Vor ein paar Tagen hatte bloglichter sein einjähriges Jubiläum. In einer ruhigen Minute habe ich mir ein wenig Zeit genommen, die Statistiken genauer anzusehen, in mich zu gehen und in ein ernstes Zwiegespräch mit mir zu treten, mit dem Ziel, Entwicklungen, Vorsätze und interessante Auffälligkeiten zu erkennen, festzuhalten und notfalls zu korrigieren.

Anlass für die Inbetriebnahme des Blogs war der Tod von Siegfried Lenz Anfang Oktober letzten Jahres sowie das fast zeitgleiche Attentat eines Bekannten, der mir sein Uralt-Exemplar der „Deutschstunde“ ins Gesicht pfefferte, mit der Bemerkung, dass man den wirklich gelesen haben muss.

Nun gut. Beim Lesen der Deutschstunde wurde mir klar, dass ich mich in den letzten Jahren viel zu oft vom Medienhype des Literaturbetriebs habe leiten lassen, und sehr oft enttäuscht worden bin, was den unerwünschten Nebeneffekt hatte, dass immer weniger Zeit fürs Lesen erübrigt wurde. Dabei gibt es ja noch so viel in der Vergangenheit zu entdecken. Wohin würde mich der Weg führen, wenn ich, frei nach Robert Frost, nicht die most traveled road mit dem Rest der Meute beginge? This has made all the difference.

Absicht war es also, eine Art Lesetagebuch oder Reading Log, wie es ja heute genannt wird, zu führen, denn beim Schreiben über Literatur werden uns ja häufig viele Dinge erst richtig bewusst, und dabei die vergessenen Perlen und Goldnuggets der Vergangenheit ausfindig zu machen. Da ich in Lohn und Brot stehe, muss ich keine kommerziellen Erwägungen anstellen, sondern kann, wie auf einer Spielwiese, das tun, wozu ich gerade Lust habe. Nachteil ist natürlich, dass mir zum Schreiben recht wenig Zeit zur Verfügung steht. So bleibt es wohl bei roundabout einem Post pro Woche, wenn’s gut läuft, denn lesen will ich ja nebenher auch noch.

Insgesamt sind so im letzten Jahr sage und schreibe 40 (in Worten: vierzig) Blogbeiträge entstanden. Die meisten über Bücher, die schon ein paar Jahre auf dem Buckel haben, vornehmlich aus dem englischsprachigen Raum, womit ich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlage. Hier und da hat sich dann doch eine Neuerscheinung hineingemogelt oder Urlaubsberichte bzw. Fernsehshows. Ich bin ja keine Dogmatikerin.

Eine Rangliste der meist besuchten Blogbeiträge nach Direktklicks (Stand 25.10.2015) offenbart Erstaunliches, und zeigt, dass WordPress-interne „Likes“ nicht immer die allgemeinen Lesevorlieben des World Wide Web widerspiegeln. Etliche „Likes“ werden ja auch vergeben, ohne dass gelesen wurde, was man bei einem kleinen Blog, wie es bloglichter ist, immer dann feststellen kann, wenn es noch keine Besucher an einem Tag gab, aber eben schon zwei oder drei Likes. 🙂

1.

Robert Seethaler: Der Trafikant (306)

2.

Lesung: Siri Hustvedt (91)

3.

Klaus Nomi: Cold Song (88)

4.

Robert Seethaler: Ein ganzes Leben (82)

5.

Marion Engel: Bear (73)

6.

Uwe Johnson: Zumutungen durch Jakob (66)

7.

Patricia Highsmith: The talented Mr Ripley (65)

8.

Lesung: Jonathan Franzen – Unschuld (64)

9.

Halldor Laxness: Fischkonzert (63)

10.

Lesung: Robert Seethaler (55)

[…]

And last but not least:

30.

John Bayley: Iris – A Memoir (23)

31.

Ein Foto aus Prag (22)

32.

Wien bei mörderischen Temperaturen (20)

33.

Julian Barnes: One of a Kind (14)

34.

John Updike: Unter dem Astronautenmond (20)

35.

Paula Fox: Desperate Characters (20)

36.

Juli Zeh: Corpus Delicti (19)

37.

Wibke Bruhns: Meines Vaters Land (17)

38.

Neulich im Sigmund Freud Park (15)

39.

James Salter: Autobiographie (4)

40.

It Pops: Storage War$ (3)

Nicht erreicht habe ich mein Ziel, alle 5 Rabbit-Romane von John Updike in diesem Jahr zu lesen. Es blieb bei den ersten 2,5 Teilen. Im Moment verspüre ich auch gar keine Lust auf den Rabbit, muss ich sagen. Rabbit ist somit vorerst at rest.

Für den literarischen Quickie zwischendurch, wurde die Rubrik „Espressomaschine“ eingerichtet, die sich den stets zu kurz kommenden Kurzgeschichten widmet. Für mich eine Herzensangelegenheit, die ich in nächster Zeit noch intensiver verfolgen möchte.

Ein ganz besonderes Vergnügen stellt für mich der rege Austausch mit den Leserinnen und Lesern des Blogs im Kommentarteil dar. Und auch das macht das Bloggen ja zu einem interessanten und einzigartigen Zeitvertreib. Rückmeldungen, Fragen, Assoziationen, weiterführende Gedanken, wertvolle Hinweise und vieles mehr bereichern so das eigene Leseerlebnis. Lesen bleibt kein einsames Unterfangen mehr, sondern entwickelt sich zum Community experience.

Auf ein schönes und aufregendes zweites Jahr.

almathun

—.

Bilder:

  1. Feuerwerk, Aquarell: von Ernst Oppler [Public domain], via Wikimedia Commons
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19 Gedanken zu “Ein Jahr bloglichter / Resümee

  1. Gratuliere, almathun, habe mich immer auf die Beiträge gefreut wie auf meine Lieblingszeitung. Dachte zwischendurch schon mal ängstlich an Dein Abtauchen und Ertrinken in der Gartenidylle! Danke für kurzweiliges Literaturfeuilleton mit ganz eigenem Ton. Und für die frechen Belehrungen(z.B. Laxness).
    Beste Grüße

    HS

    Gefällt 1 Person

    1. Auch dir ein großes Dankeschön zurück. Der Garten wird vermutlich wieder im Februar akut, bis dahin sind es ja noch ein paar Wochen. Ich hoffe, bis dahin kann ich L & S wieder kontinuierlich beziehen, denn es gab und gibt immer wieder Probleme mit dem Abo über den Reader, wie ich feststellen musste. Aber wir arbeiten dran. Best regards, AT

      Gefällt 1 Person

  2. Ich habe ihn auch gelesen, den ganzen Artikel, ehrlich! Und gestaunt über den vorderen Platz Uwe Johnsons mit seinem Jakob. Natürlich wünsche auch ich einen herzlichen Bloggeburtstag und noch x*40 mehr Beiträge! Und Du hast völlig Recht: wir sollten genau das lesen, was uns Spaß macht und uns interessiert, auch wenn es dreimal ältere Werke sind (wie habe ich gestern gehört: Ein Buch im Regal wird ja nicht schlecht!). So schaffen es die Blogs, immer wieder an Bücher zu erinnern, die doch auch (noch einmal) lesenswert sind.
    Viele Grüße, Claudia

    Gefällt 2 Personen

    1. Hallo Claudia, danke für die guten Wünsche. Der Johnson überrascht mich auch nicht schlecht, v.a. weil das Lesen einer Tortur gleichkam. Er scheint trotzdem seine kleine aber treue Fangemeinde zu haben. Ein Buch im Regal wird nicht schlecht. Das ist richtig. Ich würde sagen, es reift sogar noch heran, je älter es wird. Dir weiterhin viel Spaß beim Lesen und Bloggen auf dem grauen Sofa.

      Gefällt 1 Person

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