JOSEPH CONRAD: Heart of Darkness [Herz der Finsternis] (1902)

Joseph Conrad nimmt in Graham Swifts „Mothering Sunday“ (2016) eine prominente Rolle ein. Er starb 1924, das Jahr in dem Swifts Roman spielt, und sein Tod überrascht die junge Protagonistin Jane, die ein großer Fan seiner Erzählungen ist, die sie als Hausmädchen in der Bibliothek ihrer Herrschaften gefunden und tatsächlich auch gelesen hat. Die Chance, Conrad einen Fan-Brief zu schreiben bzw. ihn zu treffen, ist nun dahin, aber das hält sie nicht davon ab, sich ein solches Treffen im Detail vorzustellen.

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Inspiriert von diesen Schilderungen am Ende der Novelle, habe ich noch einmal mein schlodderiges Exemplar von „Heart of Darkness“ aus einer verstaubten Ecke des Bücherregals herausgezogen.

Viel braucht man zu dieser Erzählung, glaube ich, nicht mehr sagen. Die meisten werden sie kennen bzw. ihre modernen Abwandlungen in Filmen wie Coppolas „Apocalypse Now“ und Werner Herzogs „Aguirre, der Zorn Gottes“ mit Klaus Kinski. Es ist die Erzählung des Kapitäns Marlow um eine Reise in die Tiefen des noch unbekannten Afrika, dem Kongo, im Dienste einer kolonialen Handelsgesellschaft. Er soll dort sicherstellen, dass der Nachschub für den florierenden Elfenbeinhandel nicht ins Stocken gerät, vor allem aber soll der Stationsleiter Kurtz, um den sich widersprüchliche Legenden ranken und der sich quasi als brutal und willkürlich agierender Miniaturdiktator dort sein eigenes kleines Reich geschaffen hat, aus dem Verkehr gezogen werden. Diese Reise führt im übertragenen Sinne in das verrohte „Herz“ eines sich zivilisatorisch fortschrittlich wähnenden Europas, dessen Reichtum die brutale Ausbeutung der Kolonien und der dortigen Menschen billigend in Kauf nimmt.

Das erste, das mir beim erneuten Lesen auffiel, ist die sprachliche Nähe zu J.G. Ballard, von dem ich im letzten Jahr drei Romane und einige Kurzgeschichten gelesen habe. Die sprachliche Ausgestaltung passt sich bei beiden Autoren der Tatsache an, dass Realität nicht mehr logisch und eindeutig zu erklären ist. Sprache wird suggestiv, surreal, ständig interpretierend, zweideutig und impressionistisch. Das führt dazu, dass die Lektüre nicht immer einfach ist, weil auch noch Zeitverschiebungen bzw. -überlappungen dazukommen, dies eher bei Conrad und weniger bei Ballard, der doch meistens linear erzählt.

(Beispiel folgt, wenn ich mehr Zeit habe)

Graham Swift wird vermutlich die thematische Frage nach dem, was Wirklichkeit und Fiktion ausmacht, vor allem in autobiographischen Schilderungen, bewogen haben, sich seitenlang am Ende seiner Novelle auf Joseph Conrad zu beziehen. Einzelne Episoden aus dem Leben des ehemals sexuell ausgebeuteten Hausmädchens Jane, die später Schriftstellerin wird, werden von ihr mehrfach neu bewertet. Dies ist Thema nicht nur bei Graham Swift sondern auch in Ian McEwans „Atonement“. Es gibt nicht die eine Wahrheit, deshalb muss die verklärt romanzenhafte Darstellung der Sex-Beziehung zwischen Hausmädchen und dem Sohn der Herrschaften zu Beginn des Buches mit Skepsis gelesen werden, was viele Rezensenten nicht getan und stattdessen die Erzählung als „A hymn to youth on a day of sunshine“ bezeichnet haben. Aber das verkauft sich vermutlich besser.

Fazit: Es hat Spaß gemacht, Heart of Darkness noch einmal zu lesen. Die Erzählung hat ein Licht auf Themen der Novelle „Mothering Sunday“ von Graham Swift und des Romans „Atonement“ von Ian McEwan geworfen. Eine sprachliche Nähe zu J.G. Ballard ist deutlich geworden, wobei die Frage interessant wäre, inwiefern Science Fiction Literatur sprachlich in der Tradition Joseph Conrads stehen könnte.

 

 

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