DÖRTE HANSEN – Altes Land (2015)

Abgeschreckt von dem Spiegel-Bestseller-Aufkleber, der wie eine rote Giftspinne auf dem Buchdeckel der Taschenbuchausgabe von Dörte Hansens „Altes Land“ der Käufer harrte, hielt ich es für angemessen, mich vor dem durchaus riskanten Kauf zunächst von der Buchhändlerin beraten zu lassen. Wie ich in Erfahrung bringen konnte, ist sie es, die in regelmäßigen Abständen persönliche Empfehlungen in schöner Schreibschrift, denen ich bislang immer zustimmen konnte, an die Regale der fremdsprachigen Literatur anbringt. Dies schaffte das nötige Vertrauen. Ohne große Umschweife fragte ich sie direkt und ungeniert, ob „Altes Land“ in irgendeiner Weise mit dem „Bienenbuch“ von Maja Lunde vergleichbar sei, hinzufügend, dass ich dies bitteschön nicht hoffe, denn letzteres habe mir fast das Weihnachtsfest verdorben. Sie antwortete vorsichtig, die richtigen Worte suchend, dass, nein, dieser Roman deutlich besser sei, von dem Bienenbuch sei auch sie wahrlich nicht überzeugt gewesen. Ich glaubte ihr aufs Wort.

Ich bin erleichtert, mitteilen zu dürfen, dass die Lektüre des Erstlingswerks von Dörte Hansen durchaus erfreulich war und mich überzeugt hat. Eine unterhaltsame, kurzweilige Geschichte mit einem interessanten thematischen Hintergrund, humorvollen Beschreibungen der Charaktere, vor allem in ihrer Art der Kontaktaufnahme und Beziehungsgestaltung. Alles mit großem Wiedererkennungswert und es ist gut, dass die sogenannten „Helikoptereltern“ (ich mag den Begriff nicht, da zu positiv), im Grunde allesamt empathie- und humorlose Egozentriker, in Hamburg-Ottensen lokalisiert, nun endlich erfolgreich und literarisch der Lächerlichkeit preisgegeben wurden. Beim Lesen konnte ich nicht umhin, minutenlang zustimmend zu nicken, und hatte bald einen leichten Krampf im Nacken.

Was ich mir gewünscht hätte, wären etwas tiefgründigere Charaktere gewesen. So konnte ich zum Beispiel den Selbstmord von Karls Mutter Ida nicht nachvollziehen. Sollte er nur eine satirische Überspitzung des „Schwiegermutter“-Themas sein? Man merkt, dass die Autorin zum Ende des Romans versucht, die Entscheidung Hildegards, ihre Tochter nach der Flucht im Alten Land zurückzulassen, zu erklären. Der Schrecken, der das Verhalten der Figuren bestimmt, geht häufig hinter der lustigen Fassade der satirischen Erzählstimme unter. Beschreibungen einer trostlosen Natur scheinen hierfür einen Ersatz anbieten zu wollen. Aber so soll es vermutlich auch sein, denn sonst wäre ein anderer Roman entstanden, keine Satire auf das moderne Familienleben, das von den Geschehnissen der Vergangenheit zwar beeinflusst wird, aber auch deutlich dazu auf Distanz geht. Auktorialer Humor ersetzt Betroffenheit.

Ich hatte den Eindruck, dass die Autorin doch auch gerne in die psychologischen Abgründe ihrer Figuren eingetaucht wäre, es sich jedoch verboten hat. Der satirische Grundton ist vermutlich dem Erstlingswerk geschuldet. Man kann gespannt sein, wie es bei Dörte Hansen so weitergeht.

Was mir der Roman sehr überzeugend deutlich gemacht hat, ist die Tatsache, dass die Aufarbeitung des Krieges und der Vertreibung auch im 21. Jahrhundert noch nicht abgeschlossen ist, sich jede neue Generation mit dem Thema auseinandersetzen muss, will sie sinnvolle Beziehungen führen, auch wenn es inzwischen zum guten Ton gehört, sich von den ganzen „Kriegsgeschichten“ genervt abzuwenden, weil alles ja schon irgendwann mal gehört und gesehen und brauchen wir wirklich noch mehr davon.

Der Satz, der hängengeblieben ist:

„Alles konnte man vergessen, nur wie die Pferde schrien, das vergaß man nicht.“ (S. 224)

Fazit: Hat sich gelohnt.

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