Zwei kleinformatige Schmuckstücke aus dem hiesigen Antiquariat habe ich gestern im Umtausch gegen drei schlechte CDs erhalten.

Sie sind im Landbuchverlag in Hannover 1965 und -68 erschienen.

Das erste nennt sich „Vogelvolk im Garten“ und wurde von einem obskuren Autoren namens „Fortunatus“ verfasst. Auf etwa 140 kleinformatigen Seiten werden die in den 60er Jahren häufigsten Gartenvögel in Wort und Bild vorgestellt. Und ich betone in den 60er Jahren, denn einige der Arten wird man heutzutage (vergeblich) lange suchen müssen, wie z.B. den Wendehals oder den Distelfink, Vogel des Jahres 2016. Der Autor schreibt im Klappentext, er/sie habe 21 Vogelarten im Garten am Stadtrand gezählt. Ich bin heute auf gerade einmal fünf gekommen. Selbst für die Winterzeit ist das wenig. Es ist traurig. Es muss endlich Schluss sein mit dem ausufernden Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft. In acht von zehn Brötchen findet sich Glyphosat. Also auch der Mensch leidet, nicht nur die Tierwelt.

In kleineren Kapiteln werden insgesamt 35 Gartenvögel vorgestellt. Von jeder Vogelart gibt es ein Farbfoto. Und diese Fotos sind wirklich ein Augenschmaus. Warum? Eben weil es keine mit Photoshop aufgetakelten Digitalfotos sind. Die Farben wirken angenehm erdig und beruhigend, wenig kontrastreich, teilweise etwas über- oder unterbelichtet, aber weil sie so unaufgeregt daherkommen, die Farben nicht so aufdringlich sind, kann man sich besser auf das Motiv und seine natürlichen Eigenheiten konzentrieren und somit den Vogel später in der Natur besser wiedererkennen.

Auch die Beschreibungen der Vögel sind sehr charmant. So erfährt man über die Heckenbraunelle, dass sie

„ein bescheidener und zurückhaltender Vogel“ sei. „Die Hochzeit der Braunelle hat für uns etwas Rührendes an sich. Das Weibchen sitzt mit zitterenden Flügeln da, und das Männchen geht mit ebenso zitternden Flügeln um das Weibchen herum. […] Man muß freilich Glück haben, wenn man diesen Hochzeitstanz beobachten will. Die Braunelle liebt nun einmal die Stille und Heimlichkeit des Unterholzes und der Hecken.“

Wie in jedem guten Vogelbestimmungsbuch finden sich auch hier Beschreibungen der Vogelstimmen. Die Heckenbraunelle gibt ein „scharfes tsi tsi“ von sich. „Der Gesang ist ein eiliges, leises Zwitschern. Im Flug ein trillerndes dididi.“ Sehr schön.

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Das zweite Buch heißt „Der fliegende Edelstein“ von Walter von Sanden-Guja. Auf etwa 70 kleinformatigen Seiten wird der Jahreslauf eines Eisvogels geschildert. Stilistisch erinnert das an rührende Vorlesegeschichten der Kinderzeit mit einem leichten Hang zur Personifikation.

„Die Otter hatten eine ganz andere Zeiteinteilung. Sie verschliefen die Tagesstunden und fischten von der Abenddämmerung bis kurz nach Sonnenaufgang. […] Regelmäßige Gäste an dem Flusse der Eisvögel waren die ganzen Sommer hindurch die schwarzen Waldstörche. Sie hatten ihren Horst weit ab auf einer alten Esche in dem einsamen Bruch eines großen Waldes.“

Gibt es heutzutage überhaupt noch Bruchwälder? Wer weiß, was ein Bruchwald ist?

Die Schilderungen der Autoren zeugen von einer erhöhten Beobachtungsgabe und Aufmerksamkeit.

Man kann nur schützen, was man kennt. Deshalb sind diese Bücher so wichtig.

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4 Gedanken zu “Vögel im Kleinformat

  1. Hört sich nett an, vor allem das Buch vom „Fortunatus“. Übrigens seh‘ ich grade Stieglitze schon noch sehr häufig. Und auch Bruchwälder (Bäume, die meistens im Nassen stehen) gibt’s noch. Wenn ich mir die schlechen Zustände der großen Flüsse, des Mittelmeeres und der Wälder in den 70/80ern so erinnere, sind wir eigentlich auf einem ganz guten Weg 🙂 Jedenfalls Danke für die charmante Buchvorstellung!

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    1. Danke für die Rückmeldung. Regional mag es durchaus Fortschritte geben, die globalen Veränderungen allerdings sorgen bei mir nicht gerade für großen Optimismus. Das 80%-ige Insektensterben, um nur ein Beispiel zu nennen, lässt sich im Sommer während einer Autofahrt auf der Autobahn beobachten. Man erspart sich das Putzen der Windschutzscheibe, wo man noch in den 80er Jahren alle ein bis zwei Stunden noch zum Schwamm greifen musste.

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