Die Schweinegrippe hat ihre Klauen gelockert. Es war meine erste, echte Grippe, und die Erkenntnis, die in den letzten drei Wochen in mir gewachsen ist, lautet, dass die Menschheit nicht gesünder sein kann als der Planet auf dem sie lebt. Die Menschheit hat die Ärzte, die sie verdient. Unser Planet hat keinen Arzt, der gegen seine größte Plage zu Felde ziehen würde. Ist das jetzt gut oder schlecht?

John Alec Baker (1926-87), dessen Buch „Der Wanderfalke“ (engl. The Peregrine) 1967 WIN_20160305_143148erschienen ist, starb an einem Krebs, der durch ärztlich verabreichtes Codein und injizierte Goldverbindungen, mit denen seine rheumatoide Arthritis behandelt wurde, verursacht worden war. In den 60er Jahren streifte er einen Winter lang durch das ostenglische Essex und schrieb ein Tagebuch, in welchem er mit ausgeprägter Präzision seine Beobachtungen der Avifauna festhielt. Die Landschaft, die er wie ein Maler in allen Farben und Formen beschwört, dient als mythische Kulisse, in welcher er sich mal zu Fuß, mal mit dem Fahrrad auf die Suche nach dem Wanderfalken begibt.

 

DSC_0223 (2)Ich habe das Buch gelesen, weil sich im Dezember letzten Jahres vor meinem Wohnzimmerfenster zwei Wanderfalken am Turm einer Backsteinkirche niedergelassen haben. Ich sehe und höre sie jeden Tag, sehe sie fliegen und ruhen, höre sie krächzen, wobei ihr Ruf in jeden Winkel des Backsteingemäuers dringt, die Stadttauben aufschreckt und die Elstern vertreibt. Sie haben die Wildnis abgelegener Feldmassive in die platte Stadt gebracht.

Mehr wird über ihren Wohnort nicht preisgegeben, denn leider gibt es zu viele waffentragende Vollidioten, die sich Jäger nennen, und die alles abknallen, was sich Greifvogel nennt, auch wenn es das letzte Tier seiner Art wäre. Zur illegalen Greifvogelverfolgung gehören auch Vergiftungen mit Taubenködern. Dies kennt man aus anderen europäischen Städten. Vor ein paar Wochen ist in der Nähe des niedersächsischen Neuhaus bei Cuxhaven ein Seeadler beim Bau seines Nestes abgeschossen worden. Hier geht es aber höchstwahrscheinlich um den Kampf von Windkraftbefürwortern gegen Umweltschützer, denn schon ein einzelnes Seeadlernest kann den Bau weiterer lukrativer Windkrafträder in einem Umkreis von mehreren Kilometern unterbinden. Dem widersetzt sich so mancher, das dicke Geld riechende, kleine Deichgraf auf seine eigene, ihm wohlvertraute Art und Weise. Aber so wie ein Mensch lebt, so wird er auch sterben. Das ist eine alte Weisheit, die sich schon oft bewahrheitet hat.

Die Gefahren, denen Greifvögel ausgesetzt sind, gibt es, seit es Menschen gibt. Bakers

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1963, zwei tote Adler. Vermutlich mit die ersten Greifvögel, die nach der Veröffentlichung von Rachel Carsons Buch „Silent Spring“ auf Pestizide untersucht wurden.

Wanderfalke erschien ein paar Jahre nach der einflussreichen Studie „Silent Spring“ (dt. Der Stumme Frühling) von Rachel Carson (1962), in welcher die Autorin die verheerenden Folgen von gedankenlos ausgebrachten Pestiziden, v.a. DDT, in der Landwirtschaft beschreibt. Dieses Buch hat die Umweltbewegung in den USA maßgeblich initiiert und beeinflusst wie kein anderes. Hierzulande ist Glyphosat nicht erst seit ein paar Wochen in aller Munde, v.a. bei deutschen Biertrinkern, aber kann ein Skandal wie dieser heutzutage überhaupt noch ein Umdenken der Menschen bewirken?

Ich befürchte, dass es nicht möglich ist, denn der Bauer fürchtet nur das, was er sehen kann. Skandale existieren nur so lange, wie sie von den kurzatmigen Medien unterhalten werden. Ängste und Sorgen werden dank der Technologisierung des Lebens schnell weggezappt, und erst die Krebsdiagnosen lassen die aufmerksamkeitsgestörten Mitglieder der Spaß- und Erlebnisgesellschaft aus allen Wolken fallen. Dann ist es aber zu spät. Nach den Ursachen forschen die Wenigsten, weil sie es auch nie gelernt haben. Sie haben keinen Zugriff mehr auf die Realität. Der nahende Tod lässt sich nicht löschen, das Leben nicht upgraden oder downloaden. Sie sterben einfach. Vermutlich mit ihrem Smartphone in der Hand, den eigenen Tod bei Twitter postend.

Die Wanderfalken standen in den 60er und 70er Jahren kurz vor ihrer Auslöschung, auch in Großbritannien. J.A. Baker schreibt:

Spring evening; the air mild, without edges, smelling of damp grass, fresh soil, and farm chemicals.There is less bird-song now.[…]

Few winter in England now; fewer nest here […] the ancient eyries are dying.[…]

We are the killers. We stink of death. We carry it with us. It sticks to us like frost. We cannot tear it away.

Das auf die Felder ausgebrachte DDT bewirkte eine Störung des Kalkhaushaltes der Vögel, so dass deren Eierschalen immer dünner wurden. Da die meisten Wanderfalken in Felsen oder auf Steinen brüten, kann man sich die Auswirkungen einer dünnen Eierschale auf das Gelege gut vorstellen. In Norddeutschland war die Wanderfalkenpopulation bereits ausgestorben. Nur noch in einigen süddeutschen Bundesländern gab es eine handvoll Brutpaare. In den späten 70er Jahren wurde DDT in den meisten europäischen Ländern verboten. Dank des unermüdlichen Einsatzes von Umweltschützern hat sich die Population der Wanderfalken wieder erholt und stabilisiert. Allerdings sind sie immer noch gefährdet, denn der jetzige Bestand hat sich aus dem genetischen Pool des kleinen, in den 70er Jahren übrig gebliebenen Tierbestandes entwickelt. Dieses Prinzip des „genetischen Flaschenhalses“ führt dazu, dass kleinste Veränderungen der Umwelt wieder zu einer Gefährdung der gesamten Population des genetisch nun fast identischen Wanderfalkenbestandes führen können.

Ein Buch, wie das von Baker, wäre heutzutage nicht mehr möglich. Seine ausdauernden, sich wiederholenden Landschaftsbeschreibungen wären ein absolutes No-Go für jeden Verlag, der Bücher nicht nur drucken, sondern auch einem erlebnisverwöhnten Publikum verkaufen möchte. Es passiert kaum etwas. Hier und da ein aufgeschreckter Vogelschwarm, dort ein jagender Wanderfalke.

Three curlew (dt. Brachvögel) landed on the mud, and stepped delicately to the water’s edge. They were uneasy, moving their heads from side to side like dear suspicious of the wind. They were coloured like sand, and mud, and shingle, and the sere grass of the saltings. Their legs were the colour of the sea.

Die zähe, meditative, über 200 Seiten lange, Beschreibung der Landschaft und Avifauna wirft die Leserin auf die Frage nach dem Sinn menschlichen Handelns in dem Rahmen, den die Natur für uns gesteckt hat, zurück. Sehr oft erschöpft sich die Beobachtung des Autors in ihrer eigenen kreativen Verwandlung des Gesehenen, metaphernüberladen, und ein Reflexionsniveau auf abstrakterer Ebene wird nur ansatzweise erreicht. Aber meine Kritik ist nur ein Hilfeschrei angesichts der Hartnäckigkeit des Autors, der jeden menschlichen Eingriff in das Beschriebene konsequent ausklammert und im Keime erstickt. Seine Landschaft ist ein Schutzgebiet und der Mensch hat hier weder Spaß noch Sinn zu suchen, denn beide Anliegen können nur die Zerstörung des Ursprünglichen bedeuten.

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Peregrine Kill, 2016

Dennoch sind seine genauen Beobachtungen für alle ornithologisch interessierten Menschen, und diejenigen, die mit offenen Augen durchs Leben gehen, ein gefundenes Fressen, enthalten viel Wissenswertes aus erster Hand erzählt, Informationen nach denen man Jahre in Fachliteratur suchen könnte ohne fündig zu werden. So lese ich, dass Wanderfalken v.a. die Vögel jagen, die es in einer Gegend am meisten gibt, aber diese Beutetiere müssen eine weiße Markierung haben. Auf meinem Rundgang um die Kirche fallen mir verstreute, weiße Federn auf, die überall im Gras liegen, definitiv Taubengefieder. Hier liegt ein Elsterflügel mit einer weißen Flügelbinde, dort das abgenagte Brustbein einer Ringeltaube mit blutgetränkten, ehemals weißen Federn bestückt. Barker nennt diese Überbleibsel „peregrine kills„, und mit akurater Wissenschaftlichkeit zählt und benennt er jedes erbeutete Tier, fügt es ein in eine Opferliste, die alle paar Tage erneuert wird.

Seine Schilderungen haben in ihrer Präzision etwas Soldatisches an sich. Jede DSC_0208 (2)(Feind-)bewegung wird registriert, v.a. am Himmel, als wolle er nicht von einem plötzlichen Luftangriff (der Deutschen?) überrascht werden. Gleichzeitig bewegt er sich in seinem kleinen Areal und beschreibt dieses als unversehrte, pastorale Landschaft.

The sunlit orchard was very quiet, laned with pale amber light. The only sounds were the songs of thrushes and blackbirds, muted by distance, the occasional call of a moorhen, the creak and rustle of twigs in the wind.

The only movement was the silent threshing of the hawk’s long wings beating through the sunlit aisles. Silent to me; but to mice in the short grass, to partridges hidden and dumb in long grass und the trees, his wings would rasp through the air with the burning whine of a circular saw. Silence they dread; when the roaring stops above them, they wait for the crash.

Just as we, in the war, learnt to dread the sudden silence of the flying bomb, knowing that death was falling, but not where, or on what.

In the mellow sunlight of the warm unclouded spring, the peregrine shone and blinked behind the branches of the apple tree like a setting sun.

Das Drama des Krieges spielt sich wieder in den Lüften ab, die Angst sitzt aber nicht dem Menschen, sondern den Beutetieren des Wanderfalken in den Knochen. Baker identifiziert sich mehr und mehr mit dem Falken, dem Angreifer. Als Leserin kann man nur spekulieren, inwiefern vergangene Kriegserfahrungen des Autors sich nun in der Naturbeobachtung projiziert wiederfinden und somit aus der Distanz heraus emotional zugänglich gemacht wurden.

Das Schweigen und die Stille bedeuten den nahenden Tod. So war es nicht nur während der Luftangriffe der Deutschen, sondern so ist es auch wieder in den 60er Jahren, wenn Vögel, Bienen und andere Insekten nicht mehr zu hören sind, weil das Gift auf den Äckern sie zum Schweigen gebracht hat. In den 60ern war es DDT, heutzutage, im 21. Jahrhundert sind es Glyphosat und Neonicotinoide.

Wollen wir, die Konsumenten, das ändern? Nein, denn es macht ja keinen Spaß, sich mit diesen Informationen zu beschäftigen. Zweitens soll ja alles geil billig bleiben, denn teuer einzukaufen macht keinen Spaß mehr. Und drittens ist es ja nur von Vorteil, wenn man bei 200 kmh auf der Autobahn im Sommer nicht ständig klebrige Insekteninnereien von der Windschutzscheibe wischen und kratzen muss. Macht ja auch keinen Spaß, scheiß Viecher.

Bakers „Wanderfalke“ ist ein trauriger aber gefasster Abgesang auf eine vormals unversehrte und in ihrer Artenvielfalt lebendige Natur. Robert MacFarlane schreibt in seinem Vorwort von der „Atmosphäre eines Requiems“, die die Leser auf jeder Seite umfängt. Wer schon einmal im Frühling unter einem blütenschweren Apfelbaum gesessen hat, und sich über die anhaltende Totenstille in der Baumkrone gewundert hat, weiß, was gemeint ist.

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Silberreiher

Und was bleibt, sind die Erlebnisse, die man jetzt noch in der Natur sammeln kann. Vor ein paar Wochen habe ich durch mein Fernglas hindurch einen Silberreiher durch ein flaches Gewässer waten sehen. Ganz langsam, in Zeitlupe, ab und zu verfing sich der Wind im leuchtend weißen Gefieder, das an dem Vogel anlag, so als hätte eine Mutter ihrem Kind die Haare liebevoll gekämmt und getätschelt. Als der Reiher sein Bein hob und glänzende Wassertropfen herunterfielen, ging so eine Ruhe von diesem Bild aus, dass mir der Atem stockte. Das war eine in ihren anmutigen Details verzaubernde Ballettvorführung der Natur und ich hatte das Glück ihr beizuwohnen.

Ganz anders als das Herumgehoppse des Fleischklopses Mensch, Wichtigtuer auf der Bühne des Lebens, die er sich selbst erst erschaffen musste, denn die Götter sind ihm, aus gutem Grunde, nicht gewogen. So war es schon immer, und so wird es leider auch bleiben.

—–

Bilder:

Zwei tote Adler: von Seney Natural History Association [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)%5D, via Wikimedia Commons

Silberreiher: von Falosakitas (Eigenes Werk (Originaltext: eigene Arbeit)) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

alle anderen Bilder: almathun, 2016

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6 Gedanken zu “peregrinus, teil 2 (1967)

  1. Noch eine Empfehlung, ‚The Peregrine‘ zu lesen, von Werner Herzog: [http://nyrbclassics.tumblr.com/post/144865860257/there-is-one-book-i-must-ask-you-to-read-if-you]
    Vielleicht stock‘ ich doch mal die NYRB Classics-Regale auf damit.
    Gute Grüße aus Berlin!

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    1. Oh, vielen Dank, SChröersche. Meine Energie fließt zurzeit eher in die Amphibienrettung, kriechenderweis, weniger in hochfliegende Schreibprojekte, deshalb so wenig hier aus dieser Ecke. Aber, wenn du magst, schau mal nach einer Naturschutzliesl bei WordPress.

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  2. Gut! – Ich bin auch pessimistisch, sehe die Welt aber nicht so schwarz. Ein bewussterer Umgang mit der Natur ist unter den politisch Machtlosen durchaus verbreitet, meinst Du nicht?
    Ein großes Problem bleibt natürlich die wachstums- und profitorientierte Wirtschaftsordnung. Wir können nicht daraus ausbrechen, uns bestenfalls weitgehend davon zurückziehen, wie es beispielsweise in Gemeinschaften versucht wird (die als Selbstversorger leben). Das Thema ‚Degrowth’ wird seit langem diskutiert, und ich will die Hoffnung nicht aufgeben, dass einmal eine Generation Politiker heranwächst, die nicht mehr mit dem steinzeitlichen Slogan von ‚Wachstum und Arbeitsplätze’ ankommt. Na ja, es ist schon alles sehr trübe …

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    1. Unfortunately not (auf den ersten Absatz bezogen), lieber Moritz Sprachwitz. Was hallte mir vor ein paar Monaten Spott und Hohn entgegen, als ich auf Facebook in einer illustren Gruppe um Mithilfe bei der Betreuung von Amphibienzäunen warb. Wie ich lernen musste, gibt es tatsächlich nicht Wenige, die Kröten einfangen und ablecken bzw ihnen die Haut abziehen, um sich einen Drogencocktail zu brauen. Man ist doch in der Minderheit und ständig in der Defensive, als Naturfreund.
      Was den fehlenden Optimismus angeht, so empfehle ich den Film „Tomorrow“, welcher ein Bild der Zukunft entwirft, das die Summe aller nachhaltigen Projekte als Mosaik darstellt, das wirkmächtiger sein soll, als die kaputte Zukunftsvision einiger weniger Kapitalisten.

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  3. „Seine Schilderungen haben in ihrer Präzision etwas Soldatisches an sich. Jede (Feind-)bewegung wird registriert, v.a. am Himmel, als wolle er nicht von einem plötzlichen Luftangriff (der Deutschen?) überrascht werden.“ – Bemerkenswert die Verwobenheit mit Kriegserlebnissen, die Stille als Bedrohung.

    Zur Zeit ist Naturbeschreibung anscheinend wieder im Kommen. Bei Naturkunden, bei Matthes & Seitz, kommt gerade MacFarlanes Old Ways in Übersetzung und sehr aufwendig gestaltet heraus. Im Guardian Weekley ist immer eine Rubrik, geziert mit einem schönen kleinen Holzstich oder Linoldruck, die Landschaft und Getier besingt. Als Leser wird man in andere Zeitempfindungen versetzt beim Lesen der Beschreibung. Ich mag diese Muße. Ich glaube, die Briten pflegen das Image geradezu, oder sie lieben einfach Naturbeschreibung.

    Die Natur inklusive Mensch besitzt viel eigene Heilungskräfte. Oft genügt es, die richtige Richtung einzuschlagen. Ich seh die Welt mit uns Menschlichen nicht ganz so hoffnungslos, mach mir aber auch nichts vor: Vieles liegt sehr im Argen, und wir Menschen schaffen in kurzer Zeit, mächtig viel unwiederbringlich kaputtzuschlagen. Schön jedenfalls, dass Dein Blog die Sinne schärft und hinsehen und aufhorchen macht. Grüß mir die Falken. Weiterhin gute Genesung in der Märzensonne und mit Märzenstürmen.

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