THEODOR FONTANE – Unterm Birnbaum (1885)

Wenn mich nicht alles irrt, dann müsste heute der erste Tag des Fontane-Jahrs 2019 sein. Am 30.12. des letzten Jahres, also vorgestern, Fontanes 199. Geburtstag, von dem nirgendwo die Rede war, habe ich ahnungslos Unterm Birnbaum gelesen, seine Kriminalnovelle aus dem Jahre 1885.

Die Novelle habe ich vor allem als Abwandlung des Macbeth Stoffes gelesen. Die Story spielt in dem brandenburgischen Dorf Tschechin im Oderbruchtal, nicht unweit von Berlin, Frankfurt (Oder) und der polnischen Grenze entfernt. Das kinderlose Ehepaar Abel und Ursel Hradscheck, Krämer und Gastwirte, wird von Geldsorgen geplagt. Als sich der polnische Handlungsreisende Szulski ankündigt und auf die Begleichung der Schulden pocht, ersinnen die beiden einen Plan.

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Kurz nach dessen Abreise wird seine Pferdekutsche in der Oder aufgefunden, das Pferd tot im Wasser treibend, und von Szulski fehlt jede Spur. Es beginnt in der dörflichen Gemeinschaft ein Spiel der mehr oder weniger haltlosen Verdächtigungen und einiger weniger, kraftlos anmutender, eher der Machtdemonstration vor Ort dienenden, behördlichen Untersuchungen. Der Verdacht fällt sofort auf Abel und wird durch das Auffinden einer 20 Jahre alten Leiche unter seinem Birnenbaum weiter entfacht, aber später dann entkräftigt, bis er ganz fallengelassen werden muss. In der Folgezeit verfällt Ursel einer Nervenkrankheit und stirbt. Abel, der befürchtet, dass die Spukgeschichten seiner Nachbarin („die alte Hexe Jeschke“) den Verdacht der abergläubischen Dorfgemeinschaft wieder gegen ihn richten könnte, beschließt die Leiche Szulskis, die er in seinem Keller, so erfährt man jetzt, vergraben hatte, auszuheben und aus dem Hause zu schaffen. Doch ein Missgeschick führt dazu, dass man ihn am nächsten Tag nur noch tot im Keller neben der halb ausgegrabenen Leiche Szulskis auffindet. Allein durch dieses Missgeschick klärt sich der Kriminalfall auf.

Was mir besonders gefallen hat, ist die Bandbreite an literarischen Themen in dieser etwa 120 Seiten langen Novelle, die alle geschickt miteinander verknüpft werden, so dass eine vielschichtige Sozialstudie der norddeutschen Dorfgemeinschaft des vorletzten Jahrhunderts entsteht. Aberglaube, Kirche und Staat versuchen menschliches Handeln zum eigenen Vorteil, und im Machtspiel untereinander, zu steuern. Die Vertreter/-innen jeder „Institution“ werden dabei auch immer als von eigenen Interessen und Eitelkeiten Gelenkte beschrieben, wobei vor allem die Amtsträger als saufend und nachtragend, eitel und unbeteiligt, dabei nie emotional anklagend aber doch deutlich genug, vorgestellt werden. Weitere Themen sind die Macht der öffentlichen Meinung im Zusammenspielt mit der Gerichtsbarkeit vor Ort, die Frage danach, inwiefern Glück und Geld zusammenhängen, die Gefahren des Andersseins in bildungsfernen Gemeinschaften, das Schicksal der ambitionierten Ehefrau ohne eigenes Einkommen, die Auswirkungen einer verfehlten Berufswahl, und vieles mehr, die, neben der Mordgeschichte, die Leser für die Geschichte einnehmen können.

Das oben bereits erwähnte „Macbeth-Thema“ fiel mir am deutlichsten auf, wobei hier die Auswirkungen des Mordes an dem sich selbst einladenden Gast auf die Psyche der Ehepartner nur von Außen beschrieben werden, ein kränkliches Aussehen und Schlaflosigkeit die bei Shakespeare beschriebenen fiebrigen Einblicke in zerfleischende Halluzinationen der wahnsinnig werdenden Täter ersetzt. Auch die Motive der Täter sind andere, Ehrgeiz und Ambition auf der einen Seite, das Streben nach Glück und finanzieller Unabhängigkeit bei den Hradschecks auf der anderen Seite. Dass letztendlich die Hexe irgendwie als Gewinnerin hervorgeht und das letzte Wort hat, ist natürlich klar.

Fazit: Sehr lohnenswert und ein guter Einstieg ins Fontane-Jahr.

IAN MCEWAN: Atonement [Abbitte] (2001)

Ian McEwan gehört zu den Autoren, die tatsächlich schreiben können. Da ich des Englischen einigermaßen mächtig bin, konnte ich „Atonement“ aus dem Jahr 2001 im Original lesen. Meine ehemalige Englischlehrerin hatte mal gesagt, dass man schlechte Bücher gelesen haben muss, um die guten wertschätzen zu können. Das stimmt, einerseits. Andererseits scheint heutzutage der Geschmack durch die (unter-)durchschnittliche Qualität der Massenware auf dem Buchmarkt, die dann auch noch mit Preisen und positiven Rezensionen fälschlicherweise in den Himmel gelobt wird, so verflacht und anspruchslos geworden zu sein, dass man den Leuten nur raten kann, „Lest endlich die richtig guten Bücher!“, nicht den Ramsch, den man euch in nett anzuschauenden Designs und völlig überteuert zum Fraß vorwirft, von Autoren, die im Besitz eines produktiven Wortschatzes von unter 5000 Wörtern zu sein scheinen.

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Meine Erfahrung ist die, dass die guten Bücher, die noch lange nachwirken, diejenigen sind, die man nicht in ein, zwei Tagen durchgelesen hat. Das müssen gar nicht Bücher mit vielen Seiten sein. Es sind die sprachlich dichten Bücher, die nicht alles sofort auf banalste Smalltalk Art und Weise offenbaren, die nicht wie eine öde Radiosendung ihren Text in das Vakuum hineinleiern, mehr oder weniger unterhaltsam, und für deren Autoren „Poesie“ kein Fremdwort zu sein scheint. Geschmack wird eben auch über das vorhandene Angebot gebildet und ist m.E. nicht nur etwas, das man „fertig“ in der potentiellen Kundschaft vorfindet.

Doch genug der Tirade. Ian McEwan lese ich vor allem wegen seiner detaillierten Beschreibungen mit dem weiten Blickwinkel, seinem tiefenpsychologischen Interesse, seinem leichten Humor, und vielem mehr, gerne.

„Atonement“ ist in drei Abschnitte aufgeteilt. Die Handlung erstreckt sich von den 1930ern bis in das Jahr 1999 und spielt vor allem auf dem Landsitz der Familie Tallis in England.

Die Protagonistin ist die jüngste Tochter Briony, die literarische Ambitionen hat, und die ihre ältere Schwester beim Flirten und später beim Sex mit dem Nachbarsjungen in der Bibliothek beobachtet bzw. ertappt. Für Briony sind dies Szenen männlicher Gewalt, ihre Schwester ein Opfer. Als dann auch noch eine minderjährige Cousine im dunklen Park von einem unbekannten Mann vermutlich vergewaltigt wird, beschuldigt Briony den heimlichen Geliebten ihrer Schwester, der dafür mehrere Jahre ins Gefängnis muss. Je älter Briony wird, desto mehr erkennt sie ihre Verfehlung. Die Abbitte des Titels bezieht sich auf die folgenden Jahre ihres Lebens, in denen sie versucht, mit ihren Schuldgefühlen umzugehen. Letztendlich wird sie durch eine Demenzerkrankung davon erlöst werden.

Die Erzählung ist nicht linear, sondern teilweise überlappen sich einzelne Szenen, die aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet werden. Diese Vorgehensweise entspricht einem Thema des Buches, nämlich dem Verhältnis von Imagination und Fiktion, fact and fiction, und letztere vor allem als zweischneidiges Schwert, das lebenserhaltend sein kann, Liebe ermöglicht, aber auch im Gegenteil großes Unglück über Menschen bringen kann, wenn sich ihre Kraft mit der Einfalls- und Geistlosigkeit der Realität verbinden muss.

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Generell stehe ich nicht besonders auf Kriegsromane, aber die beschriebenen Sequenzen in „Atonement“ haben mich doch überzeugt. Der Horror des Krieges wird, hier am Beispiel des Rückzugs der britischen Truppen vor Dünkirchen, unsentimental aus der Perspektive von traumatisierten Soldaten und der ebenso betroffenen Zivilbevölkerung beschrieben. Die Beschreibung stellt zwar Gewalt und Ekel des Krieges heraus, aber zeigt gleichzeitig, bis ins kleinste Detail, dabei nie klischeehaft, die Auswirkungen dieser unkontrollierten Vorgänge auf die Psyche und Wahrnehmung der betroffenen Menschen. Hier ist vor alle auch die Darstellung der Tätigkeiten der Krankenschwestern in London hervorzuheben, die einem mit ihrer selbstlosen Disziplin und Hingabe wie die wahren Helden des Krieges erscheinen. Dass die Erzählerin Briony, die als junges Mädchen noch sentimentale Romanzen geschrieben hat, nun, als Krankenschwester, mit offenliegenden Hirnen und zerschossenen Gesichtshälften konfrontiert wird, die den Blick auf Muskelstränge und Nervenfasern freilegen, ist ein Beispiel für die kontrastreiche Bildhaftigkeit des Autors, die immer im Dienste der Charakterisierung und der Psychologisierung der Erzählung steht, und sich nie in quasi-pornographischer Weise in der Beschreibung des Gewaltexzesses erschöpft.

Gibt es etwas, was mir nicht so gut gefallen hat? Eigentlich nein. Vielleicht hätte die Anfangssequenz auf dem Landsitz in ihrer schwül-sentimentalen Weise etwas mehr gebrochen werden können. Dies erinnerte doch streckenweise an die üblichen Hollywoodschmonzetten. Die Brechung erfolgt erst später, wenn Briony am Ende ihres Lebens angekommen über die Vergangenheit nachdenkt, ihr letzter Bericht von 1999 die Frage aufwirft, was denn nun Wirklichkeit und was nur die Erfindung ihrer kindlichen Phantasie gewesen ist. Mich hätte ein etwas realistischerer Blick auf das romantisierte Landleben der betuchten und angeblich kultivierten britischen Gesellschaft (Sexszene in der Bibliothek) interessiert. Aber so wie es ist, ist es auch okay.

Kurzum: Lesen, weil geil-o-mat und echt gut erzählt!

PS: Ich habe mir einige Szenen des Films auf Youtube angeschaut, und es hat mir nicht gefallen, was ich dort gesehen habe. Deshalb: Buch lesen!

Das allseits gepriesene Bienenbuch…

… von Maja Lunde war ein Geschenk und leider eine Enttäuschung. Die einzige Frage, die ich habe, ist die, warum es allenthalben so gelobt wird.

Was mich besonders gestört hat:

  • Die drei Erzählstimmen sind im Grunde nur eine. Und die ist sprachlich äußerst ausdruckslos und unoriginell. Das Problem erahnend, hat der Verlag auf jede einzelne Seite des Buches den Namen des jeweiligen Erzählers gedruckt. Dann muss man nicht immer an den Anfang eines jeden Kapitels zurückblättern, um zu sehen, ob man sich gerade in China, England oder den USA befindet, wenn wieder seitenlang, für die Geschichte völlig irrelevante Banalitäten des Ehe- und Familienalltags vor einem ausgebreitet werden.
  • Das Buch handelt gar nicht von Bienen, sondern von Freud und Leid des Kinderhabens. Das, was einem über Bienen erzählt wird, kann man überall im Internet nachlesen und braucht dafür dieses Buch nicht. Eigentliches Thema des Buches ist die Angst vor der plötzlichen Leere im häuslichen „Bienenkasten“ nach dem Ausflug der „Bienen“, mit dem Ratschlag: Such dir ein Hobby.

Fazit: Unsere armen Bienen haben mehr verdient. Sie brauchen auch mehr, nämlich unsere Fürsorge und ein echtes Interesse. Falls diese Geschichte einige, bislang über das Arten- und insbesondere das Insektensterben in keinster Weise informierte Leute auf die Gefahren eines ökologischen Kollaps aufmerksam machen kann, dann ist ja gut. Ich werde das Buch gleich heute weiterverschenken.

 

J.G. Ballard: Vermilion Sands (1971)

„Zinnoberrote Strände“, so könnte man den Titel der Kurzgeschichtensammlung von J.G. Ballard übersetzen. Dieser halbfiktive Ort ist ein Küstenstrich im Süden Kaliforniens und verbindet die neun Geschichten des Autors aus den Jahren 1957-1970 miteinander. Vermilion Sands ist eine surreale, zeitlose Landschaft aus Stränden, Sanddünen, dem Meer, Korallenriffen und Feriendomizilen der Reichen und Kunstschaffenden, die sich in einer nicht näher beschriebenen, zehn Jahre andauernden Phase globaler Langeweile, Lethargie und des ewigen Hochsommers befinden, „The Recess“ genannt.

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Die oftmals dekadenten Figuren geben sich an diesem Ort einer alles verlangsamenden Schwerkraft hin – vor allem einflussreiche, mysteriöse Diven jenseits ihrer Blütezeit, Künstler mit und ohne Talent und Geschäftemacher, die das Geld der alternden Mäzene riechen. Hauptfigur ist jedoch der Schauplatz, der eine hypnotisierende Kraft auf alles und jeden auszuüben scheint, eine surreale Traumlandschaft mit fliegenden Rochen, auf Sanddünen fahrenden Yachten und mit Edelsteinen besetzten Spinnen und Hummern.

J.G. Ballard kann sich solche kitschigen Eskapaden leisten ohne peinlich oder banal zu wirken. Origineller Ideenreichtum und sprachliches Können gehen bei ihm Hand in Hand, was heutzutage, ich muss es leider sagen, nur noch sehr selten in „Literatur“ vorzufinden ist, und anscheinend entweder nur das eine oder das andere sein kann. Häufig keines von beidem.

Ballards sinnliche Sprache übt einen assoziativen Sog aus, der es einem nicht immer leicht macht, konzentriert am Ball zu bleiben. Die ganzen Farben und Formen müssen in der eigenen Vorstellung erst einmal zueinander finden und Gestalt annehmen. Thematisch ist der Kampf zwischen Mensch und animierten Gebrauchs- und Kunstgegenständen ein wiederkehrendes Motiv, was in manchen Fällen drollig anmutet, andererseits aber auch die Ängste vor einer sich verselbständigenden, den Menschen übermannenden Technologie zum Ausdruck bringen soll.

Besonders charmant und beispielhaft ist die Beschreibung einer hochsensiblen und anspruchsvollen, singenden Orchidee, die in der zweiten Kurzgeschichte des Bandes, und Ballards erster veröffentlichter überhaupt, „Prima Belladonna“, dem Erzähler, einem Choro-Floristen (Verkäufer singender Pflanzen) sowie einer mysteriösen Sängerin zum Verhängnis wird.

„Listen!“ She held my arm and squeezed it tightly. A low, rhythmic fusion of melody had been coming from the plants around the shop, and mounting above them I heard a single stronger voice calling out, at first a thin high-pitched reed of sound that began to pulse and deepen and finally swelled into full baritone, raising the other plants in chorus about itself. […] The Arachnid stretched out towards her, calyx erect, leaves like blood-red sabres.

I […] quickly switched off the argon feed. The Arachnid sank to a whimper, and around us there was a nightmarish babel of broken notes and voices toppling from high C’s and L’s into discord. A faint whispering of leaves moved over the silence.

Showing, not telling. So einfach diese Regel ist, so selten wird sie heute noch praktiziert.

So wie die Pflanzen in diesem „kleinen Horrorladen“, so entwickeln auch aus dem Sandboden wachsende, singende Statuen, oder aus hochsensiblem Nervengewebe hergestellte Kleidung aber auch ganze Häuser ein possierliches aber trotz alledem bedrohliches Eigenleben. Dies geht soweit, dass der Erzähler der letzten Geschichte, „The Thousand Dreams of Stellavista“, von seinem eigenen, psychotropen Haus fast ermordet wird.

Etwa nach der Hälfte der Kurzgeschichten stellte sich eine Ermüdung und Übersättigung bei mir ein. Die sich wiederholenden Figurentypen- und konstellationen und farbenfrohen Kuriositäten der surrealen Landschaft, die zu Beginn noch eine flirrende Faszination ausgeübt haben, bieten irgendwann nicht mehr viel Neues. Wie jeder Urlaubsort, an dem man sich eine Weile aufgehalten hat, wird auch dieser irgendwann eintönig und fahl. Die letzten beiden Kurzgeschichten brechen deshalb mit dem bekannten Muster, das die Figuren zum trägen Spielball der äußeren Kräfte (Landschaft und Technik) werden lässt und präsentieren Charaktere, die der einlullenden Verführung größtenteils standhalten und nicht nur gegen sie ankämpfen, sondern sie letztendlich auch kontrollieren können. Der Schreibstil wirkt kräftiger und ironischer. Es deutet sich eine Transformationsphase an, die sich Ende der 60er Jahre auch auf den Schaffensprozess des Autors auswirkte.

Allesamt eine lohnenswerte Lektüre für diejenigen, die englische Literatur im Original lesen können und Science-Fiction Geschichten mögen, in denen die Grenze zwischen utopischen und dystopischen Elementen unklar bleibt, stattdessen die psychologischen Auswirkungen menschengemachter aber auch natürlicher Veränderungen in den Mittelpunkt gerückt werden. Ob die deutschen Übersetzungen die sprachliche Dichte, den verspielten Charme und den augenzwinkernden Umgang mit gängigen Konventionen des Science Fiction Genres des Originals einzufangen imstande sind, vermag ich nicht zu sagen.

Hier, zum Abschluss, eine Kurzbewertung der einzelnen Geschichten:

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