Krähengekrächz – Monika Maron (2016)

Krähengekrächz – Monika Maron (2016)

Ein Schwarm von etwa 300 Rabenkrähen saß letzte Woche in den Kronen dreier Bäume am Bahnhof. Ein lautes Gekrächz war das. Es dunkelte bereits, und als ich mich zu Fuß Richtung Innenstadt aufmachte, flogen zwei Krähen neben mir her. Zuhause angekommen setzten sie sich in den Baum vor dem Fenster. Als ich hinausschaute, sah ich im Abstand von etwa 15 Sekunden immer neue Krähen hinzukommen. Sie stimmten ein lautes Gegackere an. Als es ganz dunkel geworden war, hörte man nichts mehr. Am nächsten Tag waren sie fort.

Auf der Suche nach den letzten, eiligen Weihnachtsgeschenken im Buchladen, fiel mir gestern Monika Marons 64-seitige Erzählung „Krähengekrächz“ in die Hände. Mir ist aufgefallen, dass ich fast nur noch Bücher lese, die die Beziehung zwischen Mensch und Tier, insbesondere unseren gefiederten Freunden, in den Mittelpunkt stellen. Ob dies ein Franzen-Effekt oder auf meine Erfahrungen mit zwei Wanderfalken zurückzuführen ist, die letztes Jahr ebenfalls vor meinem Fenster Rast machten (s. peregrinus), ist mir noch nicht ganz klar geworden.

Mir ist auch aufgefallen, dass viele Neuerscheinungen Vögel auf dem Buchcover zeigen. Hier würde ich von einem ganz deutlichen Franzen-Effekt sprechen: Vögel in der Literatur = Jonathan Franzen = Qualitätsware = viele interessierte Käufer. So sieht wahrscheinlich die Marketingstrategie aus. Eulen sind ja auch wieder in. Der Waldkauz ist sogar zum Vogel des Jahres 2017 ernannt worden. Ich denke, da geht noch mehr.

Mir gefällt diese Entwicklung. Zur Zeit kann ich Bücher nicht mehr lesen, die zwischenmenschliche Beziehungen zum Thema haben. Man hat das Gefühl, es sei alles schon mal dagewesen, bis ins kleinste Detail der Irrungen und Wirrungen ausgelotet, und das Gros der Menschheit hat trotz allem nichts dazugelernt, wird immer dümmer und verroht sogar. Es langweilt mich, da ist eindeutig die Luft raus. Wer stattdessen einem Tier ins Auge schaut, blickt in die Seele des Menschen. Dieser Ansatz der menschlichen Selbsterkenntnis reizt mich viel mehr.

Krähen, so lernt man als erstes in Monika Marons Erzählung, können ihr Spiegelbild und sogar menschliche Gesichter erkennen. Dies ist ein Grund, warum sie als besonders intelligente Lebewesen gelten.

Die Autorin recherchiert für einen neuen Roman und bleibt bei den faszinierenden Krähen hängen. In ihrem Stadtteil in Berlin trifft sie auf mehrere Exemplare, füttert sie, studiert ihr Verhalten, und kann sie sogar, zum Leidwesen ihres Hundes und einer hysterischen Nachbarin, über den Balkon in ihre Wohnung locken. Dass die Krähen schon immer Begleiter des Menschen waren, zeigt sich in ihrer Darstellung in der Literatur, beginnend bei Hugin und Munin über die Droste bis zu Philip Roth, um nur wenige zu nennen, die Monika Maron in einzelnen Beispielen nachzeichnet und vor der Leserin ausbreitet.

Fasziniert ist sie vor allem von dem Gedanken, dass die Tiere seit Beginn der Menschheitsgeschichte die ständigen Gefährten und Beobachter der Menschen gewesen sind, ihre ersten aufrechten Schritte miterlebt haben bis hin zu den millionenfachen Massenmorden der neueren Zeitrechnung. Im Laufe der Geschichte hat sich der Mensch von seinem ehemaligen Gefährten getrennt, den alten Freund sogar zur Hassfigur stilisiert und zum Abschuss freigegeben. Es ist die Wiederbegegnung mit diesen Tieren, die lang verschüttete Erfahrungen im Menschen freilegen. Die Autorin bemerkt im Kontakt mit den Krähen ein gesteigertes Interesse und einen Schub freudiger Erwartung während der Hundespaziergänge.

DSC_0088 (3)

Wie den Rabenvögeln so erging es auch dem Wolf im Kontakt mit dem Menschen, der in den letzten Jahren in Deutschland ein zaghaftes Comeback erlebt hat, welches leider auf überbordende irrationale Ängste und völlig anachronistische Verhaltensweisen in der Bevölkerung und vor allem einer unbelehrbaren Jägerschaft gestoßen ist. Die alten Märchen wirken nach. Es ist immer noch der böse Wolf, der das Rotkäppchen und die bettlägrige Großmutter verschluckt und die Krähe, die den baldigen Tod ankündigt und währenddessen Leichen frisst, bevorzugt die von Soldaten auf dem Schlachtfeld. Wenn wir uns klarmachen könnten, dass diese Ängste die Erfahrungen der Opfer, unserer vormals engsten Gefährten, waren, die wir unbewusst übernommen und über die Mythen und Märchen an folgende Generationen „weiterverbt“ haben, dann wären wir schon einen wichtigen Schritt weiter. Diese Geschichten haben die Täter zu Opfern und die Opfer zu Tätern gemacht. Unsere Angst soll uns vor unseren Schuldgefühlen bewahren. Deshalb müssen wir die schlechten Verhaltensweisen wieder auf die Tiere projizieren. Vielleicht hat sich der Mensch in den (Hungers-)Nöten der Geschichte nicht anders verhalten als das von ihm beobachtete Tier. Auch das muss in Betracht gezogen werden.

Nur durch neue Erfahrungen können die alten Projektionen aufgelockert werden. Der Mensch könnte etwas Neues daraus lernen, auch über sich selbst, aber daraus wird nichts, wenn der Wiederbegegnung mit Waffengewalt ein Riegel vorgeschoben wird.

Im Kontakt mit den Krähen setzt sich die Autorin auch mit ihrer eigenen Sterblichkeit auseinander. Sie vermutet, dass sich der Mensch im fortgeschrittenen Alter wieder seinem tierischen Anteil annähert. Sucht man die Versöhnung im letzten Moment? Ist es die Weisheit des Alters die ihresgleichen sucht? Eine klare Antwort bleibt aus. Sie fragt sich auch, warum sie in Filmen der Tod eines Tieres mehr anrührt als der eines Menschen, eine völlig normale Empfindung gegenüber dem schutzlosen, uns anvertrautem Geschöpf, die heutzutage von Gegnern der Tierrechtschutzbewegung, wie zum Beispiel Vertretern der Fleischindustrie, die jährlich allein in Deutschland 792 Mio. Tiere abschlachtet und nicht unwesentlich zur Verschlechterung der Wasserqualität und Verschärfung des Treibhauseffekts beiträgt, wie ein Verbrechen an der Menschheit gedeutet wird. Wer angesichts solcher Tatsachen eine vegetarische oder vegane Ernährungsweise nicht in Betracht zieht, sich stattdessen trotzig auf alte oder religiöse Traditionen beruft, der hat m.E. den Schuss noch nicht gehört.

Deshalb kann ich es auch nicht verstehen, dass Frau Maron die Krähen wiederkehrend mit Geflügelfleischwurst (vermutlich aus der Massentierhaltung) füttert, obwohl es Nüsse und Beeren auch tun würden. Mir fehlt hier der Schritt von der gedanklichen Auseinandersetzung, der Faszination, der Selbsterkenntnis, hin zur Verhaltensänderung, zur frischen Tat raus aus dem Morast bequemer Überzeugungen, der nicht nur individuelle und literarische sondern auch gesellschaftliche Gesichtspunkte miteinbezieht und die Konsequenzen des menschlichen Handelns, und wirkt es auf den ersten Blick auch noch so unbedeutend, auf diesem Planeten neu überdenkt.

Drücke ich bei der unsäglichen Geflügelfleischwurst noch einmal ein Auge zu, dann war Monika Marons Erzählung für mich trotzdem das perfekte Weihnachtspräsent. Ich habe ein Alter erreicht, in dem ich nicht mehr wertvolle Lebenszeit damit vergeuden möchte, belanglosen und womöglich noch grauenvoll geschriebenen Schund zu lesen.

Wer gut geschriebene und nachdenkliche Literatur sucht, die sich mit einem uralten aber wieder aktuellen Thema beschäftigt, das Verhältnis zwischen Mensch und Natur, wird in dieser Erzählung fündig werden.

The End of the End of the World (2016) – Jonathan Franzen

The End of the End of the World (2016) – Jonathan Franzen

DSC_0612

Was haben ein Königspinguin und Jonathan Franzen gemeinsam? Beide gehören der großen Gruppe der Tetrapoden an und haben bereits Fuß auf die Antarktis gesetzt. Man könnte noch ergänzen, dass beide auf ihre eigene Art ja auch irgendwie süß sind. Meine Mutter meinte kürzlich, mit Blick auf ein Autorenbild, Jonathan Franzen sei ein „interessanter Mann“. Womit sie recht hat, gelesen hat sie ihn allerdings noch nicht, was aber auch nicht wichtig ist, denn es ging ihr mit dieser zustimmenden Geste darum, an einer gesunden Mutter-Tochter-Beziehung zu arbeiten.

Bevor jetzt die strengen Ornithologen unter den Leser*innen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sich fremdschämend abwenden, möchte ich noch schnell darauf hinweisen, dass auf dem Beitragsbild natürlich kein Königspinguin abgebildet ist, sondern, vermutlich, ein Rotschnabelpinguin (pygoscelis papua), in English: gentoo penguin. Auf jeden Fall hängt die Postkarte schon ein paar Jahre am Durchlauferhitzer im Badezimmer.

In seinem neuen Essay, der vor etwa drei Wochen im New Yorker erschienen ist, zieht es den Autor in die bittere Kälte, ans Ende der Welt, in die Antarktis. Die Frage, weshalb es ihn unter allen Reisezielen der Welt genau dorthin verschlägt, lässt sich für Franzen nicht so leichterdings beantworten. Sein Onkel Walt hat ihm eine Erbschaft hinterlassen, der Gedanke kommt ihm daraufhin spontan in den Sinn.

Aus dieser einen Entscheidung erwächst ein ganzer Strauß an Erinnerungen und eine im Laufe der Geschichte dräuende Vision des Älterwerdens, und zwar nicht nur seines eigenen, sondern auch das der gesamten Menschheit auf ihrem einzigen Planeten. Die Geschichte lässt sich aber auch wie ein Märchen lesen, von einem, der auszog, um das Staunen und Lieben (neu) zu (er)lernen.

Mit Onkel Walts Tod und der Aussicht in die Antarktis zu reisen, taucht ein ganzer Rattenschwanz an Verlusterlebnissen wieder aus der Versenkung auf, die im Leben des Autors bedeutsam waren. Schon beim Kofferpacken in Kalifornien überkommt ihn nicht etwa ein Gefühl der Vorfreude, sondern eher eines der absurden Realitätsferne. Während Franzen drei Wochen lang auf einem Luxusliner einer Lindblad National Geographic Expedition von Argentinien aus Richtung Antarktis, Falkland Inseln und Südgeorgien fährt, fügen sich die Erinnerungen in die  Schilderungen des eher monotonen Ablaufes an Bord nach und nach in die Geschichte ein:

DSC_0130 (4)

Der frühe Tod der Cousine Gail, Walts Tochter, die bei einem Autounfall ums Leben kam; der Tod seiner Tante Irma, Walts Frau, die sich vom Tod ihrer Tochter nie erholen wird, den ganzen Schmerz erst als regredierte Alzheimerkranke durchlebt; Franzens Eltern, beide ebenfalls tot; der nahende Tod der Mutter seiner Lebensgefährtin („The Californian“), die, um ihre Mutter pflegen zu können, nicht mit auf die Reise in die Antarktis kommen will.

„I felt as if we were alone in the world and being pulled forward toward the end of it, like the Dawn Treader [Reisender der Morgenröte] in Narnia, by some irresistible invisible current.“

Franzens Mutter spielt eine besondere Rolle. Sie ist es, die noch zu Lebzeiten von ihrem Sohnemann die Einhaltung familiärer Pflichten einfordert und ihn auffordert, mit den Eltern Onkel Walt und Tante Irma in ihrem sterilen Haus in Dover zu besuchen. Eine kalte Todeszone, wie die Antarktis, erwartet ihn, wobei die Tante wie eine Eiskönigin in ihrem Reich regiert.

… my mother conveyed to me an invitation from Irma and Walt […] along with her own strict instruction that I say yes. In my imagination, the house in Dover was an embodiment of the zone of bad truth im my head. I went there with a dread which the house proceeded to justify. […] My aunt’s hair was pure white and looked as stiff as the curtains.

Es wird schnell klar, dass ihn ein ausgeprägtes Pflichtgefühl, es der Mutter selbst nach ihrem Tode noch recht zu machen, ins Eis treibt. Was der jugendliche Jonathan Franzen noch nicht sehen konnte, was er aber Jahrzehnte später auf seiner Reise in die Antarktis plötzlich erkennt, ist, dass die Mutter vor allem Onkel Walt eine Freude bereiten wollte, mit dem sie kurz vor ihrem Tod noch eine Liebesbeziehung eingeht. Beide waren „optimistic lover[s] of life, long married to a rigid and depressive Franzen.“ Diese Einsicht führt bei ihm zu einer differenzierteren Sichtweise der alten, voller Vorurteile belegten Eiszone der Vergangenheit. Franzen kann Onkel Walt mit den Augen seiner verliebten Mutter betrachten.

He had a heart full of love and had given it to his broken wife, and I was moved not only by the tragedy but by the ordinary humanity of the man at the center of it. […]  I wondered if my mother had seen in him what I’d now seen, and had loved him for it.

Mit dieser neuen Wahrnehmung ausgestattet, ist der Autor offen für die Schönheiten der Antarktis. Diese Entwicklung mutet etwas konstruiert an, aber die Schilderungen der Pinguine und des blauen Eises sind wirklich das Sahnehäubchen des Essays, allein dafür lohnt sich schon die Lektüre.

Sheltered from wind, the water was glassy, and under a solidly gray sky it was absolutely black, pristinely black, like outer space. Amid the monochromes, the endless black and white and gray, was the jarring blue of glacial ice.

In seiner Beschreibung eines Kaiserpinguins, der auf dem Schiff für große Aufregung sorgt, beweist Jonathan Franzen, dass Worte die Schönheit der Natur oftmals eindrucksvoller wiedergeben können, als die immer wieder gleichen Hochglanzfotos, die bis zum Erbrechen mit Photoshop aufpoliert werden, und für die das National Geographic Magazin ja auch hinlänglich bekannt ist.

And here was an image so indelible that no camera was needed to capture it: the emperor penguin […] faced the press corps in a posture of calm dignity. After a while, it gave its neck a leisurely stretch. Demonstrating its masterly balance and flexibility, and yet without seeming to show off, it scratched behind its ear with one foot while standing fully erect on the other.

Die – ich nenne es einfach mal – „Märchenthematik“ entwickelt sich eingebettet in den schlaglichtartig und anekdotenhaft wiedergegebenen Erlebnissen auf dem Luxusliner. In ihrer Gesamtheit spiegeln sie die gedämpfte Monotonie wieder, welche Ergebnis eines immer wieder auf’s Neue abgespulten Unterhaltungsprogramms für wohlhabende Erwachsene jenseits der 50 ist, die die Verantwortung abgeben, sich umsorgen lassen wollen und somit freiwillig in die Regression begeben. Thomas Manns „Zauberberg“ lässt grüßen.

DSC_0135Das Reiseschiff wird somit einerseits zur Kinderstube, andererseits aber auch zu einem Altenheim auf See. Der Essay liefert einen Vorgeschmack auf einen Altersruhestand in geistloser Langeweile, wie er für geistig aktive Menschen, die es auch bleiben wollen, nur ein Graus sein kann, aber doch irgendwie von der Mehrheit der Menschen herbeigesehnt wird.

In einem Exkurs zur Ökologie der Antarktis und den Auswirkungen des Klimawandels auf diese Region, entwirft der Autor jedoch, jenseits aller persönlichen Visionen des eigenen Älterwerdens, noch ein größeres Bild, eine durchschimmernde Vision vom Schrecken einer zukünftigen Welt, die sich der Mensch ganz nach seiner eigenen Logik selbst erschaffen hat. Diese Welt ist real gekennzeichnet durch das Abschmelzen der Eiskappen, das Verschwinden ganzer Arten und Lebensräume, bar aller Vielfalt, Überraschungen und liebenswerter Andersartigkeit, eine Leere, ein Nichts, eine neue Todeszone.

Die Zukunft der Menschheit im Schatten des schleichenden Klimawandels liegt in greifbarer Nähe. Vielleicht braucht es eine besonders ausgeprägte Sensibilität, um die Folgen bereits jetzt schon wahrzunehmen, aber leugnen lassen sie sich nicht mehr. Jonathan Franzen besitzt diese Sensibilität, zeigt in seinem Essay aber auch, dass die dem modernen Menschen eigene, passive Konsumentenhaltung letztendlich dafür sorgt, dass die notwendig drastischen Maßnahmen nicht umgesetzt werden können. Eine unbequeme Wahrheit kann so keine Veränderung herbeiführen, man flüchtet vor ihr, z.B. auf eine Arche Noah für weiße, wohlhabende US-Amerikaner in der zweiten Lebenshälfte.

Trotz (bzw. wegen) des pessimistischen Grundtenors ist der Essay von Jonathan Franzen das beste, was ich seit langem gelesen habe, und er erinnert die Post-Babyboomer-Generation an ihre besondere Verantwortung, als letzte Generation mit der Möglichkeit, auf diesem Planeten das Ruder doch noch herumzuwerfen, damit der alte Kahn nicht absäuft.


Bilder:

  1. Beitragsbild zeigt eine Postkarte mit einem Bild von A. Schumacher
  2. Alle anderen Bilder von almathun

 

 

 

 

[ESPRESSOMASCHINE] Hilary Mantel – The Assassination of Margaret Thatcher (2014)

[ESPRESSOMASCHINE] Hilary Mantel – The Assassination of Margaret Thatcher (2014)

ESPRESSOMASCHINE TEIL IV

HEUTE: Hilary Mantels „The Assassination of Margaret Thatcher“

WIN_20151224_135103Gestern habe ich mir Hilary Mantels Kurzgeschichtensammlung „The Assassination of Margaret Thatcher“ (Die Ermordung Margaret Thatchers) in der handlichen Paperback Ausgabe zu Weihnachten geschenkt. Ich habe ihre beiden mit zwei Booker Preisen ausgezeichneten historischen Romane „Wölfe“ (Wolf Hall) und „Falken“ (Bring Up the Bodies) über Thomas Cromwell und Henry VIII. bislang nicht gelesen. Es war vor allem der schöne Titel der Sammlung, der mich in vorweihnachtlicher Verzückung zugreifen ließ.

Als der Guardian im September letzten Jahres die gleichnamige Kurzgeschichte exklusiv veröffentlichte, war die Empörung vor allem im konservativen Lager groß. Man zeigte sich „enttäuscht“ von der beliebten Autorin, die erst Mitte des Jahres von der Queen zur „Dame“ erhoben worden war. Man bezeichnete die Geschichte gar als „gefährlichen Unsinn“, „geschmacklos“ und „verbotene Zone“. Ein Mitglied des Oberhauses, Lord Bell, forderte sogar Scotland Yard einzuschalten.

Dieses Vergnügen hatte Ende der 80er Jahre auch der Smiths-Sänger Morrissey, nachdem er in seinem eingängigen Liedchen „Margaret on the Guillotine“ zum Mord an Thatcher aufgerufen hatte. Im Grunde ein schönes Weihnachslied.

Quelle: YouTube

The kind people
Have a wonderful dream
Margaret on the guillotine
Cause people like you
Make me feel so tired
When will you die?

And people like you
Make me feel so old inside
Please die

And kind people
Do not shelter this dream
Make it real

Hilary Mantel ist also nicht die erste, die sich mit einer Ermordung Thatchers beschäftigt hat. „Thatchercide“ – die mentale Auseinandersetzung mit eben dieser Tatsache – hat eine lange Tradition in Great Britain, und es gab sie schon zu Lebzeiten der „Iron Lady“, die 2013 87-jährig an den Folgen einer Demenzerkrankung verstorben ist.

Wer wie ich in den 80er Jahren aufgewachsen ist, wird sich an das bedrückende Dreigestirn Reagan-Thatcher-Kohl noch gut erinnern. 1990 reiste ich mit einer Klassenkameradin für zwei Wochen sehr günstig nach Südengland. Wir wohnten bei einem jungen englischen Paar, beide arbeitslos, er bärtiger Seemann und politisch aktiv gegen die „Poll Tax“, die englische Kopfsteuer. Seinen Hass auf Thatcher erinnere ich noch gut. Ebenso gut erinnere ich das Frühstück, das er uns morgens pfeifend zubereitet hat: in 2 cm hoher Fettsoße ersoffene Rühreier serviert mit lauwarmen Baked Beans auf knusprigem Toast. So etwas erlebt man nur in England. Zwei Tage lag ich mit einer Lebensmittelvergiftung im Bett, während mich die beiden verflohten Familienlabradore abwechselnd besuchten. Aber es waren nette Leute, kind people.

Kurzum: Man sollte nicht danach fragen, was eigentlich freundliche Zeitgenossen dazu treibt, sich eine Ermordung ihres Regierungsoberhauptes vorzustellen, sondern eher, warum es immer wieder Personen in Führungspositionen schaffen, die Gefühle von tiefstem Hass in sonst friedliebenden Menschen heraufzubeschwören in der Lage sind. Ich habe mir über dieses Phänomen lange Zeit Gedanken gemacht, und bin letztendlich zu dem Ergebnis gekommen, dass es sich nicht nur um eine, nach Melanie Klein, projektive Identifizierung handelt, also die unbewusste Übernahme und das Ausagieren verdängter Gefühle des Regierenden durch die Regierten (sehr interessanter Prozess übrigens), sondern auch einfach die Tatsache, dass es Führungspersonen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung gibt, deren Handeln vor allem ein angeknackstes Selbstwertgefühl verdeckt kompensieren soll. Solche Leute dienen nicht den ihnen anvertrauten Menschen, sondern nur den Autoritätspersonen, von denen sie sich selbstwertstabilisierende Anerkennung erhoffen. Offensichtlich war die Thatcher so eine.

Okay, wieder mal abgeschweift. Aber macht ja nichts. Ist ja Weihnachten.

Hilary Mantel also scheint Morrisseys Wunsch nachgekommen zu sein. In ihrer Mordgeschichte wird die Thatcher tatsächlich von einem IRA-Scharfschützen erschossen.

Picture first the street where she breathed her last.

So beginnt die Geschichte. Es ist der Sommer 1983 und die Thatcher unterzieht sich in einer Klinik in der südwestlich an London angrenzenden Stadt Windsor, wo man Vivaldi und Perrier konsumiert, einer Augen-OP. Es ist ein Jahr nach dem für die Briten erfolgreich verlaufenden Falkland-Krieg und ein Jahr vor dem Bombenanschlag der IRA auf das Grand Hotel in Brighton, das die Thatchers mit Glück überleben.

DSC_0120 (3)Die Erzählerin ist eine Anwohnerin in der Nähe des Krankenhauses, die von ihrem Schlafzimmerfenster aus einen hervorragenden Blick auf den Hintereingang des Hospitals hat. An dem Tag, an welchem die Thatcher entlassen wird, verschafft sich ein IRA-Scharfschütze Zugang in ihr Haus. Es entspinnt sich ein interessantes Kammerspiel, in welchem sich beide bei einer Tasse Tee über das Für und Wider eines Attentats unterhalten, und bei welchem die Erzählerin sich mehr und mehr für das Vorhaben erwärmen kann, dem Attentäter sogar eine vorteilhafte Fluchtmöglichkeit unterbreitet.

Das Zeitkolorit der frühen 80er Jahre wird von Mantel überzeugend eingefangen. Die britische Klassengesellschaft mit ihrem Snobismus spiegelt sich zum Beispiel in Auseinandersetzungen darüber, ob man Zucker in den Tee nimmt oder nicht. Jilly Cooper und Adrian Mole lassen grüßen.

‚Make us another brew. And put sugar in it this time.‘

‚Oh,‘ I said. I was flustered by a failing in hospitality. ‚I didn’t know you took sugar. I might not have white.‘

‚The bourgeoisie, eh?‘

I was angry. ‚You’re not too proud to shoot out of my bourgeois sash window, are you?‘

He lurched forward, hand groping for the gun.

Die Mantel hat Humor und ich musste beim Lesen nicht nur einmal schmunzeln. Die Leserin nimmt Anteil an der emotionalen Wankelmütigkeit der Erzählerin, die zwischen Abgrenzung zum bildungsfernen Sniper und Identifikation mit der Sache hin- und herschwankt.

I had said to him earlier, violence solves nothing. Bit it was only a piety […] , and if I thought about it, I felt a hypocrite. It’s only what the strong preach to the weak: you never hear it the other way round; the strong don’t lay down their arms.

Besonders hervorzuheben ist Mantels Prosa, die sich so liest, wie sich eine ayurvedische Abyanga Stirnguss-Massage anfühlt. In der Filmsprache würde man wohl von längeren Kameraschwenks reden, die mit auktorialer Souveränität ganze Umgebungen in ihren Details szenisch einfangen und so eine Stimmung von leichter Erhabenheit vermitteln. Mir hat das gefallen, vor allem auch deshalb, weil es ein ganz eigener, lyrischer Stil ist, der mir so vorher noch nicht untergekommen ist.

Ich freue mich schon auf die anderen Geschichten in „Die Ermordung der Margaret Thatcher“, einem schönen Buch für die Weihnachtszeit. Im Januar strahlt arte die sechsteilige BBC-Serie „Wolf Hall“ aus. Ich werde dabei sein. Wer nicht so lange warten kann, schaut sich vielleicht noch einmal den wirklich gelungenen und unterhaltsamen Film „The Iron Lady“ mit Merryl Streep an.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern des Blogs eine entspannte und, falls möglich, erholsame Weihnachtszeit!

—-

Bilder

Espressotasse: © Nevit Dilmen [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)%5D, via Wikimedia Commons

alle anderen Bilder: almathun

MEISTER DES LICHTS – Ben Okri meets Mr. Turner

MEISTER DES LICHTS – Ben Okri meets Mr. Turner
ben_okri_in_tallinn
Ben Okri

Je kürzer die Tage werden, desto mehr entwickelt man einen Geschmack für alles, was großformatig und knallig bunt daherkommt. Letzte Woche ertappte ich mich dabei, wie ich den seit 15 Jahren im Bücherregal vernachlässigten Roman von Ben Okri, Astonishing the Gods (1995), herauszog und mich an dem turneresquen Buchcover mitsamt den glitzernden Goldlettern ergötzte. *rotwerd* Schummrige Erd- und Lichtfarben, nebulöse Andeutungen gotischer Architektur, gekonnt verwischt in der Dynamik subjektiver Wahrnehmung des Erhabenen.

Damals, vor 15 Jahren, hatte ich gerade einmal 7 Seiten geschafft, bevor ich den Roman wieder zur Seite legen musste, mit einem Gefühl von Übersättigung erfüllt, das einen zum Beispiel nach vier Wochen Adventszeit inklusive dreier Weihnachtstage beim Anblick eines Christstollens überkommt. Doch nun, um einiges reifer, geduldiger und vor allem weiser, wollte ich es noch einmal wissen.

Lost in wonder, he stared at the white harmonic buildings round the square. He noticed their pure angles, their angelic buttresses, and their columns of gleaming marble. […] He noticed how all things invisible seemed to become attentive to the glorious singing which poured a golden glow into the limpid moonlight. He found himself smiling.

Worum geht’s eigentlich? Ein jungerDSC_0003 Mann erfährt, dass er zu den Unsichtbaren gehört, als Unsichtbarer geboren wurde. Er macht sich auf den Weg, die Welt per Schiff zu bereisen, um hinter das Geheimnis des Sichtbaren zu kommen und sichtbar zu werden. Schon bald verschlägt es ihn auf die wunderschönste, aber gleichzeitig mysteriöse Insel der Unsichtbaren, eine Zwischenwelt, wo er etliche Prüfungen bestehen muss, um letztendlich in die Gemeinschaft der Unsichtbaren aufgenommen zu werden.

Das Buch handelt von einer Identitätswerdung, aber nicht im westlichen Sinne von mehr Substanz und Sichtbarkeit, sondern, im Gegenteil, mehr im Sinne einer spirituellen Suche nach den mythischen Wurzeln des Menschseins. Okri, der in der postkolonialen Tradition schreibt, scheint hier ein sehr individuelles Konzept für sich entwickelt zu haben, um eine Antwort auf das Problem der Identitätssuche der ehemals kolonialisierten Völker zu finden. Afrikanische Mythen gehen hier in einem christlich-bombastischen Diskurs des Erhabenen und Heiligen auf, wobei die Sprache anfangs noch konkret bleibt (s. Beispiel), sich später aber immer mehr in glänzender Diffusität auflöst.

WIN_20151129_154045Obwohl etwa neunzig Prozent des Buches im obigen Stile verfasst sind, später noch göttlich-wundervolle Einhörner dazwischentrappeln, hat man doch das Gefühl, von der unbarmherzigen Kitschkeule weitestgehend verschont zu bleiben. Sonderlich spannend ist das alles trotzdem nicht, teilweise sogar extrem ermüdend. Vielleicht hat der Herausgeber diese Leser/innenreaktion bereits vorausgeahnt, und, ein alter Trick, das Buch in unzählige Mini-Kapitel aufgeteilt. Der Roman liest sich stellenweise wie eine Utopie, die mir jedoch, ganz im Huckleberry-Finnschen Sinne, eher dystopisch vorkam. In diesen zuckersüßen Himmel will ich nicht.

Einen himmelsgleichen Sehnsuchtsort ganz anderer Art erschafft der Brite Mike Leigh in seinem Film „Mr. Turner„. Mein gezielter Griff in die heimische DVD-BoxDSC_0020 auf der Suche nach Glanz und Gloria, Licht und Farben wurde belohnt. Mr. Turner aus dem Jahr 2014 erstreckt sich über 2.5 Stunden und ist ein Genuss für alle Sinne. Leigh, der mit seinen Filmen als Vertreter des realistischen, englischen Sozialdramas bekannt wurde, hat hier ein bild- und stimmungsgewaltiges Historiendrama geschaffen, das sich dem Leben und Schaffen des englischen Malers William Turner widmet, voller Ironie, aber auch Achtung und Respekt vor der Sensibilität des Künstlers und den erschwerten Lebensumständen der Menschen im 19. Jahrhundert.

Turner wird als eine Art „menschliches Schwein“ portraitiert, im besten Sinne des Wortes. Ein hochsensibler Mann voller Empathie und der Fähigkeit das Schöne zu erfahren, bleibt er aufgrund seiner schweratmenden Körperlichkeit und seinem Heisshunger nach Schweineköpfen doch immer dem allzu Irdischen verhaftet. So wie das Licht in Turners Bildern durch die dunklen Wolkenmassen dringt, so bricht die innere Schönheit des Künstlers, seine Empathie, immer wieder durch die schwere Materie seiner ruppigen Körperlichkeit, sei es im Mitgefühl für einen geschundenen Esel oder die versklavten Afrikaner auf den Sklavenschiffen der Engländer.

Quelle: YouTube

Ich für meinen Teil denke, das Erhabene wird nur dann für die Betrachter erfahrbar, wenn es sich aus der brutalen Realität menschlicher Existenz herausentwickelt. Das Ringen darum ist ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen Tragödie. Okris Text, so mein Eindruck, fußt in einem Konzept aber nicht in der Erfahrung selbst, deshalb hat mich die Story bis auf zwei Ausnahmen recht kalt gelassen. Mike Leighs Film ist über weite Strecken ungeschminkt realistisch (z.B. isst man Schweinsköpfe oder lehnt in grunzender Kopulation am Bücherregal), umso ergreifender sind dann aber die wenigen Momente des Lichts und die musikalisch dicht untermalten Szenen, die sich der Suche nach dem Licht widmen. Die schönste Szene ist und bleibt diejenige, in der Turner in ganzer Ergriffenheit, am Klavier begleitet, Didos Klagelied „When I am Laid in Earth“ aus Purcells Oper „Dido und Aeneas“ grunzt. Da suhlt man sich in der ganzen Schönheit dieser Kunst.

——-

  1. Ben Okri: von Metsavend (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons
  2. alle anderen Bilder by almathun

 

LESUNG: Jonathan Franzen – UNSCHULD (in Hamburg)

LESUNG: Jonathan Franzen – UNSCHULD (in Hamburg)
Thalia Theater, Hamburg.

Eine halbe Million Besucher sollen es laut einer Thalia Mitarbeiterin an jenem Abend des 8.10.2015 gewesen sein, die sich nach der Lesung im Foyer des Theaters drängelten, um ihre Bücher vom amerikanischen Superstern am Literaturhimmel, dem Jonathan Franzen, signieren zu lassen. Diese erfrischende Form des Understatement war eine Wohltat inmitten des hanseatischen Mobs, der sich kultiviert gebend seinen Weg zum begehrten Weltstar bahnte. Aber ich übertreibe etwas.

Das Gedrängel am Signiertisch, das so manchen Wutbürger auf den Plan rief, hatte sich sogar bis Göttingen herumgesprochen, wo Herr Franzen tagsdrauf ein weiteres Mal aus seinem neuen Roman „Unschuld“ las. Zustände wie auf einem Take That-Konzert hätte es in Hamburg gegeben, deshalb baten Autor und Veranstalter die Zuhörer darum, nur eine Schlange vor dem Signiertisch zu bilden.

Wie hatte es soweit kommen können?

In den Begrüßungsworten zu Beginn der Veranstaltung wurde mehrfach darauf hingewiesen, dass Hamburg eine besondere Ehre zuteil geworden sei, denn hier, im tollen Hamburg, würde Herrn Franzens erste Lesung in Deutschland stattfinden, noch vor der LitCologne. Die 1000 Besucherinnen im ausverkauften Thaliatheater zeigten sich zunächst hanseatisch unbeeindruckt. Erst als die Veranstalter darum baten, auf Wunsch des Autors, später, nach der Lesung, bitteschön KEINE Fotos geschweige denn Selfies von bzw. mit Herrn Franzen am Signiertisch zu machen, lockerte sich die Stimmung merklich auf und es wurde fröhlich gekichert. Weiterhin wurde darauf hingewiesen, dass man die Lesung nach Weihnachten, am 27.12. um 20 Uhr, auf NDR Kultur hören könne.

Die Moderation des Abends hatte FAZ-Literaturchefin Felicitas von Lovenberg übernommen. Viel sah oder hörte man aber nicht von ihr, denn den Großteil des Abends bestritt Jonathan Franzen allein auf der Bühne, im Zwiegespräch mit seinen Leserinnen und Lesern. Frau von Lovenberg musste/konnte/durfte während der Vorlesephasen die Bühne verlassen, was auf mich etwas befremdlich wirkte, denn der Stuhl neben Mr. Franzen blieb demnach meistens leer, so als warte man noch auf jemanden, was dem Abend einen etwas flüchtigen, Beckett’schen Beigeschmack verlieh.

Beeindruckt und in gleichsam teilnahmsvoller Rührung folgten die Zuhörer Herrn Franzens Ansprache an das Publikum, denn er redete vor allem deutsch, ein sehr gutes Deutsch, wenn er an manchen Stellen und mit fortgeschrittener Stunde auch etwas ins Schlingern kam. Trotzdem sehr beachtlich, muss ich sagen, und so manch eine kleine, charmante Sprachkreation, wie z.B. „Sie sind heute meine experimentalen Kaninchen„, wurde vom Publikum in liebevoller und erheiterter Weise begrüßt. Denn allein dies ist ja schon ein Liebesbeweis an das Land, in dem der jüngere Franzen als Student in Berlin, Anfang der 80er, studiert hatte. Die Amerikaner, die sich die Mühe machen, eine Fremdsprache zu lernen, kann man womöglich an einer Hand abzählen, vor allem diejenigen, die es nicht aus Businessgründen tun. Also Hut ab vor Herrn Franzen! Er hat meinen ganzen Respekt.

Drei Passagen hat Jonathan Franzen auf deutsch vorgelesen, eine auf englisch. Die englische gehört zu meinen Lieblingsszenen im Buch und behandelt das Gespräch der Enthüllungsjournalisten Leyla Helou mit der Schnellrestaurant-Mitarbeiterin Phyllisha Babcock, in Amarillo, Texas. (Ein kleiner Auszug aus der Szene). Hier kommt Jonathan Franzens Sinn für Humor voll zum Tragen, der immer dann Blüten treibt, wenn Charaktere beschrieben werden, die gar nicht wissen, dass sie komisch sind.

DSC_0010Einiges Neues konnte man an diesem Abend über den Roman erfahren, wenn ich mir auch ein wenig mehr Analyse oder Interpretationsansätze gewünscht hätte. Ich denke, das kann man einem Publikum durchaus mal zumuten, es muss nicht immer nur Geplänkel auf der Inhalts- und Figurenebene in Verbindung mit der Biografie und den Intentionen des Autors sein. Die Siri Hustvedt Lesung hatte mich damals im Juni in eine geistige Extase versetzen können, weil hier eben ganz andere Register gezogen wurden, die zur intensiven Auseinandersetzung mit den Themen des Romans inspirieren konnten.

Die Eingangsfrage von Frau von Lovenberg fand ich ziemlich gut, nämlich, ob er, Jonathan Franzen, Beziehungen für genauso schlimm halte wie das Internet. Diesen Eindruck hätte man als Leser/in. Leider ging der Autor darauf nicht wirklich ein. „That’s a devilish question,“ sagte er nur, worauf Lovenberg rekurrierte, er, Franzen, habe ja das Faustzitat an den Anfang des Romans gesetzt. „Das stimmt,“ so der Autor. Leider war der Faust dann kein Thema mehr. (Faust, Mephisto und das naive Gretchen in meiner Besprechung des Romans vom 4. Oktober).

Der Titel „Purity“ sei ihm von Anfang an etwas peinlich gewesen, so Franzen, deshalb habe er der weiblichen Protagonistin diesen Namen gegeben und ihn dann kurzerhand mit „Pip“ abgekürzt. Der Titel entstamme vor allem seiner Beschäftigung mit dem Werk von Karl Kraus, der oft die „Reinheit der deutschen Sprache“ eingefordert hatte.

Reinheit sei ein Begriff, um einen radikalen Idealismus zu verstehen. Extreme Bewegungen jeglicher Art würden sich immer auf irgendeine Art von „Reinheit“ beziehen. Pip sei die einzige ohne Idealismus, ganz anders als ihre Elterngeneration, allen voran ihre Hippiemutter Annabel. So habe er den Titel „Purity“ ironisiert und für sich entschärfen können.

Eine besonders schöne Stilblüte gelang dem Autor im Gespräch über Andreas Wolf, der „mit seiner unmöglichen Mutter einen Alpentraum hätte.“ Weil alle anwesenden Norddeutschen diese Wortkreation einfach zu schön fanden, wurde Mr. Franzen dahingehend nicht korrigiert.

Die Frage aus dem Publikum, ob seine neuen Romane Fortsetzungen der alten seien, verneinte Herr Franzen. Die Figuren interessierten ihn nach dem Schreiben nicht mehr. „A book isn’t done, if there still can be done something with the characters,“ so der Autor, aber „I wonder what happened to Gary [aus den Corrections] sometimes.“ Außerdem könne er Figuren nicht noch einmal verwenden, sobald die Rechte an z.B. Filmproduzenten verkauft worden seien.

Was nicht ausbleiben durfte, war natürlich die Frage nach dem deutschen Titel „Unschuld,“ der vielen Leser_innen als Missgriff erscheint. Franzen blieb hier sehr vage, „was weiß ich,“ bzw. „it’s not a random choice.“ Da gestern die Lesung in Göttingen per Livestream online gezeigt wurde, konnte ich in Erfahrung bringen, dass „Unschuld“ durchaus Sinn mache, so Franzen in Göttingen, weil sich alle Charaktere im Roman aus unterschiedlichsten Gründen schuldig fühlten. Vermutet wurde jedoch bereits an anderer Stelle, dass der Rowolthverlag nach dem letzten Titel „Freiheit“ keinen fast gleichlautenden Titel verwenden wollte. Anyways.

Das Fernsehen sei kein Feind mehr, so der vormals fernsehfeindlich eingestellte Franzen anschließend. Es habe in den letzten Jahren bewiesen, durchaus komplexere Erzählmethoden anwenden zu können.

The enemy is stupid, brief stimuli, not coherent narrative. TV uses storytelling techniques that novels have developed for centuries. TV is the novel’s little brother.

Das mit dem „kleinen Bruder Fernsehen“ hatte Frau von Lovenberg angesprochen. Der große Gesellschaftsroman des 19. Jahrhunderts sei tot, das wusste Jonathan Franzen schon vor 20 Jahren. Solche Erzählungen spielten sich jetzt v.a. auf Bildschirmen ab. Dass er mit dieser Einsicht seinen Frieden geschlossen hat, konnte man ihm durchaus ansehen.

Aber was macht das Lesen von Romanen zu etwas ganz Besonderem?

Es ist die Innerlichkeit und Psychologie sowie die unmittelbare, geistige Verbindung des Schriftstellers mit den Lesern. So könne man sich auch noch Jahrhunderte später mit schon lang verstorbenen Autoren ganz nah verbunden fühlen. Dies sei der Zauber der Literatur, so Lovenberg, die besondere Beziehung, die die Zeiten überdauere.

Wie oben schon erwähnt, hätte ich mir durchaus etwas tiefergehendere Analysen gewünscht.

Das wahre Abenteuer begann NACH der Lesung, denn es entstand ein Run auf den Signiertisch des Autors im Foyer des Theaters.

Aufgrund einer strategisch günstigen Ausgangslage, gelang es mir innerhalb weniger Minuten, mich in zirka zwei Metern Entfernung von Herrn Franzens Tisch und seiner Gefolgschaft zu positionieren. Dort stand ich dann allerdings eine geschlagene halbe Stunde, aber lieber am Anfang einer Schlange warten, als an ihrem Ende, vor allem wenn man sich in Hör- und Sichtweite des Objekts der literarischen Begierde befindet.

WIN_20151010_130242 (2)Als ich endlich an die Reihe kam, hatte sich meine anfängliche Nervosität etwas gelegt und war einer überhitzten Müdigkeit gewichen. Halb im Traume stand ich nun vor ihm, nur eine Tischbreite entfernt, aber es musste alles ganz schnell gehen.

Ein Herr, der urplötzlich von hinten links an mich herantrat, entriss mir meine beiden Bücher, „Purity“ und „How to be Alone“, schlug sie ratzfatz an passender Stelle auf und ermahnte mich drängelnd zur Eile. Sprachlos war ich, hatte ich mir doch ein paar Fragen sorgfältig überlegt, sodass Herr Franzen die Initiative übernehmen musste und seine erste gewagte Signatur in den Essayband setzte. „You have to tell me what to do,“ so der Autor unter Druck, und ich war wieder etwas wacher, nannte und buchstabierte ihm etwas peinlich berührt meinen Namen, den er dann als Widmung auf die erste Seite von „Purity“ schrieb, mit Ausrufungszeichen, um keine Zweifel aufkommen zu lassen.

Oh, liebe Leserinnen und Leser, von da an schwebte ich nur noch auf Wolke Nummer Sieben, ein glücklicher Franzen-Fan. Im hanseatischen Nieselregen unter einem sternenlosen Himmel, sprang ich am Ende eines ereignisreichen Abends, übermütig und vom Glücke beseelt, die mehreren Hundert Meter ohn‘ Unterlass und in freudiger Erregung zum Hauptbahnhof, wo bereits mein Zug wartete und mich sicher nach Hause beförderte. Purity an mein Herz gedrückt, schlief ich um etwa drei Uhr nachts endlich ein.

______

Bilder:

  1. Deckenbeleuchtung im Thalia Theater, Hamburg: almathun
  2. Thalia Theater: von Armin Smailovic (www.thalia-theater.de) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)%5D, via Wikimedia Commons
  3. Herr Franzen and parts of Frau von Lovenberg on stage: almathun
  4. Signierte Purity-Seite: almathun

Susan Sontag: Regarding the Pain of Others (2003)

Susan Sontag: Regarding the Pain of Others (2003)

WIN_20150815_094944Dieses wunderbare Buch erreichte mich vor ein paar Wochen aus Berlin. Ein herzliches Dankeschön geht an die Schröersche Buchhandlung für den Hinweis auf den Essay und die charmante Gestaltung der Paketsendung.

Regarding the Pain of Others“ (Das Leid der anderen betrachtend) erschien ein Jahr vor Susan Sontags Tod und 25 Jahre nach ihrer wegweisenden Essaysammlung „On Photography„, die sich ebenfalls mit der Rolle der Fotografie in Geschichte und Gegenwart beschäftigt.

Wie der Titel bereits impliziert, geht es Sontag in den neun Kapiteln ihres Buches einerseits um das in Fotografien dargestellte Leid, zum anderen aber auch um die Rolle des Bildkonsumenten. Ihren Schwerpunkt legt sie auf die Kriegsfotografie.

Als Aufhänger dient ihr die Frage eines Lesers, der Virginia Woolf 1937 fragte: „How in your opinion are we to prevent war?“ Zu einer Zeit, in der sich ein zweiter Weltkrieg bereits ankündigte und in Spanien der Bürgerkrieg tobte. Woolf zog zur Beantwortung dieser Frage Fotografien aus den Bürgerkriegsgebieten heran und kam zu dem Ergebnis, dass diese Bilder jeden normal empfindenden Menschen veranlassen müssten, der Kriegstreiberei abzuschwören und ein Ende aller kriegerischen Auseinandersetzungen einzufordern.

Da dies offensichtlich nicht so ist, veranlasst Sontag auf die Spurensuche zu gehen.

Chicago, 2006
Chicago, 2006

Sie will die Frage beantworten, ob sich Fotografie als Mittel des Widerstandes und der Aufklärung überhaupt eigne, für den guten Zweck dienstbar gemacht werden könne. Das ist ihr politisches und moralisches Anliegen. Eine klare Positionierung, die sich vom ästhetischen Rigorismus einer l’art pour l’art-Haltung abwendet und für die sie oft genug, v.a. aus französischen Kreisen, kritisiert wurde.

Eine stringente Argumentationsweise und klare Linie darf man in diesem Essay allerdings nicht erwarten. Das ist auch gar nicht nötig, denn die Ausgangsfrage hat sich schon bald selbst beantwortet. Vom historischen Standpunkt aus betrachtet hat Fotografie in dieser Hinsicht versagt. Sie kann die echte Erfahrung des Kriegserlebnisses nicht transportieren, somit zwar kurzfristig einen Schock oder Entsetzen im Bildkonsumenten verursachen, aber keine bedeutsame Veränderung bewirken.

Sontag steckt in den neun Kapiteln ein weites Territorium ab, das sie mit der Leserin gemeinsam abschreitet. Die Argumentation erledigt sich irgendwie am Rande, während die Autorin beschreibt, vergleicht, abwägt und mulitperspektivisch unterschiedliche Ansichten zu einzelnen Themenbereichen aufgreift, wieder fallen lässt oder weiterführt. Sie entwirft ein Panorama, ein Gemälde, das die Beziehung zwischen Krieg und seiner fotografischen Begleitung in all seinen Facetten aufzeigt. Ein wenig mehr Systematik hätte ich mir trotzdem gewünscht.

Hier eine kleine Auswahl der Fragen und Themen, die sie beschäftigen:

  • die Geschichte der Kriegsfotografie (jedoch keine langweilig chronologische Abhandlung)
  • die Funktion von Schockbildern, auch zur Kriegsmobilisierung der Gesellschaft.
  • der Irrglaube, Fotografie zeige das GANZE Elend der Welt (Frage: Was zeigt Fotografie NICHT?)
  • wie Fotos unser Wissen, unser Verständnis und unsere Erinnerung von Greueltaten ersetzen (s. Bilder aus Konzentrationslagern)
  • wie Fotografien nicht nur abbilden sondern v.a. auch definieren.
  • der leidende Körper in der christlichen Ikonografie und die Ähnlichkeit zu seiner Repräsentation in Kriegsreportagen
  • Inszenierung und Authentizität von Fotografien
  • Zensur
  • emotionale Reaktionen auf Fotografien (von Mitleid bis Desensibilisierung)
  • uvm.

Es ist anstrengend aber zugleich auch sehr informativ und abwechslungsreich

Portrait Susan Sontag von Juan Fernando Bastos

Susan Sontag zu folgen. Es sind aber, wie oben schon gesagt, die „Trümmer“ und Bruchstücke ihres profunden Wissens, die sie aneinanderreiht und miteinander verwebt. Die Einordnung in das eigene Denksystem und Wissenrepertoire muss man dann selbst übernehmen. Sie bietet keine Orientierung, ihr Darstellungsstil zwingt zur aktiven Teilnahme.

Was mich inhaltlich am meisten berührt und beeindruckt hat, war die Erwähnung von Ernst Friedrichs Fotoband „Krieg dem Kriege!“ von 1924, der nach dem 1. Weltkrieg quasi als Schocktherapie und mit Bildunterschriften in vier Sprachen veröffentlich worden ist. Er zeigt darin mehr als 180 Fotos aus Militär- und medizinischen Archiven, u.a. 24 Bilder, die brutale Gesichtsverletzungen von Soldaten zeigen und der Bevölkerung vorenthalten wurden. Ziel war es die „wickedness of militarist ideology“ zu enttarnen. Es hat politisch längerfristig nichts bewirkt.

Ich habe mich während der Lektüre gefragt, ob der Weg über den Sehsinn zur „Bekehrung“ der Menschheit nicht eigentlich falsch ist und in unserer Gesellschaft überbewertet wird. Die neuronalen Verknüpfungen zum Empathiezentrum in unserem Gehirn sind, so vermute ich mal, bei den meisten Menschen einfach zu kompliziert bzw. inzwischen verschüttet. Die Hoffnung liegt m.E. im Gehörsinn. Ohren kann man nicht einfach schnell mal verschließen und das, was wir hören, erreicht uns sofort und zeitigt in den meisten Fällen eine direkte emotionale Reaktion. Oftmals hat das, was wir einmal gehört haben, sogar jahre- wenn nicht sogar lebenslange Auswirkungen auf unser Befinden und kehrt, wie ein Ohrwurm oder eine bekannte Melodie, immer wieder zurück in unser Bewusstsein. Es ist nicht der Anblick des sterbenden oder toten Soldaten, sondern das Surren der Fliegen an seinem Gesicht oder sein letztes Röcheln, das sich in die Erinnerung eingräbt. Nicht an ein Bild gebunden, entfalten diese Eindrücke erst ihr ganzes Potential.

Der Essay bietet übrigens KEINE Bilder, was erstaunlich ist. Sontag gelingt es hervorragend, den Schrecken der Bilder in Worten wiederzugeben. „The form of the narrative does not wear out.“ sagt sie selbst, und

„Pictures DON’T tell us everything we need to know.“

Somit ist ihr Essay auch eine Wertschätzung der Sprache und ein Plädoyer für den Rückbezug auf die Macht des geschriebenen Wortes.

—-

Portrait Susan Sontag: von Juan Fernando Bastos (Eigenes Werk) [CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Siri Hustvedts „Blazing World“ und Phillip Toledano

Siri Hustvedts „Blazing World“ und Phillip Toledano

Siri Hustvedt werden die meisten Leser/innen dieses Blogs kennen. Bei Phillip Toledano bin ich mir nicht so sicher. Mir war der sehr gut aussehende Fotograf aus New York bis vor ein paar Tagen noch nicht bekannt. Einige seiner beeindruckenden Bildserien kann man in den Deichtorhallen in Hamburg im Rahmen der 6. Triennale der Photographie sehen.

Am bekanntesten sind davon sicherlich „Days With My Father“ (2006-09) über die letzten Jahre, die Toledano mit seinem an Demenz erkrankten Vater verbracht hat,  „A New Kind of Beauty“ (2008-10) über Menschen, die ihre Körper der plastischen Schönheitschirurgie unterzogen haben sowie „Maybe„(2011-15), in denen er Blicke in die Zukunft wagt, um zu sehen, was das Schicksal für ihn bereithält. Hier gibt es ein atmosphärisches Video zur Ausstellung, die ich nur empfehlen kann: The Day Will Come When Man Falls.

Deichtorhallen, Hamburg. Haus der Photographie. 2015.
Deichtorhallen, Hamburg. Haus der Photographie. 2015.

Es mag am Konzept der Ausstellung liegen, welches als verbindendes Element der Fotoserien Toledanos „Spurensuche nach sich selbst“ erkennt, sodass der biographische Bezug des Werkes einen von Anfang an fast erdrückt. Und das ist jetzt nicht im negativen Sinne gemeint. Mir ist während der Ausstellung aufgefallen, wie sehr mir eine sofort einsetzende Identifikation mit Teilen der Biographie des Künstlers dabei geholfen hat, das Werk mit geschärftem Interesse wahrzunehmen und es auf mich wirken zu lassen. So funktioniere ich. Erkenntnis Nummer Eins.

Es waren vor allem die psychoanalytischen Erläuterungen, die nicht nur Toledano anbietet (z.B. sein Versuch in „Maybe“ Zukunftsängste durch Konfrontation zu exorzieren) sondern auch das Kuratorium (über die gelungene Ausstellungs-App für 3€), ein parallel laufender Film über das Leben des Künstlers oder der Begleittext an den Wänden und Bildern, die bei mir Wirkung zeigten. Meine innere Narzisstin ist vor Freude an die Decke gesprungen.

Die Biographie des Künstlers als Kunstprodukt?

Mich beschlich schon bald das ungute, später faszinierende Gefühl, dass die dem Betrachter zu jeder Bildserie direkt ins Gesicht geriebene Biographie des Künstlers möglicherweise selbst nur ein Kunstprodukt ist. Funktioniert Toledanos Kunst ohne die Bezüge zur Biographie überhaupt? Wäre sie genauso erfolgreich, wäre er ein eher unscheinbarer Mann oder sogar eine Frau? Wird bald die Bombe platzen und Toledano mit der Wahrheit herausrücken? Wird dies dann die letzte Wahrheit sein oder auch nur Teil seiner Konzeptkunst, die das Augenmerk auf die Verknüpfung von Biographie und Kunstwerk legt?

Hier kommt dann Siri Hustvedt ins Spiel. Ihren Roman „The Blazing World“ habe ich vor ein paar Wochen gespannt gelesen, und zwar von Anfang an bis zum Ende, and in English. (Hier geht’s zur Lesung in Hamburg)

Der Roman spielt in der New Yorker Kunstszene und handelt von einer Künstlerin, Harriet Burden, die jahrelang um Aufmerksamkeit und Anerkennung im Kunstbetrieb kämpft, erfolglos, bis sie auf die Idee kommt, drei ihrer Installationsobjekte männlichen Künstlern zuzuschreiben, ihren „Masken“. Und siehe da, es klappt. Die Kunstwelt schlägt Purzelbäume, die drei männlichen „Masken“ werden in den Medien hochgelobt und -stilisiert. Harriet Burdens Experiment hat geklappt und ihre Theorie, dass die Wahrnehmung des künstlerischen Objektes ganz stark von unserer Wahrnehmung des Künstlers geprägt ist, hat sich für sie bestätigt.

All intellectual and artistic endeavours, even jokes, ironies, and parodies, fare better in the mind of the crowd when the crowd knows that somewhere behind the great work or the great spoof it can locate a cock and a pair of balls.

(Lustige Randbemerkung: in amerikanischen Rezensionen wurde das obige Zitat häufig nach „spoof“ abgebrochen undDSCN7999 (2) dann mit „if there is a man“ o.ä. ersetzt. LOL)

Doch was sagt uns das über den Wert der Frau in unserer Gesellschaft? Während der Toledano-Ausstellung fragte ich mich  manchmal, ob nicht seine perfekten Zähne, sein attraktives Äußeres sowie sein imaginiertes cock & balls – Set ausschlaggebend für meine positive Wahrnehmung der Bilder sein könnten. Steckt vielleicht sogar eine Frau, seine Frau, oder Siri Hustvedt hinter den Fotografien? Ist Toledano eine Maske?

Ich möchte jetzt nicht im Einzelnen auf den Inhalt von The Blazing World eingehen. Sehr gut gefallen haben mir die multiplen Erzählperspektiven, die sich um Harriet Burden kreisen und ein schillerndes Bild der Künstlerin ergeben. Der Roman ist keine langweilige Nabelschau einer im Selbstwertgefühl verletzen Ich-Erzählerin. Das wäre auch zu einfach. Er handelt meiner Meinung nach v.a. von einer Frau, die versucht, für sich eine Identität als Künsterlin zu schaffen, durch harte Arbeit, gedanklichen Wagemut, leidenschaftliches Interesse und ein tiefes Verständnis für die Materie, mit der sie sich jeden Tag beschäftigt. Sie ist keine Maske, die hohle Worte um sich wirft zum Zwecke der beeindruckenden Selbstdarstellung und Vermarktung, sondern eine Frau aus Fleisch und Blut, die bis in die letzte Faser von Körper, Geist und Seele, alles für sie Wichtige aufnimmt, verdaut, einordnet, verknüpft und in ihrer Kunst verarbeitet. Bei einem Mann würde man vermutlich sofort den Genie-Begriff aus dem Halfter ziehen.

Für mich war der Roman außerdem ein wichtiger, ergänzender Bestandteil meiner Rezeption der Phillip Toledano Ausstellung, auf den ich nicht verzichten möchte. Mein Blick ist für die Zukunft geschärft worden. Erkenntnis Nummer Zwei.

Beide, Ausstellung sowie Roman, kann ich nur wärmstens empfehlen.

—-

Foto von Siri Hustvedt: By Smalltown Boy at de.wikipedia [Public domain], via Wikimedia Commons