MEISTER DES LICHTS – Ben Okri meets Mr. Turner

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Ben Okri

Je kürzer die Tage werden, desto mehr entwickelt man einen Geschmack für alles, was großformatig und knallig bunt daherkommt. Letzte Woche ertappte ich mich dabei, wie ich den seit 15 Jahren im Bücherregal vernachlässigten Roman von Ben Okri, Astonishing the Gods (1995), herauszog und mich an dem turneresquen Buchcover mitsamt den glitzernden Goldlettern ergötzte. *rotwerd* Schummrige Erd- und Lichtfarben, nebulöse Andeutungen gotischer Architektur, gekonnt verwischt in der Dynamik subjektiver Wahrnehmung des Erhabenen.

Damals, vor 15 Jahren, hatte ich gerade einmal 7 Seiten geschafft, bevor ich den Roman wieder zur Seite legen musste, mit einem Gefühl von Übersättigung erfüllt, das einen zum Beispiel nach vier Wochen Adventszeit inklusive dreier Weihnachtstage beim Anblick eines Christstollens überkommt. Doch nun, um einiges reifer, geduldiger und vor allem weiser, wollte ich es noch einmal wissen.

Lost in wonder, he stared at the white harmonic buildings round the square. He noticed their pure angles, their angelic buttresses, and their columns of gleaming marble. […] He noticed how all things invisible seemed to become attentive to the glorious singing which poured a golden glow into the limpid moonlight. He found himself smiling.

Worum geht’s eigentlich? Ein jungerDSC_0003 Mann erfährt, dass er zu den Unsichtbaren gehört, als Unsichtbarer geboren wurde. Er macht sich auf den Weg, die Welt per Schiff zu bereisen, um hinter das Geheimnis des Sichtbaren zu kommen und sichtbar zu werden. Schon bald verschlägt es ihn auf die wunderschönste, aber gleichzeitig mysteriöse Insel der Unsichtbaren, eine Zwischenwelt, wo er etliche Prüfungen bestehen muss, um letztendlich in die Gemeinschaft der Unsichtbaren aufgenommen zu werden.

Das Buch handelt von einer Identitätswerdung, aber nicht im westlichen Sinne von mehr Substanz und Sichtbarkeit, sondern, im Gegenteil, mehr im Sinne einer spirituellen Suche nach den mythischen Wurzeln des Menschseins. Okri, der in der postkolonialen Tradition schreibt, scheint hier ein sehr individuelles Konzept für sich entwickelt zu haben, um eine Antwort auf das Problem der Identitätssuche der ehemals kolonialisierten Völker zu finden. Afrikanische Mythen gehen hier in einem christlich-bombastischen Diskurs des Erhabenen und Heiligen auf, wobei die Sprache anfangs noch konkret bleibt (s. Beispiel), sich später aber immer mehr in glänzender Diffusität auflöst.

WIN_20151129_154045Obwohl etwa neunzig Prozent des Buches im obigen Stile verfasst sind, später noch göttlich-wundervolle Einhörner dazwischentrappeln, hat man doch das Gefühl, von der unbarmherzigen Kitschkeule weitestgehend verschont zu bleiben. Sonderlich spannend ist das alles trotzdem nicht, teilweise sogar extrem ermüdend. Vielleicht hat der Herausgeber diese Leser/innenreaktion bereits vorausgeahnt, und, ein alter Trick, das Buch in unzählige Mini-Kapitel aufgeteilt. Der Roman liest sich stellenweise wie eine Utopie, die mir jedoch, ganz im Huckleberry-Finnschen Sinne, eher dystopisch vorkam. In diesen zuckersüßen Himmel will ich nicht.

Einen himmelsgleichen Sehnsuchtsort ganz anderer Art erschafft der Brite Mike Leigh in seinem Film „Mr. Turner„. Mein gezielter Griff in die heimische DVD-BoxDSC_0020 auf der Suche nach Glanz und Gloria, Licht und Farben wurde belohnt. Mr. Turner aus dem Jahr 2014 erstreckt sich über 2.5 Stunden und ist ein Genuss für alle Sinne. Leigh, der mit seinen Filmen als Vertreter des realistischen, englischen Sozialdramas bekannt wurde, hat hier ein bild- und stimmungsgewaltiges Historiendrama geschaffen, das sich dem Leben und Schaffen des englischen Malers William Turner widmet, voller Ironie, aber auch Achtung und Respekt vor der Sensibilität des Künstlers und den erschwerten Lebensumständen der Menschen im 19. Jahrhundert.

Turner wird als eine Art „menschliches Schwein“ portraitiert, im besten Sinne des Wortes. Ein hochsensibler Mann voller Empathie und der Fähigkeit das Schöne zu erfahren, bleibt er aufgrund seiner schweratmenden Körperlichkeit und seinem Heisshunger nach Schweineköpfen doch immer dem allzu Irdischen verhaftet. So wie das Licht in Turners Bildern durch die dunklen Wolkenmassen dringt, so bricht die innere Schönheit des Künstlers, seine Empathie, immer wieder durch die schwere Materie seiner ruppigen Körperlichkeit, sei es im Mitgefühl für einen geschundenen Esel oder die versklavten Afrikaner auf den Sklavenschiffen der Engländer.

Quelle: YouTube

Ich für meinen Teil denke, das Erhabene wird nur dann für die Betrachter erfahrbar, wenn es sich aus der brutalen Realität menschlicher Existenz herausentwickelt. Das Ringen darum ist ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen Tragödie. Okris Text, so mein Eindruck, fußt in einem Konzept aber nicht in der Erfahrung selbst, deshalb hat mich die Story bis auf zwei Ausnahmen recht kalt gelassen. Mike Leighs Film ist über weite Strecken ungeschminkt realistisch (z.B. isst man Schweinsköpfe oder lehnt in grunzender Kopulation am Bücherregal), umso ergreifender sind dann aber die wenigen Momente des Lichts und die musikalisch dicht untermalten Szenen, die sich der Suche nach dem Licht widmen. Die schönste Szene ist und bleibt diejenige, in der Turner in ganzer Ergriffenheit, am Klavier begleitet, Didos Klagelied „When I am Laid in Earth“ aus Purcells Oper „Dido und Aeneas“ grunzt. Da suhlt man sich in der ganzen Schönheit dieser Kunst.

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  1. Ben Okri: von Metsavend (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons
  2. alle anderen Bilder by almathun

 

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2 Kommentare zu „MEISTER DES LICHTS – Ben Okri meets Mr. Turner

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