die_gartenlaube_28188729_b_597Heute wird’s persönlich. An Theodor Storms Novelle „Der Schimmelreiter“ hängen etliche Erinnerungen, flatternde Wimpel in einem Raum, der sich Vergangenheit nennt. Die väterliche Seite, kaisertreue Wilhelms und Elsen, Söhne, die’s zur Marine zog, schon früh nach achtern in die scharfe Sturmbö gehaltene Kindergesichter. Aus der Nähe zu Deich, Wasser- und Sturmgewalt verhohlener Familienstolz, als sei man gemeinsam mit dem preußisch-kaiserlichen Hohenzollerngeschlecht den peitschenden Fluten der Nordsee entstiegen.

Zufälligerweise hielt ich vor drei Tagen in einem seltenen Moment der WIN_20151205_124729Muße im hiesigen Antiquariat in L. die wohlgeratene Theodor-Storm-Ausgabe „Durch die Stille braust das Meer“ (2006) aus der „Bibliothek des Nordens“ von Hoffmann und Campe in Händen. Das maritim anmutende blaue Lesebändchen und die Worte Thomas Manns im einleitenden Aufsatze, der in seiner ironischen Art die „Urgewalt der Verbindung von Menschentragik und wildem Naturgeheimnis“ im Werke Storms hervorhebt, ließen mich nicht lange zaudern. Schon sah ich die grünen Deiche in meinem Geburtsort Wedel bei Hamburg vor mir, die vom kalten Wind hart gefrorenen und mit drahtiger Schafswolle durchzogenen Schafskötel, die herbe Marschlandschaft, in der der Mensch – vom hohen Deiche aus betrachtet – dem Aale gleicht.

1962, dem Jahr der großen Sturmflut, die uns vom Fernsehen nach dem Tode Helmut Schmidts wieder bildlich vor Augen geführt wurde, blieben die Wedeler, ganz anders als die Hamburger, vom Schlimmsten verschont. Es gab keine Todesopfer zu beklagen, wenn auch Sachschäden in Millionenhöhe. So kam es, dass meine Großeltern Helmut Schmidt zwar Anerkennung für seine Arbeit zollten, ihn aber nicht als einen heldenhaften Retter in der Not glorifizierten. Einen großen Eindruck schien die Sturmflut nicht auf sie gemacht zu haben. Nicht umsonst heißt die 1909 in Wedel eingemeindete Ortschaft „Spitzerdorf“ aus dem Friesischen übersetzt „Dorf der Deichbauer“.

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Weiße Angorakatze, 1761.

Als Grundschülerin in W. war ich dem Schimmelreiter vor mehr als dreißig Jahren begegnet. Damals hatte meine Klassenlehrerin Frau S., schon in jener Zeit weißschopfig, daraus vorgelesen, Lesebrille auf der Nasenspitze, ein Auge auf den Text, das andere streng auf die unruhige Kinderschar gerichtet. Die Szene mit dem armen, weißen Angorakater, der von Hauke Haien, dem späteren Deichgrafen, auf brutale Art und Weise abgemurkst wird, weil er einem Triebe folgend, diesem einen erjagten Wattvogel streitig machen wollte, hatte mich schon damals verstimmt. Frau S. schien sich nicht am Tode des Tieres zu stören. So fing ich an, nicht nur sie, sondern auch das Buch zu verachten. Hauke Haien war für mich kein Held, konnte er auch noch so tolle Deiche bauen. Später mussten wir für den nahenden Elternabend Bilder zur Geschichte malen. Ich versuchte mich an dem sagenumwobenen Pferdeskelett auf der Hallig Jeverssand, aber mit meinen beschränkten künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten konnte ich die entstandenen Bilder in meinem Kopf nicht aufs Papier bannen. So blieben sie denn unangetastet dort.

Nun, mehr als dreißig Jahre später, nahm ich die Novelle noch einmal zur Hand und flog durch die Geschichte wie die Möwen bei Windstärke 7 in Küstennähe auf ihrer Suche nach zähen Überresten verschmähter Fischbrötchen. Die zwei zu Beginn angedeuteten, unvollendeten Rahmenhandlungen verwirrten mich zunächst. Wo die Geschichte um den aufgeklärten Deichgrafen Hauke Haien ihren Ursprung hatte, wird vom Nebel der Vergangenheit verschluckt.

In einer stürmischen Nacht trifft der Erzähler auf eine Gruppe

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Deichbau (Künstler: Jens Rusch)

Deichbewohner in Nordfriesland. Trotz des Wetters meint einer der Anwesenden einen Mann mit flatterndem Gewande auf einem Schimmel reitend am Deiche gesehen zu haben. Es könne sich nur um den legendären, verstorbenen Deichgrafen Hauke Haien handeln. Der alte Schulmeister der Ortschaft klärt den Reisenden auf und erzählt ihm die Lebensgeschichte Hauke Haiens, des alten Deichgrafen.

Obwohl aus ärmlichen Verhältnissen stammend, bemüht sich Haukes Vater schon früh, seinen Sohn zu bilden. Hauke wird zu einem scharf beobachtenden Menschen, der die Technik der Landvermessung beherrscht und mehrere Sprachen spricht. Schon früh interessiert ihn die Frage, wie man die Deiche zum Schutze vor Sturmfluten verbessern könne. Er verachtet die Spukgeschichten und den Aberglauben der Dorfbewohner, wird so zum Außenseiter. Später dient er dem Deichgrafen als Kleinknecht, wird ihm unentbehrlich, und heiratet nach dessen Tode die kluge Tochter Elke. Durch die Ehe wird er zum neuen Deichgrafen. Sein Lebenswerk ist der Bau eines neuen Deiches, den er mit Obrigkeitsbefehl und gegen das Murren der Deichbewohner durchführt. Als am Ende der Geschichte eine Jahrhundertsturmflut hereinbricht und der alte Deich bricht, stirbt die Familie Haien auf tragische Weise in den Fluten.

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Friedrich der Große und sein Schimmel vor Schweidnitz, 1865.

Hauke Haien ist in meinen Augen ein Deichgraf, der im Sinne eines aufgeklärten Absolutismus handelt und regiert. Wie Friedrich der Große reitet er einen Schimmel, ist immer und überall zugegen und legt Hand an, wenn notwendig, wie ein erster Diener des Dorfes, dem Allgemeinwohl verpflichtet, jedoch mit klaren, harten Ansagen seine Vorstellungen durchsetzend. Ob man jetzt in die revolutionäre Sturmflut und den konsolidierenden Deichbau allzuviel hineinlesen möchte, muss jede/r selbst entscheiden. Ob die Bildlichkeit des Romans einen Rückschluss auf die Situation des Jahres 2015 zulässt, in dem in den Medien von „Flüchtlingsströmen“ und „Grenzsicherung“ zu hören ist, bleibt fraglich. Die Novelle kann aber für die sprachliche Wirkmächtigkeit dieser Metaphorik auch im 21. Jahrhundert sensibilisieren. Genaues Studieren der Fakten, präzises Beobachten am Ort des Geschehens, kritisches Hinterfragen ängsteschürender Spukgeschichten, das ist es, was den Schimmelreiter Hauke Haien auszeichnet. Es kommt wohl nicht von ungefähr, wenn die ZEIT auf ihrer Titelseite in dieser Woche Immanuel Kant abbildet, mit der Aufforderung, sich doch bitte des eigenen Verstandes zu bedienen.

Jedoch, so finde ich, sollte man die Selbststilisierung zum emotional gemäßigten Vernunftwesen à la Kant nicht dazu nutzen, um vor den realen Gefahren in Zeiten des Klimawandels und verheerender Überschwemmungen die Augen zu verschließen und sich damit zu begnügen, verständig und sich vernünftig wähnend die Däumchen zu drehen. Wie Barack Obama richtig feststellte, sind wir die letzte Generation, die die Auswirkungen des Klimawandels noch abmildern kann. Doch lieber leben wir in kommoder Unvernunft unser Leben wie bisher, stellen keine Fragen, informieren uns nicht, handeln vor allem nicht, verzehren weiterhin Rinder aus methanproduzierender Massentierhaltung, weil es ja schon immer so war und gut ist und schlecht nicht sein kann. An dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur ändert es nichts. Damit handeln und denken wir nicht anders, als das gemeine Bauernvolk in Theodor Storms Novelle „Der Schimmelreiter“. Gegen die Auswirkungen so großer Unvernunft und Dummheit können dann in ein paar Jahrzehnten auch keine neuen Deiche mehr helfen.

Theodor Storm: von Verschiedene (Scan der Original-Buchvorlage) [Public domain], via Wikimedia Commons

Angorakatze: Jean-Jacques Bachelier [Public domain], via Wikimedia Commons

Friedrich der Große: Emil Hünten [Public domain], via Wikimedia Commons

Deichbau: von Jens Rusch (www.schimmelreiter.com) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)%5D, via Wikimedia Commons

 

 

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9 Gedanken zu “Der Schimmelreiter (1888)- Theodor Storm

  1. Ich habe ihn vkürzlich noch gehört… na ja, wohl auch schon wieder drei Jahre her, danach waren wir in Nordfriesland und man sieht das Land dann mit anderen Augen. Bei der Gelegenheit haben wir uns auch das Storm-Haus in Husum angesehen. Auch wenn die Germanisten sagen, der Autor sei tot und wenn Storm nun auch definitiv tot ist, ich sehe ihn dann in seiner Stadt und an seiner Küste. Den Schimmelreiter auch einmal unter dem Blickwinkel den Klimawechsels zu sehen, ist mir bisher nicht in den Sinn gekommen, es klingt aber nach einem sehr vernünftigen Ansatz.

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    1. Ich denke, wir Nordeuropäer sollten eigentlich wegen unserer Geschichte in Meeresnähe ein besonderes Verständnis und Hilfsbereitschaft für die Menschen aufbringen, deren Lebensraum aufgrund des Klimawandels bereits zerstört wurde bzw. stark gefährdet ist, wie z.B. für die Bewohner*innen des Inselstaats Tuvalu. http://www.taz.de/Tuvalus-Aussenminister-ueber-Klimawandel/!5258154/
      Deshalb unterstütze ich die Forderung danach, das Limit für die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu reduzieren. Jedes Zehntel Grad hinter dem Komma wird auch für uns bedrohliche Veränderungen mit sich bringen. Vielleicht wird die an der Macht befindliche Babyboomer-Generation, die sich gerade in Paris trifft, in der Zukunft nicht mehr allzu viel davon mitbekommen, aber garantiert meine Generation und alle nachfolgenden. Unverantwortlich das Ganze.
      Was den Storm angeht, da gebe ich dir recht, der lässt sich nicht totreden.

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    1. Danke, freut mich, wenn es gefällt. Der Schimmelreiter liest sich fix durch. In o.g. Ausgabe befinden sich auch noch die Novelle „Immensee“ und einige Gedichte Storms.

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