NAOMI ALDERMAN: The Power (2016)

I liked it. Allerdings hatte ich mir durchaus etwas mehr erzählerische Power von diesem Werk erhofft. Die Idee – aber das ist sicherlich schon häufig gesagt worden – ist umwerfend. Die Umsetzung ist weniger gelungen, bis auf einzelne Ausnahmen.

36222363

Welche Auswirkungen könnte es haben, wenn Frauen weltweit eine neue körperliche Stärke in Form elektrischer Energie entwickeln, die Männern nicht zugänglich ist, und mit der sie plötzlich und leichterhand quälen und töten können? In diesem Roman kommt es zur globalen Revolution, ein Matriarchat löst die altbekannten patriarchalen Strukturen ab.

Doch diese neue Waffe muss, und das versucht uns Alderman deutlich vor Augen zu führen, wie jede andere Waffe auch (und dazu zählen in gewisser Weise auch die neuen sozialen Medien) in verantwortungsvolle Hände gelegt werden. Nicht alle Frauen können das. Einige verfallen in archaische Strukturen, ziehen in Banden vergewaltigend und tötend durch die Gegend, als gäbe es nichts anderes zu tun. Die Geschichte, die so vielversprechend begann, wird so streckenweise zu einer plakativ dahindümpelnden, sensationslüsternen Dystopie. Vielleicht ist dies aber auch eine Form des Humors, der mir nicht ganz zugänglich ist.

2018_women's_march_in_missoula,_montana_100

(Montanasuffragettes [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, from Wikimedia Commons)

 

 

 

 

„Gib einem Menschen Macht, und du erkennst sein wahres Ich.“ Das ist letztendlich die Quintessenz des Romans und gilt für beide Geschlechter.

Wie gesagt, finde ich die Idee sehr vielversprechend. Die Vergewaltigungsszenen sind völlig gerechtfertigt. Ob es sich allerdings um das erste Beispiel vergewaltigender Frauen in spekulativer Literatur handelt, wie es Elaine Showalter in ihrer Rezension in der New York Review of Books behauptet, wage ich zu bezweifeln. Es scheint, wie mir gesagt wurde, einen norwegischen, feministischen Roman aus den 80er Jahren zu geben, in dem erstarkte Frauen ebenfalls Männer töten und vergewaltigen. Titel und Autorin sind mir leider unbekannt. Vielleicht weiß jemand mehr?

Was mir ziemlich auf den Keks ging, ist die sich an den gängigen US-Fernseh- und Kinoformaten anbiedernde Erzählweise, die an wenig ausgereifte „Young Adult Unterhaltung“ aus Hollywood erinnert. Da hat jemand bereits für das Drehbuch geschrieben. Streckenweise oberflächliche und wenig weiterführende Actionhandlungen, in denen die flachen Figuren austauschbar werden, sind nur ein Teil davon. Überhaupt finde ich die Figuren wenig bis gar nicht entwickelt.

In einigen Kapiteln präsentiert uns die Autorin dann aber doch einen ausgereiften Sprachstil mit tiefgründiger, an Margaret Atwoods Handmaid’s Tale erinnernder, Figurenzeichnung. Mir ist vor allem das erste „Allie-Kapitel“ positiv in Erinnerung geblieben. Die Vergewaltigung der jungen Allie durch ihren Pflegevater (Besitzer eines Schlachthofs) hinterlässt den gleichen Nachgeschmack, den die „eheliche Begattungsszene“ in Atwoods „Handmaid’s Tale“ hervorzurufen mag. Hier gelingt es Alderman ohne das Mittel der sensationslüsternen, moralischen Anklage, einfach durch eine schonungslose und dichte Beschreibung, zu schockieren. Davon hätte ich mir mehr gewünscht.

Fazit: Lohnt sich in vielerlei Hinsicht, aber stellenweise im Stile US-Amerikanischer Fernsehserien seicht und trashig.

Werbeanzeigen