GRAHAM SWIFT – Mothering Sunday [Ein Festtag] (2016)

Cock, balls, cunt. There were some simple, basic expressions.

It was March 30th. It was a Sunday. It was what used to be known as Mothering Sunday.

Es ist 1924 und am „Mothering Sunday“ haben in England alle Hausangestellten einen freien Tag, um in die Kirche zu gehen oder ihre Familie zu besuchen.

Die junge Protagonistin Jane Fairchild, Dienstmädchen und Waise, erhält einen geheimen Anruf ihres Geliebten Paul, Sohn eines befreundeten Ehepaars ihrer Herrschaften. Sie soll ihn zu einem letzten Sex-Treffen vor seiner standesgemäßen Heirat im Hause seiner Eltern aufsuchen. Jane tut, wie ihr befohlen.

Dieser sonnige Tag im März wird eine Zäsur in ihrem Leben einleiten. Nach dem Stelldichein mit Paul bleibt sie noch einige Zeit in dem großen Haus zurück und erkundet dieses nackt von oben bis unten. Vor allem die Eindrücke in der Bibliothek hinterlassen Spuren. Danach radelt sie durch die erblühte Landschaft und genießt sinnierend ihr junges Dasein, bis ein tragischer Zwischenfall ihr Leben in neue Bahnen lenken wird.

Das Buch ist mit „A Romance“ untertitelt und das ist natürlich, wenn man „Romance“ im Sinne von „Liebesgeschichte“ versteht, ironisch gemeint. Dies und der märchenhafte Einstieg in die Novelle, „Once upon a time, …“ könnten einen dazu verleiten, die Geschichte um das sexuell ausgebeutete Hausmädchen Jane, als locker-frische Erzählung einer das Leben schamlos genießenden und dabei immer selbstbestimmten jungen Frau zu verstehen, die die Dinge so nimmt, wie sie kommen. Die Erzählstimme ist vor allem während der Schilderung der postkoitalen Schlafzimmerszene eng mit den Eindrücken Janes verknüpft, die es genießt, wenigstens im Bett wie eine Gleichberechtigte, eine „Freundin“, behandelt zu werden. Im Gegenzug zügelt sie Paul gegenüber ihre Emotionen, wie es sich gehört, „professionell“.

Neben dieser „jungen“ Erzählstimme, werden die Leser auch mit den Gedanken der gealterten Jane vertraut gemacht, die nach dem tragischen Zwischenfall am Mothering Sunday 1924 zunehmend mehr Unabhängigkeit erlangt und letztendlich als Romanautorin Erfolge feiert.

Though when she was eighty or ninety and was asked, as she would be, even in public interviews, to look back on her younger years, she felt she could fairly claim (though of course never did) that one of her earliest situations in life was that of prostitute. Orphan, maid, prostitute.

Hier erfolgt, wie punktuell an anderen Stellen der Erzählung, eine Brechung des vorher Geschilderten, ein Subtext zur narrativen Hauptlinie der frühlingshaften „Romanze“. Swift überlässt es den Lesern, selbst den Stellenwert dieser Anmerkungen zu bestimmen. Die meisten Rezensenten, so mein Eindruck, scheinen diese Bemerkungen jedoch geflissentlich überflogen zu haben und sehen in der Novelle vor allem „A hymn to youth on a day of sunshine“ bzw. „A story about what it means to be alive.“ Man muss sich doch sehr wundern.

Weiterhin kam ich nicht umhin, die Novelle im Lichte von Ian McEwans Roman „Atonement“ (Abbitte) zu lesen, den ich mir an Weihnachten zu Gemüte geführt hatte. Vor allem der erste Teil von „Atonement“ kam mir in seinen Schilderungen sehr „Hollywoodesque“ vor, einer märchenhaften Cinderella-Story mit umgekehrten Geschlechterrollen verschrieben, verschämt in der Darstellung der Sexszene in der Bibliothek. Ich hatte den Eindruck, dass dieser erste Teil, so meisterhaft seine Prosa, tatsächlich für ein späteres Hollywooddrehbuch geschrieben worden ist.

Graham Swift nimmt sich derselben Themen an: Junge Frau reift zur Schriftstellerin, hinterfragt Fiktion und Realität, die Beziehung von Herrschaften und Dienstleuten im England zwischen den Weltkriegen. Jedoch lässt er es sich nicht nehmen, die historische Realität und auch die nackten Tatsachen immer wieder durch die Erzählung durchschimmern zu lassen, den Lesern geradezu unter die Nase zu reiben.

Wird die Bibliothek in „Atonement“ vor allem zum – Pardon! – Ficken genutzt, dies in voller, familienfreundlich-cineastischer Montur, macht sich Jane Fairchild, nachdem Paul das Haus verlassen hat, um seine Verlobte zu treffen, im Evakostüm auf, um dieses zu erkunden. In der Bibliothek drückt sie die Werke Joseph Conrads und anderer liebevoll an ihre nackte Brust. Sie wird diese natürlich lesen und sie werden ihr helfen, aus ihren Lebensumständen auszubrechen. „Die Bibliotheken wurden von den Herrschaften nicht zum Lesen genutzt“, weiß die ältere Jane zu berichten. Die frühe Lektüre als Hausmädchen und das Erlebnis von Freiheit an diesem Mothering Sunday, als sie nackig und selbstbewusst durch das herrschaftliche Haus spaziert, werden ihr im Laufe ihres Lebens immer ein Quell der Inspiration bleiben.

Eine weitere, gemeinsame Auffälligkeit ist die Schilderung von Sexualität. Verhohlen, in dunklen Ecken stattfindend, bei McEwan. Swift, auf der anderen Seite, schaltet, schon fast trotzig, alle Lampen an und macht alle Fenster auf, bevor er sich in sehr expliziter Weise der Beschreibung der Liebenden widmet.

March 30th 1924. Once upon a time. The shadows from the latticework in the window slipped over him like foliage. […] he turned, and there, beneath a nest of dark hair and fully bathed by sunshine, were his cock and balls, mere floppy and still sticky appendages. She could look at them if she liked, he didn’t mind.

Dies geht so weit, dass der Samen, der aus Jane’s Vagina herausläuft, auf dem Bettlaken den Umriss Großbritanniens annimmt, und damit mit einem Augenzwinkern andeutet, dass das „Private“ immer auch „politisch“ ist.

Es ließen sich noch mehr Parallelen zwischen den beiden Büchern aufzeigen. Ich finde es schade, dass Swifts Novelle kein Roman geworden ist.

Fazit: Ein verwirrendes aber immer erstklassiges, in detaillierter und humorvoller Prosa geschriebenes, Leseerlebnis, das noch lange nachwirkt.

Werbeanzeigen