In the meantime…

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Kurz und knapp:

Ausgelesen und angelesen – In der „Best of“ Reihenfolge.

  1. Charles Eric Maine – The Tide Went Out (1958).

Ein End-of-the-World Science Fiction Roman aus Great Britain. Ein Atombombenexperiment hat die Erdkruste aufgerissen, so dass unser aller Lebenselixier Wasser nach und nach im Innern der Erde verschwindet. Zurück bleibt ein lebensfeindlicher Planet, auf welchem sich die Superreichen und ihre verbündeten Regierungschefs heimlich Richtung Nordpol aufmachen, dem letzten Rückzugsort, um sich und ihre Familien in Sicherheit zu bringen. Damit die einfache Bevölkerung nichts mitbekommt, richtet die britische Regierung eine neue Behörde ein, die sich vordergründig mit den Folgen der Katastrophe beschäftigt, aber im Grunde dazu dient, die notwendige Zeit für die heimlichen Evakuierungen zu verschaffen. Unser ahnungsloser Protagonist arbeitet für die neue Behörde und wähnt sich fälschlicherweise in Sicherheit.

Der Roman ist in einem eher langweiligen, nüchternen Stil geschrieben. Gepackt haben mich aber dennoch die Beschreibungen der Apokalypse und des Überlebenskampfs, die in diesem Genre üblich sind, hier aber durch ihre Dringlichkeit und Anschaulichkeit aus dem Mittelmaß herausragen. Meine Vermutung: Der 2. Weltkrieg hat in diesem Roman seine Spuren hinterlassen. Die Beschreibung des Feuersturms in London beschwört Bilder des Flächenbombardements auf deutscher sowie alliierter Seite. Ob der Autor Soldat war, weiß ich nicht, aber diese Szenen wirken selbst erlebt und nicht nur Second Hand mithilfe von Bildern aus dem Fernsehen oder Kino wiedergegeben, wie es in der Gegenwartsliteratur gängige Praxis ist.

Die Erzählperspektive ist die des Ahnungslosen, der sich auf einem eher einfachen intellektuellen Niveau bewegt und dem sich die wahren Hintergründe und Machenschaften erst langsam erschließen. Dasselbe erzählerische Prinzip wirkt auch in Romanen wie Kazuo Ishiguros „Never Let Me Go“ oder Margarete Atwoods „Handmaid’s Tale“. Diese Perspektive bewirkt ein Gefühl der Fassungslosigkeit und des Ausgeliefertseins gegenüber der Perversion und Gewissenlosigkeit der sich fürsorglich gebenden herrschenden Klasse. Naivität trifft Heuchelei, und in dieser Gegenüberstellung tun sich wahre Abgründe auf. Es ist die Perspektive des Schlachtviehs, entsetzlich und traurig zugleich. Dem Autor ist sie sehr gut gelungen.

2. Ebenfalls sehr gut waren Yasushi Inoues Novelle „Das Jagdgewehr“ (1949), die ich als eine Geschichte gelesen habe, in der es um Fragen der Schuld und der Niederlage geht, nicht auf politischer Ebene, auch Japan hat einen Krieg verloren, aber wiedergespiegelt im zwischenmenschlichen Bereich.

3. …. sowie Katherine Mansfields erste Kurzgeschichtensammlung „In A German Pension“ und Jonathan Franzens Essaysammlung „The End of the End of the World“.

4. Gelesen, aber für nicht besonders gehaltvoll empfunden: Ottessa Moshfegh „My Year of Rest and Relaxation“. Drogenmissbrauch und die Suche nach elterlicher Liebe und Unterstützung unter jungen Erwachsenen in New York kurz vor 9/11.

5. Nicht beendet, da einfach zu banal: Irvine Welsh „Rave“ (yawn! You cunt!), der vulgäre Stil, der durch den Drogenkonsum noch potenziert wird, ist auf Dauer einfach nur einschläfernd und wird zur Karikatur seiner selbst.

6. …sowie Lidia Yuknavitchs hochgelobter Roman „The Book of Joan“, der seine Anhänger finden wird. Für meinen Geschmack enthält er zu viele Versatzstücke aus anderen Science-Fiction Geschichten und dystopischen Romanen. Die Sache mit der „auf die eigene Haut eingeritzten Geschichte als Rebellion“ und Teil selbstbestimmter Identitätszuschreibung kam mir auch irgendwie bekannt vor und hat mich schon damals in den 90er Jahren kalt gelassen. Die Gegenüberstellung zwischen praller Natur und Leiblichkeit der Joan und der kalt-sterilen, entsexualisierten Zukunft auf einem paternalistisch regierten Raumschiff wirkt auf mich zu gewollt, fast kindisch, oder young adult, eben ziemlich unausgereift.

Zum Schluss noch zwei Fotos der wundersamen Raupe des heimischen Jakobskrautbären, auch Karminbär genannt, hier fressend und erkundend am Jakobskraut. Diese Raupe beweist wieder einmal, dass manch ein unscheinbarer Schmetterling einst, bevor er oder sie metamorphosierte, eine coole Raupe war… Das sollte man sich wirklich mal zu Gemüte führen!

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Juli 2019.