Ein Schwarm von etwa 300 Rabenkrähen saß letzte Woche in den Kronen dreier Bäume am Bahnhof. Ein lautes Gekrächz war das. Es dunkelte bereits, und als ich mich zu Fuß Richtung Innenstadt aufmachte, flogen zwei Krähen neben mir her. Zuhause angekommen setzten sie sich in den Baum vor dem Fenster. Als ich hinausschaute, sah ich im Abstand von etwa 15 Sekunden immer neue Krähen hinzukommen. Sie stimmten ein lautes Gegackere an. Als es ganz dunkel geworden war, hörte man nichts mehr. Am nächsten Tag waren sie fort.

Auf der Suche nach den letzten, eiligen Weihnachtsgeschenken im Buchladen, fiel mir gestern Monika Marons 64-seitige Erzählung „Krähengekrächz“ in die Hände. Mir ist aufgefallen, dass ich fast nur noch Bücher lese, die die Beziehung zwischen Mensch und Tier, insbesondere unseren gefiederten Freunden, in den Mittelpunkt stellen. Ob dies ein Franzen-Effekt oder auf meine Erfahrungen mit zwei Wanderfalken zurückzuführen ist, die letztes Jahr ebenfalls vor meinem Fenster Rast machten (s. peregrinus), ist mir noch nicht ganz klar geworden.

Mir ist auch aufgefallen, dass viele Neuerscheinungen Vögel auf dem Buchcover zeigen. Hier würde ich von einem ganz deutlichen Franzen-Effekt sprechen: Vögel in der Literatur = Jonathan Franzen = Qualitätsware = viele interessierte Käufer. So sieht wahrscheinlich die Marketingstrategie aus. Eulen sind ja auch wieder in. Der Waldkauz ist sogar zum Vogel des Jahres 2017 ernannt worden. Ich denke, da geht noch mehr.

Mir gefällt diese Entwicklung. Zur Zeit kann ich Bücher nicht mehr lesen, die zwischenmenschliche Beziehungen zum Thema haben. Man hat das Gefühl, es sei alles schon mal dagewesen, bis ins kleinste Detail der Irrungen und Wirrungen ausgelotet, und das Gros der Menschheit hat trotz allem nichts dazugelernt, wird immer dümmer und verroht sogar. Es langweilt mich, da ist eindeutig die Luft raus. Wer stattdessen einem Tier ins Auge schaut, blickt in die Seele des Menschen. Dieser Ansatz der menschlichen Selbsterkenntnis reizt mich viel mehr.

Krähen, so lernt man als erstes in Monika Marons Erzählung, können ihr Spiegelbild und sogar menschliche Gesichter erkennen. Dies ist ein Grund, warum sie als besonders intelligente Lebewesen gelten.

Die Autorin recherchiert für einen neuen Roman und bleibt bei den faszinierenden Krähen hängen. In ihrem Stadtteil in Berlin trifft sie auf mehrere Exemplare, füttert sie, studiert ihr Verhalten, und kann sie sogar, zum Leidwesen ihres Hundes und einer hysterischen Nachbarin, über den Balkon in ihre Wohnung locken. Dass die Krähen schon immer Begleiter des Menschen waren, zeigt sich in ihrer Darstellung in der Literatur, beginnend bei Hugin und Munin über die Droste bis zu Philip Roth, um nur wenige zu nennen, die Monika Maron in einzelnen Beispielen nachzeichnet und vor der Leserin ausbreitet.

Fasziniert ist sie vor allem von dem Gedanken, dass die Tiere seit Beginn der Menschheitsgeschichte die ständigen Gefährten und Beobachter der Menschen gewesen sind, ihre ersten aufrechten Schritte miterlebt haben bis hin zu den millionenfachen Massenmorden der neueren Zeitrechnung. Im Laufe der Geschichte hat sich der Mensch von seinem ehemaligen Gefährten getrennt, den alten Freund sogar zur Hassfigur stilisiert und zum Abschuss freigegeben. Es ist die Wiederbegegnung mit diesen Tieren, die lang verschüttete Erfahrungen im Menschen freilegen. Die Autorin bemerkt im Kontakt mit den Krähen ein gesteigertes Interesse und einen Schub freudiger Erwartung während der Hundespaziergänge.

DSC_0088 (3)

Wie den Rabenvögeln so erging es auch dem Wolf im Kontakt mit dem Menschen, der in den letzten Jahren in Deutschland ein zaghaftes Comeback erlebt hat, welches leider auf überbordende irrationale Ängste und völlig anachronistische Verhaltensweisen in der Bevölkerung und vor allem einer unbelehrbaren Jägerschaft gestoßen ist. Die alten Märchen wirken nach. Es ist immer noch der böse Wolf, der das Rotkäppchen und die bettlägrige Großmutter verschluckt und die Krähe, die den baldigen Tod ankündigt und währenddessen Leichen frisst, bevorzugt die von Soldaten auf dem Schlachtfeld. Wenn wir uns klarmachen könnten, dass diese Ängste die Erfahrungen der Opfer, unserer vormals engsten Gefährten, waren, die wir unbewusst übernommen und über die Mythen und Märchen an folgende Generationen „weiterverbt“ haben, dann wären wir schon einen wichtigen Schritt weiter. Diese Geschichten haben die Täter zu Opfern und die Opfer zu Tätern gemacht. Unsere Angst soll uns vor unseren Schuldgefühlen bewahren. Deshalb müssen wir die schlechten Verhaltensweisen wieder auf die Tiere projizieren. Vielleicht hat sich der Mensch in den (Hungers-)Nöten der Geschichte nicht anders verhalten als das von ihm beobachtete Tier. Auch das muss in Betracht gezogen werden.

Nur durch neue Erfahrungen können die alten Projektionen aufgelockert werden. Der Mensch könnte etwas Neues daraus lernen, auch über sich selbst, aber daraus wird nichts, wenn der Wiederbegegnung mit Waffengewalt ein Riegel vorgeschoben wird.

Im Kontakt mit den Krähen setzt sich die Autorin auch mit ihrer eigenen Sterblichkeit auseinander. Sie vermutet, dass sich der Mensch im fortgeschrittenen Alter wieder seinem tierischen Anteil annähert. Sucht man die Versöhnung im letzten Moment? Ist es die Weisheit des Alters die ihresgleichen sucht? Eine klare Antwort bleibt aus. Sie fragt sich auch, warum sie in Filmen der Tod eines Tieres mehr anrührt als der eines Menschen, eine völlig normale Empfindung gegenüber dem schutzlosen, uns anvertrautem Geschöpf, die heutzutage von Gegnern der Tierrechtschutzbewegung, wie zum Beispiel Vertretern der Fleischindustrie, die jährlich allein in Deutschland 792 Mio. Tiere abschlachtet und nicht unwesentlich zur Verschlechterung der Wasserqualität und Verschärfung des Treibhauseffekts beiträgt, wie ein Verbrechen an der Menschheit gedeutet wird. Wer angesichts solcher Tatsachen eine vegetarische oder vegane Ernährungsweise nicht in Betracht zieht, sich stattdessen trotzig auf alte oder religiöse Traditionen beruft, der hat m.E. den Schuss noch nicht gehört.

Deshalb kann ich es auch nicht verstehen, dass Frau Maron die Krähen wiederkehrend mit Geflügelfleischwurst (vermutlich aus der Massentierhaltung) füttert, obwohl es Nüsse und Beeren auch tun würden. Mir fehlt hier der Schritt von der gedanklichen Auseinandersetzung, der Faszination, der Selbsterkenntnis, hin zur Verhaltensänderung, zur frischen Tat raus aus dem Morast bequemer Überzeugungen, der nicht nur individuelle und literarische sondern auch gesellschaftliche Gesichtspunkte miteinbezieht und die Konsequenzen des menschlichen Handelns, und wirkt es auf den ersten Blick auch noch so unbedeutend, auf diesem Planeten neu überdenkt.

Drücke ich bei der unsäglichen Geflügelfleischwurst noch einmal ein Auge zu, dann war Monika Marons Erzählung für mich trotzdem das perfekte Weihnachtspräsent. Ich habe ein Alter erreicht, in dem ich nicht mehr wertvolle Lebenszeit damit vergeuden möchte, belanglosen und womöglich noch grauenvoll geschriebenen Schund zu lesen.

Wer gut geschriebene und nachdenkliche Literatur sucht, die sich mit einem uralten aber wieder aktuellen Thema beschäftigt, das Verhältnis zwischen Mensch und Natur, wird in dieser Erzählung fündig werden.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Krähengekrächz – Monika Maron (2016)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s