[ESPRESSOMASCHINE] Hilary Mantel – The Assassination of Margaret Thatcher (2014)

[ESPRESSOMASCHINE] Hilary Mantel – The Assassination of Margaret Thatcher (2014)

ESPRESSOMASCHINE TEIL IV

HEUTE: Hilary Mantels „The Assassination of Margaret Thatcher“

WIN_20151224_135103Gestern habe ich mir Hilary Mantels Kurzgeschichtensammlung „The Assassination of Margaret Thatcher“ (Die Ermordung Margaret Thatchers) in der handlichen Paperback Ausgabe zu Weihnachten geschenkt. Ich habe ihre beiden mit zwei Booker Preisen ausgezeichneten historischen Romane „Wölfe“ (Wolf Hall) und „Falken“ (Bring Up the Bodies) über Thomas Cromwell und Henry VIII. bislang nicht gelesen. Es war vor allem der schöne Titel der Sammlung, der mich in vorweihnachtlicher Verzückung zugreifen ließ.

Als der Guardian im September letzten Jahres die gleichnamige Kurzgeschichte exklusiv veröffentlichte, war die Empörung vor allem im konservativen Lager groß. Man zeigte sich „enttäuscht“ von der beliebten Autorin, die erst Mitte des Jahres von der Queen zur „Dame“ erhoben worden war. Man bezeichnete die Geschichte gar als „gefährlichen Unsinn“, „geschmacklos“ und „verbotene Zone“. Ein Mitglied des Oberhauses, Lord Bell, forderte sogar Scotland Yard einzuschalten.

Dieses Vergnügen hatte Ende der 80er Jahre auch der Smiths-Sänger Morrissey, nachdem er in seinem eingängigen Liedchen „Margaret on the Guillotine“ zum Mord an Thatcher aufgerufen hatte. Im Grunde ein schönes Weihnachslied.

Quelle: YouTube

The kind people
Have a wonderful dream
Margaret on the guillotine
Cause people like you
Make me feel so tired
When will you die?

And people like you
Make me feel so old inside
Please die

And kind people
Do not shelter this dream
Make it real

Hilary Mantel ist also nicht die erste, die sich mit einer Ermordung Thatchers beschäftigt hat. „Thatchercide“ – die mentale Auseinandersetzung mit eben dieser Tatsache – hat eine lange Tradition in Great Britain, und es gab sie schon zu Lebzeiten der „Iron Lady“, die 2013 87-jährig an den Folgen einer Demenzerkrankung verstorben ist.

Wer wie ich in den 80er Jahren aufgewachsen ist, wird sich an das bedrückende Dreigestirn Reagan-Thatcher-Kohl noch gut erinnern. 1990 reiste ich mit einer Klassenkameradin für zwei Wochen sehr günstig nach Südengland. Wir wohnten bei einem jungen englischen Paar, beide arbeitslos, er bärtiger Seemann und politisch aktiv gegen die „Poll Tax“, die englische Kopfsteuer. Seinen Hass auf Thatcher erinnere ich noch gut. Ebenso gut erinnere ich das Frühstück, das er uns morgens pfeifend zubereitet hat: in 2 cm hoher Fettsoße ersoffene Rühreier serviert mit lauwarmen Baked Beans auf knusprigem Toast. So etwas erlebt man nur in England. Zwei Tage lag ich mit einer Lebensmittelvergiftung im Bett, während mich die beiden verflohten Familienlabradore abwechselnd besuchten. Aber es waren nette Leute, kind people.

Kurzum: Man sollte nicht danach fragen, was eigentlich freundliche Zeitgenossen dazu treibt, sich eine Ermordung ihres Regierungsoberhauptes vorzustellen, sondern eher, warum es immer wieder Personen in Führungspositionen schaffen, die Gefühle von tiefstem Hass in sonst friedliebenden Menschen heraufzubeschwören in der Lage sind. Ich habe mir über dieses Phänomen lange Zeit Gedanken gemacht, und bin letztendlich zu dem Ergebnis gekommen, dass es sich nicht nur um eine, nach Melanie Klein, projektive Identifizierung handelt, also die unbewusste Übernahme und das Ausagieren verdängter Gefühle des Regierenden durch die Regierten (sehr interessanter Prozess übrigens), sondern auch einfach die Tatsache, dass es Führungspersonen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung gibt, deren Handeln vor allem ein angeknackstes Selbstwertgefühl verdeckt kompensieren soll. Solche Leute dienen nicht den ihnen anvertrauten Menschen, sondern nur den Autoritätspersonen, von denen sie sich selbstwertstabilisierende Anerkennung erhoffen. Offensichtlich war die Thatcher so eine.

Okay, wieder mal abgeschweift. Aber macht ja nichts. Ist ja Weihnachten.

Hilary Mantel also scheint Morrisseys Wunsch nachgekommen zu sein. In ihrer Mordgeschichte wird die Thatcher tatsächlich von einem IRA-Scharfschützen erschossen.

Picture first the street where she breathed her last.

So beginnt die Geschichte. Es ist der Sommer 1983 und die Thatcher unterzieht sich in einer Klinik in der südwestlich an London angrenzenden Stadt Windsor, wo man Vivaldi und Perrier konsumiert, einer Augen-OP. Es ist ein Jahr nach dem für die Briten erfolgreich verlaufenden Falkland-Krieg und ein Jahr vor dem Bombenanschlag der IRA auf das Grand Hotel in Brighton, das die Thatchers mit Glück überleben.

DSC_0120 (3)Die Erzählerin ist eine Anwohnerin in der Nähe des Krankenhauses, die von ihrem Schlafzimmerfenster aus einen hervorragenden Blick auf den Hintereingang des Hospitals hat. An dem Tag, an welchem die Thatcher entlassen wird, verschafft sich ein IRA-Scharfschütze Zugang in ihr Haus. Es entspinnt sich ein interessantes Kammerspiel, in welchem sich beide bei einer Tasse Tee über das Für und Wider eines Attentats unterhalten, und bei welchem die Erzählerin sich mehr und mehr für das Vorhaben erwärmen kann, dem Attentäter sogar eine vorteilhafte Fluchtmöglichkeit unterbreitet.

Das Zeitkolorit der frühen 80er Jahre wird von Mantel überzeugend eingefangen. Die britische Klassengesellschaft mit ihrem Snobismus spiegelt sich zum Beispiel in Auseinandersetzungen darüber, ob man Zucker in den Tee nimmt oder nicht. Jilly Cooper und Adrian Mole lassen grüßen.

‚Make us another brew. And put sugar in it this time.‘

‚Oh,‘ I said. I was flustered by a failing in hospitality. ‚I didn’t know you took sugar. I might not have white.‘

‚The bourgeoisie, eh?‘

I was angry. ‚You’re not too proud to shoot out of my bourgeois sash window, are you?‘

He lurched forward, hand groping for the gun.

Die Mantel hat Humor und ich musste beim Lesen nicht nur einmal schmunzeln. Die Leserin nimmt Anteil an der emotionalen Wankelmütigkeit der Erzählerin, die zwischen Abgrenzung zum bildungsfernen Sniper und Identifikation mit der Sache hin- und herschwankt.

I had said to him earlier, violence solves nothing. Bit it was only a piety […] , and if I thought about it, I felt a hypocrite. It’s only what the strong preach to the weak: you never hear it the other way round; the strong don’t lay down their arms.

Besonders hervorzuheben ist Mantels Prosa, die sich so liest, wie sich eine ayurvedische Abyanga Stirnguss-Massage anfühlt. In der Filmsprache würde man wohl von längeren Kameraschwenks reden, die mit auktorialer Souveränität ganze Umgebungen in ihren Details szenisch einfangen und so eine Stimmung von leichter Erhabenheit vermitteln. Mir hat das gefallen, vor allem auch deshalb, weil es ein ganz eigener, lyrischer Stil ist, der mir so vorher noch nicht untergekommen ist.

Ich freue mich schon auf die anderen Geschichten in „Die Ermordung der Margaret Thatcher“, einem schönen Buch für die Weihnachtszeit. Im Januar strahlt arte die sechsteilige BBC-Serie „Wolf Hall“ aus. Ich werde dabei sein. Wer nicht so lange warten kann, schaut sich vielleicht noch einmal den wirklich gelungenen und unterhaltsamen Film „The Iron Lady“ mit Merryl Streep an.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern des Blogs eine entspannte und, falls möglich, erholsame Weihnachtszeit!

—-

Bilder

Espressotasse: © Nevit Dilmen [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)%5D, via Wikimedia Commons

alle anderen Bilder: almathun

DORIS LESSING – To Room 19 (1963)

DORIS LESSING – To Room 19 (1963)

ESPRESSOMASCHINE TEIL 4

Heute:

Doris Lessings‘ Kurzgeschichte „To Room 19“ (1963)

„Life’s just much too hard today,“
I hear ev’ry mother say
The pursuit of happiness just seems a bore
And if you take more of those, you will get an overdose
No more running for the shelter of a mother’s little helper
They just helped you on your way, through your busy dying day.

Der Rolling Stones Song über das Beruhigungsmittel Valium, das sich in den 60ern trotz seines beachtlichen Suchtpotenzials innerhalb der amerikanischen Mittelschicht großer Beliebtheit erfreute, traf 1966 den Nerv der Zeit.

Doris Lessing, 2006.

In Doris Lessings Erzählung „To Room Nineteen“ aus dem Jahr 1963 wird das Leben der Susan Rawlings beschrieben, von den Anfängen ihrer Beziehung mit ihrem Mann Matthew, der Eheschließung, der vierfachen Elternschaft, bis zu ihrem Selbstmord.

Die Geschichte ist eine ausführliche, psychologische Studie des „Trapped Housewife Syndroms“ ohne allerdings eine Kampfansage gegen das Patriarchat zu sein. Lessing hat es immer abgelehnt, als Feministin bezeichnet zu werden.

Trotz allem enthält „To Room Nineteen“ eine Menge Kritik an der Institution Ehe und Kernfamilie, wie sie in den 60er Jahren üblich war, aber auch an den beteiligten Menschen, die meinen, die Fallstricke umgehen zu können, indem sie sich der Gefahren bewusst sind. Das sich aus dem anfänglichen Gefühl der Liebe speisende System ist jedoch stärker als jede rationale Vorsichtsmaßnahme, es erstickt die Liebe, saugt sie aus wie die Spinne ihr Opfer.

Die Rawlings werden anfangs wie ein Paar beschrieben, das alles richtig macht. Susan steht wie ihr Mann mit beiden Beinen im Berufsleben und will wieder dorthin zurückkehren, sobald die Kinder in der Schule sind. Das gemeinsame Leben im großen, mit Hypotheken belasteten Haus, den vier Kindern und der Zugehfrau, fordert jedoch bald seinen Tribut, Zweifel kommen auf.

Their life seemed to be like a snake biting its tail. […] A high price had to be paid for the happy marriage with the four healthy children in the large white gardened house.

Bald schon geht Matthew fremd und Susan wird auf sich selbst zurückgeworfen. Immer stärker wird das Bedürfnis nach selbstbestimmter Zeit, der Wunsch, sich von der Familie komplett zurückzuziehen. Alles geht ihr auf die Nerven, aber des lieben Friedens willen frisst sie ihren Frust in sich hinein. Sie richtet sich ihren eigenen Raum, „Mother’s Room„, im Haus ein, aber auch hier findet sie keine Ruhe, fühlt sich von einem Dämonen verfolgt. Es beginnt der langsame Verfall Susans.

something inside her howled with impatience, with rage… and she was frightened. ‚Dear God, keep it away from me. Keep him away from me.‘ She meant the devil, for she now thought of it, not caring if she was irrational, as some sort of demon.

Ein Fluss fließt an dem Grundstück vorbei. Dort sieht sie eines Tages am Ufer einen Fremden stehen, der mit einem Stock eine Schlange traktiert, die sich unter Protest dreht und windet. In ihrer Angst vor dem Fremden, sucht sie sich ein schäbiges Zimmer in der Stadt, wo sie ohne Wissen der Familie ganze Tage in sich gekehrt, glückselig verbringt.

For the most part, she […] brooded, wandered, simply went dark, feeling emptiness run deliciously through her veins like the movement of her blood.

Aber auch hier wird sie von einem Detektiven aufgespürt, den Matthew auf sie angesetzt hat. In einem letzten Akt der Selbstbestimmung, setzt sie ihrem Leben im Hotelzimmer Nummer 19 ein Ende. Der Tod ist ein Eintauchen in den Fluss.

She was quite content lying there, listening to the faint soft hiss of the gas that poured into the room, into her lungs, into her brain, as she drifted off into the dark river.

Doris Lessings Erzählstil gleicht ebenfalls einem kräftigen aber ruhigen Fluss. Mit langem, geduldigen Atem und psychologischem Feingefühl begleitet sie ihre Protagonistin durch deren Leben, erklärt sie aber zum Ende hin nicht für wahnsinnig, sondern auf ihrem eigenen, inneren Weg zur Befreiung befindlich.

Lessings in den späten 60ern zu beobachtende Hinwendung zu den Lehren des Sufismus spiegelt sich in „To Room 19“ bereits wider. Nachdem die Liebe in der Ehe zwischen Susan und Matthew verebbt ist, bricht sie sich bald einen neuen Weg und führt Susan in eine innere Hingabe und Vereinigung mit der verbildlichten Kraft des Flusses, der zunächst noch als bedrohlich empfunden wird.

Der Schlange kommt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung zu, wird sie in unserem christlich geprägten Kulturkreis verteufelt, so war sie in vorpatriarchalen Gesellschaften Symbol des Lebens, der Fruchtbarkeit und Weiblichkeit. Ist die Ehe der Rawlings der Ort, an dem sich die Schlange in den Schwanz beißt, also einen energetischen Kurzschluss bewirkt, kann sie sich am und im Fluss frei bewegen.

Wie oben schon angedeutet, besticht die Geschichte durch ihren ruhigen, konstanten Grundton, der sich wie ein kräftiger Fluss durch die 30 Seiten zieht. Lessings souveräne Erzählweise trägt die Leserin sicher durch das Geschehen, gern vertraut man sich ihr an, denn die Emotionen der Figuren werden zwar geschildert, aber niemals auf die Leser übertragen. Es ist, als folge man einer Andacht, die jedoch nicht einschläfernd wirkt wie eine Valiumtablette, sondern im Gegenteil die Sinne und das Verständnis für das Wesentliche schärft.

Ich habe „To Room 19“ quasi als Aperitif zu „Shikasta“ gelesen, der mich jetzt schon seit ein paar Wochen vom Sofatisch aus voluminös anlächelt. Ich denke, ich bin jetzt soweit, mich auf dieses Wagnis einzulassen. Eine sehr aufschlussreiche Besprechung des Romans kann man bei Sprachdelta lesen.

Bilder:

Doris Lessing: von Elke Wetzig (square by Juan Pablo Arancibia Medina) (ORIGINAL), via Wikimedia Commons

[ESPRESSOMASCHINE] One of a Kind – JULIAN BARNES (1982)

[ESPRESSOMASCHINE] One of a Kind – JULIAN BARNES (1982)

ESPRESSOMASCHINE TEIL 3

Julian Barnes‘ Kurzgeschichte „One of a Kind“ (1982)

One of a kind“ heißt übersetzt „Unikat“ oder „einzigartig“, kann aber auch „eins von jeder Art“ heißen, wie bei Noah in der Arche. Der Titel ist ironisch gemeint. Es geht um die Unmöglichkeit des individuellen, künstlerischen Ausdrucks in der Diktatur, das kommunistische Rumänien unter Ceausescu.

Rumänien (rot)

Julian Barnes 7-seitige Kurzgeschichte hat drei Teile. Im ersten Teil lernt man den Ich-Erzähler, einen englischen Schriftsteller, kennen. Auf einer Party kommt er mit einem rumänischen Exilanten und Regimekritiker, dem Autor Marian Tiriac, ins Gespräch.

Den Engländer interessiert vor allem die Frage nach der Aufgabe des Schriftstellers in der Diktatur. Seine direkten Fragen verärgern Tiriac. Es braucht mehrere Anläufe bis der Rumäne gesprächiger wird.

Der Engländer hat zu diesem Zweck eine politisch unverfänglichere Theorie entwickelt, wonach Rumänien eines jener Länder sei, das in jedem Bereich des kulturellen Lebens immer nur einen bedeutenden Künstler hervorgebracht habe, wie z.B. Brancusi in der Bildhauerei oder Ionescu als Bühnenautor.

‚You forget poetry,‘ he said. ‚Eminescu.‘ …. ‚And tennis – Nastase.‘

Another nod, was he sending me up?

‚And party leadership – Ceausescu.‘

Now he was. ‚What about novelists?‘ I persisted. ‚Is there one I should have heard of?‘

‚No,‘ he replied, with a doleful shake of the head. ‚There are none. We have no novelists.‘

Damit ist das Gespräch erst einmal beendet. Im zweiten Teil der Geschichte befindet sich der Erzähler auf einer Konferenz junger Autoren in Bukarest. Auch hier wird er enttäuscht; Ideologie bestimmt das Programm:

The occasion was as pleasant as it was pointless – I listened to dozens of vague if well-intentioned speeches about the duty of the writer towards mankind.

Schaufenster eines Buchladens mit Werken Ceaucescus in Bukarest, 1983.

Bei einem Rundgang entdeckt der Erzähler einen Buchladen an einem zentral gelegenen Platz der Stadt. Im Schaufenster liegen aufgestapelt unzählige Exemplare eines einzigen Romans aus. Der Autor ist ein Nicolai Petrescu. Ein Foto des Autors zeigt einen alten Mann.

Im dritten Teil trifft der Erzähler erneut auf Tiriac und erkundigt sich nach Nicolai Petrescu. Tiriac will über Petrescu erzählen, fordert den Erzähler aber auf, ihm nicht jedes Wort zu glauben. Es scheint, als hielte er den Engländer für recht naiv, wolle ihm aber auf die Sprünge helfen.

Es ist die Geschichte zweier gleichaltriger, junger Männer, Tiriac und Petrescu, die nach dem Zweiten Weltkrieg den Regimewechsel unter der Ägide der UdSSR miterlebten, aber, da sie der Mittelschicht und nicht der Arbeiterklasse entstammten, Probleme hatten, als Schriftsteller akzeptiert zu werden.

Der ahnungslose Engländer findet seine eigene Erklärung für den auffälligen Altersunterschied der beiden Männer.

I thought how much better he had aged than Petrescu. Tiriac looked to be in his mid-forties; Petrescu could have been over sixty from his photo.

Bukarest, 1986.

Tiriac habe sich für das Exil entschieden und Petrescu für eine List, indem er für das neue Regime DEN großen, sozialismustauglichen Roman mit dem Titel „The Wedding Cake“ schrieb. Ziel sei es gewesen, dieses Einzelwerk über die Zeiten wirken zu lassen und nichts mehr hinzuzufügen, keinen neuen Roman, um damit Fragen und Scham gleichermaßen zu provozieren.

Der Engländer kann sich jedoch an keinen Titel namens „The Wedding Cake“ erinnern. Im Schaufenster habe ein anderer Roman Petrescus gelegen.

Nach einer langen Pause, die der Engländer so deutet, dass Tiriac enttäuscht von Petrescu sei, da dieser doch weitere Romane geschrieben habe, bestätigt Tiriac die anfängliche Theorie des Erzählers über Rumänien.

Another piece of evidence for your Romanian theory. Another single bloom. One great ironist – Petrescu.

[…] I gave him my most agreeing smile.

Die Geschichte gibt Rätsel auf. Ironie spielt eine große Rolle. Sie ist eine Maske, ein Überlebensprinzip in der Diktatur, hinter der sich der systemkritische Autor verstecken kann.

…. irony is not a mode with which the committee were too familiar.

Wie bei einer Matroschka-Figur enthält die Kurzgeschichte als Rahmenhandlung zwei kleinere Erzählungen. Die Geschichte Petrescus wird von Tiriac erzählt, und Tiriacs Geschichte vom Erzähler. Ironie sei ein Trojanisches Pferd, so Tiriac über das Buch Petrescus.

Der Erzähler befindet sich auf der Suche nach der Wahrheit. Er möchte einen Blick hinter die Fassade der Diktatur werfen, stößt dabei aber nur auf weitere Geschichten, die zwar unterhaltsam aber unglaubwürdig wie ein Hollywood-Drehbuch anmuten. Auch fehlt ihm noch das nötige Fingerspitzengefühl, um das Gegenüber zu „öffnen“.

Im Zusammenspiel mit dem Exilanten Marian Tiriac entsteht ein Balanceakt zwischen Vertrauen und Wachsamkeit, Naivität und Misstrauen, der einen in seinen Bann zieht und Fragen nach der Glaubwürdigkeit des Erzählers aufwirft. Der Plauderton, in welchem die Geschichte gehalten ist, trägt sein Übriges zu diesem Eindruck bei.

DSC_0042 (3)
Grimmiger Kater (anstelle eines Autorenporträts), 2015.

Barnes verdeutlicht die Schwierigkeiten, sich in einem Klima von Misstrauen authentisch näher zu kommen, da sich die Konstruktion von Identität und Geschichte im Kampf der Ideologien nicht nur auf der nationalen sondern auch der zwischenmenschlichen Ebene abspielt.

Hierbei zeigt er sich sensibel für die Lage der Exilanten aus den osteuropäischen Ländern, die ein Gespür für die ideologisch verzerrten Erzählmuster beider Seiten, Ost und West, hatten und sich ihrer bedienen konnten bzw. mussten.

Inwiefern das postmoderne Konzept des unglaubwürdigen Erzählers noch heute, Anfang des 21. Jahrhunderts, in der Gegenwartsliteratur präsent ist, weiß ich nicht. Sind wir dahingehend schon wieder desensibilisiert?

Eine Kurzgeschichte, die zu vielen Spekulationen anregt und einen nach der Lektüre noch lange beschäftigen kann. Thumbs Up!

***

Espressomaschine 1: Carson McCullers „Art and Mr. Mahoney

Espressomaschine 2: Katherine Mansfield „Germans At Meat“

—–

Bilder:

  1. Beitragsbild: almathun
  2. Karte Rumänien in Europa: David Liuzzo [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, via Wikimedia Commons
  3. Buchladen Schaufenster Bukarest: By Scott Edelman [Public domain], via Wikimedia Commons
  4. Bukarest, 1986: By Scott Edelman [Public domain], via Wikimedia Commons
  5. Kater, 2015: almathun.

ESPRESSOMASCHINE / Germans At Meat – KATHERINE MANSFIELD (1910)

ESPRESSOMASCHINE / Germans At Meat – KATHERINE MANSFIELD (1910)

ESPRESSOMASCHINE TEIL 2

Wie eine Bombe hatte der erste Teil der Espressomaschine im August diesen Jahres hier auf „bloglichter“ eingeschlagen, umjubelt von unzähligen Fans der stets zu kurz kommenden Kurzgeschichte, die ihre Begeisterung kaum zügeln konnten.

Heute nun, zu Ehren des einjährigen Jubiläums von bloglichter, gibt es endlich den lang herbeigesehnten, zweiten Teil. Katherine Mansfield, eine der Urmütter der modernen englischen Short Story, soll die Tradition weiterführen.

Katherine Mansfield, 1917.

GERMANS AT MEAT (Deutsche beim Fleisch; 1910)

Wie der Titel schon verdeutlicht, bleiben wir literarisch kulinarisch. Damit liegt Katherine Mansfields Erstlingswerk selbst 105 Jahre nach Erscheinen voll im Trend. Wie ich auf der Frankfurter Buchmesse am Wochenende sehen konnte, scheint sich Literatur heutzutage in Deutschland v.a. dann gut zu verkaufen, wenn sie wie ein Genussartikel feilgeboten wird. Wie die Schokolade zum Espresso und der Trollinger zum Saumagen.

Katherine Mansfield war 23 Jahre jung, als sie ihre erste Kurzgeschichten-sammlung „In a German Pension“ (1911) veröffentlichte. 1909 hatte die Deutschsprechende Neuseeländerin sechs Wochen in einer Pension im bayrischen Kneipp-Kurort Bad Wörishofen verbracht, um dort, dem Wunsch ihrer wohlhabenden Eltern Folge leistend, unbemerkt das Kind aus einer Londoner Liaison zur Welt zu bringen. Beim Kofferheben erlitt sie eine Fehlgeburt.

Zeit ihres Lebens(1888-1923) hatte sie sich gegen eine Neuauflage der „Pension“ gesträubt. Während des Ersten Weltkrieges wurde sie von Verlegern regelrecht bedrängt, ihre frotzeligen Skizzierungen deutscher Kurgäste wieder freizugeben. Aber nein,

I cannot have the German pension reprinted under any circumstances. It is far too immature. […] It’s not good enough. […] But I could not for a moment entertain republishing the „Pension“. It’s positively juvenile,…; Oh no, never!

Die Ich-Erzählerin, eine junge, vegetarisch lebende Engländerin, befindet sich allein unter deutschen Kurgästen, die sich beim Mittagessen in der Pension die Bäuche vollschlagen. Es ist der Typus des hässlichen, unsensiblen Deutschen mit unangenehmer Wesensart, der aufgeblasene Großkotz und besserwisserische Grobian, dessen altmodisches Hinterwäldlertum sich in jedem seiner Worte und Gesten offenbart.

Pass me the sauerkraut, please. You do not eat it?

No, thank you. I still find it a little strong.

‚Is it true‘, asked the Widow, picking her teeth with a hairpin as she spoke, ‚that you are a vegetarian?‘

Why, yes; I have not eaten meat for three years.

Im-possible! Have you any family?

No.

There now, you see, that’s what you’re coming to! Who ever heard of having children upon vegetables? It is not possible. But you never have large families in England now; I guess you are too busy with your suffragetting. […]

‚Germany,‘ boomed the Traveller, biting round a potato which he had speared with his knife, ‚is the home of the Family‘.

Es ist auch die Zeit des Deutsch-Britischen Flottenwettrüstens, das dem Ersten Weltkrieg vorangeht.

Said the Traveller: I suppose you are frightened of an invasion too, eh? Oh, that’s good. I’ve been reading all about your English play in a newspaper. Did you see it?

‚Yes‘, I sat upright, ‚I assure you we are not afraid.‘

‚Well, then, you ought to be‘, said the Herr Rat. ‚You have got no army at all – a few little boys with their veins full of nicotine poisoning.‘

‚Don’t be afraid,‘ Herr Hoffmann said. ‚We don’t want England. If we did, we would have had her long ago. We really do not want you.‘

He waved his spoon airily, looking across at me as though I were a little child whom he would keep or dismiss as he pleased.

‚We certainly do not want Germany‘, I said.

Die angespannte politische Situation wird am deutschen Mittagstisch von der Meute älterer Herren und Damen an der jungen Engländerin abgearbeitet, die sich wacker schlägt, aber schon bald das Weite sucht, als sie über die Aufgaben einer guten Haus- und Ehefrau belehrt wird.

What is your husband’s favourite meat? asked the Widow.

I really do not know.

You really do not know? How long have you been married?

Three years.

But you cannot be earnest! You would not have kept house as his wife for a week without knowing that fact. […] How can a woman expect to keep her husband if she does not know his favourite food after three years?

Mahlzeit!

Mahlzeit!

I closed the door after me.

WIN_20151020_111026
Penguinausgabe von 1981.

Willkommenskultur ist etwas anderes. Die junge Engländerin mit guten Manieren kann einem Leid tun. Ihr Aufenthalt im vulgären Deutschland kommt einer Bestrafung gleich. Die überzogene Stereotypisierung der Deutschen liest sich trotzdem sehr nett, weil es Mansfield in dieser Geschichte vor allem um eine satirische Verfremdung universeller und tradierter Geschlechterrollen im Patriarchat geht, die von den meisten Frauen unkritisch und zum Zwecke der Selbstwertstabilisierung übernommen werden. Mich hat überrascht, wie aktuell die Diskussion um den Vegetarismus anmutet.

Dass sich hier noch ein nationalistischer Diskurs beimischt, der das Patriarchat nur im ekligen deutschen Wesen verortet, ist den politischen Verhältnissen der Zeit und dem Format der Kurzgeschichte geschuldet. Es war nicht die Zeit politischer Korrektheit. Die 22-jährige Mansfield sensibilisiert ihre Leserinnen mit dem Presslufthammer.

In der Figur der jungen Engländerin entwickelt Mansfield eine immer noch moderne Alternative zum verblödeten Rollenklischee, das die Zeiten überdauert. Da aber nicht nur die Demokratie, sondern erfahrungsgemäß auch die Gleichberechtigung und das Recht auf Selbstbestimmung der Geschlechter jeden Tag neu erstritten und verteidigt werden müssen, hat diese feine Kurzgeschichte nichts an Aktualität verloren. Ein lustiger Zeitvertreib ist sie obendrein.

Zum Nachlesen auf der Seite der Katherine Mansfield Society: Germans At Meat

Bilder:

  1. Cup of Espresso: © Nevit Dilmen [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)%5D, via Wikimedia Commons
  2. Katherine Mansfield, 1917: By Ottoline Morrell (1873-1938) [Public domain], via Wikimedia Commons

ESPRESSOMASCHINE / Art and Mr. Mahoney von CARSON MCCULLERS (1949)

ESPRESSOMASCHINE / Art and Mr. Mahoney von CARSON MCCULLERS (1949)

ESPRESSOMASCHINE TEIL 1

In dieser neuen Rubrik „Espressomaschine“ sollen die häufig zu kurz kommenden Kurzgeschichten einen Ort der Würdigung erhalten. Es geht nicht um in Buchform gedruckte Kurzgeschichtensammlungen, sondern tatsächlich um die einzelne Geschichte an sich, das Kleinod, das nicht selten in schon klebrigen Zeitschriftenstapeln vergessen bzw. zusammengepfercht in Anthologien Schulter an Schulter mit anderen Geschichten einer übergeordneten Sache oder der Werkschau der Autorin dienend dahinvegetiert.

Das Spannende für mich ist, dass es zu vielen Kurzgeschichten kaum Informationen oder Interpretationen (im Netz) gibt, vermutlich, weil sie nicht als Einzelware (von Verlagen) feilgeboten und verkauft werden. Warum eigentlich nicht?

Also: Viva la Kurzgeschichte!

Hier die erste Espressokapsel:

ART & MR. MAHONEY von Carson McCullers (1949)

Carson McCullers (1917-67) Kurzgeschichte hatte 1949 Premiere im New Yorker Frauenmagazin Mademoiselle (1935-2001). Sie ist etwa dreieinhalb Seiten kurz.

Mr. Mahoney unterläuft ein unverzeihlicher Fauxpas. Während eines Klavierkonzerts klatscht er an der falschen Stelle. Die sozialen Sanktionen der sich „genteel“ gebenden Gesellschaft, allen voran seiner Frau, erfolgen streng und unerbittlich.

McCullers verwendet in dieser Geschichte das Pygmalion-Motiv mit vertauschten Geschlechterrollen. Mr. Mahoney ist ein gestandener Mann, etwas plump, aber gutherzig. Als Unternehmer und Besitzer einer Hobelfabrik und Ziegelei genießt er es, von seiner Frau, der kultivierten Mrs. Mahoney, zu einem gesellschaftsfähigen Mitglied der distinguierten Südstaatengesellschaft umerzogen worden zu sein.

Mr. Mahoney was well drilled; he was accustomed to speak of ‚repertory‘, to listen to lectures and concerts with the proper expression of meek sorrow. He could talk about abstract art, he had even taken part in two of the Little Theatre productions, once as a butler, the other time as a Roman soldier.

Trotz der humorvollen Beschreibung zeigt sich hier bereits die Kritik McCullers am kulturellen und intellektuellen Leben der Südstaaten, das sie als affektiert und empathielos empfunden hat.

McCullers, die in Georgia geboren wurde, hat die Südstaaten immer gehasst, obwohl sie ihre Hauptinspirationsquelle waren. Gleich mit 18 flüchtete sie nach New York und kehrte nur noch sporadisch zurück.

I must go home periodically to renew my sense of horror.

sagte sie einem Freund. Die im Grunde provinzielle, sich aber weltmännisch gebende Blasiertheit der wohlhabenden und in einer idealisierten Vergangenheit lebenden  Südstaatengesellschaft, war Angriffspunkt der AutorInnen der Southern Renaissance, in deren Tradition auch McCullers steht. Kunst und Kultur dienen nach Meinung dieser Autoren (u.a. Katherine Ann Porter, Nora Zeale Hurston und auch William Faulkner) nur noch dem Distinktionsgewinn. Es ist ein Mummenschanz, um von Sklaverei, Armut und Diskriminierung abzulenken.

Dennoch hat Mr. Mahoney den Wunsch, von dieser Gesellschaft voll und ganz akzeptiert und geliebt zu werden, so wie er sich in sie verliebt hat.

Mr. Mahoney loved the atmosphere of Little Theatre plays and concerts – the chiffon and corsages and decorous dinner jackets. He was warm with pride and pleasure …. greeting the ladies, speaking with reverent authority of movements and mazurkas.

Da aber in Carson McCullers Werk unerwiderte Liebe ein ganz großes Thema ist, kann das auf Dauer alles nicht gut gehen.

The pianist lifted up his hand and even leaned back a little on the piano stool. Mr. Mahoney clapped. He was so dead sure it was the end that he clapped heartily half a dozen times before he realized, to his horror, that he clapped alone.

Im Folgenden beschreibt McCullers die Auswirkungen sozialer Beschämung als das Ergebnis vorauseilender, internalisierter Selbstbestrafung. Mr. Mahoney, bemüht seine Gefühle bloß nicht zu zeigen, durchläuft ein Inferno psychosomatischer Körperreaktionen und emotionaler Abgründe. Seine Frau und die anderen humorlosen Gäste wenden sich fremdschämend von ihm ab.

Mr. Mahoney sat stiff with agony. The next moments were the most dreadful in his memory. The red veins in his temples swelled and darkened. he clasped his offending hands between his thighs. […] For almost an hour Mr. Mahoney had to suffer this public shame.

Tip Mayberry, der sich auf der Party bewusst anti-genteel gibt, bietet Mahoney augenzwinkernd den einzigen menschlichen Kontakt in dieser sozialen Quarantänesituation an. Nur widerwillig kann Mr. Mahoney darauf eingehen.

„I guess after all those tickets you sold you were entitled to an extra clap.“ He gave Mr. Mahoney a slow wink of covert brotherhood which Mr. Mahoney at that moment was almost willing to admit.

Die Sympathien der Leserin liegen natürlich bei dem gebeutelten und geschassten Mr. Mahoney. Vermutlich hat sich McCullers in der Figur des Tip Mayberry in diese Geschichte selbst eingeschrieben, um ihrem Protagonisten wenigstens ein bisschen Erlösung zukommen zu lassen und ihre Kritik an der genteel tradition der Südstaaten direkt zu artikulieren.

Trotz eines sparsamen Schreibstils gelingt es McCullers in dieser Kurzgeschichte den Kontrast zwischen dem Innenleben ihres liebesbedürftigen Charakters und der kalten Gesellschaft einfühlsam, poetisch und gleichzeitig mit einem humorvollen Augenzwinkern nachzuzeichnen. Der Leser kann gar nicht anders als Mitleid zu empfinden und sich angesichts der beschriebenen gesellschaftlichen Defizite zu positionieren, nämlich gegen jeden selbstgerechten Dünkel. Zum anderen ist diese Geschichte auch ganz große Kunst, die man mit einem starren Gesichtsausdruck des untröstlichen Kummers lesen sollte.

Bild: Cup of Espresso: © Nevit Dilmen [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)%5D, via Wikimedia Commons

Bild von Carson McCullers: Carl van Vechten [Public domain], via Wikimedia Commons