Carson McCullers: The Heart is a Lonely Hunter (1940)

Carson McCullers war 23 Jahre jung, als ihr Debütroman einschlug wie eine Bombe. Allein den Titel sollte man sich genüßlich auf der Zunge zergehen lassen. Die befreit ausatmende Alliteration, die sich symmetrisch um das bluesige „O“ legt, wie zwei Berge um ein tiefes, dräuendes Tal. Da steckt schon alles drin, was den Roman ausmacht: Poesie, Melancholie, Bewegung, Isolation und tröstliches Eingebundensein.

WIN_20151122_102005In einer abgelegenen und recht trostlosen Kleinstadt im US Bundesstaat Georgia bewegt sich die Handlung entlang der Geschichten mehrerer Figuren. Im Mittelpunkt stehen vier Männer und ein Mädchen, die alle auf der Suche nach Ausbruchs- und Ausdrucksmöglichkeiten sind, gleichzeitig unter ihrer Einsamkeit leiden, aber denen der Befreiungsschlag letztendlich versagt bleibt. Der Taubstumme John Singer, über dessen Herkunft man nichts weiß, fungiert hierbei als verbindendes Element, denn die anderen Figuren drehen sich um ihn wie die Motten um das Licht, wie Depressive um einen Therapeuten, der sich alles anhört, nichts kommentiert, während sie ihr Herz ausschütten.

Da ist der alternde und an Tuberkolose erkrankte Arzt Benedict Copeland, der sich von seiner Frau und den Kindern entfremdet hat, weil er mit Haut und Haar für die Verbesserung der Situation der Schwarzen eintritt, aber wegen seiner ständig belehrenden Art und Gereiztheit keinen menschlichen Kontakt aufrechterhalten kann; Jake Blount, ein physisch deformierter Alkoholiker, der aggressiv den Sozialismus predigt, und die Menschen damit gegen sich aufbringt; Biff Brannon, der Inhaber des New York Café, dessen Frau, von der er sich schon lang entfremet hat, an Krebs stirbt und der sich zu der jungenhaften, in sich gekehrten Mick Kelly hingezogen fühlt, die wiederum davon träumt, eine berühmte Klavierspielerin zu werden und die Welt zu bereisen.

Der Roman liest sich so, wie sich eine Klaviersonate anhört, mit einem Hauptthema, einigen Seitenthemen und mehreren dramatischen Höhepunkten, wobei die Grundtonart in Moll ist. Schön zu lesen ist die Geschichte, sprachlich dicht und melancholisch, mit psychologischer Tiefgründigkeit, die in milder Akzeptanz ruht. Gleichzeitig werden die sozialen und politischen Themen der 30er Jahre aufgegriffen, Faschismus, Arbeitslosigkeit, Armut und Rassismus, und ihre erdrückenden Auswirkungen an allen Figuren verdeutlicht.

„Come here, you!“ the deputy said finally. „What you say you wanted to see the judge about?“

„I did not say,“ said Doctor Copeland. „I merely said that my business with him was urgent.“

„You can’t stand up straight. You been drinking liquor, haven’t you? I smell it on your breath.“

„That is a lie,“ said Doctor Copeland slowly. „I have not – “

The sheriff struck him on the face. He fell against the wall. Two white men grasped him by the arm and dragged him down the steps to the main floor. He did not resist.

„That’s the trouble with this country,“ the sheriff said. „These damn biggity niggers like him.“

He spoke no word and let them do with him as they would. He waited for the terrible anger and felt it rise in him. Rage made him weak, so that he stumbled.

In einem solchen Klima hält man lieber die Klappe. Mutig lässt McCullers dann aber doch noch den schwarzen Bürgerrechtler Copeland und den verärgerten Kommunisten Blount am Ende des Romans über viele Seiten in einem Disput zu Wort kommen. Es ist, als würde ein Damm brechen, als traue sich die Autorin endlich in ein Terrain, das man als Südstaatler/in in den 30er Jahren besser nicht so offenherzig betritt. Vielleicht wusste sie auch, dass Faschisten und Rassisten Bücher wie ihres nicht bis zum Ende durchlesen würden.

Ich denke nicht, dass McCullers in ihrem Roman im Sinne Sartres die

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Nashville, TN, 2006 by almathun

„existentielle Einsamkeit“ des Menschen verdeutlichen wollte, wie es häufiger zu lesen ist. Die geschilderte Einsamkeit, Sprachlosigkeit und der Rückzug haben ihre Ursache im gesellschaftlichen Klima der Südstaaten der 30er Jahre, in Armut und Angst, wo jede/r, der oder die eine eigenwillige Meinung äußert, Missstände anklagt und Veränderungen fordert zum ausgelachten oder verfolgten Außenseiter wird. McCullers hat die Südstaaten immer gehasst wie die Pest und ist mit Anfang zwanzig nach New York ausgewandert.

Der Roman provoziert nicht zur Auseinandersetzung, wie andere Bücher. Man genießt ihn. Ich habe mich nach der Lektüre gefragt, worüber ich denn jetzt schreiben könnte. Es ist, als sitze man in einem Herzen und lausche dem Pochen. Bei Carson McCullers macht man das gerne.

Zum Abschluss, weil es so schön ist, ein Auszug aus Paul Laurence Dunbars Gedicht „Sympathy„:

I know why the caged bird sings, ah me,
When his wing is bruised and his bosom sore,
When he beats his bars and would be free;
It is not a carol of joy or glee,
But a prayer that he sends from his heart’s deep core,
But a plea, that upward to Heaven he flings –
I know why the caged bird sings.