William Faulkners „Wilde Palmen„(1939) ist vor kurzem in der ZEIT Bibliothek der verschwundenen Bücher neu herausgegeben worden. Die deutsche Übersetzung stammt aus dem Jahre 1957 (Braem & Kaiser). Das feine, grasfroschgrüne Exemplar auf dem Foto habe ich bei „Lesen macht glücklich“ gewonnen. Herzlichen Dank noch einmal an MARC.

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Zimmerpalme meets wilde Palme.

Ob sich William Faulkner mit dieser Ausgabe angefreundet hätte, wage ich allerdings zu bezweifeln. Die ursprüngliche Version des Romans besteht nämlich aus zwei unabhängigen, aber ineinander verzahnten Geschichten: „Wilde Palmen“ und einer weiteren Story namens „Der Strom“ (im engl. „Old Man“), die sich kapitelweise abwechseln und kontrapunktisch ergänzen. Weshalb „Wilde Palmen“ nun einzeln gedruckt wurde, ist mir auch im persönlichen Nachwort von Jens Jessen – dessen ZEIT-Kolumne „Jessens Tierleben“ ich sehr gerne lese – nicht ganz klar geworden.

Was die ZEIT hier mit der wilden Palme und dem alten Mann gemacht hat, ist nichts Geringeres als das, wovon schon Aristophanes in Platons „Gastmahl“ erzählt, wenn er über die Ursprünge der erotischen Begierde in seinem Mythos vom Kugelmenschen berichtet, wonach Göttervater Zeus die kugeligen, durch die Weltgeschichte rollenden Körper der glücklich vereinten Menschen für ihren Übermut in jeweils zwei Hälften teilt. So entstanden die heutigen Zweibeiner, die sich ohn Unterlass nach ihrer anderen Hälfte sehnen, um sich wieder mit ihr zu vereinigen. Aber der glückselige Urzustand kann – einmal aufgesplittet –  nicht mehr erreicht werden.

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Lachish Relief, British Museum (700-692 v. Chr.)

Weiterhin hatte Faulkner für seinen Roman ursprünglich den Titel „If I Forget Thee, Jerusalem“ vorgesehen, aus dem „Psalm 137“, der den sehnsüchtigen Klagegesang der aus Jersusalem vertriebenen Israeliten wiedergibt. Faulkners Verlag Random House war das aber egal.

Was schade ist, denn der Titel wäre der Thematik des Romans viel näher gekommen als „Wilde Palmen“. Außerdem gibt es sehr viele Ortswechsel, was der Geschichte eine gewisse Rastlosigkeit verleiht. Von der Mississippi Golfküste geht es nach Chicago, später nach Utah und San Antonio in Texas, um nur einige Locations zu nennen. Wäre ich Leo von Leos Literarischen Landkarten, dann würde ich jetzt die Reiseroute von Charlotte Rittenmeyer und ihrem Liebhaber Henry Wilbourne quer durch die USA anhand einer Karte verdeutlichen.

„Wilde Palmen“ ist eine Liebesgeschichte, die tödlich endet. Die „Jungfrau“ Henry trifft auf die verheiratete Charlotte, sie verlieben sich, reisen durch die USA, um Arbeit zu finden oder die Liebe vor dem Alltagstrott zu retten, und enden tragisch, als Henry an Charlotte eine illegale Abtreibung durchführt und diese an den Folgen stirbt.

Da die andere Hälfte des Buches auf mysteriöse Weise verschwunden ist, mag ich jetzt gar nicht weiter über den Roman schreiben. Beeindruckt haben mich weniger die Charaktere und ihre Geschichte, sondern vor allem die Sprache Faulkners und seine Beschreibungen der Natur und des Settings, vor allem die Passagen an der windigen aber gleichzeitig milden Golfküste und in der rauen, eiskalten und abgelegenen Bergbausiedlung in Utah.

…er […] folgte dem tanzenden Strahl seiner Lampe, […] ging durch die trennende Oleanderhecke und hinein in den ungestüm und ungemindert daherfegenden Seewind, der die unsichtbaren Palmen drosch und über das harsche, salzige Gras des verwahrlosten Nachbargrundstücks wischte; und da sah er in dem anderen Haus das matte Licht. „Sie blutet, was?“, sagte er. Es war bewölkt; der unsichtbare Wind blies stark und stetig in den unsichtbaren Palmen von der unsichtbaren See her – ein harsches, stetiges Rauschen, voll vom Murmeln der Brandung gegen die vorgelagerten, abgrenzenden Inseln, Landzungen und Sandsteinklippen – gleich Basteien, gesäumt von geschüttelten, dürftigen Pinien. „Hämmorraghie?“ (S. 18)

Die Dramatisierung des Plots gipfelt am Ende der Geschichte in einer Personifizierung der Naturerscheinungen.

…und die ganze Nacht stöhnte und heulte eine Boje draußen im Fluss, und die Palme vorm Fenster drosch und peitschte, und kurz vorm Morgen schlug der Schwanz des Hurrikans mit gellendem, hetzendem Schrei zu. Nicht der Hurrikan selbst – der galoppierte irgendwo im Golf weiter und weiter -, nur der Schwanz war es, ein Schütteln seiner vorbeifliegenden Mähne, die am Ufer die trübgelbe Flut drei Meter hochtrieb und sie zwanzig Stunden lang nicht fallen ließ, die durch die wilde, wütende Palme tollte, deren immer noch trockenes Dreschen über das Dach der Zelle wischte, ….

Das liest sich wie ein Höllenritt auf dem Hexenbesen der Endlos-Sätze, die hier repräsentativ für das verzweifelte Innenleben des sonst merkwürdig passiv wirkenden Protagonisten stehen. Im Krankenhaus, einer Gefängniszelle und einem Gerichtssaal findet die Geschichte ihr Ende und kontrastiert damit das ungestüme Leben und Lieben mit und in der überall hineindrängenden Natur, die hier auch Sinnbild für den in lang ersehnter und nun endlich erfüllter Sexualität aufgeblühten Menschen ist.

Es geht um einen großen, menschlichen Verlust,

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William Faulkner, 1954.

hervorgerufen durch das unnatürliche „Herumpfuschen“ an der Natur. Charlotte will bzw. kann nicht den natürlichen Lauf der Dinge akzeptieren und ein weiteres Kind zur Welt bringen. Mit ihrer freien Entscheidung sich von der „natürlichen Bestimmung“ der Frau zu distanzieren, hat sie in Faulkners „Wilde Palmen“ ihr Todesurteil unterschrieben. Mit dem Thema Abtreibung nimmt der Roman im zweiten Drittel an Fahrt auf, wird aber nie zum Thesenroman, sondern stellt die emotionale Zerrissenheit und Verzweiflung des Menschen als natürliche und gleichzeitig zum freien Willen befähigte Kreatur in den Mittelpunkt.

Ich will es. So ist es also doch das alte Fleisch, einerlei wie alt. […], und darum verging, als SIE verging, auch die Hälfte der Erinnerns, und wenn ich vergehen werde, wird alles Erinnern aufgehört haben zu sein. – Ja, dachte er, vor die Wahl gestellt zwischen dem Leid und dem Nichts wähle ich das Leid. (S. 218)

Die halbierte Fassung des Romans lohnt wegen Faulkners sprachlicher Kunst selbst in der deutschen Übersetzung und kann als Einstieg in die Vollversion aus beiden Geschichten, Wilde Palmen+Der Strom, verstanden werden. Da der Doppelroman häufig unter dem Einzeltitel „Wilde Palmen“ verkauft wird, kann ich nur empfehlen, vor dem Kauf genauestens ins Innere des Buches zu schauen, sollte man sich für die vom Autor intendierte Fassung interessieren. Es wäre vergebliche Liebesmüh‘, erst beim Lesen nach der verschwundenen zweiten Hälfte der ohne Echo verbliebenen, wild um sich peitschenden Palmen zu suchen.

Bilder:

Lachish Relief: Photograph by Mike Peel (www.mikepeel.net). [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, via Wikimedia Commons

William Faulkner: Carl Van Vechten [Public domain], via Wikimedia Commons

alle anderen Bilder: almathun

 

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Ein Gedanke zu “WILDE PALMEN von William Faulkner (1939)

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