Vögel im Kleinformat

Vögel im Kleinformat

Zwei kleinformatige Schmuckstücke aus dem hiesigen Antiquariat habe ich gestern im Umtausch gegen drei schlechte CDs erhalten.

Sie sind im Landbuchverlag in Hannover 1965 und -68 erschienen.

Das erste nennt sich „Vogelvolk im Garten“ und wurde von einem obskuren Autoren namens „Fortunatus“ verfasst. Auf etwa 140 kleinformatigen Seiten werden die in den 60er Jahren häufigsten Gartenvögel in Wort und Bild vorgestellt. Und ich betone in den 60er Jahren, denn einige der Arten wird man heutzutage (vergeblich) lange suchen müssen, wie z.B. den Wendehals oder den Distelfink, Vogel des Jahres 2016. Der Autor schreibt im Klappentext, er/sie habe 21 Vogelarten im Garten am Stadtrand gezählt. Ich bin heute auf gerade einmal fünf gekommen. Selbst für die Winterzeit ist das wenig. Es ist traurig. Es muss endlich Schluss sein mit dem ausufernden Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft. In acht von zehn Brötchen findet sich Glyphosat. Also auch der Mensch leidet, nicht nur die Tierwelt.

In kleineren Kapiteln werden insgesamt 35 Gartenvögel vorgestellt. Von jeder Vogelart gibt es ein Farbfoto. Und diese Fotos sind wirklich ein Augenschmaus. Warum? Eben weil es keine mit Photoshop aufgetakelten Digitalfotos sind. Die Farben wirken angenehm erdig und beruhigend, wenig kontrastreich, teilweise etwas über- oder unterbelichtet, aber weil sie so unaufgeregt daherkommen, die Farben nicht so aufdringlich sind, kann man sich besser auf das Motiv und seine natürlichen Eigenheiten konzentrieren und somit den Vogel später in der Natur besser wiedererkennen.

Auch die Beschreibungen der Vögel sind sehr charmant. So erfährt man über die Heckenbraunelle, dass sie

„ein bescheidener und zurückhaltender Vogel“ sei. „Die Hochzeit der Braunelle hat für uns etwas Rührendes an sich. Das Weibchen sitzt mit zitterenden Flügeln da, und das Männchen geht mit ebenso zitternden Flügeln um das Weibchen herum. […] Man muß freilich Glück haben, wenn man diesen Hochzeitstanz beobachten will. Die Braunelle liebt nun einmal die Stille und Heimlichkeit des Unterholzes und der Hecken.“

Wie in jedem guten Vogelbestimmungsbuch finden sich auch hier Beschreibungen der Vogelstimmen. Die Heckenbraunelle gibt ein „scharfes tsi tsi“ von sich. „Der Gesang ist ein eiliges, leises Zwitschern. Im Flug ein trillerndes dididi.“ Sehr schön.

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Das zweite Buch heißt „Der fliegende Edelstein“ von Walter von Sanden-Guja. Auf etwa 70 kleinformatigen Seiten wird der Jahreslauf eines Eisvogels geschildert. Stilistisch erinnert das an rührende Vorlesegeschichten der Kinderzeit mit einem leichten Hang zur Personifikation.

„Die Otter hatten eine ganz andere Zeiteinteilung. Sie verschliefen die Tagesstunden und fischten von der Abenddämmerung bis kurz nach Sonnenaufgang. […] Regelmäßige Gäste an dem Flusse der Eisvögel waren die ganzen Sommer hindurch die schwarzen Waldstörche. Sie hatten ihren Horst weit ab auf einer alten Esche in dem einsamen Bruch eines großen Waldes.“

Gibt es heutzutage überhaupt noch Bruchwälder? Wer weiß, was ein Bruchwald ist?

Die Schilderungen der Autoren zeugen von einer erhöhten Beobachtungsgabe und Aufmerksamkeit.

Man kann nur schützen, was man kennt. Deshalb sind diese Bücher so wichtig.

peregrinus, teil 2 (1967)

peregrinus, teil 2 (1967)

Die Schweinegrippe hat ihre Klauen gelockert. Es war meine erste, echte Grippe, und die Erkenntnis, die in den letzten drei Wochen in mir gewachsen ist, lautet, dass die Menschheit nicht gesünder sein kann als der Planet auf dem sie lebt. Die Menschheit hat die Ärzte, die sie verdient. Unser Planet hat keinen Arzt, der gegen seine größte Plage zu Felde ziehen würde. Ist das jetzt gut oder schlecht?

John Alec Baker (1926-87), dessen Buch „Der Wanderfalke“ (engl. The Peregrine) 1967 WIN_20160305_143148erschienen ist, starb an einem Krebs, der durch ärztlich verabreichtes Codein und injizierte Goldverbindungen, mit denen seine rheumatoide Arthritis behandelt wurde, verursacht worden war. In den 60er Jahren streifte er einen Winter lang durch das ostenglische Essex und schrieb ein Tagebuch, in welchem er mit ausgeprägter Präzision seine Beobachtungen der Avifauna festhielt. Die Landschaft, die er wie ein Maler in allen Farben und Formen beschwört, dient als mythische Kulisse, in welcher er sich mal zu Fuß, mal mit dem Fahrrad auf die Suche nach dem Wanderfalken begibt.

 

DSC_0223 (2)Ich habe das Buch gelesen, weil sich im Dezember letzten Jahres vor meinem Wohnzimmerfenster zwei Wanderfalken am Turm einer Backsteinkirche niedergelassen haben. Ich sehe und höre sie jeden Tag, sehe sie fliegen und ruhen, höre sie krächzen, wobei ihr Ruf in jeden Winkel des Backsteingemäuers dringt, die Stadttauben aufschreckt und die Elstern vertreibt. Sie haben die Wildnis abgelegener Feldmassive in die platte Stadt gebracht.

Mehr wird über ihren Wohnort nicht preisgegeben, denn leider gibt es zu viele waffentragende Vollidioten, die sich Jäger nennen, und die alles abknallen, was sich Greifvogel nennt, auch wenn es das letzte Tier seiner Art wäre. Zur illegalen Greifvogelverfolgung gehören auch Vergiftungen mit Taubenködern. Dies kennt man aus anderen europäischen Städten. Vor ein paar Wochen ist in der Nähe des niedersächsischen Neuhaus bei Cuxhaven ein Seeadler beim Bau seines Nestes abgeschossen worden. Hier geht es aber höchstwahrscheinlich um den Kampf von Windkraftbefürwortern gegen Umweltschützer, denn schon ein einzelnes Seeadlernest kann den Bau weiterer lukrativer Windkrafträder in einem Umkreis von mehreren Kilometern unterbinden. Dem widersetzt sich so mancher, das dicke Geld riechende, kleine Deichgraf auf seine eigene, ihm wohlvertraute Art und Weise. Aber so wie ein Mensch lebt, so wird er auch sterben. Das ist eine alte Weisheit, die sich schon oft bewahrheitet hat.

Die Gefahren, denen Greifvögel ausgesetzt sind, gibt es, seit es Menschen gibt. Bakers

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1963, zwei tote Adler. Vermutlich mit die ersten Greifvögel, die nach der Veröffentlichung von Rachel Carsons Buch „Silent Spring“ auf Pestizide untersucht wurden.

Wanderfalke erschien ein paar Jahre nach der einflussreichen Studie „Silent Spring“ (dt. Der Stumme Frühling) von Rachel Carson (1962), in welcher die Autorin die verheerenden Folgen von gedankenlos ausgebrachten Pestiziden, v.a. DDT, in der Landwirtschaft beschreibt. Dieses Buch hat die Umweltbewegung in den USA maßgeblich initiiert und beeinflusst wie kein anderes. Hierzulande ist Glyphosat nicht erst seit ein paar Wochen in aller Munde, v.a. bei deutschen Biertrinkern, aber kann ein Skandal wie dieser heutzutage überhaupt noch ein Umdenken der Menschen bewirken?

Ich befürchte, dass es nicht möglich ist, denn der Bauer fürchtet nur das, was er sehen kann. Skandale existieren nur so lange, wie sie von den kurzatmigen Medien unterhalten werden. Ängste und Sorgen werden dank der Technologisierung des Lebens schnell weggezappt, und erst die Krebsdiagnosen lassen die aufmerksamkeitsgestörten Mitglieder der Spaß- und Erlebnisgesellschaft aus allen Wolken fallen. Dann ist es aber zu spät. Nach den Ursachen forschen die Wenigsten, weil sie es auch nie gelernt haben. Sie haben keinen Zugriff mehr auf die Realität. Der nahende Tod lässt sich nicht löschen, das Leben nicht upgraden oder downloaden. Sie sterben einfach. Vermutlich mit ihrem Smartphone in der Hand, den eigenen Tod bei Twitter postend.

Die Wanderfalken standen in den 60er und 70er Jahren kurz vor ihrer Auslöschung, auch in Großbritannien. J.A. Baker schreibt:

Spring evening; the air mild, without edges, smelling of damp grass, fresh soil, and farm chemicals.There is less bird-song now.[…]

Few winter in England now; fewer nest here […] the ancient eyries are dying.[…]

We are the killers. We stink of death. We carry it with us. It sticks to us like frost. We cannot tear it away.

Das auf die Felder ausgebrachte DDT bewirkte eine Störung des Kalkhaushaltes der Vögel, so dass deren Eierschalen immer dünner wurden. Da die meisten Wanderfalken in Felsen oder auf Steinen brüten, kann man sich die Auswirkungen einer dünnen Eierschale auf das Gelege gut vorstellen. In Norddeutschland war die Wanderfalkenpopulation bereits ausgestorben. Nur noch in einigen süddeutschen Bundesländern gab es eine handvoll Brutpaare. In den späten 70er Jahren wurde DDT in den meisten europäischen Ländern verboten. Dank des unermüdlichen Einsatzes von Umweltschützern hat sich die Population der Wanderfalken wieder erholt und stabilisiert. Allerdings sind sie immer noch gefährdet, denn der jetzige Bestand hat sich aus dem genetischen Pool des kleinen, in den 70er Jahren übrig gebliebenen Tierbestandes entwickelt. Dieses Prinzip des „genetischen Flaschenhalses“ führt dazu, dass kleinste Veränderungen der Umwelt wieder zu einer Gefährdung der gesamten Population des genetisch nun fast identischen Wanderfalkenbestandes führen können.

Ein Buch, wie das von Baker, wäre heutzutage nicht mehr möglich. Seine ausdauernden, sich wiederholenden Landschaftsbeschreibungen wären ein absolutes No-Go für jeden Verlag, der Bücher nicht nur drucken, sondern auch einem erlebnisverwöhnten Publikum verkaufen möchte. Es passiert kaum etwas. Hier und da ein aufgeschreckter Vogelschwarm, dort ein jagender Wanderfalke.

Three curlew (dt. Brachvögel) landed on the mud, and stepped delicately to the water’s edge. They were uneasy, moving their heads from side to side like dear suspicious of the wind. They were coloured like sand, and mud, and shingle, and the sere grass of the saltings. Their legs were the colour of the sea.

Die zähe, meditative, über 200 Seiten lange, Beschreibung der Landschaft und Avifauna wirft die Leserin auf die Frage nach dem Sinn menschlichen Handelns in dem Rahmen, den die Natur für uns gesteckt hat, zurück. Sehr oft erschöpft sich die Beobachtung des Autors in ihrer eigenen kreativen Verwandlung des Gesehenen, metaphernüberladen, und ein Reflexionsniveau auf abstrakterer Ebene wird nur ansatzweise erreicht. Aber meine Kritik ist nur ein Hilfeschrei angesichts der Hartnäckigkeit des Autors, der jeden menschlichen Eingriff in das Beschriebene konsequent ausklammert und im Keime erstickt. Seine Landschaft ist ein Schutzgebiet und der Mensch hat hier weder Spaß noch Sinn zu suchen, denn beide Anliegen können nur die Zerstörung des Ursprünglichen bedeuten.

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Peregrine Kill, 2016

Dennoch sind seine genauen Beobachtungen für alle ornithologisch interessierten Menschen, und diejenigen, die mit offenen Augen durchs Leben gehen, ein gefundenes Fressen, enthalten viel Wissenswertes aus erster Hand erzählt, Informationen nach denen man Jahre in Fachliteratur suchen könnte ohne fündig zu werden. So lese ich, dass Wanderfalken v.a. die Vögel jagen, die es in einer Gegend am meisten gibt, aber diese Beutetiere müssen eine weiße Markierung haben. Auf meinem Rundgang um die Kirche fallen mir verstreute, weiße Federn auf, die überall im Gras liegen, definitiv Taubengefieder. Hier liegt ein Elsterflügel mit einer weißen Flügelbinde, dort das abgenagte Brustbein einer Ringeltaube mit blutgetränkten, ehemals weißen Federn bestückt. Barker nennt diese Überbleibsel „peregrine kills„, und mit akurater Wissenschaftlichkeit zählt und benennt er jedes erbeutete Tier, fügt es ein in eine Opferliste, die alle paar Tage erneuert wird.

Seine Schilderungen haben in ihrer Präzision etwas Soldatisches an sich. Jede DSC_0208 (2)(Feind-)bewegung wird registriert, v.a. am Himmel, als wolle er nicht von einem plötzlichen Luftangriff (der Deutschen?) überrascht werden. Gleichzeitig bewegt er sich in seinem kleinen Areal und beschreibt dieses als unversehrte, pastorale Landschaft.

The sunlit orchard was very quiet, laned with pale amber light. The only sounds were the songs of thrushes and blackbirds, muted by distance, the occasional call of a moorhen, the creak and rustle of twigs in the wind.

The only movement was the silent threshing of the hawk’s long wings beating through the sunlit aisles. Silent to me; but to mice in the short grass, to partridges hidden and dumb in long grass und the trees, his wings would rasp through the air with the burning whine of a circular saw. Silence they dread; when the roaring stops above them, they wait for the crash.

Just as we, in the war, learnt to dread the sudden silence of the flying bomb, knowing that death was falling, but not where, or on what.

In the mellow sunlight of the warm unclouded spring, the peregrine shone and blinked behind the branches of the apple tree like a setting sun.

Das Drama des Krieges spielt sich wieder in den Lüften ab, die Angst sitzt aber nicht dem Menschen, sondern den Beutetieren des Wanderfalken in den Knochen. Baker identifiziert sich mehr und mehr mit dem Falken, dem Angreifer. Als Leserin kann man nur spekulieren, inwiefern vergangene Kriegserfahrungen des Autors sich nun in der Naturbeobachtung projiziert wiederfinden und somit aus der Distanz heraus emotional zugänglich gemacht wurden.

Das Schweigen und die Stille bedeuten den nahenden Tod. So war es nicht nur während der Luftangriffe der Deutschen, sondern so ist es auch wieder in den 60er Jahren, wenn Vögel, Bienen und andere Insekten nicht mehr zu hören sind, weil das Gift auf den Äckern sie zum Schweigen gebracht hat. In den 60ern war es DDT, heutzutage, im 21. Jahrhundert sind es Glyphosat und Neonicotinoide.

Wollen wir, die Konsumenten, das ändern? Nein, denn es macht ja keinen Spaß, sich mit diesen Informationen zu beschäftigen. Zweitens soll ja alles geil billig bleiben, denn teuer einzukaufen macht keinen Spaß mehr. Und drittens ist es ja nur von Vorteil, wenn man bei 200 kmh auf der Autobahn im Sommer nicht ständig klebrige Insekteninnereien von der Windschutzscheibe wischen und kratzen muss. Macht ja auch keinen Spaß, scheiß Viecher.

Bakers „Wanderfalke“ ist ein trauriger aber gefasster Abgesang auf eine vormals unversehrte und in ihrer Artenvielfalt lebendige Natur. Robert MacFarlane schreibt in seinem Vorwort von der „Atmosphäre eines Requiems“, die die Leser auf jeder Seite umfängt. Wer schon einmal im Frühling unter einem blütenschweren Apfelbaum gesessen hat, und sich über die anhaltende Totenstille in der Baumkrone gewundert hat, weiß, was gemeint ist.

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Silberreiher

Und was bleibt, sind die Erlebnisse, die man jetzt noch in der Natur sammeln kann. Vor ein paar Wochen habe ich durch mein Fernglas hindurch einen Silberreiher durch ein flaches Gewässer waten sehen. Ganz langsam, in Zeitlupe, ab und zu verfing sich der Wind im leuchtend weißen Gefieder, das an dem Vogel anlag, so als hätte eine Mutter ihrem Kind die Haare liebevoll gekämmt und getätschelt. Als der Reiher sein Bein hob und glänzende Wassertropfen herunterfielen, ging so eine Ruhe von diesem Bild aus, dass mir der Atem stockte. Das war eine in ihren anmutigen Details verzaubernde Ballettvorführung der Natur und ich hatte das Glück ihr beizuwohnen.

Ganz anders als das Herumgehoppse des Fleischklopses Mensch, Wichtigtuer auf der Bühne des Lebens, die er sich selbst erst erschaffen musste, denn die Götter sind ihm, aus gutem Grunde, nicht gewogen. So war es schon immer, und so wird es leider auch bleiben.

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Bilder:

Zwei tote Adler: von Seney Natural History Association [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)%5D, via Wikimedia Commons

Silberreiher: von Falosakitas (Eigenes Werk (Originaltext: eigene Arbeit)) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

alle anderen Bilder: almathun, 2016

John Updike – S. (1988)

John Updike – S. (1988)

DSC_0002Bevor sich das Jahr 2015 seinem verdienten Ende zuneigt, habe ich noch schnell an meinem SUB gearbeitet. John Updikes „S.“ lag schon mehrere Monate neben der Ikea-Standlampe und ich möchte das Wohnzimmer vor dem 1.1.2016 einfach sauber haben. Einen ersten Lektüreversuch gab es vor ein paar Monaten bis Seite 45. Jetzt habe ich es doch noch zuende geschafft.

S. ist ein Briefroman und wurde zu einer Zeit geschrieben, als man tatsächlich noch Briefe schrieb, um anderen Menschen wichtige Dinge mitzuteilen. Ein paar, für das Jahr 1988, neumodische Tonbandaufnahmen haben sich auch hineingeschmuggelt. Der Briefroman ist – so vermute ich mal – mit dem Aufkommen der technologisierten Kommunikation Mitte der 90er inzwischen ausgestorben bzw. in die Ecke der historischen Romane verdrängt worden.

S. steht für Sarah Worth, eine 42-jährige, aus wohlhabenden Verhältnissen stammenden Frau, die sich von ihrem Mann Charles trennt, um in einem Ashram in Arizona als Anhängerin des Guru Shri Arhat Mindadali spirituelle Erfüllung zu finden. Sarah ist eine Frau, die dem bequemen, aber tradierten Leben als Hausfrau, Mutter und Vorzeigeobjekt den Rücken kehrt, und nun versucht, in vermeintlicher Unabhängigkeit, ihr Glück zu finden.

Die Briefe sind gänzlich aus Sarahs Perspektive geschrieben und richten sich an den Mann Charles, die Tochter Pearl, die Mutter, den Zahnarzt, die Friseuse, Bänker und andere Personen. Updike versucht sich hier an der weiblichen Perspektive einer „woman on the move“.

Leider muss ich sagen, dass ich seine weibliche Stimme nur ansatzweise gelungen finde. S. soll ein komischer Roman sein, augenzwinkernd erzählt, in der von Updike bekannt detailreichen und eleganten Schreibe. Sarah ist eine Figur, die sich, vom eigenen Familienleben und dem fremdgehenden Ehegatten enttäuscht, nach Liebe in einer engen Kommune sehnt, dort u.a. Egolosigkeit anstrebt, aber, so wird in ihren Briefen schnell deutlich, sich so sehr um sich selbst dreht, dass ihr Bestreben allein dadurch schon ad absurdum geführt wird. Predigt der Arhat, die Illusion und den Schein menschlichen Lebens zu durchschauen und sich davon zu distanzieren, so wird er am Ende des Romans als Amerikaner Art Steinmetz enttarnt, der seine Anhängerinnen reihenweise flachlegt und mit dem Ashram vor allem ökonomische Ziele verfolgt. Die leichte Ironie der Erzählung kippt hier nicht nur einmal in klamaukigen Slapstick um, der als Ziel hat, die Protagonistin und ihre Ambitionen der Lächerlichkeit preiszugeben.

Das läuft die ersten 70 oder 80 Seiten gut, dann hat sich aber dieser Gaul totgelaufen. Der Roman verflacht zusehendst und erreicht am Ende das Niveau einfältiger Hollywoodkomödien. Es beschleicht einen der Eindruck, dass sich der damals 55-jährige Updike in der Übernahme der weiblichen Perspektive vor allem selbst gefällt. Der Film „Tootsie“ war 1982 ein großer Erfolg und kam mir bei der Lektüre nicht nur einmal in den Sinn.

Das Perfide daran: während sich Updike selbstgefällig beider tradierter Geschlechterrollen bedient, sich in der leichtfüßigen Übernahme der Klischees feiert, gesteht er seiner Protagonistin diese Freude und den Erfolg nicht ein. Sie kann nicht aus ihren emotionalen Abhängigkeiten heraustreten, weint am Ende immer noch, obwohl durch veruntreutes Ashram-Geld finanziell abgesichert, ihrem Mann hinterher, der sich mit ihrer besten Freundin neu verheiratet, und bleibt letztendlich allein. Es sind ihre Brüste und ihr knackiger Hintern, die den Arhat für sie eingenommen haben. Updike hat gewonnen. Er hat bewiesen, dass er den Rollenwechsel gewandter beherrscht als all die humorlosen und wenig liebenswerten Feministinnen, die ihm ständig Misogynie vorgeworfen haben.

Es gibt ein paar Szenen im Buch, die wirklich gelungen sind. Es sind vor allem diejenigen, in welchen Sarah scharfsinnig und bissig ihr nahestehende Menschen analysiert und es ihr gelingt, ihren Ärger über die Männerwelt direkt an den Mann zu bringen. Dass sie in diesen Auseinandersetzung nicht das letzte Wort haben darf, ist klar.

Arhat: ‚So it’s jealousy of Durga this is all about. She was in on something you weren’t.‘

Sarah: Shams. That’s what men are. Liars. Hollow frauds and liars. All of them. You’re the nothing, not us cunts. You’re the shunya.

Arhat: ‚Ah, shit, Momma. Suddenly you’re boring me.

[end of tape]

Letztendlich reicht es aber nicht, die etwa 250 Seiten ergiebig zu füllen. Zu viel Geschwätz im Yoga-Lingo, das sich in Oberflächlichkeiten und billigen Klischees erschöpft und darin selbst gefällt. Ich denke, gerade Literatur im Romanformat hat mehr Potential und Möglichkeiten die Welt zu beschreiben. Updikes sprachliche Virtuosität, ja, sie ist beeindruckend und frech, aber ohne inhaltliche Tiefe leiert auch sie nach einiger Zeit in ihrem Ausdruck aus. Es ist gut, dass die Form der leichten und komödiantischen Unterhaltung heutzutage vor allem im Fernsehen bei den Sitcoms ein neues Zuhause gefunden hat.

Ergänzung:

Im Deutschlandfunk gibt es eine Reihe mit Denis Scheck zu den „Dead White European Males“ in der amerikanischen Literatur, die man in der Mediathek nachhören kann: Büchermarkt Deutschlandfunk

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern des Blogs einen guten Rutsch ins neue Jahr 2016.

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Bilder: almathun

 

WILDE PALMEN von William Faulkner (1939)

WILDE PALMEN von William Faulkner (1939)

William Faulkners „Wilde Palmen„(1939) ist vor kurzem in der ZEIT Bibliothek der verschwundenen Bücher neu herausgegeben worden. Die deutsche Übersetzung stammt aus dem Jahre 1957 (Braem & Kaiser). Das feine, grasfroschgrüne Exemplar auf dem Foto habe ich bei „Lesen macht glücklich“ gewonnen. Herzlichen Dank noch einmal an MARC.

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Zimmerpalme meets wilde Palme.

Ob sich William Faulkner mit dieser Ausgabe angefreundet hätte, wage ich allerdings zu bezweifeln. Die ursprüngliche Version des Romans besteht nämlich aus zwei unabhängigen, aber ineinander verzahnten Geschichten: „Wilde Palmen“ und einer weiteren Story namens „Der Strom“ (im engl. „Old Man“), die sich kapitelweise abwechseln und kontrapunktisch ergänzen. Weshalb „Wilde Palmen“ nun einzeln gedruckt wurde, ist mir auch im persönlichen Nachwort von Jens Jessen – dessen ZEIT-Kolumne „Jessens Tierleben“ ich sehr gerne lese – nicht ganz klar geworden.

Was die ZEIT hier mit der wilden Palme und dem alten Mann gemacht hat, ist nichts Geringeres als das, wovon schon Aristophanes in Platons „Gastmahl“ erzählt, wenn er über die Ursprünge der erotischen Begierde in seinem Mythos vom Kugelmenschen berichtet, wonach Göttervater Zeus die kugeligen, durch die Weltgeschichte rollenden Körper der glücklich vereinten Menschen für ihren Übermut in jeweils zwei Hälften teilt. So entstanden die heutigen Zweibeiner, die sich ohn Unterlass nach ihrer anderen Hälfte sehnen, um sich wieder mit ihr zu vereinigen. Aber der glückselige Urzustand kann – einmal aufgesplittet –  nicht mehr erreicht werden.

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Lachish Relief, British Museum (700-692 v. Chr.)

Weiterhin hatte Faulkner für seinen Roman ursprünglich den Titel „If I Forget Thee, Jerusalem“ vorgesehen, aus dem „Psalm 137“, der den sehnsüchtigen Klagegesang der aus Jersusalem vertriebenen Israeliten wiedergibt. Faulkners Verlag Random House war das aber egal.

Was schade ist, denn der Titel wäre der Thematik des Romans viel näher gekommen als „Wilde Palmen“. Außerdem gibt es sehr viele Ortswechsel, was der Geschichte eine gewisse Rastlosigkeit verleiht. Von der Mississippi Golfküste geht es nach Chicago, später nach Utah und San Antonio in Texas, um nur einige Locations zu nennen. Wäre ich Leo von Leos Literarischen Landkarten, dann würde ich jetzt die Reiseroute von Charlotte Rittenmeyer und ihrem Liebhaber Henry Wilbourne quer durch die USA anhand einer Karte verdeutlichen.

„Wilde Palmen“ ist eine Liebesgeschichte, die tödlich endet. Die „Jungfrau“ Henry trifft auf die verheiratete Charlotte, sie verlieben sich, reisen durch die USA, um Arbeit zu finden oder die Liebe vor dem Alltagstrott zu retten, und enden tragisch, als Henry an Charlotte eine illegale Abtreibung durchführt und diese an den Folgen stirbt.

Da die andere Hälfte des Buches auf mysteriöse Weise verschwunden ist, mag ich jetzt gar nicht weiter über den Roman schreiben. Beeindruckt haben mich weniger die Charaktere und ihre Geschichte, sondern vor allem die Sprache Faulkners und seine Beschreibungen der Natur und des Settings, vor allem die Passagen an der windigen aber gleichzeitig milden Golfküste und in der rauen, eiskalten und abgelegenen Bergbausiedlung in Utah.

…er […] folgte dem tanzenden Strahl seiner Lampe, […] ging durch die trennende Oleanderhecke und hinein in den ungestüm und ungemindert daherfegenden Seewind, der die unsichtbaren Palmen drosch und über das harsche, salzige Gras des verwahrlosten Nachbargrundstücks wischte; und da sah er in dem anderen Haus das matte Licht. „Sie blutet, was?“, sagte er. Es war bewölkt; der unsichtbare Wind blies stark und stetig in den unsichtbaren Palmen von der unsichtbaren See her – ein harsches, stetiges Rauschen, voll vom Murmeln der Brandung gegen die vorgelagerten, abgrenzenden Inseln, Landzungen und Sandsteinklippen – gleich Basteien, gesäumt von geschüttelten, dürftigen Pinien. „Hämmorraghie?“ (S. 18)

Die Dramatisierung des Plots gipfelt am Ende der Geschichte in einer Personifizierung der Naturerscheinungen.

…und die ganze Nacht stöhnte und heulte eine Boje draußen im Fluss, und die Palme vorm Fenster drosch und peitschte, und kurz vorm Morgen schlug der Schwanz des Hurrikans mit gellendem, hetzendem Schrei zu. Nicht der Hurrikan selbst – der galoppierte irgendwo im Golf weiter und weiter -, nur der Schwanz war es, ein Schütteln seiner vorbeifliegenden Mähne, die am Ufer die trübgelbe Flut drei Meter hochtrieb und sie zwanzig Stunden lang nicht fallen ließ, die durch die wilde, wütende Palme tollte, deren immer noch trockenes Dreschen über das Dach der Zelle wischte, ….

Das liest sich wie ein Höllenritt auf dem Hexenbesen der Endlos-Sätze, die hier repräsentativ für das verzweifelte Innenleben des sonst merkwürdig passiv wirkenden Protagonisten stehen. Im Krankenhaus, einer Gefängniszelle und einem Gerichtssaal findet die Geschichte ihr Ende und kontrastiert damit das ungestüme Leben und Lieben mit und in der überall hineindrängenden Natur, die hier auch Sinnbild für den in lang ersehnter und nun endlich erfüllter Sexualität aufgeblühten Menschen ist.

Es geht um einen großen, menschlichen Verlust,

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William Faulkner, 1954.

hervorgerufen durch das unnatürliche „Herumpfuschen“ an der Natur. Charlotte will bzw. kann nicht den natürlichen Lauf der Dinge akzeptieren und ein weiteres Kind zur Welt bringen. Mit ihrer freien Entscheidung sich von der „natürlichen Bestimmung“ der Frau zu distanzieren, hat sie in Faulkners „Wilde Palmen“ ihr Todesurteil unterschrieben. Mit dem Thema Abtreibung nimmt der Roman im zweiten Drittel an Fahrt auf, wird aber nie zum Thesenroman, sondern stellt die emotionale Zerrissenheit und Verzweiflung des Menschen als natürliche und gleichzeitig zum freien Willen befähigte Kreatur in den Mittelpunkt.

Ich will es. So ist es also doch das alte Fleisch, einerlei wie alt. […], und darum verging, als SIE verging, auch die Hälfte der Erinnerns, und wenn ich vergehen werde, wird alles Erinnern aufgehört haben zu sein. – Ja, dachte er, vor die Wahl gestellt zwischen dem Leid und dem Nichts wähle ich das Leid. (S. 218)

Die halbierte Fassung des Romans lohnt wegen Faulkners sprachlicher Kunst selbst in der deutschen Übersetzung und kann als Einstieg in die Vollversion aus beiden Geschichten, Wilde Palmen+Der Strom, verstanden werden. Da der Doppelroman häufig unter dem Einzeltitel „Wilde Palmen“ verkauft wird, kann ich nur empfehlen, vor dem Kauf genauestens ins Innere des Buches zu schauen, sollte man sich für die vom Autor intendierte Fassung interessieren. Es wäre vergebliche Liebesmüh‘, erst beim Lesen nach der verschwundenen zweiten Hälfte der ohne Echo verbliebenen, wild um sich peitschenden Palmen zu suchen.

Bilder:

Lachish Relief: Photograph by Mike Peel (www.mikepeel.net). [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, via Wikimedia Commons

William Faulkner: Carl Van Vechten [Public domain], via Wikimedia Commons

alle anderen Bilder: almathun

 

MEISTER DES LICHTS – Ben Okri meets Mr. Turner

MEISTER DES LICHTS – Ben Okri meets Mr. Turner
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Ben Okri

Je kürzer die Tage werden, desto mehr entwickelt man einen Geschmack für alles, was großformatig und knallig bunt daherkommt. Letzte Woche ertappte ich mich dabei, wie ich den seit 15 Jahren im Bücherregal vernachlässigten Roman von Ben Okri, Astonishing the Gods (1995), herauszog und mich an dem turneresquen Buchcover mitsamt den glitzernden Goldlettern ergötzte. *rotwerd* Schummrige Erd- und Lichtfarben, nebulöse Andeutungen gotischer Architektur, gekonnt verwischt in der Dynamik subjektiver Wahrnehmung des Erhabenen.

Damals, vor 15 Jahren, hatte ich gerade einmal 7 Seiten geschafft, bevor ich den Roman wieder zur Seite legen musste, mit einem Gefühl von Übersättigung erfüllt, das einen zum Beispiel nach vier Wochen Adventszeit inklusive dreier Weihnachtstage beim Anblick eines Christstollens überkommt. Doch nun, um einiges reifer, geduldiger und vor allem weiser, wollte ich es noch einmal wissen.

Lost in wonder, he stared at the white harmonic buildings round the square. He noticed their pure angles, their angelic buttresses, and their columns of gleaming marble. […] He noticed how all things invisible seemed to become attentive to the glorious singing which poured a golden glow into the limpid moonlight. He found himself smiling.

Worum geht’s eigentlich? Ein jungerDSC_0003 Mann erfährt, dass er zu den Unsichtbaren gehört, als Unsichtbarer geboren wurde. Er macht sich auf den Weg, die Welt per Schiff zu bereisen, um hinter das Geheimnis des Sichtbaren zu kommen und sichtbar zu werden. Schon bald verschlägt es ihn auf die wunderschönste, aber gleichzeitig mysteriöse Insel der Unsichtbaren, eine Zwischenwelt, wo er etliche Prüfungen bestehen muss, um letztendlich in die Gemeinschaft der Unsichtbaren aufgenommen zu werden.

Das Buch handelt von einer Identitätswerdung, aber nicht im westlichen Sinne von mehr Substanz und Sichtbarkeit, sondern, im Gegenteil, mehr im Sinne einer spirituellen Suche nach den mythischen Wurzeln des Menschseins. Okri, der in der postkolonialen Tradition schreibt, scheint hier ein sehr individuelles Konzept für sich entwickelt zu haben, um eine Antwort auf das Problem der Identitätssuche der ehemals kolonialisierten Völker zu finden. Afrikanische Mythen gehen hier in einem christlich-bombastischen Diskurs des Erhabenen und Heiligen auf, wobei die Sprache anfangs noch konkret bleibt (s. Beispiel), sich später aber immer mehr in glänzender Diffusität auflöst.

WIN_20151129_154045Obwohl etwa neunzig Prozent des Buches im obigen Stile verfasst sind, später noch göttlich-wundervolle Einhörner dazwischentrappeln, hat man doch das Gefühl, von der unbarmherzigen Kitschkeule weitestgehend verschont zu bleiben. Sonderlich spannend ist das alles trotzdem nicht, teilweise sogar extrem ermüdend. Vielleicht hat der Herausgeber diese Leser/innenreaktion bereits vorausgeahnt, und, ein alter Trick, das Buch in unzählige Mini-Kapitel aufgeteilt. Der Roman liest sich stellenweise wie eine Utopie, die mir jedoch, ganz im Huckleberry-Finnschen Sinne, eher dystopisch vorkam. In diesen zuckersüßen Himmel will ich nicht.

Einen himmelsgleichen Sehnsuchtsort ganz anderer Art erschafft der Brite Mike Leigh in seinem Film „Mr. Turner„. Mein gezielter Griff in die heimische DVD-BoxDSC_0020 auf der Suche nach Glanz und Gloria, Licht und Farben wurde belohnt. Mr. Turner aus dem Jahr 2014 erstreckt sich über 2.5 Stunden und ist ein Genuss für alle Sinne. Leigh, der mit seinen Filmen als Vertreter des realistischen, englischen Sozialdramas bekannt wurde, hat hier ein bild- und stimmungsgewaltiges Historiendrama geschaffen, das sich dem Leben und Schaffen des englischen Malers William Turner widmet, voller Ironie, aber auch Achtung und Respekt vor der Sensibilität des Künstlers und den erschwerten Lebensumständen der Menschen im 19. Jahrhundert.

Turner wird als eine Art „menschliches Schwein“ portraitiert, im besten Sinne des Wortes. Ein hochsensibler Mann voller Empathie und der Fähigkeit das Schöne zu erfahren, bleibt er aufgrund seiner schweratmenden Körperlichkeit und seinem Heisshunger nach Schweineköpfen doch immer dem allzu Irdischen verhaftet. So wie das Licht in Turners Bildern durch die dunklen Wolkenmassen dringt, so bricht die innere Schönheit des Künstlers, seine Empathie, immer wieder durch die schwere Materie seiner ruppigen Körperlichkeit, sei es im Mitgefühl für einen geschundenen Esel oder die versklavten Afrikaner auf den Sklavenschiffen der Engländer.

Quelle: YouTube

Ich für meinen Teil denke, das Erhabene wird nur dann für die Betrachter erfahrbar, wenn es sich aus der brutalen Realität menschlicher Existenz herausentwickelt. Das Ringen darum ist ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen Tragödie. Okris Text, so mein Eindruck, fußt in einem Konzept aber nicht in der Erfahrung selbst, deshalb hat mich die Story bis auf zwei Ausnahmen recht kalt gelassen. Mike Leighs Film ist über weite Strecken ungeschminkt realistisch (z.B. isst man Schweinsköpfe oder lehnt in grunzender Kopulation am Bücherregal), umso ergreifender sind dann aber die wenigen Momente des Lichts und die musikalisch dicht untermalten Szenen, die sich der Suche nach dem Licht widmen. Die schönste Szene ist und bleibt diejenige, in der Turner in ganzer Ergriffenheit, am Klavier begleitet, Didos Klagelied „When I am Laid in Earth“ aus Purcells Oper „Dido und Aeneas“ grunzt. Da suhlt man sich in der ganzen Schönheit dieser Kunst.

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  1. Ben Okri: von Metsavend (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons
  2. alle anderen Bilder by almathun

 

1979: DORIS LESSING – Canopus im Argos: Archive; Betr.: Kolonisierter Planet 5; SHIKASTA; Persönliche, psychologische und historische Dokumente zum Besuch von JOHOR (George Sherban); Abgesandter (Grad 9); 87. der Periode der Letzten Tage

1979: DORIS LESSING – Canopus im Argos: Archive; Betr.: Kolonisierter Planet 5; SHIKASTA; Persönliche, psychologische und historische Dokumente zum Besuch von JOHOR (George Sherban); Abgesandter (Grad 9); 87. der Periode der Letzten Tage

Auszüge aus: BEMERKUNGEN der Bloggerin Almathun über den Roman SHIKASTA von Doris Lessing (1979). LEITFADEN FÜR LESENDE DES ROMANS IN VERGANGENHEIT, GEGENWART UND ZUKUNFT

Mir liegt die deutsche Erstauflage des Fischer Verlags von 1983 vor. WIN_20151107_210239

Doris Lessings erster Science Fiction Roman von 1979 ist nichts Geringeres als eine Weltchronik der Menschheit aus der Perspektive einer wohlwollenden und vernünftigen Intelligenz, die ihr Machtzentrum auf dem Planeten Canopus im Argos hat. Lessing war so begeistert von diesem Konzept, dass innerhalb weniger Jahre vier weitere Bände dieser Serie erschienen. Auf die so entstandene Canopus-Pentalogie war sie immer besonders stolz und bezeichnete sie als ihre wichtigste Errungenschaft.

1977 war das Sternenepos Star Wars in den amerikanischen Kinos angelaufen. Die Zeichen standen auf großangelegte, mehrteilige Epen, die in die unendlichen Weiten des Universums verlegt wurden und dabei in alttestamentarischer Manier den Kampf von Gut gegen Böse neu aufzuwärmen verstanden. Mit Prinzessin Leia ist hier erstmals eine starke, mit Laserpistolen herumfuchtelnde, freche Frau im Weltall unterwegs. Über die Frisur werde ich mich jetzt nicht auslassen.

Jean-Francois Lyotard

1979, fast zeitgleich mit Shikasta, veröffentlicht Jean-Francois Lyotard seine wegweisende Studie „Das postmoderne Wissen“, in welcher er „Das Ende der großen Erzählungen“ postuliert. Meta-Erzählungen oder Mythen, die bestehende Machtstrukturen legitimierten, indem sie die Erfahrung der Machtlosen ausklammerten oder verzerrten, hätten an Bedeutung verloren.

[Es gibt sie in allen Religionen (Patriarchat), dem Marxismus, der konventionellen Geschichtsschreibung oder in Propagandafilmen à la Hollywood. In der Populärkultur feiert die Meta-Erzählung weiterhin fröhliche Urstände. Bloggerin Almathun]

WEITERE ERLÄUTERUNGEN aus dem Lesetagebuch von Almathun: Ausgewählte Materialien

Shikasta nun, um Himmels willen, ist all dies zusammen. Auf den ersten 200 Seiten wird reichlich zäh und ermüdend die Vorgeschichte der Menschheit auf dem Planeten Rohanda (= die Blühende), später, nach einer kosmischen Katastrophe Shikasta (= die Verletzte) genannt, nachgezeichnet. Frei nach Erich von Däniken sind die Menschen ein Experiment der Canopäer zum Zwecke der Kolonisierung des Planeten.

Dieser erste Teil ist langatmig wie Geschichten aus der Bibel oder andere religiöse Mythen. Berichte des canopäischen Emissärs Johor vermischen sich dabei mit Auszügen aus einem fiktiven Geschichtsbuch zur Entwicklung Shikastas, Band 3012, für Erstsemester des Faches „Canopäische Kolonialherrschaft“ geschrieben, und weiteren Materialien. Schon hier wird der fragmentarische Erzählstil des Romans eingeführt, der zum Ende hin die konventionelle Erzählstruktur komplett aufbricht.

Diesen ersten Teil des Buches habe ich nur mit äußerster Mühe und Not durchgestanden, so öde war das alles. Die Erzählerfigur Johor, ein (unbeabsichtigt?) moralisierender Spießer mit paternalistischen Zügen, trägt ihr Übriges dazu bei.

In diesem korrupten und schrecklichen Zeitalter konnte der junge Mann dem Druck von allen Seiten, der ihn vom Pfad der Pflicht abzubringen versuchte, nicht entgehen, und er erlag ihm schließlich, kaum fünfundzwanzig Jahre alt. Er war sich bewusst, dass er etwas Schlimmes tat. Junge Menschen haben oft Augenblicke gedanklicher Klarheit, die mit zunehmendem Alter seltener und verschwommener werden.

Die allwissende Erzählperspektive, auch wenn sie als Ich-Erzählung aufgezogen ist, fordert ihren Tribut. Zuviel telling, zu wenig showing. Das ist auch der Grund, weshalb die alten Klassiker so schwer zu lesen sind. Unsere postmodernen Gehirnstrukturen halten diesen Meta-Einheitsbrei einfach nicht mehr aus.

ALMATHUN fährt fort

Aber, dem Himmel sei Dank, habe ich den Roman doch weitergelesen. Je mehr sich die Geschichte dem 20. Jahrhundert nähert, desto zusammenhangloser wird die Struktur (Briefe und Tagebucheinträge unterschiedlicher Shikastianer wechseln sich fröhlich ab) und desto realistischer und sozialkritischer wird die Darstellung des Geschehens.

Es scheint, als wolle Lessing in ihrem Roman u.a. die Entwicklung der Historiographie auf formaler Ebene nachzeichnen [Fußnote 1], da die neuere Geschichtsschreibung auch auf eine vielseitigere Quellenlage rekurrieren und somit eben bislang ungehörte Stimmen aufgreifen kann, die in den großen Erzählungen der Vergangenheit keinen Platz fanden. Im Roman wird die subjektive Konstruktion von Geschichte aus einzelnen Puzzleteilen deutlich vor Augen geführt.

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Die letzte Seite des Berichts zur 87. Periode der Letzten Tage. (Eintritt in die Menopause?)

Damit zeichnet sie in der narrativen Struktur des Romans die Ontogenese der Historiographie nach, so wie Joyce es im Ulysses auf der sprachlichen Ebene für die Entwicklungsgeschichte der englischen Sprache getan hat. Lessing konnte die Digitalisierung des Wissens nicht voraussehen, deshalb bleibt der Roman auch in seiner Schilderung des Dritten Weltkrieges und der anschließenden Verurteilung der weißen Rasse bei Tagebucheinträgen und Briefwechseln als fiktives Quellenmaterial stehen. Hier hätte ich mir dann doch etwas mehr Experimentierfreude gewünscht, wie z.B. ein paar VHS-Kassetten in dem Literaturverzeichnis für Studierende ganz am Ende des Romans.

ALMATHUN berichtet weiter

Innerhalb dieser großen Meta-Erzählung zur Geschichte der Menschheit auf Shikasta verfolgt Lessing ein weiteres Großprojekt. Waren die alten Mythen vor allem Ausdruck patriarchalischen Herrschaftsverständnisses und Interpretation der Welt in diesem Sinne, in der die weibliche Erfahrung und die anderer unterdrückter Gruppen ausgeklammert wurde, gewinnen sie in Shikasta endlich an Geltung, eingebettet in eine ebensolche große, mächtige und sinnstiftende Erzählung.

In den Tagebucheinträgen von Rachel Sherban schreibt sich eine ganz persönlich gehaltene, weibliche Stimme in den Roman ein, in der Schilderung des Prozesses gegen die weiße Rasse am Ende des Romans, kommen die unterdrückten Völker der Erde in ihrer Anklage zu Wort. Interessanterweise wird hierfür eine neue Figur eingeführt, ein Chinese, Genosse Chen Liu, Spion der stärksten Nation am Ende des 20. Jahrhunderts. Seine systemkonformen Berichte an den Rat in Peking werden parallel durch seine Privatkorrespondenz mit einem Freund, in der er sich vor allem systemkritisch äußert, wieder relativiert.

In Shikasta finden sich nicht nur Anleihen aus den ersten Schriften über die menschliche Frühgeschichte wieder, sondern auch Elemente aus der in den 70er Jahren aktuellen Populärkultur. Die 3er-Konstellation von Prinzessin Leia, Luke Skywalker und Han Solo in Star Wars zeigt auffällige Parallelen zum Gespann des Geschwistertrios Rachel, Benjamin und George Sherban. In einer Szene tritt sogar ein haariges Chewbacca-artiges Fellwesen auf, das nur jaulend kommuniziert und Johor tatkräftig zur Seite steht.

Wie um zu beweisen, dass sie ganz bestimmt keine Feministin ist, denn das hat die Lessing immer strikt von sich gewiesen, lässt sie die weibliche Erzählstimme Rachel Sherban kurz vor dem Ende Selbstmord begehen. Sie hatte sich den Anweisungen ihres Bruders George widersetzt. Das letzte Wort haben wieder die männlichen Shikaster, die jungen Müttern zu ihren neu geborenen Söhnen gratulieren. Die Mütter wünschen sich keine Töchter, freuen sich ganz offensichtlich mehr über Jungen. Dies hinterlässt in der allgemeinen Freude über die letztendlich geglückte Utopie friedlichen Beisammenseins am Ende des Romans einen widerlichen Nachgeschmack und wirft berechtigte Zweifel an der Glaubwürdigkeit des gesamten Kolonialberichtes sowie der Fortschrittlichkeit der Kolonialmacht Canopus auf.

WIN_20151108_085745Der Roman hat mich phasenweise wirklich begeistert, vor allem zum Ende hin wurde er richtig poetisch und auch ergreifend. Davon hätte ich mir mehr gewünscht. Hauptdarsteller ist jedoch die auffällige Struktur des Buches, die noch während der Lektüre den Denkprozess in Wallung bringt und über die etwas ambivalente, fragwürdige Ideologie der Geschichte hinwegtröstet, denn gerettet werden die Menschen vor den bösen Energien des Planeten Shammat ausschließlich von männlichen Figuren. Kein Abgesandter kommt auf die Idee, sich als Frau zu reinkarnieren. Der Roman zelebriert eine erzkonservative Gesinnung im postmodernen Gewand, gespickt mit sozialkritischem Realismus und Anleihen an den Marxismus. Weniger ist manchmal mehr, Frau Lessing.

Hoch anrechnen muss man der Autorin, dass es ihr gelingt die humanen Grundwerte unserer Zivilisation gegen die Tendenzen der postmodernen Auflösung zu verteidigen. In welchem Verhältnis muss das Individuum zur Gemeinschaft stehen, um ein friedfertiges und effektives Zusammenleben zu gewährleisten? Ihre Dystopie verwandelt sich am Ende in eine Utopie, weil die Menschen ein Ideal vermittelt bekommen, einen Soll-Zustand, an dem sie sich orientieren können. Sie zeigt, dass ein wünschenswertes Bild einer Zukunft konstruiert und über kulturelle Rituale die Erinnerung daran gepflegt werden muss. Bildung und Erziehung, zum Erwerb und der Pflege der Kulturtechniken, auch Empathie gehört dazu, sind der Motor des sozialen Wandels.

Somit enthält der Roman auch eine immer noch aktuelle Kritik am Ist-Zustand der Hier & Jetzt-Ideologie des Kapitalismus, die die Notwendigkeit des totalen Konsums zur beglückenden, ego-geleiteten Bedürfnisbefriedigung als quasi-religiösen Utopieersatz einfordert.

Ob ich jedoch die anderen vier Teile der Canopus-Pentalogie lesen werde, steht noch in den Sternen.

Fußnote 1: Mir ist nicht bekannt, ob diese Idee bereits an anderer Stelle entwickelt wurde, würde mich über Literaturhinweise diesbzgl. freuen, falls dies so sein sollte.

Bilder:

  1. Lyotard: Bracha L. Ettinger [CC BY-SA 2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)%5D, via Wikimedia Commons
  2. Foto vom Buchumschlag und der letzten Seite sowie der Pilzwiese: Almathun

DORIS LESSING – To Room 19 (1963)

DORIS LESSING – To Room 19 (1963)

ESPRESSOMASCHINE TEIL 4

Heute:

Doris Lessings‘ Kurzgeschichte „To Room 19“ (1963)

„Life’s just much too hard today,“
I hear ev’ry mother say
The pursuit of happiness just seems a bore
And if you take more of those, you will get an overdose
No more running for the shelter of a mother’s little helper
They just helped you on your way, through your busy dying day.

Der Rolling Stones Song über das Beruhigungsmittel Valium, das sich in den 60ern trotz seines beachtlichen Suchtpotenzials innerhalb der amerikanischen Mittelschicht großer Beliebtheit erfreute, traf 1966 den Nerv der Zeit.

Doris Lessing, 2006.

In Doris Lessings Erzählung „To Room Nineteen“ aus dem Jahr 1963 wird das Leben der Susan Rawlings beschrieben, von den Anfängen ihrer Beziehung mit ihrem Mann Matthew, der Eheschließung, der vierfachen Elternschaft, bis zu ihrem Selbstmord.

Die Geschichte ist eine ausführliche, psychologische Studie des „Trapped Housewife Syndroms“ ohne allerdings eine Kampfansage gegen das Patriarchat zu sein. Lessing hat es immer abgelehnt, als Feministin bezeichnet zu werden.

Trotz allem enthält „To Room Nineteen“ eine Menge Kritik an der Institution Ehe und Kernfamilie, wie sie in den 60er Jahren üblich war, aber auch an den beteiligten Menschen, die meinen, die Fallstricke umgehen zu können, indem sie sich der Gefahren bewusst sind. Das sich aus dem anfänglichen Gefühl der Liebe speisende System ist jedoch stärker als jede rationale Vorsichtsmaßnahme, es erstickt die Liebe, saugt sie aus wie die Spinne ihr Opfer.

Die Rawlings werden anfangs wie ein Paar beschrieben, das alles richtig macht. Susan steht wie ihr Mann mit beiden Beinen im Berufsleben und will wieder dorthin zurückkehren, sobald die Kinder in der Schule sind. Das gemeinsame Leben im großen, mit Hypotheken belasteten Haus, den vier Kindern und der Zugehfrau, fordert jedoch bald seinen Tribut, Zweifel kommen auf.

Their life seemed to be like a snake biting its tail. […] A high price had to be paid for the happy marriage with the four healthy children in the large white gardened house.

Bald schon geht Matthew fremd und Susan wird auf sich selbst zurückgeworfen. Immer stärker wird das Bedürfnis nach selbstbestimmter Zeit, der Wunsch, sich von der Familie komplett zurückzuziehen. Alles geht ihr auf die Nerven, aber des lieben Friedens willen frisst sie ihren Frust in sich hinein. Sie richtet sich ihren eigenen Raum, „Mother’s Room„, im Haus ein, aber auch hier findet sie keine Ruhe, fühlt sich von einem Dämonen verfolgt. Es beginnt der langsame Verfall Susans.

something inside her howled with impatience, with rage… and she was frightened. ‚Dear God, keep it away from me. Keep him away from me.‘ She meant the devil, for she now thought of it, not caring if she was irrational, as some sort of demon.

Ein Fluss fließt an dem Grundstück vorbei. Dort sieht sie eines Tages am Ufer einen Fremden stehen, der mit einem Stock eine Schlange traktiert, die sich unter Protest dreht und windet. In ihrer Angst vor dem Fremden, sucht sie sich ein schäbiges Zimmer in der Stadt, wo sie ohne Wissen der Familie ganze Tage in sich gekehrt, glückselig verbringt.

For the most part, she […] brooded, wandered, simply went dark, feeling emptiness run deliciously through her veins like the movement of her blood.

Aber auch hier wird sie von einem Detektiven aufgespürt, den Matthew auf sie angesetzt hat. In einem letzten Akt der Selbstbestimmung, setzt sie ihrem Leben im Hotelzimmer Nummer 19 ein Ende. Der Tod ist ein Eintauchen in den Fluss.

She was quite content lying there, listening to the faint soft hiss of the gas that poured into the room, into her lungs, into her brain, as she drifted off into the dark river.

Doris Lessings Erzählstil gleicht ebenfalls einem kräftigen aber ruhigen Fluss. Mit langem, geduldigen Atem und psychologischem Feingefühl begleitet sie ihre Protagonistin durch deren Leben, erklärt sie aber zum Ende hin nicht für wahnsinnig, sondern auf ihrem eigenen, inneren Weg zur Befreiung befindlich.

Lessings in den späten 60ern zu beobachtende Hinwendung zu den Lehren des Sufismus spiegelt sich in „To Room 19“ bereits wider. Nachdem die Liebe in der Ehe zwischen Susan und Matthew verebbt ist, bricht sie sich bald einen neuen Weg und führt Susan in eine innere Hingabe und Vereinigung mit der verbildlichten Kraft des Flusses, der zunächst noch als bedrohlich empfunden wird.

Der Schlange kommt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung zu, wird sie in unserem christlich geprägten Kulturkreis verteufelt, so war sie in vorpatriarchalen Gesellschaften Symbol des Lebens, der Fruchtbarkeit und Weiblichkeit. Ist die Ehe der Rawlings der Ort, an dem sich die Schlange in den Schwanz beißt, also einen energetischen Kurzschluss bewirkt, kann sie sich am und im Fluss frei bewegen.

Wie oben schon angedeutet, besticht die Geschichte durch ihren ruhigen, konstanten Grundton, der sich wie ein kräftiger Fluss durch die 30 Seiten zieht. Lessings souveräne Erzählweise trägt die Leserin sicher durch das Geschehen, gern vertraut man sich ihr an, denn die Emotionen der Figuren werden zwar geschildert, aber niemals auf die Leser übertragen. Es ist, als folge man einer Andacht, die jedoch nicht einschläfernd wirkt wie eine Valiumtablette, sondern im Gegenteil die Sinne und das Verständnis für das Wesentliche schärft.

Ich habe „To Room 19“ quasi als Aperitif zu „Shikasta“ gelesen, der mich jetzt schon seit ein paar Wochen vom Sofatisch aus voluminös anlächelt. Ich denke, ich bin jetzt soweit, mich auf dieses Wagnis einzulassen. Eine sehr aufschlussreiche Besprechung des Romans kann man bei Sprachdelta lesen.

Bilder:

Doris Lessing: von Elke Wetzig (square by Juan Pablo Arancibia Medina) (ORIGINAL), via Wikimedia Commons