GRAHAM SWIFT: The Light of Day (2003) [Das Helle Licht des Tages]

Dieser Kriminalroman ist eine von Graham Swifts „one-day-novels“, wie auch die ausgezeichnete Novelle „Mothering Sunday“ (2016), die an nur einem Tag spielen.

Der Protagonist ist ein recht gewöhnlicher Mann, ein aus dem Dienst entlassener Polizist, der sich jetzt in London als Privatdetektiv verdingt. Seine Klientin, eine betrogene Ehefrau, möchte sicherstellen, dass ihr Mann seine Geliebte, ihre ehemalige Schülerin, eine junge Kroatin, die als Flüchtling in ihrem Haus untergekommen war, tatsächlich am Flughafen absetzt und nicht kurzentschlossen mitfliegt. Nach seiner Rückkehr ins heimische Wimbledon, bringt sie ihren Mann um und kommt für mehrere Jahre ins Gefängnis.

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Anders als in klassischen Kriminalgeschichten üblich, ist der Mörder von anfang an bekannt, denn dem Autor geht es weniger um den Mordfall, als um seinen Protagonisten, George Webb, den Privatdetektiv, und dessen Gedankenkarussell, das sich immer weiter ausdehnend um diesen Mordfall dreht, ständig auf der Suche nach der einen objektiven und schlüssigen Erklärung, die nicht nur den Mordfall sondern auch seine eigene, persönliche Geschichte und die aller anderen betroffenen Personen erhellen könnte.

An diesem einen Tag im November 1997, rekapituliert Webb, der wie jedes Jahr das Grab des Getöteten aufsucht und danach dessen Frau im Gefängnis, in die er sich verliebt hat, die Ereignisse um diesen Mordfall. Sein Bewusstseinsstrom schlängelt sich dabei, und dümpelt auch, achronologisch durch das Gewirr seiner Vermutungen über die persönlichen Schicksale der betroffenen Figuren. Die dabei entstehenden Erzählungen sind immer gefärbt von den unterschiedlichsten und nie gleich bleibenden Erinnerungsbruchstücken und auch seinen Abneigungen und Vorlieben für bestimmmte Personen. Es wird deutlich, dass es für ihn nicht die eine, objektive Wahrheit geben kann.

So sehr ich den Roman für seine komplexe Erzählweise und die philosophische Frage nach der Konstruktion von Erzählungen und Geschichte schätze, so bin ich der Hauptfigur doch nach einiger Zeit eher überdrüssig geworden. Die sich ständig um sich selbst kreisenden Gedanken sind auf Dauer ermüdend und irritierend. Geradezu aufgeatmet habe ich in den seltenen Momenten, in denen der Protagonist endlich mal im Hier und Jetzt ankommt, z.B. wenn er den bohrenden Blick eines Kriminalbeamten auf sich gerichtet spürt. Mehrmals wollte ich George Webb als Ergänzung zu seinem Kochkurs einen Meditationskurs empfehlen, damit er lernt, sein Gedankenkarussell EINMAL NUR von außen zu betrachten. Dieser Freiheitsschlag gelingt dem sehr einfachen Mann mit seiner völlig poesiefreien Sprache leider nicht, anders als der weiblichen Hauptfigur in „Mothering Sunday“. Er bleibt ein Gefangener seiner falschen Hoffnungen und lebt in und von der Vergangenheit. Diese Charakterbeschreibung mag sehr realistisch sein, letztendlich kann sie jedoch mein Interesse nicht über 300 Seiten halten.

Fazit: Ein interessant konstruierter Roman, der etwas kürzer sein dürfte, vor allem weil die Hauptfigur für meinen Geschmack zu langweilig ist. Sie fügt sich aber gut in den trüben Schauplatz eines verhangenen Novembertages ein und spiegelt damit realistisch den Geisteszustand einer depressiven Verstimmung mit all ihren Grübeleien wider.

 

 

 

 

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DÖRTE HANSEN – Altes Land (2015)

Abgeschreckt von dem Spiegel-Bestseller-Aufkleber, der wie eine rote Giftspinne auf dem Buchdeckel der Taschenbuchausgabe von Dörte Hansens „Altes Land“ der Käufer harrte, hielt ich es für angemessen, mich vor dem durchaus riskanten Kauf zunächst von der Buchhändlerin beraten zu lassen. Wie ich in Erfahrung bringen konnte, ist sie es, die in regelmäßigen Abständen persönliche Empfehlungen in schöner Schreibschrift, denen ich bislang immer zustimmen konnte, an die Regale der fremdsprachigen Literatur anbringt. Dies schaffte das nötige Vertrauen. Ohne große Umschweife fragte ich sie direkt und ungeniert, ob „Altes Land“ in irgendeiner Weise mit dem „Bienenbuch“ von Maja Lunde vergleichbar sei, hinzufügend, dass ich dies bitteschön nicht hoffe, denn letzteres habe mir fast das Weihnachtsfest verdorben. Sie antwortete vorsichtig, die richtigen Worte suchend, dass, nein, dieser Roman deutlich besser sei, von dem Bienenbuch sei auch sie wahrlich nicht überzeugt gewesen. Ich glaubte ihr aufs Wort.

Ich bin erleichtert, mitteilen zu dürfen, dass die Lektüre des Erstlingswerks von Dörte Hansen durchaus erfreulich war und mich überzeugt hat. Eine unterhaltsame, kurzweilige Geschichte mit einem interessanten thematischen Hintergrund, humorvollen Beschreibungen der Charaktere, vor allem in ihrer Art der Kontaktaufnahme und Beziehungsgestaltung. Alles mit großem Wiedererkennungswert und es ist gut, dass die sogenannten „Helikoptereltern“ (ich mag den Begriff nicht, da zu positiv), im Grunde allesamt empathie- und humorlose Egozentriker, in Hamburg-Ottensen lokalisiert, nun endlich erfolgreich und literarisch der Lächerlichkeit preisgegeben wurden. Beim Lesen konnte ich nicht umhin, minutenlang zustimmend zu nicken, und hatte bald einen leichten Krampf im Nacken.

Was ich mir gewünscht hätte, wären etwas tiefgründigere Charaktere gewesen. So konnte ich zum Beispiel den Selbstmord von Karls Mutter Ida nicht nachvollziehen. Sollte er nur eine satirische Überspitzung des „Schwiegermutter“-Themas sein? Man merkt, dass die Autorin zum Ende des Romans versucht, die Entscheidung Hildegards, ihre Tochter nach der Flucht im Alten Land zurückzulassen, zu erklären. Der Schrecken, der das Verhalten der Figuren bestimmt, geht häufig hinter der lustigen Fassade der satirischen Erzählstimme unter. Beschreibungen einer trostlosen Natur scheinen hierfür einen Ersatz anbieten zu wollen. Aber so soll es vermutlich auch sein, denn sonst wäre ein anderer Roman entstanden, keine Satire auf das moderne Familienleben, das von den Geschehnissen der Vergangenheit zwar beeinflusst wird, aber auch deutlich dazu auf Distanz geht. Auktorialer Humor ersetzt Betroffenheit.

Ich hatte den Eindruck, dass die Autorin doch auch gerne in die psychologischen Abgründe ihrer Figuren eingetaucht wäre, es sich jedoch verboten hat. Der satirische Grundton ist vermutlich dem Erstlingswerk geschuldet. Man kann gespannt sein, wie es bei Dörte Hansen so weitergeht.

Was mir der Roman sehr überzeugend deutlich gemacht hat, ist die Tatsache, dass die Aufarbeitung des Krieges und der Vertreibung auch im 21. Jahrhundert noch nicht abgeschlossen ist, sich jede neue Generation mit dem Thema auseinandersetzen muss, will sie sinnvolle Beziehungen führen, auch wenn es inzwischen zum guten Ton gehört, sich von den ganzen „Kriegsgeschichten“ genervt abzuwenden, weil alles ja schon irgendwann mal gehört und gesehen und brauchen wir wirklich noch mehr davon.

Der Satz, der hängengeblieben ist:

„Alles konnte man vergessen, nur wie die Pferde schrien, das vergaß man nicht.“ (S. 224)

Fazit: Hat sich gelohnt.

JOSEPH CONRAD: Heart of Darkness [Herz der Finsternis] (1902)

Joseph Conrad nimmt in Graham Swifts „Mothering Sunday“ (2016) eine prominente Rolle ein. Er starb 1924, das Jahr in dem Swifts Roman spielt, und sein Tod überrascht die junge Protagonistin Jane, die ein großer Fan seiner Erzählungen ist, die sie als Hausmädchen in der Bibliothek ihrer Herrschaften gefunden und tatsächlich auch gelesen hat. Die Chance, Conrad einen Fan-Brief zu schreiben bzw. ihn zu treffen, ist nun dahin, aber das hält sie nicht davon ab, sich ein solches Treffen im Detail vorzustellen.

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Inspiriert von diesen Schilderungen am Ende der Novelle, habe ich noch einmal mein schlodderiges Exemplar von „Heart of Darkness“ aus einer verstaubten Ecke des Bücherregals herausgezogen.

Viel braucht man zu dieser Erzählung, glaube ich, nicht mehr sagen. Die meisten werden sie kennen bzw. ihre modernen Abwandlungen in Filmen wie Coppolas „Apocalypse Now“ und Werner Herzogs „Aguirre, der Zorn Gottes“ mit Klaus Kinski. Es ist die Erzählung des Kapitäns Marlow um eine Reise in die Tiefen des noch unbekannten Afrika, dem Kongo, im Dienste einer kolonialen Handelsgesellschaft. Er soll dort sicherstellen, dass der Nachschub für den florierenden Elfenbeinhandel nicht ins Stocken gerät, vor allem aber soll der Stationsleiter Kurtz, um den sich widersprüchliche Legenden ranken und der sich quasi als brutal und willkürlich agierender Miniaturdiktator dort sein eigenes kleines Reich geschaffen hat, aus dem Verkehr gezogen werden. Diese Reise führt im übertragenen Sinne in das verrohte „Herz“ eines sich zivilisatorisch fortschrittlich wähnenden Europas, dessen Reichtum die brutale Ausbeutung der Kolonien und der dortigen Menschen billigend in Kauf nimmt.

Das erste, das mir beim erneuten Lesen auffiel, ist die sprachliche Nähe zu J.G. Ballard, von dem ich im letzten Jahr drei Romane und einige Kurzgeschichten gelesen habe. Die sprachliche Ausgestaltung passt sich bei beiden Autoren der Tatsache an, dass Realität nicht mehr logisch und eindeutig zu erklären ist. Sprache wird suggestiv, surreal, ständig interpretierend, zweideutig und impressionistisch. Das führt dazu, dass die Lektüre nicht immer einfach ist, weil auch noch Zeitverschiebungen bzw. -überlappungen dazukommen, dies eher bei Conrad und weniger bei Ballard, der doch meistens linear erzählt.

(Beispiel folgt, wenn ich mehr Zeit habe)

Graham Swift wird vermutlich die thematische Frage nach dem, was Wirklichkeit und Fiktion ausmacht, vor allem in autobiographischen Schilderungen, bewogen haben, sich seitenlang am Ende seiner Novelle auf Joseph Conrad zu beziehen. Einzelne Episoden aus dem Leben des ehemals sexuell ausgebeuteten Hausmädchens Jane, die später Schriftstellerin wird, werden von ihr mehrfach neu bewertet. Dies ist Thema nicht nur bei Graham Swift sondern auch in Ian McEwans „Atonement“. Es gibt nicht die eine Wahrheit, deshalb muss die verklärt romanzenhafte Darstellung der Sex-Beziehung zwischen Hausmädchen und dem Sohn der Herrschaften zu Beginn des Buches mit Skepsis gelesen werden, was viele Rezensenten nicht getan und stattdessen die Erzählung als „A hymn to youth on a day of sunshine“ bezeichnet haben. Aber das verkauft sich vermutlich besser.

Fazit: Es hat Spaß gemacht, Heart of Darkness noch einmal zu lesen. Die Erzählung hat ein Licht auf Themen der Novelle „Mothering Sunday“ von Graham Swift und des Romans „Atonement“ von Ian McEwan geworfen. Eine sprachliche Nähe zu J.G. Ballard ist deutlich geworden, wobei die Frage interessant wäre, inwiefern Science Fiction Literatur sprachlich in der Tradition Joseph Conrads stehen könnte.

 

 

GRAHAM SWIFT – Mothering Sunday [Ein Festtag] (2016)

Cock, balls, cunt. There were some simple, basic expressions.

It was March 30th. It was a Sunday. It was what used to be known as Mothering Sunday.

Es ist 1924 und am „Mothering Sunday“ haben in England alle Hausangestellten einen freien Tag, um in die Kirche zu gehen oder ihre Familie zu besuchen.

Die junge Protagonistin Jane Fairchild, Dienstmädchen und Waise, erhält einen geheimen Anruf ihres Geliebten Paul, Sohn eines befreundeten Ehepaars ihrer Herrschaften. Sie soll ihn zu einem letzten Sex-Treffen vor seiner standesgemäßen Heirat im Hause seiner Eltern aufsuchen. Jane tut, wie ihr befohlen.

Dieser sonnige Tag im März wird eine Zäsur in ihrem Leben einleiten. Nach dem Stelldichein mit Paul bleibt sie noch einige Zeit in dem großen Haus zurück und erkundet dieses nackt von oben bis unten. Vor allem die Eindrücke in der Bibliothek hinterlassen Spuren. Danach radelt sie durch die erblühte Landschaft und genießt sinnierend ihr junges Dasein, bis ein tragischer Zwischenfall ihr Leben in neue Bahnen lenken wird.

Das Buch ist mit „A Romance“ untertitelt und das ist natürlich, wenn man „Romance“ im Sinne von „Liebesgeschichte“ versteht, ironisch gemeint. Dies und der märchenhafte Einstieg in die Novelle, „Once upon a time, …“ könnten einen dazu verleiten, die Geschichte um das sexuell ausgebeutete Hausmädchen Jane, als locker-frische Erzählung einer das Leben schamlos genießenden und dabei immer selbstbestimmten jungen Frau zu verstehen, die die Dinge so nimmt, wie sie kommen. Die Erzählstimme ist vor allem während der Schilderung der postkoitalen Schlafzimmerszene eng mit den Eindrücken Janes verknüpft, die es genießt, wenigstens im Bett wie eine Gleichberechtigte, eine „Freundin“, behandelt zu werden. Im Gegenzug zügelt sie Paul gegenüber ihre Emotionen, wie es sich gehört, „professionell“.

Neben dieser „jungen“ Erzählstimme, werden die Leser auch mit den Gedanken der gealterten Jane vertraut gemacht, die nach dem tragischen Zwischenfall am Mothering Sunday 1924 zunehmend mehr Unabhängigkeit erlangt und letztendlich als Romanautorin Erfolge feiert.

Though when she was eighty or ninety and was asked, as she would be, even in public interviews, to look back on her younger years, she felt she could fairly claim (though of course never did) that one of her earliest situations in life was that of prostitute. Orphan, maid, prostitute.

Hier erfolgt, wie punktuell an anderen Stellen der Erzählung, eine Brechung des vorher Geschilderten, ein Subtext zur narrativen Hauptlinie der frühlingshaften „Romanze“. Swift überlässt es den Lesern, selbst den Stellenwert dieser Anmerkungen zu bestimmen. Die meisten Rezensenten, so mein Eindruck, scheinen diese Bemerkungen jedoch geflissentlich überflogen zu haben und sehen in der Novelle vor allem „A hymn to youth on a day of sunshine“ bzw. „A story about what it means to be alive.“ Man muss sich doch sehr wundern.

Weiterhin kam ich nicht umhin, die Novelle im Lichte von Ian McEwans Roman „Atonement“ (Abbitte) zu lesen, den ich mir an Weihnachten zu Gemüte geführt hatte. Vor allem der erste Teil von „Atonement“ kam mir in seinen Schilderungen sehr „Hollywoodesque“ vor, einer märchenhaften Cinderella-Story mit umgekehrten Geschlechterrollen verschrieben, verschämt in der Darstellung der Sexszene in der Bibliothek. Ich hatte den Eindruck, dass dieser erste Teil, so meisterhaft seine Prosa, tatsächlich für ein späteres Hollywooddrehbuch geschrieben worden ist.

Graham Swift nimmt sich derselben Themen an: Junge Frau reift zur Schriftstellerin, hinterfragt Fiktion und Realität, die Beziehung von Herrschaften und Dienstleuten im England zwischen den Weltkriegen. Jedoch lässt er es sich nicht nehmen, die historische Realität und auch die nackten Tatsachen immer wieder durch die Erzählung durchschimmern zu lassen, den Lesern geradezu unter die Nase zu reiben.

Wird die Bibliothek in „Atonement“ vor allem zum – Pardon! – Ficken genutzt, dies in voller, familienfreundlich-cineastischer Montur, macht sich Jane Fairchild, nachdem Paul das Haus verlassen hat, um seine Verlobte zu treffen, im Evakostüm auf, um dieses zu erkunden. In der Bibliothek drückt sie die Werke Joseph Conrads und anderer liebevoll an ihre nackte Brust. Sie wird diese natürlich lesen und sie werden ihr helfen, aus ihren Lebensumständen auszubrechen. „Die Bibliotheken wurden von den Herrschaften nicht zum Lesen genutzt“, weiß die ältere Jane zu berichten. Die frühe Lektüre als Hausmädchen und das Erlebnis von Freiheit an diesem Mothering Sunday, als sie nackig und selbstbewusst durch das herrschaftliche Haus spaziert, werden ihr im Laufe ihres Lebens immer ein Quell der Inspiration bleiben.

Eine weitere, gemeinsame Auffälligkeit ist die Schilderung von Sexualität. Verhohlen, in dunklen Ecken stattfindend, bei McEwan. Swift, auf der anderen Seite, schaltet, schon fast trotzig, alle Lampen an und macht alle Fenster auf, bevor er sich in sehr expliziter Weise der Beschreibung der Liebenden widmet.

March 30th 1924. Once upon a time. The shadows from the latticework in the window slipped over him like foliage. […] he turned, and there, beneath a nest of dark hair and fully bathed by sunshine, were his cock and balls, mere floppy and still sticky appendages. She could look at them if she liked, he didn’t mind.

Dies geht so weit, dass der Samen, der aus Jane’s Vagina herausläuft, auf dem Bettlaken den Umriss Großbritanniens annimmt, und damit mit einem Augenzwinkern andeutet, dass das „Private“ immer auch „politisch“ ist.

Es ließen sich noch mehr Parallelen zwischen den beiden Büchern aufzeigen. Ich finde es schade, dass Swifts Novelle kein Roman geworden ist.

Fazit: Ein verwirrendes aber immer erstklassiges, in detaillierter und humorvoller Prosa geschriebenes, Leseerlebnis, das noch lange nachwirkt.

THEODOR FONTANE – Unterm Birnbaum (1885)

Wenn mich nicht alles irrt, dann müsste heute der erste Tag des Fontane-Jahrs 2019 sein. Am 30.12. des letzten Jahres, also vorgestern, Fontanes 199. Geburtstag, von dem nirgendwo die Rede war, habe ich ahnungslos Unterm Birnbaum gelesen, seine Kriminalnovelle aus dem Jahre 1885.

Die Novelle habe ich vor allem als Abwandlung des Macbeth Stoffes gelesen. Die Story spielt in dem brandenburgischen Dorf Tschechin im Oderbruchtal, nicht unweit von Berlin, Frankfurt (Oder) und der polnischen Grenze entfernt. Das kinderlose Ehepaar Abel und Ursel Hradscheck, Krämer und Gastwirte, wird von Geldsorgen geplagt. Als sich der polnische Handlungsreisende Szulski ankündigt und auf die Begleichung der Schulden pocht, ersinnen die beiden einen Plan.

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Kurz nach dessen Abreise wird seine Pferdekutsche in der Oder aufgefunden, das Pferd tot im Wasser treibend, und von Szulski fehlt jede Spur. Es beginnt in der dörflichen Gemeinschaft ein Spiel der mehr oder weniger haltlosen Verdächtigungen und einiger weniger, kraftlos anmutender, eher der Machtdemonstration vor Ort dienenden, behördlichen Untersuchungen. Der Verdacht fällt sofort auf Abel und wird durch das Auffinden einer 20 Jahre alten Leiche unter seinem Birnenbaum weiter entfacht, aber später dann entkräftigt, bis er ganz fallengelassen werden muss. In der Folgezeit verfällt Ursel einer Nervenkrankheit und stirbt. Abel, der befürchtet, dass die Spukgeschichten seiner Nachbarin („die alte Hexe Jeschke“) den Verdacht der abergläubischen Dorfgemeinschaft wieder gegen ihn richten könnte, beschließt die Leiche Szulskis, die er in seinem Keller, so erfährt man jetzt, vergraben hatte, auszuheben und aus dem Hause zu schaffen. Doch ein Missgeschick führt dazu, dass man ihn am nächsten Tag nur noch tot im Keller neben der halb ausgegrabenen Leiche Szulskis auffindet. Allein durch dieses Missgeschick klärt sich der Kriminalfall auf.

Was mir besonders gefallen hat, ist die Bandbreite an literarischen Themen in dieser etwa 120 Seiten langen Novelle, die alle geschickt miteinander verknüpft werden, so dass eine vielschichtige Sozialstudie der norddeutschen Dorfgemeinschaft des vorletzten Jahrhunderts entsteht. Aberglaube, Kirche und Staat versuchen menschliches Handeln zum eigenen Vorteil, und im Machtspiel untereinander, zu steuern. Die Vertreter/-innen jeder „Institution“ werden dabei auch immer als von eigenen Interessen und Eitelkeiten Gelenkte beschrieben, wobei vor allem die Amtsträger als saufend und nachtragend, eitel und unbeteiligt, dabei nie emotional anklagend aber doch deutlich genug, vorgestellt werden. Weitere Themen sind die Macht der öffentlichen Meinung im Zusammenspielt mit der Gerichtsbarkeit vor Ort, die Frage danach, inwiefern Glück und Geld zusammenhängen, die Gefahren des Andersseins in bildungsfernen Gemeinschaften, das Schicksal der ambitionierten Ehefrau ohne eigenes Einkommen, die Auswirkungen einer verfehlten Berufswahl, und vieles mehr, die, neben der Mordgeschichte, die Leser für die Geschichte einnehmen können.

Das oben bereits erwähnte „Macbeth-Thema“ fiel mir am deutlichsten auf, wobei hier die Auswirkungen des Mordes an dem sich selbst einladenden Gast auf die Psyche der Ehepartner nur von Außen beschrieben werden, ein kränkliches Aussehen und Schlaflosigkeit die bei Shakespeare beschriebenen fiebrigen Einblicke in zerfleischende Halluzinationen der wahnsinnig werdenden Täter ersetzt. Auch die Motive der Täter sind andere, Ehrgeiz und Ambition auf der einen Seite, das Streben nach Glück und finanzieller Unabhängigkeit bei den Hradschecks auf der anderen Seite. Dass letztendlich die Hexe irgendwie als Gewinnerin hervorgeht und das letzte Wort hat, ist natürlich klar.

Fazit: Sehr lohnenswert und ein guter Einstieg ins Fontane-Jahr.

IAN MCEWAN: Atonement [Abbitte] (2001)

Ian McEwan gehört zu den Autoren, die tatsächlich schreiben können. Da ich des Englischen einigermaßen mächtig bin, konnte ich „Atonement“ aus dem Jahr 2001 im Original lesen. Meine ehemalige Englischlehrerin hatte mal gesagt, dass man schlechte Bücher gelesen haben muss, um die guten wertschätzen zu können. Das stimmt, einerseits. Andererseits scheint heutzutage der Geschmack durch die (unter-)durchschnittliche Qualität der Massenware auf dem Buchmarkt, die dann auch noch mit Preisen und positiven Rezensionen fälschlicherweise in den Himmel gelobt wird, so verflacht und anspruchslos geworden zu sein, dass man den Leuten nur raten kann, „Lest endlich die richtig guten Bücher!“, nicht den Ramsch, den man euch in nett anzuschauenden Designs und völlig überteuert zum Fraß vorwirft, von Autoren, die im Besitz eines produktiven Wortschatzes von unter 5000 Wörtern zu sein scheinen.

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Meine Erfahrung ist die, dass die guten Bücher, die noch lange nachwirken, diejenigen sind, die man nicht in ein, zwei Tagen durchgelesen hat. Das müssen gar nicht Bücher mit vielen Seiten sein. Es sind die sprachlich dichten Bücher, die nicht alles sofort auf banalste Smalltalk Art und Weise offenbaren, die nicht wie eine öde Radiosendung ihren Text in das Vakuum hineinleiern, mehr oder weniger unterhaltsam, und für deren Autoren „Poesie“ kein Fremdwort zu sein scheint. Geschmack wird eben auch über das vorhandene Angebot gebildet und ist m.E. nicht nur etwas, das man „fertig“ in der potentiellen Kundschaft vorfindet.

Doch genug der Tirade. Ian McEwan lese ich vor allem wegen seiner detaillierten Beschreibungen mit dem weiten Blickwinkel, seinem tiefenpsychologischen Interesse, seinem leichten Humor, und vielem mehr, gerne.

„Atonement“ ist in drei Abschnitte aufgeteilt. Die Handlung erstreckt sich von den 1930ern bis in das Jahr 1999 und spielt vor allem auf dem Landsitz der Familie Tallis in England.

Die Protagonistin ist die jüngste Tochter Briony, die literarische Ambitionen hat, und die ihre ältere Schwester beim Flirten und später beim Sex mit dem Nachbarsjungen in der Bibliothek beobachtet bzw. ertappt. Für Briony sind dies Szenen männlicher Gewalt, ihre Schwester ein Opfer. Als dann auch noch eine minderjährige Cousine im dunklen Park von einem unbekannten Mann vermutlich vergewaltigt wird, beschuldigt Briony den heimlichen Geliebten ihrer Schwester, der dafür mehrere Jahre ins Gefängnis muss. Je älter Briony wird, desto mehr erkennt sie ihre Verfehlung. Die Abbitte des Titels bezieht sich auf die folgenden Jahre ihres Lebens, in denen sie versucht, mit ihren Schuldgefühlen umzugehen. Letztendlich wird sie durch eine Demenzerkrankung davon erlöst werden.

Die Erzählung ist nicht linear, sondern teilweise überlappen sich einzelne Szenen, die aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet werden. Diese Vorgehensweise entspricht einem Thema des Buches, nämlich dem Verhältnis von Imagination und Fiktion, fact and fiction, und letztere vor allem als zweischneidiges Schwert, das lebenserhaltend sein kann, Liebe ermöglicht, aber auch im Gegenteil großes Unglück über Menschen bringen kann, wenn sich ihre Kraft mit der Einfalls- und Geistlosigkeit der Realität verbinden muss.

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Generell stehe ich nicht besonders auf Kriegsromane, aber die beschriebenen Sequenzen in „Atonement“ haben mich doch überzeugt. Der Horror des Krieges wird, hier am Beispiel des Rückzugs der britischen Truppen vor Dünkirchen, unsentimental aus der Perspektive von traumatisierten Soldaten und der ebenso betroffenen Zivilbevölkerung beschrieben. Die Beschreibung stellt zwar Gewalt und Ekel des Krieges heraus, aber zeigt gleichzeitig, bis ins kleinste Detail, dabei nie klischeehaft, die Auswirkungen dieser unkontrollierten Vorgänge auf die Psyche und Wahrnehmung der betroffenen Menschen. Hier ist vor alle auch die Darstellung der Tätigkeiten der Krankenschwestern in London hervorzuheben, die einem mit ihrer selbstlosen Disziplin und Hingabe wie die wahren Helden des Krieges erscheinen. Dass die Erzählerin Briony, die als junges Mädchen noch sentimentale Romanzen geschrieben hat, nun, als Krankenschwester, mit offenliegenden Hirnen und zerschossenen Gesichtshälften konfrontiert wird, die den Blick auf Muskelstränge und Nervenfasern freilegen, ist ein Beispiel für die kontrastreiche Bildhaftigkeit des Autors, die immer im Dienste der Charakterisierung und der Psychologisierung der Erzählung steht, und sich nie in quasi-pornographischer Weise in der Beschreibung des Gewaltexzesses erschöpft.

Gibt es etwas, was mir nicht so gut gefallen hat? Eigentlich nein. Vielleicht hätte die Anfangssequenz auf dem Landsitz in ihrer schwül-sentimentalen Weise etwas mehr gebrochen werden können. Dies erinnerte doch streckenweise an die üblichen Hollywoodschmonzetten. Die Brechung erfolgt erst später, wenn Briony am Ende ihres Lebens angekommen über die Vergangenheit nachdenkt, ihr letzter Bericht von 1999 die Frage aufwirft, was denn nun Wirklichkeit und was nur die Erfindung ihrer kindlichen Phantasie gewesen ist. Mich hätte ein etwas realistischerer Blick auf das romantisierte Landleben der betuchten und angeblich kultivierten britischen Gesellschaft (Sexszene in der Bibliothek) interessiert. Aber so wie es ist, ist es auch okay.

Kurzum: Lesen, weil geil-o-mat und echt gut erzählt!

PS: Ich habe mir einige Szenen des Films auf Youtube angeschaut, und es hat mir nicht gefallen, was ich dort gesehen habe. Deshalb: Buch lesen!

Das allseits gepriesene Bienenbuch…

… von Maja Lunde war ein Geschenk und leider eine Enttäuschung. Die einzige Frage, die ich habe, ist die, warum es allenthalben so gelobt wird.

Was mich besonders gestört hat:

  • Die drei Erzählstimmen sind im Grunde nur eine. Und die ist sprachlich äußerst ausdruckslos und unoriginell. Das Problem erahnend, hat der Verlag auf jede einzelne Seite des Buches den Namen des jeweiligen Erzählers gedruckt. Dann muss man nicht immer an den Anfang eines jeden Kapitels zurückblättern, um zu sehen, ob man sich gerade in China, England oder den USA befindet, wenn wieder seitenlang, für die Geschichte völlig irrelevante Banalitäten des Ehe- und Familienalltags vor einem ausgebreitet werden.
  • Das Buch handelt gar nicht von Bienen, sondern von Freud und Leid des Kinderhabens. Das, was einem über Bienen erzählt wird, kann man überall im Internet nachlesen und braucht dafür dieses Buch nicht. Eigentliches Thema des Buches ist die Angst vor der plötzlichen Leere im häuslichen „Bienenkasten“ nach dem Ausflug der „Bienen“, mit dem Ratschlag: Such dir ein Hobby.

Fazit: Unsere armen Bienen haben mehr verdient. Sie brauchen auch mehr, nämlich unsere Fürsorge und ein echtes Interesse. Falls diese Geschichte einige, bislang über das Arten- und insbesondere das Insektensterben in keinster Weise informierte Leute auf die Gefahren eines ökologischen Kollaps aufmerksam machen kann, dann ist ja gut. Ich werde das Buch gleich heute weiterverschenken.