[ESPRESSOMASCHINE] One of a Kind – JULIAN BARNES (1982)

ESPRESSOMASCHINE TEIL 3

Julian Barnes‘ Kurzgeschichte „One of a Kind“ (1982)

One of a kind“ heißt übersetzt „Unikat“ oder „einzigartig“, kann aber auch „eins von jeder Art“ heißen, wie bei Noah in der Arche. Der Titel ist ironisch gemeint. Es geht um die Unmöglichkeit des individuellen, künstlerischen Ausdrucks in der Diktatur, das kommunistische Rumänien unter Ceausescu.

Rumänien (rot)

Julian Barnes 7-seitige Kurzgeschichte hat drei Teile. Im ersten Teil lernt man den Ich-Erzähler, einen englischen Schriftsteller, kennen. Auf einer Party kommt er mit einem rumänischen Exilanten und Regimekritiker, dem Autor Marian Tiriac, ins Gespräch.

Den Engländer interessiert vor allem die Frage nach der Aufgabe des Schriftstellers in der Diktatur. Seine direkten Fragen verärgern Tiriac. Es braucht mehrere Anläufe bis der Rumäne gesprächiger wird.

Der Engländer hat zu diesem Zweck eine politisch unverfänglichere Theorie entwickelt, wonach Rumänien eines jener Länder sei, das in jedem Bereich des kulturellen Lebens immer nur einen bedeutenden Künstler hervorgebracht habe, wie z.B. Brancusi in der Bildhauerei oder Ionescu als Bühnenautor.

‚You forget poetry,‘ he said. ‚Eminescu.‘ …. ‚And tennis – Nastase.‘

Another nod, was he sending me up?

‚And party leadership – Ceausescu.‘

Now he was. ‚What about novelists?‘ I persisted. ‚Is there one I should have heard of?‘

‚No,‘ he replied, with a doleful shake of the head. ‚There are none. We have no novelists.‘

Damit ist das Gespräch erst einmal beendet. Im zweiten Teil der Geschichte befindet sich der Erzähler auf einer Konferenz junger Autoren in Bukarest. Auch hier wird er enttäuscht; Ideologie bestimmt das Programm:

The occasion was as pleasant as it was pointless – I listened to dozens of vague if well-intentioned speeches about the duty of the writer towards mankind.

Schaufenster eines Buchladens mit Werken Ceaucescus in Bukarest, 1983.

Bei einem Rundgang entdeckt der Erzähler einen Buchladen an einem zentral gelegenen Platz der Stadt. Im Schaufenster liegen aufgestapelt unzählige Exemplare eines einzigen Romans aus. Der Autor ist ein Nicolai Petrescu. Ein Foto des Autors zeigt einen alten Mann.

Im dritten Teil trifft der Erzähler erneut auf Tiriac und erkundigt sich nach Nicolai Petrescu. Tiriac will über Petrescu erzählen, fordert den Erzähler aber auf, ihm nicht jedes Wort zu glauben. Es scheint, als hielte er den Engländer für recht naiv, wolle ihm aber auf die Sprünge helfen.

Es ist die Geschichte zweier gleichaltriger, junger Männer, Tiriac und Petrescu, die nach dem Zweiten Weltkrieg den Regimewechsel unter der Ägide der UdSSR miterlebten, aber, da sie der Mittelschicht und nicht der Arbeiterklasse entstammten, Probleme hatten, als Schriftsteller akzeptiert zu werden.

Der ahnungslose Engländer findet seine eigene Erklärung für den auffälligen Altersunterschied der beiden Männer.

I thought how much better he had aged than Petrescu. Tiriac looked to be in his mid-forties; Petrescu could have been over sixty from his photo.

Bukarest, 1986.

Tiriac habe sich für das Exil entschieden und Petrescu für eine List, indem er für das neue Regime DEN großen, sozialismustauglichen Roman mit dem Titel „The Wedding Cake“ schrieb. Ziel sei es gewesen, dieses Einzelwerk über die Zeiten wirken zu lassen und nichts mehr hinzuzufügen, keinen neuen Roman, um damit Fragen und Scham gleichermaßen zu provozieren.

Der Engländer kann sich jedoch an keinen Titel namens „The Wedding Cake“ erinnern. Im Schaufenster habe ein anderer Roman Petrescus gelegen.

Nach einer langen Pause, die der Engländer so deutet, dass Tiriac enttäuscht von Petrescu sei, da dieser doch weitere Romane geschrieben habe, bestätigt Tiriac die anfängliche Theorie des Erzählers über Rumänien.

Another piece of evidence for your Romanian theory. Another single bloom. One great ironist – Petrescu.

[…] I gave him my most agreeing smile.

Die Geschichte gibt Rätsel auf. Ironie spielt eine große Rolle. Sie ist eine Maske, ein Überlebensprinzip in der Diktatur, hinter der sich der systemkritische Autor verstecken kann.

…. irony is not a mode with which the committee were too familiar.

Wie bei einer Matroschka-Figur enthält die Kurzgeschichte als Rahmenhandlung zwei kleinere Erzählungen. Die Geschichte Petrescus wird von Tiriac erzählt, und Tiriacs Geschichte vom Erzähler. Ironie sei ein Trojanisches Pferd, so Tiriac über das Buch Petrescus.

Der Erzähler befindet sich auf der Suche nach der Wahrheit. Er möchte einen Blick hinter die Fassade der Diktatur werfen, stößt dabei aber nur auf weitere Geschichten, die zwar unterhaltsam aber unglaubwürdig wie ein Hollywood-Drehbuch anmuten. Auch fehlt ihm noch das nötige Fingerspitzengefühl, um das Gegenüber zu „öffnen“.

Im Zusammenspiel mit dem Exilanten Marian Tiriac entsteht ein Balanceakt zwischen Vertrauen und Wachsamkeit, Naivität und Misstrauen, der einen in seinen Bann zieht und Fragen nach der Glaubwürdigkeit des Erzählers aufwirft. Der Plauderton, in welchem die Geschichte gehalten ist, trägt sein Übriges zu diesem Eindruck bei.

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Grimmiger Kater (anstelle eines Autorenporträts), 2015.

Barnes verdeutlicht die Schwierigkeiten, sich in einem Klima von Misstrauen authentisch näher zu kommen, da sich die Konstruktion von Identität und Geschichte im Kampf der Ideologien nicht nur auf der nationalen sondern auch der zwischenmenschlichen Ebene abspielt.

Hierbei zeigt er sich sensibel für die Lage der Exilanten aus den osteuropäischen Ländern, die ein Gespür für die ideologisch verzerrten Erzählmuster beider Seiten, Ost und West, hatten und sich ihrer bedienen konnten bzw. mussten.

Inwiefern das postmoderne Konzept des unglaubwürdigen Erzählers noch heute, Anfang des 21. Jahrhunderts, in der Gegenwartsliteratur präsent ist, weiß ich nicht. Sind wir dahingehend schon wieder desensibilisiert?

Eine Kurzgeschichte, die zu vielen Spekulationen anregt und einen nach der Lektüre noch lange beschäftigen kann. Thumbs Up!

***

Espressomaschine 1: Carson McCullers „Art and Mr. Mahoney

Espressomaschine 2: Katherine Mansfield „Germans At Meat“

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Bilder:

  1. Beitragsbild: almathun
  2. Karte Rumänien in Europa: David Liuzzo [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, via Wikimedia Commons
  3. Buchladen Schaufenster Bukarest: By Scott Edelman [Public domain], via Wikimedia Commons
  4. Bukarest, 1986: By Scott Edelman [Public domain], via Wikimedia Commons
  5. Kater, 2015: almathun.
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