DSC_0002Bevor sich das Jahr 2015 seinem verdienten Ende zuneigt, habe ich noch schnell an meinem SUB gearbeitet. John Updikes „S.“ lag schon mehrere Monate neben der Ikea-Standlampe und ich möchte das Wohnzimmer vor dem 1.1.2016 einfach sauber haben. Einen ersten Lektüreversuch gab es vor ein paar Monaten bis Seite 45. Jetzt habe ich es doch noch zuende geschafft.

S. ist ein Briefroman und wurde zu einer Zeit geschrieben, als man tatsächlich noch Briefe schrieb, um anderen Menschen wichtige Dinge mitzuteilen. Ein paar, für das Jahr 1988, neumodische Tonbandaufnahmen haben sich auch hineingeschmuggelt. Der Briefroman ist – so vermute ich mal – mit dem Aufkommen der technologisierten Kommunikation Mitte der 90er inzwischen ausgestorben bzw. in die Ecke der historischen Romane verdrängt worden.

S. steht für Sarah Worth, eine 42-jährige, aus wohlhabenden Verhältnissen stammenden Frau, die sich von ihrem Mann Charles trennt, um in einem Ashram in Arizona als Anhängerin des Guru Shri Arhat Mindadali spirituelle Erfüllung zu finden. Sarah ist eine Frau, die dem bequemen, aber tradierten Leben als Hausfrau, Mutter und Vorzeigeobjekt den Rücken kehrt, und nun versucht, in vermeintlicher Unabhängigkeit, ihr Glück zu finden.

Die Briefe sind gänzlich aus Sarahs Perspektive geschrieben und richten sich an den Mann Charles, die Tochter Pearl, die Mutter, den Zahnarzt, die Friseuse, Bänker und andere Personen. Updike versucht sich hier an der weiblichen Perspektive einer „woman on the move“.

Leider muss ich sagen, dass ich seine weibliche Stimme nur ansatzweise gelungen finde. S. soll ein komischer Roman sein, augenzwinkernd erzählt, in der von Updike bekannt detailreichen und eleganten Schreibe. Sarah ist eine Figur, die sich, vom eigenen Familienleben und dem fremdgehenden Ehegatten enttäuscht, nach Liebe in einer engen Kommune sehnt, dort u.a. Egolosigkeit anstrebt, aber, so wird in ihren Briefen schnell deutlich, sich so sehr um sich selbst dreht, dass ihr Bestreben allein dadurch schon ad absurdum geführt wird. Predigt der Arhat, die Illusion und den Schein menschlichen Lebens zu durchschauen und sich davon zu distanzieren, so wird er am Ende des Romans als Amerikaner Art Steinmetz enttarnt, der seine Anhängerinnen reihenweise flachlegt und mit dem Ashram vor allem ökonomische Ziele verfolgt. Die leichte Ironie der Erzählung kippt hier nicht nur einmal in klamaukigen Slapstick um, der als Ziel hat, die Protagonistin und ihre Ambitionen der Lächerlichkeit preiszugeben.

Das läuft die ersten 70 oder 80 Seiten gut, dann hat sich aber dieser Gaul totgelaufen. Der Roman verflacht zusehendst und erreicht am Ende das Niveau einfältiger Hollywoodkomödien. Es beschleicht einen der Eindruck, dass sich der damals 55-jährige Updike in der Übernahme der weiblichen Perspektive vor allem selbst gefällt. Der Film „Tootsie“ war 1982 ein großer Erfolg und kam mir bei der Lektüre nicht nur einmal in den Sinn.

Das Perfide daran: während sich Updike selbstgefällig beider tradierter Geschlechterrollen bedient, sich in der leichtfüßigen Übernahme der Klischees feiert, gesteht er seiner Protagonistin diese Freude und den Erfolg nicht ein. Sie kann nicht aus ihren emotionalen Abhängigkeiten heraustreten, weint am Ende immer noch, obwohl durch veruntreutes Ashram-Geld finanziell abgesichert, ihrem Mann hinterher, der sich mit ihrer besten Freundin neu verheiratet, und bleibt letztendlich allein. Es sind ihre Brüste und ihr knackiger Hintern, die den Arhat für sie eingenommen haben. Updike hat gewonnen. Er hat bewiesen, dass er den Rollenwechsel gewandter beherrscht als all die humorlosen und wenig liebenswerten Feministinnen, die ihm ständig Misogynie vorgeworfen haben.

Es gibt ein paar Szenen im Buch, die wirklich gelungen sind. Es sind vor allem diejenigen, in welchen Sarah scharfsinnig und bissig ihr nahestehende Menschen analysiert und es ihr gelingt, ihren Ärger über die Männerwelt direkt an den Mann zu bringen. Dass sie in diesen Auseinandersetzung nicht das letzte Wort haben darf, ist klar.

Arhat: ‚So it’s jealousy of Durga this is all about. She was in on something you weren’t.‘

Sarah: Shams. That’s what men are. Liars. Hollow frauds and liars. All of them. You’re the nothing, not us cunts. You’re the shunya.

Arhat: ‚Ah, shit, Momma. Suddenly you’re boring me.

[end of tape]

Letztendlich reicht es aber nicht, die etwa 250 Seiten ergiebig zu füllen. Zu viel Geschwätz im Yoga-Lingo, das sich in Oberflächlichkeiten und billigen Klischees erschöpft und darin selbst gefällt. Ich denke, gerade Literatur im Romanformat hat mehr Potential und Möglichkeiten die Welt zu beschreiben. Updikes sprachliche Virtuosität, ja, sie ist beeindruckend und frech, aber ohne inhaltliche Tiefe leiert auch sie nach einiger Zeit in ihrem Ausdruck aus. Es ist gut, dass die Form der leichten und komödiantischen Unterhaltung heutzutage vor allem im Fernsehen bei den Sitcoms ein neues Zuhause gefunden hat.

Ergänzung:

Im Deutschlandfunk gibt es eine Reihe mit Denis Scheck zu den „Dead White European Males“ in der amerikanischen Literatur, die man in der Mediathek nachhören kann: Büchermarkt Deutschlandfunk

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern des Blogs einen guten Rutsch ins neue Jahr 2016.

—–

Bilder: almathun

 

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2 Gedanken zu “John Updike – S. (1988)

    1. Ne, muss ja auch nicht. Funktioniert aber ganz gut, wenn man sich an ihm abarbeiten und über bestimmte Auffälligkeiten unserer Gesellschaft Klarheit verschaffen möchte. 😉 Guten Rutsch!

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