DORIS LESSING – To Room 19 (1963)

ESPRESSOMASCHINE TEIL 4

Heute:

Doris Lessings‘ Kurzgeschichte „To Room 19“ (1963)

„Life’s just much too hard today,“
I hear ev’ry mother say
The pursuit of happiness just seems a bore
And if you take more of those, you will get an overdose
No more running for the shelter of a mother’s little helper
They just helped you on your way, through your busy dying day.

Der Rolling Stones Song über das Beruhigungsmittel Valium, das sich in den 60ern trotz seines beachtlichen Suchtpotenzials innerhalb der amerikanischen Mittelschicht großer Beliebtheit erfreute, traf 1966 den Nerv der Zeit.

Doris Lessing, 2006.

In Doris Lessings Erzählung „To Room Nineteen“ aus dem Jahr 1963 wird das Leben der Susan Rawlings beschrieben, von den Anfängen ihrer Beziehung mit ihrem Mann Matthew, der Eheschließung, der vierfachen Elternschaft, bis zu ihrem Selbstmord.

Die Geschichte ist eine ausführliche, psychologische Studie des „Trapped Housewife Syndroms“ ohne allerdings eine Kampfansage gegen das Patriarchat zu sein. Lessing hat es immer abgelehnt, als Feministin bezeichnet zu werden.

Trotz allem enthält „To Room Nineteen“ eine Menge Kritik an der Institution Ehe und Kernfamilie, wie sie in den 60er Jahren üblich war, aber auch an den beteiligten Menschen, die meinen, die Fallstricke umgehen zu können, indem sie sich der Gefahren bewusst sind. Das sich aus dem anfänglichen Gefühl der Liebe speisende System ist jedoch stärker als jede rationale Vorsichtsmaßnahme, es erstickt die Liebe, saugt sie aus wie die Spinne ihr Opfer.

Die Rawlings werden anfangs wie ein Paar beschrieben, das alles richtig macht. Susan steht wie ihr Mann mit beiden Beinen im Berufsleben und will wieder dorthin zurückkehren, sobald die Kinder in der Schule sind. Das gemeinsame Leben im großen, mit Hypotheken belasteten Haus, den vier Kindern und der Zugehfrau, fordert jedoch bald seinen Tribut, Zweifel kommen auf.

Their life seemed to be like a snake biting its tail. […] A high price had to be paid for the happy marriage with the four healthy children in the large white gardened house.

Bald schon geht Matthew fremd und Susan wird auf sich selbst zurückgeworfen. Immer stärker wird das Bedürfnis nach selbstbestimmter Zeit, der Wunsch, sich von der Familie komplett zurückzuziehen. Alles geht ihr auf die Nerven, aber des lieben Friedens willen frisst sie ihren Frust in sich hinein. Sie richtet sich ihren eigenen Raum, „Mother’s Room„, im Haus ein, aber auch hier findet sie keine Ruhe, fühlt sich von einem Dämonen verfolgt. Es beginnt der langsame Verfall Susans.

something inside her howled with impatience, with rage… and she was frightened. ‚Dear God, keep it away from me. Keep him away from me.‘ She meant the devil, for she now thought of it, not caring if she was irrational, as some sort of demon.

Ein Fluss fließt an dem Grundstück vorbei. Dort sieht sie eines Tages am Ufer einen Fremden stehen, der mit einem Stock eine Schlange traktiert, die sich unter Protest dreht und windet. In ihrer Angst vor dem Fremden, sucht sie sich ein schäbiges Zimmer in der Stadt, wo sie ohne Wissen der Familie ganze Tage in sich gekehrt, glückselig verbringt.

For the most part, she […] brooded, wandered, simply went dark, feeling emptiness run deliciously through her veins like the movement of her blood.

Aber auch hier wird sie von einem Detektiven aufgespürt, den Matthew auf sie angesetzt hat. In einem letzten Akt der Selbstbestimmung, setzt sie ihrem Leben im Hotelzimmer Nummer 19 ein Ende. Der Tod ist ein Eintauchen in den Fluss.

She was quite content lying there, listening to the faint soft hiss of the gas that poured into the room, into her lungs, into her brain, as she drifted off into the dark river.

Doris Lessings Erzählstil gleicht ebenfalls einem kräftigen aber ruhigen Fluss. Mit langem, geduldigen Atem und psychologischem Feingefühl begleitet sie ihre Protagonistin durch deren Leben, erklärt sie aber zum Ende hin nicht für wahnsinnig, sondern auf ihrem eigenen, inneren Weg zur Befreiung befindlich.

Lessings in den späten 60ern zu beobachtende Hinwendung zu den Lehren des Sufismus spiegelt sich in „To Room 19“ bereits wider. Nachdem die Liebe in der Ehe zwischen Susan und Matthew verebbt ist, bricht sie sich bald einen neuen Weg und führt Susan in eine innere Hingabe und Vereinigung mit der verbildlichten Kraft des Flusses, der zunächst noch als bedrohlich empfunden wird.

Der Schlange kommt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung zu, wird sie in unserem christlich geprägten Kulturkreis verteufelt, so war sie in vorpatriarchalen Gesellschaften Symbol des Lebens, der Fruchtbarkeit und Weiblichkeit. Ist die Ehe der Rawlings der Ort, an dem sich die Schlange in den Schwanz beißt, also einen energetischen Kurzschluss bewirkt, kann sie sich am und im Fluss frei bewegen.

Wie oben schon angedeutet, besticht die Geschichte durch ihren ruhigen, konstanten Grundton, der sich wie ein kräftiger Fluss durch die 30 Seiten zieht. Lessings souveräne Erzählweise trägt die Leserin sicher durch das Geschehen, gern vertraut man sich ihr an, denn die Emotionen der Figuren werden zwar geschildert, aber niemals auf die Leser übertragen. Es ist, als folge man einer Andacht, die jedoch nicht einschläfernd wirkt wie eine Valiumtablette, sondern im Gegenteil die Sinne und das Verständnis für das Wesentliche schärft.

Ich habe „To Room 19“ quasi als Aperitif zu „Shikasta“ gelesen, der mich jetzt schon seit ein paar Wochen vom Sofatisch aus voluminös anlächelt. Ich denke, ich bin jetzt soweit, mich auf dieses Wagnis einzulassen. Eine sehr aufschlussreiche Besprechung des Romans kann man bei Sprachdelta lesen.

Bilder:

Doris Lessing: von Elke Wetzig (square by Juan Pablo Arancibia Medina) (ORIGINAL), via Wikimedia Commons

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3 Kommentare zu „DORIS LESSING – To Room 19 (1963)

  1. Das Herz ging mir über beim gemächlich hinfließenden Strom, auch wenn ich gleich sah, dass es nicht der Rhein bei Emmerich war.

    Deine Antwort auf den Kommentar konnte ich nicht „liken“, weil der Eindruck entstehen könnte, dass ich die geschilderte Lessing’sche Philosophie guthieße. Aber die Beschreibung gefällt mir natürlich und ich bin gespannt auf das Shikasta (o all diese Lücken!)-Resümee.

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  2. Schön besprochen, mit Fluß (welcher ist es auf dem Photo?), Schlangensymbol, Hausfrauendilemma. Es wird allerhöchste Zeit, einmal Doris Lessing zu lesen. Ah, ich sehe, dass es davon ein erschwingliches Reclam Fremdsprachenbändchen gibt! In Kanada hatte ich im Jahr einen der 365 Tage ganz für mich alleine, an dem ich lange Wanderungen unternahm und gemütlich im Straßencafé herumlungerte; und die anderen Tage waren (fast) alle nicht dramatisch, weswegen ich dieser Variante des Sufiwegs nicht folgen musste und die schöne Zeit nun genieße, wo alle Kinder groß sind. (Äuksken kneifen). Im ernst aber denke ich, dass die Isolation junger Mütter oder auch junger Eltern oft noch eine un(-an)erkannte menschliche Not ist, die ich lieber gesellschaftlich als religiös/mythisch behandelt sähe.

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    1. Das ist die Elbe bei Dömitz. Schöner Flecken mit eingeschriebener Geschichte. Die Elbe fließt dort sehr ruhig und mächtig vor sich hin.
      Elternschaft als Not, so kann man es auch sehen. 😉 Gefällt mir. Hätte die Lessing konkrete Gesellschaftskritik am Konzept Elternschaft im Kapitalismus geübt, wäre sie wohl notgedrungen in die Femi-Ecke gedrängt worden. Letztendlich – wenn meine wenigen Eindrücke aus Shikasta stimmen – war sie davon überzeugt, dass alles, Leben und Geschichte sowie Zukunft von einer übergeordneten Vernunft gesteuert werden. Das Leiden der Mutter und Hausfrau ist quasi Teil des Vernunftplans, führt dann aber doch zur Erlösung. Mit einer solchen Einstellung kann man m.E.nicht wirklich politisch wirken. Sie hat der Frau einen neuen Stellenwert in den großen Mythen des Patriarchats geben wollen und hat diese dann neu geschrieben. Davon ablassen wollte sie nicht. Aber wie schon gesagt, die Shikasta-Lektüre wird noch eine lange Zeit in Anspruch nehmen, außer ich gebe vorher auf, und meine ersten Eindrücke sind bislang noch sehr beschränkt.

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