich sicher nach Hause beförderte. Purity an mein Herz gedrückt, schlief ich um etwa drei Uhr nachts endlich ein.

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Bilder:

  1. Deckenbeleuchtung im Thalia Theater, Hamburg: almathun
  2. Thalia Theater: von Armin Smailovic (www.thalia-theater.de) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)%5D, via Wikimedia Commons
  3. Herr Franzen and parts of Frau von Lovenberg on stage: almathun
  4. Signierte Purity-Seite: almathun

Siri Hustvedts „Blazing World“ und Phillip Toledano

Siri Hustvedts „Blazing World“ und Phillip Toledano

Siri Hustvedt werden die meisten Leser/innen dieses Blogs kennen. Bei Phillip Toledano bin ich mir nicht so sicher. Mir war der sehr gut aussehende Fotograf aus New York bis vor ein paar Tagen noch nicht bekannt. Einige seiner beeindruckenden Bildserien kann man in den Deichtorhallen in Hamburg im Rahmen der 6. Triennale der Photographie sehen.

Am bekanntesten sind davon sicherlich „Days With My Father“ (2006-09) über die letzten Jahre, die Toledano mit seinem an Demenz erkrankten Vater verbracht hat,  „A New Kind of Beauty“ (2008-10) über Menschen, die ihre Körper der plastischen Schönheitschirurgie unterzogen haben sowie „Maybe„(2011-15), in denen er Blicke in die Zukunft wagt, um zu sehen, was das Schicksal für ihn bereithält. Hier gibt es ein atmosphärisches Video zur Ausstellung, die ich nur empfehlen kann: The Day Will Come When Man Falls.

Deichtorhallen, Hamburg. Haus der Photographie. 2015.
Deichtorhallen, Hamburg. Haus der Photographie. 2015.

Es mag am Konzept der Ausstellung liegen, welches als verbindendes Element der Fotoserien Toledanos „Spurensuche nach sich selbst“ erkennt, sodass der biographische Bezug des Werkes einen von Anfang an fast erdrückt. Und das ist jetzt nicht im negativen Sinne gemeint. Mir ist während der Ausstellung aufgefallen, wie sehr mir eine sofort einsetzende Identifikation mit Teilen der Biographie des Künstlers dabei geholfen hat, das Werk mit geschärftem Interesse wahrzunehmen und es auf mich wirken zu lassen. So funktioniere ich. Erkenntnis Nummer Eins.

Es waren vor allem die psychoanalytischen Erläuterungen, die nicht nur Toledano anbietet (z.B. sein Versuch in „Maybe“ Zukunftsängste durch Konfrontation zu exorzieren) sondern auch das Kuratorium (über die gelungene Ausstellungs-App für 3€), ein parallel laufender Film über das Leben des Künstlers oder der Begleittext an den Wänden und Bildern, die bei mir Wirkung zeigten. Meine innere Narzisstin ist vor Freude an die Decke gesprungen.

Die Biographie des Künstlers als Kunstprodukt?

Mich beschlich schon bald das ungute, später faszinierende Gefühl, dass die dem Betrachter zu jeder Bildserie direkt ins Gesicht geriebene Biographie des Künstlers möglicherweise selbst nur ein Kunstprodukt ist. Funktioniert Toledanos Kunst ohne die Bezüge zur Biographie überhaupt? Wäre sie genauso erfolgreich, wäre er ein eher unscheinbarer Mann oder sogar eine Frau? Wird bald die Bombe platzen und Toledano mit der Wahrheit herausrücken? Wird dies dann die letzte Wahrheit sein oder auch nur Teil seiner Konzeptkunst, die das Augenmerk auf die Verknüpfung von Biographie und Kunstwerk legt?

Hier kommt dann Siri Hustvedt ins Spiel. Ihren Roman „The Blazing World“ habe ich vor ein paar Wochen gespannt gelesen, und zwar von Anfang an bis zum Ende, and in English. (Hier geht’s zur Lesung in Hamburg)

Der Roman spielt in der New Yorker Kunstszene und handelt von einer Künstlerin, Harriet Burden, die jahrelang um Aufmerksamkeit und Anerkennung im Kunstbetrieb kämpft, erfolglos, bis sie auf die Idee kommt, drei ihrer Installationsobjekte männlichen Künstlern zuzuschreiben, ihren „Masken“. Und siehe da, es klappt. Die Kunstwelt schlägt Purzelbäume, die drei männlichen „Masken“ werden in den Medien hochgelobt und -stilisiert. Harriet Burdens Experiment hat geklappt und ihre Theorie, dass die Wahrnehmung des künstlerischen Objektes ganz stark von unserer Wahrnehmung des Künstlers geprägt ist, hat sich für sie bestätigt.

All intellectual and artistic endeavours, even jokes, ironies, and parodies, fare better in the mind of the crowd when the crowd knows that somewhere behind the great work or the great spoof it can locate a cock and a pair of balls.

(Lustige Randbemerkung: in amerikanischen Rezensionen wurde das obige Zitat häufig nach „spoof“ abgebrochen undDSCN7999 (2) dann mit „if there is a man“ o.ä. ersetzt. LOL)

Doch was sagt uns das über den Wert der Frau in unserer Gesellschaft? Während der Toledano-Ausstellung fragte ich mich  manchmal, ob nicht seine perfekten Zähne, sein attraktives Äußeres sowie sein imaginiertes cock & balls – Set ausschlaggebend für meine positive Wahrnehmung der Bilder sein könnten. Steckt vielleicht sogar eine Frau, seine Frau, oder Siri Hustvedt hinter den Fotografien? Ist Toledano eine Maske?

Ich möchte jetzt nicht im Einzelnen auf den Inhalt von The Blazing World eingehen. Sehr gut gefallen haben mir die multiplen Erzählperspektiven, die sich um Harriet Burden kreisen und ein schillerndes Bild der Künstlerin ergeben. Der Roman ist keine langweilige Nabelschau einer im Selbstwertgefühl verletzen Ich-Erzählerin. Das wäre auch zu einfach. Er handelt meiner Meinung nach v.a. von einer Frau, die versucht, für sich eine Identität als Künsterlin zu schaffen, durch harte Arbeit, gedanklichen Wagemut, leidenschaftliches Interesse und ein tiefes Verständnis für die Materie, mit der sie sich jeden Tag beschäftigt. Sie ist keine Maske, die hohle Worte um sich wirft zum Zwecke der beeindruckenden Selbstdarstellung und Vermarktung, sondern eine Frau aus Fleisch und Blut, die bis in die letzte Faser von Körper, Geist und Seele, alles für sie Wichtige aufnimmt, verdaut, einordnet, verknüpft und in ihrer Kunst verarbeitet. Bei einem Mann würde man vermutlich sofort den Genie-Begriff aus dem Halfter ziehen.

Für mich war der Roman außerdem ein wichtiger, ergänzender Bestandteil meiner Rezeption der Phillip Toledano Ausstellung, auf den ich nicht verzichten möchte. Mein Blick ist für die Zukunft geschärft worden. Erkenntnis Nummer Zwei.

Beide, Ausstellung sowie Roman, kann ich nur wärmstens empfehlen.

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Foto von Siri Hustvedt: By Smalltown Boy at de.wikipedia [Public domain], via Wikimedia Commons