Der Dritte Mann

Wäre letzte Woche nicht eine Endlosschleife an ZDF-History Dokumentationen zum Thema „Deutschland nach ’45“ auf 3Sat zu sehen gewesen, hätte ich vermutlich in unserer hiesigen Stadtbücherei nicht die Noten für das Harry Lime Theme als Bearbeitung für die Sologitarre aus dem Regal gezogen. Da die Bücherei auch eine gute DVD-Sammlung hat, kam „Der Dritte Mann“ gleich mit in den Ausleihkorb. Erst später fiel mir die thematische Verbindung auf.

Den „Dritten Mann“ kannte ich schon vom Fernsehen, bin aber damals kurz nach der Prater-Szene, als das Riesenrad die beiden Protagonisten in den Himmel hebt, eingeschlafen. Im englischen Original, mit der österreichischen Mundart durchzogen, wirkt der Film natürlicher. Merkwürdigerweise wird im Vorspann Joseph Cotten, der Harry Limes (Orson Welles) Freund Holly Martins spielt mit einem dritten „O“ geschrieben, also „Joseph Cotton“. Dies nur am Rande. Peinliche Rechtschreibfehler werden also nicht erst heutzutage gemacht.

Nach dem zweiten Mal kann ich sicher sagen, dass „Der Dritte Mann“ ab sofort zu meinen Top 10 Lieblingsfilmen gehört. Ich würde sogar soweit gehen zu behaupten, dass ich diesen Film als „Henkers-Streifen“ wählen würde, wenn mir vor meinem Tode noch ein letzter Kinofilm zugestanden würde. Allerdings möchte ich dann nicht wie Orson Welles wieder von den „Toten“ auferstehen müssen, auch wenn diese Auferstehung so geschickt und wirklich liebreizend wie die in der „Katzen-Szene“ wäre. Alida Valli („Anna Schmidt“), Harry Limes Ex-Freundin, erzählt ihrem aufdringlichen Verehrer Joseph Cotten, der vergeblich versucht nicht nur sie sondern auch ihr Kätzchen (yes, her pussy) zum Spielen zu animieren, dass diese tatsächlich nur Harry Lime mochte und niemanden sonst. In der nächsten Szene sehen wir genau dieses süße Kätzchen, wie es durch die Straßen streift, und plötzlich in einen dunklen Türeingang springt, um sich dort an die Hosenbeine eines im Schatten versteckten Mannes zu schmiegen und mit seinen Schuhbändel zu spielen. Das ist wirklich genial gemacht. Für solche Szenen braucht es nicht viel technischen Schnickschnack, sondern tatsächlich nur ein wenig Phantasie.

Um noch einmal auf die ZDF-History Folgen zu sprechen zu kommen. Eigentlich schaue ich die nicht, aber manchmal bin ich des Zappens müde. So kam es, dass ich mir etwa vier oder fünf Nachkriegsdokus angeschaut habe. Als deutscher Mensch sollte man das vielleicht tatsächlich ab und zu in regelmäßigen Abständen tun. Wie immer bedrückend waren die Berichte über Massenvergewaltigungen an Zivilisten durch die Soldaten der Besatzungsmächte. Die Geschichten über die Russen sind wohl jedem bekannt, aber dass auch die Amerikaner, Franzosen und Briten Zehntausende Frauen, Kinder (und vermutlich auch Männer) vergewaltigt haben, und nicht nur die deutschen, sondern auch die Zivilbevölkerung der verbündeten Alliierten, wie die Amerikaner in Frankreich zum Beispiel, das war mir neu.

In diesen neuen Forschungsergebnissen kommen die Briten immer noch am besten weg, vor den Franzosen, Amerikanern und dann den Russen. Dies wird zum Teil mit einem gewissen Ehrenkodex in Verbindung gebracht, der im britischen Mititär vorgeherrscht haben soll. Wenn es zu einer Anzeige kam, wurden die Soldaten vors Militärgericht gestellt. Wie dem auch sei, man spricht jetzt von Zehntausenden Vergewaltigungsopfern auch durch britische Soldaten. Diese Zahlen werden zwar auch angezweifelt, aber widerlegen konnte sie meines Wissens noch niemand. Ich würde noch hinzufügen, dass man normalerweise immer „nur“ die Opferzahlen zählt, manche Frauen sind jedoch 30-70 Mal von verschiedenen Männern vergewaltigt worden. Wenn es also um den Akt der Vergewaltigung an sich geht, liegen die Zahlen vermutlich noch höher.

Diese Eindrücke waren noch recht frisch, als ich mir dann ein paar Tage später den „Dritten Mann“ anschaute, der im besetzten Wien spielt. Graham Greene hat das Wien der Nachkriegszeit besucht, um Material für sein Drehbuch zu sammeln. Er ist dann auf die Geschichte mit dem Penicillin gestoßen, die er in das Drehbuch eingebaut hat. Harry Lime, der Ami, verkauft gestrecktes Penicillin an Krankenhäuser und hat deshalb das Leben mehrerer unschuldiger Kinder und auch Erwachsener auf dem nicht vorhandenen Gewissen. Nicht erwähnt werden im Film die Tausenden zivilen Opfer des alliierten Flächenbombardements, was nicht überrascht. Man sieht sie auch nicht. Die Wohngebäude im Nachkriegs-Wien sind zwar größtenteils noch zerstört, aber die Leichen sind inzwischen weggeschafft worden. Auch die Vergewaltigungen werden nicht erwähnt, obwohl ich mir eigentlich sicher bin, dass solche Geschichten auch einem Graham Greene zu Ohren gekommen sein müssen.

Generell zeichnet sich „Der Dritte Mann“ dadurch aus, dass die Briten in Graham Greenes Drehbuch, was auch nicht verwundert, als Besatzungsmächte sehr gut wegkommen. Sie arbeiten, wie es scheint, Tag und Nacht, sind freundlich und bestimmt, und haben, wie ihre dringlichen Aufklärungsversuche im Penicillinskandal zeigen, ein moralisches Gewissen. Wenn ich mich recht erinnere, rät Major Calloway (Trevor Howard) der alleinstehenden Alida Valli sogar, dass sie gut auf sich aufpassen solle, und dass, während die Briten ihre Wohnung unter dem lautstarken Gezeter der Portiersfrau mit fast zehn Mann durchsuchen, um Beweismaterial im Fall Harry Lime zu finden.

„Anna Schmidt“ ist neben den bienenfleißigen und vertrauenswürdigen Briten die einzige Sympathieträgerin des Films. Mit gefälschten Papieren lebt sie, als Tschechoslowakin, in Wien und ist somit erst einmal sicher vor einer Auslieferung an die Russen. Den ständigen Avancen des Amerikaners Holly Martins (Joseph Cotten) gibt sie als unabhängige, junge Frau nicht nach, und es ist wohl ein letztes Zugeständnis an ihre Intelligenz, dass Graham Greene sie letzten Endes nicht mit dem kulturlosen und billige Westerngeschichten schreibenden Amerikaner verbandelt. Anscheinend hat hier wohl auch der Regisseur, Carol Reed, ein Wörtchen mitzureden gehabt. Ein Weg in die Freiheit ist es für sie jedoch auch nicht, wenn sie in der bekannten Schlussszene auf dem Friedhof an Martins vorbeimarschiert ohne ihn eines Blickes zu würdigen, denn sie läuft in Richtung der Kamera in die Stadt zurück.

Das Harry Lime Theme macht sich auch auf der Gitarre gut. Ich kann zur Zeit natürlich nur davon träumen, irgendwann einmal so weit wie der kleine Sungha Jung zu kommen, aber es ist ja noch kein Meister vom Himmel gefallen… oder doch?