IAN MCEWAN: Atonement [Abbitte] (2001)

Ian McEwan gehört zu den Autoren, die tatsächlich schreiben können. Da ich des Englischen einigermaßen mächtig bin, konnte ich „Atonement“ aus dem Jahr 2001 im Original lesen. Meine ehemalige Englischlehrerin hatte mal gesagt, dass man schlechte Bücher gelesen haben muss, um die guten wertschätzen zu können. Das stimmt, einerseits. Andererseits scheint heutzutage der Geschmack durch die (unter-)durchschnittliche Qualität der Massenware auf dem Buchmarkt, die dann auch noch mit Preisen und positiven Rezensionen fälschlicherweise in den Himmel gelobt wird, so verflacht und anspruchslos geworden zu sein, dass man den Leuten nur raten kann, „Lest endlich die richtig guten Bücher!“, nicht den Ramsch, den man euch in nett anzuschauenden Designs und völlig überteuert zum Fraß vorwirft, von Autoren, die im Besitz eines produktiven Wortschatzes von unter 5000 Wörtern zu sein scheinen.

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Meine Erfahrung ist die, dass die guten Bücher, die noch lange nachwirken, diejenigen sind, die man nicht in ein, zwei Tagen durchgelesen hat. Das müssen gar nicht Bücher mit vielen Seiten sein. Es sind die sprachlich dichten Bücher, die nicht alles sofort auf banalste Smalltalk Art und Weise offenbaren, die nicht wie eine öde Radiosendung ihren Text in das Vakuum hineinleiern, mehr oder weniger unterhaltsam, und für deren Autoren „Poesie“ kein Fremdwort zu sein scheint. Geschmack wird eben auch über das vorhandene Angebot gebildet und ist m.E. nicht nur etwas, das man „fertig“ in der potentiellen Kundschaft vorfindet.

Doch genug der Tirade. Ian McEwan lese ich vor allem wegen seiner detaillierten Beschreibungen mit dem weiten Blickwinkel, seinem tiefenpsychologischen Interesse, seinem leichten Humor, und vielem mehr, gerne.

„Atonement“ ist in drei Abschnitte aufgeteilt. Die Handlung erstreckt sich von den 1930ern bis in das Jahr 1999 und spielt vor allem auf dem Landsitz der Familie Tallis in England.

Die Protagonistin ist die jüngste Tochter Briony, die literarische Ambitionen hat, und die ihre ältere Schwester beim Flirten und später beim Sex mit dem Nachbarsjungen in der Bibliothek beobachtet bzw. ertappt. Für Briony sind dies Szenen männlicher Gewalt, ihre Schwester ein Opfer. Als dann auch noch eine minderjährige Cousine im dunklen Park von einem unbekannten Mann vermutlich vergewaltigt wird, beschuldigt Briony den heimlichen Geliebten ihrer Schwester, der dafür mehrere Jahre ins Gefängnis muss. Je älter Briony wird, desto mehr erkennt sie ihre Verfehlung. Die Abbitte des Titels bezieht sich auf die folgenden Jahre ihres Lebens, in denen sie versucht, mit ihren Schuldgefühlen umzugehen. Letztendlich wird sie durch eine Demenzerkrankung davon erlöst werden.

Die Erzählung ist nicht linear, sondern teilweise überlappen sich einzelne Szenen, die aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet werden. Diese Vorgehensweise entspricht einem Thema des Buches, nämlich dem Verhältnis von Imagination und Fiktion, fact and fiction, und letztere vor allem als zweischneidiges Schwert, das lebenserhaltend sein kann, Liebe ermöglicht, aber auch im Gegenteil großes Unglück über Menschen bringen kann, wenn sich ihre Kraft mit der Einfalls- und Geistlosigkeit der Realität verbinden muss.

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Generell stehe ich nicht besonders auf Kriegsromane, aber die beschriebenen Sequenzen in „Atonement“ haben mich doch überzeugt. Der Horror des Krieges wird, hier am Beispiel des Rückzugs der britischen Truppen vor Dünkirchen, unsentimental aus der Perspektive von traumatisierten Soldaten und der ebenso betroffenen Zivilbevölkerung beschrieben. Die Beschreibung stellt zwar Gewalt und Ekel des Krieges heraus, aber zeigt gleichzeitig, bis ins kleinste Detail, dabei nie klischeehaft, die Auswirkungen dieser unkontrollierten Vorgänge auf die Psyche und Wahrnehmung der betroffenen Menschen. Hier ist vor alle auch die Darstellung der Tätigkeiten der Krankenschwestern in London hervorzuheben, die einem mit ihrer selbstlosen Disziplin und Hingabe wie die wahren Helden des Krieges erscheinen. Dass die Erzählerin Briony, die als junges Mädchen noch sentimentale Romanzen geschrieben hat, nun, als Krankenschwester, mit offenliegenden Hirnen und zerschossenen Gesichtshälften konfrontiert wird, die den Blick auf Muskelstränge und Nervenfasern freilegen, ist ein Beispiel für die kontrastreiche Bildhaftigkeit des Autors, die immer im Dienste der Charakterisierung und der Psychologisierung der Erzählung steht, und sich nie in quasi-pornographischer Weise in der Beschreibung des Gewaltexzesses erschöpft.

Gibt es etwas, was mir nicht so gut gefallen hat? Eigentlich nein. Vielleicht hätte die Anfangssequenz auf dem Landsitz in ihrer schwül-sentimentalen Weise etwas mehr gebrochen werden können. Dies erinnerte doch streckenweise an die üblichen Hollywoodschmonzetten. Die Brechung erfolgt erst später, wenn Briony am Ende ihres Lebens angekommen über die Vergangenheit nachdenkt, ihr letzter Bericht von 1999 die Frage aufwirft, was denn nun Wirklichkeit und was nur die Erfindung ihrer kindlichen Phantasie gewesen ist. Mich hätte ein etwas realistischerer Blick auf das romantisierte Landleben der betuchten und angeblich kultivierten britischen Gesellschaft (Sexszene in der Bibliothek) interessiert. Aber so wie es ist, ist es auch okay.

Kurzum: Lesen, weil geil-o-mat und echt gut erzählt!

PS: Ich habe mir einige Szenen des Films auf Youtube angeschaut, und es hat mir nicht gefallen, was ich dort gesehen habe. Deshalb: Buch lesen!

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