Krähengekrächz – Monika Maron (2016)

Krähengekrächz – Monika Maron (2016)

Ein Schwarm von etwa 300 Rabenkrähen saß letzte Woche in den Kronen dreier Bäume am Bahnhof. Ein lautes Gekrächz war das. Es dunkelte bereits, und als ich mich zu Fuß Richtung Innenstadt aufmachte, flogen zwei Krähen neben mir her. Zuhause angekommen setzten sie sich in den Baum vor dem Fenster. Als ich hinausschaute, sah ich im Abstand von etwa 15 Sekunden immer neue Krähen hinzukommen. Sie stimmten ein lautes Gegackere an. Als es ganz dunkel geworden war, hörte man nichts mehr. Am nächsten Tag waren sie fort.

Auf der Suche nach den letzten, eiligen Weihnachtsgeschenken im Buchladen, fiel mir gestern Monika Marons 64-seitige Erzählung „Krähengekrächz“ in die Hände. Mir ist aufgefallen, dass ich fast nur noch Bücher lese, die die Beziehung zwischen Mensch und Tier, insbesondere unseren gefiederten Freunden, in den Mittelpunkt stellen. Ob dies ein Franzen-Effekt oder auf meine Erfahrungen mit zwei Wanderfalken zurückzuführen ist, die letztes Jahr ebenfalls vor meinem Fenster Rast machten (s. peregrinus), ist mir noch nicht ganz klar geworden.

Mir ist auch aufgefallen, dass viele Neuerscheinungen Vögel auf dem Buchcover zeigen. Hier würde ich von einem ganz deutlichen Franzen-Effekt sprechen: Vögel in der Literatur = Jonathan Franzen = Qualitätsware = viele interessierte Käufer. So sieht wahrscheinlich die Marketingstrategie aus. Eulen sind ja auch wieder in. Der Waldkauz ist sogar zum Vogel des Jahres 2017 ernannt worden. Ich denke, da geht noch mehr.

Mir gefällt diese Entwicklung. Zur Zeit kann ich Bücher nicht mehr lesen, die zwischenmenschliche Beziehungen zum Thema haben. Man hat das Gefühl, es sei alles schon mal dagewesen, bis ins kleinste Detail der Irrungen und Wirrungen ausgelotet, und das Gros der Menschheit hat trotz allem nichts dazugelernt, wird immer dümmer und verroht sogar. Es langweilt mich, da ist eindeutig die Luft raus. Wer stattdessen einem Tier ins Auge schaut, blickt in die Seele des Menschen. Dieser Ansatz der menschlichen Selbsterkenntnis reizt mich viel mehr.

Krähen, so lernt man als erstes in Monika Marons Erzählung, können ihr Spiegelbild und sogar menschliche Gesichter erkennen. Dies ist ein Grund, warum sie als besonders intelligente Lebewesen gelten.

Die Autorin recherchiert für einen neuen Roman und bleibt bei den faszinierenden Krähen hängen. In ihrem Stadtteil in Berlin trifft sie auf mehrere Exemplare, füttert sie, studiert ihr Verhalten, und kann sie sogar, zum Leidwesen ihres Hundes und einer hysterischen Nachbarin, über den Balkon in ihre Wohnung locken. Dass die Krähen schon immer Begleiter des Menschen waren, zeigt sich in ihrer Darstellung in der Literatur, beginnend bei Hugin und Munin über die Droste bis zu Philip Roth, um nur wenige zu nennen, die Monika Maron in einzelnen Beispielen nachzeichnet und vor der Leserin ausbreitet.

Fasziniert ist sie vor allem von dem Gedanken, dass die Tiere seit Beginn der Menschheitsgeschichte die ständigen Gefährten und Beobachter der Menschen gewesen sind, ihre ersten aufrechten Schritte miterlebt haben bis hin zu den millionenfachen Massenmorden der neueren Zeitrechnung. Im Laufe der Geschichte hat sich der Mensch von seinem ehemaligen Gefährten getrennt, den alten Freund sogar zur Hassfigur stilisiert und zum Abschuss freigegeben. Es ist die Wiederbegegnung mit diesen Tieren, die lang verschüttete Erfahrungen im Menschen freilegen. Die Autorin bemerkt im Kontakt mit den Krähen ein gesteigertes Interesse und einen Schub freudiger Erwartung während der Hundespaziergänge.

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Wie den Rabenvögeln so erging es auch dem Wolf im Kontakt mit dem Menschen, der in den letzten Jahren in Deutschland ein zaghaftes Comeback erlebt hat, welches leider auf überbordende irrationale Ängste und völlig anachronistische Verhaltensweisen in der Bevölkerung und vor allem einer unbelehrbaren Jägerschaft gestoßen ist. Die alten Märchen wirken nach. Es ist immer noch der böse Wolf, der das Rotkäppchen und die bettlägrige Großmutter verschluckt und die Krähe, die den baldigen Tod ankündigt und währenddessen Leichen frisst, bevorzugt die von Soldaten auf dem Schlachtfeld. Wenn wir uns klarmachen könnten, dass diese Ängste die Erfahrungen der Opfer, unserer vormals engsten Gefährten, waren, die wir unbewusst übernommen und über die Mythen und Märchen an folgende Generationen „weiterverbt“ haben, dann wären wir schon einen wichtigen Schritt weiter. Diese Geschichten haben die Täter zu Opfern und die Opfer zu Tätern gemacht. Unsere Angst soll uns vor unseren Schuldgefühlen bewahren. Deshalb müssen wir die schlechten Verhaltensweisen wieder auf die Tiere projizieren. Vielleicht hat sich der Mensch in den (Hungers-)Nöten der Geschichte nicht anders verhalten als das von ihm beobachtete Tier. Auch das muss in Betracht gezogen werden.

Nur durch neue Erfahrungen können die alten Projektionen aufgelockert werden. Der Mensch könnte etwas Neues daraus lernen, auch über sich selbst, aber daraus wird nichts, wenn der Wiederbegegnung mit Waffengewalt ein Riegel vorgeschoben wird.

Im Kontakt mit den Krähen setzt sich die Autorin auch mit ihrer eigenen Sterblichkeit auseinander. Sie vermutet, dass sich der Mensch im fortgeschrittenen Alter wieder seinem tierischen Anteil annähert. Sucht man die Versöhnung im letzten Moment? Ist es die Weisheit des Alters die ihresgleichen sucht? Eine klare Antwort bleibt aus. Sie fragt sich auch, warum sie in Filmen der Tod eines Tieres mehr anrührt als der eines Menschen, eine völlig normale Empfindung gegenüber dem schutzlosen, uns anvertrautem Geschöpf, die heutzutage von Gegnern der Tierrechtschutzbewegung, wie zum Beispiel Vertretern der Fleischindustrie, die jährlich allein in Deutschland 792 Mio. Tiere abschlachtet und nicht unwesentlich zur Verschlechterung der Wasserqualität und Verschärfung des Treibhauseffekts beiträgt, wie ein Verbrechen an der Menschheit gedeutet wird. Wer angesichts solcher Tatsachen eine vegetarische oder vegane Ernährungsweise nicht in Betracht zieht, sich stattdessen trotzig auf alte oder religiöse Traditionen beruft, der hat m.E. den Schuss noch nicht gehört.

Deshalb kann ich es auch nicht verstehen, dass Frau Maron die Krähen wiederkehrend mit Geflügelfleischwurst (vermutlich aus der Massentierhaltung) füttert, obwohl es Nüsse und Beeren auch tun würden. Mir fehlt hier der Schritt von der gedanklichen Auseinandersetzung, der Faszination, der Selbsterkenntnis, hin zur Verhaltensänderung, zur frischen Tat raus aus dem Morast bequemer Überzeugungen, der nicht nur individuelle und literarische sondern auch gesellschaftliche Gesichtspunkte miteinbezieht und die Konsequenzen des menschlichen Handelns, und wirkt es auf den ersten Blick auch noch so unbedeutend, auf diesem Planeten neu überdenkt.

Drücke ich bei der unsäglichen Geflügelfleischwurst noch einmal ein Auge zu, dann war Monika Marons Erzählung für mich trotzdem das perfekte Weihnachtspräsent. Ich habe ein Alter erreicht, in dem ich nicht mehr wertvolle Lebenszeit damit vergeuden möchte, belanglosen und womöglich noch grauenvoll geschriebenen Schund zu lesen.

Wer gut geschriebene und nachdenkliche Literatur sucht, die sich mit einem uralten aber wieder aktuellen Thema beschäftigt, das Verhältnis zwischen Mensch und Natur, wird in dieser Erzählung fündig werden.

Vögel im Kleinformat

Vögel im Kleinformat

Zwei kleinformatige Schmuckstücke aus dem hiesigen Antiquariat habe ich gestern im Umtausch gegen drei schlechte CDs erhalten.

Sie sind im Landbuchverlag in Hannover 1965 und -68 erschienen.

Das erste nennt sich „Vogelvolk im Garten“ und wurde von einem obskuren Autoren namens „Fortunatus“ verfasst. Auf etwa 140 kleinformatigen Seiten werden die in den 60er Jahren häufigsten Gartenvögel in Wort und Bild vorgestellt. Und ich betone in den 60er Jahren, denn einige der Arten wird man heutzutage (vergeblich) lange suchen müssen, wie z.B. den Wendehals oder den Distelfink, Vogel des Jahres 2016. Der Autor schreibt im Klappentext, er/sie habe 21 Vogelarten im Garten am Stadtrand gezählt. Ich bin heute auf gerade einmal fünf gekommen. Selbst für die Winterzeit ist das wenig. Es ist traurig. Es muss endlich Schluss sein mit dem ausufernden Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft. In acht von zehn Brötchen findet sich Glyphosat. Also auch der Mensch leidet, nicht nur die Tierwelt.

In kleineren Kapiteln werden insgesamt 35 Gartenvögel vorgestellt. Von jeder Vogelart gibt es ein Farbfoto. Und diese Fotos sind wirklich ein Augenschmaus. Warum? Eben weil es keine mit Photoshop aufgetakelten Digitalfotos sind. Die Farben wirken angenehm erdig und beruhigend, wenig kontrastreich, teilweise etwas über- oder unterbelichtet, aber weil sie so unaufgeregt daherkommen, die Farben nicht so aufdringlich sind, kann man sich besser auf das Motiv und seine natürlichen Eigenheiten konzentrieren und somit den Vogel später in der Natur besser wiedererkennen.

Auch die Beschreibungen der Vögel sind sehr charmant. So erfährt man über die Heckenbraunelle, dass sie

„ein bescheidener und zurückhaltender Vogel“ sei. „Die Hochzeit der Braunelle hat für uns etwas Rührendes an sich. Das Weibchen sitzt mit zitterenden Flügeln da, und das Männchen geht mit ebenso zitternden Flügeln um das Weibchen herum. […] Man muß freilich Glück haben, wenn man diesen Hochzeitstanz beobachten will. Die Braunelle liebt nun einmal die Stille und Heimlichkeit des Unterholzes und der Hecken.“

Wie in jedem guten Vogelbestimmungsbuch finden sich auch hier Beschreibungen der Vogelstimmen. Die Heckenbraunelle gibt ein „scharfes tsi tsi“ von sich. „Der Gesang ist ein eiliges, leises Zwitschern. Im Flug ein trillerndes dididi.“ Sehr schön.

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Das zweite Buch heißt „Der fliegende Edelstein“ von Walter von Sanden-Guja. Auf etwa 70 kleinformatigen Seiten wird der Jahreslauf eines Eisvogels geschildert. Stilistisch erinnert das an rührende Vorlesegeschichten der Kinderzeit mit einem leichten Hang zur Personifikation.

„Die Otter hatten eine ganz andere Zeiteinteilung. Sie verschliefen die Tagesstunden und fischten von der Abenddämmerung bis kurz nach Sonnenaufgang. […] Regelmäßige Gäste an dem Flusse der Eisvögel waren die ganzen Sommer hindurch die schwarzen Waldstörche. Sie hatten ihren Horst weit ab auf einer alten Esche in dem einsamen Bruch eines großen Waldes.“

Gibt es heutzutage überhaupt noch Bruchwälder? Wer weiß, was ein Bruchwald ist?

Die Schilderungen der Autoren zeugen von einer erhöhten Beobachtungsgabe und Aufmerksamkeit.

Man kann nur schützen, was man kennt. Deshalb sind diese Bücher so wichtig.

Der Schimmelreiter (1888)- Theodor Storm

Der Schimmelreiter (1888)- Theodor Storm

die_gartenlaube_28188729_b_597Heute wird’s persönlich. An Theodor Storms Novelle „Der Schimmelreiter“ hängen etliche Erinnerungen, flatternde Wimpel in einem Raum, der sich Vergangenheit nennt. Die väterliche Seite, kaisertreue Wilhelms und Elsen, Söhne, die’s zur Marine zog, schon früh nach achtern in die scharfe Sturmbö gehaltene Kindergesichter. Aus der Nähe zu Deich, Wasser- und Sturmgewalt verhohlener Familienstolz, als sei man gemeinsam mit dem preußisch-kaiserlichen Hohenzollerngeschlecht den peitschenden Fluten der Nordsee entstiegen.

Zufälligerweise hielt ich vor drei Tagen in einem seltenen Moment der WIN_20151205_124729Muße im hiesigen Antiquariat in L. die wohlgeratene Theodor-Storm-Ausgabe „Durch die Stille braust das Meer“ (2006) aus der „Bibliothek des Nordens“ von Hoffmann und Campe in Händen. Das maritim anmutende blaue Lesebändchen und die Worte Thomas Manns im einleitenden Aufsatze, der in seiner ironischen Art die „Urgewalt der Verbindung von Menschentragik und wildem Naturgeheimnis“ im Werke Storms hervorhebt, ließen mich nicht lange zaudern. Schon sah ich die grünen Deiche in meinem Geburtsort Wedel bei Hamburg vor mir, die vom kalten Wind hart gefrorenen und mit drahtiger Schafswolle durchzogenen Schafskötel, die herbe Marschlandschaft, in der der Mensch – vom hohen Deiche aus betrachtet – dem Aale gleicht.

1962, dem Jahr der großen Sturmflut, die uns vom Fernsehen nach dem Tode Helmut Schmidts wieder bildlich vor Augen geführt wurde, blieben die Wedeler, ganz anders als die Hamburger, vom Schlimmsten verschont. Es gab keine Todesopfer zu beklagen, wenn auch Sachschäden in Millionenhöhe. So kam es, dass meine Großeltern Helmut Schmidt zwar Anerkennung für seine Arbeit zollten, ihn aber nicht als einen heldenhaften Retter in der Not glorifizierten. Einen großen Eindruck schien die Sturmflut nicht auf sie gemacht zu haben. Nicht umsonst heißt die 1909 in Wedel eingemeindete Ortschaft „Spitzerdorf“ aus dem Friesischen übersetzt „Dorf der Deichbauer“.

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Weiße Angorakatze, 1761.

Als Grundschülerin in W. war ich dem Schimmelreiter vor mehr als dreißig Jahren begegnet. Damals hatte meine Klassenlehrerin Frau S., schon in jener Zeit weißschopfig, daraus vorgelesen, Lesebrille auf der Nasenspitze, ein Auge auf den Text, das andere streng auf die unruhige Kinderschar gerichtet. Die Szene mit dem armen, weißen Angorakater, der von Hauke Haien, dem späteren Deichgrafen, auf brutale Art und Weise abgemurkst wird, weil er einem Triebe folgend, diesem einen erjagten Wattvogel streitig machen wollte, hatte mich schon damals verstimmt. Frau S. schien sich nicht am Tode des Tieres zu stören. So fing ich an, nicht nur sie, sondern auch das Buch zu verachten. Hauke Haien war für mich kein Held, konnte er auch noch so tolle Deiche bauen. Später mussten wir für den nahenden Elternabend Bilder zur Geschichte malen. Ich versuchte mich an dem sagenumwobenen Pferdeskelett auf der Hallig Jeverssand, aber mit meinen beschränkten künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten konnte ich die entstandenen Bilder in meinem Kopf nicht aufs Papier bannen. So blieben sie denn unangetastet dort.

Nun, mehr als dreißig Jahre später, nahm ich die Novelle noch einmal zur Hand und flog durch die Geschichte wie die Möwen bei Windstärke 7 in Küstennähe auf ihrer Suche nach zähen Überresten verschmähter Fischbrötchen. Die zwei zu Beginn angedeuteten, unvollendeten Rahmenhandlungen verwirrten mich zunächst. Wo die Geschichte um den aufgeklärten Deichgrafen Hauke Haien ihren Ursprung hatte, wird vom Nebel der Vergangenheit verschluckt.

In einer stürmischen Nacht trifft der Erzähler auf eine Gruppe

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Deichbau (Künstler: Jens Rusch)

Deichbewohner in Nordfriesland. Trotz des Wetters meint einer der Anwesenden einen Mann mit flatterndem Gewande auf einem Schimmel reitend am Deiche gesehen zu haben. Es könne sich nur um den legendären, verstorbenen Deichgrafen Hauke Haien handeln. Der alte Schulmeister der Ortschaft klärt den Reisenden auf und erzählt ihm die Lebensgeschichte Hauke Haiens, des alten Deichgrafen.

Obwohl aus ärmlichen Verhältnissen stammend, bemüht sich Haukes Vater schon früh, seinen Sohn zu bilden. Hauke wird zu einem scharf beobachtenden Menschen, der die Technik der Landvermessung beherrscht und mehrere Sprachen spricht. Schon früh interessiert ihn die Frage, wie man die Deiche zum Schutze vor Sturmfluten verbessern könne. Er verachtet die Spukgeschichten und den Aberglauben der Dorfbewohner, wird so zum Außenseiter. Später dient er dem Deichgrafen als Kleinknecht, wird ihm unentbehrlich, und heiratet nach dessen Tode die kluge Tochter Elke. Durch die Ehe wird er zum neuen Deichgrafen. Sein Lebenswerk ist der Bau eines neuen Deiches, den er mit Obrigkeitsbefehl und gegen das Murren der Deichbewohner durchführt. Als am Ende der Geschichte eine Jahrhundertsturmflut hereinbricht und der alte Deich bricht, stirbt die Familie Haien auf tragische Weise in den Fluten.

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Friedrich der Große und sein Schimmel vor Schweidnitz, 1865.

Hauke Haien ist in meinen Augen ein Deichgraf, der im Sinne eines aufgeklärten Absolutismus handelt und regiert. Wie Friedrich der Große reitet er einen Schimmel, ist immer und überall zugegen und legt Hand an, wenn notwendig, wie ein erster Diener des Dorfes, dem Allgemeinwohl verpflichtet, jedoch mit klaren, harten Ansagen seine Vorstellungen durchsetzend. Ob man jetzt in die revolutionäre Sturmflut und den konsolidierenden Deichbau allzuviel hineinlesen möchte, muss jede/r selbst entscheiden. Ob die Bildlichkeit des Romans einen Rückschluss auf die Situation des Jahres 2015 zulässt, in dem in den Medien von „Flüchtlingsströmen“ und „Grenzsicherung“ zu hören ist, bleibt fraglich. Die Novelle kann aber für die sprachliche Wirkmächtigkeit dieser Metaphorik auch im 21. Jahrhundert sensibilisieren. Genaues Studieren der Fakten, präzises Beobachten am Ort des Geschehens, kritisches Hinterfragen ängsteschürender Spukgeschichten, das ist es, was den Schimmelreiter Hauke Haien auszeichnet. Es kommt wohl nicht von ungefähr, wenn die ZEIT auf ihrer Titelseite in dieser Woche Immanuel Kant abbildet, mit der Aufforderung, sich doch bitte des eigenen Verstandes zu bedienen.

Jedoch, so finde ich, sollte man die Selbststilisierung zum emotional gemäßigten Vernunftwesen à la Kant nicht dazu nutzen, um vor den realen Gefahren in Zeiten des Klimawandels und verheerender Überschwemmungen die Augen zu verschließen und sich damit zu begnügen, verständig und sich vernünftig wähnend die Däumchen zu drehen. Wie Barack Obama richtig feststellte, sind wir die letzte Generation, die die Auswirkungen des Klimawandels noch abmildern kann. Doch lieber leben wir in kommoder Unvernunft unser Leben wie bisher, stellen keine Fragen, informieren uns nicht, handeln vor allem nicht, verzehren weiterhin Rinder aus methanproduzierender Massentierhaltung, weil es ja schon immer so war und gut ist und schlecht nicht sein kann. An dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur ändert es nichts. Damit handeln und denken wir nicht anders, als das gemeine Bauernvolk in Theodor Storms Novelle „Der Schimmelreiter“. Gegen die Auswirkungen so großer Unvernunft und Dummheit können dann in ein paar Jahrzehnten auch keine neuen Deiche mehr helfen.

Theodor Storm: von Verschiedene (Scan der Original-Buchvorlage) [Public domain], via Wikimedia Commons

Angorakatze: Jean-Jacques Bachelier [Public domain], via Wikimedia Commons

Friedrich der Große: Emil Hünten [Public domain], via Wikimedia Commons

Deichbau: von Jens Rusch (www.schimmelreiter.com) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)%5D, via Wikimedia Commons

 

 

ESPRESSOMASCHINE / Germans At Meat – KATHERINE MANSFIELD (1910)

ESPRESSOMASCHINE / Germans At Meat – KATHERINE MANSFIELD (1910)

ESPRESSOMASCHINE TEIL 2

Wie eine Bombe hatte der erste Teil der Espressomaschine im August diesen Jahres hier auf „bloglichter“ eingeschlagen, umjubelt von unzähligen Fans der stets zu kurz kommenden Kurzgeschichte, die ihre Begeisterung kaum zügeln konnten.

Heute nun, zu Ehren des einjährigen Jubiläums von bloglichter, gibt es endlich den lang herbeigesehnten, zweiten Teil. Katherine Mansfield, eine der Urmütter der modernen englischen Short Story, soll die Tradition weiterführen.

Katherine Mansfield, 1917.

GERMANS AT MEAT (Deutsche beim Fleisch; 1910)

Wie der Titel schon verdeutlicht, bleiben wir literarisch kulinarisch. Damit liegt Katherine Mansfields Erstlingswerk selbst 105 Jahre nach Erscheinen voll im Trend. Wie ich auf der Frankfurter Buchmesse am Wochenende sehen konnte, scheint sich Literatur heutzutage in Deutschland v.a. dann gut zu verkaufen, wenn sie wie ein Genussartikel feilgeboten wird. Wie die Schokolade zum Espresso und der Trollinger zum Saumagen.

Katherine Mansfield war 23 Jahre jung, als sie ihre erste Kurzgeschichten-sammlung „In a German Pension“ (1911) veröffentlichte. 1909 hatte die Deutschsprechende Neuseeländerin sechs Wochen in einer Pension im bayrischen Kneipp-Kurort Bad Wörishofen verbracht, um dort, dem Wunsch ihrer wohlhabenden Eltern Folge leistend, unbemerkt das Kind aus einer Londoner Liaison zur Welt zu bringen. Beim Kofferheben erlitt sie eine Fehlgeburt.

Zeit ihres Lebens(1888-1923) hatte sie sich gegen eine Neuauflage der „Pension“ gesträubt. Während des Ersten Weltkrieges wurde sie von Verlegern regelrecht bedrängt, ihre frotzeligen Skizzierungen deutscher Kurgäste wieder freizugeben. Aber nein,

I cannot have the German pension reprinted under any circumstances. It is far too immature. […] It’s not good enough. […] But I could not for a moment entertain republishing the „Pension“. It’s positively juvenile,…; Oh no, never!

Die Ich-Erzählerin, eine junge, vegetarisch lebende Engländerin, befindet sich allein unter deutschen Kurgästen, die sich beim Mittagessen in der Pension die Bäuche vollschlagen. Es ist der Typus des hässlichen, unsensiblen Deutschen mit unangenehmer Wesensart, der aufgeblasene Großkotz und besserwisserische Grobian, dessen altmodisches Hinterwäldlertum sich in jedem seiner Worte und Gesten offenbart.

Pass me the sauerkraut, please. You do not eat it?

No, thank you. I still find it a little strong.

‚Is it true‘, asked the Widow, picking her teeth with a hairpin as she spoke, ‚that you are a vegetarian?‘

Why, yes; I have not eaten meat for three years.

Im-possible! Have you any family?

No.

There now, you see, that’s what you’re coming to! Who ever heard of having children upon vegetables? It is not possible. But you never have large families in England now; I guess you are too busy with your suffragetting. […]

‚Germany,‘ boomed the Traveller, biting round a potato which he had speared with his knife, ‚is the home of the Family‘.

Es ist auch die Zeit des Deutsch-Britischen Flottenwettrüstens, das dem Ersten Weltkrieg vorangeht.

Said the Traveller: I suppose you are frightened of an invasion too, eh? Oh, that’s good. I’ve been reading all about your English play in a newspaper. Did you see it?

‚Yes‘, I sat upright, ‚I assure you we are not afraid.‘

‚Well, then, you ought to be‘, said the Herr Rat. ‚You have got no army at all – a few little boys with their veins full of nicotine poisoning.‘

‚Don’t be afraid,‘ Herr Hoffmann said. ‚We don’t want England. If we did, we would have had her long ago. We really do not want you.‘

He waved his spoon airily, looking across at me as though I were a little child whom he would keep or dismiss as he pleased.

‚We certainly do not want Germany‘, I said.

Die angespannte politische Situation wird am deutschen Mittagstisch von der Meute älterer Herren und Damen an der jungen Engländerin abgearbeitet, die sich wacker schlägt, aber schon bald das Weite sucht, als sie über die Aufgaben einer guten Haus- und Ehefrau belehrt wird.

What is your husband’s favourite meat? asked the Widow.

I really do not know.

You really do not know? How long have you been married?

Three years.

But you cannot be earnest! You would not have kept house as his wife for a week without knowing that fact. […] How can a woman expect to keep her husband if she does not know his favourite food after three years?

Mahlzeit!

Mahlzeit!

I closed the door after me.

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Penguinausgabe von 1981.

Willkommenskultur ist etwas anderes. Die junge Engländerin mit guten Manieren kann einem Leid tun. Ihr Aufenthalt im vulgären Deutschland kommt einer Bestrafung gleich. Die überzogene Stereotypisierung der Deutschen liest sich trotzdem sehr nett, weil es Mansfield in dieser Geschichte vor allem um eine satirische Verfremdung universeller und tradierter Geschlechterrollen im Patriarchat geht, die von den meisten Frauen unkritisch und zum Zwecke der Selbstwertstabilisierung übernommen werden. Mich hat überrascht, wie aktuell die Diskussion um den Vegetarismus anmutet.

Dass sich hier noch ein nationalistischer Diskurs beimischt, der das Patriarchat nur im ekligen deutschen Wesen verortet, ist den politischen Verhältnissen der Zeit und dem Format der Kurzgeschichte geschuldet. Es war nicht die Zeit politischer Korrektheit. Die 22-jährige Mansfield sensibilisiert ihre Leserinnen mit dem Presslufthammer.

In der Figur der jungen Engländerin entwickelt Mansfield eine immer noch moderne Alternative zum verblödeten Rollenklischee, das die Zeiten überdauert. Da aber nicht nur die Demokratie, sondern erfahrungsgemäß auch die Gleichberechtigung und das Recht auf Selbstbestimmung der Geschlechter jeden Tag neu erstritten und verteidigt werden müssen, hat diese feine Kurzgeschichte nichts an Aktualität verloren. Ein lustiger Zeitvertreib ist sie obendrein.

Zum Nachlesen auf der Seite der Katherine Mansfield Society: Germans At Meat

Bilder:

  1. Cup of Espresso: © Nevit Dilmen [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)%5D, via Wikimedia Commons
  2. Katherine Mansfield, 1917: By Ottoline Morrell (1873-1938) [Public domain], via Wikimedia Commons

LESUNG: Jonathan Franzen – UNSCHULD (in Hamburg)

LESUNG: Jonathan Franzen – UNSCHULD (in Hamburg)
Thalia Theater, Hamburg.

Eine halbe Million Besucher sollen es laut einer Thalia Mitarbeiterin an jenem Abend des 8.10.2015 gewesen sein, die sich nach der Lesung im Foyer des Theaters drängelten, um ihre Bücher vom amerikanischen Superstern am Literaturhimmel, dem Jonathan Franzen, signieren zu lassen. Diese erfrischende Form des Understatement war eine Wohltat inmitten des hanseatischen Mobs, der sich kultiviert gebend seinen Weg zum begehrten Weltstar bahnte. Aber ich übertreibe etwas.

Das Gedrängel am Signiertisch, das so manchen Wutbürger auf den Plan rief, hatte sich sogar bis Göttingen herumgesprochen, wo Herr Franzen tagsdrauf ein weiteres Mal aus seinem neuen Roman „Unschuld“ las. Zustände wie auf einem Take That-Konzert hätte es in Hamburg gegeben, deshalb baten Autor und Veranstalter die Zuhörer darum, nur eine Schlange vor dem Signiertisch zu bilden.

Wie hatte es soweit kommen können?

In den Begrüßungsworten zu Beginn der Veranstaltung wurde mehrfach darauf hingewiesen, dass Hamburg eine besondere Ehre zuteil geworden sei, denn hier, im tollen Hamburg, würde Herrn Franzens erste Lesung in Deutschland stattfinden, noch vor der LitCologne. Die 1000 Besucherinnen im ausverkauften Thaliatheater zeigten sich zunächst hanseatisch unbeeindruckt. Erst als die Veranstalter darum baten, auf Wunsch des Autors, später, nach der Lesung, bitteschön KEINE Fotos geschweige denn Selfies von bzw. mit Herrn Franzen am Signiertisch zu machen, lockerte sich die Stimmung merklich auf und es wurde fröhlich gekichert. Weiterhin wurde darauf hingewiesen, dass man die Lesung nach Weihnachten, am 27.12. um 20 Uhr, auf NDR Kultur hören könne.

Die Moderation des Abends hatte FAZ-Literaturchefin Felicitas von Lovenberg übernommen. Viel sah oder hörte man aber nicht von ihr, denn den Großteil des Abends bestritt Jonathan Franzen allein auf der Bühne, im Zwiegespräch mit seinen Leserinnen und Lesern. Frau von Lovenberg musste/konnte/durfte während der Vorlesephasen die Bühne verlassen, was auf mich etwas befremdlich wirkte, denn der Stuhl neben Mr. Franzen blieb demnach meistens leer, so als warte man noch auf jemanden, was dem Abend einen etwas flüchtigen, Beckett’schen Beigeschmack verlieh.

Beeindruckt und in gleichsam teilnahmsvoller Rührung folgten die Zuhörer Herrn Franzens Ansprache an das Publikum, denn er redete vor allem deutsch, ein sehr gutes Deutsch, wenn er an manchen Stellen und mit fortgeschrittener Stunde auch etwas ins Schlingern kam. Trotzdem sehr beachtlich, muss ich sagen, und so manch eine kleine, charmante Sprachkreation, wie z.B. „Sie sind heute meine experimentalen Kaninchen„, wurde vom Publikum in liebevoller und erheiterter Weise begrüßt. Denn allein dies ist ja schon ein Liebesbeweis an das Land, in dem der jüngere Franzen als Student in Berlin, Anfang der 80er, studiert hatte. Die Amerikaner, die sich die Mühe machen, eine Fremdsprache zu lernen, kann man womöglich an einer Hand abzählen, vor allem diejenigen, die es nicht aus Businessgründen tun. Also Hut ab vor Herrn Franzen! Er hat meinen ganzen Respekt.

Drei Passagen hat Jonathan Franzen auf deutsch vorgelesen, eine auf englisch. Die englische gehört zu meinen Lieblingsszenen im Buch und behandelt das Gespräch der Enthüllungsjournalisten Leyla Helou mit der Schnellrestaurant-Mitarbeiterin Phyllisha Babcock, in Amarillo, Texas. (Ein kleiner Auszug aus der Szene). Hier kommt Jonathan Franzens Sinn für Humor voll zum Tragen, der immer dann Blüten treibt, wenn Charaktere beschrieben werden, die gar nicht wissen, dass sie komisch sind.

DSC_0010Einiges Neues konnte man an diesem Abend über den Roman erfahren, wenn ich mir auch ein wenig mehr Analyse oder Interpretationsansätze gewünscht hätte. Ich denke, das kann man einem Publikum durchaus mal zumuten, es muss nicht immer nur Geplänkel auf der Inhalts- und Figurenebene in Verbindung mit der Biografie und den Intentionen des Autors sein. Die Siri Hustvedt Lesung hatte mich damals im Juni in eine geistige Extase versetzen können, weil hier eben ganz andere Register gezogen wurden, die zur intensiven Auseinandersetzung mit den Themen des Romans inspirieren konnten.

Die Eingangsfrage von Frau von Lovenberg fand ich ziemlich gut, nämlich, ob er, Jonathan Franzen, Beziehungen für genauso schlimm halte wie das Internet. Diesen Eindruck hätte man als Leser/in. Leider ging der Autor darauf nicht wirklich ein. „That’s a devilish question,“ sagte er nur, worauf Lovenberg rekurrierte, er, Franzen, habe ja das Faustzitat an den Anfang des Romans gesetzt. „Das stimmt,“ so der Autor. Leider war der Faust dann kein Thema mehr. (Faust, Mephisto und das naive Gretchen in meiner Besprechung des Romans vom 4. Oktober).

Der Titel „Purity“ sei ihm von Anfang an etwas peinlich gewesen, so Franzen, deshalb habe er der weiblichen Protagonistin diesen Namen gegeben und ihn dann kurzerhand mit „Pip“ abgekürzt. Der Titel entstamme vor allem seiner Beschäftigung mit dem Werk von Karl Kraus, der oft die „Reinheit der deutschen Sprache“ eingefordert hatte.

Reinheit sei ein Begriff, um einen radikalen Idealismus zu verstehen. Extreme Bewegungen jeglicher Art würden sich immer auf irgendeine Art von „Reinheit“ beziehen. Pip sei die einzige ohne Idealismus, ganz anders als ihre Elterngeneration, allen voran ihre Hippiemutter Annabel. So habe er den Titel „Purity“ ironisiert und für sich entschärfen können.

Eine besonders schöne Stilblüte gelang dem Autor im Gespräch über Andreas Wolf, der „mit seiner unmöglichen Mutter einen Alpentraum hätte.“ Weil alle anwesenden Norddeutschen diese Wortkreation einfach zu schön fanden, wurde Mr. Franzen dahingehend nicht korrigiert.

Die Frage aus dem Publikum, ob seine neuen Romane Fortsetzungen der alten seien, verneinte Herr Franzen. Die Figuren interessierten ihn nach dem Schreiben nicht mehr. „A book isn’t done, if there still can be done something with the characters,“ so der Autor, aber „I wonder what happened to Gary [aus den Corrections] sometimes.“ Außerdem könne er Figuren nicht noch einmal verwenden, sobald die Rechte an z.B. Filmproduzenten verkauft worden seien.

Was nicht ausbleiben durfte, war natürlich die Frage nach dem deutschen Titel „Unschuld,“ der vielen Leser_innen als Missgriff erscheint. Franzen blieb hier sehr vage, „was weiß ich,“ bzw. „it’s not a random choice.“ Da gestern die Lesung in Göttingen per Livestream online gezeigt wurde, konnte ich in Erfahrung bringen, dass „Unschuld“ durchaus Sinn mache, so Franzen in Göttingen, weil sich alle Charaktere im Roman aus unterschiedlichsten Gründen schuldig fühlten. Vermutet wurde jedoch bereits an anderer Stelle, dass der Rowolthverlag nach dem letzten Titel „Freiheit“ keinen fast gleichlautenden Titel verwenden wollte. Anyways.

Das Fernsehen sei kein Feind mehr, so der vormals fernsehfeindlich eingestellte Franzen anschließend. Es habe in den letzten Jahren bewiesen, durchaus komplexere Erzählmethoden anwenden zu können.

The enemy is stupid, brief stimuli, not coherent narrative. TV uses storytelling techniques that novels have developed for centuries. TV is the novel’s little brother.

Das mit dem „kleinen Bruder Fernsehen“ hatte Frau von Lovenberg angesprochen. Der große Gesellschaftsroman des 19. Jahrhunderts sei tot, das wusste Jonathan Franzen schon vor 20 Jahren. Solche Erzählungen spielten sich jetzt v.a. auf Bildschirmen ab. Dass er mit dieser Einsicht seinen Frieden geschlossen hat, konnte man ihm durchaus ansehen.

Aber was macht das Lesen von Romanen zu etwas ganz Besonderem?

Es ist die Innerlichkeit und Psychologie sowie die unmittelbare, geistige Verbindung des Schriftstellers mit den Lesern. So könne man sich auch noch Jahrhunderte später mit schon lang verstorbenen Autoren ganz nah verbunden fühlen. Dies sei der Zauber der Literatur, so Lovenberg, die besondere Beziehung, die die Zeiten überdauere.

Wie oben schon erwähnt, hätte ich mir durchaus etwas tiefergehendere Analysen gewünscht.

Das wahre Abenteuer begann NACH der Lesung, denn es entstand ein Run auf den Signiertisch des Autors im Foyer des Theaters.

Aufgrund einer strategisch günstigen Ausgangslage, gelang es mir innerhalb weniger Minuten, mich in zirka zwei Metern Entfernung von Herrn Franzens Tisch und seiner Gefolgschaft zu positionieren. Dort stand ich dann allerdings eine geschlagene halbe Stunde, aber lieber am Anfang einer Schlange warten, als an ihrem Ende, vor allem wenn man sich in Hör- und Sichtweite des Objekts der literarischen Begierde befindet.

WIN_20151010_130242 (2)Als ich endlich an die Reihe kam, hatte sich meine anfängliche Nervosität etwas gelegt und war einer überhitzten Müdigkeit gewichen. Halb im Traume stand ich nun vor ihm, nur eine Tischbreite entfernt, aber es musste alles ganz schnell gehen.

Ein Herr, der urplötzlich von hinten links an mich herantrat, entriss mir meine beiden Bücher, „Purity“ und „How to be Alone“, schlug sie ratzfatz an passender Stelle auf und ermahnte mich drängelnd zur Eile. Sprachlos war ich, hatte ich mir doch ein paar Fragen sorgfältig überlegt, sodass Herr Franzen die Initiative übernehmen musste und seine erste gewagte Signatur in den Essayband setzte. „You have to tell me what to do,“ so der Autor unter Druck, und ich war wieder etwas wacher, nannte und buchstabierte ihm etwas peinlich berührt meinen Namen, den er dann als Widmung auf die erste Seite von „Purity“ schrieb, mit Ausrufungszeichen, um keine Zweifel aufkommen zu lassen.

Oh, liebe Leserinnen und Leser, von da an schwebte ich nur noch auf Wolke Nummer Sieben, ein glücklicher Franzen-Fan. Im hanseatischen Nieselregen unter einem sternenlosen Himmel, sprang ich am Ende eines ereignisreichen Abends, übermütig und vom Glücke beseelt, die mehreren Hundert Meter ohn‘ Unterlass und in freudiger Erregung zum Hauptbahnhof, wo bereits mein Zug wartete und mich sicher nach Hause beförderte. Purity an mein Herz gedrückt, schlief ich um etwa drei Uhr nachts endlich ein.

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Bilder:

  1. Deckenbeleuchtung im Thalia Theater, Hamburg: almathun
  2. Thalia Theater: von Armin Smailovic (www.thalia-theater.de) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)%5D, via Wikimedia Commons
  3. Herr Franzen and parts of Frau von Lovenberg on stage: almathun
  4. Signierte Purity-Seite: almathun

Juli ZEH: Corpus Delicti (2009)

Juli ZEH: Corpus Delicti (2009)
Der Roman um den es geht.
Der Roman um den es geht.

Dieses Buch hat Nebenwirkungen. Ein totalitärer Staat der Zukunft herrscht qua Gesundheitsideologie, „die Methode“ genannt, über die Menschen. Big Brother hat es sich zum Ziel gesetzt, alle Krankheiten auszurotten und die Erhaltung der Gesundheit der Gesellschaft und jedes Einzelnen aufs Penibelste zu überwachen. Die Überwachung macht weder vor der Privats- noch der Intimssphäre halt. Monatliche Urin- und Drogentests sind abzuliefern, der staatlich verordnete Hometrainer sendet jeden sportlich errungenen Meter an die Behörden, die ZPV (Zentrale Partnerschaftsvermittlung) vermittelt immunologisch kompatible Menschen zur ehe-geschlechtlichen Vereinigung. Wer trotzdem krank wird, hat irgendetwas falsch gemacht, ist womöglich sogar ein Methodenfeind, der bekämpft werden muss.

Außen hui, Innen pfui

Wie sich schnell herausstellt, ist auch dieses Herrschaftssystem nur eine weitere totalitäre Diktatur, die sich als non plus ultra der Unfehlbarkeit den Massen präsentiert, aber hinter den Kulissen kritische Stimmen aufs Brutalste zum Schweigen bringt und sehr viel Energie in die Vertuschung von Fehlern investieren muss. Unter solchen Bedingungen wird der Mensch wieder zum unmündigen Kleinkind, weil es bequemer und ungefährlicher ist, die Klappe zu halten und die Verantwortung an die Autoritäten abzutreten.

Whether ‚tis nobler in the mind

Im Mittelpunkt der Handlung steht Mia Holl, ein weiblicher Hamlet der Zukunft, die unter dem Verlust ihres geliebten Bruders Moritz leidet, der im Gefängnis Selbstmord begangen hat, weil er zu Unrecht eines Mordes bezichtigt wurde. Sie ist depressiv, vernachlässigt so die körperliche Ertüchtigung, die häusliche Blutdruckmessung und die Einsendung der Schlaf- und Ernährungsberichte, und macht sich somit verdächtig. Rational-analytisch seziert sie ihre Situation und Beziehungen in dem System, ist aber des Handelns nicht fähig. Der Umschwung kommt erst, als sie vor Gericht landet und die Unschuld ihres Bruders von ihrem Anwalt Rosentreter bestätigt werden kann. Das System gerät in Aufruhr. Mia Holl entschließt sich, zum Äußersten bereit, die Methode lauthals anzuklagen, und wird somit zur Märtyrerin und Heldin aller kritisch denkenden Menschen.

Die Lektüre des Romans verlief zunächst recht holprig, v.a. wegen des sterilen Erzählstils, der mir in der Buchhandlung als „intelligente Schreibe“ angepriesen wurde.

„Frau Mia Holl,“ korrigiert Lizzie, „geht derzeit nicht arbeiten.“

„Dann hat sie Urlaub?“

„Ach was!“ platzt die Pollsche heraus. „So ein hübsches Kind und immer allein! Die guckt Angebote durch.“

„Wir glauben,“ sagt Lizzie vertraulich zu Kramer, „dass Frau Holl einen Partner sucht.“

Kramer nickt. „Dann will ich mal.“

„Die Mia ist eine Anständige.“ „Das versteht sich doch von selbst, Driss.“ „In einem Haus wie diesem.“

„Danke.“ Kramer nickt in die Runde […] Die Münder bleiben offen, aber stumm, während man Kramer und seinen Beinen und seiner elastischen Gestalt beim Treppensteigen zusieht.

Hier ein kleiner Einblick in meine Randnotizen: „Liest sich wie die Bühnenanweisungen eines Theaterstücks. Kommunikation hat etwas Hölzernes, Theatralisches, als würden die Figuren auf Stelzen spazieren. Gerichtssaal-Atmosphäre: Jedes Wort wird in die Leere der Wahrheit gestellt“. Der Stil passt aber zum Thema, wie sich dann später herausstellte. Bei Wikipedia kann man lesen, dass Corpus Delicti ursprünglich als Theaterstück geschrieben worden ist. Auch das hat vermutlich seine Spuren hinterlassen.

Weiterhin hatte ich anfangs Probleme mit den Charakteren. Die Bruder-Schwester-Beziehung wirkte auf mich sehr idealisiert, kleine Kinder, die sich kappeln, zanken und dann wieder liebend versöhnen, Kinder der Bourgeoisie mit Luxusproblemen. Die Nebenfiguren sind Klischees: naive Tratschtanten im Mietshaus, karrieregeile Selbstdarsteller und die im männlichen Konkurrenzkampf um Aufmerksamkeit und Erfolg unterlegenen Versagertypen. Letztendlich konnte ich mich aber mit diesen Figurenbeschreibungen versöhnen, sind sie doch Symptom und Ausdruck der Gesellschaft, in der sie leben und Teil eines konstruierten Bildes der Zukunft.

Sapere Aude

Der Roman schärft die Wahrnehmung. Ich habe mich dabei ertappt, wie ich nach einigen Tagen der Lektüre meine eigenen Beziehungen nach vorhandenen Ungleichgewichten untersucht habe. Lasse ich mich womöglich, ohne dass ich es ahne, wie ein Kind bevormunden oder respektlos behandeln? Werde ich am Arbeitsplatz mundtot gemacht? Dies gipfelte darin, dass ich gestern unseren Gartenvorstand, der mir mal wieder doof kam, zum ersten Mal ordentlich angeschnauzt habe, was für Überraschung und Empörung sorgte. [Gartenblog] Mia Holl im Hinterkopf, war der so entstandene Eklat schon wieder ein Genuss, Bungee Jumping für Erwachsene. Die (befürchteten) Konsequenzen des Aufbegehrens muss man aushalten können. Auch das gehört zum Erwachsensein dazu. Das Worst Case Scenario in der Diktatur ist die Folter und der Tod. Die Todesangst ist die Angst des erwachten Kindes in uns, das der Unmündigkeit entwachsen will. Somit ist Corpus Delicti ein Roman, der auch vom Erwachsenwerden handelt.

Hier, zum Abschluss, eine meiner Lieblingsszenen aus dem Buch:

„Die Liebe zur Natur ist der Prolog zur Menschenliebe,“ sagt Kramer wie ein Stichwortgeber.

„Moritz liebte alles, was lebt. Auf seinem Nachttisch stand eine Holzkiste, in der er Weinbergschnecken hielt. Er gab ihnen Namen. Bei Nacht hoben die Schnecken mit ihren Häusern den Deckel an. Ihre Langsamkeit, sagte Moritz immer, macht sie unfassbar stark“ […]

„Während er schlief, krochen die Schnecken aus der Kiste und durchs Zimmer. Manchmal erwachte er am Morgen mit einer Schnecke auf der Wange. Ihn machte das glücklich. Ich ekelte mich. Wir teilten uns ein Zimmer.“

„An der Liebe zum Leben ist nichts Ekliges.“

ZUMUTUNGEN DURCH JAKOB: Uwe Johnson (1959)

WIN_20141221_101540 (2)– Eine schöne Ausgabe, die Jahrhundert-Edition von Bertelsmann, sagte sie und strich mit der Hand über den unerträglich nazibraunen Schutzumschlag, ummantelt wiederum von einer gelblich befleckten und hundsverbissenen Plastikhülle. Dann wird ihr die Verlegenheitsphrase bewusst, sie schweigt jetzt Kopf gesenkt und nimmt die 8€ entgegen. Der Plastikumschlag habe ein paar kleine Kratzer…

– Ähm, nun ja, den werde ich wohl ohnehin wegschmeißen.

-Ach so.

Ja, wer denkt sich so etwas Geschmackloses nur aus? Seit drei Stunden quäle ich mich durch die ersten 60 Seiten des Buches, und das vor Weihnachten, wo man doch gerne etwas Schönes genießen möchte, z.B. die attraktiv designten Bücher aus dem hiesigen Buchladen, wie „Miss Marple – zwischen Tearoom und Tatort“ oder ein Photoband über die kecken Fräuleins der 20er Jahre, allesamt ein vorweihnachtlicher Augenschmaus, doch was mache ich, gehe stattdessen ins Antiquariat und ziehe den Bertelsmann-Johnson aus dem Regal, nazibrauner Schutzumschlag hinter hundsverbissener Plastikhülle, wie die Leute, die ihre Fernbedienungen in Plastikhüllen wickeln. Es ist mir ein Rätsel. Masochismus vielleicht.

1967 hatte der Oktoberklub es in Worte gefasst. Es war keine positionslose Ab-Weichung erwünscht:

Der Uwe Johnson veröffentlichte den Jakob aber schon 1959. Über den DDR-Reichsbahnbeamten Jakob Abs, der Züge zum Zwecke des sozialistischen Fortschritts sekundengenau dispatched, somit den planmäßigen Betriebsablauf sicherstellt.

Zurück oder Vorwärts, du musst dich entschließen.
Wir bringen die Zeit nach vorn Stück um Stück.
Du kannst nicht bei uns und bei ihnen genießen,
denn wenn du im Kreis gehst, dann bleibst du zurück. (Oktoberklub, Sag mir wo du stehst)

Mutmassungen über Jakob handelt von jemandem, der keine Lust hat (oder sagen wir es etwas tragischer: der nicht kann), dem gewissenerforschenden Kollektiv ständig zu sagen, wo er denn nun steht bzw. auf welcher Seite er denn ist. Which side are you on?

Jakob, der jahrelang dafür gesorgt hat, dass die Züge Stück um Stück nach vorn kommen, keine Sekunde vergeudet wird, wird dann beim Überqueren der Gleise von einem Zug erwischt und getötet. War’s die Stasi? War’s Selbstmord?

Du gibst, wenn du redest, vielleicht dir die Blöße,
noch nie überlegt zu haben, wohin.
Du schmälerst durch Schweigen die eigene Größe,
ich sag dir, dann fehlt deinem Leben der Sinn. (Oktoberklub)

 Reader Response: der Roman ist eine Übung in Frustrationstoleranz aufgrund von Überforderung. Das Buch bestraft den unaufmerksamen Leser und unternimmt gleichzeitig alles, damit die Aufmerksamkeit abschweifen MUSS. „Oh je, ich kann diese Namen hier überhaupt nicht zuordnen.“ „Na, wieder mal was verpasst, he? Selbst schuld! Sechs, setzen!“ „Jawoll!“

Solche Lehrer hatten wer alle mal, nech? Is wahrscheinlich ne projektive Identifikation, Herr Johnson, wat meinse? Aber halt, es geht besser, wenn man sich den Text laut vorliest. Wie gehe ich mit meiner Frustration um? Hammse wat über sich selbst jelernt jetz, wa?

Was den Lesefluss ständig hemmt, ist die Verweigerung üblicher Orientierungstechniken. Modernism comes to mind. Es fehlt eine zielgerichtete Handlung. Der Leser ist gezwungen, Informationen über die 5 W’s: wer, wo, was, wie, warum selbst zu erschließen. Es gibt niemanden, der die Funktion eines ordnenden Erzählers übernähme. Unerläuterte Bewusstseinsinhalte, subjektive Erfahrungen, Ansichten, Beobachtungen.

Sind wir jetzt so richtig dran am Leben? An der Unmittelbarkeit, der Gegenwärtigkeit des Erlebens? Im Vergleich zu was, müsste man hier wohl erst einmal fragen. Und brauchen wir noch mehr davon im Jahre 2015, wo jeder Bungee Jumper, jede Swingerclubbesucherin, jede Kriegsteilnehmerin uns mit einer im Helm oder der Frisur eingebauten Webcam an ihren/seinen Erfahrungen hautnah teilnehmen lassen kann?

Ich habe die Mutmaßungen über Jakob von Anfang bis Ende durchgelesen. In drei Tagen. Herzlichen Glückwunsch. Die Frustration eine ständige Begleiterin, der Ärger und die Ungeduld, aber auch die Freude über die Seiten, wo es dann wieder geordnet weiterging, die Beschreibungen des Autors sich wie kleine Christbaumanhängerchen in der eigenen Vorstellung lustig drehten:

Cresspahls Katze hatte ein graugrünes Fell. Von der Schwanzspitze über den Rücken lief eine schwarze Zeichnung ihr auf den Kopf in immer blässeren Flecken, aber unter der Nase fing sie an, weiss zu sein und war weiss an ihrer Brust und an ihrem Bauch bis zur Unterseite des Schwanzes. Als Jonas am Sonntagmittag in sein Zimmer kam, sass sie auf dem eingesunkenen grünen Polsterstuhl vor dem Tisch sehr würdig aufrecht, so dass Jonas überrascht Guten Tag sagte. Darauf antwortete sie nicht.

Und noch einer. Und damit dann Frohe Weihnachten!

…die Lautsprecher sagten: „Wird Zug vier-fünf-eins angenommen ich wiederhole wird vier-fünf-eins angenommen“ und antworteten sich: „Zug vier-fünf-eins wird angenommen, wenn eins-drei-eins eingefahren ich wiederhole“; Jakob beugte seinen Nacken vor und schaltete auf das Mikrofon um und sagte „vier-fünf-eins sofort annehmen auf Gleis eins, eins-drei-eins Durchfahrt auf zwei“