GRAHAM SWIFT: The Light of Day (2003) [Das Helle Licht des Tages]

Dieser Kriminalroman ist eine von Graham Swifts „one-day-novels“, wie auch die ausgezeichnete Novelle „Mothering Sunday“ (2016), die an nur einem Tag spielen.

Der Protagonist ist ein recht gewöhnlicher Mann, ein aus dem Dienst entlassener Polizist, der sich jetzt in London als Privatdetektiv verdingt. Seine Klientin, eine betrogene Ehefrau, möchte sicherstellen, dass ihr Mann seine Geliebte, ihre ehemalige Schülerin, eine junge Kroatin, die als Flüchtling in ihrem Haus untergekommen war, tatsächlich am Flughafen absetzt und nicht kurzentschlossen mitfliegt. Nach seiner Rückkehr ins heimische Wimbledon, bringt sie ihren Mann um und kommt für mehrere Jahre ins Gefängnis.

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Anders als in klassischen Kriminalgeschichten üblich, ist der Mörder von anfang an bekannt, denn dem Autor geht es weniger um den Mordfall, als um seinen Protagonisten, George Webb, den Privatdetektiv, und dessen Gedankenkarussell, das sich immer weiter ausdehnend um diesen Mordfall dreht, ständig auf der Suche nach der einen objektiven und schlüssigen Erklärung, die nicht nur den Mordfall sondern auch seine eigene, persönliche Geschichte und die aller anderen betroffenen Personen erhellen könnte.

An diesem einen Tag im November 1997, rekapituliert Webb, der wie jedes Jahr das Grab des Getöteten aufsucht und danach dessen Frau im Gefängnis, in die er sich verliebt hat, die Ereignisse um diesen Mordfall. Sein Bewusstseinsstrom schlängelt sich dabei, und dümpelt auch, achronologisch durch das Gewirr seiner Vermutungen über die persönlichen Schicksale der betroffenen Figuren. Die dabei entstehenden Erzählungen sind immer gefärbt von den unterschiedlichsten und nie gleich bleibenden Erinnerungsbruchstücken und auch seinen Abneigungen und Vorlieben für bestimmmte Personen. Es wird deutlich, dass es für ihn nicht die eine, objektive Wahrheit geben kann.

So sehr ich den Roman für seine komplexe Erzählweise und die philosophische Frage nach der Konstruktion von Erzählungen und Geschichte schätze, so bin ich der Hauptfigur doch nach einiger Zeit eher überdrüssig geworden. Die sich ständig um sich selbst kreisenden Gedanken sind auf Dauer ermüdend und irritierend. Geradezu aufgeatmet habe ich in den seltenen Momenten, in denen der Protagonist endlich mal im Hier und Jetzt ankommt, z.B. wenn er den bohrenden Blick eines Kriminalbeamten auf sich gerichtet spürt. Mehrmals wollte ich George Webb als Ergänzung zu seinem Kochkurs einen Meditationskurs empfehlen, damit er lernt, sein Gedankenkarussell EINMAL NUR von außen zu betrachten. Dieser Freiheitsschlag gelingt dem sehr einfachen Mann mit seiner völlig poesiefreien Sprache leider nicht, anders als der weiblichen Hauptfigur in „Mothering Sunday“. Er bleibt ein Gefangener seiner falschen Hoffnungen und lebt in und von der Vergangenheit. Diese Charakterbeschreibung mag sehr realistisch sein, letztendlich kann sie jedoch mein Interesse nicht über 300 Seiten halten.

Fazit: Ein interessant konstruierter Roman, der etwas kürzer sein dürfte, vor allem weil die Hauptfigur für meinen Geschmack zu langweilig ist. Sie fügt sich aber gut in den trüben Schauplatz eines verhangenen Novembertages ein und spiegelt damit realistisch den Geisteszustand einer depressiven Verstimmung mit all ihren Grübeleien wider.

 

 

 

 

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