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Was haben ein Königspinguin und Jonathan Franzen gemeinsam? Beide gehören der großen Gruppe der Tetrapoden an und haben bereits Fuß auf die Antarktis gesetzt. Man könnte noch ergänzen, dass beide auf ihre eigene Art ja auch irgendwie süß sind. Meine Mutter meinte kürzlich, mit Blick auf ein Autorenbild, Jonathan Franzen sei ein „interessanter Mann“. Womit sie recht hat, gelesen hat sie ihn allerdings noch nicht, was aber auch nicht wichtig ist, denn es ging ihr mit dieser zustimmenden Geste darum, an einer gesunden Mutter-Tochter-Beziehung zu arbeiten.

Bevor jetzt die strengen Ornithologen unter den Leser*innen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sich fremdschämend abwenden, möchte ich noch schnell darauf hinweisen, dass auf dem Beitragsbild natürlich kein Königspinguin abgebildet ist, sondern, vermutlich, ein Rotschnabelpinguin (pygoscelis papua), in English: gentoo penguin. Auf jeden Fall hängt die Postkarte schon ein paar Jahre am Durchlauferhitzer im Badezimmer.

In seinem neuen Essay, der vor etwa drei Wochen im New Yorker erschienen ist, zieht es den Autor in die bittere Kälte, ans Ende der Welt, in die Antarktis. Die Frage, weshalb es ihn unter allen Reisezielen der Welt genau dorthin verschlägt, lässt sich für Franzen nicht so leichterdings beantworten. Sein Onkel Walt hat ihm eine Erbschaft hinterlassen, der Gedanke kommt ihm daraufhin spontan in den Sinn.

Aus dieser einen Entscheidung erwächst ein ganzer Strauß an Erinnerungen und eine im Laufe der Geschichte dräuende Vision des Älterwerdens, und zwar nicht nur seines eigenen, sondern auch das der gesamten Menschheit auf ihrem einzigen Planeten. Die Geschichte lässt sich aber auch wie ein Märchen lesen, von einem, der auszog, um das Staunen und Lieben (neu) zu (er)lernen.

Mit Onkel Walts Tod und der Aussicht in die Antarktis zu reisen, taucht ein ganzer Rattenschwanz an Verlusterlebnissen wieder aus der Versenkung auf, die im Leben des Autors bedeutsam waren. Schon beim Kofferpacken in Kalifornien überkommt ihn nicht etwa ein Gefühl der Vorfreude, sondern eher eines der absurden Realitätsferne. Während Franzen drei Wochen lang auf einem Luxusliner einer Lindblad National Geographic Expedition von Argentinien aus Richtung Antarktis, Falkland Inseln und Südgeorgien fährt, fügen sich die Erinnerungen in die  Schilderungen des eher monotonen Ablaufes an Bord nach und nach in die Geschichte ein:

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Der frühe Tod der Cousine Gail, Walts Tochter, die bei einem Autounfall ums Leben kam; der Tod seiner Tante Irma, Walts Frau, die sich vom Tod ihrer Tochter nie erholen wird, den ganzen Schmerz erst als regredierte Alzheimerkranke durchlebt; Franzens Eltern, beide ebenfalls tot; der nahende Tod der Mutter seiner Lebensgefährtin („The Californian“), die, um ihre Mutter pflegen zu können, nicht mit auf die Reise in die Antarktis kommen will.

„I felt as if we were alone in the world and being pulled forward toward the end of it, like the Dawn Treader [Reisender der Morgenröte] in Narnia, by some irresistible invisible current.“

Franzens Mutter spielt eine besondere Rolle. Sie ist es, die noch zu Lebzeiten von ihrem Sohnemann die Einhaltung familiärer Pflichten einfordert und ihn auffordert, mit den Eltern Onkel Walt und Tante Irma in ihrem sterilen Haus in Dover zu besuchen. Eine kalte Todeszone, wie die Antarktis, erwartet ihn, wobei die Tante wie eine Eiskönigin in ihrem Reich regiert.

… my mother conveyed to me an invitation from Irma and Walt […] along with her own strict instruction that I say yes. In my imagination, the house in Dover was an embodiment of the zone of bad truth im my head. I went there with a dread which the house proceeded to justify. […] My aunt’s hair was pure white and looked as stiff as the curtains.

Es wird schnell klar, dass ihn ein ausgeprägtes Pflichtgefühl, es der Mutter selbst nach ihrem Tode noch recht zu machen, ins Eis treibt. Was der jugendliche Jonathan Franzen noch nicht sehen konnte, was er aber Jahrzehnte später auf seiner Reise in die Antarktis plötzlich erkennt, ist, dass die Mutter vor allem Onkel Walt eine Freude bereiten wollte, mit dem sie kurz vor ihrem Tod noch eine Liebesbeziehung eingeht. Beide waren „optimistic lover[s] of life, long married to a rigid and depressive Franzen.“ Diese Einsicht führt bei ihm zu einer differenzierteren Sichtweise der alten, voller Vorurteile belegten Eiszone der Vergangenheit. Franzen kann Onkel Walt mit den Augen seiner verliebten Mutter betrachten.

He had a heart full of love and had given it to his broken wife, and I was moved not only by the tragedy but by the ordinary humanity of the man at the center of it. […]  I wondered if my mother had seen in him what I’d now seen, and had loved him for it.

Mit dieser neuen Wahrnehmung ausgestattet, ist der Autor offen für die Schönheiten der Antarktis. Diese Entwicklung mutet etwas konstruiert an, aber die Schilderungen der Pinguine und des blauen Eises sind wirklich das Sahnehäubchen des Essays, allein dafür lohnt sich schon die Lektüre.

Sheltered from wind, the water was glassy, and under a solidly gray sky it was absolutely black, pristinely black, like outer space. Amid the monochromes, the endless black and white and gray, was the jarring blue of glacial ice.

In seiner Beschreibung eines Kaiserpinguins, der auf dem Schiff für große Aufregung sorgt, beweist Jonathan Franzen, dass Worte die Schönheit der Natur oftmals eindrucksvoller wiedergeben können, als die immer wieder gleichen Hochglanzfotos, die bis zum Erbrechen mit Photoshop aufpoliert werden, und für die das National Geographic Magazin ja auch hinlänglich bekannt ist.

And here was an image so indelible that no camera was needed to capture it: the emperor penguin […] faced the press corps in a posture of calm dignity. After a while, it gave its neck a leisurely stretch. Demonstrating its masterly balance and flexibility, and yet without seeming to show off, it scratched behind its ear with one foot while standing fully erect on the other.

Die – ich nenne es einfach mal – „Märchenthematik“ entwickelt sich eingebettet in den schlaglichtartig und anekdotenhaft wiedergegebenen Erlebnissen auf dem Luxusliner. In ihrer Gesamtheit spiegeln sie die gedämpfte Monotonie wieder, welche Ergebnis eines immer wieder auf’s Neue abgespulten Unterhaltungsprogramms für wohlhabende Erwachsene jenseits der 50 ist, die die Verantwortung abgeben, sich umsorgen lassen wollen und somit freiwillig in die Regression begeben. Thomas Manns „Zauberberg“ lässt grüßen.

DSC_0135Das Reiseschiff wird somit einerseits zur Kinderstube, andererseits aber auch zu einem Altenheim auf See. Der Essay liefert einen Vorgeschmack auf einen Altersruhestand in geistloser Langeweile, wie er für geistig aktive Menschen, die es auch bleiben wollen, nur ein Graus sein kann, aber doch irgendwie von der Mehrheit der Menschen herbeigesehnt wird.

In einem Exkurs zur Ökologie der Antarktis und den Auswirkungen des Klimawandels auf diese Region, entwirft der Autor jedoch, jenseits aller persönlichen Visionen des eigenen Älterwerdens, noch ein größeres Bild, eine durchschimmernde Vision vom Schrecken einer zukünftigen Welt, die sich der Mensch ganz nach seiner eigenen Logik selbst erschaffen hat. Diese Welt ist real gekennzeichnet durch das Abschmelzen der Eiskappen, das Verschwinden ganzer Arten und Lebensräume, bar aller Vielfalt, Überraschungen und liebenswerter Andersartigkeit, eine Leere, ein Nichts, eine neue Todeszone.

Die Zukunft der Menschheit im Schatten des schleichenden Klimawandels liegt in greifbarer Nähe. Vielleicht braucht es eine besonders ausgeprägte Sensibilität, um die Folgen bereits jetzt schon wahrzunehmen, aber leugnen lassen sie sich nicht mehr. Jonathan Franzen besitzt diese Sensibilität, zeigt in seinem Essay aber auch, dass die dem modernen Menschen eigene, passive Konsumentenhaltung letztendlich dafür sorgt, dass die notwendig drastischen Maßnahmen nicht umgesetzt werden können. Eine unbequeme Wahrheit kann so keine Veränderung herbeiführen, man flüchtet vor ihr, z.B. auf eine Arche Noah für weiße, wohlhabende US-Amerikaner in der zweiten Lebenshälfte.

Trotz (bzw. wegen) des pessimistischen Grundtenors ist der Essay von Jonathan Franzen das beste, was ich seit langem gelesen habe, und er erinnert die Post-Babyboomer-Generation an ihre besondere Verantwortung, als letzte Generation mit der Möglichkeit, auf diesem Planeten das Ruder doch noch herumzuwerfen, damit der alte Kahn nicht absäuft.


Bilder:

  1. Beitragsbild zeigt eine Postkarte mit einem Bild von A. Schumacher
  2. Alle anderen Bilder von almathun

 

 

 

 

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6 Gedanken zu “The End of the End of the World (2016) – Jonathan Franzen

  1. The Antarctica – ‚The idea of “seeing it before it melts” was dismal and self-cancelling: why not just wait for it to melt and cross itself off the list of travel destinations?‘ O, das ist bitter!
    ‚Immanuel Kant had connected the sublime with terror, but as I experienced it in Antarctica, from the safe vantage of a ship with a glass-and-brass elevator and first-rate espresso, it was more like a mixture of beauty and absurdity.‘ – mir gefällt sehr, wie Franzen Worte dem Fotografieren vorzieht. Obwohl vor meinem geistigen Auge das berühmte Caspar David Friedrich Bild auftaucht.
    „After an existentialist moment, conscious of deciding my fate, I ran down to the bridge deck […]“ – ich bin Dir wirklich dankbar für den Hinweis auf diesen essay. Ich zittere so mit den Störern, und die Erwartung, einen Kaiserpinguin zu sehen ist so gut mitgeteilt. Und ich finde auch, alamthun, es gibt märchenhafte Elemente. Die entsetzliche Familiengeschichte von Walt erinnert mich allerdings an „Stoner“. Höllen, die Menschen einander bereiten … tragisch. Den Rest vom Essay lese ich später, aber noch mal Danke!

    Gefällt 1 Person

  2. Danke, du hast mich neugierig gemacht auf dieses neue Glanzstück mit Eiszapfen. Und wenn ich mir vorstelle, wie Mr Franzen im eis vom Schiff geht, hat er doch sicher ein wenig Ähnlichkeit mit dem anderen Tetrapoden aus eurem Badezimmer. Aber ich bin mir sicher, er hat eine blaue oder rote Jacken an, obwohl schwarz und weiß wäre sicher angemessener…

    Gefällt 1 Person

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