„Drachenwand“ und Schmuckschildkröte

Wie eine Schiffbrüchige unter dräuendem Himmel sonnte sich die Schmuckschildkröte auf dem hiesigen Flusse. Es war ein stiller Sonntagmorgen nach einem nächtlichen Platzregen mit Gewitter, wie wir sie immer häufiger erleben.

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„Wenn der Klimawandel erst einmal so weit fortgeschritten ist, dass wir nicht mehr unsere Häuser verlassen können, dann haben wir immer noch genügend Zeit zum Lesen.“

„Es wird dann sein wie im Krieg, der ja auch menschengemacht ist“, und deshalb habe ich Arno Geigers „Unter der Drachenwand“ auf später verschoben, und traf deshalb am Flusse auf die herrenlose Schmuckschildkröte, ausgesetzt von einem gewissenlosen Halter, dem Tode geweiht. Ich wollte sie aber nicht herausfischen und dann ins Tierheim bringen, entspannt und zufrieden wie sie wirkte, so selbstgenügsam. Es war schon ein wundersamer Moment, als ich sie erblickte, die Schmuckschildkröte und ich, die letzten Überlebenden nach der Katastrophe, fast schon paradiesisch. Für einen Moment.

Der Roman „Unter der Drachenwand“ war in der Lage ein gedämpftes Interesse in mir hervorzurufen, v.a. der historische Rahmen. Wie lebt es sich im Krieg, aus der Perspektive unterschiedlicher Charaktere geschildert. Mondsee in Österreich hörte sich nach Urlaub an.

Nach kurzer Zeit fand ich die Charaktere allerdings nur noch wenig spannend, v.a. die männlichen Stimmen präsentierten sich allesamt ähnlich kraftlos. Man fühlt sich als Leserin doch häufig und teilweise allzu lang in die Rolle einer Psychotherapeutin oder Ärztin gedrängt – ohne dafür bezahlt zu werden. Wie oft wünschte ich mir, for fuck’s sake, dass der Jammerlappen Veit doch bitteschön sein Pervitin schlucke und endlich die Klappe hielte. Dann der jugendliche Liebhaber der verschollenen Nanni, um sich selbst drehende Nabelschau, die mit einem schuldbewussten „Und wie geht es dir eigentlich?“ endet. Die im Leide Gleichgeschalteten des Krieges. „Ach, hätt‘ ich dich, dann wär‘ mir wohler.“

Positiv zu nennen ist die Mutter der „Darmstädterin“, die, mitten im Kriegsstress befindlich, doch noch Zeit zum Schreiben von Briefen findet, in denen sie mit sich ringt, kann sie angesichts von Tod und Zerstörung ihren Kindern nicht mehr die nötige Aufmerksamkeit zukommen lassen. Generell finde ich die Frauencharaktere interessanter, auch wenn die Darmstädterin, Mutter mit Kind, in ihrer reduzierten Darstellung als Heimchen für Herd und Bett, die sich v.a. Sex vom Veit wünscht, eine Männerphantasie ist und bleibt, ist es doch ihre Funktion als deutsches Weib, das Wohlergehen des verwundeten deutschen Soldaten zu fördern. Ebenso ist es die Aspirin rauchende Klosterschwester im Zug. Da gefällt mir die Lehrerin doch besser, die den Veit als das sieht, was er ist, nämlich einen Langweiler, wie er im Buche steht.

Der kurze, friedliche Moment mit der Schmuckschildkröte währte nicht lange, denn urplötzlich preschte ein Rottweiler aus der Uferböschung hervor und rannte laut kläffend in den Fluss. „Holger, hierrrrrrrrrr,“ hörte ich eine Männerstimme rufen. Sofort hievte sich das klatschnasse Tier wieder ans Ufer, kippte im Übermut den Baumstamm mit der Schildkröte um, und stand dann direkt neben mir.

„Du schüttelst dich jetzt nicht aus,“ konnte ich gerade noch sagen, als genau das geschah, und der Hund anschließend zu seinem Halter sprang. Dieser war, wie seine Frau, recht großformatig gebaut, breit und hoch wie ein Holzscheit, wobei die Frau etwas schmaler wirkte, wie der eine Teil eines in zwei Teile geschlagenen Holzscheits. Die Linse am Objektiv meiner Kamera war übersät mit Wassertropfen.

„Das war aber nicht höflich, Holger,“ sagte der Halter zu seinem Hunde, scherzend, was bei mir das Fass zum Überlaufen brachte. „Dann nehmen Sie doch Ihren verdammten Köter an die Scheißleine, Sie ARSCHLOCH, das ist nämlich ein Naturschutzgebiet hier, VER-DAMM-TE Scheiße noch mal!“ Die Frau schaute mich an, als hätte ich sie soeben als Vollnazi beschimpft, sprachlos, dass jemand sich nicht mit ihrem Hunde freuen konnte. Ihr Mann nahm den Hund an die Leine, „und schon geht es an die Leine, Holger,“ und stellte sich hinter einen Busch, um in seinem Handy nach der Antwort danach zu suchen, ob dies wirklich ein Naturschutzgebiet war.

So machte ich mich denn, nach einem erlebnisreichen Morgen, auf in Richtung Heimat, und las dort noch ein wenig in dem Roman „Unter der Drachenwand“ weiter, was wenig spektakulär endete.

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