peregrinus, teil 2 (1967)

peregrinus, teil 2 (1967)

Die Schweinegrippe hat ihre Klauen gelockert. Es war meine erste, echte Grippe, und die Erkenntnis, die in den letzten drei Wochen in mir gewachsen ist, lautet, dass die Menschheit nicht gesünder sein kann als der Planet auf dem sie lebt. Die Menschheit hat die Ärzte, die sie verdient. Unser Planet hat keinen Arzt, der gegen seine größte Plage zu Felde ziehen würde. Ist das jetzt gut oder schlecht?

John Alec Baker (1926-87), dessen Buch „Der Wanderfalke“ (engl. The Peregrine) 1967 WIN_20160305_143148erschienen ist, starb an einem Krebs, der durch ärztlich verabreichtes Codein und injizierte Goldverbindungen, mit denen seine rheumatoide Arthritis behandelt wurde, verursacht worden war. In den 60er Jahren streifte er einen Winter lang durch das ostenglische Essex und schrieb ein Tagebuch, in welchem er mit ausgeprägter Präzision seine Beobachtungen der Avifauna festhielt. Die Landschaft, die er wie ein Maler in allen Farben und Formen beschwört, dient als mythische Kulisse, in welcher er sich mal zu Fuß, mal mit dem Fahrrad auf die Suche nach dem Wanderfalken begibt.

 

DSC_0223 (2)Ich habe das Buch gelesen, weil sich im Dezember letzten Jahres vor meinem Wohnzimmerfenster zwei Wanderfalken am Turm einer Backsteinkirche niedergelassen haben. Ich sehe und höre sie jeden Tag, sehe sie fliegen und ruhen, höre sie krächzen, wobei ihr Ruf in jeden Winkel des Backsteingemäuers dringt, die Stadttauben aufschreckt und die Elstern vertreibt. Sie haben die Wildnis abgelegener Feldmassive in die platte Stadt gebracht.

Mehr wird über ihren Wohnort nicht preisgegeben, denn leider gibt es zu viele waffentragende Vollidioten, die sich Jäger nennen, und die alles abknallen, was sich Greifvogel nennt, auch wenn es das letzte Tier seiner Art wäre. Zur illegalen Greifvogelverfolgung gehören auch Vergiftungen mit Taubenködern. Dies kennt man aus anderen europäischen Städten. Vor ein paar Wochen ist in der Nähe des niedersächsischen Neuhaus bei Cuxhaven ein Seeadler beim Bau seines Nestes abgeschossen worden. Hier geht es aber höchstwahrscheinlich um den Kampf von Windkraftbefürwortern gegen Umweltschützer, denn schon ein einzelnes Seeadlernest kann den Bau weiterer lukrativer Windkrafträder in einem Umkreis von mehreren Kilometern unterbinden. Dem widersetzt sich so mancher, das dicke Geld riechende, kleine Deichgraf auf seine eigene, ihm wohlvertraute Art und Weise. Aber so wie ein Mensch lebt, so wird er auch sterben. Das ist eine alte Weisheit, die sich schon oft bewahrheitet hat.

Die Gefahren, denen Greifvögel ausgesetzt sind, gibt es, seit es Menschen gibt. Bakers

seney_national_wildlife_refuge_-_1963_28540445180129
1963, zwei tote Adler. Vermutlich mit die ersten Greifvögel, die nach der Veröffentlichung von Rachel Carsons Buch „Silent Spring“ auf Pestizide untersucht wurden.

Wanderfalke erschien ein paar Jahre nach der einflussreichen Studie „Silent Spring“ (dt. Der Stumme Frühling) von Rachel Carson (1962), in welcher die Autorin die verheerenden Folgen von gedankenlos ausgebrachten Pestiziden, v.a. DDT, in der Landwirtschaft beschreibt. Dieses Buch hat die Umweltbewegung in den USA maßgeblich initiiert und beeinflusst wie kein anderes. Hierzulande ist Glyphosat nicht erst seit ein paar Wochen in aller Munde, v.a. bei deutschen Biertrinkern, aber kann ein Skandal wie dieser heutzutage überhaupt noch ein Umdenken der Menschen bewirken?

Ich befürchte, dass es nicht möglich ist, denn der Bauer fürchtet nur das, was er sehen kann. Skandale existieren nur so lange, wie sie von den kurzatmigen Medien unterhalten werden. Ängste und Sorgen werden dank der Technologisierung des Lebens schnell weggezappt, und erst die Krebsdiagnosen lassen die aufmerksamkeitsgestörten Mitglieder der Spaß- und Erlebnisgesellschaft aus allen Wolken fallen. Dann ist es aber zu spät. Nach den Ursachen forschen die Wenigsten, weil sie es auch nie gelernt haben. Sie haben keinen Zugriff mehr auf die Realität. Der nahende Tod lässt sich nicht löschen, das Leben nicht upgraden oder downloaden. Sie sterben einfach. Vermutlich mit ihrem Smartphone in der Hand, den eigenen Tod bei Twitter postend.

Die Wanderfalken standen in den 60er und 70er Jahren kurz vor ihrer Auslöschung, auch in Großbritannien. J.A. Baker schreibt:

Spring evening; the air mild, without edges, smelling of damp grass, fresh soil, and farm chemicals.There is less bird-song now.[…]

Few winter in England now; fewer nest here […] the ancient eyries are dying.[…]

We are the killers. We stink of death. We carry it with us. It sticks to us like frost. We cannot tear it away.

Das auf die Felder ausgebrachte DDT bewirkte eine Störung des Kalkhaushaltes der Vögel, so dass deren Eierschalen immer dünner wurden. Da die meisten Wanderfalken in Felsen oder auf Steinen brüten, kann man sich die Auswirkungen einer dünnen Eierschale auf das Gelege gut vorstellen. In Norddeutschland war die Wanderfalkenpopulation bereits ausgestorben. Nur noch in einigen süddeutschen Bundesländern gab es eine handvoll Brutpaare. In den späten 70er Jahren wurde DDT in den meisten europäischen Ländern verboten. Dank des unermüdlichen Einsatzes von Umweltschützern hat sich die Population der Wanderfalken wieder erholt und stabilisiert. Allerdings sind sie immer noch gefährdet, denn der jetzige Bestand hat sich aus dem genetischen Pool des kleinen, in den 70er Jahren übrig gebliebenen Tierbestandes entwickelt. Dieses Prinzip des „genetischen Flaschenhalses“ führt dazu, dass kleinste Veränderungen der Umwelt wieder zu einer Gefährdung der gesamten Population des genetisch nun fast identischen Wanderfalkenbestandes führen können.

Ein Buch, wie das von Baker, wäre heutzutage nicht mehr möglich. Seine ausdauernden, sich wiederholenden Landschaftsbeschreibungen wären ein absolutes No-Go für jeden Verlag, der Bücher nicht nur drucken, sondern auch einem erlebnisverwöhnten Publikum verkaufen möchte. Es passiert kaum etwas. Hier und da ein aufgeschreckter Vogelschwarm, dort ein jagender Wanderfalke.

Three curlew (dt. Brachvögel) landed on the mud, and stepped delicately to the water’s edge. They were uneasy, moving their heads from side to side like dear suspicious of the wind. They were coloured like sand, and mud, and shingle, and the sere grass of the saltings. Their legs were the colour of the sea.

Die zähe, meditative, über 200 Seiten lange, Beschreibung der Landschaft und Avifauna wirft die Leserin auf die Frage nach dem Sinn menschlichen Handelns in dem Rahmen, den die Natur für uns gesteckt hat, zurück. Sehr oft erschöpft sich die Beobachtung des Autors in ihrer eigenen kreativen Verwandlung des Gesehenen, metaphernüberladen, und ein Reflexionsniveau auf abstrakterer Ebene wird nur ansatzweise erreicht. Aber meine Kritik ist nur ein Hilfeschrei angesichts der Hartnäckigkeit des Autors, der jeden menschlichen Eingriff in das Beschriebene konsequent ausklammert und im Keime erstickt. Seine Landschaft ist ein Schutzgebiet und der Mensch hat hier weder Spaß noch Sinn zu suchen, denn beide Anliegen können nur die Zerstörung des Ursprünglichen bedeuten.

DSC_0249
Peregrine Kill, 2016

Dennoch sind seine genauen Beobachtungen für alle ornithologisch interessierten Menschen, und diejenigen, die mit offenen Augen durchs Leben gehen, ein gefundenes Fressen, enthalten viel Wissenswertes aus erster Hand erzählt, Informationen nach denen man Jahre in Fachliteratur suchen könnte ohne fündig zu werden. So lese ich, dass Wanderfalken v.a. die Vögel jagen, die es in einer Gegend am meisten gibt, aber diese Beutetiere müssen eine weiße Markierung haben. Auf meinem Rundgang um die Kirche fallen mir verstreute, weiße Federn auf, die überall im Gras liegen, definitiv Taubengefieder. Hier liegt ein Elsterflügel mit einer weißen Flügelbinde, dort das abgenagte Brustbein einer Ringeltaube mit blutgetränkten, ehemals weißen Federn bestückt. Barker nennt diese Überbleibsel „peregrine kills„, und mit akurater Wissenschaftlichkeit zählt und benennt er jedes erbeutete Tier, fügt es ein in eine Opferliste, die alle paar Tage erneuert wird.

Seine Schilderungen haben in ihrer Präzision etwas Soldatisches an sich. Jede DSC_0208 (2)(Feind-)bewegung wird registriert, v.a. am Himmel, als wolle er nicht von einem plötzlichen Luftangriff (der Deutschen?) überrascht werden. Gleichzeitig bewegt er sich in seinem kleinen Areal und beschreibt dieses als unversehrte, pastorale Landschaft.

The sunlit orchard was very quiet, laned with pale amber light. The only sounds were the songs of thrushes and blackbirds, muted by distance, the occasional call of a moorhen, the creak and rustle of twigs in the wind.

The only movement was the silent threshing of the hawk’s long wings beating through the sunlit aisles. Silent to me; but to mice in the short grass, to partridges hidden and dumb in long grass und the trees, his wings would rasp through the air with the burning whine of a circular saw. Silence they dread; when the roaring stops above them, they wait for the crash.

Just as we, in the war, learnt to dread the sudden silence of the flying bomb, knowing that death was falling, but not where, or on what.

In the mellow sunlight of the warm unclouded spring, the peregrine shone and blinked behind the branches of the apple tree like a setting sun.

Das Drama des Krieges spielt sich wieder in den Lüften ab, die Angst sitzt aber nicht dem Menschen, sondern den Beutetieren des Wanderfalken in den Knochen. Baker identifiziert sich mehr und mehr mit dem Falken, dem Angreifer. Als Leserin kann man nur spekulieren, inwiefern vergangene Kriegserfahrungen des Autors sich nun in der Naturbeobachtung projiziert wiederfinden und somit aus der Distanz heraus emotional zugänglich gemacht wurden.

Das Schweigen und die Stille bedeuten den nahenden Tod. So war es nicht nur während der Luftangriffe der Deutschen, sondern so ist es auch wieder in den 60er Jahren, wenn Vögel, Bienen und andere Insekten nicht mehr zu hören sind, weil das Gift auf den Äckern sie zum Schweigen gebracht hat. In den 60ern war es DDT, heutzutage, im 21. Jahrhundert sind es Glyphosat und Neonicotinoide.

Wollen wir, die Konsumenten, das ändern? Nein, denn es macht ja keinen Spaß, sich mit diesen Informationen zu beschäftigen. Zweitens soll ja alles geil billig bleiben, denn teuer einzukaufen macht keinen Spaß mehr. Und drittens ist es ja nur von Vorteil, wenn man bei 200 kmh auf der Autobahn im Sommer nicht ständig klebrige Insekteninnereien von der Windschutzscheibe wischen und kratzen muss. Macht ja auch keinen Spaß, scheiß Viecher.

Bakers „Wanderfalke“ ist ein trauriger aber gefasster Abgesang auf eine vormals unversehrte und in ihrer Artenvielfalt lebendige Natur. Robert MacFarlane schreibt in seinem Vorwort von der „Atmosphäre eines Requiems“, die die Leser auf jeder Seite umfängt. Wer schon einmal im Frühling unter einem blütenschweren Apfelbaum gesessen hat, und sich über die anhaltende Totenstille in der Baumkrone gewundert hat, weiß, was gemeint ist.

silberreiher28casmerodius_albus29
Silberreiher

Und was bleibt, sind die Erlebnisse, die man jetzt noch in der Natur sammeln kann. Vor ein paar Wochen habe ich durch mein Fernglas hindurch einen Silberreiher durch ein flaches Gewässer waten sehen. Ganz langsam, in Zeitlupe, ab und zu verfing sich der Wind im leuchtend weißen Gefieder, das an dem Vogel anlag, so als hätte eine Mutter ihrem Kind die Haare liebevoll gekämmt und getätschelt. Als der Reiher sein Bein hob und glänzende Wassertropfen herunterfielen, ging so eine Ruhe von diesem Bild aus, dass mir der Atem stockte. Das war eine in ihren anmutigen Details verzaubernde Ballettvorführung der Natur und ich hatte das Glück ihr beizuwohnen.

Ganz anders als das Herumgehoppse des Fleischklopses Mensch, Wichtigtuer auf der Bühne des Lebens, die er sich selbst erst erschaffen musste, denn die Götter sind ihm, aus gutem Grunde, nicht gewogen. So war es schon immer, und so wird es leider auch bleiben.

—–

Bilder:

Zwei tote Adler: von Seney Natural History Association [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)%5D, via Wikimedia Commons

Silberreiher: von Falosakitas (Eigenes Werk (Originaltext: eigene Arbeit)) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

alle anderen Bilder: almathun, 2016

[ESPRESSOMASCHINE] Hilary Mantel – The Assassination of Margaret Thatcher (2014)

[ESPRESSOMASCHINE] Hilary Mantel – The Assassination of Margaret Thatcher (2014)

ESPRESSOMASCHINE TEIL IV

HEUTE: Hilary Mantels „The Assassination of Margaret Thatcher“

WIN_20151224_135103Gestern habe ich mir Hilary Mantels Kurzgeschichtensammlung „The Assassination of Margaret Thatcher“ (Die Ermordung Margaret Thatchers) in der handlichen Paperback Ausgabe zu Weihnachten geschenkt. Ich habe ihre beiden mit zwei Booker Preisen ausgezeichneten historischen Romane „Wölfe“ (Wolf Hall) und „Falken“ (Bring Up the Bodies) über Thomas Cromwell und Henry VIII. bislang nicht gelesen. Es war vor allem der schöne Titel der Sammlung, der mich in vorweihnachtlicher Verzückung zugreifen ließ.

Als der Guardian im September letzten Jahres die gleichnamige Kurzgeschichte exklusiv veröffentlichte, war die Empörung vor allem im konservativen Lager groß. Man zeigte sich „enttäuscht“ von der beliebten Autorin, die erst Mitte des Jahres von der Queen zur „Dame“ erhoben worden war. Man bezeichnete die Geschichte gar als „gefährlichen Unsinn“, „geschmacklos“ und „verbotene Zone“. Ein Mitglied des Oberhauses, Lord Bell, forderte sogar Scotland Yard einzuschalten.

Dieses Vergnügen hatte Ende der 80er Jahre auch der Smiths-Sänger Morrissey, nachdem er in seinem eingängigen Liedchen „Margaret on the Guillotine“ zum Mord an Thatcher aufgerufen hatte. Im Grunde ein schönes Weihnachslied.

Quelle: YouTube

The kind people
Have a wonderful dream
Margaret on the guillotine
Cause people like you
Make me feel so tired
When will you die?

And people like you
Make me feel so old inside
Please die

And kind people
Do not shelter this dream
Make it real

Hilary Mantel ist also nicht die erste, die sich mit einer Ermordung Thatchers beschäftigt hat. „Thatchercide“ – die mentale Auseinandersetzung mit eben dieser Tatsache – hat eine lange Tradition in Great Britain, und es gab sie schon zu Lebzeiten der „Iron Lady“, die 2013 87-jährig an den Folgen einer Demenzerkrankung verstorben ist.

Wer wie ich in den 80er Jahren aufgewachsen ist, wird sich an das bedrückende Dreigestirn Reagan-Thatcher-Kohl noch gut erinnern. 1990 reiste ich mit einer Klassenkameradin für zwei Wochen sehr günstig nach Südengland. Wir wohnten bei einem jungen englischen Paar, beide arbeitslos, er bärtiger Seemann und politisch aktiv gegen die „Poll Tax“, die englische Kopfsteuer. Seinen Hass auf Thatcher erinnere ich noch gut. Ebenso gut erinnere ich das Frühstück, das er uns morgens pfeifend zubereitet hat: in 2 cm hoher Fettsoße ersoffene Rühreier serviert mit lauwarmen Baked Beans auf knusprigem Toast. So etwas erlebt man nur in England. Zwei Tage lag ich mit einer Lebensmittelvergiftung im Bett, während mich die beiden verflohten Familienlabradore abwechselnd besuchten. Aber es waren nette Leute, kind people.

Kurzum: Man sollte nicht danach fragen, was eigentlich freundliche Zeitgenossen dazu treibt, sich eine Ermordung ihres Regierungsoberhauptes vorzustellen, sondern eher, warum es immer wieder Personen in Führungspositionen schaffen, die Gefühle von tiefstem Hass in sonst friedliebenden Menschen heraufzubeschwören in der Lage sind. Ich habe mir über dieses Phänomen lange Zeit Gedanken gemacht, und bin letztendlich zu dem Ergebnis gekommen, dass es sich nicht nur um eine, nach Melanie Klein, projektive Identifizierung handelt, also die unbewusste Übernahme und das Ausagieren verdängter Gefühle des Regierenden durch die Regierten (sehr interessanter Prozess übrigens), sondern auch einfach die Tatsache, dass es Führungspersonen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung gibt, deren Handeln vor allem ein angeknackstes Selbstwertgefühl verdeckt kompensieren soll. Solche Leute dienen nicht den ihnen anvertrauten Menschen, sondern nur den Autoritätspersonen, von denen sie sich selbstwertstabilisierende Anerkennung erhoffen. Offensichtlich war die Thatcher so eine.

Okay, wieder mal abgeschweift. Aber macht ja nichts. Ist ja Weihnachten.

Hilary Mantel also scheint Morrisseys Wunsch nachgekommen zu sein. In ihrer Mordgeschichte wird die Thatcher tatsächlich von einem IRA-Scharfschützen erschossen.

Picture first the street where she breathed her last.

So beginnt die Geschichte. Es ist der Sommer 1983 und die Thatcher unterzieht sich in einer Klinik in der südwestlich an London angrenzenden Stadt Windsor, wo man Vivaldi und Perrier konsumiert, einer Augen-OP. Es ist ein Jahr nach dem für die Briten erfolgreich verlaufenden Falkland-Krieg und ein Jahr vor dem Bombenanschlag der IRA auf das Grand Hotel in Brighton, das die Thatchers mit Glück überleben.

DSC_0120 (3)Die Erzählerin ist eine Anwohnerin in der Nähe des Krankenhauses, die von ihrem Schlafzimmerfenster aus einen hervorragenden Blick auf den Hintereingang des Hospitals hat. An dem Tag, an welchem die Thatcher entlassen wird, verschafft sich ein IRA-Scharfschütze Zugang in ihr Haus. Es entspinnt sich ein interessantes Kammerspiel, in welchem sich beide bei einer Tasse Tee über das Für und Wider eines Attentats unterhalten, und bei welchem die Erzählerin sich mehr und mehr für das Vorhaben erwärmen kann, dem Attentäter sogar eine vorteilhafte Fluchtmöglichkeit unterbreitet.

Das Zeitkolorit der frühen 80er Jahre wird von Mantel überzeugend eingefangen. Die britische Klassengesellschaft mit ihrem Snobismus spiegelt sich zum Beispiel in Auseinandersetzungen darüber, ob man Zucker in den Tee nimmt oder nicht. Jilly Cooper und Adrian Mole lassen grüßen.

‚Make us another brew. And put sugar in it this time.‘

‚Oh,‘ I said. I was flustered by a failing in hospitality. ‚I didn’t know you took sugar. I might not have white.‘

‚The bourgeoisie, eh?‘

I was angry. ‚You’re not too proud to shoot out of my bourgeois sash window, are you?‘

He lurched forward, hand groping for the gun.

Die Mantel hat Humor und ich musste beim Lesen nicht nur einmal schmunzeln. Die Leserin nimmt Anteil an der emotionalen Wankelmütigkeit der Erzählerin, die zwischen Abgrenzung zum bildungsfernen Sniper und Identifikation mit der Sache hin- und herschwankt.

I had said to him earlier, violence solves nothing. Bit it was only a piety […] , and if I thought about it, I felt a hypocrite. It’s only what the strong preach to the weak: you never hear it the other way round; the strong don’t lay down their arms.

Besonders hervorzuheben ist Mantels Prosa, die sich so liest, wie sich eine ayurvedische Abyanga Stirnguss-Massage anfühlt. In der Filmsprache würde man wohl von längeren Kameraschwenks reden, die mit auktorialer Souveränität ganze Umgebungen in ihren Details szenisch einfangen und so eine Stimmung von leichter Erhabenheit vermitteln. Mir hat das gefallen, vor allem auch deshalb, weil es ein ganz eigener, lyrischer Stil ist, der mir so vorher noch nicht untergekommen ist.

Ich freue mich schon auf die anderen Geschichten in „Die Ermordung der Margaret Thatcher“, einem schönen Buch für die Weihnachtszeit. Im Januar strahlt arte die sechsteilige BBC-Serie „Wolf Hall“ aus. Ich werde dabei sein. Wer nicht so lange warten kann, schaut sich vielleicht noch einmal den wirklich gelungenen und unterhaltsamen Film „The Iron Lady“ mit Merryl Streep an.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern des Blogs eine entspannte und, falls möglich, erholsame Weihnachtszeit!

—-

Bilder

Espressotasse: © Nevit Dilmen [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)%5D, via Wikimedia Commons

alle anderen Bilder: almathun

MEISTER DES LICHTS – Ben Okri meets Mr. Turner

MEISTER DES LICHTS – Ben Okri meets Mr. Turner
ben_okri_in_tallinn
Ben Okri

Je kürzer die Tage werden, desto mehr entwickelt man einen Geschmack für alles, was großformatig und knallig bunt daherkommt. Letzte Woche ertappte ich mich dabei, wie ich den seit 15 Jahren im Bücherregal vernachlässigten Roman von Ben Okri, Astonishing the Gods (1995), herauszog und mich an dem turneresquen Buchcover mitsamt den glitzernden Goldlettern ergötzte. *rotwerd* Schummrige Erd- und Lichtfarben, nebulöse Andeutungen gotischer Architektur, gekonnt verwischt in der Dynamik subjektiver Wahrnehmung des Erhabenen.

Damals, vor 15 Jahren, hatte ich gerade einmal 7 Seiten geschafft, bevor ich den Roman wieder zur Seite legen musste, mit einem Gefühl von Übersättigung erfüllt, das einen zum Beispiel nach vier Wochen Adventszeit inklusive dreier Weihnachtstage beim Anblick eines Christstollens überkommt. Doch nun, um einiges reifer, geduldiger und vor allem weiser, wollte ich es noch einmal wissen.

Lost in wonder, he stared at the white harmonic buildings round the square. He noticed their pure angles, their angelic buttresses, and their columns of gleaming marble. […] He noticed how all things invisible seemed to become attentive to the glorious singing which poured a golden glow into the limpid moonlight. He found himself smiling.

Worum geht’s eigentlich? Ein jungerDSC_0003 Mann erfährt, dass er zu den Unsichtbaren gehört, als Unsichtbarer geboren wurde. Er macht sich auf den Weg, die Welt per Schiff zu bereisen, um hinter das Geheimnis des Sichtbaren zu kommen und sichtbar zu werden. Schon bald verschlägt es ihn auf die wunderschönste, aber gleichzeitig mysteriöse Insel der Unsichtbaren, eine Zwischenwelt, wo er etliche Prüfungen bestehen muss, um letztendlich in die Gemeinschaft der Unsichtbaren aufgenommen zu werden.

Das Buch handelt von einer Identitätswerdung, aber nicht im westlichen Sinne von mehr Substanz und Sichtbarkeit, sondern, im Gegenteil, mehr im Sinne einer spirituellen Suche nach den mythischen Wurzeln des Menschseins. Okri, der in der postkolonialen Tradition schreibt, scheint hier ein sehr individuelles Konzept für sich entwickelt zu haben, um eine Antwort auf das Problem der Identitätssuche der ehemals kolonialisierten Völker zu finden. Afrikanische Mythen gehen hier in einem christlich-bombastischen Diskurs des Erhabenen und Heiligen auf, wobei die Sprache anfangs noch konkret bleibt (s. Beispiel), sich später aber immer mehr in glänzender Diffusität auflöst.

WIN_20151129_154045Obwohl etwa neunzig Prozent des Buches im obigen Stile verfasst sind, später noch göttlich-wundervolle Einhörner dazwischentrappeln, hat man doch das Gefühl, von der unbarmherzigen Kitschkeule weitestgehend verschont zu bleiben. Sonderlich spannend ist das alles trotzdem nicht, teilweise sogar extrem ermüdend. Vielleicht hat der Herausgeber diese Leser/innenreaktion bereits vorausgeahnt, und, ein alter Trick, das Buch in unzählige Mini-Kapitel aufgeteilt. Der Roman liest sich stellenweise wie eine Utopie, die mir jedoch, ganz im Huckleberry-Finnschen Sinne, eher dystopisch vorkam. In diesen zuckersüßen Himmel will ich nicht.

Einen himmelsgleichen Sehnsuchtsort ganz anderer Art erschafft der Brite Mike Leigh in seinem Film „Mr. Turner„. Mein gezielter Griff in die heimische DVD-BoxDSC_0020 auf der Suche nach Glanz und Gloria, Licht und Farben wurde belohnt. Mr. Turner aus dem Jahr 2014 erstreckt sich über 2.5 Stunden und ist ein Genuss für alle Sinne. Leigh, der mit seinen Filmen als Vertreter des realistischen, englischen Sozialdramas bekannt wurde, hat hier ein bild- und stimmungsgewaltiges Historiendrama geschaffen, das sich dem Leben und Schaffen des englischen Malers William Turner widmet, voller Ironie, aber auch Achtung und Respekt vor der Sensibilität des Künstlers und den erschwerten Lebensumständen der Menschen im 19. Jahrhundert.

Turner wird als eine Art „menschliches Schwein“ portraitiert, im besten Sinne des Wortes. Ein hochsensibler Mann voller Empathie und der Fähigkeit das Schöne zu erfahren, bleibt er aufgrund seiner schweratmenden Körperlichkeit und seinem Heisshunger nach Schweineköpfen doch immer dem allzu Irdischen verhaftet. So wie das Licht in Turners Bildern durch die dunklen Wolkenmassen dringt, so bricht die innere Schönheit des Künstlers, seine Empathie, immer wieder durch die schwere Materie seiner ruppigen Körperlichkeit, sei es im Mitgefühl für einen geschundenen Esel oder die versklavten Afrikaner auf den Sklavenschiffen der Engländer.

Quelle: YouTube

Ich für meinen Teil denke, das Erhabene wird nur dann für die Betrachter erfahrbar, wenn es sich aus der brutalen Realität menschlicher Existenz herausentwickelt. Das Ringen darum ist ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen Tragödie. Okris Text, so mein Eindruck, fußt in einem Konzept aber nicht in der Erfahrung selbst, deshalb hat mich die Story bis auf zwei Ausnahmen recht kalt gelassen. Mike Leighs Film ist über weite Strecken ungeschminkt realistisch (z.B. isst man Schweinsköpfe oder lehnt in grunzender Kopulation am Bücherregal), umso ergreifender sind dann aber die wenigen Momente des Lichts und die musikalisch dicht untermalten Szenen, die sich der Suche nach dem Licht widmen. Die schönste Szene ist und bleibt diejenige, in der Turner in ganzer Ergriffenheit, am Klavier begleitet, Didos Klagelied „When I am Laid in Earth“ aus Purcells Oper „Dido und Aeneas“ grunzt. Da suhlt man sich in der ganzen Schönheit dieser Kunst.

——-

  1. Ben Okri: von Metsavend (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons
  2. alle anderen Bilder by almathun

 

1979: DORIS LESSING – Canopus im Argos: Archive; Betr.: Kolonisierter Planet 5; SHIKASTA; Persönliche, psychologische und historische Dokumente zum Besuch von JOHOR (George Sherban); Abgesandter (Grad 9); 87. der Periode der Letzten Tage

1979: DORIS LESSING – Canopus im Argos: Archive; Betr.: Kolonisierter Planet 5; SHIKASTA; Persönliche, psychologische und historische Dokumente zum Besuch von JOHOR (George Sherban); Abgesandter (Grad 9); 87. der Periode der Letzten Tage

Auszüge aus: BEMERKUNGEN der Bloggerin Almathun über den Roman SHIKASTA von Doris Lessing (1979). LEITFADEN FÜR LESENDE DES ROMANS IN VERGANGENHEIT, GEGENWART UND ZUKUNFT

Mir liegt die deutsche Erstauflage des Fischer Verlags von 1983 vor. WIN_20151107_210239

Doris Lessings erster Science Fiction Roman von 1979 ist nichts Geringeres als eine Weltchronik der Menschheit aus der Perspektive einer wohlwollenden und vernünftigen Intelligenz, die ihr Machtzentrum auf dem Planeten Canopus im Argos hat. Lessing war so begeistert von diesem Konzept, dass innerhalb weniger Jahre vier weitere Bände dieser Serie erschienen. Auf die so entstandene Canopus-Pentalogie war sie immer besonders stolz und bezeichnete sie als ihre wichtigste Errungenschaft.

1977 war das Sternenepos Star Wars in den amerikanischen Kinos angelaufen. Die Zeichen standen auf großangelegte, mehrteilige Epen, die in die unendlichen Weiten des Universums verlegt wurden und dabei in alttestamentarischer Manier den Kampf von Gut gegen Böse neu aufzuwärmen verstanden. Mit Prinzessin Leia ist hier erstmals eine starke, mit Laserpistolen herumfuchtelnde, freche Frau im Weltall unterwegs. Über die Frisur werde ich mich jetzt nicht auslassen.

Jean-Francois Lyotard

1979, fast zeitgleich mit Shikasta, veröffentlicht Jean-Francois Lyotard seine wegweisende Studie „Das postmoderne Wissen“, in welcher er „Das Ende der großen Erzählungen“ postuliert. Meta-Erzählungen oder Mythen, die bestehende Machtstrukturen legitimierten, indem sie die Erfahrung der Machtlosen ausklammerten oder verzerrten, hätten an Bedeutung verloren.

[Es gibt sie in allen Religionen (Patriarchat), dem Marxismus, der konventionellen Geschichtsschreibung oder in Propagandafilmen à la Hollywood. In der Populärkultur feiert die Meta-Erzählung weiterhin fröhliche Urstände. Bloggerin Almathun]

WEITERE ERLÄUTERUNGEN aus dem Lesetagebuch von Almathun: Ausgewählte Materialien

Shikasta nun, um Himmels willen, ist all dies zusammen. Auf den ersten 200 Seiten wird reichlich zäh und ermüdend die Vorgeschichte der Menschheit auf dem Planeten Rohanda (= die Blühende), später, nach einer kosmischen Katastrophe Shikasta (= die Verletzte) genannt, nachgezeichnet. Frei nach Erich von Däniken sind die Menschen ein Experiment der Canopäer zum Zwecke der Kolonisierung des Planeten.

Dieser erste Teil ist langatmig wie Geschichten aus der Bibel oder andere religiöse Mythen. Berichte des canopäischen Emissärs Johor vermischen sich dabei mit Auszügen aus einem fiktiven Geschichtsbuch zur Entwicklung Shikastas, Band 3012, für Erstsemester des Faches „Canopäische Kolonialherrschaft“ geschrieben, und weiteren Materialien. Schon hier wird der fragmentarische Erzählstil des Romans eingeführt, der zum Ende hin die konventionelle Erzählstruktur komplett aufbricht.

Diesen ersten Teil des Buches habe ich nur mit äußerster Mühe und Not durchgestanden, so öde war das alles. Die Erzählerfigur Johor, ein (unbeabsichtigt?) moralisierender Spießer mit paternalistischen Zügen, trägt ihr Übriges dazu bei.

In diesem korrupten und schrecklichen Zeitalter konnte der junge Mann dem Druck von allen Seiten, der ihn vom Pfad der Pflicht abzubringen versuchte, nicht entgehen, und er erlag ihm schließlich, kaum fünfundzwanzig Jahre alt. Er war sich bewusst, dass er etwas Schlimmes tat. Junge Menschen haben oft Augenblicke gedanklicher Klarheit, die mit zunehmendem Alter seltener und verschwommener werden.

Die allwissende Erzählperspektive, auch wenn sie als Ich-Erzählung aufgezogen ist, fordert ihren Tribut. Zuviel telling, zu wenig showing. Das ist auch der Grund, weshalb die alten Klassiker so schwer zu lesen sind. Unsere postmodernen Gehirnstrukturen halten diesen Meta-Einheitsbrei einfach nicht mehr aus.

ALMATHUN fährt fort

Aber, dem Himmel sei Dank, habe ich den Roman doch weitergelesen. Je mehr sich die Geschichte dem 20. Jahrhundert nähert, desto zusammenhangloser wird die Struktur (Briefe und Tagebucheinträge unterschiedlicher Shikastianer wechseln sich fröhlich ab) und desto realistischer und sozialkritischer wird die Darstellung des Geschehens.

Es scheint, als wolle Lessing in ihrem Roman u.a. die Entwicklung der Historiographie auf formaler Ebene nachzeichnen [Fußnote 1], da die neuere Geschichtsschreibung auch auf eine vielseitigere Quellenlage rekurrieren und somit eben bislang ungehörte Stimmen aufgreifen kann, die in den großen Erzählungen der Vergangenheit keinen Platz fanden. Im Roman wird die subjektive Konstruktion von Geschichte aus einzelnen Puzzleteilen deutlich vor Augen geführt.

WIN_20151108_085733
Die letzte Seite des Berichts zur 87. Periode der Letzten Tage. (Eintritt in die Menopause?)

Damit zeichnet sie in der narrativen Struktur des Romans die Ontogenese der Historiographie nach, so wie Joyce es im Ulysses auf der sprachlichen Ebene für die Entwicklungsgeschichte der englischen Sprache getan hat. Lessing konnte die Digitalisierung des Wissens nicht voraussehen, deshalb bleibt der Roman auch in seiner Schilderung des Dritten Weltkrieges und der anschließenden Verurteilung der weißen Rasse bei Tagebucheinträgen und Briefwechseln als fiktives Quellenmaterial stehen. Hier hätte ich mir dann doch etwas mehr Experimentierfreude gewünscht, wie z.B. ein paar VHS-Kassetten in dem Literaturverzeichnis für Studierende ganz am Ende des Romans.

ALMATHUN berichtet weiter

Innerhalb dieser großen Meta-Erzählung zur Geschichte der Menschheit auf Shikasta verfolgt Lessing ein weiteres Großprojekt. Waren die alten Mythen vor allem Ausdruck patriarchalischen Herrschaftsverständnisses und Interpretation der Welt in diesem Sinne, in der die weibliche Erfahrung und die anderer unterdrückter Gruppen ausgeklammert wurde, gewinnen sie in Shikasta endlich an Geltung, eingebettet in eine ebensolche große, mächtige und sinnstiftende Erzählung.

In den Tagebucheinträgen von Rachel Sherban schreibt sich eine ganz persönlich gehaltene, weibliche Stimme in den Roman ein, in der Schilderung des Prozesses gegen die weiße Rasse am Ende des Romans, kommen die unterdrückten Völker der Erde in ihrer Anklage zu Wort. Interessanterweise wird hierfür eine neue Figur eingeführt, ein Chinese, Genosse Chen Liu, Spion der stärksten Nation am Ende des 20. Jahrhunderts. Seine systemkonformen Berichte an den Rat in Peking werden parallel durch seine Privatkorrespondenz mit einem Freund, in der er sich vor allem systemkritisch äußert, wieder relativiert.

In Shikasta finden sich nicht nur Anleihen aus den ersten Schriften über die menschliche Frühgeschichte wieder, sondern auch Elemente aus der in den 70er Jahren aktuellen Populärkultur. Die 3er-Konstellation von Prinzessin Leia, Luke Skywalker und Han Solo in Star Wars zeigt auffällige Parallelen zum Gespann des Geschwistertrios Rachel, Benjamin und George Sherban. In einer Szene tritt sogar ein haariges Chewbacca-artiges Fellwesen auf, das nur jaulend kommuniziert und Johor tatkräftig zur Seite steht.

Wie um zu beweisen, dass sie ganz bestimmt keine Feministin ist, denn das hat die Lessing immer strikt von sich gewiesen, lässt sie die weibliche Erzählstimme Rachel Sherban kurz vor dem Ende Selbstmord begehen. Sie hatte sich den Anweisungen ihres Bruders George widersetzt. Das letzte Wort haben wieder die männlichen Shikaster, die jungen Müttern zu ihren neu geborenen Söhnen gratulieren. Die Mütter wünschen sich keine Töchter, freuen sich ganz offensichtlich mehr über Jungen. Dies hinterlässt in der allgemeinen Freude über die letztendlich geglückte Utopie friedlichen Beisammenseins am Ende des Romans einen widerlichen Nachgeschmack und wirft berechtigte Zweifel an der Glaubwürdigkeit des gesamten Kolonialberichtes sowie der Fortschrittlichkeit der Kolonialmacht Canopus auf.

WIN_20151108_085745Der Roman hat mich phasenweise wirklich begeistert, vor allem zum Ende hin wurde er richtig poetisch und auch ergreifend. Davon hätte ich mir mehr gewünscht. Hauptdarsteller ist jedoch die auffällige Struktur des Buches, die noch während der Lektüre den Denkprozess in Wallung bringt und über die etwas ambivalente, fragwürdige Ideologie der Geschichte hinwegtröstet, denn gerettet werden die Menschen vor den bösen Energien des Planeten Shammat ausschließlich von männlichen Figuren. Kein Abgesandter kommt auf die Idee, sich als Frau zu reinkarnieren. Der Roman zelebriert eine erzkonservative Gesinnung im postmodernen Gewand, gespickt mit sozialkritischem Realismus und Anleihen an den Marxismus. Weniger ist manchmal mehr, Frau Lessing.

Hoch anrechnen muss man der Autorin, dass es ihr gelingt die humanen Grundwerte unserer Zivilisation gegen die Tendenzen der postmodernen Auflösung zu verteidigen. In welchem Verhältnis muss das Individuum zur Gemeinschaft stehen, um ein friedfertiges und effektives Zusammenleben zu gewährleisten? Ihre Dystopie verwandelt sich am Ende in eine Utopie, weil die Menschen ein Ideal vermittelt bekommen, einen Soll-Zustand, an dem sie sich orientieren können. Sie zeigt, dass ein wünschenswertes Bild einer Zukunft konstruiert und über kulturelle Rituale die Erinnerung daran gepflegt werden muss. Bildung und Erziehung, zum Erwerb und der Pflege der Kulturtechniken, auch Empathie gehört dazu, sind der Motor des sozialen Wandels.

Somit enthält der Roman auch eine immer noch aktuelle Kritik am Ist-Zustand der Hier & Jetzt-Ideologie des Kapitalismus, die die Notwendigkeit des totalen Konsums zur beglückenden, ego-geleiteten Bedürfnisbefriedigung als quasi-religiösen Utopieersatz einfordert.

Ob ich jedoch die anderen vier Teile der Canopus-Pentalogie lesen werde, steht noch in den Sternen.

Fußnote 1: Mir ist nicht bekannt, ob diese Idee bereits an anderer Stelle entwickelt wurde, würde mich über Literaturhinweise diesbzgl. freuen, falls dies so sein sollte.

Bilder:

  1. Lyotard: Bracha L. Ettinger [CC BY-SA 2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)%5D, via Wikimedia Commons
  2. Foto vom Buchumschlag und der letzten Seite sowie der Pilzwiese: Almathun

[ESPRESSOMASCHINE] One of a Kind – JULIAN BARNES (1982)

[ESPRESSOMASCHINE] One of a Kind – JULIAN BARNES (1982)

ESPRESSOMASCHINE TEIL 3

Julian Barnes‘ Kurzgeschichte „One of a Kind“ (1982)

One of a kind“ heißt übersetzt „Unikat“ oder „einzigartig“, kann aber auch „eins von jeder Art“ heißen, wie bei Noah in der Arche. Der Titel ist ironisch gemeint. Es geht um die Unmöglichkeit des individuellen, künstlerischen Ausdrucks in der Diktatur, das kommunistische Rumänien unter Ceausescu.

Rumänien (rot)

Julian Barnes 7-seitige Kurzgeschichte hat drei Teile. Im ersten Teil lernt man den Ich-Erzähler, einen englischen Schriftsteller, kennen. Auf einer Party kommt er mit einem rumänischen Exilanten und Regimekritiker, dem Autor Marian Tiriac, ins Gespräch.

Den Engländer interessiert vor allem die Frage nach der Aufgabe des Schriftstellers in der Diktatur. Seine direkten Fragen verärgern Tiriac. Es braucht mehrere Anläufe bis der Rumäne gesprächiger wird.

Der Engländer hat zu diesem Zweck eine politisch unverfänglichere Theorie entwickelt, wonach Rumänien eines jener Länder sei, das in jedem Bereich des kulturellen Lebens immer nur einen bedeutenden Künstler hervorgebracht habe, wie z.B. Brancusi in der Bildhauerei oder Ionescu als Bühnenautor.

‚You forget poetry,‘ he said. ‚Eminescu.‘ …. ‚And tennis – Nastase.‘

Another nod, was he sending me up?

‚And party leadership – Ceausescu.‘

Now he was. ‚What about novelists?‘ I persisted. ‚Is there one I should have heard of?‘

‚No,‘ he replied, with a doleful shake of the head. ‚There are none. We have no novelists.‘

Damit ist das Gespräch erst einmal beendet. Im zweiten Teil der Geschichte befindet sich der Erzähler auf einer Konferenz junger Autoren in Bukarest. Auch hier wird er enttäuscht; Ideologie bestimmt das Programm:

The occasion was as pleasant as it was pointless – I listened to dozens of vague if well-intentioned speeches about the duty of the writer towards mankind.

Schaufenster eines Buchladens mit Werken Ceaucescus in Bukarest, 1983.

Bei einem Rundgang entdeckt der Erzähler einen Buchladen an einem zentral gelegenen Platz der Stadt. Im Schaufenster liegen aufgestapelt unzählige Exemplare eines einzigen Romans aus. Der Autor ist ein Nicolai Petrescu. Ein Foto des Autors zeigt einen alten Mann.

Im dritten Teil trifft der Erzähler erneut auf Tiriac und erkundigt sich nach Nicolai Petrescu. Tiriac will über Petrescu erzählen, fordert den Erzähler aber auf, ihm nicht jedes Wort zu glauben. Es scheint, als hielte er den Engländer für recht naiv, wolle ihm aber auf die Sprünge helfen.

Es ist die Geschichte zweier gleichaltriger, junger Männer, Tiriac und Petrescu, die nach dem Zweiten Weltkrieg den Regimewechsel unter der Ägide der UdSSR miterlebten, aber, da sie der Mittelschicht und nicht der Arbeiterklasse entstammten, Probleme hatten, als Schriftsteller akzeptiert zu werden.

Der ahnungslose Engländer findet seine eigene Erklärung für den auffälligen Altersunterschied der beiden Männer.

I thought how much better he had aged than Petrescu. Tiriac looked to be in his mid-forties; Petrescu could have been over sixty from his photo.

Bukarest, 1986.

Tiriac habe sich für das Exil entschieden und Petrescu für eine List, indem er für das neue Regime DEN großen, sozialismustauglichen Roman mit dem Titel „The Wedding Cake“ schrieb. Ziel sei es gewesen, dieses Einzelwerk über die Zeiten wirken zu lassen und nichts mehr hinzuzufügen, keinen neuen Roman, um damit Fragen und Scham gleichermaßen zu provozieren.

Der Engländer kann sich jedoch an keinen Titel namens „The Wedding Cake“ erinnern. Im Schaufenster habe ein anderer Roman Petrescus gelegen.

Nach einer langen Pause, die der Engländer so deutet, dass Tiriac enttäuscht von Petrescu sei, da dieser doch weitere Romane geschrieben habe, bestätigt Tiriac die anfängliche Theorie des Erzählers über Rumänien.

Another piece of evidence for your Romanian theory. Another single bloom. One great ironist – Petrescu.

[…] I gave him my most agreeing smile.

Die Geschichte gibt Rätsel auf. Ironie spielt eine große Rolle. Sie ist eine Maske, ein Überlebensprinzip in der Diktatur, hinter der sich der systemkritische Autor verstecken kann.

…. irony is not a mode with which the committee were too familiar.

Wie bei einer Matroschka-Figur enthält die Kurzgeschichte als Rahmenhandlung zwei kleinere Erzählungen. Die Geschichte Petrescus wird von Tiriac erzählt, und Tiriacs Geschichte vom Erzähler. Ironie sei ein Trojanisches Pferd, so Tiriac über das Buch Petrescus.

Der Erzähler befindet sich auf der Suche nach der Wahrheit. Er möchte einen Blick hinter die Fassade der Diktatur werfen, stößt dabei aber nur auf weitere Geschichten, die zwar unterhaltsam aber unglaubwürdig wie ein Hollywood-Drehbuch anmuten. Auch fehlt ihm noch das nötige Fingerspitzengefühl, um das Gegenüber zu „öffnen“.

Im Zusammenspiel mit dem Exilanten Marian Tiriac entsteht ein Balanceakt zwischen Vertrauen und Wachsamkeit, Naivität und Misstrauen, der einen in seinen Bann zieht und Fragen nach der Glaubwürdigkeit des Erzählers aufwirft. Der Plauderton, in welchem die Geschichte gehalten ist, trägt sein Übriges zu diesem Eindruck bei.

DSC_0042 (3)
Grimmiger Kater (anstelle eines Autorenporträts), 2015.

Barnes verdeutlicht die Schwierigkeiten, sich in einem Klima von Misstrauen authentisch näher zu kommen, da sich die Konstruktion von Identität und Geschichte im Kampf der Ideologien nicht nur auf der nationalen sondern auch der zwischenmenschlichen Ebene abspielt.

Hierbei zeigt er sich sensibel für die Lage der Exilanten aus den osteuropäischen Ländern, die ein Gespür für die ideologisch verzerrten Erzählmuster beider Seiten, Ost und West, hatten und sich ihrer bedienen konnten bzw. mussten.

Inwiefern das postmoderne Konzept des unglaubwürdigen Erzählers noch heute, Anfang des 21. Jahrhunderts, in der Gegenwartsliteratur präsent ist, weiß ich nicht. Sind wir dahingehend schon wieder desensibilisiert?

Eine Kurzgeschichte, die zu vielen Spekulationen anregt und einen nach der Lektüre noch lange beschäftigen kann. Thumbs Up!

***

Espressomaschine 1: Carson McCullers „Art and Mr. Mahoney

Espressomaschine 2: Katherine Mansfield „Germans At Meat“

—–

Bilder:

  1. Beitragsbild: almathun
  2. Karte Rumänien in Europa: David Liuzzo [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, via Wikimedia Commons
  3. Buchladen Schaufenster Bukarest: By Scott Edelman [Public domain], via Wikimedia Commons
  4. Bukarest, 1986: By Scott Edelman [Public domain], via Wikimedia Commons
  5. Kater, 2015: almathun.

ALZHEIMER & CO. / Iris: A Memoir – John Bayley (1998)

ALZHEIMER & CO. / Iris: A Memoir – John Bayley (1998)

DSC_0039Ist Iris Murdoch (1919-1999) heutzutage nur noch wegen ihrer Alzheimer Erkrankung ein Thema? Ich hatte ihren ersten Roman „Under the Net eher teilnahmslos gelesen, trotzdem fasziniert mich da etwas. Ist es das Wissen um ihre Biographie oder sind es doch die untergründig fortwirkenden Texte einer bedeutenden Schriftstellerin?

In den 80er Jahren, als man unter dem Druck gesellschaftlicher Veränderungen in Deutschland endlich anfing, vermehrt Literatur von Frauen auf den Markt zu bringen, wie bei Herbststeib schön nachzulesen, entdeckte man auch die Anglo-Irin Iris Murdoch als eine Stimme, die sich nicht so recht in die gängigen Klischees des „ewig Weiblichen“ einordnen ließ und die trotzdem gesellschaftliche Anerkennung erfahren hatte.

Es ging – vermute ich mal – um alternative Rollenvorbilder, weniger um die Romane selbst. Ich selbst war zu jener Zeit noch ein Kind, von meiner Mutter in stabile Cordhosen und praktische Gelee-Sandalen zum Herumtoben gesteckt, und kann es nicht wirklich beurteilen.

Was an Iris Murdoch überhaupt noch interessiert: Werk oder Biographie, fragte ich mich auch bei der Lektüre von Jonathan Franzens aktuellem Roman „Purity“. Der Name Iris Murdoch taucht hier zweimal auf. Die Mutter von Andreas Wolf, dem sexsüchtigen Ostdeutschen und späteren Internet-Leaker, ist Anglistikprofessorin in der DDR, ihr Mann ein einflussreicher Parteifunktionär. Sie ist von Murdoch begeistert und frohlockt, als im Regal ihres Sohnemanns Iris Murdoch entdeckt.

„You have books I’d like to borrow,“ she said, moving to his shelves. „It does my heart good to see how many of them are English.“ She pulled a title off a shelf. „Do you admire Iris Murdoch as much as I do?“

Iris Murdoch war in ihren jungen Jahren Kommunistin. 1987 ließ sie sich von der Queen zur Dame Commander of the Order of the British Empire erheben. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Eine Frage, die ich Jonathan Franzen nach der Lesung in Hamburg gerne gestellt hätte, aber leider unwirsch davon abgehalten wurde, wäre die nach Iris Murdoch gewesen. Franzens Vater hatte Alzheimer (My Father’s Brain) wie Murdoch. Pip, die sympathische Protagonistin aus  „Purity“ kann, wie auch ihre Mutter Anabel, hervorragend riechen. Anders Iris Murdoch, die, wie wir von ihrem Mann John Bayley in „Iris: A Memoir“ erfahren, keinen Geruchssinn hatte, wie es bei Alzheimer und Demenz nicht selten vorkommen kann, aber das scheint Bayley nicht bewusst gewesen zu sein.

Either sex may or may not be able to feel the pleasure or pain of other persons, just as either sex can possess or lack a sense of smell. Iris, as it happens, has no sense of smell, and her awareness of others is transcendental rather than physical.

Der Bezug zu Iris Murdoch wird bei Franzen als Mittel der Charakterisierung zweier eher unsympathischer Figuren verwendet. Die linientreue Anglistikprofessorin und ihr mordender Sohn sind nach der Wende in der Lage, ihre Vergangenheit erfolgreich zu vertuschen. Die Vorliebe für Murdoch ist hier Ausdruck einer Affinität für Personen, die sich aufgrund einer Alzheimer-Erkrankung nicht mehr ihrer Vergangenheit stellen müssen. Für die Wolfs gibt es jedoch keine „Erlösung„. Beide müssen sich zeitlebens an ihre Vergangenheit erinnern, zerbrechen letztendlich daran. Ohne es von Herrn Franzen selbst gehört zu haben, vermute ich, dass er bei der Erwähnung von Iris Murdoch v.a. die Alzheimer-Erkrankung im Hinterkopf hatte.

Während sich Franzen des Namens Murdoch in symbolhafter Weise bedient, erfährt man in John Bayleys Biographie mehr über den Menschen Murdoch, über ihre Ehe, ihr berufliches und gesellschaftliches Leben in Oxford in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, über die Familie.

Die beiden waren 43 Jahre verheiratet, bis Murdoch 1999 79-jährig verstarb. Der um einige Jahre jüngere Bayley, Literaturprofessor in Oxford, überlebte sie um 16 Jahre, und starb im Januar diesen Jahres. Zwei Bücher hat er über seine Zeit mit Iris Murdoch geschrieben.

DSC_0039Wie es so kommt, eigentlich wollte ich von oder über Iris Murdoch erst einmal nichts mehr lesen, aber dann entdeckte ich dieses Exemplar in der Grabbelkiste des hiesigen Schmuddelantiquariats und griff beherzt zu. Den Film „Iris“ aus dem Jahr 2001, der auf den Schilderungen Bayleys beruht, kann ich leider nicht empfehlen. Kate Winslet als die junge Murdoch ergeht sich zu oft in ihrem antrainierten, viel zu breiten Hollywood-Lächeln. Da kann auch die letztendlich ahistorische Kurzhaarfrisur mit angeföntem, jungenhaftem Strubbeleffekt nichts mehr retten. Erinnerungen an Mel Gibsons Frisur in „Braveheart“ kommen wieder hoch und verderben einem wirklich alles. Schöner und treffender sind da die Beschreibungen Bayleys:

She was looking both absent and displeased. Maybe because of the weather, which was damp and drizzly. Maybe because her bicycle was old and creaky and hard to propel. Maybe because she hadn’t yet met me? Her head was down, as if she were driving on thoughtfully towards some goal, whether emotional or intellectual. I remember a friend saying playfully, perhaps a little maliciously, after she first met Iris: „She is like a little bull.“

In dem, wie ich finde, passenden Bild eines „kleinen Bullen“ erkennt man die Murdoch sofort. Sie entsprach nie den gängigen Vorstellungen eines Vorzeige-„girls“, so Bayley, sondern war halt nur sie selbst, völlig unbeeindruckt vom Geschlechtergeplänkel ihrer Umwelt. Bayley ist nicht der erste, der hervorhebt, dass der Geist des Menschen geschlechtslos ist, und Iris Murdoch war definitiv ein in ihren Studien der Philosophie aufgehendes, vergeistigtes Wesen. Wichtig war es ihr verliebt zu sein. Sex hatte sie auch, aber das lief halt nebenher.

[…] she had remarked with brisk indulgence „Perhaps it’s time we made love,“ and she had shown me how. […] she was much too busy and interested in other things to make a habit of it, so to speak.

Dennoch war in den Augen John Bayleys anscheinend die ganze Welt in seine Iris verliebt. Ob dies tatsächlich so war, wollen wir nicht in Frage stellen, charmant und liebenswert wie seine Schilderungen ihrer Beziehung sind. Ganz Oxford, Männer sowie Frauen, lagen ihr verliebt zu Füßen, u.a. auch der Altphilologe Professor Eduard Fränkel, mit dem Murdoch, zur großen Beunruhigung Bayleys, in trauter Zweisamkeit altgriechische Texte übersetzte:

She had already told me how fond she had been of Fraenkel, both fond and reverential. In those days there had seemed to her nothing odd or alarming when he caressed her affectionately as they sat side by side over a text, sometimes half an hour over the exact interpretation of a word […] That there was anything dangerous or degrading in his behaviour, which would nowadays constitute a shocking example of sexual harassment, never occured to her. In fact her tutor at Somerville College, Isobel Henderson, had said with a smile when she sent Iris along to the professor, „I expect he’ll paw you about a bit.“

Diese Beschreibung lässt die Berichte von Murdochs angeblich sexuellen Freizügigkeiten in einem anderen Lichte erscheinen. Es bleibt unklar, inwieweit sie selbstbestimmt war oder meinte, sich den Gepflogenheiten des Oxforder Lehrbetriebs anpassen zu müssen. Sue Bridehead, die Heldin in Thomas HardysJude the Obscure„, springt aus dem Fenster, als sich ihr der alte Schulmeister Phillotson in der Hochzeitsnacht nähert. Ich fand Hardy in seiner Darstellung weiblicher Gefühlswelten schon immer sehr realistisch.

Bayleys Biographie liest sich ratzfatz durch. Da ist jemand, der sich klar undDSC_0047 deutlich verständlich machen kann und trotzdem die feinen Nuancen einfängt. Aus einem angenehm selbstironischen Blickwinkel erzählt er von seiner Zeit mit Murdoch, schafft es gleichzeitig, einen ernsteren Ton anzuschlagen, wenn es um die Erfahrungen mit der Alzheimerkrankheit geht. Dabei schreibt er  nicht chronologisch. Bei der Abfassung des Buches lebte Murdoch noch, war aber bereits schwer erkrankt. Bayley fungiert hier als ihr Gedächtnis, um die gemeinsam verbrachte Zeit und die wertvollen Erfahrungen, vor dem Nichts der Alzheimerkrankheit zu retten.

Ich muss zugeben, ich finde Murdochs Leben immer noch spannender als das, was ich von ihr selbst gelesen habe. Vielleicht übersehe ich etwas ganz Wesentliches, mag sein. Meine Ausgangsfrage hat sich damit allerdings nicht beantwortet, dennoch gibt es Anzeichen dafür, dass sie in den letzten Jahrzehnten v.a. wegen ihrer Alzheimer-Erkrankung in Erinnerung geblieben ist, nicht wegen ihres Lebenswerks. John Bayleys Memoiren und der Film „Iris“ haben zu dieser Entwicklung beigetragen.